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Das Erwachen

Josef Ruederer: Das Erwachen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Erwachen
authorJosef Ruederer
year1916
publisherSüddeutsche Monatshefte
addressMünchen
titleDas Erwachen
pages3-430
created20020505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Fünftes Kapitel.

Das »e«.

Die Magd, die den Eindringling im altmodischen, schwarzen Rock und ausgebauchten Zylinderhut mit unsicheren Blicken musterte, als wisse sie nicht, sei es ein Herr oder ein Mann, meinte, nachdem sie Namen und Stand zweimal buchstabiert hatte, er solle mal stehenbleiben. So ohne weiteres ließen der Herr Reichsarchivdirektor nicht jeden hinein, besonders wenn keine Rekommandierung mitgebracht werde. Sie schien mit dieser Wendung dem unbekannten Besuche so was Ähnliches herauskitzeln zu wollen, denn sie machte eine Pause voll herrischer Erwartung. Da aber der Luegecker doch unmöglich den Faist als Referenz aufgeben konnte, ließ sie ihn mit einem Blicke der Verachtung für so viel läppisches Gebahren stehen und klopfte mit größter Behutsamkeit an eine hohe Türe zur linken Hand. Dort verschwand sie für lange Zeit auf ein kräftiges »Herein«, das etwas vom Tone eines Regimentskommandeurs vor der Front aufwies. Auf solche Art hatte der Wirt der Haupt-Schützengesellschaft zwischen offenstehender Haustüre und Vestibül Gelegenheit, entblößten Hauptes den ersten schüchternen Blick in das Heiligtum zu werfen, von dem ihm schon so viel erzählt worden war. Prächtig genug ließ es sich an. Er sah dem Eingang direkt gegenüber eine breite, mit einem Podeste versehene Treppe, der braunlackierte, von Messinggesimsen gekrönte Eisenstäbe als Geländer dienten. Dahinter ragte als ausgiebige Lichtquelle für den weißgetünchten Raum ein hohes Fenster in das obere Stockwerk hinauf. Zu beiden Seiten des von einem durchsichtigen Mullvorhang bedeckten Glases hingen zwei schmale, lebensgroße Bilder von Kavalieren im Jagdkostüm, wie sie auch so ähnlich im Festsaal der Haupt-Schützengesellschaft prangten. Nur mit dem Unterschied, daß die Herren da viel nobler gekleidet waren und Waldhörner um die Brust geschlungen hatten, deren mächtige Schalltrichter bei der Auferweckung der Toten am Tage des Jüngsten Gerichts ausgiebige Dienste leisten konnten. Der Luegecker wollte sich eben dorthin, wo die Treppe anstieg, in eine andre Leinwand versenken, die goldumrahmt drei nackte Frauenzimmer mit einem Schäferbuben darstellte, eine ganz kuriose Geschichte, wie er derlei noch nie gesehen hatte, da kam die Magd aus dem Zimmer zurück und bedeutete ihm, er würde angenommen. Als darauf der verlegene Mann eine Biegung nach links machen wollte, winkte sie ab und meinte, so schnell gehe das nicht. Hier auf dem Vorplatz habe er zu warten, bis ihn der Herr Reichsarchivdirektor in eigener Person rufen würden. Damit schlug sie die Haustüre zu und verschwand den Gang hinunter, der, an jedem Ende ein kleineres Fenster aufweisend, das Erdgeschoß in zwei Hälften teilte. Eine Einladung, so lange einen der sechs gepolsterten Stühle mit den hohen Lehnen zu benützen, die gleichmäßig verteilt an den Wänden des Vestibüls herumstanden, hatte sie nicht erlassen. Aber der Wirt der Haupt-Schützengesellschaft hätte, auch wenn eine solche ergangen wäre, nie und nimmer gewagt, ihr zu folgen. Es war ihm schon vom Augenblicke an, da er nach langem Sträuben endlich seinen Stock nahm und über den Dultplatz die Brienner und Ludwigstraße hinauswanderte, bei der ganzen Sache nicht wohl zumute. Jetzt aber, wo der hohe Herr so ausgiebig warten ließ, wußte er erst recht nicht, was er anfangen sollte. Und doch war ihm, je länger es dauerte, diese Verzögerung ganz willkommen. Er konnte den Schweiß von der Stirne wischen und sich so langsam wieder in der äußeren Erscheinung zusammenstellen, er konnte sogar noch einmal überprüfen, was er alles zu sagen hatte. Deshalb zog er ganz im geheimen einen Zettel heraus, indem er bald auf ihn, bald auf die Türe sah, aus der der Gewaltige treten mußte. Vernahm er aber das geringste Geräusch im Hause, dann knitterte er das Papier zusammen, da er meinte, jetzt sei es so weit. Erst nachdem Ruhe eingetreten war, holte er es wieder hervor und schaute auf die grobzügigen Buchstaben, die es bedeckten.

Die waren von seiner Frau geschrieben und gaben genau an, was er alles zu sagen hatte. Der Herr Reichsarchivdirektor möchten es nicht für ungut nehmen, wenn ein einfacher Bürger, in Gestalt des Joseph Luegecker, ihm in aller Ehrerbietung einen praktischen Vorschlag unterbreite. Man lebe in der Zeit der Geschäfte, und Geschäfte wollten eben gemacht sein, sonst kämen keine Geschäfte dabei heraus. Gewiß, ein so hoher Herr kümmere sich wenig um Geldangelegenheiten, um gewisse Vorteile, aber andere Leute müßten das dafür um so mehr tun, schon aus dem Grunde, damit sie zu leben hätten. Der Stand des Petenten sage genug; er sei als eine Art Einführung zu betrachten. Das Gasthaus zur Schießstätte läge dicht bei den Wiesen, die des hohen Herrn seliger Herr Schwiegervater von seinem seligen Herrn Vater ererbt habe. So wie sie jetzt sich ausbreiteten, wären sie überall und nirgends auf der Welt; mit andern Worten: sie böten keinen höheren Wert als den, den das Heu jedes Jahr bringe. Das sei aber naturgemäß jammerbar wenig und in keinem Verhältnis zu den großen Zinsen, die da verloren gingen. Auch seien sie wohl zu weit vom Besitztum des gnädigsten Herrn entfernt, als daß er je einen praktischen Gebrauch davon werde machen können. Da wollte denn der Luegecker in aller Ehrerbietigkeit anfragen, ob das so bleiben solle. Eine Einmischung sei ihm ferne, aber er bäte doch submissest, daß der Herr Reichsarchivdirektor, wenn er je die wertlosen Objekte losschlage, an ihn denke, der da draußen bescheiden wirtschafte. Er habe das nötige Kleingeld beisammen, um was Anständiges bieten zu können, er sei ein niemals vorbestrafter Mensch, der zwar noch nicht lange in München lebe, aber seine Reputation habe, nötigenfalls auch seine Referenzen. Drum möchte man ungeniert einen Preis nennen; über die Höhe würde man schon einig werden. Ärgernis hoffe der Luegecker durch diese Frage keines zu erwecken, denn eine bescheidene, höfliche Anfrage verdiene auch die entsprechende Antwort. Außerdem kaufe heutzutag jedermann; selbst der König tue es und tausche, wenn er was bauen wolle.

