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Das ewige Herz

Hans Dominik: Das ewige Herz - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
authorHans Dominik
titleDas ewige Herz
publisherWilhelm Limpert-Verlag
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year1942
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der Reichstag

Vier Jahre sind verflossen seit Meister Henlein aus Dänemark Kunde vom flüchtigen Bruder erhielt. Eine kurze Zeitspanne nur im Leben der Völker, doch das Bild der Welt hat sich in diesen wenigen vier Jahren grundlegend verändert. Im Sachsenland nagelte im Jahre 1517 ein Augustiner seine Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg. Ein Mönchsgezänk schien's zuerst, doch immer weitere Kreise hat der Streit gezogen und nun ganz Deutschland ergriffen.

Zu Beginn des Jahres 1519 hat der römische Kaiser Maximilian, die müden Augen für immer geschlossen und mit ihm ward das Mittelalter zu Grabe getragen. Sein Enkel Karl, fast noch ein Knabe, ist ihm in der Herrschaft gefolgt und gebietet über ein Reich, in dem die Sonne nicht untergeht. Umfangreicher als das Imperium des großen Karl ist das Gebiet, das in Europa unter dem Zepter des jungen Herrschers steht. Länder von kaum faßlicher Größe gehorsamen und Zinsen ihm jenseits des Ozeans; die Länder einer neu entdeckten Welt, aus denen sich ein steter Goldstrom nach Europa ergießt, durch Spanien flutet und seine Ausläufer bis in die deutschen Reichsstädte entsendet.

Eine Universalmonarchie wie der erste Karl sie einst geschaffen hatte, wie die Kaiser aus den Geschlechtern der Ottonen und Staufer sie vergebens erstrebten, ist unter dem Zepter des fünften Karl vereinigt. Wird er das neue Weltreich zusammenhalten und regieren können? Das ist die Frage, welche die Besten im Reiche bewegt.

Ein Kriegsmann wie Carolus magnus ist Carolus quintus nicht; das scheint jetzt schon festzustehen. Doch, daß er ein kluger, mit allen Wassern der Politik gewaschener Regent ist und die geschicktesten Köpfe des Weltreiches zu seinen Ratgebern gewählt hat, ist ebenfalls sicher. Nur eines spricht in Deutschland gegen ihn. Der neue Herrscher ist kein Deutscher und kaum der deutschen Sprache mächtig. In den Niederlanden in der Stadt Gent aufgewachsen, fühlt und denkt er international; steht den Fragen, die jetzt Deutschland bewegen, wie ein Fremder gegenüber.

Der Religionsstreit, der in Wittenberg seinen Ausgang nahm, paßt schlecht in sein diplomatisches Spiel. Der rebellische Augustinermönch ist ihm freilich nur ein Ketzer und er würde keinen Augenblick zaudern, ihn dem Scheiterhaufen zu überantworten, wenn er nicht vor den Folgen zurückschreckte. Der Zwiespalt zwischen den deutschen Fürsten könnte dadurch leicht zur offenen Feindschaft wachsen und er braucht ihre vereinte Kraft für die bevorstehende Auseinandersetzung mit dem französischen Könige Franz. Deshalb hat er nun für den Aprilmond des Jahres 1521 einen Reichstag nach Worms berufen, von der Hoffnung getragen, daß die widerstreitenden Meinungen sich hier ausgleichen lassen möchten. Den Plan hierzu hat er mit seinen Beratern wohl erwogen. Man wird diesem Dr. Martinus Luther die gewandtesten Theologen entgegenstellen, wird einerseits mit dem Scheiterhaufen drohen und den Abtrünnigen andererseits mit der Möglichkeit hoher geistlicher Würden, vielleicht sogar mit dem Kardinalspurpur zu locken versuchen. Dann müßte es doch sonderbar zugehen, wenn dies Spiel nicht ebenso gewonnen würde, wie schon früher so manches andere.

