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Das Feental

Ottilie Wildermuth: Das Feental - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorOttilie Wildermuth
booktitleVon Berg zu Tal - Erzählungen
publisherVerlag Jugendhort
titleDas Feental
year1862
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9649a984
created20070121
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Ottilie Wildermuth

Das Feental


1. Lese-Julie.

Die Familie war beim Frühstück versammelt. Der Vater trank seinen Kaffee; die Mutter verteilte die Milch in die zahlreichen Schüsselein, welche sich ihr entgegenstreckten; Klara brachte den hochaufgetürmten Semmelkorb. Es war eine fröhliche Geschäftigkeit um den runden Tisch. Minchen brockte ihre ganze Semmel ins Schüsselein, um sich eine Torte daraus zu machen; Ferdinand ließ die ausgehöhlte Semmel als Schifflein auf dem Milchsee schwimmen; Theodor schob die seinige sorgsam in die Tasche als Schulschatz, wie er's nannte, und tunkte alte Brotrinde ein; Klara schnitt die ihrige zierlich in Schnitten, und der kleine Otto, den die Mutter vorher schon gespeist hatte, wackelte um den Tisch und bettelte bei allen »Gunk-gunk«, das heißt ein eingetauchtes Semmelstückchen. Nur ein Schüsselchen stand noch unberührt, ein Platz war leer.

»Wo ist Julie?« fragte die Mutter.

»Sie ist bald nach mir aufgestanden,« sagte Klara, die längst fertig war und indes schon das Minchen angezogen und die Tassen gerüstet hatte; »sie flocht eben ihre Zöpfe, als ich herüberkam.«

»Wo steckt sie denn wieder?« sagte ärgerlich der Vater; »geht, sucht sie!«

»Julie suchen, Julie suchen!« schrien die zwei Buben mit Jubel, ließen die Milch stehen und zogen lärmend ab; man sah, daß diese Jagd ein schon bekanntes und öfter genossenes Vergnügen war; die Mutter sah es nicht gern. Bald hörte man ein lautes Gelächter, ein Schreien und Weigern, und auf der Schwelle erschien die vermißte Julie, von den munteren Buben an beiden Armen gezogen, noch in der Nachtjacke, mit fliegenden Haaren; der eine trug den Kamm, der andere die Märchen der Tausend und Einen Nacht, in die sich Julie während des Haarflechtens so vertieft hatte, daß sie mit halbgeflochtenen Zöpfen seit einer halben Stunde sitzen geblieben war. »Julie hat schon mit Harun Alraschid gefrühstückt!« schrien die Brüder; die andern lachten zusammen und Julie begann zu weinen.

»Wieder gelesen, Julie?« sagte die Mutter vorwurfsvoll; »da, geh in mein Schlafzimmer und zieh dich vollends an! Deine Milch mußt du eben kalt trinken.« Den Buben, die noch voll Jubel über ihren kleinen Feldzug und ihre Entdeckung waren, wurde Stille geboten; die Eltern waren verstimmt, und Julie, die fröhlich mit dem freundlichen kleinen Kreise hätte den Morgenschmaus halten können, trank nach dem Gebete verdrießlich ihre kalte Milch, schmollte mit Klara, daß sie ihr nicht früher gerufen; mit den Brüdern, die sie geholt; stieß den Kleinen weg, der seinen »Gunk-gunk« wollte, und fing so den klaren Tag in trübseliger Weise an.

Nun ging's zur Schule, wobei Julie etwas zu spät kam, da sie ihr Federrohr im Bücherschrank, ihre Bücher in der Kommode, ihr Schreibheft aus der Tischlade hatte zusammenlesen müssen; sie hatte gestern, solange Klara ihre Sachen aufräumte, gerade noch eine Geschichte auslesen müssen! Das Bändchen der Tausend und Einen Nacht hatte die Mutter in die Kommode eingeschlossen; aber ein Band von Musäus' Volksmärchen, den ihr Nachbars Amalie geliehen, fand doch noch Platz in der Schultasche. Sie achtete nicht zuviel auf den Verweis des Lehrers wegen ihres Spätkommens, die angefangene Geschichte von diesem Morgen ging ihr im Kopf herum; sie mußte noch erfahren, wie es dem Aladin ergangen, und studierte nur, wie sie das Buch von der Mutter herausbekommen könnte.

Man sagte Lieder auf; da ging's Julien gut, sie hatte ein vortreffliches Gedächtnis und lernte leicht; nachher wurde in der Bibel gelesen. Das war Julien langweilig, die schönen einfachen Geschichten der Bibel wußte sie ja schon lange; das war gar nicht so unterhaltend wie ihre Märchen. Unvermerkt schlug sie den Musäus auf und las unter dem Tisch darin, während sie vor sich die offene Bibel liegen hatte.

»Julie!« rief da plötzlich der Lehrer, der ihre Zerstreutheit bemerkte; »von wem lesen wir?«

Julie fuhr zusammen und war in der größten Verlegenheit.

»Vom Daniel,« flüsterte ihr die gefällige Nachbarin zu. »Vom Daniel,« sagte sie nun zuversichtlich.

»Wer ließ den Daniel in die Löwengrube werfen?« fragte der Lehrer weiter; die Nachbarin schwieg, und Julie, die an alles eher als an den Daniel gedacht hatte, sagte in höchster Verwirrung: »Die Susanne zu Babel,« da ihr nur diese eine Schriftstelle einfiel, in der Daniel vorkommt.

Ein schallendes Gelächter durchtönte die Schule. Das Märchenbuch wurde entdeckt, vom Lehrer aufgehoben; und Julie mußte mit ihrer Bibel auf einen besonderen Stuhl in der Nähe des Lehrers sitzen, damit er sie besser im Auge habe und sie keine doppelte Leserei führen könne. Das war eine schwere Demütigung für sie, die sonst trotz ihrer Zerstreutheit meist unter den Ersten der Klasse war, da es ihr gar nicht an Talenten fehlte.

