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Das Erwachen

Josef Ruederer: Das Erwachen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Erwachen
authorJosef Ruederer
year1916
publisherSüddeutsche Monatshefte
addressMünchen
titleDas Erwachen
pages3-430
created20020505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Elftes Kapitel.

Zum Neunzigsten.

Begeht einer in der Stadt, die den Schauplatz dieser Geschichte bildet, Geburtstag oder Namensfest, so gratuliert man ihm nicht am Ehrentage selbst, sondern so achtzehn Stunden vorher. Man findet sich im Laufe des Nachmittags allmählich ein, bringt ein Sträußchen mit, sagt sein Sprüchlein auf, ißt von dem Kuchen, falls es einen solchen gibt, und empfiehlt sich dann so schnell wie möglich wieder. Auf solche Weise stört man am wenigsten, man wahrt die gute Form, worauf es in der Stadt, die so wenig Form wie möglich hat, am meisten ankommt. Der Beglückwünschte hat obendrein noch den Vorteil, sein Fest zweimal begehen zu können, am Vorabend wie am Ehrentage. Er kann am ersten sich der empfangenen Freundlichkeiten oder Geschenke freuen und am zweiten bereits ausgiebig auf jene losziehen, die vergaßen, solche zu bringen oder von auswärts zu senden. Denn mit den schriftlichen Glückwünschen geht es genau so wie mit den persönlichen. Sie müssen am Tag vorher eintreffen, sollen sie Gültigkeit haben. Landen sie am frühen Morgen, dann sieht man das nicht gern, kommen sie erst des Mittags oder gar mit der dritten Post, dann ist es, als ob man sie unterlassen hätte. So was zählt nicht mehr, es fliegt in den Papierkorb, denn der Absender weiß nicht, was sich schickt. Das muß man aber immer wissen, sonst ist man in der guten bürgerlichen Gesellschaft unmöglich.

Erzählte zum Beispiel da jüngst die Frau des Akademieprofessors Gankoffen des Nachmittags bei einer solchen Gratulationskur, während sie eine Mandeltorte zwischen den Zähnen hatte, von einem Herrn aus Norddeutschland, der in München auf einige Tage zu Besuch war, weil er mit den Behörden irgendeine Sache – sie wußte nicht mehr was – zu erledigen hatte. Der Mensch sei mit ihrem Manne im Atelier zusammengekommen, habe Bilder betrachtet und nach allerlei gefragt. Nur um eine Gesprächspause auszufüllen, ja, eigentlich um ihn zu mahnen, daß es schon halb ein Uhr sei, habe ihn Jörg so ganz nebenbei gefragt, ob der Fremde, der, wie man sich denken könne, eine angesehene Stellung zu Hause einnähme, des Mittags bei ihm essen wolle. Was tat der Geladene? Man stelle sich vor, daß er gebildeten Kreisen angehört, um es für möglich zu halten: er nahm, was doch bloß Form war, für Ernst, er sagte zu und fiel der Frau Gankoffen fünf Minuten vor ein Uhr ins Haus. Na, sie habe ihm und dem Gatten ein Gesicht hingemacht, daß ihnen schon der Appetit ein bißchen vergangen wäre, aber schließlich, was wollte sie machen? Ihr Mann flüsterte ihr außerdem zu, diese Persönlichkeit sei keineswegs ohne Einfluß, man müsse sie daher kaschulieren. Das tat sie denn auch, soweit das bei geriebener Teigsuppe, Rindfleisch und gelben Rüben möglich war. Heute aber frage sie, ob so ein Mensch eigentlich wisse, was sich schicke. So wenig wie der, der sich beikommen ließe, am Geburts- oder Namenstag erst um zwölf Uhr anzutreten, um mit halb verhungertem Gesicht den Bratenduft einzusaugen, der ihm schon bei der Eingangstüre von der Küche her in die Nase ziehe. Recht interessiert dreinschauen, beliebte das Frau Gankoffen zu nennen, die natürlich selbst eine Münchnerin war und sich nicht wenig auf ihre Abstammung wie darauf zugute tat, daß sie sehr gut wußte, was sich schickte.

In acht Tagen freilich, setzte sie dazu, sei die Sache etwas anderes. Das seltene Fest des neunzigsten Geburtstages ihres Schwiegervaters bilde eine Ausnahme. Dem allverehrten Manne gratulierten höchste behördliche Korporationen von Stadt und Staat, große Persönlichkeiten und Gott weiß, wer noch. Die kämen am Tage selbst und, wie man sich wohl denken könnte, ohne Nebenabsicht auf Essen und Trinken. Auch die Familie mache bei dieser Gelegenheit einen Schritt vom Wege, sie trete nicht am Vorabend an, sondern mit den anderen. Teils, um alles beobachten zu können, teils weil sie alle, wie sie da seien, samt Schwägern und Enkeln zur großen Tafel blieben. Übrigens, so erhebend dieses Fest an sich sei, so schöne Erinnerungen es wachriefe, ein Namenstag bleibe halt doch das viel Innigere, das Religiösere. Da wisse man, warum man feiere, denn man ehre zugleich den hohen Schutzpatron, während ein Geburtstag . . . »Er ist, wenn er nicht auf eine hohe Ziffer, von sechzig an gerechnet, hinausgeht, nichts Warmes und nichts Kaltes oder, wie mein Mann immer so ausgezeichnet sagt, nicht geflickt, nicht genäht.« Zu dieser Bemerkung nickten die übrigen Damen der Kaffeeschlacht eifrig Beifall; die Frau Gankoffen aber nahm sehr befriedigt vor dem Abendessen ihren Stickrahmen mit dem aufgespannten Stramin vor, weil sie noch an den Rosen zu arbeiten hatte, die den Grundton zum Geburtstagskissen bilden sollten.

