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Das Feuer

Henri Barbusse: Das Feuer - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/barbusse/feuer/feuer.xml
typefiction
authorHenri Barbusse
titleDas Feuer
publisherMax Rascher Verlag
printrunDreiunddreissigstes bis zweiundfünfzigstes Tausend
year1918
translatorL. von Meyenburg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidc6959b91
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IX.

Der wilde Zorn.

Als er nach zwei Monaten wieder geheilt an die Front zurückkehrte, standen sie um ihn herum. Er aber blieb verschlossen; kein Wort war aus ihm herauszukriegen und er drückte sich verstimmt in alle Ecken.

– Na, und? Erzählst du nichts, Volpatte? Ist das alles?

– Erzähl doch mal was vom Spital, vom Urlaub, alte Käsglocke, seit du hier weg bist mit deinem Verband und deinem eingeklammerten Maul. Ist es wahr, hast du dich in den Bureaus rumgedrückt? So sag doch mal was, Gottverdammich!

– Nichts sag ich mehr von dem Hurenleben, antwortete endlich Volpatte.

– Was sagst du? Was hat er gesagt?

– Einen Ekel hab ich, wenn ihr's wissen wollt! Schwer im Magen hab ich sie, satt hab ich's, kannst es weiter erzählen.

– Was haben sie dir gemacht?

– Rindviecher sind's, sagte Volpatte.

Und er stand da wie früher mit seinen Tartarenbäckchen und seinen geflickten Ohren, störrisch mitten unter den andern, die ihn voller Neugierde belagerten. Man fühlte die erbitterte Empörung, die in seinem Innern kochte, und seinen Mund hielt er in falschem Schweigen verschlossen.

Schliesslich lief die Wut doch über und er kehrte sich nach denen hin, die hinter der Front waren und zeigte dem Horizonte die geballte Faust.

– Es hat zuviel, knirschte er zwischen seinen grauen Zähnen, es hat zuviel!

Und er gebärdete sich, als drohe er einer wachsenden Flut Gespenster und als stiesse er sie zurück.

Ein wenig später richtete man neue Fragen an ihn. Man wusste wohl, dass er seine Erbitterung nicht ewig in seinem Innern verschlossen halten könne und dass dieses wutschwangere Stillschweigen bei der ersten Gelegenheit bersten würde.

Wir befanden uns in einem tiefen Schlauch hinter der Front, wo wir nach den Erdarbeiten, die wir am Morgen verrichtet hatten, unsere Mahlzeit einnehmen sollten. Es fiel ein strömender Regen vom Himmel; alles verschwamm zerwühlt und zerging in dieser Ueberschwemmung und man ass stehend, nebeneinander stehend, ohne Schutzdach unter dem zerfliessenden Himmel. Man musste alle möglichen Kunststückchen erfinden, um das Konservenfleisch und das Brot vor dem Regen zu schützen, der von allen Ecken des Himmels sich ergoss; man ass, indem man Gesicht und Hände möglichst unter die Kapuze versteckte. Das Wasser hagelte, hüpfte und rann über die weiche Tuch- oder Leinwandbekleidung und durchtränkte roh oder hinterlistig unsere Knochen und unsre Nahrung. Die Füsse sanken mehr und mehr ein und fassten Wurzel im Bächlein, das auf dem Knetboden unseres Grabens vorüberfloss.

Einige lachten über ihre tropfenden Schnurrbärte, andere schnitten saure Gesichter, wenn sie ins schwammige Brot oder ins abgewaschne Fleisch bissen und über die Regentropfen, die ihnen von allen Seiten die Haut, bei der geringsten Nachlässigkeit ihres dicken, kotigen Schutzmantels, bespritzten.

Barque, der seine Gamelle auf sein Herz drückte, schrie zu Volpatte:

– Also Rindviecher, sagst du, hast du gesehn, wo du jetzt herkommst?

– Beispiel? schrie Blaire als gerade ein Regenguss aufplatzte und die Worte schüttelte und sie zerstieb. Was für Rindvieh hast du gesehn?

– Es hat ... begann Volpatte, und dann ... Es hat zu viel, Gottverdammich! Es gibt ...

Er versuchte in Worte zu fassen, was es hatte. Aber er wiederholte nur in einem fort: »Es hat zu viel«; dies erstickte ihn und er schnaufte und schluckte einen Bissen flüssigen Brotes und würgte den ungeordneten und erstickenden Haufen seiner Erinnerungen hinunter.

– Meinst du die Drückeberger?

– Und ob!

Er hatte den Rest seines Rindfleisches über die Böschung geworfen und dieser Schrei, dieser Seufzer fuhr wütend aus seinem Munde, wie aus einer Sicherheitsklappe.

– Reg dich doch nicht auf über die Drückeberger, alte Diarrhöe, du, rief Barque spöttisch, aber nicht ohne ein wenig Erbitterung. Was hast du davon?

Volpatte verschwand unter dem schwankenden und nachgiebigen Dach seines Wachstuches, auf das der Regen eine glänzende Glasur goss; Volpatte hielt dem Regen zum Abwaschen seine leere Gamelle hin; dann fluchte er:

– Bin nicht ganz verrückt, ich weiss schon, dass die Spatzen hinter der Front schon zu was da sind. Dass man die Schleppfüsse braucht, schon recht ... Aber es hat zu viel, und diese vielzuvielen sind immer wieder dieselben, und dazu sind es nicht die richtigen!

Auf diese Erklärung hin fühlte er sich etwas erleichtert; sie zündete ein wenig Licht in's düstere Durcheinander jener Wut, die er mit zurückgebracht hatte; dann sprach er ruckweise durch die zähen Fetzen des Regens hindurch!

