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Das Erwachen

Josef Ruederer: Das Erwachen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Erwachen
authorJosef Ruederer
year1916
publisherSüddeutsche Monatshefte
addressMünchen
titleDas Erwachen
pages3-430
created20020505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Siebentes Kapitel.

Prangerl.

Durch das mit gelben Streifen durchzogene Blau-Rot der hohen Kirchenfenster fielen die reichgesättigten Strahlen der immer höher steigenden Sonne in das geheimnisvolle Halbdunkeln der Mariahilfkirche in der Vorstadt Au. Dort blieben sie auf den Fliesen und den gotischen Säulen des Schiffes haften, bis sie, auf steter Wanderung begriffen, mit der Uhr von Punkt zu Punkt weiterzogen, als drehe sich das Gebäude selbst in seinen Angeln und Grundfesten, samt der »Flucht nach Ägypten«, dem »Englischen Gruß« und der »Begegnung der Eltern Mariä«, die sie mit goldenen Tönen durchleuchteten. Während sie so zur Hälfte des Mittelschiffes wuchsen, schritt ein Mann über sie weg, der Hut und Stock mit beiden Armen auf den Rücken gelegt hatte. Er ging zum Hochaltare, dann machte er kehrt, fast wie ein Soldat auf Kommando, um zurückzuschreiten und sich dort wieder zu wenden. Das setzte er fort, vielleicht eine halbe Stunde, während er mit zufriedenen Blicken auf die immer stärker leuchtende Glasmalerei der Sonnenseite und die in matter Helligkeit ruhenden Gegenfenster schaute, die den »Knaben Jesus unter den Schriftgelehrten«, den »Abschied Christi von seiner Mutter« und die »Aufopferung im Tempel« darstellten. Als es dabei in schneller Ablösung der wechselnden Farben über sein Gesicht huschte, gewann die mittelgroße Erscheinung, die man, wäre man ihr vor der Kirche begegnet, nach den schlecht gebügelten Hosen und den leicht gefransten Rockenden für einen einfachen Bürger oder Beamten gehalten hätte, etwas Groteskes. Die Bewegungen des Körpers taten das Ihre, diesen Eindruck zu erhöhen. Freilich, die Arme blieben an derselben Stelle, aber Kopf und Schultern, ja der ganze Oberkörper wurden in fortwährender Bewegung gehalten. Setzte der Herumirrende dann einen Augenblick aus, um stehenzubleiben, dann riß er Kopf und Brust gewaltsam in die Höhe, indem er den Stock zur Erde stieß und den Rumpf darauf stützte. In dieser Haltung verweilte er einige Zeit vor einem der Seitenaltäre. Und da, wo kein buntes Licht ihn umrahmte, konnte man auf den mit Bartstoppeln bedeckten Backen des spitz zulaufenden Gesichtes zahllose Falten erkennen; man unterschied die Farbe der immer aufgerissenen, wasserblauen Augen, die halb erstaunt, halb spöttisch herumgingen, und gewahrte über der weit herabhängenden Nase eine nicht gerade sehr hohe, aber ausgeprägte Stirne, die, mochten auf ihr sich auch einige Runzeln breitgemacht haben, heute noch gegen alles anzugehen schien, was sich ihr in den Weg stellte. Darüber lag buschiges Haar, das, dürftig zurechtgestrichen, nicht viel mehr graue Fäden zeigte wie das Bärtchen auf der Oberlippe.

Von ferne, hinter den Säulen versteckt, verfolgten den lautlosen Spaziergänger ein paar Leute mit neugierigen Blicken. Die waren in Hemdärmeln und trugen Schurzfelle; auch standen sie da, über und über mit dem weißen Bausand besät, von dem auch noch was auf den Fliesen lag und in leichten Wolken durch die eben vollendete Kirche zog. Dieser Staub hatte sich in Schichten auf das schwarze Samtjackett eines jüngeren Mannes gelegt, der, ängstlich hinhorchend, ob er nicht gerufen werde, vor den Handwerkern bereit stand. Das war der Maler, von dessen Hand die farbigen Bilder stammten, ein junger Allgäuer, der draußen in der Lerchenstraße, gleich neben Schwanthalers weitbekannter Bildhauerwerkstatt, sein Atelier und unten auf dem Anger sein Mädel hatte. Das letztere natürlich in allen Ehren, denn die Bürstenbinderfamilie, der sie angehörte, verstand keinen Spaß in dem Punkt. Auch wäre der Fischer Toni selber der letzte gewesen, der das Verbrechen einer außerehelichen Verbindung leichtfertig auf sich genommen hätte. Schwarz wie seine Locken sei er selbst. Seine Mitschüler behaupteten es, als er noch beim großen Meister Cornelius lernte. Er selbst wies dieses Wort von sich; er sei kein Ultramontaner und habe überhaupt nichts mit Politik zu tun. Aber, wenn die andern auch noch so spöttelten, er sei religiös, er glaube, ja er sehe wie die alten Meister in der Frömmigkeit das Ideal, das Vorbildliche der wirklichen Kunst. Den lieben Gott im Sinn und die Jungfrau Maria im Herzen, ging er denn auch an die Arbeit, als er auf Empfehlung seines Lehrers den Auftrag erhielt, die sechs Bilder für die gotische Kirche zu entwerfen, die da draußen in der entlegenen Vorstadt erstehen sollte. Zuerst wußte er sich vor Freude kaum zu fassen; er sah sich am Ziele seiner Wünsche und mit der keuschen Maria am Traualtar, vielleicht sogar schon als Lehrer an der Akademie. Doch wurde er keineswegs bitter, als er nach einem Jahre unausgesetzter Arbeit merkte, daß es nicht so rasch ging. Er nahm das mit derselben Ergebenheit hin, wie er die Bestellung genommen hatte, indem er seine Braut auf die Zukunft vertröstete. Darin handelte er sehr weise, denn die Gelder flossen spärlich, und die Professur blieb aus. Dafür wurde mit um so ungestümerem Verlangen auf baldige Vollendung des Werkes gedrängt. Heute nun, wo die Bilder an Ort und Stelle prangten, so glutgetränkt, wie sie dem Ofen der Glasbrennerei entstiegen, wo jeder jauchzte. der sie, dem Allerhöchsten Verbote zum Trotz, doch im geheimen zu Gesicht bekam, wo der Toni selbst, wenn die Kabinettskasse ihr Wort hielt, in zwei bis drei Monaten heiraten konnte, wartete er in der Ecke der Kirche mit verhaltenem Atem, ohne eine Bewegung zu machen. Nur manchmal, wenn der Schritt des Wandernden ganz entfernt klang, klopfte er heimlich den dicken Staub von Armen, Schultern und Beinen.