Es war ein Unglückstag für die arme Julie, nicht nur beim Frühstück und in der Schule. Sie hatte heute zwei Märchenbücher fast zugleich verloren; nun ging all ihr Sinnen und Trachten darauf, wenigstens den Aladin wiederzuerhalten. Nach Tisch war Freistunde; da tummelten sich die Kinder, groß und klein, in fröhlichem Spiel im Garten. Julie schlich herauf; sie hatte bemerkt, daß die Mutter den Schlüssel zur Kommode hatte stecken lassen. Rasch eilte sie ins Zimmer, um geschwind das verschlossene Kleinod zu erhaschen; sie wollte es nachher gleich wieder hineinlegen. Sie fühlte wohl, daß es nicht recht sei, aber die Begierde war zu groß; sie schloß auf und wollte eben danach langen: da – hört sie den Tritt der Mutter, die sich des vergessenen Schlüssels erinnerte, und eben kam, ihn abzuziehen. Rasch drückte Julie die Klappe des Armoirs hinauf; aber sie schließt nicht recht, und die schwere Klappe fällt ihr auf den Kopf. Zum Glück hatte sie einen allerliebsten hohen Schildkrotkamm, wie er damals eben neueste Mode war, von der Tante bekommen und heute aufgesetzt; so zerschlägt der Deckel nur den Kamm und trifft den Kopf nicht schwer. Aber ihre Absicht war entdeckt worden, und sie hatte zum Schaden noch den Verweis der Mutter und den Spott der Geschwister.

Und Julie war doch im ganzen ein gutes Kind, ein lebhaftes und gescheites Mädchen, solange ihre Lesewut nicht über sie kam. Sie wußte schöne Geschichten zu erzählen und hübsche Spiele anzugeben; so sahen sie ihre Freundinnen von Herzen gern, und sie war eine angenehme Gespielin, bis sie in irgendeinem Winkel ein neues Buch entdeckte. Von dem Augenblick an saß sie begraben in ihre Geschichte, sah und hörte nichts mehr, bis es Zeit zum Gehen war und sie, versunken in ihre Märchengedanken, heimeilte, ohne just zu bemerken, ob ihr Schuhband offen sei oder ob sie in eine Pfütze trete. Sie hatte einmal den kleinen Otto im Garten hüten sollen, das war eine zu verführerische Zeit zum Lesen; sie hob erst den Kopf wieder auf vom Buch, als das Kind über ein Mäuerchen hinuntergestürzt war und eine Beule am Kopfe hatte. – Man konnte ihr nichts anvertrauen, weil sie auch in Zeiten, wo sie unmöglich lesen konnte, doch mit allen Sinnen in der Welt ihrer Bücher steckte.

Das gab denn Verweise, Spott und Vorwürfe, und die arme Julie kam sich in ihrer Jugend oft schon recht unglücklich vor, daß man gerade ihr diese kleine Freude nicht gönnen wollte; sie bildete sich ein, es habe sie niemand gern und flüchtete sich immer lieber in das Reich der Träume und Märchen.

Gar manchmal dachte sie: »Wenn ich nur nicht das Kind meiner Eltern, sondern das einer fernen hohen Grafenfamilie wäre, die mich heimholte! Ich käme nachher wieder in einem prächtigen Wagen und teilte herrliche Geschenke aus; da würden die Eltern und Geschwister Augen machen! Oder wenn eine Königin hierherkäme und nähme mich mit in ihr Schloß, wo ich auf einem seidenen Sofa sitzen und lesen dürfte den ganzen Tag, und durch wunderschöne Gärten in einem himmelblau seidenen Kleid lustwandeln und den Armen Börsen mit Goldstücken zuwerfen könnte!«

Wenn sie dann daheim mehr Verweise und Tadel einnahm als freundliche Worte, und sich einbildete, es habe sie niemand lieb und jedermann tue ihr schrecklich unrecht; dann dachte sie sich allerlei wunderbare Ereignisse aus, bei denen sie einen ungeheuren Edelmut zeigen könnte: wie Räuber einfielen, denen sie sich entgegenstürzte und durch Mut und Aufopferung das ganze Haus errettete; oder wie Feuer ausbreche und sie die Mutter und die Geschwister aus den Flammen befreite. Und wenn sie dann sterben würde aus lauter Edelmut, wie da die Ihrigen bereuen müßten, daß sie ihr so unrecht getan und sie beweinen und beklagen, sie loben und preisen würden im Tod! Sie mußte selbst weinen vor lauter Rührung.

Solche schöne und wunderbare Sachen dachte sich die Julie aus, während sie durch einfachen Gehorsam gegen die Eltern, durch ein freundliches Hingeben an die Geschwister, durch das Opfer einer Lieblingsneigung ein friedliches und fröhliches Leben hätte führen können. Das aber fiel ihr nicht ein; ihr Sinnen und Dichten ging den ganzen Tag darauf, wie sie Zeit und Bücher zum Lesen finden könne.

Hinter dem Haus der Eltern lag ein hübscher Grasgarten mit einer Laube; ein nettes Plätzchen zum Lesen, aber es war Julien nicht sicher genug. Da kamen oft die Brüder und wollten Räuber spielen, oder die Schwestern mit andern Mädchen, um Kurzweile zu treiben, und Julie wurde gestört oder ausgelacht. So schlich sie sich dann meist zum hintern Türchen hinaus, wo ein hübscher, grasiger Weg in ein einsames Wiesentälchen führte, das Feental genannt; wer es so betitelt hat, weiß ich nicht. Da war ein Bach, über den eine steinerne Brücke führte; auf diese setzte sich Julie und vertiefte sich in ihre Bücher.

