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Das Erbe der Uraniden

Hans Dominik: Das Erbe der Uraniden - Kapitel 1
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typefiction
authorHans Dominik
titleDas Erbe der Uraniden
publisherVerlag Scherl Berlin
printrun41. bis 50. Tausend
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correctorreuters@abc.de
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Hans Dominik

Das Erbe der Uraniden

Roman

 

Verlag Scherl
Berlin

Zuerst erschienen: 1935

41. bis 50. Tausend

 

Seit den ersten Morgenstunden tobte die Schlacht. Der weite Luftraum zwischen den Vogesen und der Ebene von Chalons erfüllt von den Schwärmen der kämpfenden Geschwader.

Der Angriff der roten Sowjetkräfte stockte. Alles, was sich von der zertrümmerten deutschen Luftmacht hierhergerettet, die auch schon stark verbrauchten englischen und französischen Luftstreitkräfte ... noch einmal zusammengerafft, boten sie dem überlegenen Feind die Stirn.

Das Riesenschiff des russischen Oberbefehlshabers stand, umgeben von einigen Reservegeschwadern, über der Rheinebene. Nur noch nach Stunden berechnete man hier den Widerstand der letzten weißen Kräfte. Die Nachrichten von der Südfront gegen Italien, von der Nordfront gegen Skandinavien meldeten nur unbedeutende Kampfhandlungen.

Die vierte Nachmittagsstunde brach an. Die Kämpfe hatten sich immer mehr auf die Gegend um Chalons konzentriert. Eine Meldung: »Ein Geschwader der Sowjetflotte auf der linken Flanke vernichtet!«

Der Höchstkommandierende las mit Erstaunen die Depesche ... Ein ganzes Geschwader seines linken Flügels plötzlich vernichtet!? ... Sollten es spanische Reserven sein, die da eingegriffen? Nach seiner Berechnung konnten sie noch nicht da sein.

Neue Depeschen ... der Kampf wogte überall verlustreich weiter, doch es war aus den Berichten zu ersehen, daß die Sowjetkräfte wieder im Vorrücken waren.

Eine neue Meldung ... der linke Flügel stark geschwächt! Mehrere Geschwader kampfunfähig!

Der Höchstkommandierende sprang auf. »Was geht da vor?« schrie er den nächststehenden Adjutanten an. »Woher diese starken weißen Kräfte? Fordern Sie sofort näheren Bericht!«

Der kam: Keine Verstärkung der Weißen, aber sie kämpfen plötzlich mit großem Glück ... keine Erklärung dafür ... Bitte um sofortigen Einsatz von Verstärkungen. Kann die übrigen Teile der Front nicht weiter schwächen.

Aus der Antenne des Riesenschiffes spritzte der Befehl des Höchstkommandierenden durch den Äther:

Die Reserven nach vorn! Je fünf Geschwader von der italienischen und skandinavischen Front hierher zu mir!

Wie ein Schwarm hungriger Raben schossen die roten Geschwader in der Richtung der Kampffront los. Es waren die besten der Sowjetflotte. Mit Ungeduld erwartete der Höchstkommandierende die Meldung von ihrem Eingreifen.

Währenddes suchte er mit dem Fernglas den östlichen Horizont ab, von wo die geforderten Verstärkungen kommen mußten. Sie mußten in Kürze eintreffen. Die vorgeschickten Reservegeschwader ... jetzt mußten sie schon an der Front sein, ihre blutigen Krallen in die feindlichen Leiber schlagen. Jeden Moment mußte eine Meldung von ihnen kommen. Die Meldung kam:

Sie waren da – – – und vernichtet!

»Vernichtet?!« Er schrie es, der eiserne, blutige Sowjetadmiral. Die Depesche zerfetzte in seinen Händen. Er taumelte.

Die! ... Die! ... Vernichtet! Seine besten, stärksten Geschwader ... Von auserwählten Führern befehligt, aufs beste ausgerüstet ... die vernichtet?!

Minutenlang stand er schwer atmend, die Faust geballt, die Augen stier ins Weite gerichtet. Da, neue Meldung:

Der linke Flügel zurückgedrängt! Nur mit Mühe halten sich noch die anderen Teile der Front. Neue Verstärkungen unbedingt erforderlich!

Der Admiral las es ... Verstärkungen will der? ... Woher nehmen?

Ein Adjutant trat neben ihn. »Die angeforderten Kräfte der Süd- und Nordfront sind im Anflug. Die Südgeschwader schon sichtbar.«

Der Kommandierende raffte sich zusammen. Auf sein graues Gesicht schien die Ruhe zurückzukehren. Nur ein leises Funkeln der Augen verriet die Erregung in ihm. Er öffnete die Lippen, wollte einen Befehl geben ... die schlossen sich wieder.

Der Entschluß ... nicht leicht schien er ihm zu werden – – – Dann – – – Es mußte sein! Alles stand auf dem Spiel. Der Teufel schien denen drüben zur Seite zu stehen.

»Alle Kräfte der Süd- und Nordfront gegen Paris!«

»Alle?« Eine leise fragende Stimme aus der Umgebung.

»Alle!« Seine Blicke flogen düster drohend über den Kreis. – – –

»Die ersten Geschwader von der Süd- und Nordfront werden in wenigen Minuten zur Stelle sein«, meldete ein Offizier.

Der Admiral nickte. »Sie sollen uns folgen! Wir fliegen voran.«

Zehn Geschwader, an ihrer Spitze das Führerschiff, stießen in rasendem Flug auf die Front im Westen. – – –

Die kam in Sicht ...

Die Augen des Admirals blitzten auf. Die Flügel der Nase, die wie der Schnabel eines Geiers im Gesicht stand, bebten in verhaltener Kampfeslust ... bebten, als röchen sie schon Blut und Brand.

Da! ... Schon konnte man die Linien erkennen ... Da wogten die Geschwader in wildem Kampf. Jetzt die einen in höchsten Höhen ... den Gegner zu überfliegen, ihm aus den Kielgeschützen volle Ladungen auf den Leib zu schmettern ... Jetzt andere, wie im Spiel sich gegenseitig überholend, dabei Breitseiten feuernd ...

Schon vernahm man den Ruf menschlicher Stimmen ... Stimmen? ... Wie das Gebrüll rasender Tiere klang es, stürzte ein besiegter Gegner brennend in die Tiefe. – – –

Die weite Front, schmal war sie auf beiden Seiten geworden. Reste nur noch der langen Linien, die am Morgen in den Kampf getreten.

Steil gestaffelt übereinander kämpfende Geschwader beider Gegner. Hier einer in höchsten Höhen, soweit die Propeller die Schiffe trieben ... hier einer ... beinahe, daß die Schwingen den Boden streiften. Die Kräfte fast gleich. Deutlich konnte man vom Führerschiff Freund und Feind unterscheiden.

Ha! Jetzt mit neuen zehn Geschwadern eingegriffen ... der Sieg war sicher!

Kommandos. Voran das Führerschiff, bogen die Geschwader nach Süden um. Hier schien der Feind am stärksten, schien er seine letzte Kraft eingesetzt zu haben.

Das Schiff des Admirals schlug eine Volte, die Front seiner Geschwader freizumachen, stand gleich darauf beobachtend über der Mitte der Front. Jetzt stießen die Verstärkungen auf den schwachen Flankenschutz zu. Der floh nicht. Harrte aus. – – –

Einen Augenblick später keine Spur mehr von ihm zu sehen als ein paar leuchtende Trümmer, die unten am Boden schwelten.

In das Knattern der Maschinengewehre, das Donnern der Geschütze mischte sich Jubelruf der roten Sieger. In rasendem Flug ging's weiter auf die jetzt ungedeckten Flanken der Weißen zu.

Sekunden! ... Dann würden sie einbrechen, die überrennen ... Tod und Vernichtung bringend. – – –

Ein kurzes Aufblitzen an den Schiffsrümpfen der vordersten Sowjetgeschwader ... dann riesige Stichflammen. Die Schisse neigten sich, als suchten sie den Boden ... Dann ein Krachen, das sekundenlang das Kampfgetöse übertönte. In alle Winde verstreut die Trümmer ...

Als wäre nichts geschehen ... die nächsten roten Geschwader ... schon waren die ran. Zu einem breiten Fächer entfaltet, den linken Flügel weit vorgebogen, trafen sie den Gegner.

Aus tausend Rohren sprühte ihr verderbenbringendes Feuer – – – Wie lange konnte es dauern? Mit heldenmütiger Todesverachtung nahmen die Weißen den Kampf auf – – –

Ein furchtbares Ringen! ... Die Reihen der weißen Geschwader dezimiert ... immer wieder schlossen sie sich zusammen, hielten stand – – – Die Weißen kämpften mit unerhörtem Glück. Der rote Angriff kam zum Stehen –

Mit Entsetzen hatte der rote Führer, der hinter dem Zentrum der Front hielt, die neue Niederlage seines linken Flügels angesehen. Unerklärlich, unfaßbar! Brachten die Weißen da neue, unbekannte Kampfmittel zur Anwendung?

Als wären die Kämpfer von dem stundenlangen Ringen ermattet ... der Kampflärm wurde schwächer. Wie auf Verabredung zogen sich die Schiffe aus dem Kampfgewühl – ordneten sich zu neuen Formationen – bereiteten sich zur letzten Entscheidung vor. –

Der rote Admiral verfolgte die Bewegung mit stiller Befriedigung. Zehn Minuten noch, dann mußten sie ran sein, seine letzten Reserven aus dem Osten. Dorthin gewandt, suchte er mit dem Feldstecher den Horizont ab. – Von den Vogesen her ein graues Gewölk – – – Ein Jubelruf entrang sich der Brust des roten Führers ... Aber auch die Weißen hatten das Herannahen der roten Verstärkung erspäht. Auf ein Kommando ihres Führers hin warfen sie sich gleichzeitig mit ungeheurer Wut auf den Feind. Die Entscheidung mußte fallen, bevor die rote Hilfe heran war.

Ein grauenhaftes Gemetzel. Die beiden Gegner kämpften mit verzweifelter Energie. Wußte doch jeder, daß dieser Kampf die Entscheidung bringen mußte über die Zukunft Europas – vielleicht der Welt – – –

Da! Der linke rote Flügel wich. Fast unmittelbar hintereinander waren zwei volle Geschwader brennend zu Boden gestürzt ... ein drittes ... wo wollte es hin? Seine Front gewandt, als wollte es fliehen ... das rote Admiralschiff stieß dorthin, in den Kampf einzugreifen. Erreichte es, stürzte mit ihm zerschmettert ab. –

Die Schlacht war entschieden. Die rote linke Flanke entblößt, wurde von den weißen Kräften umklammert, überflügelt ... Immer weiter stießen die weißen Kräfte nach Norden vor. Jetzt ... waren sie im Rücken der roten Linie. Die zog sich immer enger zusammen, wehrte sich mit wütenden Stößen wie ein eingekreister Löwe gegen die blitzenden Speere der Jäger.

Die roten Reserven ... jetzt kamen sie ... zu spät! Noch gerade recht, den Untergang der Freunde zu schauen. Zu Haufen stürzten die Reste der roten Flotte brennend, explodierend zur Erde. – – –

»Zurück!« Das Kommando des Führers der roten Reserven. In scharfen Kurven wendeten die Geschwader nach Osten ... flohen ... flohen, verfolgt von den Siegern.

Stark geschwächt erreichten sie die Rheinlinie. Auch die Zahl der Verfolger, ermüdet von den stundenlangen Kämpfen, war kleiner geworden.

Der Rhein war überflogen. Unter ihnen lagen die weiten Trümmerfelder der Industriegebiete.

Da über dem Helweg weiße Kräfte, die, von Norden gekommen, sich ihnen entgegenwarfen. Nur schwach der Widerstand der fliehenden roten Geschwader. Entmutigt sanken sie unter den Flammengarben der Feinde dahin.

Drei Schiffe nur – – – drei Raben, die die Kunde nach Kiew brachten: Die Schlacht über der Katalaunischen Ebene verloren. Die große Sowjetarmada vernichtet.

*

Es war am Tage vor der großen Schlacht. Der Abend dämmerte bereits über den Ufern des Bosporus. Eine elegante Reisejacht stieß vom Flughafen in Pera ab. Zwei Insassen in der Kabine.

»Ich denke, wir werden morgen früh den Atlantik erreicht haben, Señor Canning. Ihre Jacht hat ja stärkste Maschinen. Wäre mein Auftrag nicht so eilig, ich wäre gern damit einverstanden, den Umweg über Europa und die Vereinigten Staaten zu machen. Wir würden dann vielleicht Zeugen der Kämpfe in Frankreich werden.«

»Hm! ... Ja! ... Herr Baron ... Pardon, Genosse Awaloff. Ich vergaß, daß Sie mit Ihrer Bekehrung zum Sowjet den Baron ablegten. Ich muß sagen, den Kämpfen da drüben als Schlachtenbummler beizuwohnen, hätte auch für mich einen großen Reiz. Zweifellos ein Schauspiel ohnegleichen, mitanzusehen, wie sich die größten Luftflotten der Welt mit den fürchterlichsten Waffen, die je ein Menschengehirn erfand, zerfleischen ... vernichten.«

Der Sprecher machte eine Pause ... »Ihr Auftrag verlangte größte Eile, wenngleich ich die Gründe nicht recht einsehen kann. Die Entscheidung in diesem Weltkampf zwischen den Bolkewiken und ...« Er machte eine neue Pause, suchte nach einem Wort ...

»Vollenden Sie nur, Señor Canning ... ›und dem Kapitalismus‹. Dies Wort fällt Ihnen als einem Musterexemplar dieser Gattung wohl etwas schwer?«

»Sie überschätzen meinen Besitz, mein lieber Awaloff.«

»Ich glaube nicht, Señor Canning. Ich bewundere Ihr Finanzgenie. Sie haben die Sowjetrubel in Südamerika recht fruchtbar angelegt. Ihre Besitzungen haben einen achtbaren Umfang.«

»Verwechseln Sie Quantität nicht mit Qualität, mein lieber Awaloff; Doch lassen wir das. Ich will Ihnen nicht widersprechen, wenn Sie in mir einen Kapitalisten sehen ...«

»Einen Kapitalisten, der trotz seiner Reichtümer ein überzeugter Sowjetmann ist.« Awaloff gab sich keine Mühe, die Ironie, die in seinen Worten lag, zu verbergen ... Er unterdrückte ein leichtes Gähnen. »Wie wäre es, wenn wir uns zur Ruhe legten?«

»Wie Sie wünschen, Awaloff.«

Robert Canning stieß die Tür zu einem Kabinett auf, in dem zwei Bettkojen hergerichtet waren. »Sie machen wohl den Anfang, ich will noch mit dem Chefpiloten sprechen.«

Als Canning wieder in das Kabinett trat, lag sein Begleiter anscheinend schon in tiefem Schlaf. –

Der Morgen graute. Der Russe sprang auf, wollte seinen Schlafgenossen wecken. Dessen Lager war leer. Awaloff kleidete sich an und trat in den Salon. Gerade, als Canning aus dem Pilotenraum ebendorthin kam.

»Ein bedauerlicher Zufall, Herr Awaloff. Wir sind in der Nacht in die Irre gefahren. Ein Fehler am Kompaß ließ den Piloten den richtigen Weg verfehlen.«

»Und wo befinden wir uns?«

Canning deutete mit der Hand nach unten, »Über den Rhonebergen, wie wir mit Hilfe der Karte festgestellt haben. Doch sind wir im Besitz eines Reservekompasses. Die Fahrt wird von jetzt an ungestört vonstatten gehen.«

»Ah! Der Kompaß! ... Der Kompaß ist der Schuldige? ... Schlechtes Fabrikat wahrscheinlich ... Der Fabrikant ... zürnen wir ihm nicht. Vielleicht ... wer weiß? ... werden wir ihm später noch dankbar sein.«

Er begleitete seine Worte mit einem unverhohlenen Lachen. Canning stutzte einen Augenblick, dann stimmte er ein.

»Ich konstatiere mit Vergnügen, Herr Awaloff, daß wir uns verstehen ... und ich hoffe auf Ihre Zustimmung, wenn ich vorschlage, nun auch den weiteren kleinen Umweg nicht zu scheuen und –«

»Richtung Paris nehmen«, vollendete Awaloff. »Wenn ich recht unterrichtet bin, steht ein Kampftag erster Ordnung bevor. Wir werden sehen und lernen.« –

Und dann hatten sie die Jacht höher emporgetrieben, waren nach Norden weitergeflogen, bis ihre scharfen Gläser die ersten Anzeichen des Kampfes faßten. Soweit die Propeller das Flugzeug treiben konnten, schraubten sie sich jetzt in die Höhe.

Schräg unter ihnen das Toben der Riesenschlacht. Mit Grauen, Entsetzen verfolgten sie jede Phase des Kampfes. Mit fiebernden Pulsen sahen sie die Schale des Sieges sich bald hierin, bald dorthin neigen. Hätte die Schlacht tagelang gedauert, sie wären nicht von der Stelle gewichen. –

Die letzten roten Kämpfer flohen mit zerzausten Schwingen nach Osten ... Da brach der Bann. Die Gläser sanken von den Augen. Sie starrten sich an, als hätten sie die grausigen Bilder der Danteschen Höllenfahrt geschaut. Keiner vermochte die Lippen zu einem Wort zu öffnen ... minutenlang ... Nur langsam wich die Lähmung, die ihre Sinne gefangen ...

»Nach Süden!« schrie die heisere Stimme Cannings in das Sprachrohr.

»Nach Westen!« korrigierte Awaloff den Befehl.

Canning blickte ihn erstaunt an.

»Nach Westen? ... Warum das?«

»Weil auch in den Staaten da drüben die Entscheidung fällig ist. Ein roter Sieg dort dürfte vieles wiedergutmachen.«

»Richtig, Awaloff!«

Schon dehnte sich im stumpfen Grau des Abenddämmerns die endlose Fläche des Atlantik unter ihnen. Da brachte der Empfangsapparat bereits die ersten Depeschen aus den Staaten: Siege der Weißen! Die Nachrichten häuften sich in den nächsten Stunden. Immer neue Siegesberichte der Weißen. –

In dem trügerischen Zwielicht glaubten sie manchmal große dunkle Schatten vorüberhuschen zu sehen ... Fliehende Sowjetgeschwader? ...

Auf der Höhe des Atlantik trafen sie die Nachrichten von der völligen Niederlage der roten Kräfte ...

Jetzt war's entschieden! ... Mochten dort hinten in den gelben Reichen ... da unten im lateinischen Amerika die Kämpfe ausgehen, wie sie wollten, der Sieg der Weißen in den Staaten entschied das Schicksal.