Diesen letzten Satz, meinte Frau Therese, könnte er weglassen, wenn der Besitzer sich bereits gefügig zeigte. Im übrigen werde ja, wie immer auf der Welt, ein Wort das andere ergeben. Nur eines müsse er unbedingt beherzigen. So lebhaft, so angenehm die Unterhaltung sich gestalten möge, unter keinen Umständen dürfe er davon was verraten, daß der Bahnhof vom Hackerbräu weg zur Stadt gerückt werden sollte. Denn das sei das Geheimnis, auf dem sich das ganze Geschäft aufbaue. Erführe der Reichsarchivdirektor vorher davon, dann würde er nie ja sagen, erführe er's aber hinterher, wenn alles verbrieft war, dann konnte es ganz Wurst sein. Denn, was mal unterschrieben vorlag, durfte nicht ausradiert werden, auch wenn der Verkäufer der allmächtigste Mann des ganzen Landes war. So meinte die Frau und schrieb, damit der Luegecker ja keine Dummheit begehe, noch eigens unter einen festen Strich die Warnung: Nichts vom Bahnhof sagen! Sie hatte das außerdem persönlich so oft wiederholt und ihn dabei mit den grauen Augen so fest angeschaut, daß ihr Mann diesen Wink fast ebenso auswendig hersagte wie das andere Geschreibsel des Zettels. Auf diese Weise lief er direkt Gefahr, das eine vor dem andern herauszustoßen und die Warnung bei der Begrüßung des Reichsarchivdirektors an die Spitze zu setzen.

Freilich hatte er zuerst noch so manches dagegengeredet. Ob ein so wohlinformierter Herr, der seine Finger doch überall drin hatte, nicht längst davon wisse, ob er nicht gerade so gescheit sei wie die Frau Therese Luegecker und ihr sauberer Unterhändler. Das werde man sehen, lautete die prompte Antwort; jetzt käme es mal auf den Versuch an. Aber der Luegecker war noch nicht zufrieden. Ob dann halt die Bahn auch wirklich ihre Geleise hereinstrecke, ob die Lokomotiven wahrhaftig bis zur Schießstatt führen oder ob sie etwa halben Weges stehen blieben? Nicht daß man etwa petschiert dasitze mit den Grundstücken und bis zum Tage der Auferstehung warte, um alles Geld wieder mobilisieren zu können. Darüber solle er sich gefälligst keine Gedanken machen, erwiderte Frau Therese. Und der Faist, den man wieder freundlich abklatschte, weil er sonst zu gefährlich gewesen wäre, fügte ermutigende Worte bei. Drücke der Verkehr wirklich nicht von außen herein, so werde er schon hinaus drücken; die Stadt wachse ja täglich, drum sei es, wie man auch daran mäkle, ein Geschäft. Das glaubte der Luegecker selbst, indessen hatte er immer noch Bedenken vorzubringen. Solche waren ihm während der paar Monate seines Aufenthalts in der Stadt gar reichlich aufgestiegen, und er zögerte nicht, sie vor seinem Abmarsch noch einmal zum besten zu geben.

Die Bürger hier trugen nämlich, wohin er auch kam, so ein Gehabe zur Schau, daß er ihnen jedesmal am liebsten die eigene Türe vor der Nase zugeschlagen hätte oder auf der Schwelle noch umgekehrt wäre. Zum Beispiel der junge Gaiglbräu, der erst vor einem Jahre das väterliche Anwesen übernommen hatte. Wie empfing ihn der Mensch, wie hochmütig, wie patzig! Gewiß, er war so gnädig, seine saure Kletzenbrüh' abzugeben. Ein schöner Ochs, wenn er nicht so viel Geschäftssinn gehabt hätte. Überhaupt, da fehlte es nicht. Profit zu machen, verstanden die Herren. Und das Geld nahmen sie auch. Aber sie taten so, als ob das eine Gnade wäre. »Meinetwegen«, brummte der Biersieder und verschob kaum seine schwarzseidene Mütze, worauf farbige Blumen gestickt waren. Und die junge Madam, die dabeistand, um den Schlüsselbund an der sauberen, weißen Schürze zurechtzurücken, sah den Luegecker an, als wollte sie fragen, ob man's auch zahlen könne, das elende Gesöff. Im Hintergrunde aber saß wie ein verkörpertes Grundprinzip der Familie der Alte, der vor kurzem Haus und Geschäft dem Jungen übergeben hatte. Na, das war erst das Schönste von allem! Wie ein aufgedunsener Schwamm, der das ganze Bier in sich gesogen hatte, das er im Leben braute, kauerte er am Tische und stierte vor sich hin. Von Augen war da schon gar nicht mehr zu reden; alles Weiße war rot oder gelb geworden, von blauen Äderchen durchzogen, die Nase breit und unförmig, trotzdem man ihr an der Wurzel noch ansah, daß sie einst bessere Formen aufwies. Zwei Fettwülste quollen unter dem weiten Kragen des Hemdes hervor und zeigten, wie zwei weitere auf der Stirne, daß der Mann auf der Welt eigentlich nichts mehr zu tun hatte, außer in aller Gemütlichkeit noch den letzten Schlaganfall abzuwarten, der ihn unter Glockengeläute ins Jenseits hinüberführte. Er achtete wenigstens kaum auf das, was um ihn vorging; nicht einmal durch ein Kopfnicken beantwortete er den Abschiedsgruß.