Der die Wolken aber aufwirbelte, schien durch sie nicht im geringsten gestört zu werden, noch schien er zu ahnen, daß hier einer wartete, das entscheidende Urteil zu hören. Er warf die Beine hinaus, als trete er auf den frisch gespritzten Kies von Lustgärten oder öffentlichen Promenaden. Dabei freute er sich wie ein Kind, wenn es so recht bunt über ihn weghuschte. Manchmal hielt er sogar ein, um die Töne recht auf sich wirken zu lassen. Kam es dann rot über sein Gesicht, dann war es ihm, als hätte er was vom Wilden Jäger, der dem Bauern im Spessart beim Freikugelschießen an der Spitze seines nächtigen Heeres erscheint, kam es blau, dann fühlte er sich von der Märchenpracht verfallener Burgen umflossen, wie er sie drüben in der Rheinpfalz am Trifels und anderen historischen Städten erschaute, kam es aber gelb, dann meinte er, im fahlen Glanze eines ehernen oder steinernen Monumentes zu schweben, wie er sie jenseits der Alpen schon zu Hunderten gesehen hatte. Er steigerte dann seine Einbildungskraft so weit, daß er sich selbst für den Condottiere, den Stadttyrannen oder den Cäsar hielt, der da auf hohem Sockel, das Schlachtroß unter sich, thronte, oder noch lieber für einen Dichter, der, den Lorbeer um die Schläfe, mit umschlungener Leier in ragender Haltung stand. Selbst ein Gott glaubte er zu sein, ein Gebieter der Elemente, der, über den Quadern einer Fontäne stehend, das Viergespann vor sich her trieb und den Dreizack schwang, wenn ihm das grelle Licht die Sonne Italiens und Roms rauschende Wasser vor die Sinne zauberte. In diesen Augenblicken nahmen seine scharfen Züge auch wirklich etwas so Hoheitsvolles an, daß man glauben konnte, eine Bildsäule vor sich zu sehen, die den Schritt zur Unsterblichkeit schon vollzogen hatte. Allzu lange hielt er freilich diese Stellung nicht fest, schon deshalb nicht, weil ihm alles widerwärtig war, was hinwies auf Ehrungen, die erst nach dem Tode kamen oder gar in der Ewigkeit. Denn der Mann, der da auf und nieder schritt, hing zäh am Leben und ließ die bunten Lichter nicht nur über seinen Körper, sondern in wohlgegliederter Erinnerung über sein bisheriges Dasein hinweggleiten. Das lag hinter ihm in purpurnen Farben wie ein schwerer Sommerabend, der mit glühenden Tönen über buschige Alleen, über weiße Tempelchen auf welligen Wiesen und moosbedeckte Teiche herabsinkt. Der verschwiegene Park des Schwetzinger Schlosses, in dem er seine Kindheit verlebte, tauchte vor ihm auf, und von dort eilte er durch Mannheims symmetrisch zulaufende Straßen über den Rhein zur lachenden Pfalz und zum Münster nach Straßburg, zu dessen Füßen er geboren wurde, zufällig geboren wurde, wie die meisten Sprößlinge des Waffenadels, der keine Heimat in seinem Berufe hat. Doch bei dem zähen, energischen Mann gab es auch hier einen Unterschied von den übrigen. Er glaubte einzig an Bestimmung und Vorsehung und nahm das Wahrzeichen der deutschen Stadt als Führer. Ihr Bild im Herzen, ritt er neben dem Diktator einher, den er weniger als Franzosen haßte, sondern mehr als die gleichgeartete Herrennatur eines unbeugsamen Willens, die alles zertrat, was sich ihr in den Weg stellte. Am meisten stieß ihn der Emporkömmling, der Illegitime ab, der jenen Thron usurpierte, von dem man den sechzehnten Ludwig aufs Schafott schleppte, den letzten König des wahnwitzigen Landes und zugleich den Taufpaten des bunt beschienenen Wanderers in der Auer Kirche, des einstigen Erbprinzen, der mit seinem Vater damals in München einzog, des jetzigen Königs, der sein Land die zwanzig Jahre regierte, glorreich regierte, wie er sich selbst mit Befriedigung sagte, während er so zurückblickte und nicht nur die Farben der Kirche, sondern die der Berge und Täler an sich vorüberziehen ließ, die er schon alle durchmessen hatte.

»Sagen Sie, lieber Fischer, kennen Sie Italien?« So klang es jetzt auf einmal in hohen, fast singenden Tönen durch die noch nicht geweihte Kirche. »Aber was frage ich! Sie kennen es natürlich nicht. Sie können es ja gar nicht kennen. Wie sollen Sie auch hingekommen sein! Und doch, wenn ich Ihre Bilder ansehe, dann meine ich fast, Sie müßten schon mal von den Farben da unten was zu kosten bekommen haben, von einem Tizian, einem Veronese, vom Meister von Urbino oder gar von den Lichtern der Campagna, die nirgends so wunderbar daliegt als von der Höhe Frascatis, von Tusculum, wo bekanntlich Cicero lebte.« Der so plötzlich Angeredete blieb in seiner linkischen Stellung und schwieg. Er hatte auch nichts zu erwidern, da ihm zu seiner Zufriedenheit die Antwort von vornherein weggenommen ward. So setzte er nur den einen Fuß ein bißchen vor und gleich wieder bescheiden zurück, indem er seine dunkeln Augen ganz kurz in die seines Auftraggebers versenkte. Der hatte wieder die stolze, emporgereckte Haltung eingenommen, den Stock auf den Boden gestemmt, und fuhr ungestört fort in seinen Betrachtungen. »Ja, ja, das ist ein Land! Das müssen Sie sehen! Schicke Sie vielleicht selbst hinunter. Und doch, wenn ich mir's recht überlege, ich brauche es gar nicht. Sie waren nämlich wirklich im Süden, junger Mann, sogar im tiefsten. Denn Sie haben gesehen, was ich erbauen ließ. die Allerheiligenkirche neben der Residenz. Da sind auf Goldgrund die Töne, die Sie hervorgezaubert haben, dieselben, die man in Mosaik in der Regia Palatina zu Palermo findet.« Er meinte, so viel Verbindliches gesagt zu haben, daß eine Antwort kommen müßte, mochten es auch nur ein paar Worte sein. Da der Maler aber auch jetzt noch nicht wußte, was er erwidern sollte, drehte sich der König nach einer langen Pause ganz unvermutet auf dem Absatz um und begann wieder durch die Farben zu schreiten. Der junge Mensch schien ein Unempfänglicher, ein Naturtalent, das die glückliche Gabe hatte, aus dem vollen schöpfen zu dürfen, ohne zu wissen, was es bot. Er aber sah, wenn er der sizilianischen Kapelle gedachte, die Gestalten der Hohenstaufen aus der Insel herauswachsen, an der Spitze den großen Friedrich in der Pracht des Kreuzganges von Mon Reale, wie er Feste beging in Palermo inmitten der Normannen, der Odalisken, oder wie er seine grimmigen Feinde, die heulenden Bettelmönche, wie die wilden Bestien in seinem Tierpark zu Milazzo mit der Peitsche durcheinanderhetzte. Von der Hauptstadt Siziliens aber ging der König im Geiste nach Neapel empor zum letzten der Staufen und von dort das blaue Meer entlang zum Kap der Circe mit den violetten Schatten der vulkanischen Linien, dicht gegenüber dem Kastell Astura, wo der feile Verräter, der Frangipani, den letzten Nachkommen Barbarossas den Henkern überlieferte. Bei diesem Bilde verweilte er sehr lange. »Circe. Das ist's.« So murmelte er vor sich hin, während er ganz abseits von dem Maler stand. »Das ganze Land ein wundervolles, verführerisches Weib, das einen nicht mehr losläßt. Circe. Circe.« Von diesem Sprung in die Odyssee eilte er wieder zu den Kaisern, er besann sich seiner Vorfahren, der Schyren, die den Staufen treulich Gefolgschaft leisteten, er betonte mit Stolz, daß auch einer von ihnen den Kaiserthron innehatte, jener Ludwig der Bayer, der die Schwaben wie das Interregnum ablöste. In das Bild dieses Herrschers versunken, malte er sich mit wohligem Empfinden die Möglichkeit aus, daß wieder einer aus seinem Hause den romanischen Marmorstuhl mit dem goldverzierten Rücken, mit den beiden Löwen an der Mündung der Armlehnen in reichem Ornate besteigen werde. Berauschender Gedanke, den er immer wieder von sich wies, um ihn desto lieber wieder aufzunehmen. Denn unter einem Wittelsbacher sollte der Thron wieder in aller Glorie erstrahlen, durch den, dem er verliehen ward; vielleicht durch ihn selbst.