– Schon im ersten Nest, wo sie mich per Bummelzug geschickt haben, hab ich Scheisshaufen voll gesehn und da gleich haben sie mir einen schlechten Eindruck gemacht. Alle möglichen Abteilungen, Unterabteilungen, Direktionen, Zentralen, Bureaus und Gruppen. In der ersten Zeit, wo du da drin steckst, jedesmal, wenn du einen neuen Kerl siehst, ist es eine andre Abteilung, die jede wieder anders heisst Es ist zum Verrücktwerden, sag ich dir. Das sag ich nur, der, der die Namen alle erfunden hat, der muss einen verdammten Schädel gehabt haben! Und da wunderst du dich, wenn's mir übel geworden ist davon? Die Augen hab ich voll davon und wenn ich so halb was andres mache, muss ich immer halb dran denken! Herr! knurrte unser Kamerad, alle die Spatzen die da rumhüpfen und rumpiepsen, geschniegelt, mit Käppis und Offiziersüberzieher, Schnürstiefelchen, und die überhaupt schlecht aussehn, fein essen und sich, wenn sie wollen, ein fünftel Kniewasser hinter die Binde giessen, sich eher zweimal waschen als einmal, in die Messe gehn und rauchen, abends in die Federn schlüpfen und dann die Zeitung lesen. Und die Kerle werden dann sagen: »Ich war im Krieg«.

Eins war Volpatte vor allem aufgefallen und kam unter dem Wirrwarr seiner Eindrücke immer wieder zum Vorschein:

– Alle diese Soldaten, die schleppen ihr Besteck und ihre Flasche nicht mit, und essen nicht wie wir auf einem Fuss. Die haben ihre Bequemlichkeiten. Die gehn lieber zu einer Schickse im Dorf und setzen sich an einen Tisch extra für sie, wo sie ihren Kohl fressen, und wo ihnen die Hausdame ihr Geschirr ins Büffet versorgt und ihre Konservenbüchsen und ihr ganzes Fressbordell, eben alle die Vorzüge des Kapitalisten und der Friedenszeiten im gottverdammten Hinterland!

Sein Nachbar aber schüttelte den Kopf unter dem Gussregen, der vom Himmel fiel und sagte:

– Um so besser für sie.

– Bin nicht ganz verrückt ... begann Volpatte wieder.

– Kann sein: aber konsequent bist du nicht.

Volpatte fühlte sich gekränkt durch diese Beleidigung; er zuckte zusammen, hob wütend das Gesicht, auf das der lauernde Regen gussweise patschte.

– Was, nicht konsequent? Da hör doch einer den Jauchefritzen an.

– Jawohl, mein Herr, fuhr der Nachbar von neuem fort. Ich sag, du schimpfst immer und doch wärst du froh, wenn du an ihrer Stelle wärst.

– Das ist sicher, aber was beweist das, du Arschfratze du! Wir sind erstens mal in Gefahr gewesen, und 's war wohl an uns jetzt. Aber es sind immer dieselben, sag ich, und dann Haufen junge Kerle, stark wie Ochsen und beisammen wie Ringkämpfer, und dann hat's zuviel. Siehst du, »zu viel«, sag ich immer, weil es tatsächlich so ist.

– Zu viel! Woher weisst du das? Die Dienstzweige, weisst du, was das alles ausmacht?

– Das weiss ich nicht, antwortete Volpatte, aber das sag ich ...

– Glaubst du, das sei nichts, der verdammte Rummel? Bis das alles läuft!

– Scheiss drauf, aber ...

– Aber, du möchtest eben an ihrer Stelle sein, nicht? witzelte sein unsichtbarer Nachbar, der in den Tiefgründen seiner Kapuze unter dem Wasserfall des Himmels, sei es eine tiefe Gleichgültigkeit verbarg, sei es den unbarmherzigen Wunsch hegte, Volpatte zu uzen.

– Ich weiss eben die Sache nicht anzudrehen, sagte dieser einfach.

– 's gibt schon welche, die sie für dich andrehn, meinte Barque mit spitzer Stimme; ich kannte einen ...

– Ich hab auch welche gesehn! brüllte Volpatte verzweifelt in den Sturm hinein. Gerade hinter der Front, in ... weiss nicht mehr wo, im Verbandspital, in einer Unter-Intendantur hab ich den Aal angetroffen.

Der Wind aber, der über uns hinstrich, fragte stossend:

– Was ist das?

Zugleich trat eine Windstille ein und das schlechte Wetter liess Volpatte, so gut er's konnte, reden:

– Er hat mich rumgeführt in allen Winkeln des Depots herum wie in einem Jahrmarkt, sintemal er selber eine Sehenswürdigkeit im Hause war. Er hat mich durch die Gänge geführt und in die Säle des Hauses oder der Nebengebäude; manchmal guckte er in eine Türe hinein, wo ein Schild dran klebte und sagte: »Da guck mal her, und dort, schau!« Und wir guckten zusammen; aber er ist nicht in den Schützengraben zurück wie ich, nur keine Sorge. Uebrigens kam er auch nicht aus dem Schützengraben. Wie ich zum erstenmal den Aal gesehn habe, da ging er ganz stille im Hof spazieren: »Das ist so der gewöhnliche Dienst,« sagte er zu mir. Dann haben wir geschwatzt. Tags drauf hatte er einen Ordonnanzposten erwischt, um sich zu drücken; er war nämlich seit Kriegsanfang an der Reihe gewesen. – Auf der Türschwelle hatte er sich die ganze Nacht in ein Steppkissen gewickelt und wichste die Stiefel seines Seidenaffen: gelbe Palaceröhren. Stehn geblieben bin ich davor; da hat er mir seine Geschichte erzählt. Aber von dem ganzen Hebräisch weiss ich kein Wort mehr, so wenig wie von der Geschichte Frankreichs oder von den Zahlen, die man in der Schule hersingen musste. An der Front war er überhaupt noch nicht gewesen, obwohl er zur Klasse 3 gehört, und war doch ein strammes Luder. Die Gefahr, die Strapazen, die ganzen Scherereien im Krieg, das sei nichts für ihn, für die andern, ja. Er wusste, dass wenn er mit dem Fuss auf die Schusslinie treten würde, die Schusslinie den ganzen Kerl verschlucken würde; auch hat er sich die Beine ausgerannt, um auf seinem Druckposten bleiben zu können. Man hat alles mit ihm versucht, ihn fortzukriegen, aber keinem ist es gelungen; er war sämtlichen Hauptmännern durch die Pfoten gerutscht und auch allen Obersten und Aerzten, die er doch alle in eine gottsjämmerliche Wut gebracht hatte. Das hat er mir alles erzählt, und wie er's angedreht hat: er liess sich einfach auf den Arsch fallen und guckte blöd in den Tag hinein. Er wurstelte sich zusammen und wurde wie ein Haufen schmutzige Wäsche: »Ich hab so eine allgemeine Müdigkeit,« jammerte er. Man wusste nicht, wie man den Kerl anpacken sollte und Hess ihn dann schliesslich hinfallen; bis es schliesslich allen zum Kotzen war. Und dann, je nach Bedarf, fehlt ihm was anderes, verstehst du? Manchmal war's das Bein, das er dann schon zu rühren wusste. Und dann verstand er es anzupacken; alle Schliche und Gelegenheiten kannte der Kerl. Und mit dem Fahrplan wusste er Bescheid. Konnst ihn sehn, wie er sich in eine Abteilung drückte, die ins Depot kam; er blieb dann mäuschenstill dort sitzen und gab sich noch elend Mühe, sich bei den andern als unentbehrlich zu erweisen. Um drei Uhr morgens stand er auf, machte den Schlamm und holte Wasser, während die andern futterten; überall, wo er sich hineingedrückt hatte, war er schliesslich Liebkind geworden, der arme Kerl, der Hundsfott! Gerannt ist er, um nicht gehn zu müssen. Er kam mir vor wie einer, der ehrliche hundert Franken verdient hätte mit der Arbeit und allen Scherereien, die's zur Herstellung einer falschen Fünfziger Banknote braucht. Aber eben, der kommt schon mit heiler Haut davon. An der Front würde er halt vom allgemeinen Trubel mitgerissen, aber so dumm ist er nicht! Er futiert sich um die, die's ernst nehmen auf dieser Erde und futiert sich erst recht um sie, wenn sie unter der Erde liegen. Und wenn sie sich alle geschlagen haben und wieder heimkommen, dann wird er zu seinen Freunden und Bekannten sagen: »Ich bin noch heil davongekommen,« und seine Freunde werden darüber froh sein, weil's ein netter, guter Kerl ist, so dreckig er ist, so verrückt er auch ist, du schluckst es halt und magst ihn einfach, den Mistfinken. – Nun glaub einer nicht, dass er einzig in seiner Grösse dasteht; in den Depots hat es Misthaufen voll, die sich weiss der Teufel wie anklammern an ihren Ausgangspunkt und sich durchaalen und sagen: »Ich geh einfach nicht« und auch nicht gehn, und keiner kriegt sie bis an die Front.

– Das ist doch ein altes Lied, sagt Barque; das kennen wir schon lang, schon sehr lang.

– Jawohl und die Bureaus! fügte Volpatte im Eifer seines Erzählens hinzu. Häuser voll, Strassen, ganze Viertel! Ich hab hinter der Front nur ein winziges Quadrätchen gesehn und hab davon schon beide Augen voll. Nein, bei Gott, ich hätte nicht gedacht, dass während des Krieges soviel Männer auf Stühlen hocken würden ...

Eine Hand streckte sich aus und betastete die Luft.

– Es hat aufgehört zu schiffen ...

– Dann pass auf, jetzt geht's los ...

In der Tat rief eine Stimme: »Vorwärts, Marsch!«

Der Regen war verstummt. Wir gingen hintereinander durch die lange, dünne Lache, die regungslos auf dem Boden des Grabens lag und in welche vor einem Augenblick noch der Regen klatschte.

Dann hörte man Volpatte wieder aus dem Getappe im mühsamen Graben und aus dem Hin- und Herschwanken der Watenden heraus:

– Je mehr du der Front den Rücken kehrst, desto Schlimmeres kannst du erleben.

– Sie haben nicht das gleiche Schlachtfeld wie wir, sagte Tulacque, der eine alte Wut auf die Drückeberger hatte. Das muss einer gesehn haben, wie die Kerle in den Quartieren zuerst nach einer guten Wohnung und nach gutem Essen rennen. Und dann, wenn die Magensorgen geregelt sind, dann kommen die heimlichen Notwendigkeiten. Und dann kannst sie sehn, wie sie den Augapfel nach den Türen drehn, ob etwa ein Soldat heimlich rauskäme mit nem doppelten Gesicht, sich die Schnäuze noch abschleckt und dabei nach rechts und links guckt.

– Es hat schon Kerle dabei; ich kenne einen von der Côte d'Or, wo ich her bin ...

– Sei ruhig, unterbrach ihn Tulacque gebieterisch. Es ist einer wie der andere; kannst mit keinem den andern ausflicken.

– Ja, sie sind glücklich, sagte Volpatte. Aber glaubst du, sie seien vielleicht zufrieden? Bewahre ... Sie fluchen noch dazu.

Er verbesserte sich und fuhr fort:

– Es gibt welche, die fluchen; ich hab einen gesehn, der ward elend durch die Theorie angeschissen: »Es hat keinen Zweck, die Theorie zu pauken, sie ändert doch alle Augenblicke. Da zum Beispiel für's Militärgericht; da lernen sie, was das Hauptkapitel davon ist, und dann nachher ist es doch wieder was anderes. Wann wird der Krieg nur ein Ende haben,« sagte der.

– Die machen, was befohlen wird, meinte Eudore schüchtern.

– Natürlich; eigentlich ist es gar nicht ihre Schuld. Und doch kann man sagen, dass die Berufssoldaten, mit Pension und Auszeichnungen – während wir doch nur Zivilisten sind – eine merkwürdige Art haben, den Krieg mitzumachen.