2. Der erfüllte Wunsch.

Es war der Abend des Tages, an dem Julie soviel Mißgeschick erlebt hatte, als sie wieder mit einem mühsam erbeuteten Buch hinabschlüpfte in ihr Tälchen, um das Elend dieses Lebens zu vergessen. Die Mutter hatte eben heute gedroht, alle Unterhaltungsbücher zu verschließen und nur die Lehrbücher: Geschichte, Geographie, Naturgeschichte dazulassen; »da kannst du dann lesen nach Herzenslust.« So war's also vielleicht heute zum letztenmal, daß sie diese unschuldige Freude genießen dürfe, dachte sie mit Seufzen; sann aber schon wieder darauf, wie sie sich diese »unschuldige Freude« ohne Wissen und Willen der Eltern verschaffen könne.

Bald saß sie auf der Brücke und las; diesmal das alte drollige Geschichtchen von den Bauersleuten, denen eine Fee drei Wünsche angeboten, und die nichts davon profitiert als eine Wurst an der Nase, die sie auch wieder wegwünschen mußten. Julie war heute viel zu unglücklich, um darüber lachen zu können. »Ach, wenn es jetzt noch Feen gäbe,« seufzte sie, »wie so ganz anders wollte ich wünschen!«

Über dem Lesen und Wünschen waren ihr die Augen zugefallen, und sie war ein wenig eingenickt; da schrak sie plötzlich auf – hatte sie nicht jemand berührt? Was war das? Siehe, da schwebte vor ihr eine zierliche, leichte, duftige Gestalt in schleierartige Gewänder gehüllt, ein silbernes Stäbchen in der Hand! – Wachte oder träumte sie?– Das war eine Fee.

Ganz erstaunt starrte sie die Erscheinung an, die mit feinklingender Stimme sie anredete: »Siehst du, daß die Feen die Welt noch nicht ganz verlassen haben, wenn wir auch seltener und seltener einkehren bei dem nüchternen Menschengeschlecht? Sprich einen Wunsch aus! Durch einen Schlag meines Stäbchens kann ich dir geben, was dein Herz begehrt.«

Jetzt, Julie, jetzt gilt es! Alle Gedanken und Wünsche, die ihr törichtes Köpfchen jemals gehegt, stürmten auf sie ein; nur einen Wunsch! – Sollte sie sich nun Schönheit wünschen? Reichtum? Macht? Einen Zauberspiegel, durch den man das Entfernte sah? Einen Mantel, der sie durch die Lüfte trug? Da sie eben Hunger hatte, so kam sie eine wahre Todesangst an, sie könnte sich am Ende auch eine Bratwurst wünschen, wie die dumme Frau Lise. Nun fiel ihr aber ein ganz gescheiter Gedanke ein: »Mächtige Fee,« bat sie, »gib mir deinen Zauberstab mit der Gabe, daß er mir jeden Wunsch erfülle, den ich ausspreche.« Sie erschrak selbst ob ihrer Keckheit; die Fee aber lächelte nur und gab ihr den Stab. »Du bist nicht allzu bescheiden,« sagte sie, »da nimm ihn hin! In einem Jahre will ich sehen, ob dir die Gabe Glück gebracht. So oft du mit dem Stäbchen auf die Erde schlägst, erfüllt sich dir ein Wunsch; nur sichtbare Dinge kannst du wünschen. Aber halte die Gabe geheim!«

Die Fee verschwand, das Stäbchen blieb in Juliens Hand; ihr war immer noch wie im Traum. Jetzt wollte sie aber auch gleich die wunderbare Kraft erproben; was sollte ihr erster Wunsch sein?

Nun muß ich gestehen, daß Julie trotz ihrer überschwenglichen Träume eben doch noch ein Kind war und sehr gern etwas Gutes aß. Die Mutter hatte heute nur trocken Brot zum Vesper gegeben, was dem Leckermäulchen nie munden wollte; in den Märchen speisen die Leute immer so gute Sachen!

»Es ist ja nicht mein einziger Wunsch!« dachte sie, schlug auf die Erde und wünschte ein Stück Kuchen. Ja, da lag ein Stück Apfelkuchen mit Zucker und Rosinen, so delikat, wie er daheim nur an des Vaters Geburtstag gebacken wurde, und Julie ließ sich's herrlich schmecken. Das konnte doch kein Traum sein; sie mußte noch ein Stück wünschen, und noch eins, bis sie so satt war, daß sie aller Wünsche vergaß und in der Dämmerung nach Hause eilte, nachdem sie das Stäbchen sorgfältig unter ihren Kleidern verborgen hatte.

Die Geschwister daheim saßen in großem Vergnügen um den Tisch auf dem Balkon und schmausten saure Milch, die Klara sehr gewissenhaft verteilte; es schmeckte allen herrlich. Klara hatte Julien ihren Anteil aufgehoben, die aber konnte keinen Bissen mehr essen. Theodor wärmte wieder seinen alten Witz vom Morgen auf und meinte: »Jetzt hat Julie mit der Fee Fanferlüsch zu Nacht gegessen!«

»Ja, wenn du wüßtest, was ich weiß!« dachte Julie und schwieg.

Die Tafel war aufgehoben; Klara brachte die Kleinen mit der Mutter zu Bett, deckte den Tisch für die Eltern, und setzte sich dann auf das Plauderbänkchen vor dem Haus, um die schöne laue Nacht noch ein wenig zu genießen. Nachbars Amalie kam herüber, und die zwei Mädchen hatten noch eine Menge zu erzählen und zu besprechen. Julie fand, daß auch der Feenkuchen übel macht, wenn man zuviel davon ißt; sie ging zu Bett und träumte von all den Herrlichkeiten, über die sie nun gebieten konnte.

