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Das Erwachen

Josef Ruederer: Das Erwachen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Erwachen
authorJosef Ruederer
year1916
publisherSüddeutsche Monatshefte
addressMünchen
titleDas Erwachen
pages3-430
created20020505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Josef Ruederer

Das Erwachen

Ein Münchner Roman bis zum Jahre 1848


Josef Ruederer wollte in einem Roman von vier Bänden das Leben seiner Vaterstadt – Geschichte und Menschen – durch den Lauf des neunzehnten Jahrhunderts bis auf die Gegenwart schildern.

Der Tod hat die Ausführung vereitelt.

Ich übergebe den ersten Band, den einzigen, den er zur Vollendung führte, als Fragment der Öffentlichkeit.

München, April 1916

Elisabeth Ruederer.


Seinen Kindern
Margarethe und Herbert


Erstes Kapitel.

Peppi.

Das erste, was der Luegecker Peppi in diesem Dasein mit erwachenden Sinnen bemerkte, war ein Holzbrett und zwei Wassereimer. Das Brett mochte so etwa zwanzig Fuß hoch sein und befand sich eingerammt in die Mauer eines engen, düsteren Hofes. Glatt gefegt, wie es war, spiegelte es in das Halbdunkel hinein, gleich dem Holz einer Kegelbahn, auf dem man aufwerfen muß, will man nicht wegen eines Sandhasen zur Ordnung gerufen werden. Die Eimer aber bestanden aus Kupfer, aus solidem, rotem Kupfer, wie es zu jenen Zeiten in der Küche der Hausfrau prangte und den Stolz der Familie bildete. Diese Wirklichkeiten vermochte der kleine Peppi natürlich nicht zu unterscheiden, denn er war damals erst so etwa drei Jahre alt. Was ihm in die Augen sprang und ihn durch die immer wiederkehrende, gleichmäßige Bewegung fesselte, war einzig das abwechselnde Auf- und Niedergehen der beiden Eimer an diesem Brett. Das kam immer zu gewissen Stunden des Tages, des Morgens, des Mittags, des Abends. An einem derben Seile wurden sie hochgezogen und wanderten dann, am offenen Fenster angekommen, von starken, bloßen Armen gepackt, direkt in die Küche. Dort war in einer Ecke dicht neben dem Ausguß die Kurbel angebracht, die die Kübel zur Höhe beförderte. Wenn nun der Junge auch deren Zweck nicht erfassen konnte, dann sollte ihm der auf besondere Art frühzeitig erklärt werden. Eines Tages nämlich, während er mit allen Kräften den Handgriff des Rades zurückzustemmen suchte, bekam er einen fürchterlichen Schlag auf den Schädel. Später erzählte man ihm, indem man auf eine Narbe seiner Stirne wies, mit gerungenen Händen, daß damals gerade ein gefüllter Eimer am Stricke hing, so daß also nur Gottes unendliche Gnade ein furchtbares Unglück verhinderte. Und weil dabei immer gefragt wurde, ob sich der Missetäter das wohl eingeprägt habe, mußte er jedesmal mit dem Kopfe nicken. Nötig wäre das nicht gewesen, denn der Schlag war eigentlich ein genügender Denkzettel. Der Peppi besann sich noch sehr wohl der blitzartigen Betäubung, er hörte noch deutlich das gellende Geschrei, das ringsum von Verwandten und dienstbaren Geistern angestimmt wurde. Ferner besann er sich, daß er von der Stirne herunter den Mund voll warmer Flüssigkeit bekam, die ihn fast zu ersticken drohte. Das sei Blut gewesen, erklärte man ihm später und schlug wieder die Hände zusammen. Die das aber tat, war eine junge, stattliche Frau mit sanften, schönen Augen, an die sich der Peppi immer gern anschmiegte, und die sich im Laufe der Jahre als seine Mutter vorstellte. Oder, wie man damals sagen mußte, als seine Mama.

An Schrecken, Plötzlichkeiten und Ekstasen sollte sich der junge Erdenbürger in diesem Hause überhaupt zu gewöhnen haben. Die Eimer und der Aufzug taten ihm nichts mehr, denn man sperrte die Küche seit jenem Tage sorgfältig ab und schrie Zeter und Mordio, wenn der Peppi eines unbeobachteten Augenblicks daran vorbeiging. Auch holte man ihn regelmäßig vom Fenster weg, wenn er gar zu eifrig auf die gefüllten Kübel guckte, die man nun mal zum Hauswesen brauchte, da es noch keine Steigleitungen gab. Dagegen sah sich der Junge eines Tages ganz deutlich in einer Landschaft, auf einer grünen Wiese, die rings von hohen Bäumen umsäumt war. Ein Pferd, ein weißes Pferd trabte darauf mit tänzelnden Bewegungen herum. Und auf dessen Sattel wurde er plötzlich am Kragen von einem Manne gehoben, der ihn dann hübsch zurechtsetzte und anmutige Bogen beschrieb. Das gefiel dem Buben so sehr, daß er in die Hände klatschte und fortwährend holdrio schrie. Plötzlich aber geriet alles in sausende Bewegung, der Schimmel, die Bäume, die Wiese, der Reiter. So ging es dahin eine gute Weile. Der Peppi gewahrte den Himmel unter sich, die Wiese über sich, er sah die Bäume herumhopsen wie den Hampelmann, den er zu Hause gelassen hatte. Endlich merkte er, daß er schnell auf die Erde gesetzt wurde, aber ganz sanft und geschickt, so daß er sich gar nicht überschlug, sondern mit zappelnden Beinen das Weitere abwartete. Von der Ferne her aber tönte wieder dasselbe Geschrei wie damals, als die Kurbel auf ihn herniedersauste. Der Peppi begriff auch diesmal nicht, was eigentlich los war, und bekam erst später die gewünschte Erklärung.