Das tat sie allerdings nicht im Kreise ihrer Bekannten, sondern eine Stunde später zu Hause, an einem der vier Fenster, die vom Wohnzimmer aus auf die Theatinerstraße hinabblickten. Sie mußte dabei eine Öllampe anzünden, denn es war schon so dunkel, daß man die zwei Stockwerke hinunter wohl die dahinwandernden Gestalten auf dem Bürgersteig gewahren, aber keine mehr unterscheiden konnte. Trotzdem wollte Frau Gankoffen auch in dieser dämmerigen Winterstunde den liebgewordenen Platz am Nähtischchen nicht missen. Er erlaubte gute Kontrolle über die Straße und über das Zimmer zugleich. Wurde die kleine Türe ihr gegenüber aufgemacht, dann sah man in ein winziges Nebengemach mit einem Fenster, dessen Rahmen hart an die Wände stieß, einen Raum, der nur den einen Zweck zu haben schien, das große Wohn und Repräsentationszimmer nicht gar zu üppig werden zu lassen. Ging aber die Flügeltüre im Hintergrunde auf, dann zog der Blick über den düsteren Vorplatz die lange Galerie hinab, die zwischen braunen Holzsäulen in weiter Flucht zum Rückgebäude, zu den Schlafräumen führte. Da war nicht gut zu gehen, wenn es regnete oder der Wind pfiff. Mußte man bei Nacht oder im Winter mit flackernder Kerze darüberhuschen, fiel es doppelt unangenehm auf, besonders wenn im Wohnzimmer vorher rechte Schauergeschichten erzählt wurden. Der Professor Gankoffen hatte den Hausherrn schon öfter auf eine Glasverschalung zwischen den malerischen Säulen angeredet, aber der meinte, fünfzig Schuh Tiefe und zwölf Schuh Höhe mit so teuerem Material auszufüllen, überließe er neidlos seinem Nachfolger. So blieb man denn, weil die Wohnung günstig lag und von der Akademie in der Neuhauserstraße, wo der Maler sein kostenfreies Atelier hatte, kaum acht Minuten entfernt war. Auch hätte man in der Altstadt schwerlich eine Unterkunft gefunden, die moderner eingerichtet gewesen wäre. Man wohnte damals durchweg so mit diesen beiden Zimmern nach vorn hinaus, mit der offenen Galerie, wie mit den rückwärts gelegenen Schlafräumen, und es gehörte nach der Ansicht des Hausbesitzers schon die verwöhnte Art der Gankoffens dazu, um an so bewährten Institutionen herumzukriteln.

»Wir sind eben nicht die Nächstbesten!« gab ihm Frau Gankoffen zurück. Dabei stellte sie sich neben dem großen Ansehen, das die ganze Familie genoß, mit zufriedener Gebärde vor, daß sie über kurz oder lang das schöne Haus in der Schwabinger Landstraße beziehen würden. Freilich, dessen Fenster sahen nicht hinab auf das interessante Leben der Stadt. Weit entfernt lag das Elysium vom Mittelpunkte Münchens, und es war schon eine Seltenheit, wenn einmal ein Wagen die Pappelallee hinunterrasselte. Aber die prachtvollen Räume, die sich himmelweit abhoben von dem Winkelwerk in der Theatinerstraße, würden über die Einsamkeit schon hinweghelfen. Noch mehr vielleicht würde der Antritt des Majorats trösten. Das mußte ihnen zufallen, da ihr Gatte mit seinen zweiundfünfzig Jahren zwar nicht das erstgeborene der Kinder, wohl aber der älteste der drei Söhne war. Sein Vater hatte sich Zeit gelassen und erst fünf Mädchen in wohlbemessenen Abständen von je drei Jahren in die Welt gesetzt. Als dann endlich der Jörg erschien, überkam ihn, wie er selbst mit feuchten Augen erzählte, ein neuer Lenz. Er lebte auf in der frohen Gewißheit, daß der stolze Stamm nicht auszusterben brauchte, sondern ein frisches Reis trug. Drum ließ er, sichtlich gehoben, noch zwei weitere Söhne folgen, um den Namen ein für allemal der Nachwelt zu überliefern. Das tat er so bewußt, wie alles im Leben, gleichviel, ob er die Spieldose der großen Krippe aufzog, ob er bei einem Gelehrtenkongreß eine feinpunktierte Ansprache hielt oder bei einem Klosterbesuch in alten Schmökern stöberte. Und genau so, mit derselben unumstößlichen Sicherheit trug er es auch in die Chronik ein. Es machte sich in diesem Werke, das der Öffentlichkeit immer mehr erschlossen wurde, mit den letzten Jahren ein Zug ins Visionäre, ins Prophetische geltend, der auch solche mit fortriß, die etwa bis jetzt an der Gestaltungskraft des weitberühmten Mannes zweifelten. Da der Stilist aber das Persönliche jedesmal auf das Land übertrug, auf Zukunft und Größe, wirkte es doppelt ergreifend, was er als greiser Seher verkündete. Zwar die Vermählung zwischen Bayern und Griechenland, die er mit denselben lockenden Tönen begrüßte wie seine eigene Wiedergeburt, wie ein zärtliches Schmachten zweier Verliebter, wollte keine köstlichen Früchte tragen. Es ging im Schneckengange voran, es fehlte an Geld, und die entsandte Regierung wurstelte in den hellenischen Gefilden mit einem Bureaukratismus, als hätte sie ein Landrichteramt in Rosenheim oder Aichach zu verwalten. Auch die Mißstimmung gegen Abel, mit dem den Reichsarchivdirektor die innigste Freundschaft verband, dämpfte gar oft das lodernde Feuer des heiligen Glaubens an die Sache des Landes. Aber immer wieder hielt der emsige Sammler die eine, die unverrückbare Linie fest, die das gewaltige Ziel der immer stärkeren Erhebung in greifbare Nähe rückte. Davon war er auch nicht abzubringen, als ihn im hohen Alter – es war so etwa vor zehn Jahren – ein Ereignis traf, das er, in der rein persönlichen Art, wie es gegen ihn und gegen die Familienchronik gerichtet war, als eine Infamie bezeichnen mußte.