Doch diese Frage ist nur eine der vielen, über die auf dem Reichstag zu Worms verhandelt werden soll und wie der junge Herrscher meint, nicht einmal die wichtigste. Geld braucht er vor allen Dingen, denn seine Wahl zum deutschen König hat ihn schwere Summen gekostet. Seine Kassen sind erschöpft; viele hunderttausend Gulden sind in die Hände der Kurfürsten gegangen, um dem französischen Golde, mit dem König Franz sie zu bestechen versuchte, entgegenzuwirken. Das soll jetzt wieder ausgeglichen werden und eifrig halten seine Räte nach Möglichkeiten Ausschau, wie man alte, von früheren Herrschern gegebene Gerechtsame zu Gunsten der Krone einziehen und ihre Erträgnisse dem habsburgischen Hausschatz nutzbar machen kann. – – –

Was in den kaiserlichen Kanzleien gesponnen wird, bleibt trotz aller Vorsicht nicht geheim; irgendwo und irgendwie sickert ein weniges durch und auch ein hochwohlweiser Rat der Reichsstadt Nürnberg bekommt Wind davon. Ist erst einmal eine Spur vorhanden, so ist es nicht mehr allzu schwer, ihr nachzugehen und bald erfahren die Herren Genaueres.

Im kleinen Kreise wird das Gehörte besprochen. In der Hauptsache dreht es sich dabei um die Stadtsteuer, die alljährlich im Betrage von elfhundert Gulden an die kaiserliche Kammer zu entrichten ist. Schon zur Zeit Maximilians ist diese Steuer ein beliebtes Mittel für kaiserliche Finanzkünste gewesen. Die Kammer in Innsbruck gab Verschreibungen darauf aus, die von der Nürnberger Stadtkasse wohl oder übel eingelöst werden mußten, wenn auch der fällige Jahresbetrag der Steuer dadurch überschritten wurde. Jetzt steht zu befürchten, daß das neue Regiment das alte Mittel vielleicht noch in verstärktem Maße anwenden wird und davor möchte man sich schützen. »Ein kluger Mann baut vor«, meint das Stadtoberhaupt bedächtig.

»Abhilfe kann nur kommen«, sagt Herr Volkamer, »wenn dem Unwesen mit den Verschreibungen gesteuert wird; es muß ein klar Geschäft zwischen unserem Rentamt und der kaiserlichen Kammer werden. Wir führen die Steuer dorthin ab und die Kammer enthält sich der Verschreibungen auf unsere Kassen.«

»Wär schon recht so, Herr Volkamer«, pflichtet der Ratsherr Groland ihm bei, nur wird's schwer halten, die Innsbrucker dahin zu bringen. Von sich aus werden sie es nimmer tun. Ist ein bequemes Spiel, sich bare Gulden auf unsere Rechnung zu beschaffen, wenn die eigenen Kassen leer sind.«

»'S muß von oben kommen, von sich aus tun sie's nicht, bestätigt Herr Christof Kreß die Ansicht des Vorredners. Man müßte sich hinter die kaiserlichen Räte stecken.«

»Ist leicht gesagt, doch schwer getan«, wirft der Bürgermeister dazwischen. »Die Herren Räte sehen zu allererst auf ihres Herrn Taschen. Werden wenig geneigt sein, den billigen Forderungen unserer Stadt Raum zu geben.«

»Man müßte es mit der ars diplomatica versuchen«, nimmt Herr Kreß den Faden wieder auf, müßte den Herren zu imputieren versuchen, daß es schließlich ihr eigener Vorteil ist. Würden sich dann, meine ich, unseren Gründen nicht verschließen. Ich wüßt wohl einen, bei dem es glücken könnte, so es gelänge, sein Ohr zu gewinnen.«

»An wen denkt Ihr Herr Kreß?« fragt der Bürgermeister.

»Ich habe den Sekretarius Johannes Hannart, den Grafen zu Lombecke im Sinn«, erwidert Christof Kreß. »Ist ein leutseliger Herr, die gräfliche Gnaden. Habe schon einmal zu Innsbruck mit ihm beim tiroler Boten zu Tisch gesessen; habe gefunden, daß man ein verständig Wort mit ihm reden kann.«

Herr Caspar Nützel hat bisher geschwiegen.