Die ganze Familie mit Vettern und Basen hatte zu Wagen und zu Pferd einen jener Ausflüge gemacht, die in Massen erfolgen und so das häusliche Glück zu mehren bestimmt sind. Da kam einer von ihnen, der sich vor den Damen auf seinem Schimmel in stolzer Haltung und enganschließenden Strupfenhosen präsentierte, auf den artigen Einfall, den Buben zu sich in den Sattel zu heben. Aber die zierliche Kavalkade konnte nicht durchgeführt werden, weil das Tier scheute. Wie der Reiter es endlich einfing, darüber vermochte der Peppi keine Auskunft zu geben, wohl aber merkte er so nach und nach an verschiedenen Zeichen, daß der verwegene Mann, der an jenem Sonntag-Nachmittag seine Künste in Freiheit vorführte, kein anderer war, als derselbe stramme Herr mit dem französischen Knebelbart, mit der goldenen Brille, der sich im Laufe der Jahre dem Buben mit nicht mißzuverstehender Gebärde immer deutlicher als seinen Vater vorstellte. Oder, wie man damals sagte, als seinen Papa.

Waren die Eltern nun so langsam in den Gesichtskreis getreten, dann sollten die Großeltern an die Reihe kommen. Die prägten sich streng getrennt ein, denn sie kamen niemals zusammen. Das heißt: die Ehepaare, wie sie angetraut waren, erschienen, wie es damals Sitte war, nur als unzerreißbares Ganzes, nur zu zweien, niemals aber kamen die Eltern des Vaters und die der Mutter gemeinsam ins Haus. Als der Peppi einmal fragte, warum sie das so hielten, wurde ihm sehr heftig bedeutet, daß ihn das gar nichts anginge. So ein fünfjähriger Bub brauche überhaupt nichts zu fragen, sondern habe geduldig zu warten, bis er angeredet werde. Die verschiedenen Großpapas und Großmamas erschienen ganz wie sie wollten, ohne sich von so einem Fratzen die mindesten Vorschriften machen zu lassen. Das taten sie denn auch, und zwar der Großpapa Luegecker jedesmal im langen, dunklen Gehrock, mit seinem vollen, silberweißen Haare und dem grauschwarzen Schnurrbärtchen, seine nicht viel größere Frau mit den klugen, durchbohrenden Augen in grauseidener Mantille. Zur Großmama hatte der Enkel kein rechtes Zutrauen, denn sie war wortkarg und fuhr einmal seine Mutter an, was er sich gut merkte. Doch galt ihm der Großpapa Luegecker nicht weniger wie alles. Viele Reden brachte er zwar auch nicht heraus, aber er fuhr mit seinem glattrasierten Kinn unter brummigem Lachen gar oft die Backen des Kindes auf und nieder, indem er seinen Namen rief. Außerdem setzte er sich eines Tages durch eine besondere Tat in die Gunst des Enkels. Er schlug nämlich nach kurzem Wortwechsel seinem Sohne vor dem Peppi eine herunter, eine regelrechte, feste Maulschelle, so wie sie der Peppi noch eine Stunde zuvor von seinem Vater erhalten hatte. Freilich, der so Behandelte geriet darüber ganz außer sich, so daß der Peppi meinte, jetzt ginge es dem Großvater ganz sicher an den Kragen. Doch da irrte er sich, denn Wut und Schicksal wandten sich lediglich gegen den ungebetenen, kleinen Zeugen, der gleich wieder eine abbekam. Jetzt schrie der gerade so wie der Vater, und da der Großvater, durch diese Handlungsweise aufs neue gereizt, auch seinen Senf dazu gab, gab es ein erschütterndes Trio. Das machte dem Buben einen starken Eindruck, denn er merkte von heute an, daß es noch höhere Gewalten gab als die alltäglichen, die tyrannisch im Hause regierten.

Da war der Vater der Mutter, Herr Sebastian Gaigl, aus anderem Holze geschnitzt, redselig und weich. Wenn ihn der Peppi zu Gesicht bekam, stellte sich zugleich das Bild eines großen Bierfasses ein. Nicht etwa, weil der schwere, behäbige Mann beinahe den Umfang eines solchen aufwies; diesen frechen Vergleich hätte der Junge wohl schwerlich erfaßt oder gar gewagt, wohl aber, weil solche Fässer gar viele im Hofe des Hauses herumstanden, wo der Großvater wohnte. Dorthin wurde der Enkel einmal geführt und durfte von der Galerie des oberen Stockwerkes aus zusehen, wie ein baumlanger Mensch durch ein großes Loch in so ein Ungeheuer hineinschlüpfte. Das machte dem Buben einen so schrecklichen Eindruck, daß er zum allgemeinen Erstaunen laut zu toben begann, bis der Mann seinen Kopf wieder eilig herausstreckte. Der ganzen Verwandtschaft aber bereitete das so viel Vergnügen, daß man bei späteren Besuchen das lustige Spiel jedesmal wiederholte. Der Brauknecht mußte aufs neue im Fasse verschwinden, und je stärker der Junge schrie, um so lauter lachten die Anwesenden. Die Folge war, daß der Enkel nicht mehr in das Haus wollte, schon deshalb nicht, weil ihm dort die Großmutter noch weniger zusagte wie die Mutter des Vaters. Die machte nämlich, wenn sie ihn sah, immer das Zeichen des Kreuzes über seine Stirne, den Mund wie die Brust, indem sie ihn dabei mit Wasser bespritzte. Dasselbe tat die Mama, wenn der Bub erwachte oder zu Bette ging. Aber sie machte es ganz anders, viel langsamer, viel freundlicher, vor allem nicht mit so spitzen Nägeln und unheimlichen Augen. Auch führte sie ihn dabei gern in ein schönes, hohes Haus mit ragendem Turme, das nur ein paar Schritte vom eigenen entfernt lag, in ein Haus, wo es glitzerte und flimmerte von Gold und von Silber. Dort wohne der Himmelvater, so sagte die Mutter, mit all seinen Engeln und Heiligen. Dabei zwang sie den Buben sanft auf die Knie, indem sie sich neben ihn postierte.

Wie gebannt weilte der Peppi vor dem Unbegreiflichen. Die Unterweisungen wurden in flüsterndem Ton gegeben; es schrie überhaupt niemand in dem Gotteshause, sondern alles schlich auf Zehen, bald nach rückwärts, bald nach vorne, wo vor dem großen Aufbau, der ein mächtiges Bild barg, prachtvoll gekleidete Männer unter sanften Musikklängen feierliche Bewegungen beschrieben. Daneben gingen Buben einher, die gar nicht viel größer waren wie der Peppi selber. Die knieten nieder, dann standen sie wieder auf, dann trugen sie ein großes, dickes Buch abwechselnd von der einen Seite zur anderen, oder sie schwangen eine Glocke. Mit verhaltenem Atem verfolgte das der Kleine. Am meisten fielen ihm die Rauchwolken auf, die aus einem hin und her geschwungenen, silbernen Gefäße zur Höhe stiegen.

