Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henri Barbusse >

Das Feuer

Henri Barbusse: Das Feuer - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/barbusse/feuer/feuer.xml
typefiction
authorHenri Barbusse
titleDas Feuer
publisherMax Rascher Verlag
printrunDreiunddreissigstes bis zweiundfünfzigstes Tausend
year1918
translatorL. von Meyenburg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidc6959b91
Schließen

Navigation:

X.

Argoval.

Der Abend kam leise übers Land, und ein sanfter Wind, sanft wie ein flüsterndes Gespräch, begleitete ihn.

Die Häuser sassen nebeneinander an der bäuerlichen Landstrasse, die auf einige Schritte den Anstrich einer Stadtstrasse hatte. Durch die bleichen Fenster drang das Licht des Himmels nicht mehr ein, denn Lampen- und Kerzenlicht brannte und vertrieb den Abend aus den Zimmern, und man sah Schatten und Licht von Augenblick zu Augenblick den Platz wechseln.

Vor dem Dorfe, draussen bei den Feldern, irrten unbewaffnete Soldaten umher, die Nase in der Luft. Unser Tagende ist friedlich und wir geniessen dieses träumerische Nichtstun, dessen Güte man empfindet, wenn man wirklich matt und müde ist. Es war ein schöner Abend; die Ruhe hatte begonnen und man träumte von ihr. Der Abend aber schien die Gesichter ernst zu stimmen, bevor er sie in seine Schatten hüllte, und die Lauterkeit der Dinge spiegelte sich auf ihnen.

Da trat Sergeant Guilhard an mich heran, fasste mich beim Arm und zog mich fort.

– Komm, sagte er zu mir, ich will dir was zeigen.

Am Ausgang des Dorfes standen reichlich in Reihen stille Bäume, an denen man vorüberging; dann und wann, wenn der Wind über sie strich, neigten sich schliesslich die weiten Aeste mit majestätischer Ruhe.

Guilhard ging mir voraus. Er führte mich in einen krummen Hohlweg; auf beiden Seiten stand eine Heckenreihe, deren Gipfel ineinanderreichten. Wir gingen eine Weile, umgeben von zartem Grün. Ein letzter Lichtstrahl drang noch von der Seite über den Weg und streute runde, hellgelbe Flecken aus wie Goldmünzen.

– Es ist schön hier, sagte ich.

– Er sprach kein Wort, guckte nach rechts und links und blieb plötzlich stehn.

– Hier irgendwo muss es sein.

Er führte mich sodann einen kurzen, steilen Weg hinauf auf Feld; drum herum standen grosse Bäume im Viereck. Es duftete stark nach gemähtem Heu.

– Schau, sagte ich, als ich den Boden beobachtete, hier ist die Erde ganz zertreten. Hier hat sich eine Zeremonie abgespielt.

– Komm, sagte Guilhard zu mir.

Er führte mich auf das Feld, nicht allzuweit hinein. Dort standen ein paar Soldaten beieinander und sprachen leise. Mein Begleiter streckte die Hand aus.

– Hier ist es, sagte er.

– Ein paar Schritte vor dem Hag junger Bäume stand ein niederer, kaum ein Meter hoher Pfahl aus der Erde.

– Hier ist heute morgen der Soldat vom 204ten erschossen worden. – Nachts haben sie den Pflock eingerammt. Am Morgengrauen haben sie den Mann hergeschleppt. Die Leute von seiner Korporalschaft haben ihn erschossen. Er hatte sich aus dem Schützengraben drücken wollen; während der Ablösung war er zurückgeblieben und war ganz sachte ins Quartier zurück. Weiter hat er nichts verbrochen. Wahrscheinlich haben sie ein Exempel statuieren wollen.

Wir näherten uns der Soldatengruppe, die sich leise unterhielt.

– Bewahre, sagte einer. Es war kein Galgenstrick: es war so ein steinfester Kerl, wie man sie manchmal sieht. Wir waren miteinander eingerückt. Er war ein Mensch wie wir, nicht mehr und nicht weniger – ein bissel bequem, weiter nichts. Er stand seit Kriegsanfang in der vordersten Linie, und ich hab ihn nie besoffen gesehn.

– Nun hast du aber nicht alles gesagt; leider hatte er eine üble Vergangenheit. Ihrer zwei, weisst du, haben das Stückchen ausgeführt. Der andere hat zwei Jahre Gefängnis gekriegt. Aber Cajard Ich habe den Namen dieses Soldaten und auch denjenigen des Dorfes geändert. wegen einer Strafe, die er aus dem Zivil noch hatte, ist um die mildernden Umstände gekommen. Er hatte mal im Zivil irgend was im Suff angedreht.

– Man sieht ein wenig Blut auf dem Boden, wenn man hinschaut, sagte ein Mann, der über die Stelle sich bückte.

– Nichts hat gefehlt, erzählte ein anderer, die ganze Zeremonie von A bis Z, der Oberst zu Pferd, die Degradation; dann haben sie ihn angebunden an diesen kleinen Pfahl, an den Viehpflock. Knien hat er müssen oder auf den Boden hocken mit so 'nem kleinen Pfosten.

– Es wäre nicht zu begreifen, sagte ein dritter, wenn nicht die Geschichte mit dem Exempel gewesen wäre, was der Sergeant vorhin sagte.

Auf dem Pfosten standen Aufschriften und Protestationen, die die Soldaten draufgekritzelt hatten. Ein rohes, aus Holz geschnitztes Kriegskreuz war daran genagelt mit der Aufschrift: »Cajar, seit August 1914 eingerückt, das dankbare Frankreich.«

Als ich ins Quartier zurückkam, sah ich Volpatte, der, von den andern umringt, Geschichten erzählte, wohl irgend ein neues Erlebnis aus seiner Reise bei den Glücklichen.

*

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.