Und nun gar erst der Residenzbäck! Der war weder in seinem Laden, noch am Backofen zu finden, sondern hockte oben im ersten Stock in einer prachtvoll eingerichteten Wohnung. Neben ihm auf einer hellackierten Kommode stand unter Glas eine goldene Monstranz, ein Kelch aus Silber, ein Weihrauchfaß und ein Wedel. Als ob man zum Hochwürden käme, nicht aber zu einem Teigpatzer! Dreimal mußte der Luegecker husten, denn der Herr Hoflieferant geruhten soeben in einem Reliquienkästchen herumzustochern, um unter das Vergrößerungsglas zu nehmen, was von den allerletzten Knochensplittern irgend eines Heiligen noch übriggeblieben war. Nur als es gar nicht mehr anders ging, wurde endlich Gehör gewährt. Dabei war vom Brot kaum eine Rede, sondern der Nepomuk Gaigl drehte fortwährend auf mit dem goldenen Kästchen, das er in Rotthalmünster vor acht Tagen erstanden habe. Ein Gelegenheitskauf, wie man ihn selten mache. Sein seliger Vater habe das noch viel besser losgehabt, aber der sei ja leider bei dem furchtbaren Unglück damals dahingegangen, als im Jahre 1813 die Isarbrücke einstürzte. Ob das der Luegecker nicht wisse, ob er überhaupt den alten Residenzbäck nicht gekannt habe? Na, das sei ein Mann gewesen, ein Mann, wie er einfach nicht wieder käme. Man tue ja sein möglichstes, ihm nachzueifern, aber das wisse er heute schon, so weit werde er's nie bringen. Weder im Backen, noch im Sammeln von Altertümern. Der Wirt von der Haupt-Schützengesellschaft fragte sich, während er das alles mit anhören mußte, was ihn das eigentlich anginge. Der Bäcker da war doch ein Gewerbetreibender wie er selber, nicht mehr und nicht weniger. Warum spielte sich also der Gschaftlhuber auf den nobeln Herrn und Kunstverständigen hinaus? Er hätte ja auch von seinem Vater, seinem Großvater anfangen können, aber er hielt das für keine Art, wie werktätige Bürger miteinander zu verkehren hatten. Eine gespreizte Gaudi nannte er's, und nur die Angst, es könne ihm bei den Wiesen um die Schießstatt herum wirklich was Vorteilhaftes entwischen, ließ den Verärgerten in Gottes Namen den Sonntagsstaat hervorholen und zu dem gehen, der nach allem, was man von ihm so hörte, der Geschwollenste der Geschwollenen sein mußte.

Aus seinen Träumen weckte ihn plötzlich mit hellem Klang eine Uhr. Er drehte sich nach der Richtung, aus der die zwölf Schläge kamen und gewahrte, in die Biegung der Treppe eingekeilt, einen gar merkwürdigen Aufbau phantastischer Häuser, deren höchstes ein Türmchen mit einem Zifferblatt zierte. Darunter befand sich in dem von Säulen flankierten Gewölbe der Stall mit dem Jesuskindlein in der Krippe. Daneben die heilige Jungfrau sowie der Namenspatron des Beschauers, der heilige Joseph, darüber der Stern von Bethlehem. Alles in schönen Verhältnissen ausgeführt, alles so realistisch dargestellt, daß man die Falten in den Gesichtern und die einzelnen Haare der umstehenden Tiere genau unterscheiden konnte. An den grauen Kitteln der anbetenden Hirten waren sogar die geflickten Risse zu beobachten, die die Kleider solch armer Leute aufzuweisen pflegen. Während aber der Luegecker das alles überflog, ertönte, kaum daß die Schläge verklungen waren, die sanfte Musik einer Spieldose. Das Tor des linken Palastes flog, von unsichtbarer Hand geöffnet, auseinander, und in weitem Halbkreis zogen durch den gut gefütterten Moosboden, auf eigens gesteckten Schienen die Heiligen Drei Könige, der Kaspar, der Melchior und der Balthasar in reichen Gewändern. Ihnen folgten Diener und bucklige Kamele, die kostbare Geschenke trugen. Diese feierliche Prozession schritt Mann für Mann hintereinander bis zur Mitte der Krippe, wo jeder steif den Kopf herunter und sofort wieder hinaufzog; dann verschwand sie in dem rechtseitigen Palast durch ein Tor, das auseinanderflog wie jenes des linken, während die Musik im selben Augenblicke verstummte.

Mit offenem Munde schaute der Luegecker nach. So etwas hatte er noch nie erlebt, weder im Lipperltheater, wohin er des Sonntags manchmal heimlicherweise ging, um sich dort an den Ritterstücken sowie an dieser allbeliebten Münchner Karikatur zu erfreuen, noch draußen bei der Haupt-Schützengesellschaft. Freilich, in der Schießstatt gab es eine Scheibe, die gleichfalls einen Marsch losließ, wenn vorher richtig ins Schwarze geschossen wurde. Ein Tambourmajor in blauer Uniform sprang aus der Tiefe des Zielergrabens in die Höhe und streckte den Stab mit dem silbernen Knopf ein paarmal in die Luft hinaus, bis er auf den letzten Takt des kurzen Marsches mit einem festen Rucke des Armes das Zeichen zum Schlusse gab. Ferner zog ein Hirsch im Eiltempo über das Schußfeld, der ein Lied aus Karl Maria von Webers »Freischütz« zum besten gab. »Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen?« so tönte es dann jedesmal, und der glückliche Schütze schmunzelte sehr vergnügt dabei, weil es einen Haupttreffer bedeutete. Nicht zuletzt war ein großer Wurstl da, der auf Anschuß dreimal »juhu« schrie. Das Zeug da aber ging von selber los, ja, die Biblische Geschichte marschierte vorüber, als ob die Parade aufzöge. Einen Augenblick überlegte der Luegecker, ob er so was auf seiner Schießstatt auch anbringen könnte. Er hatte sich schon mal das Wappen der Stadt, das Münchner Kindl, als Scheibe zurechtgelegt; das sollte aus der Versenkung steigen, den bayerischen Löwen an der Hand, der dann ein fürchterliches Gebrüll anzustimmen hätte. Denn der neue Gastgeber suchte sein Publikum bei jeder Gelegenheit zu ergötzen. Nur schien es ihm oft, als würden seine Bemühungen nicht immer mit Dank erwidert. Der Schützenmeister, ohne dessen Zustimmung nichts Neues eingestellt werden durfte, lehnte ab; außerdem bewegten sich in der Gesellschaft, wie der Volksmund sagte, gar gewappelte Herren, die unter ihren grünen Hüteln noch hochnäsigere Mienen zur Schau trugen als der Gaiglbräu oder gar der Residenzbäck. Auch der Herr von Gankoffen war Mitglied der noblen Vereinigung. Doch konnte man das nur aus den Listen ersehen; persönlich hatte er sich noch nie gezeigt. Er gehe überhaupt nicht aus, hieß es, und das bedauerte Frau Therese, da man ihn sonst beim Glas Bier viel leichter hätte fassen können als zu Hause. Dafür saßen andere hohe Staatsbeamte und Aristokraten am großen Tische, die eine Scheibe, wie sie sich der Luegecker jetzt ausdachte, mit dem Stern von Bethlehem, mit dem schwarzen König und gar einem Kamel dahinter wohl sehr krumm nehmen mochten, da sie beim Aveläuten sofort jede Unterhaltung abbrachen, um, die drei Sätze durch, andächtig die Hände zu falten und hinterher sich freundlich Guten Abend zu wünschen. Hol's der Teufel. Der Zugewanderte wurde auch mit ihnen nicht warm. Ja, er tat seine Schuldigkeit als guter Christ, er ging des Sonntags in die Kirche, aber wenn am Biertisch so ein recht saftiger Witz angeschlagen wurde, dann sollte, seiner Meinung nach, auch zu Ende erzählt werden. Gleich darauf kam ja doch wieder die Schweinerei aufs Tapet, um schallendes Gelächter zu erwecken, um bis Mitternacht zu regieren, um . . .