– Grad wie der Förster, den ich gesehn hab, sagte Volpatte, der sich's Maul verrenkte wegen innerem Dienst, den man ihm aufhalste. »'ne Gemeinheit, sagte der Mann, was sie mit uns anstellen. Wir sind doch alte Unteroffiziere, Soldaten, die mindestens vier Jahre Dienst auf dem Buckel haben. In den Generalquartieren müssen wir die Abfälle zusammenkehren. Die Zivilisten sehn, wie wir behandelt werden und verlieren die Achtung vor uns. Und wenn du 's Maul verziehst, da reden sie vom Schützengraben, wo sie dich dann wie gewöhnliche Füsiliere hinschicken wollen! Wo bleibt dann unser Einfluss! Wenn wir wieder in unsere Gemeinden zurückkehren, als Förster, nach dem Krieg, wenn wir überhaupt davon kommen, dann werden die Leute in den Gemeinden zu uns sagen: »So, so, Sie sind der, der in X die Strassen kehrte?« Und wenn wir unsern Einfluss wieder gewinnen wollen, den man uns ungerechterweise und aus Undank genommen hat, wird man Protokolle aufnehmen müssen und nichts als Protokolle aufnehmen, sogar gegen die Reichen und Mächtigen!« meinte er.

– Ich, sagte Lamuse, ich hab einen Polizisten gesehn, der schon recht hatte: »Der Polizist, sagte der, ist gewöhnlich enthaltsam. Aber es hat überall Saukerle, nicht? Der Bürger hat tatsächlich Angst vor dem Polizisten, das ist Tatsache, meinte er; ich geb allerdings zu, dass hie und da einer – der 's Lumpenpack bei der Polizei vorstellt –, dass so einer seine Macht missbraucht und sich ein Gläschen einschenken lässt. Wenn ich Chef oder Wachtmeister war, ich wollte die schon zurückschrauben und nicht zu knapp, sagte er, weil die öffentliche Meinung, sagte er noch, das ganze Korps verurteilt wegen einem einzigen Agenten, der sich Missbräuche erlaubt.«

– Ich, meinte Paradis, einer meiner schlechtesten Tage in meinem Leben war, als ich einmal einen Polizisten gegrüsst hatte, weil ich meinte, es sei ein Unterleutnant mit seinen weissen Tressen. Glücklicherweise (ich sag das nicht zum Trost, sondern weil's vielleicht doch wahr ist), glücklicherweise glaub ich, dass er mich nicht gesehn hat.

Schweigen.

– Schon wahr, murmeln die Leute. Aber was willst du machen? Nur nicht aufregen.

*

Als wir ein wenig später an einer Mauer sassen, den Rücken an die Steine gelehnt und die Füsse auf die Erde gepflanzt, packte Volpatte seine Eindrücke weiter aus.

– Da komm ich in ein Zimmer, das ein Bureau vom Depot war, ich glaube, 's war die Buchführung. Es wimmelte von Tischen und gestossen voll wie auf dem Markt. Eine Wolke von Worten. An der Wand entlang, auf jeder Seite und in der Mitte Kerle, die vor ihrem Kram sassen wie Altpapierhändler. Ich musste mich dort melden, wie ich zu meinem Regiment zurückwollte und man hatte mir gesagt: »Kümmere dich selbst drum und schau, wie du fertig wirst!« Da wend ich mich an einen Sergeanten, einen kleinen Fazken, frisch wie ein Lichtblick, mit einem goldnen Zwicker, wie so ein Paar Tressenbrillen. Er war jung, aber da er ein Freiwilliger war, so hatte er das Recht, hinter der Front zu bleiben. »Sergeant!« sag ich zu ihm. Aber er hörte nichts, weil er gerade einen Federfuchser anschnauzte: »Ich hab's Ihnen doch schon zwanzigmal gesagt, Bester, eins zur Exekution für den Schwadronschef, Grossrichter des Armeekorps, und eins ohne Unterschrift, aber mit Angabe derselben als Beleg für das Militärgericht in Amiens und der Regionszentren, deren Liste Sie haben – wohlverstanden, unter Adresse des kommandierenden Generals der Region. Ist doch ganz einfach,« sagte er. – Ich bin drei Schritt zurückgetreten und hab gewartet, bis er mit der Schnauzerei fertig war. Fünf Minuten nachher bin ich wieder zu ihm: »Bester, hat er zu mir gesagt, ich hab jetzt keine Zeit für Sie, ich hab, weiss Gott, andres im Kopf.« In der Tat sass er aufgeregt vor seiner Schreibmaschine, das Rindvieh, weil er vergessen hatte, sagte er, die Taste für die grossen Buchstaben zu tippen und anstatt die Ueberschrift auf dem Blatt zu unterstreichen, hatte es lauter 8 drunter. Und deshalb war er nicht zu haben und schimpfte gegen die Amerikaner, weil dorther das System seiner Maschine stammte. – Und nachher fluchte er gegen einen anderen Waschlappen, weil auf dem Bordereau der Kartenverteilung, sagte er, die Verpflegungsabteilung, das Schlachtvieh und der Verwaltungsdienst der 328ten Infanteriedivision fehlte. – Daneben stellte sich einer auf die Hinterfüsse und wollte absolut mehr Abzüge aus dem Kopierteig herausquetschen, als es ging, und schwitzte Blut und gebar bleiche Fetzen, die kein Mensch lesen konnte. Andre schwatzten: »Wo bleiben die Pariser Knöchel?« meinte ein Eleganter. Und dann nennen sie die Dinge nicht mit ihrem Namen: »Sagen Sie mir bitte, welche Elemente sind in X einquartiert?« Die Elemente, was ist das für'n Gerede? sagte Volpatte. – Unten, am grossen Tisch, wo die Kerle, von denen ich erzähle, sassen und an den ich getreten war, wo der Sergeant obendran hinter Papierbergen hantierte und Order austeilte (er hätte lieber Ordnung austeilen sollen), da sass einer, der tat überhaupt nichts und trommelte mit seiner Pfote auf dem Löschpapier: er hatte den Urlaubsdienst, der Bruder; weil aber der grosse Angriff begonnen hatte und es keinen Urlaub mehr gab, hatte er nichts zu tun: »Feine Sache!« sagte er. – Und das ist nur ein Tisch in einem Zimmer in einer Abteilung in einem Depot. Ich hab noch andre gesehn, und noch andre, haufenweise. Weiss nicht mehr wieviel, zum Verrücktwerden, sag ich.