Plötzlich aber fuhr er mit jähem Rufe, der halb aus Staunen, halb aus Lachen hervorkam, empor und wies die Mutter gegen den Altar. Der Priester hatte sich, mit dem Rücken gegen den Zuschauer, tief herniedergebeugt und blieb so einige Augenblicke in dieser Stellung. Der Bub aber, der ihn bediente, hob zum Entsetzen des Peppi ohne jedes Schamgefühl das Meßgewand so hoch, daß Gefahr bestand, man könnte das Hinterteil sehen. Ob denn das sein dürfe? Man kann sich denken, mit welchem Entsetzen die Mutter die Wirkung der heiligen Handlung auf den Buben entgegennahm. Sie wurde rot, als ob sie die Masern hätte, und legte in aller Eile die Hände ihres Kindes zum Beten zusammen. Der Peppi aber kam nicht darüber weg, schon deshalb, weil der Priester so halb als Mann, halb als Frau gekleidet, den Gefahren einer Entblößung erst recht ausgesetzt schien. Er fragte immer weiter, bis ihn die Mutter ganz entrüstet aus der Kirche zog. Dort, vor der Türe, hielt sie ihm dann eine tüchtige Strafpredigt. Was ihm denn einfiele? Ob er sich kein bissel schäme? Und wie er, den man so ängstlich vor allem Bösen behüte, auf so verworfene Gedanken geriete?

Der Peppi, so in die Enge getrieben, wußte erst nicht recht, was er antworten sollte. Nach und nach aber legte er, soweit er das vermochte, seine Gedanken zusammen und stammelte heraus, was er wußte. Gerade gegenüber dem Hause der Eltern wohnte der Herr Apotheker, der einen Mohren in goldenem Schilde führte und ein Töchterchen sein eigen nannte. Diese Leute kamen öfter herüber, ja, die Kleine, die etwa zwei Jahre älter war als der Peppi, durfte manchmal an Sonntag-Nachmittagen mit ihm spielen. Sie war ein wildes, übermütiges Ding, das allerlei Tollheiten ausführte und den jungen Kameraden dreimal in die Tasche steckte, bevor er sich einmal dagegen zur Wehr setzen konnte. So warf sie ihn denn, als sie an einem hohen Kirchenfeste besonders gut aufgelegt war, gegen einen Spiegelschrank im Schlafzimmer ihrer Eltern. Dieses Glas war so leicht, der Schädel des Peppi aber so dick, daß bei dem gewagten Unternehmen ein Sprung herauskam, der die große Scheibe in zwei wohlgemessene Hälften teilte. Erst wollte die Attentäterin alles wegleugnen, als aber der Peppi unter lautem Heulen auf eine kleine Schramme zu weisen vermochte, die am Hinterkopfe blutete, erschien sie genügend überführt. So begann denn ein regelrechtes Strafgericht. Das vollzog der Mohrenapotheker in eigener Person so kräftig, daß der Peppi an die hohe Genugtuung erinnert wurde, die ihm die Maulschelle des Großvaters bereitete. Die Tini, so hieß das Mädel, wurde nämlich über das Knie gelegt, die Röcke werden hochgehoben und durch Vermittlung des spanischen Röhrls sausten zehn wohlgezählte Hiebe auf die weißen Höschen herunter.

Daß es dem geistlichen Herrn gerade so gehen könnte, habe er gefürchtet, als der Ministrant das Meßgewand hob. Die Mutter sah den Schluchzenden an und schien ihm Glauben zu schenken. Sie flüsterte zwar, daß der Mohrenapotheker in Gegenwart eines unwissenden Kindes auch etwas Gescheiteres hätte tun können, dann aber wischte sie die Tränen des Buben ab und meinte, er dürfe in der Kirche nie und nimmer seine Gedanken auf so abscheuliche Dinge lenken, da ihm sonst nicht erlaubt würde, zum lieben Gott zu gehen, oder – sie besann sich hastig, weil sie das doch nicht recht mit ihrem Gewissen in Einklang zu bringen vermochte – der Himmelvater käme wenigstens nie mehr zu ihm.

Diese Drohung nahm sich der Peppi gar sehr zu Herzen, denn er hatte eine gar hohe Meinung vom lieben Gott. Nur sah er in ihm mehr einen famosen, alten Herrn wie den Großvater Luegecker, als den Richter über Gut und Böse. So ließ er die Augen denn weiter in der Kirche spazierengehen, ja, es kam ihm nicht darauf an, sie auch draußen in der Welt auf Dinge zu heften, die ihn doch gar nichts angingen.

Vom Schlafzimmer der Eltern führte eine finstere Wendeltreppe in einen unheimlichen Raum hinab. Dort wohnte der Teufel, der Höllenfürst, der Pech und Schwefel verbreite. So meinte wenigstens in Stunden, wo sie ihn erheitern sollte, die alte Kinderfrau, die Karoline oder Kalini, wie sie ausgesprochen wurde. Und sie fügte, um das Bild noch etwas eindrucksvoller zu gestalten, mit weit aufgerissenen Augen ein schauerliches Huhuhu bei, als hätte sie ihn schon einmal persönlich gesehen. Der Peppi mied daher in seinen ersten Jahren die verrufene Treppe gar ängstlich. Als er aber nach und nach entdeckte, daß von da unten, wie vom Hofe herauf, aus Petroleumbehältern, Kaffeesäcken und Anguillottifäßchen immer lockendere Düfte stiegen, besonders wenn frische Ladungen kamen, da meinte er, der Gottseibeiuns stehe eigentlich in keinem so üblen Geruch, als daß man's nicht mal ruhig riskieren könnte, vom ersten Stockwerk in den geheimen Abgrund hinabzuklettern. Stieg doch auch der Vater jeden Morgen und Abend gleich ein paarmal hinunter, ohne daß ihm deshalb die Augen mit dem höllischen Schürhakl ausgestoßen oder die Beine mit einer glühenden Säge abgetrennt wurden. Deshalb hob er eines Tages recht vorsichtig den Deckel hoch, der die Treppe zudeckte, und kletterte hinab.