Er bremste plötzlich in diesem Gedankengang, weil ihm mit dem steigenden Grimme das Theater wieder in den Sinn kam, an das er beim Aufzug der Heiligen drei Könige zuerst gedacht hatte. Den Zusammenhang wollte er allerdings nicht recht begreifen. Denn die Kostüme in der grüngestrichenen Bretterbude vor dem Karlstore konnten nicht hinschmecken an die Pracht, die hier dem Auge geboten wurde. Das war dort alles aus Pappendeckel und Lumpen, aus Flitter, während hier in der Krippe das letzte Stück echt erschien. Am wenigsten paßte der Held, der Lipperl selber, in den biblischen Rahmen. Und doch konnte der Luegecker gerade von ihm nicht mehr fortkommen. Er hielt sich, je länger er vor dem Wunderwerk stand, mit der ihm eigenen Zähigkeit an diese lustige Figur, die der Münchner bei jeder Gelegenheit verspottete, und durch die er sich selber zum besten hatte. Über und über in Gelb gesteckt, eine Krause um den Hals, einen grauen Filz auf dem Kopfe, stolperte das Männlein über die Bretter und trieb seinen Schabernack. Der Dichter, wenn man bei dieser Bühne von so etwas reden konnte, lieferte nur die Konturen, der Darsteller der berühmten Figur füllte sie aus. Nicht nur technisch, sondern geistig, durch zahllose Witze und Extempores. So stieg die Verkleinerung des Philipp als drolliger Spießbürger auf den Brettern herum, allgemein verlacht und bejubelt. Sechs Kreuzer Entree für den Sperrsitz; was konnte man mehr verlangen! Man hatte ja seine helle Freude an sich selber! Und wie man's dem Darsteller, einem alten, eisgrauen Mann, ansah, daß ihm die Schminke nur schwer das Elend des täglichen Daseins vom Gesichte zu wischen vermochte, wie man's mit schärferen Augen wohl merkte, daß er am liebsten ins Parkett heruntergespuckt hätte auf das gröhlende Gesindel, so wollte der Luegecker manchmal mitten in die verfressene Gesellschaft hineinspeien, die sich in der Schießstatt draußen breitmachte. Er kam sich selbst vor wie der Lipperl, wie der Hanswurst dieser Protzen, der nach dem Takte zu tanzen hatte und auf dessen Kosten gelacht werden durfte. Mußte er nicht jedem den Narren machen und dabei noch buckeln, bis der letzte glücklich aus dem Hause war?

Nachdem er auf diese Weise den Faden seiner Gehirnzentren wieder aufgenommen hatte, gingen seine Blicke von der Krippe weg zu dem Bilde, das er vorhin, als das Mädchen von der Türe zurückkam, ins Auge fassen wollte. Und da geriet er wieder in bessere Stimmung. Denn er sah nach und nach genauer hin und hatte, je länger er das tat, seinen Spaß daran. Ja, er vergaß sogar alle mechanischen Scheiben der Schießstatt samt der Biblischen Geschichte und dem Lipperl. Was stellte denn dieser Menschensalat eigentlich dar? Einen jungen Burschen mit einem Apfel in der Hand, um ihn herum drei Weiber, die ganze Gesellschaft aber so gut wie nichts auf dem splitternackten Körper. Immer weiter riß der Luegecker die Augen auf, immer näher trat er an die sonderbare Szene heran. So schöne Frauenzimmer mit solchen Armen und Brüsten, solchen Schenkeln und Becken hatte er sein Lebtag nicht gesehen. Kopfschüttelnd fragte er sich, ob es so was in Wirklichkeit geben könnte. Ihm war jedenfalls dergleichen nie begegnet. Daheim, seine Therese war ja soweit ganz schön; sie galt sogar im Dachauer Bezirk als eine saubere Frau, an der besonders die Augen auffielen. Gegen die da droben aber konnte sie, auch wenn sie sich auskleidete, um ihre leinene Nachtjacke anzuziehen, nicht aufkommen. Sonst hatte der vierzigjährige Mann, der in derber Kraft mit ungebleichtem Haare in dem Vestibül der Villa weilte, noch nichts auf diesem Gebiete gesehen. Gewiß, er nahm als junger Bursche eine Bauerndirne auf den Heuschober mit; selbst als Verheirateter stöberte er, wie er sich eingestehen mußte, da draußen auf dem Lande gelegentlich so ein Wild im Getreide auf, wenn es ihm in heißen Sommertagen bei der Feldarbeit zittrig vor den Augen wurde und seine Ehehälfte recht weit vom Schuß war. Nur hob sich das alles von solcher Pracht ab, wie die erbärmlichen Ölfunzeln der Straßenbeleuchtung gegen die schimmernden Fenster der Residenz, wenn Hofball war. Einmal, als er im Winter in München weilte, hatte der Dachauer Bauer in diese beispiellose Pracht der gar nicht zu zählenden Kerzen mit anderen Gaffern hinaufgestarrt. Heute malte er sich aus, wie das wohl sein müßte, wenn's einem vergönnt wäre, gar einmal mit solchen Weibern zu tun zu haben. Würde er dann gerade so tappig dreinschauen wie der junge Mensch mit dem Apfel da? Oder täte er was anderes? Er stellte sich einen Augenblick Frau Therese vor und mußte dabei unwillkürlich zu lachen anfangen. Erst ganz verlegen, daß er meinte, seine eigenen roten Wangen zu spüren; dann vergaß er so langsam, wo er weilte, und schließlich lachte er ganz laut hinaus, indem er mit dem Stocke ein paarmal auf den steinernen Boden stieß. Er ließ dabei seine Phantasie immer weiterspielen, er ging alle übrigen Bauernweiber des Heimatdorfes durch, wie sie daherkamen in ihren unförmigen Trachten mit den blauen Strümpfen und den faltigen Röcken. Auch die Mannsbilder sah er, den Bürgermeister, das alltägliche Dahintappen zwischen Misthaufen und Düngerwagen, und da sagte er sich schließlich, es sei doch besser gewesen, in die Stadt zu gehen, trotz all den gespreizten Herren. Denn man roch halt doch ab und zu etwas, was man draußen nicht in die Nase bekam. Dabei schielte er aufs neue zu dem Bilde empor, er lachte wieder und stieß ein letztes Mal mit dem Stocke auf; diesmal besonders stark.