– Hatten sie Dienstabzeichen?

– Viele nicht dort, aber in zweiter Linie, dort haben sie alle; da hast du Sammlungen voll, Menagerien voll alter Knakse mit Dienstabzeichen.

– Das schönste, was ich punkto Dienstabgezeichneter gesehn habe, sagte Tulaque, war ein Autofahrer, der hatte ein Tuch, also wie Atlasseide mit frischen Dienstabzeichen und englisches Offiziersleder, obwohl er Soldat zweiter Klasse war. Und da sass er, den Finger an der Wange, den Ellenbogen auf dem schicken Wagen mit Spiegeln. Den hättest du gefressen. Ein Paar Beine hatte er sich angedreht, die schicke Kanaille!

– Ganz der Poilu, den man in Kokottchen-Blättern sieht, in den netten, kleinen Schweineblättchen.

So hat ein jeder seine Erfahrungen, sein Liedchen zu singen über das so oft wiedergekaute Thema der Drückeberger; und nun geht allen das Herz über und alle sprechen sie durcheinander. So umweht uns der Lärm der Unterhaltung am Fusse der trübseligen Mauer, an der wir wie angehäufte Ballen hocken, vor uns das graue und kotige Land, das der Regen zertreten und ausgeschwemmt hat.

– ... Ja und der, der seine Sachen beim Nadelstecher bestellt hat anstatt beim Militär-Mottenbehälter.

– ... Zuerst Wache beim Strassendienst, dann bei der Militärbäckerei, dann Radfahrer bei der Verpflegungsabteilung der XI. Gruppe.

– ... Jeden Morgen ein paar Briefsachen für die Intendanz, das Schiessbureau, die Pontonierabteilung und abends ein paar für die Divisionsartillerie und noch für die Schützengrabenartillerie.

– ... Wie ich vom Urlaub zurückgefahren bin, erzählte diese Ordonnanz, haben uns die Weiber an allen Bahnübergängen zugerufen. »Sie hielten euch für Soldaten,« hab ihm geantwortet ...

– ... So, hab ich ihm gesagt, sind Sie denn aufgeboten, Sie! sagt ich ihm. – Natürlich, hat er gesagt, ich hab doch in Amerika eine Vortragsreise mit dem Minister gemacht. Oder nennen Sie das nicht aufgeboten? Uebrigens, mein Freund, sagt er mir, zahl ich meine Miete nicht, also bin ich doch aufgeboten.«

– Und ich erst ...

– Zum Schluss, schrie Volpatte, der dem Gemurmel mit der Autorität eines Dabeigewesenen Schweigen gebietet, zum Schluss hab ich auf einen Schlag eine ganze Bande bei nem Frass gesehn. Zwei Tage bin ich Küchenaushilfe gewesen, weil man mich nicht unbeschäftigt lassen konnte, solang meine Antwort nicht angekommen war und die 's nicht sehr eilig hatte, weil man ein zweites Gesuch und noch ein Gesuch beigelegt hatte und die hatten hin und zurück bei jedem Bureau einen Aufenthalt. – Kurz, ich bin also Küchenbonze bei dem Jahrmarkt gewesen. Einmal musste ich servieren, da nämlich der Küchenchef schon viermal Urlaub gehabt hatte und deshalb müde war. Jedesmal also, wenn ich ins Esszimmer kam, das in der Präfektur war, hab ich die Bande reden hören und hab sie gesehn, und jedesmal platzte mir der warme, helle Lärm aufs Maul. – Nichts als Hilfsdienstpflichtige waren dabei, aber hie und da auch einer vom gewöhnlichen Dienst: nichts als alte Knakse mit ein paar Jungen. – Lachen hab ich müssen, wie so 'n Stiel meinte: »Macht die Läden zu, es ist vorsichtiger.« So was wie zweihundert Kilometer hinter der Front waren wir, weisst du, und da gab der getupfte Kerl vor, es sei Flugzeuggefahr vorhanden ...

– Und mein Vetter, sagte Tirloir, der in seiner Tasche kramte, der schreibt ... Warte mal, der schreibt also: »Lieber Adolph, bin endgültig in Paris festgenagelt und der Hütte Nr. 60 zugeteilt. Während du also dort weilst, bleib ich hier in der Hauptstadt den Tauben oder einem Zeppelin ausgeliefert!«

– Ha! Hi! Oh!

Dieser Satz erfüllt sie mit einer hellen Freude und man verdaut ihn wie einen Leckerbissen.

– Dann, fährt Volpatte weiter, hab ich noch mehr lachen müssen bei diesem Drückebergerfrass. Das Essen war nicht übel: Kabeljau, 's war nämlich Freitag, aber zubereitet wie Soles Marguerite, und weiss ich noch was alles? Aber was die Redensarten anbetrifft ...

– Sie nennen das Bajonett Rosalie, nicht?