Der kühne Versuch der russischen Sowjets, mit den neuen Waffen eine Weltrevolution durchzuführen, die rote Fahne des Bolschewismus in allen Teilen der Welt zu hissen, war gescheitert ...

Die beiden in der Kabine saßen sich gegenüber ... saßen lange so in nachdenklichem Schweigen. – Awaloff war's, der die Stille brach.

»Was nun? – Meine Aufträge für Südamerika dürften bedeutungslos sein ...« Er schnippte die Asche von seiner Zigarette.

»Wünschen Sie, daß ich Sie irgendwo absetze, damit Sie nach Rußland zurückkehren können zu Ihren Freunden ...?«

Awaloff schüttelte lächelnd den Kopf. »Freundschaft?« ... Er blies einen Rauchring von sich ... Der zerflatterte. »... Nein, mein lieber Canning, wer weiß, was sich in Rußland in nächster Zeit abspielen wird. Ich habe vorläufig keinen anderen Wunsch, als mit Ihnen nach Südamerika weiterzufliegen ... Meine Beziehungen zu den Sowjets bitte ich in Anbetracht der veränderten Umstände zurzeit als gelöst zu betrachten.«

»Wie Sie wünschen, Awaloff. Im Laufe des morgigen Tages werden wir die Küste von Venezuela erreicht haben. Sie sagten soeben vorsichtigerweise ›zurzeit‹. Warum das? Hatten Sie da die Möglichkeit ins Auge gefaßt, daß die Niederlage des Bolschewismus nicht endgültig ...«

»Wer kann in die Zukunft schauen? ... Für absehbare Zeit dürfte allerdings die Sache des Bolschewismus hoffnungslos sein. In Rußland steht zweifellos eine neue Restauration bevor. War ich schon den früheren Machthabern der ersten russischen Restauration nicht genehm, so dürfte dies jetzt, nachdem ich zwei Jahre lang Bolschewik war, noch viel weniger der Fall sein.«

»Wie sind Sie eigentlich zu den Bolschewiken gekommen, mein lieber Awaloff?«

Awaloff stand aus, ging ein paarmal nachdenklich auf und ab. Trübe Erinnerungen schienen in ihm aufzuleben.

»So hören Sie denn. Ich will mich kurz fassen. Mein Vater war Offizier in der zaristischen Armee. Ich schlug dieselbe Laufbahn ein, wurde Offizier bei den technischen Truppen. Durch das Testament eines entfernten Verwandten fiel mit ein großer Grundbesitz im Uralgebiet zu. Ich quittierte den Dienst, widmete mich der Bewirtschaftung meines neuen Besitzes, heiratete. Ein Töchterchen entsproß unserer Ehe ... ich war ein glücklicher Mann.

Dann kam das Unglück. Die Besitzung war unter Umgehung näherer Verwandten der Erblasserin auf mich gekommen. Die übergangenen Verwandten hatten mehrfach vergeblich versucht, das Testament anzufechten.

Plötzlich, nach Jahren, traten sie von neuem auf, indem sie sich auf ein angeblich später errichtetes Testament stützten. Es kam zu einem Prozeß ... Für mich war es klar, daß dies spätere Testament eine Fälschung war. Aber ... da kam der vernichtende Schlag, der mich aus heiterem Himmel traf.

Die gerichtlichen Sachverständigen, von der Gegenseite bestochen, erklärten dieses Testament für echt. Das Urteil trieb mich von Haus und Hof ... als Bettler.

Mein geringes persönliches Vermögen war durch die Kosten des Prozesses aufgezehrt. Was tun? Der Boden Rußlands war mir verhaßt. Meine Frau und mein Töchterchen wurden von Verwandten in Turkestan aufgenommen. Ich selbst wandte mich nach Paris, dort irgendwie mein Brot zu verdienen. Meine letzten Mittel gingen zu Ende, ehe ich eine Beschäftigung gefunden. Ich geriet in Not.

Die ins Ausland geflüchteten Sowjets hatten alsbald nach ihrer Vertreibung ein Netz über alle Großstädte der Welt gespannt. Zu einer Zeit, als ich schon tagelang gehungert hatte, glaubte man mich reif für die bolschewikischen Pläne. Man reichte mir die Hand, ich schlug ein.

Ich hatte Gelegenheit, mich in einigen wichtigen Missionen auszuzeichnen ...« Er machte eine leichte Neigung des Kopfes zu Canning ... »Der Erfolg bei der Mission mit Ihrer Person war, wie Sie zugeben müssen, nicht klein. Ihre Aufzeichnungen gaben uns doch die Möglichkeit, unsere Pläne zu verwirklichen.«

»Und jene Aufzeichnungen? ...«

Statt einer Antwort klopfte sich Awaloff auf die rechte Brusttasche. Er beugte sich über seine Teetasse und sah nicht das gefährliche Funkeln in den Augen Cannings. Der fragte jetzt wie teilnahmsvoll:

»Und Ihre Frau ... Ihr Kind ...?«

Awaloff fuhr sich über die Augen, als scheuche er trübe Bilder weg ...

»Sie wissen, Canning, die ersten Kämpfe der Roten begannen da hinten in Turkestan. Unter den unzähligen Opfern ... auch meine Frau ... mein Kind.

Vergeblich habe ich später alles in Bewegung gesetzt, um ihren Verbleib zu erforschen – Tot? – Verschollen? ... Wer weiß es?«

Er trat an das Fenster der Kabine und schaute lange zu dem hellen Sternenhimmel. Nur schwach tönte von unten das Rauschen der Ozeanwogen. Canning schritt langsam in den Gang, der zu dem Maschinenraum führte.

Awaloff ließ sich auf einen Sessel fallen, schloß die Augen – bemerkte nicht, wie sich das Flugschiff allmählich während der Fahrt aus seiner großen Höhe senkte ... das stärkere Rauschen des Weltmeeres hätte es ihm wohl verraten können ... achtete auch nicht auf Canning, der jetzt wieder in die Kabine zurückkehrte, den rechten Arm hinter dem Rücken verborgen. Wie von ungefähr trat er hinter Awaloff. Da zuckte sein rechter Arm plötzlich in die Höhe. Die Faust, die einen Schraubenschlüssel umspannte, fuhr auf den Kopf des Nichtsahnenden hernieder. Der sank lautlos zu Boden.

Canning stand neben ihm, starrte auf den Leblosen.

»Auch ich möchte meine Beziehungen zu den Bolschewiken lösen,« sprach er hohnlächelnd vor sich hin, »du warst das erste und das letzte Band, das mich an sie knüpfte. Es ist zerrissen.« –

Er warf einen scheuen Blick auf die Führerkabine. »Nun zu den Papieren.« Er beugte sich über den Daliegenden, untersuchte sorgfältig seine Taschen ... Nichts. Sein Blick ging zu dem Gepäck Awaloffs. Sollten sie da ... kaum anzunehmen. Er riß die Kleider auf ... Ah, gewiß, so kostbaren Besitz trug man gut versteckt. An einer Schnur um den Hals befestigt ein kleines Paket ... er riß es ab. Mit zitternden Händen entfernte er die Umhüllung ...

Da waren sie, die Zeugen seines Verrats, die Berechnungen. Ah! Und da war ja auch sogar die Quittung über die drei Millionen Rubel, die er als Judaslohn seines Verrats bekommen. Mit zitternden Händen steckte er das umfangreiche Paket in die Brusttasche seines Rockes. –

Und jetzt ... er eilte zu dem Höhenmesser ... 5000 Meter nur noch über dem Meeresspiegel. Mit ein paar Sprüngen war er an der Kabinentür, löste die Sperrung, öffnete das Schloß. Treibende Wolken um das Schiff herum.

Jetzt stand er wieder bei Awaloff. Seine Arme umschlangen den, hoben ihn auf. Die starke, knochige Gestalt des Leblosen war schwer. Nur mit Mühe schleifte er ihn über den Boden zu der offenen Tür. Verharrte einen Augenblick schwer atmend ... Da! ... Der schlug die Augen auf, blickte wirr um sich ... die offene Kabinentür ... Im Bruchteil einer Sekunde war es ihm klar geworden, was der ... Mit letzter Willensanstrengung raffte er alle Kräfte zusammen, hob sich in die Knie ...

Canning ... fassungslos, er hatte Awaloff tot geglaubt ... stutzte einen Moment – dann, mit einem Wutschrei stürzte er sich auf ihn ... In der Todesangst krampfte der seine Finger in den rechten Rockaufschlag seines Gegners. Vergeblich rang Canning mit ihm. Stürzte er ihn hinaus, lief er Gefahr, mitgerissen zu werden ... Er machte seine rechte Hand frei, schlug Awaloff mit voller Kraft gegen die Schläfe. Der taumelte, der Griff seiner Hände lockerte sich ... noch ein zweiter Schlag – Awaloff stürzte rücklings aus der offenen Kabinentür ... Und als wolle Canning ihm nach, sprang der auf den Fallenden zu ... »Die Papiere! Die Papiere!« schrie er laut. Beim Loslassen waren sie aus der Tasche gerissen, in Awaloffs Händen geblieben ... Zu spät. Cannings ausgestreckte Hand erreichte sie nicht mehr, mit Mühe bewahrte er sich selbst vor dem Sturz.

Aufatmend trat er in den Raum zurück. ›Mögen die Papiere auch zum Teufel sein ... So wären denn alle Bande, die mich an den fesselten, zerrissen.‹

Sein Blick fiel auf den Handkoffer Awaloffs ... ›Zerrissen? ... Halt, noch nicht ganz!‹ ...

Noch einmal öffnete er die Tür. Der Koffer folgte seinem Herrn in die dunkle Tiefe. Er schlug die Tür ins Schloß. Sein Blick ging zu dem Pilotenraum.

Ah! ... Er stutzte einen Augenblick. Die würden sich wundern, wenn Awaloff bei der Landung fehlte. Das mußte vermieden werden.

Einen Ausweg! Er nahm eine Routenkarte zur Hand, zog die Uhr. Der Flugplatz von Quito lag auf seinem Wege. Er würde ihn bei Dunkelheit erreichen.

Ein Befehl durch das Sprachrohr an den Piloten, in Quito zu landen.

*

Weithin dehnten sich die Pampas der Llanos de Menso im argentinischen Teil des Gran Chaco. Hier in der Nähe des Vermejoflusses lagen die ausgedehnten Besitzungen van der Meulens. Von hier aus wanderten jahraus, jahrein unabsehbare Viehherden in seine Schlachthäuser, um von dort in gefrorenem Zustande in die Welt verfrachtet zu werden.

Am Ufer des Vermejo, in einer landschaftlich unvergleichlich schönen Lage hatte sich van der Meulen inmitten seiner Besitzungen ein schloßartiges Landhaus errichtet, in dem er einen Teil des Jahres zuzubringen pflegte. Auf einer von hohen Spiegelscheiben umkleideten Veranda, die nach Süden zu auf den Fluß schaute, saß er am Teetisch. Schon berührte die Sonne den Horizont, und schnell wuchsen die Schatten der Dämmerung.

»Wo nur Hortense bleibt, Miß Violet«, wandte er sich an ein junges Mädchen, das ihm gegenübersaß. »Schon steht die Sonne tief. Diese einsamen späten Spaziergänge ...« er schüttelte den Kopf ... »selbst Ihre Begleitung, meine liebe Miß Violet, lehnt sie ab, die Sie ihr doch im Laufe der Zeit immer mehr Freundin geworden sind. Ich bin erst seit ein paar Tagen hier. Tat sie das auch schon vorher?«

Das junge Mädchen nickte.

»Unbegreiflich! ... Dazu ihr schlechtes Aussehen ... sie macht mir Sorge. – Sollte eine Nachricht von Robert Canning, ihrem Verlobten ...?«

»Ich glaube kaum«, kam es zögernd aus Violets Munde.

»Seine Reise zu dieser Zeit? ... Daß seine Geschäfte in Europa so dringend sind ... nach Europa, wo es drunter und drüber geht, kein Mensch seines Lebens sicher ist?«

Unter dem forschenden Blick van der Meulens vermochte Violet nur mit Mühe die aufsteigende Verlegenheit zu unterdrücken, antwortete dann stockend:

»Sie wird sich vielleicht ängstigen.«

»Hortense sich ängstigen, um ... Meinen Sie das ehrlich, Miß Violet, oder sagen Sie das nur, um etwas zu sagen?«

Während das junge Mädchen noch nach einer Antwort suchte, ertönte von neuem das Ticken des Radioempfängers.

»Teile der geschlagenen Bolschewiken in Nordamerika auf der Flucht nach dem Süden ... stehen kurz vor der Vereinigung mit denen, die von Süden her abgedrängt sich der Panamagegend nähern ... Aller Voraussicht nach werden die roten Kräfte nach ihrer Vereinigung noch einmal das Schlachtenglück versuchen ...«

Van der Meulen nickte befriedigt vor sich hin. »Sie werden's vergeblich versuchen. Der Tanz dürfte endgültig ausgespielt sein. Mag auch vielleicht noch manches Blut fließen, manches Gut zerstört werden. Das arme Europa, wie mag's da aussehen ...«

Die Kämpfe hier in Südamerika waren im Verhältnis zu denen in den anderen Teilen der Welt geringfügig. Sie spielten sich hauptsächlich in den großen Städten der südamerikanischen Küste ab. Im Inneren ... besonders hier im Gran Chaco, hatte man nichts davon gespürt. Die Entscheidung dieses riesenhaften Weltkampfes lag in Europa und in Nordamerika. Zitternd und bangend hatte man überall den dortigen Gang der Ereignisse verfolgt.

Die Nachrichten ... grauenerregend ... furchtbar. Im Verlauf der Schlachten, die mit den neuen Kampfmitteln geschlagen wurden, war halb Europa, halb Nordamerika in Asche ... in Trümmer gesunken. Unschätzbar die Zahl der Menschenopfer. Von Millionen sprachen die Gerüchte. Die Kämpfe fast ausschließlich Luftschlachten. Die Zahl der Kämpfer auf beiden Seiten zwar nicht sehr groß ... Desto größer die Zahl der an den Kämpfen unbeteiligten Opfer.

Terror ... das schrecklichste Kampfmittel ... rücksichtslos angewandt, um die Zivilbevölkerung zu zermürben, ihre Regierungen gefügig zu machen ...

Die Höllenbomben, geladen mit der neuen Energie, auf große Städte, Landschaften niedergeworfen ... kilometerweite Wüsten entstanden. Tag und Nacht Riesenbrände der Städte ... Dörfer ... Wälder ... in ihren Flammen Millionen verschlingend.

Weltuntergang für das Auge dessen, der die Schreckensbilder schauen konnte, ohne wahnsinnig zu werden.

Die große Luftschlacht! ... »Die Entscheidungsschlacht über den Katalaunischen Feldern!« Der letzte Bericht der siegreichen Weißen aus Europa fing so an. Verkündete den Millionen, die der Radiobotschaft lauschten, den Gang der Schlacht.

Van der Meulen hatte diesen Bericht vom Magnetophon aufschreiben lassen. Seine Augen lasen immer wieder die schicksalbedeutenden Worte. Er schüttelte nachdenklich mit dem Kopf.

›Sonderbar! ... Kaum glaublich, wie man es vermochte, der furchtbaren roten Übermacht standzuhalten ... zu siegen. Unser rechter Flügel ... als wäre Sankt Michaels Schwert bei ihm gewesen ... Wunder von Heldentaten verrichtete er ...

Die schärfsten Angriffe der Bolschewikenflotte gegen ihn gerichtet ... immer wieder blutig zurückgewiesen ... Ein Wunder ist's ... Ein Wunder bleibt's!‹

*

Die Abendsonne berührte schon die Bergkämme im Westen. Noch eine kleine Weile, dann war sie verschwunden. Wie mit Zauberschlag waren plötzlich die Tausende von Vögeln, die die weiten Parkanlagen der Hazienda bevölkerten, verstummt. Der kalte Wind, der sich aufmachte, brachte der nach Kühlung lechzenden Natur die ersehnte Labung.

Hortense van der Meulen, die auf einer Bank an dem kleinen Parkweiher gesessen, erhob sich. Sie richtete ihre Schritte dem Hause zu. Doch dann besann sie sich und ging tiefer in den Park hinein. Immer eiliger wurden ihre Schritte. Fast lief sie die kleine Anhöhe hinauf, die, am Rande des Parkes gelegen, einen Blick über das Ganze bot. Vor ihr rauschten die breiten Wasser des Vermejo.

Ihre Augen glitten über die dunklen Fluten. Unbewußt, wie mechanisch, bewegten sich ihre Füße immer näher dem Rand des Wassers zu, als folgte sie den süßen lockenden Stimmen, die, aus den Strudeln kommend, ihre Sinne umschmeichelten.

›Hier wäre Ruhe, Befreiung von all der Qual.‹

Das glitzernde Mondlicht, das, durch die Zweige fallend, auf den Wassern sein Spiel begann, brach den Bann. Sie schlug die Hände vors Gesicht.

›Mutter, Mutter, hätte ich dich noch, zu dir würde ich mich flüchten. – Der Vater? Gewiß, er liebt mich, liebt mich abgöttisch. Und doch –

Violet! ... Ihr harmloser, kindlicher Sinn, ihr einfaches Fühlen und Denken ... auch bei ihr würde ich kein Verständnis finden.

Robert Canning ... was ist's, was mich ihn lieben und hassen läßt? Ist er fern von mir, ist mein Herz kalt ... kaum ein freundlicher Gedanke an ihn ... Seine Fehler! ... ich sehe sie groß ... er blieb mir innerlich fremd ...

Und dann kommt er zu mir ... ich sehe seine Gestalt ... ich höre seine Stimme ...

Vergeben ... vergessen scheint alles! ... Der schmeichelnde Ton seiner Worte lullt meine Sinne ein ... nimmt mich gefangen.

Ich wehre mich innerlich gegen seinen Kuß und dulde ihn doch. Warum gab ich ihm unter den vielen, die sich um meine Hand bewarben, mein Wort? – Gewiß, ich duldete seine Bewerbung, aber nahm sie kaum ernster als die anderer.

Die Entscheidung an jenem Frühlingstag, als wir nach langem Ritt, vom Pamperosturm überrascht, in der Strohhütte der Hirten Schutz suchten ... der Sturm dauerte stundenlang ... das lange Zusammensein mit ihm ... ich war müde ... der Aufruhr der Natur ... sein Werben immer stürmischer ... Ich gab ihm das Jawort ... Gab ich's ihm? – Er nahm es sich. Willenlos seinem stürmischen Werben gegenüber vermochte ich nicht, ihn abzuweisen.