Solche Art mag nun an sich eine sehr angenehme Beschäftigung sein oder eine höchst gesunde Bewegung, auf die Dauer wirkt sie ermüdend. Vor allem hat sie, gar zu laut betrieben, die sichere Wirkung, Leute herbeizulocken. Das kann eine Erlösung bedeuten, wenn man durch langes Warten schon recht ungeduldig geworden ist, es kann peinlich überraschen, wenn man, in schöner Selbstbetrachtung verloren, auf nichts mehr gefaßt ist. Beim Luegecker traf beides zu. Er hatte schon öfter vor sich hingeschimpft und den arroganten Audienzgeber verflucht, der sich einbilde, er dürfe arbeitsame Leute warten lassen wie der König, im Augenblick aber, wo der gewaltige Mann plötzlich vor ihm stand, war er noch derartig mit der Abwägung der Kontrastwirkungen zwischen Göttinnen und Bauernweibern beschäftigt, daß ihm die unvermutete Erscheinung plötzlich den Atem raubte. Deshalb schnappte er zuerst noch zwischen Behagen und Erschrecken ein bißchen in der Luft herum, wie ein Fisch, den man eben dem Wasser entrissen hat. Dann aber nahm er sich doch zusammen und machte seine Reverenz so tief und so gut, als er sie in den drei Monaten seines Münchner Aufenthaltes den nobligen Herren in dem Augenblick abgeguckt hatte, wo sie jemand begrüßten, der einen höheren Titel in der Brusttasche oder zwei Zinken mehr in der Krone sitzen hatte. Als er nun so tüchtig die Hacken zusammenschlug, staunte er, wie es ihm glückte; noch mehr verblüffte es ihn, daß er gar keine Angst mehr hatte. Jedenfalls war er durch die nackten Weiber in eine ganz fidele Stimmung gekommen, fast in eine übermütige, die ihm über alles Peinliche des Zeremoniells glücklich hinweghalf. Er hatte nämlich schon vor dem Auftreten des Reichsarchivdirektors mit listigem Augenzwinkern gefunden, daß dieser Großkopfige, der das Kripplein neben so eine nackte Viecherei stellte, ein ganz gerissener, feiner Herr sein müsse, der sich recht gut aufs Leben verstehe, besonders auf die Weiber. Neben diesen aber auch noch auf ein bißchen Schöntun nach außen, auf die Komödie vom braven, christlichen Mann in der Gemeinde.

Ob er mit dieser Vermutung völlig ins Schwarze getroffen hatte, das wurde ihm allerdings wieder zweifelhaft, als er auf die stumme Gebärde des Hausherrn in das Zimmer stolperte, an dem das Mädchen geklopft hatte. Vollends schwankte er, als er sich dem Reichsarchivdirektor bei vollem Sonnenlichte Aug' in Aug' gegenüber befand. Bis jetzt war kein Wort zwischen den beiden gewechselt worden; der Gankoffen hatte nur höchst erstaunt dreingeschaut, der Luegecker nicht minder stumm gebuckelt. Jetzt, nachdem die Türe hinter ihnen geschlossen war, hieß es loslegen, denn die Zeit erschien knapp. Kein Stuhl wurde angeboten, keine Prise, kein Bier, sondern der hohe Herr stellte sich einfach auf die andere Seite seines mit Akten, Folianten und Tintenfässern bedeckten Schreibtisches. »Sie wünschen?« fragte er, und es klang noch viel unnahbarer als bei der Magd am Eingang des Hauses. Der Besuch fuhr nach der Tasche, er besann sich aber rechtzeitig, daß es jetzt doch nicht anginge, vom Papier abzulesen. Und da sah er denn ganz gerade aus auf den berühmten Mann, wie ein Bub auf den Lehrer sieht, wenn er ein Sprüchlein aufsagen soll. In solchen Augenblicken pflegt man nicht mehr darauf zu achten, weder im allgemeinen noch im besonderen, was um einen vorgeht oder an die Wand genagelt ist. Und doch traten dem unbeholfenen Manne zwei riesige Erscheinungen so gewaltig entgegen, die eine die andere überragend, daß er wieder kein Wort herausbrachte, sondern nur auf sie hinstarrte. Die eine verkörperte der Reichsarchivdirektor in eigener Person, im langen, faltigen, braunen Rocke, die Hände auf dem Rücken, den Kopf nach oben gestreckt, die andere sein Ahn, der in Kreidezeichnung genau so wiedergegeben war, wie er aus der Nische der Frauenkirche trat. Dieses Ungeheuer ragte wie ein Gespenst bis an die Decke des hohen Gemachs und ließ seinen Bart dicht auf das Haupt seines Nachkommen herunterwallen. Dort war freilich kein so üppiger Haarwuchs mehr zu sehen. Karl Albrecht trug vielmehr eine graumelierte Perücke, die, in der Mitte glatt gescheitelt, über die noch immer weit abstehenden Ohren ein bißchen gelockt herunterhing. Das mochte ihm etwas von einem Christus geben, wenn ihm zugleich ein Vollbart gewachsen und die ungeheuere Nase nicht gar so aufdringlich aus dem Gesicht gesprungen wäre. Er rasierte aber noch immer die gelben Backen und trug dasselbe kleine Bärtchen, wie der Luegecker es unter der Nase hatte. Nur mit dem Unterschiede, daß der es noch nicht so dick zu färben brauchte.

