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Das Erdbeeri Mareili

Jeremias Gotthelf: Das Erdbeeri Mareili - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzhlungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMnchen
isbn3-538-05090-2
titleDas Erdbeeri Mareili
pages192-237
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1850
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Jeremias Gotthelf

Das Erdbeeri Mareili

Erzählung (1850)

Peter Hasebohne, Hase-Peter genannt, war noch nicht lange in der Gemeinde Holderberg und schon Gerichtsäß geworden. Er hielt sehr viel darauf, und eher hätte der Sonntag gefehlt als Peter Hasebohne in der Kirche. Damals hielt man dafür, und jetzt noch täte man wohl daran, der, dem seine Nachbarn ein Ehrenamt anvertrauten, der sei vor aller Welt als Ehrenmann gestempelt und besiegelt. Je höher man das Geld schätzt, desto geringer schätzt man die Ehre, vide Exempel an Völkern und Menschen! Je gieriger man nach bezahlten Ämtern jagt, desto geringer schätzt man und desto mehr verlacht man Ehrenämter, und wer einen wohlbezahlten Posten kriegt, wird siebenmal hochmütiger als früher ein Ehrenmann bei seinem Ehrenamt. Ein Gerichtsäß mußte in seinem Bezirke versiegeln, wo nämlich etwas zu versiegeln war.

Eines Morgens ward Peter Hasenbohne in den Tschaggeneigraben gerufen. Das Erdbeeri Mareili sei gestorben, er müsse versiegeln, so lautete die Botschaft. Im Tschaggeneigraben war er noch nie gewesen; vom Erdbeeri Mareili hatte er wohl so im Vorbeigehen gehört, kannte aber weder dessen Umstände noch dessen Person. Die Versäumnis kam ihm ungelegen, er brummte, was es sich nötig hätte, bei solchen Personen zu versiegeln. Indessen Peter Hasebohne ging; denn er war ein Mann, der sein Amt zu hoch hielt, um dessen Pflichten zu versäumen. Er machte zwar keine Gesetze, alle Tage andere nach Laune und Vorteil, und hielt keine, er bürdete nicht unerträgliche Lasten auf, die er selbst mit keinem Finger berührte, aber die Gesetze, welche für ihn gemacht waren, und auf die er beeidigt war, hielt er, denn er war ein Ehrenmann und ein Christ. Peter Hasebohne wußte nichts von »Gesetze hin, Gesetze her, Reglemente hin, Reglemente her!«, er trieb nicht Schindluder mit Eid und Gewissen.

Das Erdbeeri Mareili wohnte an einem wüsten Orte im Tschaggeneigraben z'hinterst, wo Füchse und Hasen einander gute Nacht sagen, lauter Weid und Wald, kaum ein eben Plätzchen einer Hand groß. Als der wohlachtbare Gerichtsäß hinkam, fand er zu seiner großen Verwunderung keine strube, verwahrloste Hütte, sondern eine wohlerhaltene mit ganzen Fenstern, ganzem Dach, und sauber wars darum herum. Das Stübchen glich auch keinem Stall, manche Bäurin hätte ein Exempel daran nehmen können von wegen der Reinlichkeit. Nachbarsleute waren da wie üblich, ein schlankes Mädchen weinte sehr. Zwei wohlgepflegte Katzen strichen demselben knurrend und tröstend um die Beine, und im Bette lag das tote Erdbeeri Mareili bereits eingenäht. Es schien, als schliefe es nur, so friedlich lag es im saubern Bette. Im ganzen Stübchen sah es nicht armütig aus. In einer Kommode und einem großen Schranke, welche zu versiegeln waren, fanden sich schöne Kleider, reichliches Leinzeug, Schmucksachen, Schriften und Geld in allen Ecken, in alten Strümpfen unter schmutziger Wäsche usw. Der Gerichtsäß schüttelte bedenklich das Haupt über den Reichtum in diesem abgelegenen Häuschen. Da werde versiegeln nicht viel helfen, wenn niemand da sei als das Meitschi und jemand stehlen wolle. »Häb nit Kummer, Gerichtsäß!« sagte eine alte Frau. »Öppe alleine wird man das Meitschi nicht lassen, daneben wäre es das erstemal, daß hier gestohlen würde, das ist hie nicht wie in den Dörfern draußen, wo kein Nachbar dem andern seine Sache ruhig lassen kann und ein Strolch am andern hanget. Hieher kommen diese nicht, hier gibts für sie nichts zu schnausen. Aber wenn du den Todesfall beim Pfarrer angeben und das Grab bestellen wolltest, so wäre das uns anständig, es hat niemand Zeit, das zu verrichten, und dir geht es im gleichen Gang zu. Sag dem Pfarrer nur, es sei das Erdbeeri Mareili; er kennt es gut und weiß dann das andere schon.«