Dort bot sich ihm ein viel traulicheres Bild als in der von der Kalini geschilderten Hölle. Zur linken Hand sah man durch eine Glastüre in das Bureau, einen grün gestrichenen Raum mit bücherüberdeckten Pulten, zur rechten öffnete sich das Reich, dem des Buben Sehnsucht seit jenen Tagen galt, da er zum erstenmal auf der Straße daran vorbeigeführt wurde. Ein mächtiger Verkaufstisch, in den zwischen kühn gewundenen Girlanden ein Merkur mit beflügeltem Stab und ebensolchem Hütchen geschnitzt war. Darüber in gleicher Länge eine geringelte Schlange, von deren Mitte dicht unter der mit starkem Glase überdeckten Uhr eine breite Petroleumlampe sich herabsenkte. Doch diese Herrlichkeiten hätten den Buben nicht zu fesseln vermocht. Was ihn mit dem geweckten Geruchsinn an die richtige Stelle führte, das waren die zahllosen Fächer an den Wänden des Ladens mit gedörrten Trauben, Pflaumen und Feigen. Da griff er, während er zwischen den Angestellten und Kunden herumwanderte, ohne Zaudern recht tief hinein, je öfter er seinen Besuch abstattete. Ja, einmal nahm er sogar eine Handvoll neuer, silberner Kreuzer aus einer Holzschüssel mit. Er merkte wohl, daß das nichts zum Essen war, aber die Dinge funkelten so wunderschön, und das gefiel ihm.

Zu seinem grenzenlosen Erstaunen ging desselben Abends, als er zu Bette gebracht wurde und die klirrenden Silberlinge samt noch ungenossenen Naturprodukten aus der Tasche fielen, wieder jenes Geschrei im Hause los, das dem Buben seit dem Schlag auf den Schädel recht wohl bekannt war. Nur tönte es diesmal noch wilder und aufgeregter, ja, es hagelte förmlich auf den Schwerverbrecher hernieder. Ihm wurde noch in derselben Stunde nachdrücklich klar gemacht, daß es auf dieser Erde einen ausgesprochenen Unterschied zwischen Mein und Dein gebe, der kein blindes Draufgehen gestatte. Als dieses Kapitel zu Ende gelesen war, kam ein Privatissimum über das Geld durch den Papa. Das sei das ABC des Lebens, das bedeute Besitz; deshalb müßte man erst lernen, es zu verdienen, ehe man so liederlich damit umspringe, ja, ehe man es stehle. Er wolle nicht schwarz malen, weil das nicht seine Art sei, aber wenn es so weitergehe, dann wären Zuchthaus und Schafott das Ende. Was das für Dinge seien, wisse der Bub natürlich noch nicht, würde es aber bei solchem Lebenswandel bald erkennen: beim Ersten käme man in schimpflicher Weise um die Freiheit, beim Zweiten in noch fatalerer um den Kopf. Ob der Peppi zum Beispiel noch nie was gehört habe von dem bekannten Raubmörder, der vor ein paar Jahren in der Oberpfalz geköpft wurde? Der sei auch der Sohn anständiger Leute gewesen, schließlich aber so tief gefallen, daß man ihn hinrichten mußte. Denn Naschen sei der Anfang, dann käme das Lügen, dann das Stehlen und dann . . . Der Peppi wußte die Reihenfolge, in der es so fortging, nicht länger mehr einzuhalten, denn er fiel schließlich vor lauter Heulen und Abspannung um und schlief ganz erschöpft ein.

In viel milderem Sinne äußerte sich der Lehrer, als der ganz verschüchterte Sträfling kurze Zeit darauf zum erstenmal die Schule besuchte. Man hatte den guten Herrn im strengsten Vertrauen auf die Veranlagung des Buben aufmerksam gemacht, damit er ihr peinlich nachgehe und neue Katastrophen verhindere. Mit lotrechtem Senkblei tat das der schon etwas bejahrte Bakelschwinger nun freilich nicht. Er ließ vielmehr den lieben Gott einen guten Mann sein, der gar nichts besitze, ja, von Zibeben, gedörrten Zwetschgen und silbernen Kreuzern nicht die leiseste Ahnung habe. Dabei sang er viel und schnupfte noch mehr, indem er nach genommener Prise fest auf den Deckel einer hölzernen Dose schlug. Dann stellte er sich lange Zeit ans Fenster und trommelte pfeifend mit den Fingern gegen die Scheiben. Sehnsüchtig sah ihm der Peppi nach. Denn dort stieg über niedere, ziegelrote Dächer pfeilgerade der Turm des Gotteshauses empor, in das ihn die Mutter regelmäßig führte. Ein unförmiges Zifferblatt mit funkelnden Zeigern glotzte auf die Schulbänke herein. Und diese unaufhaltsamen Schrittmesser, die gleichmäßig auf und nieder gingen wie die Eimer in dem väterlichen Hofe, verfolgte der Peppi mit eifrigem Studieren. Ja, es stellte das so ziemlich die einzige Tätigkeit dar, die er in der Schule entfaltete. Dabei stopfte er abwechselnd den rechten wie den linken Zeigefinger in das entsprechende Nasenloch, indem er gleichzeitig aus alter, lieber Gewohnheit ein bißchen am Daumen lutschte. Steuerte dann der große Zeiger mit dem Kopfe nach oben auf die Mitte los, dann wußte er, daß bald wieder eine Stunde vorbei oder Schluß sein werde, was der alte Hausmeister der Schule durch ein gellendes Zeichen gleichfalls verkündete. Läutete es aber vom Turme des Gotteshauses, das die Peterskirche genannt wurde, dann horchte er gespannt auf, denn diese Glocken tönten des Nachts in sein Bett herein, wenn in der Stadt Feuer gemeldet wurde. Das trieb ihn jedesmal ins Schlafzimmer der Eltern, ja, er soll dabei oft ganz in Schweiß gebadet gewesen sein und entsetzlich geschrien haben. Manchmal, wenn er zum Schlafen gebracht wurde, sagte er es sogar im voraus, daß sie heute nacht da droben wieder anschlagen würden. Und trotzdem ihn die Mutter zu beschwichtigen suchte, wollte er dann gar keine Ruhe finden. Am friedlichen Morgen aber, wenn er dann wieder in seiner Schule saß, hatte er nur den einen Gedanken, da drüben auch einmal ziehen zu dürfen an den Stricken, um Alarm zu schlagen oder Gebet zu läuten.