Am andern Morgen war's Schwarzbrottag, wie's die Kinder nannten. An einigen Tagen der Woche nämlich aßen sie keine Frühstückssemmel, um mit dem davon ersparten Geld armen Kindern Brot kaufen zu können; die gute Mutter gab dann aber doch jedem ein Stückchen Schwarzbrot. Es hatte zuerst nicht recht munden wollen, doch gewöhnten sie sich bald daran, freuten sich ihrer kleinen Ersparnisse und rühmten, wie das Brot auch gut sei. Julie schob heimlich ihr Stück beiseite und schüttete die Milch in der Katze Schüsselchen; da wußte sie was Besseres! Während die andern ihre Schulsachen rüsteten und sich ihre Aufgaben wiederholten, schlüpfte sie in ein entlegenes Zimmer und klopfte auf die Erde: »Schokolade und Zuckerbrezeln!« befahl sie; richtig, da stand die größte Tasse voll duftender Schokolade, und auf einem Teller daneben lagen aufgeschichtet die köstlichsten Brezeln. Julie ließ sich's noch schmecken, als die Schulglocke schlug; die Tasse verschwand glücklich, die Brezeln schob sie in die Tasche; aber mit Schrecken fiel ihr ein, daß sie unter den gestrigen Erlebnissen ganz vergessen hatte, ihre Schulaufgabe zu lernen. Was nun tun? Gar gern hätte sie sich das auch gewünscht, aber »nur sichtbare Dinge«, hatte die Fee gesagt. So eilte sie denn, um noch zur Schule zu kommen. Und sie, die wunderbare Julie mit dem Zauberstab, der Liebling der Feen, mußte sich vom Lehrer tüchtig schelten lassen und um eine ganze Reihe hinunterrücken, weil sie nichts gelernt hatte; das war doch gar zu bitter.

Ihr dürft aber nicht glauben, daß sich Julie nichts als Kuchen und Brezeln gewünscht habe, obgleich ich Kinder weiß, die es getan hätten. Sie versäumte das zwar nicht, und die gute, einfache Kost daheim wollte ihr gar nicht mehr munden, seit ihr alle Delikatessen der Welt zu Gebote standen; aber sie hatte auch noch viele andere Wünsche. Ein neues Märchenbuch war der nächste, und es kam, prächtig gebunden, mit schönen Bildern und wundersamen Geschichten, daß sie selbst die Tausend und Eine Nacht darüber vergaß. Nun war keine Not, nun mochte die Mutter immerhin die Geschichtenbücher verschließen und die langweiligen Lehrbücher da lassen; sie fand jederzeit ein Viertelstündchen, wo sie die neuen Quellen ausschöpfen konnte, und jetzt sollte der Schatz ja nicht mehr ausgehen.

Schöne Kleider hätte sie gar zu gern gewünscht; aber sie konnte sie nicht tragen, ohne daß es Mutter und Geschwister gemerkt hätten. Manchmal freilich tat sie es nur zur Probe, wenn sie allein war, und putzte sich wie eine Prinzessin; aber das konnte sie nur selten und in beständiger Angst, daß ihr Geheimnis entdeckt werde. Die Mutter war zwar viel beschäftigt und mußte öfters die Kinder allein lassen; aber doch fiel ihr auf, daß Julie häufig abwesend war, und sie stellte sie darüber zur Rede; so konnte dieselbe viel weniger als sonst in ihr Feental eilen und ihre geheimen Herrlichkeiten genießen.

Überhaupt war Juliens neues Leben gar nicht lauter Glück und Freude. Es gab soviel Gutes und Schönes, was das Zauberstäbchen eben nicht hervorbringen konnte. Wenn abends der Vater unter den Kindern saß und Theodor ein gutes Schulzeugnis brachte, Klara eine schön vollendete Arbeit zeigte, Ferdinand etwas Neues erzählte, was er in der Schule gelernt und der Vater die Kinder lobte und sich über sie freute, dann tat Julien das Herz weh, die, seit sie in der Feenwelt lebte, mehr und mehr ihre Arbeiten vernachlässigte. Wozu hatte sie denn auch nötig zu lernen und zu arbeiten? Was sie brauchte in ihrem ganzen Leben, das konnte ihr ja der Zauberstab verschaffen! Sie gab sich dann freilich hier und da wieder Mühe, ihre Pflicht zu tun; aber sie konnte es sich nicht versagen, in jedem freien Augenblick zu ihren Büchern, zu ihrer Feenwelt zurückzukehren, und das hielt ihren Sinn zerstreut und befangen. Schon daß sie ein Geheimnis vor ihren Eltern hatte, ließ sie gar nicht mehr kindlich und freudig mit ihnen verkehren; sie war immer froh, wenn die Mutter abwesend war, und erschrak, wenn sie heimkam. Wurde daheim ein kleines Fest gefeiert, ein Geburtstag, das Osterfest, der Eltern Hochzeitstag, und die andern Geschwister waren dabei so fröhlich und glückselig mit dem kleinen Schmaus, den die Mutter gab, da tat's Julien oft leid, daß sie von allen möglichen Süßigkeiten, Torten und Pudding schon so übergenug hatte, daß sie nichts der Art mehr freuen konnte. – Und mit dem lieben Vater im Himmel ging's ihr fast wie mit den Eltern auf Erden; sie konnte nicht mehr recht froh und kindlich zu ihm aufblicken, seit sie so nach eigenen Gelüsten lebte.

Wenn der Vater oder der Lehrer davon sprach, daß Gott in seiner Weisheit uns alles gibt, was uns nützlich ist; daß es uns gut ist, auch etwas zu entbehren und ein Opfer zu bringen; wenn er betete »Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel!« da mußte sie sich wohl besinnen, ob es denn Gottes Wille sei, daß sie so eigenmächtig nach eigener Lust lebe, und sie nahm sich auch vor, nicht mehr ins Feental zu gehen und ihr Stäbchen wegzuwerfen. Aber das konnte sie doch wieder nicht. Es zauberte ihr gar zu herrliche Dinge herauf; die schönsten Bilder, prächtige Schauspiele, kostbare Puppen und Spiele – lauter Dinge, welche die Eltern aus guten Gründen noch ihren Kindern versagten – konnte sie sich ohne Mühe verschaffen. Und eine solche Herrlichkeit sollte sie aufgeben? Nimmermehr! Nur schade, daß sie sie so allein genießen mußte.