Auch der Vater ... zuerst wohl auch froh ... hieß ihn herzlich willkommen ... doch schon längst fühle ich, daß auch er sich gewandelt ... fühle, wie ein geheimes Mißtrauen, eine geheime Abneigung in ihm immer größer wird.

Wollte ich heute die Verlobung lösen, ich würde von Vaters Seite keinen Widerstand finden ...

Doch ich fühle nicht die Kraft zu dem Entschluß, zerbreche an dem Widerstreit in meinem Herzen.

Wie oft habe ich's versucht ... ergriff die Feder, ihm den Absagebrief zu schreiben. Schrieb ihn auch ... und zerriß ihn wieder.

Wer ist's, bei dem ich Zuflucht suchen könnte?‹ Den Kopf zurückgeworfen, starrte sie zu dem schimmernden Sternenhimmel.

›Oh, könnte ich fliehen ... zu euch da oben fliehen, ihr Sterne ... Weg von hier! Hinaus in die Welt! ...

Ruhe ... Frieden! Vielleicht, daß ich sie fände ...

Den Vater werde ich bitten ... Reisen, reisen in die weite Welt ... andere Menschen sehen ... vielleicht, daß ich dann den Ausweg aus diesem Wirrsal fände.‹

*

Durch die offene Tür trat Hortense. Van der Meulen ließ einen forschenden Blick über sie gleiten. Die nahm wortlos am Teetisch Platz, so daß ihr Gesicht vom Licht der Lampe nicht getroffen wurde.

»Diese späten Spaziergänge, Hortense ... die Kühle der Nacht dringt schon hierher ...«

»Du sorgst dich unnötig, Vater. Der Genuß dieser wunderbaren Natur hier ist in der Abendkühle erst vollkommen.« Während sie die Worte sprach, zog sie wie fröstelnd ihren leichten Schal dichter um die Schultern.

Violet war aufgesprungen.

»Ein Glas heißen Tee, Miß Hortense.« Sie setzte das volle Glas vor Hortense auf den Tisch und breitete sorglich ein zweites Tuch um sie.

Die trank mit vollen Zügen. Unter der Wirkung des heißen Getränkes belebten sich ihre bleichen Züge.

»Danke, liebe Violet.«

Ihr Blick fiel auf den Radioempfänger.

»Neue Nachrichten?«

Der Vater legte ihr die letzte Meldung vor.

»Die roten Kräfte von Süden und Norden her zusammengetrieben. Sammeln sich über dem Isthmus. Es ist ungewiß, zu welchem Zweck. – Zu letztem Widerstand, zu gemeinsamer Flucht? Hoffen wir, daß Robert Canning auf seinem Flug nach Süden nicht in die streitenden Parteien hineingerät. Und wäre es auch nur, daß er mit Flüchtigen zusammenstieße.«

Als berühre sie das nicht, wandte sich Hortense zu der Landkarte, die auf dem Tisch ausgebreitet war.

»Die Schlacht über dem Isthmus – wenn es dazu kommen sollte, dürfte wohl die letzte dieses schrecklichsten aller Kriege sein. Dann ... dann endlich wieder Frieden auf Erden.«

Der Radioempfänger begann zu arbeiten. Nachrichten aus aller Welt. Jubel überall ... Ausbrüche triumphierender Freude ... doch darin gemischt bereits mehr oder weniger deutlich die Frage: Wer war der Schuldige? ... Die alte Frage!

Und immer wieder da der Name Gorm, Weland Gorm, der Deutsche. Es lag ja so nah! War doch aus seinem Hirn die Erfindung entsprossen, aus der verbrecherische Hände diese Waffe geschmiedet ... durch die dieser Krieg erst möglich geworden.

Hortense erhob sich, ging zu einem Zeitungsständer, griff ein Blatt, setzte sich wieder. Gorm ... hier sein Bild. Dieser Mann der Schuldige? ... Ihre Augen hafteten an dem Bilde, betrachteten es lange. »Dieser Mann? ... Ich möchte ihn wohl gern einmal sehen.«

»Ob er überhaupt noch lebt?« warf van der Meulen ein. »Schon seit langem hat man nichts von ihm gesehen oder gehört.«

Violet hatte das Blatt ergriffen. »Möglich, daß ich ihn mal gesehen habe. Er war mit meinem Onkel Jonas Lee befreundet, bevor der seine Unglücksfahrt zum Monde antrat. Vielleicht, daß mein Bruder ihn kennt.«

»Ah, interessant, Miß Violet. Ihr Bruder ... übrigens, er wollte Sie hier immer einmal besuchen.«

»Oh, ich glaube, das wird wohl so leicht nicht eintreten. Er kennt nichts als seine Arbeit. Tag und Nacht sitzt er in dem Laboratorium an seinen geliebten Apparaten, wenn er nicht gelegentlich zur Erholung tollkühne Flüge mit seinem Schiff unternimmt. Alles ein Erbe des Oheims. Im stillen habe ich nur immer die Befürchtung gehabt, daß er gar auch an diesen Kämpfen teilnimmt. Tollkühn, verwegen genug ist er dazu.«

»Nun,« hier mischte sich van der Meulen ein, »so müssen wir ihn unbedingt mal hierherkommen lassen. Ein längerer Erholungsflug wird ihm nichts schaden können.«

Violet reichte das Blatt mit einem leisen Erröten zurück. »Ich möchte beinahe sagen, daß mein Bruder Ronald eine gewisse entfernte Ähnlichkeit mit Gorm hat. Nun, hoffentlich blüht ihm ein besseres Schicksal als diesem.

Dieser Gorm! Wie ist das möglich, daß man immer wieder die alten Beschuldigungen vorbringt. Alle Welt weiß doch, daß jener hohe Beamte der gestürzten Zarenregierung das Staatsgeheimnis der neuen Erfindung an die Bolschewiken verkaufte ... Welche Schuld kann man da Gorm beimessen?«

»Das ist der Gang der Welt«, warf van der Meulen ein. »Kaum ein paar Jahre sind's, da schrien sie Hosianna ...«

»... Und jetzt ... wollen sie ihn ans Kreuz schlagen ... und zeigen doch nur, wie recht die hatten, die damals meinten, noch nicht reif sei die Menschheit ... unwert der großen Tat Gorms.«

»Schon seit Ausbruch des Krieges hetzt man gegen ihn,« sagte van der Meulen, »daß man jetzt gar in der Union Stimmen hört, die die Einsetzung eines Gerichtshofes verlangen ... ich halte es vorläufig nur für einen Bluff ... zeigt, daß das alles doch nicht leicht zu nehmen ist.«

Hortense versuchte zu lachen.

»Einen Gerichtshof! ... Weltgericht! ... Weltacht! ... Ich glaube, die Menschheit ist toll geworden.«

»Toll! ... Hortense, du sprachst das rechte Wort. Sie ist toll nach diesem Kriege ... sie rast ... sie will ein Opfer! Der Russe ist tot ... folglich ... man braucht ein Opfer ... man nimmt Gorm.«

»Er wird ihrer lachen«, setzte Violet hinzu. »Er ist zu groß, als daß das Gekläff dieser sinnlosen Meute ihn rühren könnte.«

Ein Diener trat ein. Sein Gesicht zeigte, daß etwas Besonderes vorgefallen sein mußte.

»Juan? Was gibt's?« Van der Meulen stellte die Frage.

»Ein Mann ist draußen. Ein Fremder wünscht den Herrn zu sprechen.«

»Ein Fremder? Jetzt in der Nacht?«

»Die Vaqueros,« stammelte der weiter, »man verlangt den Herrn.«

Van der Meulen schritt, ohne ein Wort zu sagen, ins Haus.

In der großen Vorhalle ein Mann ... Halbblut, der Kleidung nach ein Städter.

»Wer sind Sie, was wollen Sie?«

»Wer ich bin, geht Sie nichts an! Ich komme im Auftrage Ihrer Vaqueros.«

»Und weiter?«

»Sie verlangen abgemustert zu werden.«

»Abgemustert zu werden? ... Warum ... Weshalb?«

»Weil sie es müde sind, gegen diese Bettlerbezahlung Tag und Nacht ihre Knochen aufs Spiel zu setzen ... das Gut von euch Blutsaugern zu hüten.«

»Was unterstehen Sie sich für eine Sprache zu führen, Sie Unverschämter! Entfernen Sie sich sofort, sonst werde ich Sie mit Gewalt ...«

»Hä, hä!« der andere lachte hämisch, »mit Gewalt? ... Die Gewalt ist in unseren Händen ... in meinen Händen, wenn Sie lieber wollen. Ich rate Ihnen gut, wenn ich Sie ersuche, einen Ton anzuschlagen, wie es sich gegenüber einem Caballero gebührt.«

Van der Meulen schwollen die Stirnadern hoch auf.

»Mir das?! ... Mir das in meinem eigenen Hause?! Juan! Rodrigo! Raus mit dem hier, dem Unverschämten. Hetzt die Hunde auf ihn, wenn er sich nicht sofort vom Hofe packt.«

Der mit »Rodrigo« Gerufene ließ sich nicht sehen. Der alte Juan versuchte, mit zitternden Knien, an den Fremden heranzutreten, blieb dann zögernd stehen, sah seinen Herrn hilflos an.

»Hä, hä! Schonen Sie Ihre Stimme! Sie kommen nicht, die tapferen Bedientenseelen ... wissen genau, daß es ihnen schlecht ginge, wenn sie es wagten, einen Finger an mich zu legen.«

Van der Meulen stand da, sprachlos, wie betäubt. Er wollte sich eben selbst auf den Fremden stürzen. Da sprang der zur Seite, riß die Tür zum Hofe auf.

Der weite Raum war von einem Durcheinander abenteuerlicher Gestalten erfüllt. Beim Erscheinen des Fremden brach die Menge in ein johlendes Geheul aus.

Van der Meulen mußte sich sekundenlang sammeln, ehe er begriff, was hier vorging. Dann trat er durch die offene Tür ins Freie und versuchte zu reden. Doch seine Stimme verhallte in dem Gebrüll der Leute, die größtenteils betrunken waren.

Ah! Ein heftiger Schreck durchzuckte ihn. Er sah, wie sie da hinten die Tür zu dem Vorratsraum erbrachen, in dem die Spiritusvorräte lagerten. Er wußte ... diese Menschen ... nüchtern gutmütige Gesellen ... in der Trunkenheit wilde Tiere ... Es galt, schnell zu handeln.

»Möge es sein«, wandte er sich zu dem Fremden. »Sagen Sie den Leuten, daß die, die es wollen, abgemustert sind. Sorgen Sie aber dafür, daß diese sich sofort von der Besitzung entfernen.«

»Und ihr Lohn?« fragte höhnisch lachend der neben ihm.

»Sie mögen ihn sich morgen am Tage holen. Jetzt ist's zu spät.«

»Zu spät? Keineswegs, mein Lieber! Sie haben genug Geld im Hause ... Her damit!« Seine Stimme plötzlich scharf befehlend. Ein Griff in die Tasche verstärkte die Drohung.

Van der Meulen sah, daß Widerstand nutzlos war.

»Ich werde holen, was Sie wünschen.« Er ging zu der Treppe hin, die nach oben führte; hatte sie noch nicht ganz erstiegen, als ein Schrei aus dem Munde Hortenses an sein Ohr drang. Blitzschnell drehte er sich um, stürmte die Treppe hinab. Wie ein Tiger stürzte er auf den Fremden los, der Hortense gewaltsam umschlungen hielt.

Mit Riesenkräften schleuderte er den Fremden zu Boden, warf ihn wie ein lebloses Bündel ins Freie, schlug die schwere Tür ins Schloß und schob den Riegel vor.

Ein Wutgeheul da draußen. Jetzt hämmerten schon harte Fäuste gegen die Tür. Drohungen kamen, alles kaltzumachen, wenn nicht sofort geöffnet würde.

Van der Meulen stand schwer atmend. Tausend Gedanken kreuzten sein Hirn ... Hilfe herbeirufen? ... Wo gab's die?

Wär's nur das Geld gewesen ... aber ... sein Blick ging von der Tür zum Hintergrund der Halle zu den beiden jungen Mädchen, die sich verstört umklammert hielten. Jeden Augenblick konnte die Tür eingeschlagen werden und dann ... das Schicksal dieser ... entsetzlich.

*

Robert Canning saß in seiner Jacht. Vergeblich suchte er sich von der Erinnerung an die Nacht frei zu machen. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu dem Geschehenen zurück.

Der Sturz Awaloffs in die dunkle Tiefe ... Nur wenige Meter weit konnten seine Blicke dem fallenden Körper folgen. Dann verschlang ihn die Finsternis. –

Wie weiter? Er zweifelte nicht, daß Awaloff, durch seinen Faustschlag betäubt, besinnungslos den grausigen Sturz durchfiel ...

Und gerade diese Szene, die er nicht bis zum Schluß erschauen konnte, trat immer wieder vor seine Augen. Er verfolgte den Körper von Meter zu Meter. Minuten mußte es dauern, bis der auf die Oberfläche des Meeres aufschlug. Im Geiste sah er die Flut unter dem rasenden Anprall des menschlichen Körpers hoch aufspritzen. Zerschlagen ... zerrissen mußte dabei werden, was von Awaloff noch lebte. Jetzt stritten sich wohl schon die Fische um die Beute ...

›Gott sei Dank, du warst kein Kind mehr, Awaloff! – Kinder haben zuweilen Schutzengel, die ihre Flügel um sie breiten in der Gefahr‹ ... er lachte ein häßliches Lachen.

*

Awaloff ... Der Faustschlag hatte ihn nicht ganz betäubt. Wohl mußte er den Körper seines Gegners, an den er sich klammerte, loslassen ... fühlte sich plötzlich ins Leere taumeln ... fallen. Der Schrei, den er ausstoßen wollte, erstickte in der Brust. –

In Bruchteilen von Sekunden durcheilte sein Geist die letzte Zeit seines Lebens.

Dieser Abschluß! ... Wie lange noch? ... Unendlich schien ihm die Zeit ... dann würden sich die Wogen des Ozeans über ihm schließen. Eine Art wohliger Ruhe überkam ihn ... die letzten Sinne schwanden ... ein Traum nur noch – – –

Da! Wie ein Schlag ging's durch seinen Körper. Die Hände griffen um sich ... Wasser? ... Nein! ... Etwas Festes ... Hartes?! ...

Er hatte ein unbestimmtes Gefühl, als wäre der Fall unterbrochen, als schwebe er ... risse ihn etwas vorwärts.

Er fühlte, wie ein rasender Sturmwind an ihm zerrte, ihn wegzufegen drohte. Fester klammerten sich seine Fäuste um den Halt, den sie gegriffen.

Was war das? ... Wo war er? ...

Die Überraschung zu groß ... zu ungeheuer! ... Aufs neue schwanden ihm die Sinne ... Er fühlte kaum, wie die kräftige Faust eines Mannes ihn packte, zu sich zog ... dann war er bewußtlos. – – –

Als er wieder erwachte, sah er mit wirren Blicken um sich, wie einer, der schon als tot, begraben, aus dem wiedergeöffneten Sarg gehoben wird. Nur langsam begann sein Geist zu arbeiten ...

Aber ... Was war das? Seine Blicke gingen in die Runde ... Er war ja in der Jacht!

Ein Schrei der Erlösung brach aus seinem Munde ... ein Traum nur alles, ein fürchterlicher Traum nur. Er war ja gar nicht aus dem Schiff gestürzt ... war ja noch hier ... Ein Traum nur, der ihn entsetzlich gemartert.

Der andere da drüben im Halbdunkel ... Canning mußte es ja sein ... Canning, sein Freund!

Tief atmend schloß er die Augen ... versuchte, das fürchterliche Traumbild aus der Erinnerung zu verscheuchen ... Er wollte Canning rufen. Die Lippen versagten. – – –

»Hier! Nehmen Sie eine Erfrischung, Mann! Sie können's wohl gebrauchen.«

Beim Klang dieser Stimme riß Awaloff die Augen auf, schaute dem ins Gesicht. Die Lippen, die das Wort Canning bilden wollten, verstummten. Der da ... war ja nicht Canning ... ein fremder Mann ... eine fremde Stimme, die zu ihm sprach.

Er fühlte nur undeutlich, wie ihm ein Glas Wein an die Lippen gesetzt wurde. Gierig sog er es leer. Unter den belebenden Geistern des schweren Getränkes fand er sich ganz wieder.

»Wer sind Sie? ... Wo bin ich? ... Ich glaubte, ich hätte geträumt ...«

»Leider nicht, mein Lieber! Der Traum war bittere Wirklichkeit. Von Ihres Begleiters Hand betäubt, stürzten Sie aus dem Schiff.«

»... Von Cannings Hand betäubt, stürzte ich aus dem Schiff ... Monoton wiederholte Awaloff die Worte, unbewußt den Namen Cannings einfügend. »... ja ... es ist wahr ... so war es ... und unter mir das Grab des Ozeans ...

Und jetzt! ... Und jetzt! ... Sagen Sie mir, wo ich bin.« Er schrie es, versuchte aufzuspringen. »Bin ich im Grab? ... Wo bin ich? Kein Gott, der mich retten konnte! ... Lebe ich oder bin ich tot? ... Bin ich Awaloff? ... Oder wer bin ich ...«

Mit Augen, in denen Wahnsinn stand, starrte er umher. Der andere legte den Arm um ihn, zwang ihn wieder in den Ruhesessel zurück.

»Seien Sie ruhig ... Herr Awaloff, wie Sie ja wohl heißen mögen. Nehmen Sie dies Pulver, es wird Ihnen Schlaf bringen. Wenn Sie wieder bei Kräften sind, werde ich Ihnen Aufklärung geben. Jetzt schlafen Sie ein ... mit dem Gedanken, daß Sie leben ... gerettet sind.«

Der Fremde trat zurück, ging zu dem Maschinenraum. Es war kein Pilot darin. Sein Auge ging prüfend über die Karte und die Kompaßscheibe. Dann trat er zur automatischen Steuerung, bewegte ein paar Hebel ... nickte vor sich hin. Der Kurs war in Ordnung.

›Canning – der Name aus dem Munde dieses unverhofften Gastes bestätigt meinen Verdacht ... ich konnte seine Züge durch die Scheiben der Kabine nicht mit voller Sicherheit erkennen ... Robert Canning! – Was muß da vorgefallen sein, daß du zum Verbrecher ... zum Mörder wurdest – – –?‹

Seine Gedanken flogen zurück. Seine Studienzeit in Gent. Canning war, wie er, als Hörer an der Universität. Er erinnerte sich seiner genau. Der machte viel von sich reden. Von maßlosem Ehrgeiz besessen, strebte er nach den höchsten Zielen der physikalischen Wissenschaft, wobei das Wollen mit dem Können nicht in rechtem Einklang stand. Öfter als einmal hatte der geglaubt, eine hochwichtige Entdeckung gemacht zu haben, die zunächst großes Aufsehen erregte, aber einer ernsten Prüfung nicht standhielt.