Daß die Ergebnisse des Schulbesuches dieser höchst phantasievollen Unaufmerksamkeit entsprechen mußten, ist klar. Trotzdem erhielt der Peppi von dem gutmütigen Lehrer ein Fleißbillett über das andere. Auch schöne Nullen wurden ihm in die Zensuren geschrieben, die damals die beste Note bedeuteten. So blieb auch in der Familie die Anerkennung nicht aus. Freilich, die kam nur einmal im Jahre und beschränkte sich in der Hauptsache auf das Christkindl. Das Christkindl hingegen beschränkte sich gewöhnlich auf ein Paar neue Handschuhe, ein kleines Spielzeug oder eine Schiefertafel mit Griffeln, so daß den Höhepunkt des ganzen Jahres eigentlich die Apfelsine bildete, die die Tante Therese regelmäßig zum 19. März, also am Josephitag, unter großer Feierlichkeit überbrachte. Die würdige Dame war die Schwester der Großmutter des Peppi, ein Familienmöbel aus der guten alten Zeit, von der der Großvater Luegecker einmal in des Peppi Gegenwart höchst bissig behauptete, sie hebe sich mit ihrem aristokratischen Gebaren vorteilhaft ab von den Bierbrauerphysiognomien der anderen Familie. Allerdings gravitierte sie nach höheren Regionen als in das Braugewerbe; sie hatte in hohe Beamtenkreise geheiratet und wurde durchweg die Frau Geheimsekretär genannt. Als solche begrüßte man sie auch jedesmal mit gebührendem Respekt. Man dankte es ihr. daß sie ihre Vergangenheit nicht völlig verleugnete man wies ihr auf dem Biedermeiersofa den gebührenden Ehrenplatz an, dem Peppi aber wurde eingeschärft, er solle ihr beileibe nur die Hand küssen, den Mund aber erst dann, wenn sich die hohe Frau selbst zu so außerordentlicher Gunstbezeugung herabließe. Wollte er sich gar unterstehen, nach der Apfelsine zu greifen, die doch eigentlich sein Eigentum war, dann bekam er sofort eins auf die Hand. Denn diese duftende Frucht des Südens, die zu jenen Zeiten eine Gabe von hohem Werte bedeutete, durfte erst dann verzehrt werden, wenn sie völlig verhutzelt und ungenießbar erschien, gewöhnlich zu Ostern oder zu Pfingsten. Zunächst wanderte sie unter Beobachtung gebührender Vorsichtsmaßregeln sowie unter Segenswünschen für die gütige Spenderin in die Glasetagere des roten Salons, dicht neben den Brautkranz der Mutter des Peppi, dicht neben ein mit Kieselsteinen gefülltes, silbernes Skandalinstrument mit elfenbeinernem Griff, das der Säugling von derselben Tante in der Wiege erhalten hatte, das er aber ebensowenig berühren durfte wie die anderen Kostbarkeiten, die der Schrank noch barg.

Und deren gab es wahrlich eine Menge. Schön geschliffene Gläser, Messer und Gabeln, Teller und Schüsseln, Kaffeetassen und Salzbehälter. Busennadeln und Krawattenhalter. Am hellsten leuchtete ein großer Opal, von dem geheimnisvolle Kunde ging. Die Mutter verriet nämlich dem Peppi, der gehöre zu einer goldenen Dose. Wo diese augenblicklich sich aufhalte, wisse man nicht; sie sei eben verschwunden. Für heute genüge es, daß dieser Familienstolz ihrem Großvater, der gleichfalls Sebastian Gaigl hieß, von keinem Geringeren geschenkt wurde als vom König in eigener Person. Der kam nämlich mit seiner hohen Gemahlin, den Prinzessinnen und dem ganzen Gefolge bei einem großen, landwirtschaftlichen Feste alljährlich auf den Bierkeller draußen bei der Theresienwiese und nahm dort das Mittagsmahl ein. Die Mutter erzählte das nicht ohne eine gewisse Gehobenheit, mit jenen Absätzen und Pausen, die so einen Bericht noch viel feierlicher machen. Auch fügte sie manches bei von der unnahbaren Würde solch hoher Herrschaften, ihrer huldvollen Herablassung und Gnade, so daß der Peppi zum erstenmal einen Begriff bekam vom Dasein jener Majestät, die die Menschen regiert. Freilich steckte er den König nicht in jene beengenden Uniformen, in denen sich der gewaltige Mann bei der Parade bewegte, sondern er zog ihm in Gedanken Purpur und Hermelin an und setzte ihm die Krone aufs Haupt, wie er's in Märchenbüchern gesehen hatte. Den Wunderstein aber beschloß er, bei Gelegenheit an sich zu nehmen, um ihn den Kameraden in der Schule zu zeigen. Wie er darauf verfiel, das wußte er, als er später mal gefragt wurde, selbst nicht recht anzugeben. Erst merkte er wohl, daß er Gewissensbisse empfand, und überlegte noch. Die Kreuzer hatte er gestohlen, ohne zu ahnen, was er tat: diesmal sagte er sich im voraus, daß es ein Unrecht war, was er vorhatte, eine jener Schandtaten, für die man wieder viele Stunden in der Peterskirche zu knien hatte oder entsprechende Prügel bekam. Aber die Sucht, einen Gegenstand zu berühren, den ein Monarch in der Hand gehalten hatte, gewann die Oberhand. So umschlich er den Schrank, er suchte einen passenden Augenblick, wo die Türe offen stand. Da das aber nie glückte, verstieg sich seine, durch die Erzählung gesteigerte Erfindungskraft zur ersten Lüge des Lebens.