In der Stadt tauchte nämlich urplötzlich ein Mensch auf, der, um es kurz zu sagen, nicht mehr und nicht weniger zu sein behauptete als der einzig echte, direkte Nachkomme des Mannes, der die Frauenkirche erbaut hatte. Und zwar schrie er das keineswegs zwischen vier Wänden, am Biertisch oder im Kaffeehaus herum, sondern vor aller Öffentlichkeit in einem täglich erscheinenden Blatte, dem Isarboten. So unscheinbar diese Zeitung sein mochte, so wenig Leser sie gegenüber dem vielberühmten Landboten, dem Leiborgan der Münchner zählte: dieser Brandartikel warf die Auflage der einen Nummer in wenigen Tagen um das Zwanzigfache empor. Das Niederträchtige war dabei, daß das Geschreibsel höllisch geschickt abgefaßt war. Herr Melchior Gankoffer, wie der Mann sich unterschrieb, klagte nämlich mit keinem Worte über Vernachlässigung oder Zurückweisung, auch beschuldigte er den Reichsarchivdirektor nicht im entferntesten einer gewaltsamen Usurpierung des geheiligten Namens, wohl aber verstand er, als der Journalist, der er von Hause aus war, in täuschender Weise den Stil der Familienchronik zu kopieren und sich selbst die Ahnen der Reihe nach aufzubürden, die ihm nötig schienen, um solche Behauptung entsprechend zu unterstützen. Es fehlte also ebensowenig an Rittern und Landsknechten, die die Verbindung bis zum Jahre 1480, wie im Originale, freundwilligst herstellten. Selbst das »r« am Schlusse des Namens wußte der neue Sprößling ganz in der Art zu erklären, wie die Chronik über die verschiedenen Familien Licht verbreitete oder wie ihr Schöpfer den Joseph Luegecker auf den Ahn in der Martinskirche wies. Auch kam am Schlusse beileibe keine Drohung, sondern nur die ergebene Bitte, mit aller Genauigkeit zu prüfen, ob er, dessen Eltern in Paris gelebt hatten, berechtigt wäre, solche Ansprüche zu erheben. Verkünde das Volk ein ehrliches Ja, die allvermögenden, oberen Herren aber aus nur allzu durchsichtigen Gründen ein kategorisches Nein, dann gehe er mit der neugewonnenen Einsicht, daß Deutschland nicht mehr zu helfen sei, zurück in die Stadt des Lichtes, in der er selber geboren war und in der die hohe Menschlichkeit, die große Sache der Gerechtigkeit, der Gleichheit und Brüderlichkeit, wie die Jahre 1789 und 1830 bewiesen, von jeher ihre Triumphe feierten. In diesem einzigen Horte der unveräußerlichen Rechte wisse man zwar nichts von der Münchener Liebfrauenkirche (wie sollte man auch?!), aber man achte jedermann hoch, der unterdrückt werde, weil er sich mit Fug und Recht den leiblichen Nachkommen ihres Erbauers nenne.

Wie dieser Artikel bei dem ungeheueren Ansehen der Gankoffens in der Stadt einschlug, kann man sich beiläufig vorstellen. Die Münchener Presse, die im lumpigsten Gewande einherstolzierte, lebte damals fast ausschließlich vom Skandal, von handgreiflichen Anspielungen auf stadtbekannte Personen, sie wühlte, da sie über Politik nur den zahmsten Milchbrei bringen durfte, im ödesten Klatsch, in läppischen Lokalnachrichten und in einem Schmutze herum, der der Sensationssucht aufs beste entgegenkam. So ein Anwurf war aber bis jetzt noch nicht unternommen worden, wenigstens nicht auf eine solche Familie. Deshalb brach auch ein allgemeiner Sturm der Entrüstung los, sowohl in den Leserkreisen wie in jenen Zeitungen, denen das Glück einer so hohen, vorübergehenden Tagesauflage versagt blieb. Man verlangte strengste Maßregeln gegen den Pamphletisten, man erklärte durch die Beschimpfung des Gankoffen die ganze Stadt für besudelt. Einige freilich, die in der Öffentlichkeit am lautesten tobten, rieben sich zu Hause schmunzelnd die Hände, indem sie meinten, es schade der überspannten Sippschaft gar nichts, daß sie endlich eine ausgewischt bekam. Überhaupt sei das ewige Protzentum auf die Dauer schier unerträglich. Der Rat Bauriedl aber, den sein Freund, der Geigenmacher Sanktjohannser, auf der Straße mit allen Zeichen der Empörung auf diese Schandtat anredete, sagte in seiner gelassenen Weise, dieser so plötzlich ans Land gezogene Journalist nenne sich vielleicht mit keinem geringeren Rechte einen Nachkommen des längst verstorbenen Baumeisters, als es der Herr Reichsarchivdirektor tue oder irgendein Salzstößler in der Au, der, ein »f«, ein »n« oder ein »r« mehr oder weniger, ganz ähnlich heiße. »Sie sind aber schon ein ganz Ausgefallener!« meinte der Sanktjohannser. »Ich bin eben gewohnt, die Dinge so zu sehen, wie sie sind.« »Aber so sind sie doch nicht!« tobte der Sanktjohannser. Und die übrigen tobten noch lauter. Am stärksten die nächste Verwandtschaft, die fünf Männer der Töchter und der Professor. Einer der Erstgenannten, ein Polizeirat Schinabeck, erbat von seinem Chef sogar die Verhaftung des ohnehin schon übel beleumundeten Subjekts. Das ging nicht, da eine direkte Beleidigung nicht ausgesprochen war. Man führte nun gegen das Blatt selbst Argumente zu Felde. Man zog die betreffende Nummer ein, indem man laut Ministerialreskript sagte, daß der nicht mißzuverstehende Hinweis auf die französischen Revolutionen imstande sei, die Gemüter in Alarm zu versetzen, weshalb aus Gründen der öffentlichen Sicherheit eine Inhibierung verfügt werden müsse. Nun wurden die Platten, nachdem sie in zahllosen Exemplaren abgezogen und von der ganzen Stadt gelesen waren, mit aller Umständlichkeit vernichtet. Der schwer gekränkten Familie genügte das aber noch nicht. Deshalb ließ sie durch den ältesten Schwiegersohn, der Regierungsdirektor war, beim Ministerium des Innern die Ausweisung des Halunken beantragen. Aber auch das ging wieder nicht so einfach, denn der Vater des Gankoffers hatte zwei Jahre vor seiner Auswanderung nach Frankreich das Indigenat erworben. Man konnte somit dem Sohne nichts in den Weg legen, als er mit guter Witterung der drohenden Gefahr gleichfalls darum eingab. »Gar nichts machen, laufen lassen und nicht beachten, das ist das Beste!« meinte der Firneusel, der langjährige Hausarzt des Reichsarchivdirektors. Nur drangen seine Worte nicht durch. Der schwer verletzte Greis litt am meisten darunter. »Daß man mir das zugefügt hat!« stöhnte er. »Mir, der ich für diese Stadt das letzte tat, der ich wie keiner ihre Bedeutung ausschöpfte, der ich für sie litt, ihr alles opferte, – ach, es ist ja nicht auszudenken!«