»Ihr werdet ihn in Worms nicht so leicht beim Becher haben, Herr Kreß«, wendet er nun ein. »Der kaiserliche Sekretarius wird als ein großer Herr auf dem Reichstag erscheinen. Es wird schwer halten, dort an ihn heranzukommen. Werden sich genug andere um ihn drängen. Wird am Ende nicht einmal Zeit haben, uns zu empfangen und viel weniger noch lange mit uns zu reden.«

»So man ihm ein sinnig Präsent machte«, meint Herr Leonhard Groland und fährt nach einigem Nachdenken fort, »darf nicht allzu kostbar sein, daß es keiner Mißdeutung anheimfällt. Müßte etwas Absonderliches sein; etwas, das es nur in unserer Stadt gibt.«

»Sind unsere Lebküchler gerühmt im ganzen Reich. Man könnte ...« hebt Herr Volkamer an.

»Würde die gräfliche Gnaden uns auslachen, so wir mit solcher Gabe kämen«, unterbricht Herr Christof Kreß den Anderen. »Ich sagte es ja schon. Sinnig muß das sein, was wir ihm bringen. Soll eine: captatio benevolentiae sein, wie die Lateiner es nennen. Soll ihn, so er's hat, immerfort an unsere Stadt erinnern, täglich und stündlich.«

Seine Worte werden jäh unterbrochen. Ungeachtet der Gegenwart des Stadtoberhauptes hat Herr Caspar Nützel kräftig auf den Tisch geschlagen spricht nun:

»Jetzt weiß ich's Ihr Herren, was wir dem Sekretarius schenken müssen! Ein Oerlein unseres Meisters Henlein mein ich! Ist doch wahrlich etwas Absonderliches und gibt es desgleichen zur Zeit nirgends wo anders in der Welt, als bei uns. Wird der Graf von Lobecke täglich an Nürnberg denken, so er das Eylein sieht und stündlich, so er's schlagen hört.«

Ein Oerlein Meister Henleins! Wie ein Blitz hat das Wort des Herrn Caspar eingeschlagen. Nur kurze Zeit sitzen die anderen schweigend, dann kommt dem Sprecher von allen Seiten Zustimmung.

»Ein Oerlein! ... ein Nürnberger Eylein! ... das ist das Rechte ... ist sinnig ... ist absonderlich ... wird ihn an die Reichsstadt mahnen ... und wird auch nicht allzu teuer sein«, fügt das Stadtoberhaupt hinzu.

»Mit Verlaub Hochwohlweiser«, fährt Herr Caspar Nützel fort, »soll das Geschenk unserer Reichsstadt Ehre machen, so muß es ein würdig Gewand haben. Wollen mir die eisernen Bisamäpflein, in die Meister Henlein seine orologia jetzt setzet, für den Sekretarius nicht genug erscheinen. Man müßte für das Oerlein ein silbern Gehäus beschaffen, daß es neben den beiden silbernen Leuchtern bestehen kann, so Ihr schon beschlossen habt, dem Sekretarius überbringen zu lassen.«

»Ein silbern Äpflein? Das darf der Meister Henlein nicht fertigen. Es geht gegen die Zunftregel«, läßt sich Herr Volkamer vernehmen.

»So macht's der Silberschmied unseres Rates und Meister Henlein fügt das Oerlein ein«, zerstreut Herr Groland das Bedenken.

»Er muß es nach einer Zeichnung von Meister Peter machen, daß Oerlein und Gehäus sich recht zusammenfügen«, verlangt Herr Caspar.