Die nahm er auf sich, so ruhig und sicher, als ob er das Vaterunser heruntersage, ja, er brauchte gar keine lange Überlegung dazu. Er behauptete nämlich, während der Lehrer mit dem Stabe an der Wandkarte die Grenzen des Vaterlandes abmaß, der König dieses unermeßlichen Reiches habe ihm eine goldene Dose mit einem märchenhaften Stein eigenhändig auf der Straße geschenkt. Die Dose zeige er nicht her, nein, die verwahre er irgendwo ganz im geheimen. Den Stein aber könne jeder bei ihm zu Hause sehen, der ihn sehen wolle. Freilich fiel er damit bös herein, denn der Lehrer fragte, was da geflüstert werde, und als die Mitschüler alles verrieten, lachte er dem dummen Aufschneider so laut ins Gesicht, daß die ganze Schule ein gröhlendes Geheul anstimmte. Doch der an den Pranger Gestellte zog keine Witzigung aus dieser Niederlage, im Gegenteil, er verbiß sich förmlich in das Recht zu sagen, was ihm einfiel, mochte es nun wahr sein oder nicht. Mit dem König drang er nicht durch, nun gut, dann mußte es etwas anderes sein, womit er aufdrehen konnte.

Und da verfiel er auf etwas, womit wohl noch keiner sich gebrüstet hatte, weil bei dieser Lüge nicht das mindeste herausschaute. Seit er in die Schule ging, drang er beständig in seine Mutter, warum er denn gar keine Geschwister habe, wo die Kameraden doch gleich so und so viele aufzählen könnten. Natürlich vermochte die junge Frau keine Antwort zu geben, die den Peppi irgendwie befriedigte. Sie meinte, der Storch sei eben ein Tier, das man nicht so bestellen könne wie den braven Hund, der täglich die Milch vor das Haus fahre. Eines Tages aber erklärte sie plötzlich sehr aufgeregt, der Peppi werde nie einen Bruder erhalten, das solle er sich merken. Ganz verdutzt fuhr der Kleine zusammen. Er hatte die sanfte Mutter noch nie so gesehen, am letzten zu dieser Stunde, wo sie das herausstieß, unter dem angezündeten Christbaum. Dort war es nämlich kurz vorher zu einer schweren Szene zwischen den Eltern gekommen, zu einem Auftritt, der losbrach wie ein Gewitter im Sommer. Was sie redeten, verstand der Bub nicht; es waren nur abgerissene Sätze und Andeutungen. Auch nahm der Vater gleich darauf seinen Hut, um von dannen zu rennen, die Mutter aber löschte die Lichter des Baumes aus. Da taumelte der Junge zu Bett wie damals, wo er den Schlag von dem Eimer empfing. Er wußte nicht, um was es ihm mehr leid war, um die elend verregnete Bescherung oder um den endgültig verweigerten Bruder, er tappte nur die Wand entlang, als hätte er alle Sehkraft verloren. Da er aber am andern Tage bei Tische zu seinem Erstaunen die Eltern plötzlich wieder ganz vergnügt fand, ja, scherzend und lachend wie sonst, legte er sich gleich zwei Brüder bei, deren Vorhandensein er zwischen Rechtschreiben und Religionsunterricht fanatisch verfocht. Da der Bruder eines bürgerlichen Schuljungen nie eine so hervorstechende Persönlichkeit sein kann wie ein König, durfte diese Lüge eine Zeitlang ungestraft ihre Runde machen, ja, es glückte dem Peppi sogar, einen Kameraden, der ihn besuchte und teilnahmsvoll nach den Angehörigen fragte, mit der Angabe zu täuschen, die beiden seien augenblicklich so krank, daß sie zu Bette lägen.

Trotzdem ging er bei Leuten, von denen er glaubte, sie könnten nicht so leicht auf die Spur kommen, daneben ganz im geheimen noch manchesmal mit der Dose hausieren. Er brachte sie zwar auch da nicht an den Mann, aber er gefiel sich selbst in dieser Welt des Scheins und fühlte sich noch wohler darin, als vor seinen Augen ganz unvermutet der Vorhang über eine neue gelüftet wurde. Unter den Klängen eines verstimmten Klaviers, in einer mäßig geheizten Bretterbude ging die buntbemalte Leinwand zur Höhe. Dann aber kamen Zauberer, Hexen, Krokodile herbei, zu denen sich bald zwei neue Gestalten, an fast unsichtbaren Drähten gezogen und in köstliche Gewänder gekleidet, gesellten. Sie trugen die gleichen Farben wie der seltene Leckerbissen, den man nur an ganz besonderen Festtagen aus der nahen Konditorei holte, wie Erdbeer- und Zitronengefrorenes, und hießen gleich dem Titel des Stückes Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß. Nur daß sie außer den so getönten Kleidern goldene und silberne Spangen trugen, samt Barett und Diadem.

Wie sich die beiden durch alle Gefahren, durch Wasser und Feuer, durch brüllende Bestien schlugen, wie sie schließlich dann selige Hochzeit hielten, umgeben von nickenden Schranzen, bekränzt von Blumen, sowie gesegnet von einer gütigen Fee, das machte dem Peppi gewaltigen Eindruck. Den unvergeßlichsten aber bot ihm auf einmal ein dickes Männlein mit kupferroter Nase, gelben Hosen, grüner Weste und roter Jacke. »Der Kasperl!« schrien die Zuschauer ganz beseligt; Väter, Mütter, Kinder und Tanten wiesen auf den beweglichen Kerl. Und den Peppi riß es auf und nieder, als der Bursche mit dem grünen Hütel und der hochstehenden Feder nun plötzlich den Fabelwesen da oben, sowie Fürsten und Professoren mit größter Respektlosigkeit einen Bauchtritt nach dem andern gab. Er lachte darüber in einem fort, er lachte zu Hause, in der Schule, auf der Straße, bis diese fortgesetzte Heiterkeit mit einem Schlage vor einem Ereignis verstummte, das ihn grausam ernüchtern sollte.