»Sie wünschen?« Noch ungeduldiger, noch eindringlicher klang es diesmal. Trotzdem meinte der Gefragte, es müsse ein gütiger Mann sein, der da vor ihm stand, da er nicht in der dritten Person mit ihm redete. Drum, dachte er, es sei das einfachste, wenn er doch alles abläse, statt lang herumzustottern. So holte er denn das zerknitterte Papier heraus und suchte es in die richtige Lage zu bringen. Allerdings wurde der Reichsarchivdirektor bei dieser Manipulation etwas ungemütlich. »Wenn Sie nicht reden können,« sagte er, indem er auf ihn zuging, »dann geben Sie her.« Und eins, zwei, drei, hielt er den Wisch in der Hand. Jetzt wünschte der Luegecker, alle die Bücher da an den Wänden möchten samt dem Hause über ihm zusammenbrechen und die zwei Gankoffens nebst ihm selber begraben. Alles bloß, damit um Gotteswillen nicht aufkomme, was Frau Therese noch eigens darunter gekritzelt hatte. Aber die vermaledeiten Scharteken hielten stand wie die Grundmauern. Es rührte sich nichts in dem Zimmer, nur der Gankoffen, der sich gesetzt und ein Augenglas aus der Brusttasche gezogen hatte, schüttelte nach langer Pause grauenhafter Versteinerung beim Lesen mehrmals das Haupt. Mit heraushängenden Augen verfolgte ihn der Luegecker. Er wußte, in derselben Sekunde, wo ihm das Aufgeschriebene entzogen war, wie durch ein Wunder seinen Spruch auswendig und ging mit, Zeile für Zeile, indem er sich sagte, sein Gegenüber stehe jetzt da, jetzt dort, jetzt aber . . . Ja, jetzt käme er an die fürchterliche Stelle. Nichts vom Bahnhof sagen! Der Gankoffen schien es dreimal zu lesen oder noch öfter. Schreckliche Zeit des Wartens, bei der man jeden Augenblick die Frage zu vernehmen meinte. ob man den Verkäufer leimen wolle, ob man ihn für so dumm halte. Am liebsten hätte der Wirt der Schießstatt seine unersättliche Frau angeklagt, die ihn in diesen Handel hineinhetzte, am liebsten hätte er gesagt, daß er den Faist für einen Saujuden halte, der alles auf dem Gewissen habe, am liebsten hätte er zuguterletzt noch selbst um Entschuldigung gebeten. Aber der Gankoffen saß so vertieft, daß man gar nichts herausbringen konnte. Manchmal blickte er sogar über das Corpus delicti in die Luft hinaus, indem er die Lippen hochzog und die Augen zusammenkniff, als wolle er ganz was Teuflisches ersinnen. Endlich legte er den Zettel auf den Tisch und wies mit durchbohrendem Blicke auf eine Stelle. »Das ist's!« meinte der Gefolterte. Jetzt wünschte er sogar, das Gewitter möchte endlich losbrechen, damit die Qual des Wartens ein Ende habe. Und indem er das dachte, ging sein Wunsch in Erfüllung. Der hohe Herr neigte sich ganz nach vorne und sah sein Opfer über den Schreibtisch an, wie der Kriminalkommissär, der den eingelieferten Verbrecher verhört, ehe er ihn dem Gefängnis überweist.

»Sie sind also der Wirt der Haupt-Schützengesellschaft? Der Joseph Luegecker in eigener Person?« fragte er. »Jawohl, gnädiger Herr!« kam es schüchtern zurück. »Wissen Sie, daß mich das lebhaft interessiert?« fing er wieder an. Der Luegecker konnte sich das nach der heillosen Blamage, die ihm seine Frau bereitet hatte, wohl denken. »O ja,« stotterte er, »aber ich kann versichern, Herr Reichsarchivdirektor, es ist wirklich nicht meine Schuld, wenn . . .« Der Gankoffen lächelte sehr fein. »Nicht Ihre Schuld? Darüber brauchen wir uns wohl kaum zu unterhalten. Aber unter allen Umständen steht eines fest –« »Was? Was?« holte der Luegecker hervor. Der Großinquisitor deutete wieder auf das Manuskript. »Daß das ›e‹, was Sie jetzt in Ihrem Namen bergen – ich meine selbstredend nicht eines der beiden, die im Ecker enthalten sind, sondern das andere hinter dem u – erst im Laufe der Jahre hineinkam.« Der Luegecker riß Nase und Maul auf. Er hatte sich vom ganzen menschlichen Sprachlexikon so ziemlich auf jedes Wort gefaßt gemacht; selbst ein Gendarm, der ihn verhaften sollte, wäre ihm als was höchst Natürliches erschienen; diese Belehrung hatte er nicht erwartet. »So, so?« fragte er ganz verdutzt. Da das der Reichsarchivdirektor als gelinden Zweifel an seiner Entdeckung nahm, erwiderte er etwas gereizt. »Darüber gibt es überhaupt nicht die mindeste Diskussion. Ihre Familie hieß ursprünglich Lugecker ohne e, wie es auch ganz logisch ist, da das Wort vom Lugen, vom Spähen, vom Schauen stammt. Wenn Sie diese Etymologie nicht begreifen, dann werde ich Ihnen das Nötige gleich Schwarz auf Weiß zeigen.«