Er hatte ein gewisses Mitleid mit dem gehabt. Waren doch die Grundideen seiner Erfindungen und Entdeckungen meistens richtig, nur ihre Weiterführung fehlerhaft oder unmöglich.

Er hatte ihn dann aus den Augen verloren, wußte nur, daß er sich später in Paris als Privatgelehrter niedergelassen hatte. Wie konnte der so tief sinken? – –

Ein Zufall hatte ihn jetzt in Cannings Bahn geführt. Er hatte dessen Jacht eben in Sicht bekommen, als er sie plötzlich aus der Fahrstraße abwärtsgehen sah ... Ein Defekt? ... Ein Unfall? ... Er war ihr mit abgeblendetem Licht nachgestoßen ... sah sie ihren Weg in der geringen Höhe fortsetzen. Schon wollte er wieder nach oben gehen, da wurde er Augenzeuge des Verbrechens.

Was tun? ... Instinktmäßig trieb er sein Schiff näher heran ... Da sah er mit Entsetzen, wie Canning gerade sein Opfer aus der Jacht schleuderte ...

Nur eine Sekunde, dann stieß er sein Schiff mit voller Energie senkrecht in die Tiefe, unterfuhr noch schneller im Sturz den Stürzenden, fing ihn sanft mit dem Rumpf seines Schiffes auf ...

Der leichte Anprall des Fallenden gab ihm Gewißheit, daß der kühne Versuch gelungen. – –

Er trat wieder in die Kabine ... Da lagen am Boden noch die Papiere, die die starre Faust des sonderbaren Gastes umklammert hielt, als er ihn in das Schiff hereinholte. Er bückte sich, hob sie auf, ließ sich am Tisch damit nieder.

Lange Zahlenreihen, unterbrochen von dazugehörigen Ausführungen ... die Buchstaben ... sie tanzten vor seinem Gesicht. Er legte sich zurück, schloß die Augen ... starrte wieder darauf ... Diese Zahlen, diese Ausführungen ... Als wäre der Blitz neben ihm eingeschlagen ... er sprang auf, lief in dem engen Raum ruhelos hin und her.

›Unmöglich! Unmöglich!‹ Immer wieder schrien seine Lippen das Wort. Immer wieder beugte er sich über diese Blätter, als müßte er sich vergewissern, daß es Tatsache wäre, daß er nicht träume. Die maßlose Erregung übermannte ihn, daß er kraftlos in dem Stuhl zusammensank. Sein Atem ging schwer, er preßte die Fäuste an die Stirn ... Wie war das möglich?! – – –

Die erste Niederschrift dieser Blätter war von seiner eigenen Hand erfolgt. Er sah sich sitzen in dem mit den stärksten Mitteln der Technik geschützten Panzergewölbe der Reichsbank. Vor ihm ein einfacher Tisch, dabei ein gewöhnlicher Bretterstuhl, Tinte und Feder, ein Stoß weißes Papier.

Die Apparate, die die neue Energie lieferten ... kein Mensch dieses Zeitalters, der ihre Einrichtung kannte, der sie nachbauen konnte. – – –

Für den Fall ... für den unmöglichen Fall, daß sie einmal versagen sollten ... in der Reichsbank sollten dafür die Berechnungen und Konstruktionen in versiegeltem Umschlag deponiert bleiben. Um jede Möglichkeit, daß die Dokumente gestohlen werden könnten, zu vermeiden, hatte er die Aufzeichnungen hier im Tresor eigenhändig geschrieben und gezeichnet. Sie waren von ihm selbst in den Umschlag getan und versiegelt worden. Von seiner Hand waren sie in den stärksten Panzerschrank gelegt worden. Vor seinen Augen war dieser Schrank unter den größten Kautelen im Beisein der Vertreter aller europäischen Staaten geschlossen worden. Die Schlüssel und das Geheimnis, damit die Tür zu öffnen, waren verschiedenen europäischen Regierungen übergeben, die das Anvertraute durch stärkste Sicherheitsmaßregeln zu beschützen hatten. Keiner war ohne die Hilfe aller anderen in der Lage, diesen Tresor zu öffnen.

Und jetzt! – – – Es mußte doch geschehen sein! ... Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß eine Abschrift jetzt hier vor seinen Augen liegen konnte? Ein Diebstahl, ein gewaltsames Rauben lag gänzlich außer dem Bereich jeder Möglichkeit. – –

Und dann ... er preßte die Hand aufs Herz ... wie eine böse Ahnung war's schon damals in ihm aufgestiegen, als die Bolschewiken, im Besitz von Waffen, die nur nach seiner Erfindung gebaut sein konnten, das Zarenregiment stürzten, den Weltkrieg entfesselten.

Dann die Stimmen der Millionen, die ihm ins Ohr gellten ... du bist es, der all des Elend verschuldet, das über die Welt gekommen ... Teufelswerk deine Erfindung, mit der du der Welt ein Paradies zu bereiten versprachst ... du, an dessen Hand das Blut unzähliger schuldlos Gemordeter klebt ...

Die Ahnung, sie war wahr geworden. Hier lagen vor ihm die Beweise ... Lüge war all das, was über den verräterischen Verkauf des russischen Apparates durch einen hohen Regierungsbeamten geredet wurde. Lüge war das alles! Vielleicht, daß er auch hierfür die Beweise fand ... Mit bebenden Händen durchblätterte er die Papiere, die vor ihm lagen.

Da hier ein anderes Blatt! ... Eine andere Schrift! ... »Robert Canning« die Unterschrift. Eine Quittung über den Empfang von drei Millionen Rubeln für die Übergabe der Berechnungen an den russischen Baron Awaloff.

Wie ein rasendes Tier sprang er auf, starrte zu dem hin, der da besinnungslos vor ihm lag. Mit geballten Fäusten stand er über dem ... sinnlos wollte er sich auf ihn stürzen ... ›Du und er‹, doch nein, der Hauptschuldige war ja der nicht, das war Canning.

»Canning!« Die Stimme, die den Namen schrie, war wie die eines gereizten Raubtieres. »Du, Canning, Robert Canning, der größte Schurke, den die Geschichte der Menschen je gekannt.« Er lief in dem Raum hin und her. Hätte er ihn hier gehabt, mit kaltem Blut hätte er ihn erwürgt ...

Die Stunden verstrichen ... er wußte nicht, wie viele ... Der Fund hier! ... Um keinen Schatz der Welt hätte er ihn aus der Hand gegeben ... ihm gehörte er ... keinem anderen in der Welt! ...

Diese Papiere als Waffe in der Hand! Wer würde es noch wagen, einen Stein auf ihn zu werfen? – –

Canning! Ihn finden, an den Pranger stellen. Kein anderer Gedanke mehr! Er sah sich im Geiste dem gegenüberstehen, ihm die Beschuldigung ins Gesicht schleudern ... der ... das glatte Gesicht tauchte vor seinem Auge wieder auf ... der ... was würde der ...

Und dann hielt er plötzlich still. Es war ihm, als stände Canning vor ihm mit höhnisch lachendem Gesicht und fragte: Die Papiere, Gorm? Liegen sie nicht noch in der Reichsbank? Sind die Siegel nicht noch unversehrt? – – – Ich dich bestohlen ...? Fast körperlich hörte er ihn höhnisch lachen ... Deine Arbeit? ... Nein, meine Arbeit ist das! Du glaubtest der einzige unter den Millionen zu sein! Ha, ha, du täuschtest dich! Ich, auch ich hab's erreicht, das Geheimnis ergründet ... Und wenn ich's denen gab ... nun, warum sollt' ich's nicht? ... Du gabst es den Weißen, ich gab's den Roten. Was geht's dich an?

Hochatmend sank er in den Stuhl. Kein Wort würde er glauben ... und doch, dem ein Verbrechen beweisen ... wie sollte das möglich sein? Ratlos, gebrochen fiel sein Leib auf die Tischplatte nieder. Die Schuld, die ungeheure Schuld, sie klebte fest an seinem Namen. Der Haß der Welt, fortlebend, ihn ächtend, blieb.

Der Beweis von Cannings Schuld ... wie sollte er ihn je führen können ... Damals, als der Krieg begann, war auf seine Veranlassung der Tresor geöffnet worden ... das Dokument, die Siegel unversehrt gefunden ... Wie hatte Canning doch das Geheimnis des Tresors gefunden?! –

Die aufgehende Sonne rief ihn in die Wirklichkeit zurück. Sorgsam glättete er jedes der Blätter, ordnete sie, legte sie zusammen ... barg sie an seiner Brust. Keine Macht der Welt sollte sie ihm wieder entreißen.

* * *

 

Mit Steinen und Kolben hämmerten die aufrührerischen Vaqueros gegen die Tür der Hazienda. Jeden Augenblick mußten ihre Bohlen brechen.

Da plötzlich Stille da draußen ... Was war das?

Van der Meulen eilte in eines der Gemächer, dessen Fenster zum Hofe gingen, riß einen Fensterflügel auf.

Die Szene von eben plötzlich, wie von Zauberhand gewandelt. Die Masse der Vaqueros zurückdrängend ... davor ein freier Raum ... dann eine Reiterschar. An ihrer Spitze ein alter Mann, der zu den Vaqueros redete.

Van der Meulen stand sprachlos. Woher diese Hilfe?

»Señor Stamford! ... Señor Stamford!« Jubelnd kam es von Violets Lippen, die plötzlich neben van der Meulen stand.

Señor Stamford? Van der Meulen wollte fragen, doch die Stimme des Alten da draußen zwang ihn ... dessen Stimme schallte laut über das Getümmel.

»Dummheiten, Jungens! Dummheiten! Nichts anderes! Habt euch von dem städtischen Gesindel schön beschmieren lassen! Glaubt's oder glaubt's nicht! Am Wort des alten Stamford hat noch keiner gezweifelt. Die Roten sind überall geschlagen! Ihr mögt's da draußen in den Pampas noch nicht gehört haben ...

Was schreit ihr dahinten? ... Geld! Der Lohn, der euch zusteht, soll jedem werden. Morgen! Mein Wort darauf. Ich denke aber, es wird sich über Nacht noch mancher besinnen, wenn der Rausch vorbei.

Also nochmals! Dummheiten sind's, die euch schlecht bekommen können.

Aber jetzt, Schluß! Öffnet das Hintertor! Und ... wer morgen nicht an seiner Arbeitsstelle ist, ist abgemustert.«

Man konnte sehen, wie sich an dem Hintertor mehrere Gruppen heftig stritten. Dann gingen die Flügel auf. Erst einige, dann immer mehr entfernten sich.

»Verrat! Verrat! Her zu mir, Brüder!« Die Stimme des Anführers gellte über den Platz. Gleichzeitig zog der eine Waffe, legte auf den Alten an – –

Der Schuß krachte ... ging fehl.

Im letzten Augenblick hatte sich eine Lassoschlinge um seinen Oberkörper gelegt ... ein Ruck ... der Fremde stürzte mit einem Fluch zu Boden.

»Bravo, Tim! Gut gemacht!« rief der Alte lachend.

Der Reiter neben ihm zog jetzt wie einen Fisch, den er geangelt, den Gefesselten näher an sich heran. Brummte dabei in schönstem Wasserkantsch vor sich hin.

»Ick will die lehrn, oll Swien, op olle Lüd to scheiten!«

Noch immer schien der Rausch bei vielen der Vaqueros stärker als die Vernunft. Man sah Messer blitzen, Revolver knacken.

»Jetzt hab' ich's satt!«

Die Stimme des Alten klang eisern streng.

»Weg mit den Dingern da! Oder ...

Er sah sich um. Die Schar seiner Begleiter legte die Gewehre an.

»... oder ich sage: Feuer!«

Die Näherstehenden schauten sich unschlüssig an. Sollten sie's darauf ankommen lassen? Der Zahl nach waren sie überlegen ... doch die hatten Gewehre. Unentschlossene Gesichter. Dann senkte sich bald hier, bald dort eine Hand wieder in die Tasche. Die Letzten zuerst ... dann auch die anderen verschwanden brummend, fluchend durch das Hoftor.

»Und der hier, Señor Stamford?« Der mit Tim Angeredete fragte es.

»Bindet ihn und hebt ihn auf bis morgen!! Dann ... laßt ihn laufen.«

»Schall hei ok! ... Aber vorher ... Fiefuntwintig köhnt em woll nicks schoden!«

Tim Bröker zog mit seinem Gefangenen ab.

Die Tür der Hazienda flog auf. Die Bewohner traten auf den Hof, voran van der Meulen.

»Das war Hilfe zur rechten Zeit, Nachbar Stamford. Wie soll ich Ihnen das danken!« Er war zu dem Reiter getreten und drückte ihm die Hand. »Und wie war es möglich, daß Sie gerade jetzt hierherkamen? Doch so viele Fragen ... Hier ist nicht der Platz ... herunter von den Pferden, Caballeros ... zu mir ins Haus als meine Gäste. Der weite Ritt ... Juan, Rodrigo, Fernando«, er brauchte nicht zu rufen, sie waren schon da. »Laßt die Pferde versorgen, der Mayordomo soll rüsten, was Keller und Küche bietet ...«

Van der Meulen faßte den alten Stamford, der vom Pferde gestiegen, unterm Arm und führte ihn ins Haus.

... Und dann saßen sie beim Mahle. Die Gäste von Fragen bestürmt. Ein Gewirr des Hinundherredens, bis endlich Stamford in kurzen Sätzen die Vorgänge der Nacht erzählen konnte.

»Kommt da heute nachmittag auf abgehetztem Gaul ein Vaquero zu mir auf die Hazienda gejagt ... Tim Bröker! Deutscher dem Namen nach.

Verlangt nach mir. Wie ich ihn sah, gab ich ihm erst mal einen tüchtigen Schluck. Dann fing der an ...

Was er sagte, klang ziemlich verworren ... wurde lange nicht klug daraus ... Aber schließlich hatte ich's 'raus, worauf's ankam ...

Tim Bröker hieß er ... ein Vaquero ... da oben im Norden der Pampas bei den Herden ...

Kamen da vorgestern ein paar Rote ... Bolschewiken ... Agenten, die irgendwo versprengt waren. Hielten abends an den Lagerfeuern große Brandreden ...

An Schnaps fehlte es nicht ... Na! ... Unter so vielen gibt es immer Taugenichtse genug, die jede Gelegenheit zu einem guten Fang gern begrüßen ... Was soll ich weiter sagen? ... Im Verlauf der Nacht brachten diese Kerle es fertig, Ihre ganzen Vaqueros rebellisch zu machen ... mit ihnen hierher zur Estanzia ziehen ... Ich bin überzeugt, die meisten von der Gesellschaft waren sich gar nicht recht bewußt, um was es sich drehte, was eigentlich der Zweck war.

Unterwegs ... dieser Tim ... Anständiger Kerl, weiß der Deubel, wie er unter die Bande gekommen ist ... besinnt sich ...

Bei erster Gelegenheit schlägt er sich in die Büsche, reitet ... reitet, als wäre der Teufel hinter ihm, zu mir nach Santa Marguerita ...

Na, als ich's endlich aus ihm heraus hatte, da war ja mein Entschluß schnell gefaßt. Was ich von meinen Leuten gerade bei der Hand hatte, in den Sattel ... das weitere wissen Sie ja. Wir ritten, was die Gäule laufen konnten, und kamen gerade zu rechten Zeit ...«

»Und was halten Sie von der Zukunft? Glauben Sie nicht auch, daß es besser wäre, wenn ich mit meinen Damen nach Buenos Aires zurückkehrte?«

Stamford machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Nicht nötig, mein lieber Herr Nachbar, Sie können ruhig hierbleiben. So dumm sind die Burschen nicht, daß sie so etwas zum zweitenmal wagen würden ... Werden morgen einen schönen Katzenjammer haben. Glaube im Gegenteil, daß die paar Roten, die sich noch hier herumtreiben, sonst was drum gäben, wenn sie meilenweit weg wären.« Er erhob sein Glas. »Trinken wir alle auf das Ende dieses schrecklichen Krieges, auf unser befreites Land!«

*

In den Straßen von Lahore herrschte wieder das gewohnte Leben und Treiben. Wohl hatten sich die blutigen Ereignisse des Krieges auch bis hierher ausgewirkt. Doch war die bolschewistische Bewegung, noch ehe sie sich ganz entfalten konnte, durch die Ereignisse in Europa und Nordamerika erstickt worden. Auf einem kleinen Platz neben der Hauptstraße eine Gruppe von Menschen, die interessiert der Vorstellung eines Gauklers folgte.

Dieser, ein älterer Mann, braunhäutig wie ein Hindu, aber mit unverkennbar mongolischem Einschlag. Er blies auf einer kleinen Flöte, während zwei Kobras mit aufgeblähtem Hals zischend ihre Körper nach den Klängen der monotonen Musik wie im Tanze hin und her wiegten. Das alte Schauspiel, das die Bewohner Lahores schon zu den Zeiten der Mogulkaiser unterhalten hatte und auch heute immer noch hinreichte, Schaulustige heranzuziehen.

Jetzt setzte er die Flöte ab, faßte mit geschickten Griffen die Schlangen und tat sie in den Bastkorb. Dann begann er von neuem zu spielen, und ein junges Mädchen, das mit einem Blechteller umherging, armselige Kupfermünzen einzusammeln, warf hastig ein paar Schleier über und begann zu tanzen. Der Kreis der Zuschauer wurde jetzt größer. Erwartungsvoll sah alles auf den Tanz. Es war keiner von denen, wie sie die Straßengauklerinnen zu zeigen pflegten. Etwas Fremdes, Ungewöhnliches lag darin. Es waren nicht die blitzschnellen, aufgelösten Bewegungen der bekannten Tänze, es war vielmehr ein feierliches Schreiten, bei dem doch der ganze Körper in ausdruckvollster Bewegung mitging. Dazu die fast starren Gesichtszüge, die Augen wie die einer Somnambule traumhaft in die Weite gerichtet.

Den meisten schien diese Art des Tanzes indes wenig zu gefallen. Der Kreis lichtete sich schnell. Noch ehe weitere sich entfernten, hörte der Inder plötzlich mit dem Spiel auf, warf der Tänzerin den Blechteller zu, um schnell noch ein paar Kupfermünzen einzuheimsen. Dann erhob er sich, schrie dem Mädchen ein paar barsche Worte zu und hieß sie ihm folgen.

Die belud sich mit den auf der Erde liegenden Gepäckstücken, nahm den Schlangenkorb in die Rechte und folgte ihrem Herrn. Bedrückt von der schweren Last, vermochte sie nicht Schritt mit ihm zu halten, blieb mehr und mehr zurück.