Julie hatte ein gutes Herz und wollte von ihrem Überfluß gern auch andern zukommen lassen; aber auch das konnte sie nur mit Vorsicht tun, damit es nicht entdeckt werde. Einmal kam eine arme, zerlumpt aussehende Frau zur Mutter und bat dringend um einen Vorschuß von zehn Gulden; sie habe fünf Kinder daheim und kein Brot; die armen Kinder sollten notwendig Schuhe und Kleider haben, sie wolle es redlich wieder erstatten. Die Mutter gab ihr ein abgetragenes Kleidchen für eins der Kinder und warme Suppe, aber keinen Kreuzer Geld. Das kam Julien sehr hart vor; sie eilte der Frau nach und drückte ihr heimlich zehn Taler in die Hand, die sie durch den Zauberstab hergeschafft hatte, und hörte mit Lust den wortreichen Dank des erstaunten Weibes. Diesmal war sie den ganzen Abend glücklich im Gefühl, eine gute Tat getan zu haben. Am andern Tag kam der Jakoble, ein armer Knabe, welcher alle Wochen den Brotlaib holen durfte, der von den Ersparnissen der Kinder angeschafft wurde. Glückselig, wie immer, zog er mit dem Brot ab. Nun aber dachte Julie: »Wart', ich will dich erst recht glücklich machen!« und auf der Straße, wo man es vom Haus aus nicht mehr sehen konnte, gab sie ihm einen blinkenden Taler.

»Das ist mein?« fragte der Knabe und sperrte seine runden Augen weit auf.

»Ja, dein, daß du dir auch einmal einen recht guten Tag machen kannst, armer Junge!« sagte die großmütige Julie.

»Juhe!« schrie Jakob und hüpfte in die Höh', daß der Laib in den Kot fiel; »das soll ein Leben geben!«

Nun, dachte Julie vergnügt, ist doch meine Feenkraft zu etwas gut; da kann ich so viele frohe Leute machen! – Wenige Tage darauf ging sie mit den Eltern und Geschwistern spazieren. Sie kamen an einem einzeln stehenden Wirtshaus vorbei; einige Schritte davon schrien die Kinder erschrocken auf. Da lag ein zerlumptes Weib am Wege, ohne Bewußtsein wie es schien. Sie stieß nur undeutliche Töne aus und verbreitete einen abscheulichen Branntweingeruch um sich; ein kleines Mädchen stand weinend dabei und suchte sie aufzurichten. Mit Abscheu wandte sich der Vater weg und bat einen Bauern, der mit einem Karren herkam, die Person ins Dorf zu führen.

»Ja, das garstige Weibsbild!« sagte der Bauer verächtlich, »die hat Mann und Kinder durch ihr Trinken ins Elend gebracht; jetzt ist sie im Armenhaus, die Gemeinde sorgt für sie und die Kinder und läßt ihr kein Geld unter die Hand zum Trinken. Vor ein paar Tagen aber muß jemand so dumm gewesen sein und ihr Geld gegeben haben; seitdem kommt sie von einem Wirtshaus ins andere und wird nimmer nüchtern. Die armen Tröpflein von Kindern!«

»Sie war auch bei mir und bat um Geld,« sagte die Mutter; »ich aber kannte sie und gab ihr keines.« Julie hatte das Weib wohl wieder erkannt; sie war mäuschenstill, als der Bauer mit der garstigen Last brummend weiterfuhr und die andern Kinder sich entsetzt über ein so abscheuliches Laster aussprachen. Daheim wartete ein Mann auf die Mutter, es war der Vater des Jakoble. »Ach, liebe Frau,« sagte er, »Sie haben uns schon so viel Gutes getan; – aber seien Sie nur nicht böse! – wenn Sie uns wieder eine so große Wohltat zudenken wie gestern, so geben Sie's lieber mir selbst; so einem Buben wird das Geld leicht zur Versuchung.«

»Ich verstehe Euch nicht,« sagte die Mutter, »ich habe Eurem Jakob kein Geld gegeben.«

»Ja, wissen Sie, gestern, wo mein Bub' das Brot bei Ihnen holen durfte, das uns so ein großer Dank ist, gab nachher Ihr Fräulein dem Buben noch einen großen Taler.«

»Gewiß nicht!« sagte die Mutter. »So große Geldgeschenke kann ich nicht machen, meine Kinder noch weniger; auch gebe ich nie einem Kind soviel Geld unter die Hand.«

»Muß doch wohl so sein,« sagte der Mann, »müßte mich nur der Bub' angelogen haben. Wie also der Bub' das Geld unter der Hand gehabt, soviel wie noch nie gesehen, will er's mir bringen. Da kommt ein anderer Schlingel, knützer als der meine; der sieht das Geld bei ihm und beredet ihn, sie wollen's behalten und sich einmal einen recht guten Tag davon machen. ›Ja, dazu hat mir's auch das Fräulein gegeben,‹ sagt meiner. Gehn also die Schlingel zum Konditor, essen Zimtstern und Biskuit, und was weiß ich; gehn zum Kaufmann und holen Zigarren, wo's dem meinen erst noch sterbensweh davon geworden ist, und treiben allen Unfug. Der Kaufmann merkt wohl, daß für die die Zigarren nicht gewachsen sind, und schickt einen Polizeidiener hinterher. Was meinen Sie, wie ich erschrocken bin, wie mir der meinen Buben am Kragen daherbringt, wo ich selber doch in meinem Leben vor kein Amt gekommen bin! Ich hab dem Buben auf allen Fall das Wams tüchtig ausgeklopft, er weiß auch, daß er's verdient hat; aber das versichert er, daß ihm das Fräulein den Taler gegeben.«

Julie war davongegangen, voll Angst, es werde entdeckt, daß sie das Unheil gestiftet. Sie hörte noch, wie die Mutter dem Mann sagte, daß auch sie nicht glaube, daß Jakoble gestohlen und gelogen, daß aber keins ihrer Kinder ihm das Geld gegeben habe; es müsse ein anderes Mädchen gewesen sein.