– Ja, die ausgestopften Hallunken! Aber während dem Essen haben die Herren ausschliesslich von sich selbst gesprochen. Ein jeder erklärte, warum er hier sei und nicht anderswo, und schwatzte eigentlich um den Brei herum und ass wie ein Menschenfresser: »Ich bin krank, ich leide an allgemeiner Schwäche, guckt euch doch mal die Ruine an; ich, ich bin blödsinnig.« Und sie holten aus ihrem Innersten alle möglichen Krankheiten vor, staffierten sich damit aus: »Ich wollte in den Krieg, aber ich hatte einen Unterleibsbruch, zwei Unterleibsbrüche, drei Unterleibsbrüche.« Nein, dieser Frass! Mit dem Rundschreiben, das davon redete, dass alle marschieren müssten, erklärte ein Witzbold, ist es wie bei den Operetten, sagte er; es hat auch noch den letzten Akt, der den ganzen übrigen Schwindel gut macht. Dieser dritte Akt ist der Paragraph, wo's heisst: »... wenn die Dienstnotwendigkeit es nicht anders erfordert ...« Einer war dabei, der erzählte: »Drei Freunde hatte ich, auf deren Nachhülfe ich rechnete; alle drei sind vor dem Feind gefallen, sagte er, einer nach dem andern, bevor ich mein Gesuch eingereicht hatte; da rede noch einer von Schwein!« Ein anderer erklärte einem andern, dass er von sich aus gern gegangen wäre, aber dass der Bataillonsarzt ihn beim Arm festgehalten hätte und ihn gewaltsam in den Hilfsdienst gesteckt habe, »Nun, sagte der, darauf hab ich mich halt in mein Schicksal gefügt. Uebrigens leiste ich dem Vaterland einen grössern Dienst, indem ich ihm meine Intelligenz zur Verfügung stelle, als wenn ich den Tornister herumschleppe.« Und der, der neben ihm sass, machte: »Ja,« mit seiner Schädelbüchse, die oben glatt gerupft war. Er hatte es schon über sich gebracht, nach Bordeaux zu fahren, als die Deutschen auf Paris zumarschierten und Bordeaux die schicke Stadt geworden war; aber nachher war er wieder vorwärts nach Paris gekehrt, und dann sagte er noch ungefähr: »Ich nütze Frankreich mit meiner Intelligenz, die ich Frankreich unbedingt erhalten muss.« – Dann sprachen sie über andere: vom Kommandanten, der sich eine unmögliche Laune zugelegt habe, und meinten, er sei desto strenger, je blöder er werde; und von einem General, der die Jagd auf Drückeberger mache, der aber seit acht Tagen krank im Bett läge: »Er stirbt jedenfalls bald, denn sein Zustand ist sehr bedenklich.« Das sagten sie und rauchten Zigaretten, die die grossen Tiere ins Depot schicken für die Soldaten an der Front. »Weisst du, erzählte einer, der ganz kleine Frazy, das nette Kerlchen, das Cherubinchen, er hat endlich 'nen sichern Drückposten gefunden, wo er sicher bleiben kann: im Schlachthaus brauchten sie einen Ochsentotschläger, und dort ist er durch Protektion angekommen, obwohl er Lizenziat der Rechte und Notariatsgehülfe ist. Und Flandrins Sohn, der ist Strassenarbeiter. – Er, Strassenarbeiter? Glaubst du, der bleibt lange dabei? – Natürlich, antwortete so 'n Seckel, cantonnier, c'est pour longtemps ...«

– Das sind alles Schafsköpfe, schimpfte Marthereau.

– Und dann waren sie alle neidisch, warum, weiss ich nicht, auf einen gewissen Pourin: »Früher, da führte er das grosse Pariser Leben: er frühstückte und dinierte in der Stadt, machte achtzehn Besuche pro Tag und flatterte in den Salons herum von five o'clock bis Morgengrauen. Er war unermüdlich, wenn's galt, einen Cotillon anzuführen und Feste zu organisieren, Theaterstücke zu schlucken, abgesehn von Autofahrten, und das alles mit Champagner. Da bricht der Krieg aus; nun bringt's das arme Kerlchen nicht mehr fertig, abends bei einer Schießscharte zu wachen und Drahtzäune zu zerschneiden. Jetzt muss er ganz stille in der warmen Stube sitzen. Er, überhaupt ein Pariser, in der Provinz leben und im Schützengraben versauern? Bewahre! »Von mir will ich nicht reden, antwortete einer, ich bin schliesslich siebenunddreissig Jahre, ein Alter, wo man sich pflegen darf!« Und während der Kerl das sagte, musste ich an Dumont denken, an den Feldhüter, der zweiundvierzig alt war und der neben mir auf der Höhe 132 zertrümmert wurde, so nahe neben mir, dass, als ihm der Kugelregen den Schädel eingerannt hatte, mein ganzer Leib von der Erschütterung des seinen zitterte.

– Und wie waren sie mit dir, die Hasenviecher?

– Sie futierten sich um mich, aber zeigten es nicht; nur dann und wann, wenn sie's nicht mehr unterdrücken konnten, da guckten sie mich schief an und vor allem vermieden sie, mich beim Durchgehn zu berühren, weil ich noch dreckig war vom Krieg. – Mich ekelte es ein wenig an, unter den Schlotterknien zu sein, aber ich dachte: »Firmin, 's ist nur ein Vorübergehn.« Nur einmal hat mich beinah die Wut gepackt, wie einer sagte: »Später, wenn wir wieder zurückkommen, wenn man überhaupt davonkommt.« – Alles recht, aber das, nein! Er hatte nicht das Recht, das zu sagen: So 'n Satz, wer ihn aussprechen will, der muss es verdient haben: so was ist wie eine Auszeichnung. Wenn sich einer drückt, meinetwegen, aber man soll sich nicht gebärden als einer, der in Gefahr gewesen ist, wenn man ausgerissen ist, bevor 's los ging. Dann redeten sie über die Schlachten, denn die sind auf dem Laufenden, besser als du, und wenn du später heimkommst, wenn du davonkommst, dann bist du derjenige, der Unrecht hat unter den Aufschneidern, du mit deiner winzigen Wahrheit. – Herr! Wenn ich an den Abend denke, an die Gesichter in dem Rauchlicht, die Mache von den Kerlen, die 's Leben genossen haben und den Frieden hatten! Das war wie ein Ballet im Theater, ein Blendwerk. Und es hat, es hat ... es hat noch Hunderttausende, schloss Volpatte endlich, geblendet.

Aber diese Männer, die mit ihrer vollen Kraft und ihrem Leben die Sicherheit der andern bezahlen, machten sich lustig über den Zorn, der ihn erstickte, ihn in seine Ecke stiess, den die Gespenster jener Drückeberger blendeten.