Während die meisten der Zuschauer sich längst zerstreut hatten, war noch ein einziger stehengeblieben. Eine hochgewachsene Gestalt. Dem Schnitt der Kleidung ... des Gesichtes nach zweifellos kein Eingeborener. Unter dem breitrandigen Strohhut blitzten aus dem gebräunten Gesicht ein Paar graublaue Augen. Das kurzgeschnittene blonde Haar verriet den Westländer.

Mit Verwunderung hatte er das seltsame Paar schon seit geraumer Weile betrachtet. Das Mädchen trotz der zerschlissenen, verstaubten Hindukleidung unverkennbar eine Europäerin. Wie kam das junge Geschöpf ... sie mochte höchstens achtzehn Jahre zählen ... in die Gesellschaft dieses widerlichen Alten? Sie schien unter einem unerklärlichen Zwang zu stehen, denn sonst wäre es nicht zu begreifen gewesen, daß sie die brutale Behandlung des Inders so widerstandslos erduldete.

Das Mitleid, das er beim ersten Anblick mit ihr empfunden, verstärkte sich, als er sie jetzt so mühsam in dem glühenden Sonnenbrand unter ihrer Last dahinwanken sah.

Er wollte sich ihr nähern. Da kam der Inder, der sich jetzt nach der Zurückbleibenden umgeschaut, mit ärgerlichem Rufen und Schelten zurück. Schrie ihr ein paar häßliche Schimpfworte zu und schritt neben ihr her.

Vergeblich suchte das arme Geschöpf seine Schritte zu beschleunigen. Als sie wieder zurückblieb, versetzte ihr der Inder einen tückischen Stoß in die Seite, der sie taumeln ließ. Im selben Augenblick stand der Fremde neben ihr, nahm die schwere Last von ihren Schultern und fuhr den Inder mit barschen Worten an. Der versuchte den Fremden beiseitezustoßen. Doch da legte dieser seine Hand mit eisernem Griff auf seinen Arm.

»Wer bist du? ... Wer ist die da? ... Wie kommt die in deine Gesellschaft, du Schurke?«

Der wand sich vergeblich unter dem Griff, zischte unverständliche Worte.

»Ich werde die Polizei zu Hilfe rufen, wenn du mir nicht sofort Auskunft gibst!«

Bei dem Worte Polizei sank der Inder in sich zusammen. Dann plötzlich ... der Griff des Fremden schien nachgelassen zu haben ... machte er sich mit einer schlangengleichen Bewegung frei. Seine Hand ging blitzschnell nach dem Dolchmesser, das in seinem Gürtel stak.

Noch ehe er es gefaßt, traf ihn ein wohlgezielter Schlag, der ihn zu Boden warf.

Das Mädchen war während dieses Streites auf dem Gepäck zusammengesunken ... brach in lautes Weinen aus. Die Vorübergehenden nahmen teils für den Inder, teils für den Fremden Partei.

Der beugte sich zu der Zusammengesunkenen nieder und sprach in englischer Sprache zu ihr. Er hatte dabei dem Inder den Rücken zugekehrt und sah nicht, wie der mit wutverzerrtem Gesicht den zur Seite stehenden Schlangenkorb ergriff und ihn von hinten her zu den Füßen des Fremden hinschleuderte. Auf dem Boden aufprallend, öffnete sich der Deckel, und die beiden Kobras fuhren wütend zischend heraus. Die Neugierigen sprangen schreiend zurück. Der Fremde, der es nicht gesehen, blieb stehen. Erst laute Zurufe aus der Menge machten ihn auf die Gefahr aufmerksam.

Er drehte sich um – zu spät – Eine der Schlangen hatte sich um sein Bein herumgeschlungen. Mit einer heftigen Bewegung versuchte er sie abzuschleudern ... vergeblich ... er fühlte die spitzen Zähne in sein Fleisch dringen. Die Schlange hatte sich festgebissen.

Mit einem raschen Griff packte er sie im Genick, warf sie zu Boden und zertrat sie.

»Folgen Sie mir, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist«, klang es in englischer Sprache an sein Ohr. »Die Schlange war giftig! Das Gift wirkt schnell.«

Der Beschützer des Mädchens sah einen jungen Mann in europäischer Tracht an seiner Seite, der auf ein unmittelbar hinter ihm haltendes Auto deutete.

»Schnell! Schnell! Ich bin Arzt und will versuchen, Ihnen zu helfen.«

»Nicht ohne dies Mädchen hier!« Der faßte die Gauklerin um die Hüften und trug sie zu dem Wagen, in den er selbst mit dessen Besitzer stieg. Noch ehe der Inder seine Überraschung überwunden, war der Wagen schon verschwunden.

»Streifen Sie das Beinkleid in die Höhe! Ein glücklicher Zufall will es, daß ich eine Tube mit einem erprobten Serum bei mir habe.«

Bei diesen Worten hatte er auch schon eine Spritze gefüllt, wollte sie in das Fleisch einstecken. Doch schneller noch war die Tänzerin. In dem Augenblick, wo die Wunde bloßlag, hatte sie sich darübergebückt und preßte ihre Lippen darauf, das vergiftete Blut auszusaugen.

Der Arzt ließ sie lächelnd einen Augenblick gewähren. Dann drängte er sie zur Seite und drückte den Inhalt der Spritze unmittelbar neben der Bißwunde in das Bein.

»Sie werden voraussichtlich in kurzer Zeit das Bewußtsein verlieren und es ... ich weiß nicht, wie stark das Schlangengift war ... vielleicht zwei bis drei Tage nicht wieder zurückgewinnen. Haben Sie vielleicht irgend etwas zu bestellen? ... Haben Sie Freunde ... Angehörige, denen ich Nachricht geben soll?«

Der Verwundete sah ihn erstaunt an. Zweifel malte sich in seinen Zügen. Der andere fuhr fort:

»Glauben Sie meinen Worten! Mein Name ist Stamford ... Doktor Sidney Stamford ... Amerikaner ... Arzt, halte mich zu Studienzwecken hier auf. Sie können versichert sein, daß Sie mir unbedingtes Vertrauen schenken dürfen.«

Der andere drehte sich ihm voll zu. Sah ihn mit einem langen Blicke forschend an, als wolle er in ihm lesen.

»Noch eine Frage. Wohin führen Sie mich, Mr. Stamford? Ich bin selbst fremd hier, besitze kein Heim.«

»In mein Haus ... in der westlichen Vorstadt ...«

»Ich will Ihnen meinen Namen nennen. Nur möchte ich Sie bitten, den Namen gegen jedermann zu verschweigen, was auch kommen mag.«

Dr. Stamford drückte ihm schweigend die Hand.

»Ich heiße Gorm! – – –« Stamford unterdrückte kaum einen Ausruf der Überraschung.

»Gorm?! – – – Der Gorm?! – – – Weland Gorm, der Deutsche ...?«

Der andere nickte.

Stamford wäre fast vom Sitz aufgesprungen, so stark war der Eindruck, den die Nennung dieses Namens auf ihn machte.

»Unmöglich, Sie sind Gorm, sind es wirklich! Fast möchte ich den Zufall begrüßen, wären die Umstände nicht so –« er unterbrach sich, sah, wie Gorm schwer in den Sitz zurücksank, sekundenlang die Augen schloß. Dann sie anscheinend mit Mühe wieder öffnete, nach Worten suchte ... stockend sprach:

»Ah! ... Ah! ... Noch eins! Ich fühle schon ... Sorg ... sorgen Sie ...« Gorm fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er da etwas wegwischen, das sich schwer auf sein Hirn legte. Sein Blick wurde starr. Er schien einer Ohnmacht nahe.

»... sorgen Sie für das Mädchen!« Er deutete mit der Hand auf die Tänzerin, die mit angstvollem Gesicht vor ihnen kauerte.

»Seien Sie ohne Sorge! Ich werde es tun.«

*

Cannings Jacht berührte den Boden des Flugplatzes in Quito. Noch ehe das Flugzeug ausgerollt, war er hinausgesprungen. Stand schon neben der Tür des Pilotenraumes, als die sich öffnete.

»Unser Aufenthalt hier wird nur kurz sein. Bleiben Sie an Bord. Ich folge meinem Freunde, der schon voraus« ... er deutete auf eine Gestalt, die sich, einen Koffer in der Hand, dem Ausgang des Platzes näherte, in der Dunkelheit kaum noch zu erkennen war. Bei den letzten Worten wandte er sich schon um und ging jenem eiligen Schrittes nach.

Eine Stunde war noch nicht vergangen, als er zurückkehrte.

»Wir fliegen auf direktem Wege nach Hause. Mein Freund bleibt hier!« – –

Gegen Mittag des nächsten Tages überflog die Jacht die Grenzen Boliviens, glitt in geringer Höhe über die weiten Pampas des Gran Chaco hin. Nicht mehr lange, dann mußte der Nordrand seiner Besitzungen erreicht sein.

Canning trat ans Fenster. Sein Auge vermochte schon die großen Herden, die da unten weideten, als die seinen zu erkennen ... die Weizenfelder im Westen bis hin zu den letzten Ausläufern der Anden. Die Kanäle, die das Gebiet durchzogen ... zum Vermejo führten ... alles, so weit er schaute, sein Besitz.

Die Schatten der Nacht begannen von ihm zu weichen. Sein Herz wurde freier, je weiter das Schiff ihn trug. Ein kleines Königreich, das da unten lag ... sein Eigentum war's ... sein Werk auch war's!

Vor Jahren war er hierhergekommen. Die Sowjetmillionen brannten in seiner Tasche ... beste, sicherste Anlage! ... Nach langem Überlegen war er zu dem Entschluß gekommen, das Geld zum größten Teil in Landbesitz festzulegen. Alles Land, das hier käuflich gewesen, hatte er erworben.

Man hatte den Kopf geschüttelt über den europäischen Señor, der sein Geld in diese trostlose Einöde steckte ... Millionen ... denn er beließ es nicht bei dem Erwerb des wohlfeilen Landes und der hier bisher allein üblichen Vieh- und Weidewirtschaft. Auf eigenen Schiffen brachte er Maschinen und immer neue, andere Maschinen den Rio Vermejo hinauf ... Baggermaschinen gruben Kanäle durch die Sümpfe des Geländes ... legten sie trocken ... verwandelten sie in fruchtbares Ackerland. Kanäle, die gleichzeitig Verkehrswege für den Abtransport der Bodenerzeugnisse zu den Flüssen ... zur Küste bildeten.

Es dauerte nicht lange, da schwand das Wundern der Nachbarn. Wie durch Zauberhand entstanden da in kurzer Zeit fruchtbare Fluren, die in Bälde hundertfältigen Ertrag versprachen. Mitten darin das Wohngebäude, von Parkanlagen umgeben, die unter Benutzung eines Stückes prächtigen Urwaldes entstanden waren.

Die Sowjetmillionen! ... Der Lohn für die Konstruktionen Gormscher Apparate ... seine eigene Erfindung! ...

Er sagte es, und man glaubte es ihm ... man ... das war Awaloff. Der der einzige, mit dem er in persönlichen Verkehr trat. Der der einzige Zeuge seiner Tat. Zu klug, alles auf eine Karte zu setzen, hatte Canning sich wohl gehütet, sich ganz den Bolschewiken zu verschreiben, gemeinsame Sache mit ihnen zu machen.

Jahrelang ... ein Jahrzehnt wohl, hatte er mit allen seinen Kräften daran gearbeitet, das Problem zu lösen, dessen Lösung Gorm dann glückte.

Der Tag, an dem Gorm der Welt bekanntgab, daß der große Wurf gelungen ... ein Tag tiefster Verzweiflung, tiefster Enttäuschung, tiefsten Sturzes für Canning. Vergeblich hatte er gearbeitet! Zerronnen die Wünsche, Hoffnungen, Träume von Reichtum, Glück ... Ruhm.

Er hatte, an allem verzweifelnd, seinem Leben ein Ende machen wollen. In wüsten Träumen schon darüber gesonnen, welche Todesart er wählen sollte. Eine neue, unbekannte. Eine, die, noch nie dagewesen, seinen Namen wenigstens im Tode bekannt machen mußte.

Eine kleine Erfindung, die er einmal gemacht, ein Apparat, der, Strahlen größter Durchdringungskraft aussendend, verborgenste Tiefen entschleierte. In einer glücklichen Stunde war ihm die Konstruktion gelungen. Eine technische Spielerei in seinen Augen.

Geld ... Ruhm ... Ehre ... das war damit nicht zu erringen! ...

Damit sich töten! ... Sich töten? Nein! ... Die Todesgedanken schwanden, je länger er den Apparat betrachtete.

Diese geheimnisvollen Strahlen, vom Schicksal in glücklicher Stunde geschenkt ... nicht den Tod ... Glück sollen sie mir bringen ... zur gegebenen Stunde ... zu der Stunde, wo das Schicksal dem Glück gebeut, mir die Hand zu reichen.

Warten! ... Warten! ... der Tag ... die Stunde wird kommen.

Der Gedanke hatte ihm neue Kraft gegeben, hatte ihn das Leben leichter ertragen lassen.

Fest saß die Hoffnung in seinem Herzen. Als Awaloff zu ihm kam, seine physikalischen Kenntnisse irgendwie für die Sowjetsache nutzbar machen wollte, da zweifelte Canning keinen Augenblick, daß jetzt die Stunde da sei, in der das Schicksal ihn belohnen wolle.

Er hatte den fortgeschickt, wiederzukommen nach Ablauf eines Mondes ... Drei Tage ... drei Nächte saß er, den Weg suchend ... und dann wußte er ihn.

Er verließ Paris. Machte tausend Kreuz- und Querfahrten, um die Spur seiner Reise zu verwischen. Erreichte sein Ziel. – – – – –

Es gelang ... zur verabredeten Zeit war er wieder in Paris ...

Das Gesicht dieses Awaloff ... unvergeßlich die Überraschung ... die maßlose, fassungslose Überraschung in diesem Gesicht, als er ihm Waffen anbot ... Gormsche Apparate als Waffen ... Waffen, unbesieglich, unwiderstehlich ... Waffen, mit denen der Sieg untrennbar verbunden. Waffen, so fürchterlich, wie sie noch nie verwendet. Schon die Überraschung mußte den Sieg bringen. Die ganze Welt mußte den Herren dieser Waffen zu Füßen liegen.

Der andere ... es dauerte lange, bis er es begriff. Dann ... mit heiserer Stimme hatte der geschrien:

»Was? ... Was verlangen Sie dafür?«

»Drei Millionen Rubel!«

Die Zahl ... unerhört groß erschien sie Canning damals ... kam nur zögernd aus seinem Munde.

Awaloff hatte nur zustimmend genickt, ihm wortlos die Hand gedrückt. – – Später ... wie oft hatte Canning nicht mit Ärger und Mißbehagen an diese Stunde gedacht ... Mehr! ... Fünf Millionen! ... Zehn Millionen! ... Du Tor, hättest du sie gefordert ... er hätte sie dir auch gegeben.

Wieder hatte er Paris verlassen, die Arbeit zu beginnen. Die Furcht vor Beobachtung und Verfolgung hatte ihn gehetzt von Ort zu Ort, von Land zu Land. Bis drei Monate später die Modelle fertig – –

Zwei sich begegnende Flugschiffe in höchster Höhe. Er in dem einen, Awaloff in dem anderen. Die Helikopterenflügel ausgeworfen, eine Laufbrücke vom einen zum anderen Schiff gestreckt ... so waren die letzten Verhandlungen vor sich gegangen.

Die Probe des Apparates hatte den Beweis gegeben ... das Sowjetgeld war echt und gut ...

Jeder zurück mit seinem Schatz.

Er kam damit hierhin ... erschuf sich hier im Gran Chaco sein Reich ...

Die anderen stürzten Throne, zerstörten die halbe Welt. Er blieb kühl und gelassen dabei. Doch, als die rote Macht immer weiter wuchs, immer weiter sich dehnte, die ganze Welt in Trümmer zu schlagen drohte, da ergriff ihn die Angst ... die Angst um seinen Besitz.

Sein Glück ... sollte es trügerisch ihn verlassen wollen? Die Krallen der roten Bestie griffen jetzt auch hierher ... Zusammenbruch? ... Es konnte nicht sein! ...

Doch was tun, um sich zu retten?

Die lose Verbindung mit den Bolschewiken ... mit allen Mitteln hatte er sich dagegen gewehrt, sich in die Netze ihrer Organisation mitverwickeln zu lassen ... jetzt suchte er nach Awaloff ... suchte durch ihn Fühlung zu bekommen ... vorsichtig ... wer wußte, wie der Riesenkampf ausgehen würde.

Am Bosporus waren sie zusammengekommen.

Der Ausgang der Schlacht ... mit jedem zerstörten roten Geschwader wurde die Last, die Canning drückte, leichter. Tiefster innerlicher Jubel in ihm, als die Niederlage der Roten vollendet ...

Doch nicht eher glaubte er sich und seinen Besitz sicher, bis des anderen Mund stumm. Der wußte zuviel ... zuviel, als daß er leben durfte. Und als der nun gar in seiner Vertrauensseligkeit verriet, daß er die Papiere bei sich trug, da stand Cannings Entschluß fest. Und was war's schließlich? ... Ein Roter mehr oder weniger ... Was kam's darauf an?

Und als hätte er die letzten Grillen von sich gescheucht, sah er jetzt mit Freude sein herrliches Heim aus der Ebene winken.

Sein Auge ging weiter. Dort drüben, da hinten auf der Flußhöhe, Buena Vista, das weiße Haus van der Meulens, ... Hortense! ... Morgen würde er sie wiedersehen.

*

Die drückende Mittagshitze, vor der auch die breiten, dichten Blattkronen der Parkbäume nicht zu schützen vermochten, hielt die Bewohner von Buena Vista in den Räumen des Hauses fest. In einem nach Süden gehenden Zimmer, dessen Fenster dicht verhängt waren, ruhten Hortense van der Meulen und Violet Lee in bequemen Liegestühlen.

War's die Schwüle, war's die Stimmung ... nur mühsam schleppte sich das Gespräch dahin. Eine Dienerin trat ein, brachte eine Schale eisgekühlter Früchte ... durch die offene Tür des Nebenzimmers klang das Schrillen des Telephons. Violet sprang auf und eilte hinaus ... war sogleich wieder da.

»Mister Canning ist am Apparat!« Hortense war bei der Nennung des Namens kurz zusammengezuckt. Sie beugte sich vor, als wolle sie sich erheben. Blieb sekundenlang starr sitzen. Die natürliche Blässe ihres Gesichtes hatte sich verstärkt. Ein nervöses Zittern lief über ihre Mienen. Dann, als hätte sie sich gefaßt, sprang sie auf, ging zum Hörer.