Und die Seinen sangen diesen Refrain im Chore nach. Sie rannten in der Stadt herum, sie faßten alle Bekannten erst bei den Knöpfen, dann bei den Schultern, dann beim Halse. Auch blickten sie tränenden Auges zum Himmel, ob der keine Blitze sende. Das ging so ein paar Jahre fort, denn man vergaß nicht leicht in der Familie. Die Stadt erlebte inzwischen andere Sensationen, die Gankoffens aber zehrten noch von der alten. Selbst heute blickte die Frau des Akademieprofessors plötzlich von ihrem Nähtischchen nach jemand aus, an den sie sich in der längst erledigten Affäre halten könnte. Sie glaubte nämlich trotz des Zwielichts unten auf dem Trottoir ganz deutlich jenen Pressebanditen zu entdecken, der sich nach wie vor als dunkler Ehrenmann ganz ungestört in der Stadt bewegen durfte. »Isabella! Mareile! Schnell, schnell!« So rief sie laut nach ihren Töchtern, wie um sich zu vergewissern, daß sie sich nicht irrte. Das Zimmer der beiden befand sich zwar jenseits der Galerie, aber die Mutter hatte deutlich gehört, daß im Hausflur Schloß und Treppentüre zu knarren begannen. Doch waren es weder die Mädchen noch die Magd, die sie in der Nähstunde auf die Minute abzuholen hatte, sondern der Professor erschien in dem Nebenzimmer, gefolgt von einer einfach gekleideten Bürgersfrau. Der bot er sonderbarerweise einen Stuhl an, indem er zugleich die grünbeschirmte Studierlampe auf dem Sekretär bedächtig anzündete. »Guten Abend!« sagte Frau Gankoffen jetzt sehr laut. Er trat einen Augenblick näher und meinte, er habe da herin geschäftlich zu reden. »Über was denn?« forschte die Frau. »Herrgott nochmal, es genügt dir wohl, wenn ich dir erkläre: das ist Frau Luegecker. Sie erwartete mich am Hauseingang, und da ich so was wohl nicht auf der Straße abmachen kann . . .« Er setzte aus, als erwarte er an dieser Stelle das bis jetzt schmerzlich vermißte Erwachen des weiblichen Intellekts. Darin sollte er sich auch nicht geirrt haben. Die höchst formlose Vorstellung stimmte die Frau Akademieprofessor viel freundlicher. Sie vergaß den Journalisten und bat die Wirtin der Haupt-Schützengesellschaft, ungeniert Platz zu behalten. Als gleich darauf ihre Töchter, zwei hochgewachsene, bleichsüchtige Frauenzimmer von achtzehn und zwanzig Jahren, ins Wohnzimmer traten, um die Hüte abzunehmen, schloß sie hinter sich die Türe. »Die jungen Leute geht es nichts an.« Dann bat sie Frau Luegecker, frei zu reden. Was ihren Mann angehe, interessiere sie gleichmäßig. Der Jörg biß sich zwar auf die Lippen, aber seine Ehehälfte war eine so statiöse Erscheinung mit so ausgesprochenen Körperformen, daß es, wenn sie sich mal niedergelassen hatte, schwerfiel, sie zu entfernen. So machte er denn auch nichts weiter als eine Bewegung gegen den ungewohnten Besuch. Deren hätte es kaum bedurft, denn Frau Luegecker legte ohne jede Beängstigung los, wie jemand, dem Zeit und Worte kostbar schienen. Ihre klaren, grauen Augen gingen dabei unter dem einfachen Scheitel und dem schwarzen Kapotthut mit sicherem Zielpunkt abwechselnd auf die beiden Gatten, auch die Hände, die in gestrickten Handschuhen steckten, redeten bald unter, bald über der schwarzen Tuchmantille eine höchst eindringliche Sprache.

»Also, wie ich's dem Herrn Professor schon auf der Treppe zu verstehen gab: mit meinem Mann ist es nichts! Ein guter Kerl, das weiß ich selbst, aber ein Geschäftsmann, daß es unsern Herrgott erbarmen kann. Zum Schweißaustreiben ist's mit dem Menschen, zum Erleben ist es nicht. Die langen Jahre läuft er jetzt von Haus zu Haus, von Instanz zu Instanz. Geht die Geschichte voran? Ums Hinwerden nicht! Jawohl, Frau Professor, müssen's schon nicht für ungut nehmen, ums Hinwerden nicht! Heut' schwatzt er so, morgen schwatzt er anders, und kein Mensch weiß nicht, was dabei herauskommen soll. Nun bin ich allerdings der Meinung, daß die maßgebenden Stellen, auf die's da ankommt – ich will gar nichts Böses sagen und etwa gar anzüglich reden – aber ich meine die Herrschaften, die den Entscheid zu treffen haben wegen der Wiesen, daß die nämlich genau so hinum-, herumzappeln und zu keinem Entschluß kommen. Einerseits, weil sie trotz ihrer Gescheitheit immer noch nicht wissen, ob der Bahnhof wirklich da hinkommt, wo die Schießstatt steht, andererseits, weil sie sich einbilden, damit womöglich noch einen größeren Profit herauszuhauen. Einen noch größeren Profit, hab' ich gesagt, Herr Professor. Es ist so und nicht anders, mögen Sie noch soviel mit der Hand herumfuchteln! Wäre das nicht, dann müßte alles längst im reinen sein und jeder sein gebührend Teil im trockenen haben. Ein solcher Zustand ist aber auf die Dauer etwas ganz Abscheuliches. Drum hab' ich mich heut einmal selbst auf die Socken gemacht und meinen Alten hübsch daheim gelassen. Der Herr Reichsarchivdirektor sind selbst viel zu bejahrt, man wird schwerlich mehr was Gescheites aus ihm herausbringen; so bin ich da hergegangen. Jetzt aber, bitt' schön: ja oder nein. Trifft das erstere zu, dann können wir ein solides Geschäft machen und morgen verbriefen, trifft das letztere auf, dann hat's eben nicht sein sollen, dann macht man Punkt darunter und Streusand darüber.«