»Ihr kennet den Meister Henlein gut, Herr Nützel«, nimmt der Bürgermeister das Wort. »Traget ja auch, wie ich sehe, ein Oerlein bei Euch.«

»Das erste, hochwohlweiser Herr, das aus seiner Werkstatt hervorging!«

»So übernehmet denn vom Rate unserer Stadt den Auftrag, mit dem Meister Henlein ob eines Oerleins für den kaiserlichen Sekretarius zu verhandeln und mit unserm Silberschmied des Gehäuses wegen.«

»Will's gern übernehmen«, sagt Herr Caspar. Während er spricht, gleiten seine Finger wie spielend über das Äpflein, das an einer Kette auf seiner Brust ruht. Ein leises Schnurren tönt aus dem Äpflein, silberhelle Schläge klingen aus ihm heraus.

»Die sechste Stunde Ihr Herren«, sagt der Bürgermeister, »unsere Beratung ist geendigt. Ihr Herr Caspar Nützel wollet besorgen, was Euch aufgetragen.« –

»Ist Herr Nützel schon das dritte Mal in dieser Woch beim Meister gewesen«; sprechen die Gesellen in der Werkstatt unter sich. »Hat jedesmal lange neben ihm gesessen. Hat auch mit dem Martin geredet und ihm bei der Arbeit auf die Finger geschaut, als hinge seiner Seelen Seligkeit von den Räderlein ab, die der Gesell mit dem Stichel fertig machte.«

»Will den Meister bitten, daß er mich zu den Oerlein nimmt«, raunt der junge Gesell Valentin seinem Nachbarn an der Feilbank zu.

»Laß es den Georg nicht vorzeitig wissen«, warnt ihn der Andere. »Mußt es im Stillen mit dem Meister abmachen, sonst verdirbt der Georg Dir's noch. Der hat nichts im Sinn mit den Oerlein.«

Während die beiden noch sprechen, öffnet sich die Tür der Werkstatt.

»Schon wieder der Herr Nützel!« sagt Valentin, »muß doch einmal aus der Näh anschauen, was er beim Meister zu bestellen hat.«

Damit macht er sich an einem Repositorium zu schaffen, als wollte er ein Werkzeug holen. Steht dabei selbst halb verborgen und kann sehen und zum Teil auch hören, was bei des Meisters Platz am Fenster geschiebt.

»Das Oerlein ist fertig, Herr Nützel«, begrüßt Meister Henlein den Besucher. »Es geht und schlägt genau. Ist ein zuverlässig Werk worden. Wir können wohl, so hoffe ich, Ehre damit einlegen.«

Eine Weile betrachtet Herr Caspar das zierliche orologium.

»Habt Euch selber übertroffen, Meister Henlein«, meint er dann lobend. »Nun ein schmuckes Gewand für das Werklein.« Während er's sagt, entnimmt er seiner Tasche ein Äpflein das in hellweißem Glanz erstrahlt. »Hat auch sein Bestes getan, der Silberschmied«, spricht er weiter. »Hat nicht nachstehen wollen, so es um das Ansehen unserer Stadt geht. Hat alles fertig gemacht. Ihr braucht das Oerlein nur noch in das Gehäus zu fügen.«

Des Meisters Augen glänzen heller, während er das silberne Äpflein in die Hand nimmt und das orologium probeweis einsetzt.

»Paßt trefflich zusammen. Hat saubere Arbeit gemacht, der Meister, gibt er sein Urteil ab. »In einer Stunde wird's gefüget sein.«

»Bringet es danach zum Herrn Groland und bestellet ihm eine Empfehlung von mir«, sagt Herr Caspar und geht wieder.

›Ein Oerlein in silbernem Gehaus für den Ratsherrn‹, denkt Valentin in seiner Ecke, ›heute noch will ich den Meister bitten. Ich muß auch ein Oerleinmacher werden!‹ – – –

Meister Peter kommt vom Rathaus und nimmt den Weg durch die Sebaldusgasse auf sein Haus zu. Der kurze Mantel, den er an diesem sonnigen Frühlingstage nur über die Schultern geworfen hat, hängt zur einen Seite tiefer hinab; das macht der Beutel, den er in der linken Manteltasche trägt und der mit blanken Gulden straff gefüllt ist. – – –