– Ein Glück, dass er uns nichts erzählt von den Fabrikarbeitern, die ihre Lehrzeit im Krieg gemacht haben und von allen denen, die zu Haus geblieben sind und unter dem Vorwand der Vaterlands Verteidigung auf Pikett stehn! murmelte Tirette. Er würde sich bis zur heiligen Mettwurst den Gaumen trocken schwatzen.

– Hunderttausende, sagst du, gab es, du Fliegenfresser, uzte Barque. Im Jahre 1914, hörst du wohl? Da hat Millerand, der Kriegsminister, den Deputierten gesagt: »Es gibt keine Drückeberger.«

– Millerand, grunzte Volpatte, den Mann kenn ich nicht, aber wenn er das wirklich gesagt hat, dann ist er ein Hundsfott!

*

– Die andern sollen in ihrem Land machen, was ihnen gut scheint, aber es hat bei uns, sogar in einem Linienregiment hat es Gelegenheiten, sich zu drücken, und Ungleichheiten.

– Man ist immer, sprach Bertrand, einem andern gegenüber ein Drückeberger.

– Das stimmt: wie du auch heissen magst, du findest immer welche, immer, die weniger gemein sind und solche, die gemeiner sind als du.

– Bei uns sind alle, die nie in den Schützengraben kommen, oder die, die nie auf die erste Linie kommen oder sogar die, die nur von Zeit zu Zeit hinkommen, alle die, sie sind gewissermassen Drückeberger, und wenn man nur den eigentlichen Mitkämpfern die Abzeichen gäbe, solltest du mal sehn, wie viele solche Drückeberger herumlaufen.

– Zweihundertfünfzig pro Regiment zu zwei Bataillonen, sagte Cocon.

– Die Ordonnanzen, eine Zeitlang sogar die Burschen der Adjutanten.

– Die Küchenchefs und Unterküchenbonzen.

– Die Feldwebel und meistens die Furiere.

– Die Rationierungsunteroffiziere und die Verpflegungsmannschaft.

– Ein paar Bureauhocker und die Fahnenwache.

– Die Wagenmeister.

– Die Fahrer, die Arbeiter und die ganze Sektion mit allen Unteroffizieren und Offizieren und sogar die Pioniere.

– Die Radfahrer.

– Nicht alle.

– Fast der ganze Sanitätsdienst.

– Die Träger nicht, wohlverstanden; erstens haben sie ein verdammtes Geschäft zu besorgen und zweitens schlafen sie mit der Kompagnie und bei der Attacke sind sie dabei mit ihren Tragbahren; aber die Krankenwärter.

– Beinah alle Pfaffen, namentlich hinter der Front. Denn, weisst du, Pfaffen, die den Tornister schleppen, hab ich wenigstens nicht viel gesehn.

– Ich auch nicht. In den Zeitungen, aber hier nicht.

– Es soll doch welche gegeben haben.

– So!

– Sei dem wie ihm wolle! Sicher ist, dass der Füsilier was abkriegt bei dem Krieg.

– Es gibt auch Gefahr für die andern, nicht nur für uns!

– Doch! sagte Tulacque erbittert, fast nur für uns.

*

Dann fügte er hinzu:

– Du meinst nun – ich weiss schon, was du meinst –, dass nämlich die Automobilisten und die schwere Artillerie bei Verdun was Tüchtiges abkriegte. Schon wahr, aber mit uns verglichen, haben sie's doch gut. Wir, wir sind alle Tage ausgesetzt, so wie sie's einmal waren (und obendrein haben wir noch die Kugeln und die Granaten, die sie nicht haben). Bei der schweren Artillerie, die haben neben ihren Unterständen Kaninchen gezüchtet und Eierkuchen gebacken während achtzehn Monaten. Wir dagegen stehn tatsächlich in Gefahr; die, die nicht immer drin stecken oder nur einmal, sind's eben doch nicht. Sonst wär nämlich alles schliesslich in Gefahr: 's Kindermädchen, die in den Strassen von Paris rumgondelt, wär's auch; die hat die Tauben und die Zeppelins, wie's der Aalbonze meinte, von dem Volpatte eben erzählte.

– Bei der ersten Expedition in den Dardanellen hat's einen Apotheker gehabt, der durch Granatsplitter verwundet worden ist. Glaubst du's nicht? Und doch ist es so, tatsächlich, ein Offizier mit grünen Borten!

– Das ist Zufall; ich hab's dem Mangouste geschrieben, der ritt ein überzähliges Pferd beim Zug; der wurde verwundet, aber durch einen Lastwagen.

– Ja, natürlich, stimmt eben doch. Schliesslich kann auf der Promenade in Paris oder in Bordeaux eine. Bombe platzen.

– Freilich. Es wäre doch zu bequem, wenn man keinen Unterschied machen wollte, was die Gefahr ist. Und dann ist's ein Unterschied: seit Kriegsbeginn haben sie ein paar gehabt, die durch einen Unglücklichen Zufall getötet worden sind; bei uns aber hat's noch ein paar, die am Leben sind, durch glücklichen Zufall. Und das ist doch nicht dieselbe Sache, sintemal man für längere Zeit tot ist, wenn man's ist.

– Jaaa, sagte Tirette, schliesslich aber verpestet ihr einem die Luft mit euern Drückebergergeschichten. Da man die Sache nun mal nicht ändern kann, könntet ihr endlich Schluss machen mit dem Kapitel. Ihr seid grad wie der alte Feldhüter von Chery, wo wir letzten Monat waren, der in den Strassen rumspazierte und überall schnüffelte nach dienstfähigen Zivilisten und die Kerle witterte wie 'ne Dogge. Eines Tags stand der mal vor einem stämmigen Weibsbild, die sowas wie einen Schnurrbart hatte; er starrt in einem fort nach dem Schnurrbart und brüllt das Weib an: »Könntest du nicht an der Front sein, du?«

– Ich, sagte Pépin, lass mir keine grauen Haare wachsen wegen der Drückeberger oder der Halbdrückeberger, weil einem dabei die beste Zeit zum Teufel geht; aber wo ich sie auf der Latte habe, das ist, wenn sie renommieren. Da sag ich wie Volpatte: sie sollen sich drücken, schön, das ist menschlich, aber nachher sollen sie nicht kommen und sagen: »Ich bin ein Krieger gewesen.« Grad die Freiwilligen zum Beispiel ...