Sie atmete aus, sie rückte die Mantille wieder zurecht und sah erwartungsvoll auf die Frau Professor. Denn daß die mehr zu sagen hätte wie ihr Mann, meinte Therese Luegecker in der ersten Minute der Bekanntschaft zu erkennen. Da täuschte sie sich auch nicht; Frau Gankoffen schwang das Szepter im Hause, nur kam ihre Autorität diesmal weniger in Betracht, da sie von Geschäften so gut wie gar nichts verstand. Jedenfalls wußte sie bei dieser Konferenz nichts anderes anzufangen, als die Arme übereinanderzulegen und dabei recht nachdenklich den Kopf zur Türe zu neigen, als gebe sie sich ganz eigenen Gedanken hin. Das gefiel der Schießstattwirtin, und sie wollte gerade über die Höhe des Preises einen entscheidenden Vorschlag machen, als die Dame ganz unvermutet vom Stuhle sprang. Das war der eine Ruck, der andere galt der Türe, die sie gegen das Wohnzimmer energisch aufstieß. Daß sie dabei mit festem Schlag die vorgestreckten Köpfe ihrer beiden Töchter traf, schien sie eher zu befriedigen wie zu wundern. »Hab ich euch endlich wieder mal! Na, wartet, ich will euch horchen lehren! Dort am Nähtisch ist euer Platz. Hier habt ihr nichts zu suchen.« Und sie eskortierte unter fortwährenden Vorwürfen die beiden Jungfern persönlich dahin, ehe sie zu den andern zurückkehrte. Inzwischen wandte sich Frau Luegecker an den Professor. Der hatte bis jetzt kein Wort geredet. »Ein schwerer Fall.« meinte er. Sie schüttelte gelassen den Kopf. »Ich sehe nicht ein, was da so schwer sein soll! Sagen Sie einfach, wieviel Sie wollen; wir kaufen's dann auf unser Risiko, gleichviel, ob der Bahnhof hinkommt oder nicht.« Mit schwermütigem Lächeln nickte Jörg Gankoffen. »Liebe, gute Frau Luegecker, Sie nehmen das alles in Ihrer biederen, einfachen Art, und das ist ja gut so. Unsereins aber muß sich so vieles vergegenwärtigen.« »Was denn?« fragte die Wirtin. Der Professor schlug auf den Schenkel. »Denken Sie doch an die zahllosen Familien, die da mitzureden haben, denken Sie an die unsicheren Zeiten, an die böse, politische Lage. Ja, das ist's. Die Politik gibt den Ausschlag, sie verzögert die Entscheidung. Ich bitte Sie, was ist in diesem einen schrecklichen Jahre alles geschehen, seit man Herrn von Abel auf so unerhörte Weise entlassen hat! Welches Schmarotzertum, welches Geschmeiß hat sich breitgemacht im Lande und führt das Regiment! Das sind nicht mehr unsere alten, gesunden Verhältnisse, das ist eine wahnsinnige Zeit, wo niemand von heute auf morgen disponieren kann. Jeder Mensch, der die Wahrheit redet, wird an den Pranger gestellt. Sie in Ihren Kreisen erfahren das nicht so; seien Sie froh, daß dem so ist. Wir aber, die Gebildeten, können ein Liedchen singen. Wir hängen nicht mehr von der Regierung, sondern nur noch von diesem Weibe ab. Was die Gräfin Landsfeld befiehlt, geschieht; sie setzt das ganze Räderwerk der Staatsmaschine in Bewegung, sie hält es wieder an, wenn es ihr paßt. Und wir, die wir regelrecht auf einem solchen Vulkan tanzen, sollen Geschäfte abschließen? Nein, das geht nicht . . . das läßt sich nicht machen . . . das . . .« Er sah ungeduldig auf seine Frau, als meinte er, die könnte doch auch mal den Mund auftun. Die aber drehte sich schon wieder nach der Türe. »Was gibt es denn?« rief sie. Diesmal öffneten die Töchter selbst. »Papa! Mama!« riefen sie. »Die Babett sagt, da unten auf der Straße treibe sich die Lola Montez herum! Ja, kommt nur her und schaut selbst: die vielen Menschen, und da, da in der Mitte geht sie.« Jetzt kam auch noch die Magd herbei. »Denken S',« sagte sie, »in einem Laden ist sie gewesen, und ganz unverschämt war sie gegen die Leut'. Die aber haben sie schön verhaut.« Die Frau Professor war selbst ans Fenster geeilt, durch das ein anschwellender Lärm von tobenden Menschen drang. Nun drehte sie sich zu Isabella und Mareile. »Ihr geht sofort in euer Schlafzimmer hinter und zieht den Vorhang zu! Babett, Sie gehen mit und sorgen, daß es geschieht.« »Aber Mama, laß uns doch ein bißl schauen!« »Auf keinen Fall! Überhaupt, was wißt ihr von der Lola Montez? Was kümmert euch das? Was versteht ihr davon? Ihr seid viel zu jung, viel zu dumm und habt euch um anderes zu kümmern. Da ist meine Stickerei, die nehmt ihr mit, dann könnt ihr statt meiner die Rosen verarbeiten, damit das dumme Kissen endlich fertig wird.« Sie stieß das alles in einer Hast hervor, als gebe sie die letzten Anordnungen beim Verlassen eines brennenden Hauses. Dann riß sie die Schutzrollen aus getrocknetem Moos von den Gesimsen und öffnete das Fenster.

Bekümmert wandte sich Jörg Gankoffen zu Frau Luegecker. »Da haben Sie gleich einen Beweis! Nicht mal in der Familie ist man sicher vor Umtrieben. Nicht mal die Kinder kann man vor Scheußlichkeiten bewahren. Und da soll man dann von Terrainspekulation reden!« Frau Luegecker sah immer erstaunter zu ihm empor. Im stillen war sie sogar drauf und dran, ihrem Alten Abbitte zu leisten, weil sie merkte, daß mit dieser hirnlosen Gesellschaft wirklich kein vernünftiges Wort geredet werden konnte. Einen Stich aber mußte sie diesem Waschlappen da, der den Titel Professor führte, doch mit recht laut gedehnten Worten versetzen. »Eigentlich versteh' ich nicht, was die Lola Montez mit den Wiesen von der Schießstatt zu tun hat.« Das reizte den Gankoffen wieder, da er in diesen Worten einen unberechtigten Zweifel an seiner Autorität erblickte. »Allerdings, wenn Sie das nicht einsehen, dann . . .« Jetzt rief ihn seine Frau, die noch immer am Fenster stand. »Du Jörg, das mußt du sehen! Sie hatten, scheint's, die Person, die elende, wirklich schon beim Kragen gefaßt. Jetzt aber, 's ist zu schade, kommt die dumme Gendarmerie schon wieder daher, um sie loszumachen. Ach Gott, diese Leimsieder! Daß sie immer am falschen Ort auftauchen! Braucht man sie, ist gewiß keiner da, braucht man sie nicht, wie hier, dann rücken sie gleich vierundzwanzig Mann hoch an. Sag doch das dem Schinabeck mal, wenn du ihn siehst! Sonst sag' ich's ihm selbst beim Geburtstag vom Papa.« Der Professor schien weder Lust zu haben, seinen Schwager zu interpellieren, noch ein Schauspiel zu bewundern, das in München seit lange schon zum alltäglichen geworden war. »Sie sehen, es geht wirklich nicht!« bedeutete er Frau Luegecker. Und er glaubte dabei, wieder den Mann vor sich zu haben, den er auf diese Weise schon sechs- bis siebenmal hingehalten hatte. Von diesem Irrtum sollte er aber endgültig befreit werden. Frau Luegecker nahm ruhig ihren Korb, den sie neben den Stuhl gesetzt hatte und steuerte zur Türe des Zimmers, indem sie dabei ihre Zunge wie einen Bleistift spitzte. »Es ist gut. Und ich mach', daß ich weiterkomme. Ihr aber könnt Euch andere Leute suchen, die so dumm sind, Euch noch länger den Hanswursten zu machen. Ich hab's jedenfalls dick und leid' es auch nicht mehr, daß der Luegecker je wieder einen Fuß zu Euch setzt. Verstanden?«