Zur gleichen Zeit greift in der dämmerigen Kanzlei der Ratschreiber Herr Melchior Sartorius nach einem Heftlein, dessen Deckel das Wort »inscribenda« trägt. Er schlägt es auf, rückt sich die Brille zurecht, taucht einen Gänsekiel in das geräumige Tintenfaß und beginnt zu schreiben »Auch haben wir gegeben 142 Gulden Landeswährung, 4 Schillinge und 4 Heller für zwei silberne Leuchter und 57 Gulden für ein selbstgehendes orologium mit einem silbernen Gehäus, was alles Herr Nützel dem kaiserlichen Rat Johann Hannart zu Worms verehrt hat.«:

»Item dedimus 152 guldein landswerung 4 schillinge 4 haller fur zwen silberne leuchter; wegen 7 mark 9 lot 3 quentlein, zu 12½ fl. die mark, und 57 fl. fur ein selbgeent orologium mit einem silbernen geheus, domit gemelter Nutzl herrn Johann Hannart, k.mt.rat, zu Wurmbs verert hot.« – – –

Das Oerlein und die beiden Leuchter über die der Ratschreiber hier getreulich Buch führt, befinden sich zu dieser Vormittagsstunde schon nicht mehr in den Mauern der Reichsstadt. Sie ruhen sicher verwahrt in den Satteltaschen eines Packpferdes, das inmitten einer Kavalkade auf der Landstraße nach Mergentheim dahintrabt.

Ein Trupp von acht Berittenen ist es, der schon am frühen Morgen aus dem Westtor Nürnbergs hinaus ritt. Die drei Abgesandten des Rats, die Herren Caspar Nützel, Leonhard Groland und Christof Kreß bilden die Spitze, zwei Stadtknechte reiten hinter ihnen, das Packpferd in der Mitte und drei weitere Knechte machen den Beschluß. Wohl bewaffnet sind die Herren und auch die Knechte, denn die Straßen des heiligen römischen Reiches sind nicht so sicher, daß es ratsam wäre, ohne ein Schwert an der Seite auf ihnen zu reisen. Doch jeder Ritter vom Stegreif würde es sich wohl zweimal überlegen, diesen wehrhaften Trupp anzugreifen. Unter dem Schutze von acht Schwertern befindet sich das Oerlein des Meisters Henlein in guter Hut.

Die drei Herren brauchen sich keine Sorgen um die Geschenke eines wohlweisen Rates zu machen. Bald im Schritt und bald im Trabe legen sie Meile um Meile auf der Landstraße zurück, an deren Seiten die Apfelbäume in voller Blüte stehen. Wenn's möglich ist, wollen sie heut noch das Städtchen Mergentheim, das auf halbem Wege von Nürnberg nach Worms liegt, erreichen und dort zur Nacht bleiben. Herr Groland hat den Vorschlag gemacht, im Gästehaus des deutschen Ordens, mit dessen Komtur er bekannt ist, einzukehren und die beiden anderen Herren haben ihm zugestimmt. – – –

Am nächsten Tage erreichen die Reisenden durch das Taubertal den Main und reiten auf den Odenwald zu. Das Quartier in der zweiten Nacht ist nicht so sicher wie das bei den Deutschrittern, so daß Herr Nützel die Stadtknechte wechselweise Wache gehen läßt; doch auch diese Nacht verläuft ohne Zwischenfall und am Abend des dritten Tages sehen sie die Türme von Worms vor sich liegen. Die alte Kaiserstadt am Rhein hat nicht genügend Raum in ihren Mauern für die Menge all derer, die hier zur Reichstagung zusammen gekommen sind. Ritt doch mancher Kurfürst mit einem halben Tausend Pferden ein und brachte doch auch jeder der geringen Territorialherren einen stattlichen Troß mit.