Es starb die Großmutter seines Vaters, das Urahnl der ganzen Familie, eine steinalte Frau von mehr wie neunzig Jahren, die in einem Spital am Fuße der Frauenkirche ein Zimmer bewohnte. Zu ihr war der Peppi regelmäßig dreimal im Jahre von seinem Vater persönlich gebracht worden, am Vorabend ihres Namenstages, am Vorabend des seinen und zu Silvester. Diese umständliche Gratulationsmaschine wäre auch ganz sicher am Geburtstage der alten Dame in Bewegung gesetzt worden, aber die Kirchenbücher ihrer Heimatsgemeinde konnten infolge der unregelmäßigen Führung um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts kein präzises Datum ausweisen. Bei diesen Besuchen hatte sich der Bub jedesmal vor den eiskalten Küssen der alten Dame, die ihn immer einen Schnurrbart fühlen ließen, ein bißchen gefürchtet. Auch verstand er sie kaum, wenn sie ihn mit ihrer fadenscheinigen Stimme etwas fragte. Sollte sie ihn aber verstehen, dann mußte er jedesmal schreien wie der Großvater Luegecker, der seine Mutter nur mit Hütehoh! oder ähnlichen ermunternden Zurufen anzubrüllen pflegte. So etwa, als ob er Pferde in Bewegung setzte.

Heute freilich brauchte sich keiner mehr anzustrengen. Sie lag stumm in dem einfachen Sarge, mit einem ganz verschwindenden Vogelgesichtchen, das eine weiße Haube umrahmte, mit Kinderhändchen, in die ein wächsernes Kruzifix gepreßt war, in langem, schwarzseidenem Gewand. Rechts und links davon standen zwischen einfachen Blumen zwei brennende Wachskerzen in Messingleuchtern sowie zwei alte Frauenzimmer, von denen das eine in leierndem Tone betete, während das andere so ein bißchen das Taschentuch vor den Augen in Bewegung setzte. Der Vater machte in strammer, aufrechter Haltung, die er stets wahrte, zuerst das Zeichen des Kreuzes. Dann neigte er sich zu dem Peppi herab und meinte, der brauche nicht gar so gleichgültig dazustehen, sondern solle entweder beten oder wenigstens eine gewisse Ergriffenheit zeigen. Hilflos sah sich der Kleine um, und da er in diesem Augenblick kein Vaterunser über die Lippen brachte, auch keinerlei Rührung empfand, sondern nur lähmende Furcht vor diesem ungewohnten Anblick, vor dieser Leiche und ihrer seltsamen Umgebung, zog er sein Taschentuch, hielt es vor das Gesicht und markierte trockenen Auges gehorsam so lautes Schluchzen, daß der Vater wieder meinte, derartig brauche man sich erst recht nicht aufzuführen.

Dem Peppi aber war's gar nicht zum Heulen. Er empfand es wohl, daß man in solcher Stunde nur der Dahingegangenen zu gedenken hatte, und schämte sich bitterlich, daß ihm im selben Augenblick nichts anderes durch das Gehirn zog als der Kasperl samt dem Marionettentheater. Lachen konnte er freilich nicht, aber ebensowenig vermochte er diese unpassende Erscheinung energisch zu scheuchen. So mußte er sich ihr denn widerwillig hingeben, indem ihm bald darauf die goldene Dose, der König und die beiden Brüder in den Sinn kamen. Die närrische Gesellschaft umgaukelte ihn auch, als er die alte Frau zur offenen Grube geleitete, sie folgte ihm, als er dem Gottesdienst in der Peterskirche beiwohnte, und sie stürmte erst recht auf ihn ein, als ihm der Vater etwa sechs Wochen später eröffnete, er dürfe nächste Woche mit ihm, der Mutter und den Großeltern Luegecker weit, weit über Land fahren, so weit, wie er noch nie in seinem Leben gekommen sei, um draußen in einem Dorfe im Dachauer Moos der Hochzeit vom Vetter Alois und der Base Kathi beizuwohnen.

Von diesen Verwandten hatte der Peppi noch niemals gehört. Sie waren ihm auch heute sehr gleichgültig, doch freute ihn die Aussicht, schon wieder das Fest einer Hochzeit, bestrahlt vom magischem Lichte des Marionettentheaters, sehen zu dürfen. Deshalb schlief er fast die ganze Nacht nicht und war froh, als man ihn an dem finsteren Wintermorgen endlich aus dem Bette holte, um ihn dann, von oben bis unten in einen großen Schal gehüllt, einer eiskalten Kutsche zu überliefern, in der die Großeltern bereits Platz genommen hatten.

Freilich bedeutete das einen Anfang, der ein bißchen ernüchtern konnte, aber der Peppi tröstete sich im stillen damit, daß das große Ende noch kommen werde. Deshalb hielt er, eingeklemmt zwischen den vier Sitzen, tapfer aus, als das Fuhrwerk in der tiefen Dunkelheit gemessenen Trabes endlos dahinrollte. Die Spannung trieb ihn hoch, sie verscheuchte die Müdigkeit und ließ ihn mit aller Erwartung fortwährend durch die kleinen Fenster schauen. Lange, lange kam nichts; es blieb so stockdunkel im Freien wie in der Kutsche. Nur das eine merkte der kleine Reisende, daß es schon längst keine Häuser mehr in der Runde gab. Dann fuhr man wieder an einigen entlang, und der Vater nannte den Namen der Ortschaft. Er war der einzige, der sprach, nur war es fast immer ein Schimpfen auf die scheußliche Kutschiererei, was er hervorbrachte. Der Großvater hatte sich tief zurückgelehnt und schnarchte, daß es klang wie die Winden, die die Eimer in die Küche zogen, wenn sie schlecht geschmiert waren. Endlich richtete er sich im ersten Morgengrauen empor und gähnte, als wollte er alle im Wagen auffressen. Dann wies er auf ein großes Haus auf einer Anhöhe, das aus schneelosem Dunkel mit breiten Quadern herauswuchs. »Dachau!« brummte er; dann lehnte er sich wieder zurück. Denn man war noch immer nicht am Ziele. Eine gute Weile ging es so fort, während der Morgen stärker heraufkam. Verregnete Wiesen, kahle Bäume traten hervor, worüber ein immer stärker wachsendes Licht flammte. »Siehst du den Petersturm?« fragte plötzlich die Großmutter. Der Peppi riß die geröteten Augen auf, so weit er nur konnte. Doch entdeckte er nichts. Er sah ein weitgestrecktes, ungeheueres Land, er sah darüber die Sonne emporsteigen, er sah die Quadern des Dachauer Schlosses rötlich beleuchtet und starrte wortlos vor sich hin, als die glühende Kugel, die er noch niemals so frei, so uneingeschränkt beobachtet hatte, jetzt höher und höher wuchs.