Der kurze Weg gab ihr die Gewalt über sich wieder. Violet biß gerade herzhaft in eine saftige Frucht, als ein Surren sie mit offenem Munde aufhorchen ließ.

»Das Postschiff!« rief die Dienerin. Da war auch Violet schon hinausgeeilt. Das Schiff schoß eben über den Hof der Hazienda, ließ in geschicktem Wurf die Post in ein aufgespanntes Netz fallen und verschwand über dem Park. Der alte Mayordomo ließ das Netz zu Boden und trug den Ledersack ins Haus. Während er den Inhalt umständlich sortierte, hatte Violet schon einen Brief mit ihrer Adresse erspäht. Mit schnellem Griff nahm sie ihn an sich, riß ihn im Weitergehen auf. Schon die Marke hatte ihr den Schreiber verraten.

Während sie langsam die Treppe hinaufstieg, überflog sie den Inhalt. War's der, war's das Treppensteigen? ... Als sie oben war, lag helle Röte auf ihren Zügen. Doch das Lachen ihrer Augen verschwand, als sie in das Zimmer trat und Hortense sah. Die lag auf einem Diwan, das Gesicht in die Hände vergraben. Da war auch schon Violet neben ihr.

»Miß Hortense! Ich will, ich kann nicht länger schweigen ... verzeihen Sie mir ... aber ich selbst leide, wenn ich immer wieder sehen muß, wie Sie an diesem Verhältnis zu Robert Canning kranken, siechen. Ich kenne Ihre Gefühle für ihn nicht. Nur das eine weiß ich, sehe ich täglich, daß Sie niemals das wahre Glück an seiner Seite finden werden. Zur vollen Liebe gehört volles Vertrauen, und das ...«

Hortense ließ die Hände sinken, starrte Violet mit zusammengezogenen Brauen an.

»Miß Violet! ...«

Der Ton, der Ausdruck ihres Gesichts ... Violet wandte sich verlegen ab. Tränen der Scham rollten über ihre Wangen. Wie sie so dastand in ihrer rührenden Hilflosigkeit, glätteten sich Hortenses Züge. Sie sprang auf, legte den Arm um die.

»Nicht weinen, Kleines! Ich weiß wohl, Sie meinen es gut ... Doch ich glaube, Sie sorgen sich unnötig ... es wird schon alles gut werden ...

Robert Canning wird heute noch kommen. Er hat uns viel zu erzählen von den großen Ereignissen in Europa, die er zum Teil mit eigenen Augen gesehen hat ... Aber was ist das?«

Sie bückte sich zu Boden, hob den Brief auf, der Violets Hand entglitten war. Warf einen Blick darauf, gab ihn lächelnd zurück.

»Sieh da! Die kleine Violet spricht schon aus Erfahrung.«

Sie eilte Violet, die sich errötend zum Tisch flüchtete, nach.

»Erzählen Sie doch! Was schreibt unser gemeinsamer Freund Stamford ... In Lahore ist er, wie ich ersah. Kommt er nicht bald mal wieder hierher?«

»Ach nein, Miß Hortense! Denken Sie doch, er schreibt, daß er eine große Reise vorhabe, von der er hoffe, gesund zurückzukehren.«

»Eine große Reise? Nun, ich dächte, größere Reisen als seine jetzigen ...«

»Damit meint er sicher eine gefährliche Reise.«

»Ach! Was heißt heute gefährliche Reise? Die großen Flugschiffe kennen keine Reisegefahren mehr.«

Van der Meulen trat in das Zimmer.

»Große Reise? ... Wer denkt an reisen?«

»Ich, lieber Vater! Reisen möchte ich! ... Und recht bald ... Die Welt ist wieder ruhig geworden.

Violet hat mir so viel von ihrer englischen Heimat erzählt. Ich möchte mit ihr dort hinfliegen. Und am schönsten wäre es, du, alter Pa, kämst mit uns ... und du wirst es tun, wenn wir dich herzlich bitten.«

Van der Meulen zuckte die Achseln.

»Hm! Von meiner Seite ... Was wird Canning dazu sagen?«

»Ah! Er rief vorhin an. Er ist zurück. Er wird bald kommen.«

»Das ist interessant, Hortense. Er kommt aus Europa. Zweifellos wird er uns Näheres über den Verlauf der Kämpfe, den Umfang der Verwüstungen berichten können. Ich hörte von meinem Korrespondenten, daß ein Lebensmittelmangel droht. Habe schon heute morgen große Ladungen nach Europa abgehen lassen. Doch ich denke, wir gehen in den Park. Die Sonne neigt sich schon, die schlimmste Hitze ist vorbei.«

»Geh nur voraus, Pa, wir kommen gleich nach.«

Kaum hatte van der Meulen den Raum verlassen, wandte sich Hortense mit unterdrückter Erregung an Violet.

»Robert Canning wird in Kürze hier sein. Ihr werdet ihm draußen begegnen. Ich ... bleibe hier. Sie ... werden mich entschuldigen ... die Schwüle, die Hitze des Tages ... ich habe Kopfschmerzen. Unmöglich, ihn zu begrüßen.«

Violet wollte erschrocken noch eine Frage stellen, da war Hortense schon im Nebenzimmer verschwunden. Der Riegel fiel zu.

Einen Augenblick stand Violet überlegend. Dann glitt ein zufriedenes Lächeln über ihr Gesicht. »Ich glaube auch, es wird schon gut werden.«

Sie traf van der Meulen am Parktor, wo er die Straße nach Norden entlangschaute.

»Die Staubwolke da oben. Ich denke, es wird Canning sein.«

Ein paar Minuten später hielt dessen Auto vor dem Tor. Van der Meulen öffnete, schritt ihm entgegen.

»Ich begrüße Ihre glückliche Rückkunft, mein Lieber. Sie sind ein kühner Geschäftsmann, daß Sie sich in dieser Zeit in den Hexenkessel hineinwagten. Sie werden uns sicher viel erzählen können. Vielleicht waren Sie sogar Zeuge von Kämpfen ...«

»... Die große Schlacht über der Katalaunischen Ebene, van der Meulen! ... Ja, ja! Sie sehen mich staunend an. Ein Zufall ließ mich Zeuge sein. Doch das später. Wo ist Hortense? Ah, guten Tag, Miß Violet. Hortense? Wo ist sie?«

»Miß Hortense läßt um Entschuldigung bitten, Mr. Canning. Die Schwüle, die Hitze dieses Tages verursachten ihr unerträgliche Kopfschmerzen. Sie ...«

Canning warf einen schnellen Seitenblick auf van der Meulen, der mit erstauntem Gesicht zu Violet schaute.

»Ah! Ich bedauere sie außerordentlich.« Canning biß sich nervös auf die Lippen. »Ich hoffe, daß ... das wohl bald vorübergehen wird, und ich noch Gelegenheit haben werde, Hortense zu sehen.«

Während van der Meulen und Canning in dem japanischen Lusthause saßen, das an dem Parkweiher stand, war Violet in das Haus zurückgegangen, für Erfrischungen zu sorgen. Ein paarmal klopfte sie an die verschlossene Tür Hortenses ... umsonst ...

Als sie zu dem Pavillon zurückkehrte, fühlte sie die dunklen Augen Cannings fragend auf sich gerichtet. Sein Besuch dehnte sich schon über Gebühr aus. Umsonst harrte der auf Hortenses Erscheinen.

Als er endlich abfuhr, suchten seine Augen vergeblich die lange Fensterreihe ab.

*

Das Herannahen starker weißer Kräfte aus Nordamerika ließ den Admiral Serrato, den Befehlshaber der verhältnismäßig schwachen südamerikanischen Luftkräfte, alles Zögern vergessen. War es ihm gelungen, das Land zu säubern, die roten Geschwader bis auf den Isthmus zu drängen, so wollte er die Frucht seiner Siege nicht zuletzt mit denen vom Norden teilen.

Setzten die Roten sich zur Wehr, mußte der Kampf schwer werden, denn sie waren ja durch die vom Norden her versprengten roten Geschwader verstärkt.

Trotzdem! ... Er wollte es wagen. Noch am selben Abend stieß er vor.

Er hoffte, sie überraschend angreifen zu können. Die Meldungen der vorausgeschickten Patrouillenschiffe bekräftigten ihn in seiner Hoffnung.

Ein großer Teil der roten Geschwader war auf Coiba, einer kleinen Insel südlich des Isthmus, niedergegangen. Der rote Führer war dabei, Apparate und Mannschaften der schwerbeschädigten Schiffe auf andere zu nehmen, die leichter beschädigten auszubessern. Ihn dort zu überraschen, vernichtend zu überfallen, mußte das Ziel des Admirals Serrato sein.

Mit abgeblendeten Lichtern, in dichter Formation, stieß seine Flotte in weit nach West ausholendem Bogen vor.

Die roten Patrouillenschiffe merkten zu spät das Herannahen des Feindes. Noch ehe die auf der Insel sich erhoben, kampfbereit gemacht hatten, war Serrato heran.

Wohl warfen sich die ungeordneten roten Geschwader todesmutig dem Angreifer entgegen. Ein heißer, erbitterter Kampf entstand, und manches Schiff Serratos stürzte brennend ab. Doch auf die Dauer ließ der Widerstand der Roten immer mehr nach. Ihre Verluste wurden größer und größer.

Immer weiter umklammerten die Flügel der südamerikanischen Flotte den Feind ... schlossen sich zu einem Ring, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.

Über Coiba eingekesselt, sanken die letzten roten Schiffe in die Tiefe, auf den Felsen in feuriger Glut zerschellend. Und der Brand von ihnen fraß weiter, ergriff alles Brennbare. Ein paar Bomben noch auf die anderen Schiffe, die manövrierunfähig auf der Insel lagen, vollendeten die gänzliche Vernichtung.

Die Sieger näherten sich, so weit es möglich war, der Stätte des Todes. Die Riesengluten da unten verhinderten eine Landung.

Gegen Mittag kam auch die nordamerikanische Flotte in Sicht. Fand zu ihrer Überraschung, daß die Arbeit schon getan. Es blieb dem Unionsadmiral nur übrig, die Siegesdepeschen Serratos nach Washington zu bestätigen.

Hier wirkte die Nachricht zwiespältig. Man gönnte es den lateinischen Brüdern nicht, ohne Unionshilfe mit den Roten fertig geworden zu sein. Die Bestrebungen, eine nordamerikanische Hegemonie in Südamerika zu errichten, seit so vielen Jahren teils offen, teils versteckt zäh verfolgt, sie wären durch einen Sieg, bei dem die Waffen der Union in entscheidender Weise beteiligt, so sehr unterstützt worden. Jetzt würden die Gegner dieser Bestrebungen dort unten für geraume Zeit Oberwasser haben.

In Südamerika löste der allein erkämpfte Sieg ungeheuren Jubel aus. Admiral Serrato war der Held des Tages.

Noch lange leuchtete als Siegesfackel das brennende Coiba. Als der Brand erloschen, war, wo einst schönes, grünes Eiland gewesen, eine wüste, schwarze Trümmerfläche ... gemieden von Menschen und Tieren.

*

Sie standen zur Reise gerüstet.

»Es ist unmöglich, daß das Mädchen noch im Hause ist. Sie ist schon in der ersten Nacht entflohen, wenn es mir auch ein Rätsel ist, wie sie es bewerkstelligt hat. Wenn das Schicksal es will, werden wir ihr wieder begegnen.«

Dr. Stamford öffnete Gorm die Tür. Doch der zögerte. Seine Augen gingen wie suchend durch das Haus, als müsse die Tänzerin noch im letzten Augenblick erscheinen. Strich sich dann wie abwesend über die Augen.

»Was ist das, das alle meine Gedanken so an dieses Mädchen ... diese Bettlerin, fesselt? ... Schon beim ersten Erblicken ein Vibrieren innerster Nerven. Sind es Schicksalsfäden ... Bande, die mich an dieses Geschöpf ketten? Es muß so sein! Ich fühle es, soviel ich mich auch dagegen wehre.

Sie, der Sie so lange hier gelebt, so tief in die Mysterien dieses Landes geschaut, müßten es begreifen ... mich verstehen ...«

Stamfords Augen hafteten auf den vom überstandenen Fieber noch bleichen Zügen Gorms. Langsam kam es von seinen Lippen:

»Das Karma nennt es der fromme Buddhajünger hier im Lande, unwandelbar jedem von Anbeginn der Zeiten bestimmt. Es kann auch das Schicksal der einzelnen Menschen untrennbar verknüpfen. Die Bande trotzen dem Wechsel der Jahrtausende. Was auch kommen mag, die das Karma bindet, werden sich immer wieder finden.«

»Ich weiß es! Fühle, daß es nicht das bloße Mitleid ist, das ich für das Schicksal der Ärmsten hege, und finde keine Ruhe. Ich fühle, wie die Last ihres traurigen Schicksals sich auf meine Schultern legt, dulde und leide mit ihr.«

Stamford nickte. »Alles, was Sie sagen, verrieten Sie mir schon in Ihren Fieberträumen. Majadevi, die Tänzerin! ... Immer wieder kam der Name von Ihren Lippen.«

»Ich würde sie suchen über die ganze Welt, wenn mich nicht die andere, die große Aufgabe riefe.«

Der Diener Stamfords schritt mit ein paar leichten Koffern vorbei.

»Der Wagen ist da, Herr Doktor.«

»Kommen Sie, Freund! Denken Sie immer, daß das Karma nicht trügt. Vergessen Sie aber auch nicht, daß es sich nicht gegen seinen Willen meistern läßt ... Kommen Sie! Das Postschiff wartet nicht.«

In eiliger Fahrt brachte sie der Wagen zum Flugplatz. Das Schiff stand fahrtbereit, trug sie in schnellem Flug über die schneeigen Kämme des Himalaja, landete im oberen Industale in Dargu, bevor noch die Sonne merklich gesunken.

Auf Saumtieren erreichten sie noch am Spätabend Suru, ein einsames Lamakloster in den Bergen. Nach einer kurzen Begrüßung des Abtes, der Weland Gorm als alten Freund willkommen hieß, begaben sie sich zur Ruhe.

Am nächsten Morgen setzten sie die Reise fort. Immer steiler der Pfad, an rauschenden Wassern entlang. Jetzt ein einsames Seitental, allseitig von schneeigen Gipfeln eingeschlossen.

Da lag sie vor ihnen, die Stätte, an der Gorm, vor der Welt verborgen, seit Monaten schaffte. Sie waren in seiner Werft.

*

Die Bark »Constanza« lief mit Südkurs durch den Pacific. Es war der dritte Tag ihrer Reise von San Salvador nach Buenaventura. Auf der Höhe von Coiba meldete der Koch dem Kapitän, daß der erste Süßwassertank leer, der zweite leck und zum größten Teil ausgelaufen sei. El Capitan Miguel Garcia sah den Koch erst eine Weile sprachlos an. Als er die Sprache wiedergefunden, fluchte er eine Viertelstunde lang alle Donnerwetter des Himmels auf das Schiff, den Reeder, die Fässer herunter. Dann begab er sich in die unteren Räume, besah sich den Schaden und fluchte nochmals eine Viertelstunde. Der Koch, der den Vorschlag machte, Coiba anzulaufen, rettete sich nur durch einen Seitensprung vor dem Schlag, den ihm der Kapitän zugedacht.

Langsam stieg Garcia die Treppe wieder nach oben. Auf Backbord sah er mit bloßem Auge die Umrisse der Insel. Er überlegte lange. Der nächste Hafen, der in Betracht kam, war zu weit. Der geringe Wasservorrat hielt nicht so lange vor.

»Ruder hart backbord!« brüllte er dem Rudergast zu. Er erinnerte sich dunkel einer Bucht der Insel, wo gut an Land zu kommen war.

Eine Stunde später ließ die Bark eine halbe Seemeile vom Ufer entfernt den Anker fallen. Nur ungern hatte der Kapitän sich zu diesem Manöver entschlossen. Seit der großen Bolschewikenschlacht war das kleine Eiland in Verruf gekommen.

War auch die ganze Insel durch Feuer vollkommen verwüstet, so konnte er doch hoffen, ein paar Süßwasserbrunnen zu finden, denen das Feuer nichts angetan.

Ein Boot wurde flottgemacht, stieß an Land. Kapitän Garcia war selbst dabei. Mit einer halben Flasche Rum hatte er seine Bedenken beschwichtigt, den Fuß auf die verrufene Insel zu setzen.

Die kleine Expedition hatte Glück. An der Stelle einer früheren Fischereisiedlung unweit des Strandes fand man einen Brunnen, der genügend gutes Wasser gab. Während das Boot hin und her fuhr, das Naß an Bord zu bringen, streifte Kapitän Garcia am Strande entlang. Tiefer in das Innere wagte er sich trotz der Rumflasche nicht.

Ein weißschimmernder Fleck zog ihn an. Er ging darauf las, fand große Massen geschmolzenen Aluminiums, das von den roten Schiffen herrührte, die hier in Massen vernichtet waren. Der Gedanke kam ihm, ein Stück des Metalls loszubrechen und als Andenken mitzunehmen. Während er sich bemühte, einen Brocken zu lockern, fühlte er allmählich eine intensive Wärme unter seinen Sohlen, die ihn aufmerken ließ.

Er blickte nach unten. Da war nichts zu sehen. Wo er stand, war steiniger Boden. Nach einer Weile verspürte er die Wärme immer stärker. Verwundert bückte er sich, legte die Hand auf die Erde. Das Gestein war sehr warm.

Er tastete weiter um sich. Der Boden wurde bald wärmer, bald kälter. Endlich glaubte er die Richtung gefunden zu haben. Er machte ein paar Schritte nach vorn, bückte sich wieder, fühlte mit der Hand, zog sie mit einem Schrei zurück. Blies sich auf die Finger, als hätte er glühendes Eisen angefaßt. Sprang dann hastig ein paar Schritte zurück.

Kopfschüttelnd stand er da. Wußte keinen Rat. Was konnte das sein? Er faßte sich an den Kopf, ob er träume oder wache. Lief dann, so schnell ihn die Füße trugen, zu den Matrosen, die Wasser schöpften. Hieß die alles stehen und liegen lassen und mit ihm kommen.

Die folgten ihm langsam. Schüttelten den Kopf ... lachten. Der Brand war wohl eher im Kopf als in den Füßen des ehrenwerten Garcia. Der hatte aber ihre stichelnden Spottreden wohl gehört und dachte ingrimmig lächelnd: Werde euch schon das Lachen über euren Kapitän abgewöhnen, ihr Burschen!