»Es sieht nicht eben verheißungsvoll um ein erträglich Unterkommen aus«, meint Herr Groland, während ein Ferge die nürnberger Herren mit ihren Knechten und Gäulen über den Strom setzt. Dabei deutet der Ratsherr auf das Treiben am gegenüberliegenden Ufer. Viele Hunderte aus den fürstlichen Gefolgen haben außerhalb der Stadtmauer bleiben müssen und so ist hier am Rheinufer eine weit ausgedehnte Zeltstadt entstanden.

»Wollen uns nicht lange mit unnützem Suchen aufhalten«, sagt Herr Caspar, als sie das Stadttor hinter sich haben. »Wäre ein vergeblich Liebesmühen, in einer Herberg noch ein Plätzlein zu finden. Hab eh zuvor daran gedacht und einen Brief an meiner Base Vetter, den Bäck in der Rheingasse gesandt. Wollen erst einmal dorthin reiten.« – – –

Die Gesandten des nürnberger Rates sind beim Bäck noch glücklich unter Dach und Fach gekommen. Es ist zwar nicht so standesgemäß wie's Ratsherren und Ratsverwandten sonst wohl geziemt. Zu Dritt müssen sie in einem Kämmerlein vorlieb nehmen; sind aber doch recht froh, als sie sich nach dem langen Ritt auf's Stroh strecken können, das ihr Wirt in der Kammer für sie ausbreitet. Hören auch nicht mehr viel, von dem, was der Bäck von anderer Einlagerung spricht, die er noch habe. Sie haben's ja noch immer besser getroffen als ihre Knechte, die samt den Gäulen auf der Gasse kampieren müssen. Herrn Caspars Haupt ruht auf der Satteltasche. Während der Schlaf schon über ihn kommt, hört er halb im Traume noch das Ticken des Oerleins, hat aber nicht mehr vernommen, wie das Werk anhub die zehnte Stunde zu schlagen. – – –

Am nächsten Tag gehen die drei, dem Grafen Lombecke ihre Aufwartung zu machen. Dessen Quartier ist schnell erfragt und ... fast überrascht sie's ... der kaiserliche Sekretarius läßt sie sogleich vor und erinnert sich bei der Begrüßung auch der Bekanntschaft mit Christof Kreß.

»Die Herren haben es gut getroffen«, meint er, »daß sie just heut kommen. Morgen hätte ich vielleicht nicht Zeit gehabt. Die Majestät lassen schon den zweiten Tag gegen den Ketzer verhandeln«, fügt er erklärend hinzu. »Seit gestern haben die doctores theologiae das Wort. Bis sie mit dem Martinus Luther fertig geworden sind, müssen alle anderen Geschäfte des Reiches zurückstehen.«

»Es wird ein großes Wesen um den Mönch gemacht«, nimmt Herr Kreß das Thema auf. »Wir hörten unterwegs, daß der Heilige Vater einen besonderen Legaten nach Worms entsandt hat. Eine Eminenz eines einfachen Augustiners wegen. Ich kann's nicht begreifen, wie so etwas möglich ist.«

»Ihr würdet noch mehr staunen, wenn Ihr sähet, wie wenig die braune Kutte vor dem Purpur des Legaten zurückweicht. Hat die biblia vor sich liegen, der Wittenberger; schlägt sonder Scheu und Respekt mit der Faust darauf, wenn die römischen Professores ihm eine Irrlehre vorwerfen. Schreit in Gegenwart der Majestät in den Saal, so sie ihm aus der Schrift beweisen, daß er Unrecht hat, wolle er's zurücknehmen, sonst müsse es dabei bleiben.« »Hat die Majestät es geduldet, gräfliche Gnaden?« fragt Herr Groland.

»Sie hat's zugelassen«, erwidert Graf Lombecke. »Carolus Quintus sitzt schweigend in seinem Thronsessel. Seinetwegen wird in lateinischer Sprache disputiert. Aufmerksam folgt er jedem Wort und bleibt unbeweglich wie eine Sphinx. Nur bisweilen, so wurde mir gesagt, soll es in seinem Antlitz zucken.«

»Warum soviel Rücksicht auf einen Ketzer?« spricht Herr Groland vor sich hin.