Der Verwandtschaft genügte das aber noch nicht. Man meinte, er müsse tiefer gehen, viel tiefer. Dabei hob man ihn an das Fenster und wies ungeduldig mit den Fingern nach einer Richtung. Jetzt sah der Peppi ganz fern am Horizont eine lange schwarze Linie auftauchen von Dächern, Türmen und Giebeln. Ganz unscheinbar, ganz niedrig wuchs sie aus dem Erdboden hervor. Das sei München, meinte der Vater, aber er war auch damit nicht zufrieden. Der Peppi sollte nun einmal den Petersturm herausfinden, zu dessen Füßen er geboren war. Als das nicht glückte, ärgerte er sich über so viel Schwerfälligkeit und meinte, er könnte nur wiederholen, was er schon oft gesagt habe, der Bub sei halt dumm. Da geriet der Großvater in Harnisch, auch die Frauen sprachen dagegen, so daß die schönste Schimpferei im Wagen begann, bis der Peppi, der bis jetzt immer aus reiner Lust am Phantasieren gelogen hatte, plötzlich merkte, daß diese lobenswerte Tätigkeit auch eine praktische Seite haben konnte. Von diesem Gesichtspunkte aus sagte er plötzlich, er sehe jetzt den Turm ganz deutlich. »Da . . . da . . . da . . . da . . .!« Er rief das sehr lebhaft, indem er nach einer beliebigen Richtung wies. Seine Reisegefährten aber führten sich auf, als würden sie plötzlich von einem Alp erlöst, der Jahre auf ihnen gelastet hatte. Sie begrüßten die wiedererwachende Klugheit des Buben mit einem lauten Freudenschrei, sie küßten ihn, als ob er ein großes Examen bestanden hätte, sie klopften ihn ab, bis kurze Zeit darauf die Türe des Wagens geöffnet wurde und die Insassen sich bocksteif ins Freie wanden.

War somit die ganze Fahrt schon höchst sonderbar gewesen, der Eintritt in die jetzt sich darbietende neue Welt sollte den Buben noch mehr verblüffen. Gleich beim Aussteigen fuhr ihm der ungewohnte Geruch von Kühen, Ochsen und Pferden in die Nase, wie er ihn nur einmal bei dem verwegenen Ritte des Papas auf freiem Felde empfunden hatte. Und wie die Tiere, die Häuser, so rochen die sonderbaren, die plump gekleideten Menschen, die in derbledernen Kanonenstiefeln einhertappten, silberne Knöpfe an den Westen trugen und ihm jetzt der Reihe nach kreuzweis die Hand gaben. Ein langer, seltsamer Zug! Erst wälzte er sich zur Kirche, einem kleinen, elenden Gebäude, in dem es nach Tabak und Stiefelwichse roch, dann ging er ins Wirtshaus, in einen großen, mit Papierblumen geschmückten Saal. Dort spielte eine Musikbande auf einem Podium eine abgehackte Melodie nach der andern, dann hielt ein närrisch gekleideter Kerl, der fast dem Kasperl ein bißchen ähnlich sah, unter allgemeinem Gelächter eine Rede,

wobei er einen buntbebänderten Stab schwang. Und zu alledem wurde gegessen, immer wieder gegessen. Ein übler Dunst von gebratenem und gesottenem Fleisch machte sich geltend. Der wuchs im Bunde mit dem stärker zunehmenden, blauen Zigarrenrauch zu einer solchen Wolke, daß dem Peppi fast übel wurde. Es tanzten nicht nur die Paare vor seinen Augen, sondern die Decke und der Lüster mit den Talglichtern, ja, er vermochte kaum mehr von einem Ende des Saales zum andern zu blinzeln. Sein Befremden, seine Ernüchterung waren grenzenlos, aber er hoffte, während er so eingekeilt zwischen Landleuten, Kellnerinnen und Verwandten saß, immer noch auf den Prinzen Rosenrot und die Prinzessin Lilienweiß. Wo sie nur blieben, fragte er die Mutter. Die drehte sich erstaunt zu ihm. Nun ja, das Brautpaar, forschte er weiter. Ein schallendes Gelächter belohnte diese neue, unfaßbare Dummheit. Da war also wirklich einer, der schon fünf Stunden mitfeierte, ohne zu wissen, wo Hochzeiter und Hochzeiterin saßen . Eilig führte man ihn zu einem untersetzten Bauern in braunem Rock mit dem Rosmarinzweig. Das sei der Ehemann, und die neben ihm in dem schwarzseidenen Gewand und dem Kranz auf dem Kopfe, das sei die junge Frau. Übrigens müsse der Peppi das doch wissen. denn der Vetter Alois sei doch der gewesen, der den Wagenschlag aufgerissen und ihm zuerst die Hand gegeben habe.

Der so Zurechtgewiesene hörte auf nichts mehr. Er sah mit offenem Munde bald auf den einen des häßlichen Paares, bald auf die andere. Plötzlich aber fing er fürchterlich zu heulen an, ja, er mußte sich obendrein regelrecht übergeben. Mitten in den Saal hinein, mitten unter die Tanzenden, daß es nur so niederpatschte auf den glattgefegten Boden. Die Mutter schrie auf, die ganze Verwandtschaft stürzte herbei, und die Großmutter meinte, sie kenne das schon, das komme von dem vielen Schweinernen. Überhaupt sei es ein Blödsinn gewesen, den Buben mitzunehmen. Der Peppi erwiderte nichts mehr, sondern fiel sofort in einen tiefen Schlaf. Als er auf einen Augenblick erwachte, glaubte er sich wieder bei schwarzer Nacht im eiskalten Wagen zu finden. Doch das ging schnell vorbei. Am nächsten Tag, als er, vom Schulbesuch befreit, noch zu Mittag still im Bette lag, kam er langsam wieder zu sich. Und nun bedachte er, während er auf das gemalte Medaillon der Decke starrte, während er ab und zu die dargebotene Medizin schluckte oder vorsichtig ins Nebenzimmer schielte, wo der Stein der geheimnisvollen Dose hinter Spiegelglas prangte, den grellen Unterschied zwischen Märchen und krachledernen Hosen, dessen betrübende Wirkung sein ganzes Leben ausfüllen sollte.

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