Damit erhob er sich und trat an das Büchergestell, um einen Band herauszuheben. Der Luegecker jedoch nahm sein Taschentuch und schneuzte sich viermal nacheinander höchst nachdrücklich. Er hatte es nicht ein einziges Mal nötig, sondern tat das, weil er wirklich nicht mehr wußte, was er überhaupt noch anfangen sollte. Sicher war nur das eine, daß er sich bis jetzt den Kuckuck darum gekümmert hatte, was in seinem Namen steckte und was nicht. Ging aber die Untersuchung in dieser Art weiter, dann mochte seinetwegen der Gankoffen noch zwanzig weitere Buchstaben hineinfeuern. Die Hauptsache blieb, daß man bei dem gemütlichen Verfahren so langsam wieder zur Türe gelangte. Dorthin wollte er eben seine Blicke richten, um Entfernung und Marschtempo richtig abzuschätzen, als ihm der gelehrte Herr mit einer aufgeschlagenen Seite sehr gewichtig entgegentrat: »Da, lesen Sie selbst vom lautlosen e, das nie gesprochen werden, nie mit dem vorhergehenden weichen Vokal zu einem stärkeren vermählt werden darf. Und hier . . .«, er hielt einen zweiten Folianten in Bereitschaft, »sehen Sie Ihren Namen in der ursprünglichen Form auf dem Grabmal eines Mannes in der Martinskirche zu Landshut: des wohledelgeborenen Herrn Joseph Lugecker. der dem Kurfürsten Ferdinand Maria Anno 1672 bei einer Sauhatz das Leben gerettet hat und infolgedessen im Jahre 1673 geadelt wurde.«

Als der Wirt der Haupt-Schützengesellschaft so etwas hörte, mußte er zum erstenmal, seit er dem großspurigen Manne gegenüberstand, hellauf lachen. Erstens über die Sau, dann aber auch darüber, daß einer, der so hieß wie er selber, mit einem Kurfürsten etwas zu tun hatte. »Wenn Sie das alles als Spaß nehmen,« fuhr der Gankoffen heraus, »dann ist allerdings jede weitere Erklärung überflüssig.« Davon war nun der Luegecker weit entfernt. Er meinte halt nur so, sagte er sehr verschüchtert. Das beruhigte seinen Lehrmeister, und er ließ sich wieder vernehmen. »Leben tut keiner mehr von den direkten Nachkommen dieses Mannes. Das kann ich Sie auf das bestimmteste versichern, weil ich bei meinen wiederholten Aufenthalten in Landshut emsig nachgeforscht habe; es wäre aber äußerst verlockend, zu erfahren, ob und wie Ihre Familie mit ihm in verwandtschaftlicher Beziehung steht und wann das lautlose e zum erstenmal in Ihren Reihen auftritt.«

»Wenn du Lust hast,« dachte der Luegecker, »dann magst du suchen, soviel du willst; mir ist dieser Herr von Lugecker so Wurst, als ob ich Knöpfe aus Horn oder solche mit Seide übersponnen auf der Weste trage.« Das sagte er aber natürlich nicht, sondern schaute mit gut gespieltem Interesse auf den in Ratsherrntracht ausgehauenen Herrn, der neben seinem Ehegespons auf der Marmorplatte lag. Dabei machte er bloß hm hm und wieder hm hm. Der Reichsarchivdirektor mußte das wohl als Zustimmung nehmen, denn er wurde noch lebhafter, er holte weitere Bände herunter und verbreitete sich in längerer Rede über das unerhörte Quellenmaterial, das das schöne Vaterland in diesen Punkten biete. Und das sei nicht einseitig, das reiche über die ganze Welt und ströme von dieser wieder zurück, so daß Berührungspunkte über Berührungspunkte erwüchsen. Der Luegecker habe sich, zum Beispiel, gewiß schon, wie soviele Leute, gewundert, daß man vor mehreren Jahren das Baierland auf einmal auf Bayerland getauft, mit anderen Worten, das i mit einem y vertauscht habe. Das sei aber nichts andres als die letzte Ausspinnung des geheimen Fadens, der schon seit Urzeiten von unserm Volke in jenes Land hinüberreiche, dem in letzter Zeit die ganze Sehnsucht entgegenjauchze, nach Griechenland. Man habe es also hier mit einer Wesensverwandtschaft zu tun, mit einer letzten, logischen Konsequenz, die auf tieferen Gründen beruhe als im bloßen Austausch der beiden Buchstaben. Allzu weit wolle er sich darüber nicht verbreiten, da er fürchte, daß ihm der Luegecker nicht folgen könne; das eine aber möchte er doch noch sagen, daß es ihn mit berechtigtem Stolz erfülle, derjenige gewesen zu sein, mit dem der allergnädigste König als erstem die Frage dieser einschneidenden Umwandlung beraten habe, derselbe König, der jetzt in eigener Person nach Griechenland gegangen sei, um seinen erlauchten Sprossen, den König Otto, zu besuchen, derselbe erhabene König, der bald zurückkommen werde, um unter dem Jubel seines treuen Volkes wieder in die Stadt einzuziehen.

Auf diese Rede schnappte der Luegecker, der so nach und nach wie ein Mehlsack im Zimmer zusammengesunken war, endlich ein. Es war ihm natürlich nicht in den Sinn gekommen, auch nur einen Augenblick die Brauen hochzuziehen, als bald nach dem Regierungsantritt Ludwigs I. die amtlichen Reskripte ins Königreich hinausgingen, die aus dem Gefühl einer innigen Verflochtenheit mit dem Hellenentum das y an Stelle des i setzten. Um so weniger konnte ihn das verwundern, als er die Umwandlung gar nicht bemerkte und sie ihm, wäre er von anderer Seite früher darauf gestoßen worden, gerade so wurstig gewesen wäre wie heute. Was ihm aber keineswegs gleichgültig sein konnte, das war die Bemerkung, daß der König demnächst von dem vielmonatlichen Besuche heimkehren werde, den er den Griechen abstattete. Getuschelt hatte man schon davon in der Stadt; jetzt kam die Gewißheit, die man wahrhaftig eine frohe nennen konnte. Denn für diesen Tag plante die Haupt-Schützengesellschaft ein großartiges Schießen mit besonderen Ehrenpreisen, mit einem Festessen, bei dem man einen schönen Brocken verdienen konnte. Da sollte es nämlich nicht bloß Stockwürste geben und Kühbacher Käs wie sonst, wenn die Schützenbrüder zum wöchentlichen Schießen anrückten, sondern die vier bis fünf Gänge soliden, schweren Essens mit reichlichem Zubehör. Auch von Extrabier war die Rede. Ein Mitglied der Vorstandschaft hatte sogar Champagner vorgeschlagen, doch war darüber noch kein endgültiger Beschluß erzielt worden. Ob der Herr Reichsarchivdirektor nicht was dazu tun könne? Er sei doch auch Mitglied der hochangesehenen Korporation und habe bei so einem bedeutsamen Feste, das ihn doch besonders freuen müsse, mitzubestimmen. Dann würden die Schützen die große Ehre haben, ihn doch endlich als einen der Ihrigen wieder begrüßen zu können, was ihnen so lange versagt war. Sie würden sich mit ihm zusammensetzen, und beim vollen Glase könnte sich dann so manches ergeben, worüber man heute nur schwer reden könnte, weil es doch nicht so gemütlich sei.