Ja, durch ihn selbst. So übermenschlich der Gedanke im ersten Augenblick erschien, der König spann ihn weiter, indem er die deutschen Staaten und ihre Machtbefugnisse sorgfältig abwog. Als er dabei wohl oder übel auf Preußen kam, trat er aus den Farbenflecken einen Augenblick heraus und wurde recht ärgerlich. Sowohl über den Umfang dieser Nation wie über ihre Prosa, der auch die energielose Phantasie seines Schwagers keinen Schwung zu verleihen mochte. Die Hohenzollern waren für ihn Emporkömmlinge wie der Napoleon, mochten sie auch ein bißchen weiter zurückreichen, sie waren engherzige Partikularisten, keine Teutschen in dem großen Sinne, wie Ludwig immer einer zu sein wünschte. Freilich hätte er selbst nicht abzugrenzen vermocht, was er unter diesem Worte verstand. Er sah, wenn er offen sein wollte, auch nichts anderes darin wie die nordischen Vettern, nämlich die Vergrößerung des eigenen Landes auf Kosten der anderen. Die war aber unter ihm nicht zur Tat geworden, im Gegenteil, er hatte die Jungpfalz eingebüßt. Da er das Bedürfnis fühlte, den gerechten Ärger darüber an jemandem auszulassen, wandte er sich wieder an den Maler. »Wenn Sie von Palermo nichts wissen,« so schraubte er seine Stimme wieder zur Höhe, »dann müßten Sie sich wenigstens in Ihrem engen Vaterlande auskennen. Aber ich fürchte fast, Sie haben auch da keinen Schimmer, was Imperium romanum bedeutet, ich meine Kaisertum, Werdegang, Größe, oder sagen wir mal innere Berechtigung, Entwicklung, Historie. Was?« Diesmal spitzte er die Frage auf einen herausfordernden Ton zu, als empfände er ihre Nichtbeachtung von vornherein wie eine grobe Beleidigung seiner eigenen Majestät. Und dazu glaubte er vollen Grund zu haben. Der König war eine geheiligte Persönlichkeit, der man zu dienen hatte, ein von Gott Gesalbter, der nicht nur herrschte als beliebige Paradepuppe eines Parlamentes, nein, der selbstherrlich regierte und dem jeder seiner Untertanen Rede und Antwort zu stehen hatte, mochte er nun Minister sein oder so ein hergelaufener Maler. Wußte aber der junge Mensch wirklich gar nichts auf der Welt, dann hatte er sich wenigstens bei seinem Monarchen ob soviel Dummheit in aller Demut gebührend zu entschuldigen, oder er konnte mit samt seinen schönen Bildern für immer zum Teufel gehen. Heftig klirrte dabei der Stock ein paarmal nacheinander mit der eisernen Spitze auf den Boden; als aber auch das nichts half, sondern der Fischer Toni mit ein paar ungelenken Worten, die er mehr hinter den Zähnen behielt als vor ihnen, nur meinte, er komme seit der Schule so gut wie gar nicht zum Studieren, stülpte der König mitten in der Kirche den breitkrempigen Filz mit festem Druck auf sein dichtes Haar. »Sie sind ein frommer Christ, mein lieber Fischer! Merkt man Ihren Bildern auch an, schadet auch nichts. Gegenteil! Schätze das an Ihnen. Glaube selbst an Gott und detestiere jeden, der das nicht tut. Zum mindesten ist mir der Atheist immer höchst gleichgültig, höchst uninteressant. Wer daran zweifelt, braucht nur die Taten meiner Regierung zu verfolgen. Aber tiefste Religiosität schließt den größten Verstand keineswegs aus, sondern bedingt ihn sogar. Sehe deshalb nicht ein, warum Sie nicht nebenbei auch ein bißchen den Mund aufmachen können, wenigstens so weit, um Ihrem König den untertänigsten Dank zu erstatten.« Der Maler schob das Samtbarett hinum, herum, er überlegte, soweit das vor diesen funkelnden Blicken möglich war, und endlich brachte er auch wirklich etwas heraus. Doch dieses Wort war das unglückseligste, was er sagen konnte. Es hieß »aber«, und das warf den König, wo er es hörte, an den Rand der Geduld. »Aber« barg Widerspruch in sich, Bedenken gegen zu hohe Ausgaben, Vorstellungen gegen fest gefaßte Beschlüsse, Geringschätzung gegen die Erhabenheit der Majestät, »aber« durfte daher nirgends angebracht werden. Kam es doch heraus, dann war jede Audienz für immer abgebrochen, so energisch, daß der Sprecher nie wieder vorgelassen wurde. So machte denn der Monarch ein letztes Mal kehrt und rannte, ohne sich noch einmal umzusehen, zum Portale hinaus, das ihm zwei Arbeiter mit scheuen Blicken öffneten. »Esel!« zischte er. »Soll erst lesen und schreiben lernen, ehe er Pinsel zur Hand nimmt oder gar Gehege der Zähne öffnet. Aber . . . aber . . . aber . . .«