Er führte sie zu der Stelle, wo der Boden am heißesten war. Kommandierte sie, zu gleicher Zeit ihre Hand auf das Gestein zu legen.

Eine Sekunde nur ... dann sprangen die mit lautem Wehgeschrei auf, taumelten erschrocken zurück, schlenkerten ihre Hände in der Luft, tanzten, als ständen sie auf glühenden Kohlen.

Don Miguel glaubte, in seinem Leben keinen so guten Spaß vollfuhrt zu haben. Er lachte ... lachte, daß ihm die Tränen über die runden Backen liefen.

Als endlich Ruhe geworden, standen sie in respektvoller Entfernung und sahen sich ratlos an. Keiner sprach ein Wort. Wußte doch keiner eine Erklärung.

Die Mannschaften des Bootes, das inzwischen wieder gelandet war, kamen auf den Anruf Garcias ebenfalls heran, und zur allgemeinen Freude wiederholte El Capitan denselben Scherz mit den Neuen. Dasselbe Schauspiel noch einmal.

Ein paar Ängstliche fingen an zu flüstern ... von bösen Geistern, die auf dieser Insel weilten ... das Wort ging von einem Ohr zum andern ...

Ohne Kommando ... Don Miguel an der Spitze, setzte sich die ganze Gesellschaft in beschleunigtem Schritte nach den Booten hin in Bewegung. Man vergaß in der Eile, die letzten Gefäße zu füllen, stieß ab und ging an Bord.

Dort machte das geheimnisvolle Abenteuer alsbald die Runde durch die Schiffsmannschaft. Die Anker gingen hoch, das Schiff setzte seinen Kurs nach Süden. Erst als die Insel außer Sicht gekommen, wagte man es, über den Spuk laut zu sprechen.

Drei Tage später lief die Constanza in Buenaventura ein. Garcia meldete das Erlebte dem Hafenkapitän, während die Mannschaft dafür sorgte, daß Hafen und Stadt in kurzer Zeit von dem Abenteuer erfuhren.

Die Abendzeitungen brachten schon in großer Aufmachung unter der Überschrift »Das Geheimnis von Coiba« die ersten Nachrichten. Durch Draht und Funk erfuhr es die ganze Welt. Doch nur wenige beachteten es.

Man begann erst interessiert aufzuhorchen, als einen Tag später von dem 50 000-Tonnen-Dampfer »Arkadia« die Radiodepesche in alle Welt ging und den Befund der Mannschaft von der Bark »Constanza« bestätigte.

Die »Arkadia«, auf dem Wege von Panama nach San Franzisko, machte auf Bitten des Professors Jefferson von der Universität Chikago unweit der Insel halt. Professor Jefferson wurde an Land gebracht, fand alsbald die Stelle, die durch die Aluminiumtrümmer kenntlich war. Die Entdeckung des Kapitäns Garcia wurde in jeder Weise bestätigt. Da die Dispositionen der »Arkadia« nur einen kurzen Aufenthalt gestatteten, konnte Professor Jefferson eine nähere Untersuchung nicht vornehmen. Der Bericht schloß: Es steht außer Zweifel, daß eine baldige wissenschaftliche Untersuchung des Phänomens dringend erwünscht ist. Schon jetzt kann gesagt werden, daß irgendwelche vulkanischen Einwirkungen nicht in Frage kommen können.

Der nächste Tag brachte bereits Pressenachrichten in großer Zahl. Alle möglichen gelehrten und ungelehrten Leute äußerten sich zu dem Fall. Die meiste Beachtung fand eine Erklärung des Professors Körte von der Berliner Universität, dessen Gutachten in folgenden Worten gipfelte:

»Wenn es auch ohne Untersuchungen an Ort und Stelle schwer möglich ist, eine bündige Erklärung abzugeben, so liegt der Verdacht doch sehr nahe, daß es sich hier um einen Atombrand handelt. Wie Kapitän Garcia und Professor Jefferson übereinstimmend aussagen, befinden sich dicht bei der heißen Stelle große Mengen von Trümmern zerstörter Flugschiffe.

Ich nehme an, daß die Apparate dieser Schiffe, durch Bombenwurf gleichzeitig zerstört, auch gleichzeitig ihre ganze Energie in solchen Mengen entluden, daß die Materie an dieser Stelle in ihrer Atomstruktur bis zum Zerbrechen erschüttert wurde.«

... Doch nur die Wissenschaftler erfaßten ganz den Ernst dieser Worte. Die große Menge ging ungläubig und uninteressiert darüber hinweg.

Auch die Nachricht, daß von dem Physikalischen Institut in San Franzisko eine Expedition nach Coiba geplant sei, fand wenig Beachtung.

Erst als einzelne Stimmen auch dies Vorkommnis mit Weland Gorm in Verbindung brachten, begann sich die öffentliche Meinung zu regen. Der tiefe Groll gegen Gorm bekam neue Nahrung.

Wo war der? ... Warum erschien er nicht vor der Öffentlichkeit, sich zu verteidigen? ...

Der großen Menge schien sein Schweigen ein Schuldbekenntnis zu sein. Kam er nicht freiwillig, mußte man ihn suchen ... gewaltsam vor den Richter bringen.

* * *

 

Wieder Frieden auf Erden. Auch in Rußland waren die letzten bolschewikischen Brände erstickt. Das Manifest des neuen Zaren klang verheißungsvoll. Die Weltpresse unterzog es eingehender Besprechung, und von überall kamen die Warnungen, nicht wieder wie bei der ersten Restauration zu handeln, sondern jetzt den schönen Worten auch Taten folgen zu lassen.

Die europäischen Zeitungen im besonderen erhoben ernste Warnungsrufe. Sie zeichneten nochmals die politische Lage, wie sie bei der ersten Wiederkehr des Zarentums war:

Restlose Ausrottung aller Bolschewiken. Blutige Verfolgung aller, die im leisesten Verdacht standen, den Kommunisten wohlgesinnt zu sein. Wiederherstellung der großen Latifundien durch Bauernenteignung. Die heiligen Versprechungen, daß die Landverteilung keine Änderung erfahren würde, waren unter nichtigen Vorwänden gebrochen, das internationale Kapital durch grausame Pogrome stark verstimmt worden. Alles Dinge, die den Boden für die zweite bolschewikische Revolution vorbereiteten.

Rußland ... Europa ... hatten die Zeche bezahlen müssen.

Jetzt erst fanden die Zeitungen Muße und Gelegenheit, sich mit der berühmten Mondfahrt Jonas Lees zu beschäftigen, deren Tag sich vor einigen Wochen zum drittenmal gejährt hatte. Man brachte in Erinnerung daran in größeren oder kleineren Aufsätzen die Geschichte dieser Expedition.

Jonas Lee, Professor am Physikalischen Institut der Universität Cambridge, hatte damals seinen langjährigen Plan verwirklicht, in einer Wasserstoffrakete zum Monde zu fliegen. Der Flug war mit großer Sorgfalt vorbereitet.

Schon in den Jahren vorher waren mehrfach unbemannte Raketen von verschiedenen wissenschaftlichen Instituten der Welt zum Mond abgeschossen worden. Waren dort auch größtenteils gelandet, wie ihre Blitzlichteinrichtungen zur Erde zurückmeldeten. Lee war der erste gewesen, der auch Raketen konstruiert hatte, die nach ihrer Landung auf dem Monde ein Geschoß zur Erde zurücksandten. Die Ausführung war verhältnismäßig einfach, da ja die Rückrakete nur die Schwerkraft des Mondes zu überwinden hatte, die sechsmal geringer als die Erdschwere ist. Allmählich war es ihm auch gelungen, diese Rückraketen durch Bremsvorrichtungen derartig zu verbessern, daß sie vollkommen unversehrt wieder auf der Erde landeten.

Als diese Experimente wieder und immer wieder glückten, ja sogar Tiere, die in die Rückrakete eingesperrt waren, munter und gesund zurückkamen, glaubte er die Zeit gekommen, zum Bau einer bemannten Rakete schreiten zu dürfen.

Es gab zwar Wissenschaftler, die doch noch starke Zweifel äußerten, aber der kühne Geist Lees überwand alle Bedenken. Die Mittel flossen ihm von allen Seiten reichlich zu.

Der 28. Februar war der schicksalsschwangere Tag. Unter der Teilnahme der ganzen Menschheit, vor den Augen einer ungeheuren Zuschauermenge stieg die Rakete, die außer Lee noch vier Gefährten an Bord hatte, zum Mondgestirn empor. Die Flugdauer dorthin war unter Berücksichtigung der geringeren Start- und Landungsgeschwindigkeiten auf zwei Tage errechnet worden.

Die beiden Tage verstrichen unter atemloser Spannung der Welt. Die Riesenrohre aller Sternwarten waren auf den Punkt an der Schattengrenze der Mondsichel gerichtet, an dem Lee planmäßig landen wollte. Der Punkt war derart ausgewählt, daß die dort gelandete Expedition den volle vierzehn Erdentage währenden Mondtag für ihre Forschungen zur Verfügung haben mußte.

In der Tat waren 48 Stunden nach dem Aufstieg Lichtsignale beobachtet worden, die nur von Lee kommen konnten. Ihre Ausgangsstelle lag aber fast 20 Breitengrade nördlicher als der Punkt, an dem die Landung planmäßig vor sich gehen sollte. In einer Zone, wo die Wärme des langen Mondtages kaum noch den Nullpunkt überschreiten konnte. Bis auf diesen Umstand war die erste Hälfte des Fluges offenbar geglückt. Man beobachtete Lees Lichtzeichen, bis seine Landungsstelle in den vollen Sonnenschein trat und weitere Lichtsignale unmöglich wurden.

Doch vergeblich wartete man auf die Rückkehr der kühnen Weltraumfahrer. Auch Lichtsignale wurden später, als die Landungsstelle schon wieder im Dunkel lag, nicht mehr beobachtet. Man wußte, wieviel Vorrat an Lebensmitteln und Atmungsluft die Rakete mitgenommen hatte. Wußte danach mit Sicherheit, wie lange ein Aufenthalt auf dem Monde möglich war.

Nach dem Ablauf einer aufs äußerste bemessenen Frist mußte man es als sicher betrachten, daß die kühnen Reisenden ihr Unternehmen mit dem Leben bezahlt hatten.

Doch es dauerte noch lange, bevor das allgemeine Interesse abflaute. Bestand doch immerhin die Möglichkeit, daß Lee doch glücklich vom Mond abgekommen und auf der Erde gelandet sei. Aber in einer Gegend, die noch fern von jedem Verkehr lag, so daß eine Kunde lange Zeit brauchte, um zu den Menschen zu dringen.

Jetzt war auch diese Hoffnung längst hinfällig geworden. Doch als vor zwei Wochen der Erinnerungstag wiedergekommen war, hatten die Zeitungen es nicht versäumt, die Erinnerungen an jenen kühnen Versuch wieder wachzurufen, der der einzige dieser Art geblieben war. Wohl hatte man sich auch an anderen Orten der Welt mit gleichen Plänen getragen, die Arbeiten teils schon begonnen. Das Schicksal Lees nahm allen den Mut. Kein anderer wagte es, den Flug zu wiederholen.

*

Am 14. März stand im Morgenblatt der »Times« im lokalen Teil folgender Polizeibericht:

»London, den 14. März. Heute früh in der vierten Morgenstunde wurden auf einer Bank im Hydepark die Leichen von fünf unbekannten männlichen Personen gefunden. Todesursache unbekannt.«

Das Mittagsblatt der Zeitung brachte anknüpfend an diesen Bericht einen neuen:

»London, den 14. März. Der Coroner hat als Todesursache bei den fünf heute früh im Hydepark Gefundenen Tod durch Erfrieren festgestellt. In den Kleidern eines der Toten wurde eine Brieftasche gefunden, die früher einmal im Besitz des Professors Jonas Lee gewesen sein muß.«

Das Abendblatt brachte auf der ersten Seite über den Vorfall unter einer breitgedruckten Überschrift:

» Rätselhafte Mystifikation«

folgenden Bericht:

»Bei einem der Toten wurde ein Tagebuch gefunden. Der Inhalt ist so geschrieben, als ob der Besitzer eine Fahrt zum Mond gemacht und dort nach längerem Aufenthalt den Tod gefunden hätte. Wären die Aufzeichnungen nicht als grobe Mystifikation zu betrachten, so müßte der Tote Professor Jonas Lee selbst sein.«

Diese Meldung, die auch in anderen Zeitungen stand, erregte großes Aufsehen und wurde viel besprochen. Die Zeitungsredaktionen bombardierten das Polizeipräsidium mit Anfragen, doch das lehnte weitere Erklärungen vorläufig ab.

Die zehnte Abendstunde war eben angebrochen, als in allen Redaktionen das Telephon schrillte:

»Hier Pressebüro des Polizeipräsidiums. Die fünf Toten aus dem Hydepark sind rekognosziert als Professor Jonas Lee und seine Begleiter. Verwandte und Freunde haben sie mit Sicherheit wiedererkannt. Die Autopsie hat den ersten Befund: Kältetod, bestätigt.«

Kaum hatten die Redaktionen die Nachricht für den Druck weitergegeben, sausten schon die Reporter in Kraftwagen zum Polizeipräsidium. Galt es doch, für die Morgenblätter ausführliche Berichte über dies unglaubliche Ereignis zu bringen.

Zur selben Stunde hatte auch die Welle des Radio die Nachricht über die ganze Welt verbreitet, wo sie bis in die entferntesten Gegenden hinein größtes Aufsehen erregte. –

»Meine Herren«, der Polizeipräsident begrüßte die dichtgedrängte Schar der Berichterstatter, die sein Amtszimmer bis auf den letzten Platz füllten. »Meine Herren, ich möchte vermeiden, irgendeine persönliche Erklärung über das außerordentliche Geschehnis abzugeben. Ich will Ihnen den Fall von seiner ersten Meldung an genau erzählen und überlasse es Ihnen, Ihre Schlüsse zu ziehen ... vielleicht, daß es irgendeinem von Ihnen gelingt, eine einigermaßen plausible Erklärung zu finden. Ich selbst muß gestehen, daß ich vergeblich die Lösung des Rätsels versucht habe.

Also hören Sie bitte!

Ich kam, wie üblich, heut morgen gegen 8 Uhr hierher, erledigte schnell das Dringlichste und nahm dann die Berichte der einzelnen Polizeiwachen über die Vorfälle der Nacht in die Hand. Atmete erleichtert auf, als ich zu Ende war und nichts von Belang entdeckt hatte. Dem Bericht von der Auffindung der fünf Leichen hatte ich wenig Bedeutung beigelegt. Ich fragte, ohne mir viel dabei zu denken, beiläufig meinen Sekretär, ob es in der Nacht sehr kalt gewesen sei. Der verneinte. Behauptete, es wäre so um null Grad gewesen.

Das machte mich stutzig. Ich las noch einmal den Bericht jener Polizeiwache. Da stand zum Schluß: ›anscheinend erfroren‹. Nun, daß fünf erwachsene Männer bei null Grad auf einer Bank erfrieren, erschien mir wenig glaubwürdig. Ich verlangte den Bericht der Wetterwarte. Der bestätigte, daß das Thermometer in der Nacht nur einen halben Grad unter Null gesunken war.

Der Fall begann mich zu interessieren. So, daß ich selbst zum Schauhaus fuhr, ihn näher zu untersuchen. Zu meinem Erstaunen bestätigte der Arzt des Schauhauses als Todesursache Kältetod.

Ich wollte mir eben die den Toten abgenommenen Sachen ansehen, da erreichte mich die Nachricht von jenem Vorfall ... Sie wissen ja, der Mord an Lord Milligan ... und zwang mich, sofort dort hinzufahren. Es wurde Nachmittag, bevor ich zum Schauhaus zurückkam. Ich ließ mir die Hinterlassenschaft der fünf Männer bringen.

Wäre nicht jeder Gedanke, daß man jemals etwas von der Leeschen Expedition wiedersehen würde, absurd gewesen, würde ich selbstverständlich nach diesen Papieren die Toten agnosziert haben. So mußten wir an eine Mystifikation glauben. Doch je länger ich mich mit den Papieren beschäftigte, desto größer wurden meine Zweifel. Das Nächstliegende war, Verwandte, Freunde der Toten, die Namen waren uns ja bekannt, herbeizurufen. Ich tat das. –

Meine Herren! Sie können versichert sein, daß mich selten etwas so erschüttert hat wie der Augenblick, in dem Lees Witwe an die Leiche ihres Gatten trat ... sich mit einem Schrei darüberwarf ... in Weinkrämpfe verfiel.

Nun bestand kein Zweifel mehr. Ähnliche Szenen spielten sich ab, als Freunde und Verwandte in den anderen Toten die Teilnehmer der Expedition wiedererkannten.

Nachdem die grenzenlose Überraschung, die ungeheure Erregung ein wenig gewichen, begegneten wir uns alle in der Frage: Wie kamen die Toten in den Hydepark?

Meine Herren! Das Rätsel der Leeschen Expedition dürfte mit diesem tragischen Abschluß gelöst sein. Bliebe die neue Frage, das neue, noch größere Rätsel:

Wer brachte die Leichen nach London?

Meine Herren, ich bin gespannt auf Ihren Bericht in den Morgenblättern. Es bleiben Ihnen noch drei Stunden, Ihren Scharfsinn zu versuchen.«

* * *

 

»Nein, mein lieber Sidney! Santa Marguerita verkaufen ...? Das muß ich mir noch sehr überlegen! So schnell gibt man einen Besitz nicht auf, den der Urgroßvater gerodet. Du weißt doch ... Señor Canning bot mir das Doppelte des Wertes, und doch tat ich's nicht ... auch auf die Gefahr hin, mir seine bittere Feindschaft zuzuziehen.

Der Brand auf Coiba soll auch die Pampas bedrohen? – Nun, ich denke, diese Mär wird wenig Glauben finden, und wenn auch tausend Sachverständige es behaupten.

Ich will deinem Freunde Weland nicht zu nahe treten. Wissenschaftliche Irrtümer sind ja schon öfter passiert ... wäre doch schade um die gute alte Erde, wenn sie ausgerechnet auf ihre alten Tage, statt weiter zu erkalten, wieder glühend werden sollte ...«

Er lachte aus vollem Halse. Auch die sechs anderen Männer in dem Raume, des alten Stamford Söhne, stimmten in das Gelächter ein. Lachten, wie nur solche Riesengestalten lachen konnten.

»Übrigens ein merkwürdig schweigsamer, düsterer Geselle, dein Freund Weland! Ist er immer so?«

Sidney Stamford wollte antworten: Nein! Erst seit er den Brand auf Coiba gesehen, hat sich sein Wesen verändert. Doch er hielt seine Worte zurück. Wußte er doch, daß die anderen ihn nicht verstehen würden. So sagte er leichthin:

»Er hat viel Schweres erlebt ... lassen wir ihn!