– 's kommt drauf an. Diejenigen, die sich bedingungslos zur Infanterie als Freiwillige gestellt haben, Hut ab vor den Leuten, nicht weniger als vor denjenigen, die gefallen sind; aber die Freiwilligen in den Verwaltungen oder in den Spezialwaffen, sogar in der schweren Artillerie, die geben mir alle allmählich auf die Nerven. Man kennt sie schon, die Kerle! Wenn die zurückkommen, dann scharwänzeln sie in der eleganten Welt rum und sagen: »Ich hatte mich freiwillig gestellt. – Oh! wie tapfer war das von Ihnen! – Nun ja, gnädige Frau Marquise, ich bin eben so.« Geh doch, alter Fazke!

– Ich hab einen Herrn gekannt, der war als Freiwilliger bei der Fliegerabteilung. Eine schöne Uniform hatte er; er hätte sich allerdings lieber bei der komischen Oper engagieren sollen.

– Ja, aber 's ist immer wieder die gleiche Geschichte. Er hätte eben nachher nicht in den Salons sagen können: »Da guckt her, schaut euch meine Freiwilligenfresse an!«

– Was hab ich gesagt »er hätte lieber!« Viel besser, jawohl; bei der komischen Oper hätte er die andern wenigstens ehrlich zum Lachen gebracht; so verziehn sie nur die Mäuler über ihn.

– Das alles ist die vornehme Welt, frisch angestrichen mit reichen Auszeichnungen, aber ins Feuer kommt sie nie.

– Wenn's lauter solche Nummern hätte, wären die Deutschen schon längst in Bayonne.

– Wenn Krieg ist, soll man seine Haut zu Markte tragen, ist es nicht so, Korporal?

– Ja, antwortete Bertrand. Es gibt Augenblicke, in denen Gefahr und Pflicht genau dasselbe bedeuten, Wenn's Vaterland, die Gerechtigkeit und die Freiheit bedroht sind, kann man sie nicht verteidigen, indem man sich in Sicherheit bringt. Der Krieg bedeutet im Gegenteil Todesgefahr und Aufopferung des Lebens für jedermann, für jedermann: niemand ist geheiligt. Grad drauf los bis ans Ziel, und nicht nur zum Schein mit einer Phantasieuniform. Die notwendige Dienstversorgung hinter der Front soll automatisch durch die wirklich Schwachen und die wirklich Alten verrichtet werden.

– Siehst du, es hat zu viel reiche und protegierte Leute gegeben, die geschrieen haben: »Rettet Frankreich! – zuerst aber reissen wir aus!« Bei Kriegsausbruch hat eine ganze Drückeberger-Bewegung eingesetzt, jawohl. Den Mächtigsten ist es gelungen. Ich hab in meinem kleinen Nest gemerkt, dass es gerade die waren, die vorher am meisten patriotisch gebrüllt hatten ... Jedenfalls ist es die grösste Gemeinheit, wenn sich einer, wie er vorhin sagte, zuerst sicherstellt und nachher angibt, er habe sein Leben riskiert. Weil diejenigen, ich sag's nochmal, weil diejenigen, die 's riskieren, auf die gleichen Ehren Anspruch haben wie die Toten.

– Und was noch? Das ist immer so gewesen. Wirst den Menschen nicht anders machen, als er ist.

– Nichts zu machen. Schimpfen, reklamieren? Da, weil wir grad vom Reklamieren sprechen, hast du Margoulin gekannt?

– Margoulin, der gute Kerl, den sie auf dem Grassier haben verrecken lassen, weil sie ihn für tot hielten.

– Er hat reklamieren wollen. Alle Tage redete er davon, er wolle dem Hauptmann eine Beschwerde einreichen deswegen, und dazu wollte er verlangen, dass jeder der Reihe nach in den Schützengraben käme. Jedesmal nach dem Frass konntest du ihn hören, wie er sagte: »Ich werd's ihm sagen, so sicher wie der Viertel Wein da steht.« Und einen Augenblick nachher: »Wenn ich's ihm nicht sage, so tue ich's nicht, weil hier niemals ein Viertel Wein gestanden hat.« Und wenn du was drauf sagtest, da meinte er: »Ist das ein Viertel Wein hier?« Schlusserfolg: Nichts hat er gesagt. Wenn du nun sagst, er sei doch tot, da hast du schon recht, aber vorher hatte er lange Zeit zweitausend Beschwerden einzureichen, wenn er's gewagt hätte.

– Das alles ist zum Kotzen, schimpfte Blaire finsteren und wutblitzenden Blickes.

– Wir haben nichts gesehn, sintemal wir hier überhaupt nichts sehn, aber wenn man sehn könnte ...

– Alter Bruder, sagte Volpatte, hör mal zu, pass auf, was ich dir jetzt sage: Die Seine, die Garonne, die Rhône und die Loire müssten herhalten, wenn du die Depots putzen wolltest. Vorläufig aber hocken sie drin und leben sogar sehr gut und schlafen gehn sie, ganz ruhig schlafen sie sich jede Nacht die Augen aus, jede Nacht!

Der Soldat schwieg. Er sah in der Ferne jene süsse Nacht, er, zusammengekauert, mit angespannter Aufmerksamkeit und schwarz wie ein Schatten im Schlunde des Horchloches, dessen zerrissenes Maul aufblitzt jedesmal, wenn ein Kanonenschuss sein Feuer zum Himmel speit.

Cocon aber sagte voll Bitterkeit:

– Das verdirbt einem die Lust zu sterben.

– Gott bewahre, machte einer mit der grössten Seelenruhe, so übertreib doch nicht, du eingepökelter Hering!

*

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