Er spuckte es noch ein paarmal aus sich heraus, das verhaßte Wort, er fühlte, daß er wieder einmal in seinem Leben aufs bitterste enttäuscht worden war. Und die nüchterne Wirklichkeit der elenden Vorstadt, in die er jetzt über die Stufen der Kirche hinabstolperte, ließ ihn den jähen Sturz aus seinen hochgespannten Ideen erst recht bitter empfinden. Winzige Häuser, ja Hütten, zwischen denen der Stadtbach mit trüben Wellen dahinfloß, nahmen ihn auf, so niedrig, daß er mit der ausgestreckten Hand die hölzerne Dachrinne berühren oder mit seinem Stocke auf die Mansarden schlagen konnte. Aus den Fenstern zog ein Geruch von schlechtgelüfteten Schlafzimmern, von Küche und Holzlege, zwischen dem abfallenden Bürgersteig aber und der ungepflasterten Straße ergoß sich haltlos die Jauche. Der König schritt weiter, indem er sich manchmal die Nase zuhielt oder pustende Laute des Ekels von sich gab. Er spielte für sein Leben gern Harun al Raschid, der sich völlig unerkannt unter sein Volk mischte, doch er empfand auch immer wieder die Unannehmlichkeiten dieses Inkognitos. Heute wäre ihm die schnellfahrende Hofequipage jedenfalls viel lieber gewesen als der Aufenthalt in diesen Gassen. Nun aber war es mal zu spät. So schritt er denn hastig weiter, um möglichst bald aus dem greulichen Labyrinth herauszukommen. Die Entdeckungen, die er dabei machte, wurden auch auf diese Art nicht viel erfreulicher. An einigen Stellen hatte eine Gemüsefrau oder ein Salzstößler ein Brettgerüst aufgeschlagen. Die luden die wenigen Menschen, die vorüberzogen, zum Einkaufen ein, indem sie ihre Waren mit lautem Schreien anpriesen. Das mochte noch angehen, viel scheußlicher aber wirkten die zahlreichen Hemden und Unterhosen, die zwischen freiliegenden Häusern mittels Holzklammern auf Seile gespannt waren und durch den niederfallenden Ruß der blechernen Dachkamine noch schwärzer wurden, als sie schon waren. Vor einigen Fenstern der manchmal ganz schief stehenden Hütten stand hinter einem grün lackierten Geländer ein irdener Topf mit einer Geranie, einer Fuchsie oder einer Nelke. Nicht selten hüpfte ein Kanarienvogel in einem ganz kleinen Bauer zwischen Wasser und Futternäpfchen herum. Das wirkte ganz freundlich, aber der hohe Spaziergänger gewann auch ihm keinen Reiz ab. »Scheußlich, scheußlich!« stöhnte er. »Und da gibt es Kerle unter meinen Malern, junge Burschen, die sich da tagelang vor dieses Gerümpel stellen und den Schauerkram niederpinseln. Ist das noch Kunst? Nein, Kunst ist erhaben, sie entrückt über das Alltägliche. »Das jüngste Gericht« von Cornelius, Overbecks »Italia und Germania«, Schraudolphs »Auferstehender Christus«, Kaulbachs »Jerusalem« und nicht zu vergessen Rottmanns farbenglühende Landschaften, das sind die Linien, die wir brauchen. Der erbärmliche Guckkasten des alltäglichen Lebens aber, der mag mir vom Halse bleiben. Mögen getrost ihre Staffeleien alle zwölf Stunden von der Akademie und noch weiter her in die Au tragen, diese Herren, ich kaufe ihnen kein Bild ab, keines . . . keines!« Und seine Abneigung gegen diese bescheidene, menschliche Niederlassung, wie sie sich nord- und südwärts der neuen Kirche erstreckte, wuchs immer mehr. Sie war für den Träger gewaltiger Kaiserpläne so bedrückend, daß er sich seufzend sagte, er arbeite schon mehr wie vier Lustren am Ausbau dieser zurückgebliebenen Stadt, sehe aber bei jedem neuen Schritt, wie unendlich viel ihm noch zu tun bleibe. Was er auch aufgeführt hatte an großartigen Bauten, wie er sich selbst jeden Groschen absparte und den Hofhalt einschränkte, nur um Stein auf Stein, um Bild auf Bild setzen zu können: diese Leute wateten in einem Sumpfe herum, aus dem sie so wenig gezogen sein wollten wie kleine Kinder aus den von ihnen selber beschmutzten Windeln. »Es liegt sich darin eben bequemer«, sagte der König vor sich hin, der die Monologe genau so gern hatte wie die meisten seiner altbayerischen Untertanen. Ein Blick in sehr weite Ferne auf klassische Formen ließ ihn diesen Ausspruch mit noch größerer Bitterkeit wiederholen. Plötzlich aber – er wußte selbst nicht, wie er dazu kam – suchte er mit einem festen Rucke des Oberkörpers diese Gedanken aus seinem Sinne zu scheuchen. Ging man in Rom zum Tiber hinab oder zum Kolosseum hinaus, zum Lateran, dann traf man, mochten die Häuser auch drei oder vierstöckig zur Höhe ragen, dieselbe Misere, dasselbe tierische Behagen im Schmutze wie hier am Schweinemarkt, in der Lilienstraße oder am Dreimühlenbach. Pöbel bleibt Pöbel, Plebejer Plebejer, und das wichtigste, daß er nicht gar zu üppig wird! Der König hielt nichts von der bourgeoisen Gemütlichkeit, die sein hochseliger Vater nur allzu gern dem Volke gegenüber entfaltete. Der setzte sich oft zu diesen Pfahlbauern an den Tisch, lachte oder scherzte mit ihnen und nahm es weiter nicht übel, wenn ihm seine Derbheit gelegentlich mit der gleichen Münze heimbezahlt wurde. Die Wände des Hofbräuhauses, worin solche Verschmelzung des öfteren bei Rettich und Käse vollzogen wurde, konnten von saftigen Witzen auf die Klosterpfaffen erzählen, deren Ansehen durch die Säkularisation einen derben Stoß erlitten hatte. Nur straffes Regiment, nur eiserne Disziplin vermochten da mit Beharrlichkeit wieder gutzumachen, was die Ideen der superklugen Herren Enzyklopädisten, der Illuminaten, kurz, der gesamten Freigeister auf dem Gewissen hatten. Auch drückte der unbeugsame Wille des Ministers von Abel alle Widerstrebenden an die Wand, er gab dem Volke den Glauben und soweit wie möglich die geistlichen Orden zurück. Das bedeutete den Anbruch einer neuen, geläuterten Zeit. In den mittelalterlichen Kreuzgängen wallte man zu finsterer Nachtzeit wieder zur Hora und in den angrenzenden, klösterlichen Brauereien sott man wieder jenes doppelstarke Bier, das dem Trinker den sprichwörtlichen Versuch erlaubte, mit dem Hinterteil seiner Hose auf der Bank pappen zu bleiben, auf die er zuerst von dem köstlichen Naß gegossen hatte.