Mit diesem letzten Worte war sie zur Türe draußen und gleich darauf über Vorplatz und Treppe verschwunden, ehe man nur den Versuch machen konnte, sie einzuholen. Im Zimmer herrschte eine peinliche Pause. Frau Gankoffen wandte sich, da es draußen ruhiger wurde, von den genußreichen Darbietungen der Straße so langsam zu ihrem Manne. »Scheint ja hübsch unverschämt zu sein, die Bürgersfrau da.« Der Professor hatte zuerst wie festgenagelt gestanden, jetzt fuhr er gehörig los: »Ach was, wenn du dich schon gleich wieder dreinmischen mußtest, kaum daß ich mit der Frau ins Zimmer trat, dann hättest du wenigstens ein vernünftiges Wort sagen können, statt so dumm und so unfähig dazusitzen oder dich um den Janhagel zu kümmern!« Die Frau wollte empört tun, aber er hatte jetzt Mut gewonnen und schrie sie noch heftiger an. »Albernes Zeug da, mit der dummen Warterei und der Zimperlichkeit. Papa kann noch hundert Jahre alt werden, wir aber brauchen das Geld.« Dabei überlegte er, daß man in der Stadt bei diesen Krämern und Kreuzerfuchsern außer den Luegeckers weit und breit niemand fand, der so viel Unternehmungsgeist besaß. Freilich, wenn man die Gewißheit gehabt hätte, daß der Bahnhof nur dort zu stehen kam, dann hätten die Kerle schon in das Portemonnaie gegriffen. Aber wann fiel der Entscheid? Wann? Wann? Wann? Der Professor hatte sowohl seinen Bruder Heinrich, den Finanzrat, schon die Dutzend Male darauf angestoßen, als auch seinen Schwager, den Regierungsdirektor. Sogar das Familienoberhaupt selbst war dafür eingetreten. Allerdings nicht mehr mit der alten Spannkraft und Frische, die es sonst beseelte. Der Reichsarchivdirektor ließ nach. Seit dem Tage, da man das Pamphlet gegen ihn in die Welt setzte, freute ihn nichts mehr, und wenn er auch noch regelmäßig aufrechten Hauptes durch den Englischen Garten schritt oder auf seine Kanzlei wanderte, so war das nur die nach außen gewahrte Haltung. In seiner Villa lag er tagelang herum, vor allem verließ ihn sein berühmtes Gedächtnis. Statt seiner verkündete der älteste Sohn den Angehörigen wie den Behörden mit um so größerem Nachdruck, was der eigentliche Wille des Vaters sei. »Sein Herzenswunsch, daß die Grundstücke verkauft werden.« Und er fügte bei, daß es sein eigener wäre, dem alten Herrn noch diese Freude zu bereiten. Trotzdem wollte nichts vorangehen. Es mußte da eine passive Resistenz obwalten, der man nicht auf die Spur kam. Vor vierzehn Tagen, als die zwei Brüder mit dem Schwager gemeinsam beim Minister in eigener Person anklopften, hieß es sogar, die Sache sei so gut wie aussichtslos. Ein allerhöchstes Signat liege vor, das den neuen Bahnhof für die Stelle vorschlage, auf der der alte stehe. Ja, wenn noch Herr von Abel am Ruder gewesen wäre. Der benahm sich zwar in solchen Fällen auch recht renitent und war für Privatwünsche nicht leicht zu haben. Immerhin hörte er noch auf erbeingesessene Familien, während seine Nachfolger, die Trabanten der Lola, diese Streber, schon deshalb jeder besseren Einsicht die Türe zuschlugen, weil man ihrer Gönnerin mit berechtigtem Abscheu die seine verschloß.

»Sehr fatal, wirklich sehr fatal!« seufzte die Frau, als sie dies alles über sich ergehen lassen mußte. Er lachte gereizt. »Auf die Art siehst du wenigstens ein, daß es mit der Zeit verflucht schwer fällt, immer wieder dieselben Sprüche machen zu müssen, wo man doch lieber heute wie morgen losschlüge.« Die Gattin erwiderte nichts mehr, denn es erschien in blauem Schurze die Magd, um das Abendessen auf den weißgedeckten Tisch zu setzen. Hinter ihr zeigten sich auch wieder mit neugierigen Gesichtern die Töchter. Jetzt kam das Tischgebet an die Reihe. Das sagte der Gankoffen sonst immer mit sehr viel Empfindung auf. Diesmal murmelte er es allerdings mit mehr Gedanken an die Grundstücke als an den lieben Gott. Recht hastig und ausdruckslos, daß die andern kaum nachkamen. Dann setzte er sich, indem er die Serviette um den Hals band. Aber trotzdem es sein Lieblingsessen gab, Kalbkotelette mit Kartoffelsalat, wollte es ihm nicht schmecken. Auch dem Biere, das bald nachher von der nahgelegenen Wirtschaft zum »Lachenden« in einem zinnernen Maßkrug gebracht wurde, sprach er nur wenig zu. Dafür hielt er sich um so ausgiebiger an die Mädchen und deren Erziehung. »Ihr eßt, daß es eine Schande ist! Hätte ich im Hause meines Vaters derartig die Gabel geführt, ich hätte eine auf die Finger bekommen, und das mit Recht!« Isabella und Mareile sagten nichts, da ihnen nur zu reden gestattet wurde, wenn man sie etwas fragte. Sie fieselten daher geduldig an den Knochen herum und taten verstohlen einen Schluck aus den Quartlgläschen. Das vermochte aber den Vater noch nicht zu beruhigen. »Es fehlt bei euch überhaupt an allen Ecken und Enden!« begann er wieder. »Was hab' ich da vorhin aus eurem Munde für einen Namen hören müssen! Und noch dazu in Gegenwart einer fremden Frau. Die mag einen netten Begriff von euch bekommen haben. Vermutlich erzählt sie jetzt in der ganzen Stadt herum, welch ein sauberer Ton bei den Gankoffens herrscht. Ich aber bedanke mich gehorsamst dafür, mich von euch so blamieren zu lassen.« Da das Mareile die Lippen verzog und ein paar dicke Tränen über die Wangen marschieren ließ, mischte sich jetzt die Frau hinein. »Ich hab's ihnen verwiesen; damit kann's aber auch genug sein, mein' ich!« »Genug ist es erst, wenn ich's für gut befinde! Du aber könntest den Fratzen bessere Lebensart beibringen!« »Ah, da hört sich doch alles auf!« schnaufte die Frau. Und sie war nahe daran, einen regelrechten Skandal zu entfesseln, als auf einmal draußen auf dem Flur mehrmals nacheinander die Hausglocke gezogen wurde.