So war denn Julien auch diese Freude genommen, und sie mußte fürchten, daß der Knabe, den sie durch ihre unbedachte Gabe in Versuchung geführt, nun noch als Dieb und Lügner bestraft werde. Sie war doch recht übel dran mit samt ihrem Feenstab! Von solchen Schwierigkeiten hatte sie noch in keinem Märchen gelesen. Sie wußte wohl, daß Günstlinge der Feen oft verfolgt würden von andern bösen Feen und Genien; aber daß sie in beständiger Sorge sein müßten vor Verweisen und Strafen von Eltern und Lehrern, das schien ihr doch unerhört.

»Aber ich bin auch einfältig,« dachte sie wieder; »kann ich mir denn nicht einen Ort wünschen, wo ich all meine Herrlichkeit in Ruhe und Frieden genießen kann, ohne all die Plackerei mit Lernen und Stricken und Nähen?« – »Aber die Eltern verlassen und die Geschwister?« fragte eine andre Stimme in ihrem Herzen. »Ach was!« dachte sie wieder; »die haben mich doch nicht lieb; die Mutter zankt ja immer, die Geschwister necken mich; Klara, die ist die Gute, die ist der Liebling; wenn ich nicht mehr da bin, dann werden sie mich erst wieder lieb haben.« Und sie beschloß, am andern Morgen sich freizumachen von all dieser Last und sich ihres Glückes ungestört zu freuen.

Freilich wollte es ihr wehmütig werden, als in der Nacht, nachdem sie alle zu Bett gegangen, die Mutter noch leise hereinkam, sich über jedes Bett beugte und jedes Kind auf die Stirne küßte; aber sie schlug sich's wieder aus dem Sinn: »Die Mutter hat ja noch Kinder genug; morgen, da soll's erst schön werden.«

3. Der Feensitz.

Es war Morgen; die Geschwister waren zur Schule, Julie hatte sich davongeschlichen ins Feental. »Jetzt muß ich eilen,« dachte sie, »eh' man in der Schule nach mir fragt und mich sucht.« Sie schlug mit dem Stäbchen auf den Boden: »Ich wünsche mir einen schönen Ort, weit von hier, wo ich in Ruhe alles haben und genießen kann, was ich will.«

Ein dichter Nebel stieg auf, der sie einhüllte und ganz betäubte. Als sie wieder aufsehen konnte, da war der klarste Sonnenschein; sie glaubte wieder zu träumen. Oh, das war, schöner, als sie sich wünschen konnte! Vor ihr lag ein wunderhübsches, kleines Schloß, dessen leichter, zierlicher Balkon von Efeu umrankt und mit Blumen geschmückt war. Breite Marmortreppen führten in einen offenen Saal, dessen hohe Fenster in den Garten gingen, welcher das Schlößchen umgab. Und dieser Garten selbst, wie schön war der! Die Wege, die zwischen den herrlich duftenden Blumenbeeten hinführten, waren mit glänzendem Sand bestreut; ein Springbrunnen warf seinen silberhellen Strahl hoch in die Luft; überall waren Lauben mit weichen Moossitzen, bunte Vögelein schlüpften zwischen den blühenden Zweigen und sangen nach Herzenslust. Sie konnte kaum vor Freude und Verwunderung dazu kommen, ins Schlößchen hineinzugehen. Und da war's doch noch viel schöner!

Unten der lustige Gartensaal; daneben ein Kabinett, in dem ein köstliches Frühstück in zierlichem Geschirr bereit stand, und oben noch ein Saal mit herrlichen Bildern; ein Speisezimmer, in dem das feinste Silbergerät zur Mahlzeit aufgestellt war; ein Spielzimmer mit Puppen und Spielsachen, ach, wie wunderschön! ein Schlafzimmer, darin stand hinter Umhängen von rosenrotem Flor ein prächtiges Bett mit gestickten Kissen und seidenen Decken, und im Saal noch ein hübscher Schrank, angefüllt mit Büchern im schönsten Einband voll von Bildern und Geschichten! Julie konnte nicht müde werden, alle die Pracht zu bewundern. Und hier durfte sie nicht fürchten, im Genuß unterbrochen zu werden. Außer den Vöglein im Garten war kein lebendes Wesen ringsum, sie war ganz ungestört; nur gar zu allein. Als sie noch einmal alle Schönheiten ihres Schlößchens betrachtet, eine Weile gelesen, eine delikate Birne verzehrt hatte, die sie im Speisezimmer gefunden, wurde es ihr doch allzu still. »Aber ich muß ja nicht allein bleiben,« dachte sie, »ich kann mir ja Freundinnen bestellen.« Sie sprach ihren Wunsch aus, klopfte auf die Erde, und sieh, sechs allerliebste Mädchen, etwa in ihrem Alter, niedlich gekleidet, standen vor ihr! Sie war zuerst etwas verblüfft vor den neuen Gespielinnen; die aber waren gar lebendig und beweglich, begrüßten sie und nannten ihre Namen: Rosa, Minna, Klärchen, Emily, Linchen, Suzon. Bald flogen die Mädchen miteinander durchs Schlößchen, betrachteten und bewunderten alles zusammen, entdeckten noch Kasten und Kommoden voll der allerschönsten Kleider, Hüte und Schürzchen, und putzten sich damit bis es Mittag war und eine köstliche Mahlzeit für sie bereit stand.

Nun begann ein Leben in Freude und Herrlichkeit, wie es Julie sich eigentlich immer geträumt hatte: spielen, tanzen, singen, lesen und wieder lesen, sich putzen, schmausen und wieder spielen vom Morgen bis zum Abend. Julie dachte: »So soll es ewig währen!« Die Gespielinnen waren immer freundlich, immer gefällig, immer zu allem bereit, die Sonne schien jeden Tag gleich unbewölkt; da war keine lästige Schulaufgabe zu schreiben, kein langweiliger Strumpf zu stricken, keine Schelte zu erwarten, alles lauter Lust und Vergnügen. Nur wenn Julie sich zu Bette legte, dachte sie an der Mutter leichten Tritt, wie sie an den Betten der Kinder herumgewandelt war, und morgens fiel ihr manchmal der Kreis der Geschwister ein, wie sie sich um den Vater gesammelt zum Morgengebet; den Tag über dachte sie wenig an die Heimat in den Freuden des Augenblicks.