Als er auf diesen klebhaften Stoff kam, mußte der König, der seit dem Verlassen der Kirche nur sehr finster dreingeschaut hatte, unwillkürlich lächeln. Teils aus Zufriedenheit darüber, daß alles wieder in bewährten Bahnen lief, teils verfolgt von einer Erinnerung an seine Jugend- und Kronprinzenzeit. Der Max Joseph hatte aus der Pfalz ein verwachsenes, buckliges Männlein mitgebracht, das wie ein Gnom aussah. Nicht, daß es mit Barbarossa im Kyffhäuser geschlafen oder mit Nixen gespielt hätte, nicht daß es eines der seltenen, emsigen Wurgeln gewesen wäre, die die Arbeit für andere tun; es war in Kirchheimbolanden geboren und hieß mit seinem höchst bürgerlichen Namen Jakob Prang. Da ihm aber der Kurfürst und spätere König bei besonderen Hoffesten scheckige Gewandung anlegte und eine weißrot gestrichene Pritsche in die Hand gab, nannten ihn die Münchner, die alles gern ins Diminutivum ziehen, wenn sie zärtlich werden oder sich lustig machen, den Prangerl. Der drollige Bursche mit dem steinernen Gesichte einer Fratze von der Notre-Dame-Kirche in Paris mischte sich nämlich wie sein Gebieter gern unter das Volk. Mit dem trieb er seinen Schabernack, er hetzte es durch- und aneinander, wie er mit den obersten Chargen der Residenz Fangball spielte. Hatte er dann so recht was Niederträchtiges angerichtet, dann wollte er sich jedesmal schief lachen. Eines Tages nun lieferte er bei Hofe einen Streich, der an Unverschämtheit mit einem der allerübelsten des Till Eulenspiegel wetteifern konnte. Er trug auf dem Deckel einer abgelegten Kiste eine hohe Papierdüte herbei und bat den Monarchen in Demut, sich durch Aufheben allergnädigst zu überzeugen, daß darunter die Goldschätze verborgen seien, die der bayerische Staat durch die Aufhebung der Klöster gewonnen habe. Max Joseph, der den Prangerl gut leiden mochte, tat lachend, wie ihm geheißen ward. Er fand aber zu seinem nicht kleinen Ärger keine Kostbarkeiten unter der weißen Spitzhaube, sondern dasselbe, was der berüchtigte Schelm vom Elmer Walde in der sechsten Historie, wo er Küchenjunge wurde, dem Junker als Senf vorsetzte. Darüber herrschte natürlich maßlose Entrüstung. Der Prangerl sollte erst für immer hinausfliegen, er sollte fünfundzwanzig heruntergezählt bekommen, dann aber wurde er zu einer noch empfindlicheren Strafe begnadigt. Man band ihn mit unlösbaren Stricken an die Türe eines ganz entlegenen Gemaches, wo man ihn ohne jede Nahrung drei volle Tage belassen wollte. Leider machte man diese Rechnung, ohne die unendlichen Listen des gefesselten Narren zu bedenken. So kam es denn auch ganz anders als es sollte. Am zweiten Morgen schon wankte der Prangerl ganz unvermutet zum Allerhöchsten Schlafzimmer herein, um seine Brust die Stricke, die noch gerade so fest gebunden waren, auf dem Rücken die braunlackierte Türe, die er aus den Angeln gehoben hatte. Da mußte der König trotz allen Grimmes, den er zuerst verspürt hatte, hell auflachen. »Wie hast du denn das angefangen, du Schuft?« rief er. Der Prangerl, der von seiner Heimat her noch Französisch und Deutsch durcheinandermischte, erwiderte, ohne eine Miene zu verziehen:» Attention, cher cousin! Um die Klöster, die du eingesteckt hast, ist es weiter nicht schade, wohl aber um das gute Bier, das sie brauten. Voilà la preuve. Ich habe mir mit Mühe ein Faß gerettet und es mir auf den rundesten Körperteil gegossen, ehe ich an die Satanstüre angeschmiedet wurde. Da blieb denn das Holz kleben und geht auch jetzt noch nicht weg, du lassest es denn in deiner unendlichen Huld von einem deiner Oberzeremonienmeister endgültig entfernen.«

»Gegen Prangerl konnte man nicht aufkommen«, sagte jetzt halblaut der Sohn des so gefoppten Königs vor sich hin. Er erinnerte sich gerne des Hofnarren, der vor langen Jahren schon das Zeitliche gesegnet hatte. Ja, Ludwigs lebhafte Phantasie ließ den Prangerl, wenn er so ganz allein wanderte wie heute, neben sich herziehen und sprechen. Viele werden da lachen und so etwas gar nicht begreifen, aber es war wirklich so, der König konnte den ulkigen Gesellen jederzeit haben, wenn er ihn wollte. Freilich durfte der Knirps sich niemals herausnehmen, was er dem Vater in einer Zeit zuzumuten wagte, da noch die greuliche Sitte bestand, einen Narren am Hofe zu halten wie einen Generaladjutanten oder Oberstkämmerer. Distanz verlangte Ludwig I. zu jeder Stunde; er verlangte sie sogar von den Priestern, die er so hochhielt und so maßlos verwöhnte. Aber ein ganz kleines Bißchen ließ er sich schon manchmal von der Spuckgestalt des Prangerl ins Gewissen reden. Und so hielt er's auch heute wieder, nachdem er, die elenden Baracken der Au hinter sich, über die Isarbrücke pilgerte und an der mit üppigen Kastanien bewachsenen Uferstelle vorüberwanderte, wo die Flößer am »Gasthaus zum grünen Baum« oder zum »Ketterl« anlegten, um Stämme nebst Ladung zu bergen. Da rauschte der lebhafte Fluß in voller Bewegung; der König konnte daher noch nicht genauer auf das Gnomenstimmchen achten, das neben ihm piepste. Er hatte es auch gar nicht so eilig damit, denn wenn der Prangerl sich einstellte, wenn er sich nicht bannen ließ, war es dann immer das Zeichen, daß etwas nicht stimmte im Gleichgewichte der Allerhöchsten Tagesführung. Deshalb sah der Beherrscher der Bayern zunächst hinüber zu den grünbewachsenen Höhen des Gasteigs und dann hinein zu den Fenstern des »Grünen Baums«, ob nicht von gestern nacht noch ein paar Maler beim Biere saßen. Kneipten sie doch hier regelmäßig im Verein mit einigen Schauspielern, sowie mit dem ganzen Aufgebot von künstlerischem Übermut in Karikaturblättern und Bierzeitungen. Er selbst beehrte sie so manches Mal in eigener Person. Nur kam er, so gern er das Treiben auch sah, nicht zu häufig, da die Leute sonst vertrauensselig wurden. Sie nahmen sich leicht zu viel heraus, sie redeten so frei wie Prangerl, der jetzt, wo der Weg durch die Sankt Anna-Vorstadt in der Richtung der Residenz genommen wurde, nicht mehr zu halten war. »Gevatter, Cousin!« begann der Schatten, der im wohlbedachten Abstand zur Linken einherhumpelte. »Was hast du da wieder mit dem armen Maler da draußen in der Au entriert? Soll man dich nicht auslachen, du großer Mäzen, der du mit der einen Hand den Leuten ein Zuckerbrot gibst. um ihnen mit der anderen eine runterzuhauen?« »Will nichts hören,« flötete der König. »Nichts, gar nichts.« » Quand-même! Bekommst es doch auf den Kopf, daß du ein Despot bist!« Dieses Wort verfehlte seine Wirkung, denn Ludwig I. bildete sich sogar noch was darauf ein. »Ohne dem geht's nun mal nicht«, lachte er jetzt, immer vergnügter, je weiter er die Au hinter sich hatte. Das bescheidene Lehel konnte zwar auch nicht als Paradies gelten, doch lag es viel luftiger, freier, mit seinen Sägmühlen und besser gepflegten Häusern. Alte Bäume überschatteten so manches ansehnliche Gebäude, auch kündete sich die Nähe des königlichen Quartiers durch den weit gedehnten Hofküchengarten an, der sich fast vom Isartorplatz weg bis zum Marstall der Residenz erstreckte. Besseres Publikum traf man hier; einige Leute erkannten den König und wichen ehrfurchtsvoll zur Seite, indem sie gar tief den Hut zogen, andere, die ihn sonst übersehen hätten, wurden dadurch auf ihn aufmerksam gemacht und holten hastig nach, was sie erst versäumt hatten. Das gefiel dem Prangerl, der nicht von Ludwigs Seite wich. »So ein Monarch hat's eigentlich wunderschön,« meinte er. »Überall geehrt und beliebt. Vraiment, si je n'étais pas fou de profession, je voudrais être roi.« »Nicht zu frech!« warnte Ludwig. »Oder möchtest du vielleicht mit mir tauschen?« forschte der Knirps. »Hab' keine Zeit für so läppische Fragen!« bemerkte der König. Im geheimen nannte er sich aber selbst einen Narren, daß er für diese Menschheit, die so nüchtern daherkam, so gewöhnlich aussah und nach Schnupftabak roch, das Letzte hingab. Lohnte sie's ihm? Ja, sie zog den Deckel vor ihm, weil er ihr sonst heruntergeschlagen wurde, sie hielt Feste und Reden. Aber begriff sie, daß er ein neuer Augustus war, daß er ein großes Jahrhundert aufbauen wollte, sich und den Untertanen zum dauernden Gedenken? »Cousin,« fing der Prangerl wieder an, »wenn du alles getan hast, bloß von wegen der Dankbarkeit, dann warst du schon genasführt, ehe du angefangen hast.« Der König aber blieb stehen und biß sich auf die Lippen. Er sah noch einmal auf die herumwankenden Gestalten, indem er sich im stillen die Hellenen ins Gedächtnis rief, dann überlegte er, wohin er eigentlich noch ziehen wollte. In den Neubau der Hof und Staatsbibliothek, in die Erzgießerei und auf den Königsplatz. Mit der Mariahilfkirche reichlich viel für einen Vormittag. » De votre avis«, stimmte der Narr bei. »Der Schädel der jolie petite madame, der neugegossenen Bavaria, braucht allein einen Vormittag, um richtig gefaßt zu werden, drum laß die Staatsbibliothek und geh nur noch zum Kunstausstellungsgebäude auf dem Königsplatz, es liegt justement auf demselben Wege.« »Gewiß,« nickte der König, »nur werde ich ihn ohne dich zurücklegen, teurer Freund.«