Alle im Zimmer sahen sich an. Um diese Stunde pflegte niemand mehr zu den Gankoffens zu kommen, es sei denn, daß etwas ganz Außergewöhnliches passierte, ein Todesfall, eine Erkrankung oder sonst eine Affäre, die das menschliche Dasein aus allen Grundfesten hob. Ganz kurz fuhr es dem Professor durch den Kopf, es könnte etwa gar Frau Luegecker sein. Dabei wurde ihm sogar ganz warm, ganz froh zumute, weil er auf diese Weise noch eine Verständigung erhoffte. Aber er verwarf das gleich wieder. Die hatte unzweideutig ihre Meinung zu verstehen gegeben; außerdem wäre es ihr schwerlich in den Sinn gekommen, in dieser Weise am Glockenstrange zu reißen. Das war ja wilder Alarm, wie wenn der Posten drüben an der Residenzwache die Mannschaft herausholte, um Ablösung zu verkünden oder einen Bierkrawall niederzuschlagen. So wartete er, die Serviette in der Hand, bis die Magd die Galerie hinaufhetzte, um den Riegel zurückzustoßen. Auch bewegte er sich noch nicht von der Stelle, als er draußen auf dem Flur mehrere Stimmen hörte, die erregt nach ihm fragten. Es war ein so wirres Durcheinander, daß er zuerst nichts entziffern konnte. Doch endlich riß es ihn empor. Er hatte jetzt deutlich einen der späten Besucher erkannt, seinen Bruder, den Finanzrat. »Der Heinrich!« sagte er halblaut zu seiner Frau. Die hatte auch ängstlich hinausgehorcht und ergänzte seine Beobachtungen. »Jawohl! Die zwei andern aber sind der Gaigl und der Fischer.« Der Gatte nickte und horchte wieder. Jetzt waren die Ankommenden schon bei dem Kleiderständer, sie brauchten nur noch ein paar Schritte, um ins Zimmer zu stürmen. Und doch überlegte der Gankoffen in dieser Sekunde noch deutlich, was sie zu ihm führe. Der Residenzbäck wohnte schließlich Wand an Wand mit ihm, so daß sie sich von den rückwärtigen Zimmern aus durch Klopfzeichen verständigen konnten; was aber wollte der Fischer, was vor allem sein Bruder von ihm? War vielleicht doch etwas erreicht drinnen im Ministerium? Wenn aber ja, was kamen die beiden mit ihm?

Ein Glück, daß er sich nicht mehr lange mit solchen Zweifeln zu foltern brauchte, denn der Fischer und der Gaigl schrien ihm jetzt der Reihe nach das große, das aufrüttelnde Ereignis an den Kopf, von dem bereits die ganze Stadt widerhallte, während nur er, der gemütlich verdaue, nichts zu wissen schiene. Staunen, ja umfallen möge er: die Universität sei geschlossen worden! Nicht mehr länger hätten die anständigen Studenten es mitansehen können, daß ihnen die Gräfin Landsfeld ihre elenden Protégés, ihre Schleppenträger, die Alemannen, als erstes Korps vor die Nase setzte. Nicht mehr länger hätten sie's ertragen, daß ihre alten, ehrbaren Lehrer, die gegen das Schandweib protestierten, aufs schärfste gemaßregelt wurden. Die Antwort auf die Demonstration sei dieser Erlaß des liberalen Ministeriums, der alles Dagewesene übersteige. Aber so schimpflich er genannt werden müsse, er bedeute doch das größte Glück für das Land. Denn jetzt sei das Eis gebrochen, der Geduldfaden gerissen, ein flammender Protest mache sich geltend. Es ziehe durch die ganze Ludwigstraße herauf, ja, es käme bereits näher zur Theatinerkirche her. Ob man's noch nicht höre? Dann mache man gleich lieber das Fenster auf. Da, Bürger, Studenten, alles marschiere Arm in Arm und alles schreie »Pereas Hure! Pereas Hu . . .«

»Jesus, meine Kinder!« schrie Frau Gankoffen, indem sie die Töchter zur Türe hinausspedierte. »Ja, Herr Gaigl, was fällt Ihnen denn ein? Vor einem Erwachsenen sollte man sich schämen, wenn man so ein scheußliches Wort in den Mund nimmt, jetzt erst vor jungen Mädchen! Nein, nein, ich fasse so etwas nicht.« Der Residenzbäck schien unter dem Druck des welthistorischen Ereignisses wenig Empfindung dafür zu haben, wie schwer er aller guten Sitte ins Gesicht geschlagen hatte. Er zuckte wohl kurz die Achseln, aber er redete weiter, und auch dem sonst so stummen Fischer Toni hing vor Aufregung fast die Zunge heraus. »Wir . . . wir . . . wir . . .? Die da drunten . . . Machen Sie die da drunten haftbar dafür!« Damit wiesen sie durch das aufgestoßene Fenster zur Straße. »Da, hören Sie selbst! Ganz im Takt rufen sie's: Eins, zwei, drei! Die Schandi aber können nichts machen dagegen.« Frau Gankoffen trat an das Fenster und schlug die Hände zusammen, als sie diesen gewundenen Knäuel zahlloser, brüllender Menschen gewahrte. Ihr Mann aber stolzierte in die Mitte des Zimmers dicht neben den Eßtisch und schwang die Arme. »Ihr habt recht, Freunde, das Maß ist voll! Wahrhaftig, ich bin dem König ein treuer Diener gewesen, und mein ganzes Haus, von meinem greisen Vater an bis herab zum letzten Enkel, ist es noch heute. Wenn man's aber erleben soll, daß uns von frevler Hand das letzte genommen, daß die Wissenschaft an die Wand gedrückt wird, die Kultur vernichtet, dann sag' ich mit Maria Stuart: Fahr hin, lammherzige Gelassenheit! Zum Himmel fliehe, leidende Geduld! Komm, Heinrich, komm, Gaigl, komm, Fischer! Wir wollen nicht zurückbleiben, nein, wir schließen uns diesem Zuge an, wir erheben die Hand zum flammenden Proteste!« »Bin dabei!« schrie der Gaigl. Nicht minder freudig stimmte der Fischer zu. »Wartet hier,« keuchte der Professor, »ich hole nur meinen Degenstock. Bei solchen Gelegenheiten weiß man nicht, was passiert. Aber auch wenn Blut fließt, es ist ganz gleich: einmal muß diese Schwäre mit brennendem Feuer getilgt werden!« Und trotz des Widerspruches der Frau wollte er die Galerie hinuntereilen.