Der Grichtsäß übernahm den Auftrag, und als er ihn ausrichtete, betrübte er den Pfarrer sehr. »Tot das Erdbeeri Mareili«, sagte er, »und ich wußte nicht einmal, daß es krank war. Wieder ein Mensch weniger auf der Welt, der mir lieb war wegen seinem Gemüte.« Der Gerichtsäß berichtete, daß Mareili nicht eigentlich krank gewesen, sondern ausgeloschen sei wie ein Licht und ganz friedlich, als ob es schlafe, in seinem Bette liege. Es müsse eine seltsame Person gewesen sein, er sage aufrichtig, wenn er schon Gerichtsäß sei und just nicht der dümmst, so hätte er doch nicht gesucht, was er gefunden an Kleidern und Kleinodien und sonst alles so gut zweg. Dahinten sei es allweg zu solchen Sachen nicht gekommen, aber daß es mit solchen Sachen zu hinterst im Tschaggeneigraben, wo man selbst eine halbe Geiß sein müsse, um da wohlzuleben, habe wohnen mögen, das dunke ihn kurios. »Daneben hat mancher Mensch einen guten Grund, daß er sich nicht gerne vor den Leuten zeigt und lieber da ist, wo er niemand vor die Augen kommt und vielleicht gar meint, er sei auch unserm Herrgott aus dem Gesicht.«

»Nit, nit, Grichtsäß«, sagte der Pfarrer, »nicht immer das Böste geglaubt und der Nächste gerichtet! Wer vom Erdbeeri Mareili was Böses sagt, versündigt sich, Mareili war besser als Ihr und ich. Ja, Grichtsäß, so ists, und macht nur Augen wie zweizentnerig Käse, es bleibt doch so. Ein schöneres, reineres Gemüt wüßte ich in der ganzen Gemeinde nicht, Euere und meine Frau nicht ausgenommen.«

Wegem Pfarrer, daß Erdbeeri Mareili besser sein sollte dagegen hätte Peter Hasenbohne nichts gehabt, aber daß es besser sein sollte als ein Grichtsäß, selb war starker Tubak. Der Pfarrer werde wohl wissen, was er rede, daneben wundere es ihn doch, was so Bsunderbares an der Person gewesen sei, daß es keine solche mehr geben solle wie die, sagte Peter Hasebohne. »Ja, mein lieber Gerichtsäß«, sagte der Pfarrer, »das war nicht so eins von denen, wie die Welt sie bald rühmt, bald richtet. Sein Leben war kein äußeres, welches in die Augen fiel, es prangte nicht mit Hoffart, verrichtete keine Heldentaten, weder mit dem Spieß, noch mit der Zunge; sein Leben war ein inneres, sein Wesen war gering vor der Welt, und auf solche Wesen versteht die Welt sich nicht.«

Das werde sein, sagte Grichtsäß Hasebohne. Er habe schon mehr als sieben Jahre in der Gemeinde gewohnt und vom Erdbeeri Mareili nichts Apartes gehört. Daneben achte er sich des Geschwätzes der Leute nicht viel, er habe Besseres zu tun, als allem abzulosen. »Und hättet Ihr Euch auch dessen geachtet, Ihr hättet nicht viel gehört. Mareili war seit langem nicht mehr in den Mäulern der Menschen, und doch, wenns nicht mehr ist, werden viele es vermissen, viele nach ihm fragen.«