So ging es eine Woche, so ging es zwei Wochen. Da begann das neue Leben Julie etwas zu ermüden. Zwar konnte sie täglich neue Kleider, neue Spielsachen, neue Bücher hervorrufen, aber es kam ihr alles wieder dasselbe vor; die Süßigkeiten waren ihr schon in der letzten Zeit daheim entleidet, wo sie sie im Übermaß genossen hatte, – ihr ekelte davor. Mehr und mehr mußte sie an die Heimat denken; an die gute Zeit, ehe sie so ganz in ihre Lesewut verfallen war; an die fröhlichen Spiele im Schulhof, die nach dem Lernen und Stillsitzen eine solche Freude gewesen waren; an die Geschwister, den lustigen Ferdinand, an den neckischen Theodor, an den lieben, netten kleinen Otto, an das Minchen und die sanfte Klara. Wie schön waren die Geburtstagsfeste gewesen: das des Vaters im Winter, wo sie das Schattenspiel sehen durften und Nüsse knackten; das der Mutter im hohen Sommer, wo man eine Wasserfahrt auf dem See machte; ihr eigener Geburtstag im Frühling, wo ihr Klara einen Kranz von Röslein und Maiblumen gemacht und all die andern! Sie konnte jetzt freilich alles das haben, Blumen und Kränze, Wasserfahrt und Nüsse, aber es war doch nicht so schön. Die Gespielinnen, freundlich, willig und zierlich wie sie waren, waren doch nicht wie die Geschwister, sie blieben immer so gleich; sie schienen ihr oft unheimlich, wie lebendige Puppen, sie wußte ja gar nicht, woher sie kamen; sie kam sich oft wie ganz allein auf der Welt vor und hatte das schmerzlichste Heimweh.

Wohl dachte sie auch an alles, was ihr die Heimat so verbittert hatte: an die Verweise der Mutter, den Ärger des Vaters, an das Necken der Geschwister; wenn sie sich aber recht besann, war dann nicht an allem sie selbst schuld? ihr dummes Lesen, und nicht eben das Lesen allein, aber ihr ewig zerstreuter Sinn, der sie abgewendet von ihrer Pflicht; der ihr die bescheidenen Freuden des Vaterhauses entleidet hatte, indem sie sich in ein andres Leben träumte? Jetzt, wo ihr Leben selbst viel wunderbarer war, als sogar die Märchen in den Büchern, jetzt hatte sie viel weniger Lust zum Lesen und sie dachte oft, das sollte ihr das Leben im Vaterhause nimmer trüben.

Es fiel ihr ein, sie wolle arbeiten. Die Gespielinnen waren auch dazu bereit. Sie hätte zu Haus immer gern feine Arbeiten, Stickereien und dergleichen gemacht; die Mutter wollte es nicht gestatten, bis sie schön stricken und das Gewöhnliche nähen könne, und dazu war es bei ihrer Trägheit in Handarbeiten nie gekommen.

So wünschte sie sich denn Geräte zu schönen Stickereien, und ein zierlicher Arbeitskorb mit Seide, Perlen, farbiger Wolle und Stickmustern tauchte auf. Nun sollte es an ein Arbeiten gehen! Aber, ach! die Geschicklichkeit dazu, die gehörte zu den Sachen, die das Zauberstäbchen nicht schaffen konnte. Die sechs Mädchen konnten alles und waren bereit, es Julien zu lehren: aber das Lernen ist so langweilig, die Stiche wollten nicht hübsch werden. Da war niemand, der die Arbeit von ihr forderte; niemand, dem sie durch das Gelingen Freude machte: – sie hatte bald genug und warf alles wieder weg.

Sie dachte daran, hinauszugehen in die Welt und Arme zu erfreuen; aber seit sie so schlimmen Erfolg von ihren Wohltaten erfahren, mochte sie das auch nimmer; heim hätte sie mögen, nur heim! Aber wie konnte sie jetzt wieder nach Haus, seit sie freiwillig die Heimat verlassen? Was sollte sie sagen von all' dieser Zeit? wie würde man sie aufnehmen?

Während sie sich wieder einmal quälte in diesen Gedanken, sieh! da umhüllte sie ein Nebel; als der sich zerstreute, – da stand in Schleiergewändern leicht und luftig die Fee vor ihr.

»Nun, hat meine Gabe dir Glück gebracht?« fragte sie.

»Nein, o nein!« rief Julie. »Da nimm deinen Stab wieder, liebe Fee! ich habe genug an all der Herrlichkeit; gib mir mein Vaterhaus wieder, die Liebe meiner Mutter, meine Geschwister!«

»Liebe kann dir mein Stab nicht verschaffen,« sprach die Fee; »nach Haus kann ich dich wohl bringen; besinn' dich aber recht! Wenn du einmal den Stab aus den Händen gibst, so erlangst du ihn nie wieder. Noch hast du nicht alles Schöne in der Welt gesehen, alles steht dir noch offen: fremde Länder, große Städte ...«

»Nichts will ich mehr, gar nichts! ich will keine Freude mehr, als die der liebe Gott mir gibt; ich will wieder leben daheim mit meiner Mutter,« rief Julie; »lieber will ich sterben in der Heimat als länger so leben!« Da schwang die Fee den Zauberstab, es fuhr herunter wie ein Blitz. Julien war es, als versinke sie mit samt dem Schloß in einen tiefen Abgrund.

Das Ende.

Sie erwachte in einem weichen Bett, und sah auf in die guten treuen Augen ihrer Mutter. »Gottlob, sie wacht!« rief diese.