Während er das alles herausbrachte, geriet er immer mehr ins Feuer, ja, er war nahe daran, den letzten Sprung zu wagen und von den Wiesen anzufangen. Eine heftige Bewegung des Gankoffen hielt ihn aber zurück. Dem mußte er schon viel zu lange gesprochen haben, denn der große Mann fuchtelte mit jugendlicher Lebendigkeit in der Luft herum. Er sah bald zum Fenster hinaus, er rannte durch das Zimmer, er atmete heftig. Plötzlich aber fragte er in gänzlich verändertem Tone, der gar nichts mehr von der Schwärmerei für Bayern und Hellenentum hatte, ob der Luegecker eigentlich den Herrn Rat Bauriedl kenne. Ganz verdutzt verneinte der andere. Ihm war es auf einmal, als ob durch diesen jähen Umschwung nichts Gutes bevorstehe. Drum wiederholte er, obwohl er ganz gut wußte, daß er ihn nicht kannte, den Namen, als müsse er wie ein Minister bei seinem ungeheueren Bekanntenkreise erst weit ausholen, um sich zu besinnen. Ungeduldig nickte der Gankoffen. Das sei der Herr vom Finanzministerium, der die Eisenbahnen unter seiner Beaufsichtigung habe. Jetzt wurde dem Luegecker noch schwüler zumute, denn die Lokomotive war ja der kritische Punkt, um den sich alles drehte. So rang er denn mühsam heraus, daß ihm ein Herr solchen Namens noch niemals zu Gesicht gekommen sei.

Der Reichsarchivdirektor kümmerte sich nicht um seine Verlegenheit, sondern begann wieder in einen weicheren Ton zu verfallen. Ja, er redete auf einmal daher, wie der Luegecker am Tage seines Einzuges in München zu dem Unterhändler geredet hatte. Was die Bahnen für üble Umwälzungen hervorbrächten, wie sie eingriffen in gute, altväterliche Sitten und mit der Zeit das ganze Land ruinieren würden. Freigeisterei, Verlotterung und Unsolidität würden über kurz oder lang alles überziehen, denn es sei zu bedenklich für das einzelne Individuum, daß es in ein paar Stunden seine Heimat aufgeben und sich wo anders festsetzen könne. Bei der letzten Stelle erhob sich seine Stimme mit den höchsten Tönen zu der eines Predigers. Er streckte den Zeigefinger so weit hinaus, als er nur konnte, dann aber legte er beide Hände wie segnend auf den Tisch hernieder, als müsse er etwas Heiliges schützen vor fremdem Einbruch. Was er damit meinte, sollte der Luegecker auch bald erfahren, denn ehe man's dachte, war von den Wiesen rings um die Schießstatt die Rede. Die seien von den Vorfahren seiner unvergeßlichen, nun lange dahingegangenen Gattin jahrhundertelang in treuem Besitze gehalten worden, jetzt aber käme es wirklich so weit, daß gierige Augen sich darauf richteten, die sie parzellieren und verschleudern wollten, um daraus Kapital zu schlagen. »Jawohl, Kapital!« donnerte er laut. »Das ist es. Darum sagen Sie nichts! Nein, sagen Sie gar nichts!«

Diese Warnung war überflüssig, denn der Luegecker dachte nicht daran, auch nur das mindeste zu sagen. Er kannte sich nicht mehr aus, er verstand diesen Mann nicht, ja, manchmal war es ihm, als sei er in ein Asyl für Verrückte geraten, wo man ihn in einer Zelle allein ließ, in der ein ganz besonders schwerer Fall herumtobte. Drum atmete er auf, als der Gankoffen nach einer letzten Empörung gegen die moderne Zeit die Audienz für beendet erklärte. Zu ihm sollte man nie mehr in der Sache kommen. Wenn man was wissen wolle, dann möge man sich an den eben genannten Rat im Finanzministerium wenden, der informiert sein müsse. Ob dann unter dem Drucke der Zeit Kinder und übrige Nachkommen eine Wendung herbeiführten, werde man sehen; er täte es nicht, er suche es jedenfalls zu vermeiden. Damit gab er dem Wirte der Haupt-Schützengesellschaft ein bißchen erschöpft die Hand und geleitete ihn persönlich in das Vestibül. Über diese Höflichkeit war der Luegecker zuerst gar nicht so sehr erfreut, denn er fürchtete, es gehe zur Haustüre, damit er dort den letzten Tritt bekommen sollte. Aber der Reichsarchivdirektor blieb auch da noch verbindlich. Er wies im Vorübergehen auf das Bild, das der Luegecker so ausgiebig betrachtet hatte. »Ein van der Werff,« sagte er leichthin. »Und zwar eine seiner besten Arbeiten. Der Meister hat das Urteil des Paris mehrfach gemalt, so trefflich aber hat er das Problem nie gelöst.« Auch die Krippe zeigte er mit Stolz; sie sei von einem ersten Schnitzer, und das Uhrwerk von demselben, der das der Frauenkirche eingerichtet habe. An der Haustüre aber, als der eine Flügel schon offen stand, gab es keineswegs die gefürchtete Verabschiedung, sondern der Gankoffen empfahl dem Luegecker noch einmal, recht eifrig nachzuforschen, wann das e in seinen Namen gekommen sei, und zum Schlusse meinte er so ganz nebenbei, wenn er durchaus wolle, könne er sich ja, wie gesagt, bei dem Rat Bauriedl des näheren erkundigen, ob der Bahnhof wirklich zur Stadt rücke. Der Name Gankoffen dürfe aber dabei unter keinen Umständen genannt werden, denn er wolle absolut nichts mit der Sache zu tun haben.

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