Im selben Augenblick hielt er einen Fiaker an, der zufällig vorbeistolperte, und stieg ein, indem er dem höchst erstaunten Narren die Türe des wackligen Fuhrwerks vor dem offenen Munde zuschlug. Jetzt, wo er wieder allein war, stützte er den Stock auf den Boden der Kutsche, legte beide Hände auf den silbernen Knopf und blickte durch die Fenster herausfordernd nach rechts und nach links. Den nörgelnden Zwerg hatte er gebannt; dafür tauchten zu beiden Seiten des Wagens, am gewaltigen Thronsaalbau der Residenz, dicht gegenüber dem Hofgarten weibliche Gestalten auf, die neugierig in den Wagen blickten. Das waren nun schon etwas bessere Erscheinungen als die versumpften Bierhuber der Sankt Anna-Vorstadt. Einige sanken tief in die Knie, wie man es vor so hohen Herren macht, andere wieder kümmerten sich um nichts, sondern gingen scherzend weiter. Der König tat so, als beachte er weder die einen noch die anderen. In Wirklichkeit unterschied er sehr deutlich jedes Gesicht und wußte auch ganz genau, wem es gehörte. Da, zum Beispiel das gesunde Mädel mit dem kastanienbraunen Haar, den roten Backen, den Rehaugen und den wundernetten, kleinen Füßen, die in knallweißen Strümpfen steckten, während der Körper in einen rotbraunen Schal gehüllt war und das Köpfchen eine goldene Riegelhaube bedeckte, das war eine Posthalterstochter aus Ebersberg, die er, wie die schönsten Frauen der ersten Gesellschaft, vom Hofmaler für die eigens angelegte Galerie porträtieren ließ. Aber nicht nur, was so in die Augen sprang oder auf dem großen Präsentierteller lag, kannte er, ihm waren auch die kleinen Modistinnen von der Kaufingerstraße, die Frisiermamsellen und Ladnerinnen nicht fremd, die Arm in Arm nach Geschäftsschluß nach Hause wanderten, ja er wußte sogar die Dienstmädchen bei ihrem Namen zu nennen, die in Eimern das gute Brunntaler Wasser aus der Residenz für die Herrschaft holen mußten, weil das der Stadt als typhös verrufen war. Daß er die Damen der Hofbühne nebst den Ballettratten der Reihe nach kannte, braucht nicht besonders erwähnt zu werden. Ließ er nun so im Wagen alles an sich vorübergehen, ohne zu danken, ohne mit einer Wimper zu zucken und ohne auch nur ein bißchen mit der Hand zu winken, wie er's gerne tat, wenn er gut aufgelegt war, dann ärgerte er sich sofort wieder, wenn er die Frauenzimmer im Rücken hatte. Er begriff selbst nicht, warum er das tat, setzte sich dafür aber in um so strengere Positur. Vorher warf er wohl noch einen versteckten Blick durch das Guckerl in der Rückwand des Wagens, um zu erfahren, wie man ihm nachblickte. Geschah das in befriedigender Weise, dann war er für einen Moment beglückt, unterblieb es, dann konnte er auf die albernen Gänse so grimmig losziehen, wie auf die Münchner im ganzen.

Und er sagte ihnen doch sonst im Leben oft so wunderschöne Dinge in freier wie in gebundener Sprache. In dieser am liebsten. Kalliope war ihm der Musen heiligste; so huldigte er ihr denn mit einem Eifer, der neben dem Guß der feurigsten Bardengesänge und Heldenlieder die unscheinbarsten Erlebnisse seines Daseins in klingende Verse zwang. Sah er heute, wo er sechzig Jahre zählte, die stattliche Reihe der Bände an, die er schon zusammengefaßt hatte, nahm er dazu die Reiseeindrücke oder die Sinnsprüche, die er auf die Genossen der bei Regensburg erbauten Walhalla schrieb, dann glaubte er, die stolze Haltung, die er im Wagen einnahm, mit Recht ins unermeßliche steigern zu dürfen. Daß er kein Goethe war, wußte er selbst, auch hätte er nie gewagt, solchen Maßstab an sich zu legen. Seine Umgebung aber hätte solchen Vergleich erst recht nicht gezogen, weil sie darin eine Geringschätzung des dichtenden Monarchen erblickt haben würde. Ludwig I. wollte nämlich im allgemeinen nicht so recht viel gemein haben mit dem Weimarer Heros, der sich im persönlichen Verkehr genau so kühl anließ wie der schöne Marmor seiner Gedichte. Aus dem Bayernkönig aber sprach der flammende Historiker, der ruhelose Geist, der vom Chaos und den apokalyptischen Reitern, von den Helden der Thermopylen und der Hunnenschlacht bis zum Anblick eines schön gewesenen Buketts eilte oder bis zu gereimten Maßregeln gegen die letzte Cholera in München. »Das große, das erhabene Motiv trägt den Vers schon in sich, das Alltägliche wird durch ihn zum ethischen Moment geläutert.« So meinte der König und war unter dem Eindruck des Straßenlebens eben dabei, ein neues Gedicht zu entwerfen. Er rührte keine Hand, er brauchte nicht Papier und Bleistift, er sann Strophe für Strophe aus, während der magere Klepper vor seiner Kutsche durch die Briennerstraße und dann die Richtung gegen Nymphenburg hinausfuhr. So oft das Rad sich drehte, so oft der Kutscher auf das Pferd schlug, skandierte der König. Es war der Ausdruck seiner Weltanschauung, den er da rhythmisch von sich gab, immer mehr aufgestachelt durch den Anblick der Menschen, die ihm von Schritt zu Schritt gleichgültiger, häßlicher vorkamen. Frauen zeigten sich nur noch ganz vereinzelt und in einer Kleidung, daß der König am liebsten sein Haupt verhüllte. So setzte er denn mechanisch Wort für Wort in sein Gedächtnis. Als er aber der Erzgießerei zusteuerte, konnte er fast schon alles auswendig hersagen:

»Ein Verlass'ner in der Menge, wandle wie ein Schatten stumm,
Einsam selber im Gedränge in der Heimat fremd herum.
Sagt, was habet ihr gewonnen, wenn mein Wesen sich umeist,
Wenn der frohe Sinn zerronnen, dumpf und trüb erstarrt der Geist?«