Da aber stürzte ihm sein Bruder auf dem Flur nach. Der hatte bisher kaum ein Wort gesprochen, sondern während des allgemeinen Tumultes wie ratlos vor sich hingeschaut. Jetzt zog er den Professor beim Rockzipfel mit unwiderstehlicher Bewegung in eine Ecke. Eine nette Situation, in die sie da gerieten, meinte er. Und der Jörg sei so unsinnig, sie durch törichtes Gebahren zu einer ganz verworrenen zu gestalten. Was ihm denn einfiele, sich jetzt auf die Straße zu begeben, um mitzubrüllen oder Pflastersteine zum Fenstereinschmeißen auszugraben! Ein verständiger Mensch bleibe zu Hause und mische sich nicht in solche Affären, besonders nicht, wenn er selbst stark engagiert sei. Stark engagiert? Wieso? Der ältere Bruder wollte sich diese Redeweise ganz energisch verbitten, um so mehr, als er so einen Einwand am wenigsten erwartet hatte. Aber der Finanzrat schlug ihn mit einem Satze nieder. Diese ewige Schieberei und Bettelei wegen der Grundstücke habe ihn, trotzdem ihm der Gang als Beamten sauer genug geworden sei, endlich veranlaßt, durch den Kammerjunker von Pellegrini eine Audienz beim allmächtigen Minister von Berks, dem Günstling der Gräfin Landsfeld, nachzusuchen. Der habe ihm nun vor drei Stunden die feste Zusicherung erteilt, daß der Berg doch noch zum Propheten komme, mit andern Worten: der Bahnhof zur Schießstätte. Freilich habe der elegante Abenteurer dabei sehr von oben herab gespöttelt. Er sei glücklich, ja er freue sich, der altrenommierten, hochangesehenen Familie ein Paroli bieten zu können, da die Gankoffens sich bis heute nicht gerade freundlich gegen die Gräfin benommen hätten.

Als der Finanzrat das mit verbissenem Grimm herausgestoßen hatte, lehnte sich der Professor, wie von einer Ohnmacht umnebelt, an die Wand. Er hatte in diesem Leben so ziemlich alles für möglich gehalten; daß es aber einmal die Lola Montez in eigener Person sein werde, die die Lokomotive samt Tender zur Stadt schieben werde, wäre ihm nimmer in den Sinn gekommen. Ein grenzenloser Wirrwarr auf und nieder stürmender Gedanken zog durch seinen Kopf. »Heinrich!« begann er endlich, und seine Stimme hatte beinahe etwas Flehendes, Hilfloses. »Heinrich, wenn das wahr ist, was du da sagst, wenn das wirklich zustande kommt . . . Du weißt, es ist ja nicht meinetwegen! Nur wenn der alte Mann zum Neunzigsten noch die Freude erleben soll . . . wenn er . . .« Es stieg ihm so heiß auf, daß zwei dicke Tränen aus seinen Augen kamen. Leider schien der Bruder für diese Erregung nicht das richtige Verständnis zu haben. »Dummes Zeug! Du hast den ganzen Handel eingebrockt; so spiel mir jetzt wenigstens keine Komödie vor.« Der Professor sah ihn an, als ob er einen Schlag bekommen hätte, und reckte sich zu drohender Haltung empor. »Unser Vater mahnt uns Tag und Nacht, zusammenzuhalten und immer wieder zusammenzuhalten! In seinem Sinne, zu eurem Besten hab' ich gehandelt, und das ist nun der Dank dafür.« Der Finanzrat winkte ab. »Vom Dank wollen wir lieber nicht reden. Ich hab' mich jedenfalls genug geärgert mit den verdammten Grundstücken und will froh sein, wenn ich nichts mehr davon höre.« »Weiß, weiß, Dir ist die Familie nie was gewesen. Immer bist du abseits gegangen.« Jetzt wurde der Finanzrat zu guter Letzt sehr ungeduldig. »Lieber Jörg, sieh zu, daß du mit dem Papa und den Schwägern nicht die Rollen der berühmten Lohgerber übernimmst, denen im letzten Momente bekanntlich die Felle wegschwimmen! Die Revolution ist unterwegs; siegt sie, dann kracht das System des Herrn von Berks samt seinem Portefeuille und der Gräfin zusammen. Fällt es zu Staub, noch ehe die versprochene Unterschrift gegeben ist, dann hast du mit dem Wirt der Schützengesellschaft, der euch in die saubere Spekulation hineinziehen möchte, das Nachsehen und kannst deine blauen Wiesen von neuem wieder auf deiner Staffelei herunterpinseln.« Damit riß er, ohne adieu zu sagen, die Haustüre auf, um sie gleich nachher wieder mit voller Wucht hinter sich ins Schloß fallen zu lassen.

Der Professor aber wankte, den Degenstock in der Rechten, in das Wohnzimmer zurück, wie einst sein schwerverwundeter Ahn in das stille Gebirgsdorf am Fuße der Tiroler Alpen. Ein gestürztes Prinzip, eine zertrümmerte Weltanschauung, ein Kampf zwischen Kindesliebe und Vaterland, so kam er daher, ein besiegter Imperator, winkte er mit der Linken, man möge das Fenster schließen, damit man die häßlichen Rufe von der Straße nicht mehr zu hören brauche. »Seid mir nicht bös, wenn ich euch nicht begleite,« sagte er zum Gaigl und zum Fischer. »Ich kann nicht . . . kann wirklich nicht . . .« Und als die beiden erstaunt dreinsahen, murmelte er, auf einen Stuhl gesunken, immer vor sich hin: »Weiß, weiß, liebe Freunde, 's ist ein Wortbruch, ein Unrecht. Aber ich muß dem alten Manne zum Neunzigsten die Überraschung bringen. Es freut ihn halt so . . . es freut ihn halt gar so . . .«

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