»Wo bin ich, Mutter?« fragte Julie mit schwacher Stimme; sie fühlte sich todmüde.

»In deinem Bette, du böses einfältiges Kind,« sagte diese liebkosend und streichelte ihre Stirn; »was hast du uns Angst gemacht!«

»Woher kam ich denn, Mutter?« fragte Julie wieder.

»Sprich nicht zuviel, Kind! du bist noch schwach; im Feental haben wir dich gefunden auf der Erde in einem fieberischen Schlaf und dich heimgetragen, schon vor acht Tagen, und seither liegst du im Fieber und phantasierst.« Ein Zentnerstein fiel Julien vom Herzen; das war also nur ein Fiebertraum gewesen!

Da steckte Theodor seinen Krauskopf zur Türe herein und fragte leise: »Schläft sie noch, Mutter?«

»Sie wacht und ist besser,« sagte diese freudig und winkte Stille. Das half aber nicht viel, bald tönte ein fünfstimmiger Jubelruf durchs Haus: »Julie wacht, Julie ist besser!«

Julie sah in einem fort die Mutter mit glückseligen Augen an und umklammerte sie mit beiden Armen und fragte nur immer wieder leise: »Bin ich denn bei dir, Mutter, hast du mich lieb?«

»Freilich, du Närrchen,« sagte diese freundlich, »sei nur ruhig und still!«

Der Vater kam mit dem Arzt, der fühlte den Puls: »Ganz gut,« sagte er; »etwas schwach, aber das kann nicht anders sein nach dem anhaltenden Fieber; die Krankheit steckt vielleicht schon lang in dem Mädchen. Die Nervenaufregung durch das viele Gelese, die Erkältung durch das Einschlafen in dem feuchten Tal haben das Fieber vollends zum Ausbruch gebracht; aber nun ist alles auf gutem Weg, sie braucht nur etwas Stärkung, Ruhe und – keine Bücher!«

»Gleich morgen verbrenne ich all die verwünschten Bücher!« rief die Mutter in großem Eifer.

»Noch heute, Mutter!« schrie Julie noch eifriger; »in meinem Leben will ich gar nichts mehr zur Unterhaltung lesen, gar nichts!«

»Sachte, sachte!« sprach lächelnd der Vater. »Versprich nicht mehr, als du halten kannst! das ist gar nicht nötig. Wie der liebe Gott unter dem nährenden Korn die blauen und roten Blumen wachsen läßt, die keinen Zweck und Nutzen haben, als daß sie das Herz und das Auge erfreuen; so läßt er auch im Gebiet des Geistes Kornblumen wachsen zu reiner, harmloser Lust und Freude. Wer aber seinen Acker mit lauter Blumen besäen wollte, der müßte im Winter Hunger sterben, und das hätte beinahe meine Julie getan.«

Julie nickte lächelnd unter Tränen dem Vater zu.

Jetzt ließen sich die Kinder nimmer halten und Julie bat, sie doch alle hereinzulassen. Voran kam Klara und brachte ihr guten Tee zur Stärkung; dann Theodor, der hatte ihr seine Brezel vom gestrigen Sonntag aufgespart; Ferdinand brachte ihr seinen allerneuesten Bilderbogen selbst illuminiert, Soldaten mit roten Nasen und gelben Federbüschen; Minchen wollte auch nicht zurückbleiben und brachte ihre schönste Puppe, eine prächtige Puppe, wenn sie nur nicht vor einiger Zeit die Nase eingefallen hätte! Sogar dem kleinen Otto hatten sie ein Stückchen Zucker in die Hand gegeben, und er brachte ihr's redlich und sagte: »Da, Ullewester!«

Julie war so glücklich in ihrer Liebe, und als sie etwas kräftiger war und mehr reden durfte, da erzählte sie ihnen alle Träume ihrer Fiebertage, von der Erscheinung der Fee an bis dahin, wo das Schloß versunken war, und die Brüder sperrten Mund und Nase auf über den Traumabenteuern ihrer Schwester.

Julie genas, und wie ihr Kraft und Gesundheit wiederkehrte, erbleichte ihr die Erinnerung an ihren Traum zu einem unbestimmten Nebelbild, und wenn sie ihn nicht sobald den Geschwistern erzählt hätte, so hätte ihn wohl niemand erfahren. Was sie aber nicht vergaß, das war das unbeschreibliche Glück, das sie in der Liebe der Eltern und Geschwister gefunden hatte, und der gründliche Überdruß, den ihr ein müßiges Schlaraffenleben ohne Arbeit und Gebet eingeflößt hatte; und sie war ernstlich bemüht, ihre wiedergefundenen Kleinode nicht zu verlieren. Das Lesen verlernte sie nicht; recht eifrig studierte sie die Bücher, die ihr der Vater und der Lehrer gaben: Geschichte, Reisebeschreibungen, Erdkunde, und es ward ihr ganz wohl dabei, als sie mehr und mehr daheim wurde auf der Erde, in der Menschenwelt. Nicht gehindert von törichten Träumen, konnte sie jetzt in kindlichem Gebet ihr Herz zu Gott erheben und Kraft bei ihm holen zur Erfüllung ihrer täglichen Pflichten.

Wenn die Geschwister dann mit der Eltern Willen sich zusammen ergötzten an schönen Geschichten oder Gedichten, dann sah sie erst, wie lieblich die Kornblumen stehen in einem reichen Feld voll nützlicher Saat.

Julie wurde nicht mit einem Male ein Engel, aber sie ward mit Gottes Hilfe ein frommes, fleißiges, gehorsames Kind und erwuchs zur Freude der Ihrigen und zu Gottes Wohlgefallen. Und das Leben wurde ihr so schön und reich und seine kleinen Freuden so lieblich! Das Lächeln der Mutter, der Beifall des Vaters und der Friede ihres Herzens blieben ihr tausendmal süßer als aller Glanz der Feenwelt.








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