Es nehme ihn doch jetzt dann bald wunder, was Merkwürdiges an der Person gewesen, sagte Peter. Den Kleidern an hätte er wohl gesehen, daß die einmal gute Zeiten müsse gehabt haben. Es wäre ihm anständig, wenn der Pfarrer Zeit nehmen wollte und es ihm verzählen. »Warum nicht!« sagte der Pfarrer, »es hat es wohl verdient, daß man ihm zu Ehren eine Stunde verbraucht, man braucht hundert unnützer. Da, Grichtsäß, ist Tabak, stopft eine Pfeife, von wegen so was muß mit Verstand erzählt und angehört werden. Frau, bring eine Flasche vom Bessern, Merliger Siebenundvierziger!«

Als alles eingerichtet war, um mit Behagen zu erzählen und zu hören, und die Frau Pfarrerin die Erlaubnis erhalten hatte, dazubleiben, weil keine geheime Verhandlungen obschwebten, und ihre Lismete in Gang gesetzt war, erzählte der Pfarrer, was folgt.

»Vor vielen Jahren, ehe Ihr und ich von Holderberg etwas wußten, kam Mareilis Mutter hieher in den Tschaggeneigraben. Sie hatte mit ihrem Mann in Bern gelebt, wo derselbe einen schönen Verdienst hatte; beide ließen sich wohlsein dabei. Da starb der Mann, eben weil er, wie man sagt, sich zu wohl sein ließ. Der Verdienst blieb dahinten, für die Zukunft war nicht nur nicht gesorgt, sondern auf die Zukunft hin verzehrt, was einen beträchtlichen Unterschied ausmacht. Was da war, nahmen die Gläubiger bis an die Kinder. Mit diesen wußte die Mutter in der Stadt nichts anzufangen und kam mit ihnen der Gemeinde zu. Sie war eine gute Frau, gönnte andern, was sie hatten, arbeitete, was man ihr in die Hand gab, aber unternehmend, angreiflich war sie nicht, hatte nicht besondere Einfälle, und hätte sie deren auch gehabt, so hätte sie doch nicht gewußt, wie dieselben ins Werk setzen. So hatte sie, als der Mann in Bern vollauf verdiente, in Bern eben nur gelebt und nicht geschafft. Sie hatte daher keinen Verdienst, der ihr blieb, stund mit niemand in Arbeitsverkehr, hatte daher keine Leute, welche Vertrauen in sie setzten, Erbarmen mit ihr hatten; sie konnte nicht mehr in der Stadt leben, sie mußte heim aufs Land. So geht es noch vielen Leuten, welche an einem Orte eben nur leben, durch keine bestimmte Tätigkeit einwurzeln; kommt ein Windstoß, bläst er sie fort.

Als die arme Witwe mit ihren Armseligkeiten in den Tschaggeneigraben kam, war es Frühling. Die Gemeinde hatte ihr für das erste Jahr den Hauszins versprochen und erklärt: ›Dernebe mußt du luege, wie du dKing und dih dürebringst, das ist dy Sach!‹ Das waren harte Worte, gaben der Frau zu denken, machten ihr das Herz schwer; sie hatte guten Willen, nur wußte sie nicht recht, was mit machen. Sie begriff, daß sie im Tschaggeneigraben nicht bloß leben konnte, daß sie, um zu leben, erst etwas vornehmen müßte. Was, das ist eine strenge Frage, wenn davon das Dasein abhängt, und besonders, wenn sie zum erstenmal jemand gestellt wird.

Und hat man auch endlich das Was ersonnen, kommt erst noch das Wie und am Ende noch die Hauptsache, die Energie und das standhafte Ausharren, was so wenigen gegeben ist. Die gute Frau sann manch lieben, langen Tag und ersann nicht viel. Sie pflanzte, wie auf dem Lande es üblich ist. Sie konnte dieses noch von ihrer Jugend her, doch gings mühsam. Das Land zum Pflanzen gaben gute Leute unentgeltlich, aber begreiflich nicht besser, als mans im Tschaggeneigraben hat. Aber Verdienst und Geld fürs übrige hatte sie damit doch nicht.