Kaum aber, daß er das letzte Wort deklamierte, tönte zu seinem grenzenlosen Erstaunen ein lautes Schluchzen im Wagen. Er sah sich um und gewahrte wieder den Prangerl, der mit seinem gelbseidenen Taschentuch kaum die Tränen zurückhalten konnte. »Satanskerl, was ist denn los?« fragte der König. »Du tust mir so leid, so furchtbar leid!« stöhnte der Knirps. Der König nickte in tiefen Gedanken. »Es ist auch hart, so allein auf dem Thron zu sein.« » Ce n'est pas ça!« winkte der Knirps ab. »Was denn sonst?« forschte der König unter üblen Ahnungen. »Weil du so . . . so . . . so wunderschön dichtest, deshalb tust du mir so schrecklich leid.« Da hatte der Fant die empfindlichste Stelle des Monarchen getroffen, denn jeder Zweifel an der Kraft der poetischen Ader, jeder Spott, der dahin zielte, erboste ihn über die Maßen. Drum kreischte er auch in heller Entrüstung. »Niemand hat dich gerufen. Jetzt mach, daß du weiter kommst.«

Damit riß er den Wagenschlag auf und eilte, so schnell er konnte, zwischen herumliegenden Eisenteilen und zerschlagenen Formen auf den Holzschuppen zu, der auf haushohen Gerüsten das ungeheuere Haupt der Bavaria barg. Dieses Wunderwerk aller Erzbildnerkunst hatte der König zwar schon oft gesehen, doch konnte er sich darin nicht genug tun. Immer wieder mußten vor seinen Augen die sechs Männer. die es bergen konnte, unten beim Halse hineinschlüpfen, um oben bei den Schläfen herauszukriechen. Er nahm das aber nicht als Spielerei, er nahm es als tiefe Bedeutung, als das Übergewaltige seines Reiches, dessen symbolische Erscheinung ihm und seinem Volke zu jeder Stunde ins Gedächtnis rufen sollte, was Vaterland hieß. Unbewegt blickten dabei die Riesenaugen der neuen, bayerischen Schutzpatronin auf den Herrn und Gebieter. Nur im Erze grollte und donnerte es von den polternden Tritten der herumsteigenden Menschen, als künde sich Unheil an. Doch je stärker es widerhallte, um so gigantischer wirkte das Starre des Weibes. Es war wirklich, als sei eine der Urwelterscheinungen zu den Menschen herabgestiegen, die als ungeheuere Gäa alles in sich aufnahm, um es gleich darauf wieder von sich zu schleudern. Befriedigt nickte der König. »Mein lieber Meister,« so neigte er sich zu dem danebenstehenden Künstler, der das Werk geschaffen hatte, »ich hab's Ihnen ja schon oft ausgedrückt, aber ich muß es immer wiederholen, daß Sie etwas Ungeheueres geleistet haben. Wahrhaftig, Sie vollbrachten, was nicht nur an die Taten der Antike heranreicht, nein, was sie übertrifft.« Der Mann, dem er das sagte, verbeugte sich, wobei dem König auffiel, daß er ungewöhnlich verfallen aussah. »Sind Sie wieder von Ihrem alten Übel gequält?« fragte er. »Mit mir ist's nichts mehr,« antwortete der Künstler. »Es geht nicht voran, und der Doktor weiß auch nichts.« »Doch, doch, es wird!« fiel der König hastig ein, als wünsche er auch die Genesung kommandieren zu können. Dann drehte er sich, ohne eine Antwort abzuwarten, zu dem Manne, der den Guß vollendet hatte. Der machte erst sein Kompliment, um dann in ruhiger Weise seine Erklärungen zu geben. Ein untersetzter Mann im halbverkohlten Lederschurz, mit breitgeschirmter Mütze, hob er sich in der selbstbewußten Art, mit der er manchmal seinen Vollbart strich, himmelweit ab von dem kränkelnden Bildhauer und dem unbeholfenen Maler in der Mariahilfkirche. Er holte weit aus, weil er recht gut wußte, daß das der König verlangte. Dann sprach er von dem Aufwand an Material, an Ton und Backstein, er nannte die Brauer der Stadt, deren schöngeschirrte Hengste diese Hundertzentnerlast zur Theresienwiese ziehen sollten. Auch zählte er die Schwierigkeiten her, die sich der Aufstellung noch in den Weg stellen konnten, endlich aber auch die Möglichkeiten, sie zu besiegen.

So gern er dem Meister sonst zuhörte, so hoch er ihn schätzte, so sehr er sich selbst in dem Glanze sonnte, daß kein anderer Auftrag auf der Welt bis jetzt so einen Koloß hervorzaubern konnte, den von Rhodos nicht ausgeschlossen, heute hörte der König nur sehr ungeduldig zu und brachte keine innere Sammlung auf. Außerdem redete der Gießer ohne Unterbrechung. Das war ihm peinlich, das war nicht notwendig; man konnte doch mal eine Cäsur eintreten lassen, eine Fermate, die der Rede neuen Wohllaut und Abwechslung verlieh. Auf diesen Ruhepunkt wartete der König, denn er wußte ganz gut, man durfte mit diesem Manne nicht so umspringen wie mit dem Schöpfer der Auer Kirchenbilder. Und weil er das wußte, ärgerte er sich. Darum sagte er gar nichts. Während er aber anscheinend sein Ohr lieh, während die Arbeiter abwechselnd durch den im frischen Erze funkelnden Kopf des Ungeheuers kletterten, merkte er neben sich wieder den Prangerl, der heute gar keine Ruhe geben wollte. Erst horchte Ludwig absichtlich nicht hin, was der Bursche hervorbrachte, dann aber war es dem König, als legte sich ihm das Geflüster wie eine Prophezeiung auf die Seele, daß ihm heute, wo es mit den Künstlern so gar nicht klappen wollte, noch etwas ganz Absonderliches begegnen werde. Deshalb trieb er, ohne sich noch einmal umzusehen, zum Fiaker, den er nach dem Königsplatze dirigierte.