Der Graf zuckt die Achseln. »Ich kann's Euch nicht erklären, Ihr Herren. Nehmet an, daß es mit der ars politica zusammenhängt. Die Majestät plant große Dinge und möchte sich ein kunstvoll Gespinst nicht plump zerreißen lassen. Wir wollen hoffen, daß alles zu gutem Ende kommt.« – – –

Nach einer kurzen Pause bringt der Sekretarius das Gespräch auf ein anderes Thema. »Wie geht es in der Reichshauptstadt Nürnberg?« fragt er unvermittelt.

Damit ist das Stichwort für Herrn Caspar gegeben. In wohlgesetzter Rede bringt er die Ergebenheit des Rates seiner Stadt zum Ausdruck, und als sichtbares Zeichen solcher Gesinnung packt er die Geschenke aus. Während er die schweren Leuchter mit Wachskerzen besteckt, mustert der Graf sie mit prüfendem Blick. ›Ein stattlich Präsent‹, geht's ihm durch den Sinn, ›haben am Silber nicht gespart, die nürnberger Herren‹. Zweifelnd blickt er indes, als Herr Caspar Nützel ihm nun ein Äpflein an silberner Kette darbietet. Ziemt es sich für einen Sekretarius der Majestät, solch modisch Bisamknöpflein um den Hals zu tragen?, fragt er sich und horcht dann auf.

»Es ist das Neueste, Euer Gnaden«, spricht Herr Caspar, »so Kunstfleiß und Ingenium in unserer Stadt hervorgebracht haben. Ist ein selbstgehend Oerlein in dem Apfel verborgen, das Euch die Stunden richtig weist und schlägt. Schaut den feinen Zeiger. Ihr könnt von Eurem Fenster aus die Uhr am Domturm erblicken. Steht ihr großer Weiser just ebenso wie das Zeigerlein im Apfel.«

Aufmerksam folgt Graf Lombecke den Worten des Herrn Nützel. Dunkel ist ein Gerücht zu ihm gedrungen, daß man in Nürnberg orologia erfunden habe; so winzig, sie an der Brust zu tragen. Nun hält er solch wundersames Werk selbst in Händen und kann sich nicht satt sehen daran.

Immer neue Fragen stellt er. Alles, was Herr Caspar von den Oerlein weiß und von ihrem Erfinder, dem Meister Peter Henlein, muß er dem Sekretarius berichten, der das Äpflein mit dem lebendigen Herzen darin nicht mehr aus der Hand läßt. Fast eine Stunde ist darüber vergangen. Mit zwölf Schlägen hat das kleine orologium den Mittag verkündet, da sagt der Graf:

»Ich lad Euch zu Tische Ihr Herren. An gedeckter Tafel wollen wir weiter sprechen. Geht die Rede besser bei Fisch und Braten und flüssiger bei einer Kanne Rheinwein.« – – –

Bei der dritten Kanne hat Herr Lombecke selbst angefangen und gefragt.

»Wohlan meine werten Freunde, wo drückt den Rat unserer getreuen Reichsstadt der Schuh?«

Da kann nun Herr Christof Kreß Auskunft geben und auch Herr Caspar und Herr Groland tun das Ihrige hinzu. Ist schon die Dämmerung eingefallen, als sie endlich mit ihrem Diskurs zum Schlusse kommen. – – –

Am übernächsten Tage haben sie gesattelt und sind wieder ostwärts geritten. Das Packpferd ging diesmal ledig; Herr Caspar aber trug ein wichtig Pergament des kaiserlichen Sekretarius bei sich und hat's glücklich heimgebracht.

Auch Martinus Luther ist am gleichen Tage unter zugesagten freien Geleit von Worms aufgebrochen, hat's aber nicht so gut getroffen, wie die Gesandten der Stadt Nürnberg. Im Thüringischen haben unbekannte Wegelagerer ihn aufgehoben; fast ein Jahr ist der Doktor Martinus verschwunden geblieben.

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