Zufällig kamen die Nachbarn darüber, daß die Frau recht gut lismen, nähen, ja sogar selbst zuschneiden konnte und zwar manches nach einem unerhört guten Schnitt. Damals war dies ein Fund. Damals hatte man freilich viel weniger zu lismen und zu nähen als jetzt, damals liefen sogar Grichtsäße noch barfuß, damals ließ man noch nicht ändern, wenn man eine Sache zweimal angehabt, und hatten die Töchter und Mägde nicht Zeug an den Kleidern, welches weder Sonne noch Mond noch Sterne ertragen mochte. Aber damals waren Näherinnen und Lismerinnen rar, man mußte sie aus dem Solothurner- oder Länderbiet kommen lassen. Damals waren die Näherinnen noch nicht so hageldick wie Nesseln in den Hägen und Steine auf dem Emmengrund. Damals war noch kein Drang darnach, am Schatten bleich zu werden und in Schnürleibern zu ermagern, um schön und vornehm zu scheinen; damals stund ein rotbackig Mensch noch höher im Kurs als eine bleiche Gränne. Damals war die Freiheit, ohne Zucht von Meister und Meisterfrau in einem eigenen Stübchen zu wohnen, wo man aus- und eingehen und ein- und auslassen konnte, wann und wen man wollte, noch nicht so geschätzt wie jetzt.

Sie verdiente damit Geld, wenig zwar, denn die Leute schätzten das Geld höher als die Arbeit, dafür gaben sie dann aber auch ihre Produkte wohlfeil ab. Sie verdiente aber nicht bloß Geld mit der Arbeit, sondern auch die Teilnahme der Menschen, sie ward ein lebendig Glied in der Kette der Bewohner, sie lebte nicht bloß im Tschaggeneigraben, sondern sie gehörte dazu und tat was darin.

Sie führte indessen doch ein kümmerlich Leben, so recht abteilen konnte sie nicht, wußte daher oft von einem Tag zum andern nicht, was essen. Die Nachbarn, welche ihr die verdienten Kreuzer nachrechneten und sie durch ein Vergrößerungsglas ansahen, konnten das nicht begreifen, meinten, sie sollte ein Herrenleben führen können. Die guten Leute haben in der Regel für sich und andere eine ganz andere Rechnungsweise, sie legen ein Maß an andere, über welches sie gen Himmel schreien würden, wenn andere es an sie legen wollten. Wenn sie einmal klagte, so sagte man ihr: ›Ei mein Gott, was, soviel Geld verdienen und es nicht machen können! Es gibt Leute, welche es mit dem zehnten machen müssen und doch meinen, wie gut sie es hätten.‹ Die gute Frau führte ein schwermütig Leben, seufzte oft, weinte viel, aber erzeigte es daher vor den Leuten so wenig als möglich.

Einmal, an einem schönen Sonntag nach Johanni wars, baten und schmeichelten die Kinder nach dem Mittagessen, bis sie mit ihnen in die Wildnis wanderte, hinauf in Wald und Weid. Erdbeeren hatten sie bei andern Kindern gesehen, nach solchen verlangten ihre Herzchen, die Mutter sollte ihnen welche suchen helfen. Sie gingen lange, lange durch den Wald, Schattseite dem Graben entlang, und auch nicht ein Erdbeeri fanden sie, und traurig wandten sie sich um, auf der andern Seite heimzugehen, Sonnseite. Kaum hatten sie einige Schritte getan, so zupfte das kleine Mareili, das jüngste ihrer drei Kinder, welches der Mutter an der Schütze hing, dieselbe heftig und rief: ›Mutter, Mutter, lue, warum ists dort so rot?‹ Und siehe, es war ein großer Fleck voll reifer Erdbeeren an der sonnigen Halde. Sie hatten in der Stadt gelebt und nicht daran gedacht, daß man die ersten Sonnseite, die letzten im Herbst Schattseite suchen muß. Da war ein Jubel! Sie fanden mehr, als sie aßen, großen Vorrat nahmen sie noch heim.

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