Dort erst fand er sich wieder. »Mein lieber Baurat,« begrüßte er den leitenden Architekten, »soeben Bayern gesehen in seiner ungeheuren Ausdehnung. Vom Bodensee bis zur Rhön, von Salzburg bis zur Rheinpfalz, das heißt, von dem, was da drüben noch übrig ist. Jetzt kommt Hellas. der Schwesterstaat, an die Reihe.« Während er das sagte, stieg er die Treppe des korinthischen Tempels hinan, dessen von acht Säulen getragener Giebel das neue Kunstleben versinnbildlichte. »Prächtig! Prächtig!« jauchzte der König. »Wird immer schöner, der Bau. Genau so schön wie drüben die Glyptothek. Drum gratuliere Ihnen. Hier ist Hellas. Und wo Hellas ist, sind wir glücklich. Denn dort blüht Freiheit, schimmert Licht und quält keine Enge. Fort mit der Romantik. Will nichts mehr wissen von dem dämmerigen Kirchenlicht, von Sagen und glänzenden Märchenaugen, bin Klassizist!« Der Baurat, der auch ein bißchen besser Bescheid wußte wie der unbeholfene Fischer in der Au, dankte untertänigst für solch hohe Anerkennung, der Monarch aber schwärmte in vollen Tönen. Er streckte die weit geöffneten Arme gegen den blauen Himmel aus, wie der Priester, der den Segen des Zeus zum Opferaltar herabflehen will, er nannte sich mit Stolz den ersten der Philhellenen und feierte den Freiheitskampf dieses gewaltigen Volkes in seinen größten Epochen. Zu immer schwellenderen Akkorden wuchs dabei seine Stimme. Mitten im größten Sang erlitt sie allerdings für kurze Zeit eine gewisse Abdämpfung, indem Griechenlands Protektor dem eifrig lauschenden Baumeister verriet, den letzten Impuls zum tätigen Eingreifen hätten ihm weniger die sogenannten Griechenkomitees in Paris und London gegeben, als vielmehr der ausgezeichnete Altphilologe Thiersch, ordentlicher Professor an der Universität München, der sich rühmen dürfe, die größte Hörerzahl zu haben, im letzten Semester nicht weniger wie zweihundertsiebzig. Jetzt aber, wo er seine Ehre auf das Spiel gesetzt habe, dürfe er behaupten, er habe wie Christus den eigenen Sohn dahingegeben, der zwar nicht die Welt zu erlösen hätte, wohl aber das unvergleichliche Denkmal der Antike der Nachwelt zu retten, was auch eine Aufgabe sei. Das brachte er wieder in so überquellendem Eifer hervor, mit solchem Feuer und so unbezwinglichem Glauben an sich selbst, daß er schön und heldenhaft anzusehen war, besonders dann, als er seine lange Rede von der Höhe der stolzen Freitreppe mit den eigenen Versen schloß:

»Hellenen, kämpft den Kampf des Todes,
Verlassen von der ganzen Welt,
Kämpft in der Glut des Abendrotes,
Das nur auf Hellas Trümmer fällt. –

Von Kanaris angezündet
Leuchtet jetzt der Schiffe Brand,
Hohes Zeichen, das verkündet
Freiheitslicht für Griechenland.«

» Suberbe! Magnifique!« tönte es plötzlich von unten herauf. Der König fuhr zusammen. Nichts war ihm schrecklicher, als in jähem Wechsel aus seinen Illusionen gerissen oder in einer Pose überrascht zu werden, die wohl für den unbeteiligten Zuschauer, niemals aber in seinen Augen absonderlich wirken konnte. Zunächst glaubte er an Einbildung und hatte den Schurken, den Prangerl, wieder in Verdacht; der aber schien die hohe Weihe des klassischen Augenblicks nicht stören zu wollen. Wenigstens kam weit und breit kein Laut von ihm. So trat denn der fürstliche Poet an den äußersten Rand des Tempels, woher die Stimme gekommen war. Als er aber mißtrauisch hinabsah, blieb er wie gebannt stehen. Denn von einem dicht bewachsenen Rasen, aus dem der Tempel uneingeschränkt herauswuchs, blickte ein Wesen empor, eine Frau, wie er so etwas überhaupt noch nicht gewahrt hatte. In seiner Schönheitsgalerie befand sich, das wußte der Monarch ohne jede Überlegung, ganz sicher kein Porträt, das würdig gewesen wäre, neben soviel Glanz zu paradieren. So fuhr es ihm denn auch brennend heiß durch Herz und Kopf. Völlig konnte er das einzige Bild in der kurzen Zeit nicht in sich aufnehmen, aber er sah das schwarzsamtene Gewand mit dem goldenen Gürtel, er sah den weißen Kapotthut, dessen zusammengebundene Schleifen mit den tiefschwarzen Haaren um ein höchst ebenmäßiges, ovales Gesicht liefen, ein Gesicht, dessen elfenbeinerne Haut und märchenhafte, blaue Augen das von der Sonne getränkte, grellrote Schirmchen wohlig durchleuchtete, wie es durch alle Nägel der wohlgepflegten Hände flutete. Sieghaft und stolz in der ganzen Haltung, kühn die schmale Nase mit den leicht geblähten Nüstern nach oben gestreckt, übermütig die prachtvollen Zähne weisend, so stand die fremde Dame ein paar Sekunden. Dann ging sie langsam, als ob sie gar nichts zu versäumen hätte, ja, als ob sie noch auf etwas Bestimmtes warte, zur Stadt hinein, indem sie den schlanken Körper in kaum bemerkbarem Tänzeln wiegte, ein Füßchen vor das andere setzend und unter dem Schirm das Haupt verbergend.

Jetzt sah der König erst auf den Architekten, dann auf die Stelle, wo das Wunder erschienen war. Doch da fuhr er jäh zurück. Anstatt der Dame lugte nämlich der Prangerl von unten herauf, indem er das Gesicht in noch welkere Falten zog als bisher. »Hast du sie nicht mehr erkannt, Gevatter?« lispelte er. Der König verneinte wie geistesabwesend. Solche Schätze, meinte er, gediehen nicht auf heimischem Boden; das sei etwas ganz Ausnehmendes, und man müsse schon weit in der Welt herumreisen, bis man so etwas fände. »Gar so weit dürfte sie nicht her sein,« lachte der Prangerl, »besinne dich nur! Die Mamsell, die Tänzerin, die du damals im Hoftheater gesehen hast!« Da vergaß der König seine ganze Würde und schlug auf die Schenkel, daß es nur so krachte. »Das talentlose Frauenzimmer?« rief er. »Das nicht geruht hat, bis man sie auftreten und durchfallen ließ. Fand sie schrecklich, ungenießbar, kurz, was weiß ich noch alles! Und das soll diese dämonische Huri sein, diese Aspasia, diese Schönheit ohne gleichen? Ach, das gibt es ja gar nicht!« »Geh ihr nur nach,« meckerte der Knirps, »dann wirst du bald das Nähere merken.« Der Monarch wollte sofort die Treppe heruntereilen. Doch überlegte er noch hastig, ob sich das mit seiner Stellung und der königlichen Würde vereinbare. Erst fand er, daß es eigentlich doch nicht angehe. Wenn ihm ein weibliches Wesen gefiel, hatte er jedesmal mit seinem Geheimsekretär gesprochen und die Beglückte in die Residenz zitieren lassen. Da das in diesem Falle schwerlich ginge, da niemand wüßte, um wen es sich handelte, mußte er doch wohl eine Ausnahme machen. Und das konnte er um so besser, als hier nichts Geringeres auf dem Spiele stand als die wirkliche Schönheit. So warf er denn alle autokratischen Bedenken mit entschlossener Hand von sich. »Ich muß fort,« sagte er zu dem Architekten, »schneller fort, als mir lieb ist, denn mich ruft die Pflicht. Ein andermal denn.« Er lüftete leicht den Hut und sprang die Treppe herunter wie ein Schuljunge, so daß ihm keiner folgen konnte, außer dem Prangerl. Der neigte sich zu ihm und kicherte, indem er als guter Pfälzer von seinem Halbfranzösisch getreulich ins Deutsch übersetzte. »Aber gelt, keine Dummheiten machen. Die Dame ist nämlich gar nicht so unschuldig, als sie nicht aussieht.«

Sein Gebieter hörte nicht darauf. Der Schatten des Zwergs verblaßte mehr und mehr und verschwand, während der König, erfüllt von beglückter Erwartung, dem roten Sonnenschirmchen folgte, das freundlich von der Ferne her leuchtete und sich langsam in der Richtung des Obelisken verzog.

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