Doch jetzt will ich nach Buena Vista zu van der Meulen 'rüberreiten. Zum Abend werde ich wieder hier sein.«

*

Während Sidney Stamford an der Parkmauer von Buena Vista entlangritt, spähte er angestrengt durch das grüne Gewirr der Blätter. Vielleicht, daß er Violet sehen, sie allein sprechen konnte. Ein Abschied auf längere Zeit stand bevor.

Gorm ... er hatte ihn bei seinen Verwandten unter dem Namen Weland eingeführt ... Gorm ... Neues, Unerhörtes plante der. Sein Riesengeist trug sich mit Unternehmungen, vor deren Größe und Kühnheit Sidney Stamford verstummte.

In jenen Tagen von Lahors hatte der Einsame, Verbitterte in seinem Lebensretter einen Freund gefunden, dem er sich rückhaltlos offenbarte. Nur langsam faßte der's ... Und als ihm aufgegangen, was Gorm gefunden und ersonnen, hatte er sich ihm rückhaltlos, mit Haut und Haar verschrieben.

Und doch ... als er um sich schaute ... überblickte, was er aufgeben, verlassen mußte ... tauchte immer wieder die geliebte Gestalt Violets auf. Sie noch einmal sehen, noch einmal sprechen, sein Herzenswunsch.

Und es traf sich gut. Die kurze Fahrt zum Monde, von der sie die Opfer der verunglückten Expedition nach London zurückbrachten, war als Probefahrt gedacht. Doch bevor ein neuer Flug unternommen, wollte Gorm selbst nach Amerika fahren. Die Nachricht von Coiba beunruhigte ihn. Die Reise nach dem Gran Chaco ließ sich damit leicht verbinden.

Der Besuch in Coiba! ... Gorms Befürchtungen erwiesen sich nur als zu gerechtfertigt ... er fand den Atombrand, sah die große Gefahr und sah kein Mittel, sie zu bannen. Erschüttert, entmutigt stand er auf dem verhängnisvollen Eiland.

Sidney Stamford wollte die Gefahr nicht für ganz so groß halten. Sein Glauben an Gorm ließ ihn nicht verzweifeln. Immer wieder versuchte er sich mit dem Gedanken zu trösten, daß der doch vielleicht einmal einen Weg finden würde, dies Unheil aus der Welt zu schaffen.

Violet ... er hielt sein Pferd an. Durch das Laubdach einer Sykomore, deren Äste bis zum Boden niederhingen, schimmerte es weiß.

Violet oder Hortense? Eine der beiden mußte es wohl sein. Er machte sein Pferd fest, sprang auf gut Glück über die Mauer, näherte sich vorsichtig dem Baume. Nichts regte sich. Behutsam bog er die Zweige auseinander ... sah Violet, die in einer Hängematte eingeschlummert war.

Leise trat er auf sie zu, wollte sie wecken. Da übermannte ihn das Gefühl. Er beugte sich zu der Schlafenden hinab ... küßte sie auf den Mund.

Die richtete sich erschrocken auf, wollte einen Schrei ausstoßen, da schloß er ihr mit einem neuen Kuß den Mund.

»Ich bin's, liebe kleine Violet!« flüsterte er, »Sidney Stamford.«

»Sidney!?« ... Ohne zu wissen, was sie tat, schlang sie ihre Arme um seinen Hals ... hörte trunken von Glück die Worte des Mannes. –

Erst der Ruf »Violet!«, von fernher klingend, riß sie aus ihrem Rausch. Und als käme ihr jetzt erst zum Bewußtsein, was geschehen, wandte sie sich, von dunkler Röte übergossen, zur Seite. Tränen standen in ihren Augen.

»Liebe kleine Violet!« klang's wieder in ihr Ohr. Sein Arm legte sich um ihre Schulter. Doch da riß sie sich los, lief wie gehetzt auf das Haus zu.

Langsam folgte ihr Stamford. Als er um den Weiher bog, klang's von der Seite her:

»Hallo, Dr. Stamford! Hallo!«

Er wandte sich um, sah Hortense auf sich zukommen. Schnell war er bei ihr, begrüßte sie mit herzlichem Händedruck.

»Wo kommen Sie her, Doktor? Wir glaubten Sie tief in Indien.«

»Es traf sich, daß ich mit einem Freunde nach den Staaten fahren mußte. Nun, ich benutzte die Gelegenheit, meine Verwandten in Santa Marguerita zu besuchen.«

»Und erinnerten sich auch Ihrer alten Freunde hier. Das ist nett von Ihnen. Die kleine Patientin von damals wird sich freuen, den Freund Doktor wiederzusehen. Wir anderen, Violet und ich ... mein Vater ist zurzeit nicht hier ... natürlich ebenfalls. Doch wie kamen Sie in den Park? War das Tor auf?«

Stamford geriet in schwere Verlegenheit.

»Nein!« sagte er so harmlos wie möglich, »ich sprang über die Mauer, den Weg abzukürzen.«

»Ah! Dann müßten Sie eigentlich Violet begegnet sein. Haben Sie sie nicht gesehen?«

Einen Augenblick suchte Stamford nach Worten. Warf dann den Gedanken an eine Ausflucht beiseite.

»Ja, Miß Hortense! Ich gestehe es, ich traf Violet.«

»Und ...?« fragte Hortense mit verstecktem Lächeln.

»Ja ... und dann ... lief sie plötzlich fort.«

»Sie lief fort? ...« Hortense weidete sich an der Verlegenheit Stamfords, »das finde ich merkwürdig, einen lieben Besuch so schlecht zu behandeln ... Oder sollte sie Gründe haben? Ich sehe, mein lieber Doktor, Ihre Verlegenheit deutlich auf Ihrem Gesicht ... nun, wir werden sehen.

Doch jetzt erzählen Sie von Ihren Reisen. Sie werden manches Interessante gesehen, erlebt haben.«

Der, froh, auf ein anderes Thema zu kommen, erzählte in seiner frischen Weise von seinem indischen Aufenthalt, während sie auf das Haus zuschritten. Als sie es betraten, war es Stamford nicht ganz wohl ums Herz.

Violet! ... Wie würde sie? ...

Hortense mochte wohl seine Gedanken erraten haben. Sie ließ Stamford durch einen Diener in den Gartensaal geleiten, schickte dann Violet mit einem Auftrag dorthin.

Als sie dann eine Zeitlang später anklopfte, erscholl ihr ein doppelter froher Gruß entgegen. Sie konnte zwei Glücklichen die Hand schütteln.

*

An der Spitze des Waldes, der sich wie ein Keil in die Canningsche Besitzung einschob, stand Gorm. Er hatte zu Pferd die weiten Fluren Santa Margueritas in stundenlangem Ritt durchstreift ... loszukommen von den peinigenden Gedanken an Coiba ... Vergeblich! ... Der Druck lastete unvermindert auf ihm.

Auch das würde man ihm als Schuld anrechnen! Er kannte die Welt nur zu gut. Geächtet, verfemt, mußte er sich unter fremdem Namen in Freundeshaus bergen, während der wahre Schuldige hier vor ihm in ungestörtem Reichtum und Glück lebte.

Wie war der in den Besitz seiner Berechnungen gekommen? Ein Teufel mußte ihm das Mittel gegeben haben! Er fand, solange er auch schon darüber grübelte, keine Erklärung. Und er mußte sie finden ... sonst würde es ihm nie gelingen, sich von der Schuld frei zu machen, die die Welt auf ihn warf ... den wahren Schuldigen zu entlarven.

Er hatte sein Pferd angebunden. Stand an einen Baum gelehnt. Lange ... lange.

Der Anblick der lachenden, reichen Fluren, die der mit dem Judaslohn erworben, ließ ihn sich verzehren vor Bitterkeit, Haß. Immer wieder dazwischen der Gedanke ... wo finde ich den Schlüssel, der diesem Schurken mein Geheimnis erschloß? ...

Der blutrote Glanz der untergehenden Sonne mahnte ihn zum Aufbruch. Er war, ohne auf den Weg zu achten, durch die Pampas geritten. Trat jetzt die Dunkelheit ein, mußte es schwer sein, den Rückweg zu finden. Er stieg aufs Pferd und wandte sich nach Süden. War er erst einmal aus dem dichten Walde, konnte er die Richtung leichter einhalten. Eine kurze Zeitlang würde ihm die Sonne die Himmelsrichtung noch weisen.

Als er den Wald hinter sich gelassen, war das Tagesgestirn verschwunden. Schnell wachsende Dunkelheit umfing ihn. Auf der offenen Pampa setzte er sein Pferd in stärkere Gangart, ritt auf gut Glück in südlicher Richtung.

Er war schon lange geritten. Mußte nach seiner Berechnung die Häuser von Santa Marguerita längst erreicht haben. Doch nichts war zu sehen.

Er mußte sich verritten haben. Hielt an, überlegte. Sah nach dem Himmel. Vielleicht, daß die Sterne ihm die Richtung geben konnten. Doch die waren von dichten Wolken bedeckt.

Beim Umschauen glaubte er zu seiner Rechten weit in der Ferne einen Lichtschein zu sehen. Vielleicht ein Hirtenfeuer dort? Er wandte das Pferd, ritt darauf zu. Und als ob es fühle, daß dort Menschen, setzte sich das Tier von selbst in schnellere Bewegung ...

Eine halbe Stunde war er geritten, da sah er auf einer leichten Bodenerhebung deutlich das Feuer, sah auch im Hintergrunde die dunklen Massen weidenden Viehs. Vaqueros! Kein Zweifel, nun war er aller Sorge enthoben.

Jetzt war er so nahe herangekommen, daß er schon die Stimmen der um das Feuer Lagernden zu verstehen glaubte. –

Da hielt er das Pferd jäh an. Von einer klaren, festen Männerstimme in die dunkle Nacht gesungen, klang ein altes deutsches Seemannslied, das er in seinen jungen Tagen in der Heimat, den friesischen Halligen, selbst gesungen.

Die heimatlichen Laute ... hier tief im Gran Chaco ... sie trafen ihn, rührten sein Innerstes auf. Er hielt, bis der letzte Ton verklungen, bis der wohlige Bann, der sich um ihn gelegt, wich. Dann ließ er ein lautes Hallo erschallen, ritt näher heran.

Bei dem Anruf waren ein paar wilde Gestalten, die um das Feuer gelagert, aufgesprungen, starrten verwundert den Reiter an.

Der sprang ab.

»Hein Tietjen set bi sinen Soot«, rief er, den Refrain des Liedes wiederholend.

»Landsmann?!« Einer kam ihm entgegengelaufen, überstürmte den Ankommenden mit einer Flut von Fragen in friesischem Platt.

Gorm stand Rede und Antwort ... Man lud ihn ein, am Feuer niederzusitzen. Doch er lehnte ab. In Santa Marguerita würde man ihn schon vermissen ...

»Unmöglich für Sie, Herr Weland, wenn ich Ihnen den Weg auch noch so gut beschreibe. Ich reite mit ... bringe Sie bis ans Haus. Wäre noch schöner, wenn Tim Bröker einen Landsmann in den Pampas sitzen ließe.

Zwei Stunden hin ... eine Stunde zurück ... vor Mitternacht bin ich wieder hier.« –

Sie trieben ihre Pferde an.

»Warum nehmen wir hinzu den weiteren Weg?«, fragte Gorm.

»Weiter ist der Weg nicht ... Es ist ja hin und her derselbe ... Ah so! Jetzt verstehe ich Sie ... Sie denken an zwei Stunden und eine Stunde ... Nun, das ist sehr einfach. Hinzu reiten wir im Schritt. Da können wir um so länger snacken. Rückzu geht's Galopp.«

Gorm mußte lachen. Das Plaudern des Landsmannes tat ihm wohl, verscheuchte die finsteren Gedanken. Sie kamen nach Santa Marguerita, ehe er's dachte.

Aus dem etwas verworrenen Gespräch hatte Gorm so viel entnommen, daß sein Begleiter mancherlei Schicksale durchgemacht ... Ein Allerweltskerl! ... Halb Mechaniker ... Schlosser ... Techniker ... Seemann ... Luftfahrer. Bald hier, bald dort. Zuletzt von einem deutschen Schiff in Buenos Aires weggelaufen. Er hatte einem Maat eine handgreifliche Antwort gegeben ... Keine Papiere für die Heimfahrt. In Buenos Aires in allen denkbaren Stellungen, war er schließlich als Vaquero gelandet ...

Sie waren an der Umzäunung der Hazienda angekommen. Tim Bröker donnerte gegen das Tor. Die Hunde schlugen an, Schritte näherten sich.

Es war einer der Söhne Stamfords, der den verspäteten Gast einließ. Man hatte sich wegen seines langen Ausbleibens schon Sorge gemacht. Mit ein paar herzlichen Worten verabschiedete sich Gorm von Tim Bröker. Versprach, ihn, bevor er fortfuhr, noch einmal wiederzusehen. –

Die anderen hatten sich schon zur Ruhe begeben. Gorm und Sidney Stamford saßen allein. Jeder hatte seine Erlebnisse erzählt. Jetzt wollten sie auch zur Ruhe gehen. Zerstreut griff Sidney Stamford nach der Zeitung. Ließ flüchtig die Augen über die Seiten gleiten.

Da! Seine Faust fiel schwer auf den Tisch. War's möglich?

Gorm schaute verwundert auf den Freund, der in sichtlicher Erregung war.

»Was ist Ihnen, Stamford?«

Der ließ die Zeitung sinken. Erstaunen, Betroffenheit kämpfte in seinen Zügen.

»Eine sonderbare Nachricht, Gorm. Majadevi ...«

»Majadevi? Was ist mit ihr?« unterbrach ihn der erregt.

»Hören Sie, was hier steht:

›Buenos Aires. In der Psychologischen Vereinigung tritt seit einigen Tagen der indische Joghi Sarata mit seinem Medium Majadevi auf ... Die Vorstellungen, die vor einem großen Kreis erster Personen stattfinden, erregen das größte Aufsehen ... die Leistungen des Mediums grenzen an das Wunderbare ...‹«

»Wär's möglich?« Gorm ergriff die Zeitung, las selbst die Nachricht, strich sich über die Stirn, schloß die Augen.

»Karma! ... Das Karma ...« hörte er die Stimme des Freundes, »es läßt die nicht auseinanderkommen, die seinen Ruf vernommen. Hören sie ihn noch klingen, dann folgen sie dem Gebot.«

Gorm war aufgesprungen.

»Ich fühle die Last stärker als je ... dieses Mädchen ... Majadevi ... wo ich auch immer bin, meine Gedanken kommen nicht los von ihr.«

»So werden wir morgen nach Buenos Aires fahren. Wir werden einer Sitzung beiwohnen. Was dann weiter geschehen wird ... nur das Karma weiß es.«

*

England war stolz darauf, die erste Helikopterensternwarte der Welt zu besitzen. Über dem Meridian von Greenwich stand sie in fünfzehn Kilometer Höhe bewegungslos im Äther, von Helikopterenschrauben gehalten und getragen. Ein gewaltiger Bau aus Aluminium und Glas, der ein vollkommenes Observatorium mit den stärksten Teleskopen enthielt. Im Wetteifer mit anderen Ländern hatte England ein solches Wunderwerk zuerst fertiggestellt. Die deutsche und die amerikanische Helikopterenstation konnten erst einige Zeit später in Betrieb genommen werden.

Für die astronomische Forschung bedeuteten diese Stationen einen ungeheuren Fortschritt. Hier oben, jenseits von Wind und Wetter, über atmosphärische Störungen erhaben, in dünnster, schlierenfreier Luft, konnte man bei den teleskopischen Beobachtungen Vergrößerungen stärksten Ausmaßes benutzen. Das Auge des Beobachters sah hier die Objekte der Sternenwelt zwanzigtausendmal näher, als sie wirklich waren. So manche Erscheinung, so lange ein Streitobjekt, mußte jetzt ihre Erklärung finden.

In der großen Kuppelhalle der Greenwicher Helikopterenwarte. Professor Moore trat vom Okular des großen Refraktors zurück.

»Nun, mein lieber Lee, sind wir in der Lage, ziemlich genau die Stelle der Mondoberfläche zu sehen, an der Ihr Oheim Jonas Lee scheiterte.«

Während der Professor sich entfernte, begab der junge Gelehrte sich an das Okular. Er hatte die Tagebuchaufzeichnungen seines Oheims wohl im Gedächtnis. Dort an jener Stelle, wo eine steile Kraterwand zackige Schatten warf, mußte der Ort der Katastrophe sein. Doch vergeblich spähte er nach Überresten der verunglückten Rakete.

Ein Stück mangelhaften Materials an einer der seitlichen Steuerdüsen war die Ursache der Katastrophe gewesen. Das Schiff war durch das unregelmäßige Arbeiten der Düsen aus der planmäßigen Richtung weit nach Norden getrieben. Ferner entsprang daraus ein übermäßig hartes Aufsetzen bei der Landung.

Die Insassen waren aber doch mit heilen Gliedern davongekommen. Voll böser Ahnungen hatten sie sich an die Untersuchung der Rakete gemacht. Schon glaubte man, daß die Einrichtungen unversehrt seien, gab der Welt durch Lichtsignale von der glücklichen Ankunft Kunde, da entdeckte Jonas Lee, daß die Wasserstoffflaschen leck geschlagen waren.

Über das, was da oben weiter geschehen, schwieg das Tagebuch.

Die letzten Aufzeichnungen, die Lee mit zitternder Hand geschrieben, lauteten:

»Alle meine Gefährten tot ... ich der letzte Überlebende ... Noch Sauerstoff für eine Stunde – – –«

Die Zeit von der Landung bis zum Tode ... wie furchtbar, wie schrecklich mußte sie für Jonas Lee und seine Genossen gewesen sein!

Und dennoch! ... Ronald Lee trat zur Seite, blickte in das schimmernde Firmament ... und dennoch ... Wenn auch hundertfältiger Tod auf dem Wege zu euch lauert ... keine Gefahr wollte ich scheuen, zu euch zu gelangen ... den Schleier des Geheimnisses, der euch umgibt, zu lüften ...

Wie einen Gott beneide ich diesen Unbekannten, der eine Macht besitzt, die ihn hin und her trägt. Den Unbekannten, der die fünf Todesopfer zurück zur Heimat brachte.

War's überhaupt ein Bewohner dieser Erde? ... War's einer, der aus Weltenfernen kam? – – –

Sein Dienst war zu Ende. Das Verbindungsschiff brachte Ronald Lee nach London zurück. Hier rief ihn ein Brief der Witwe von Jonas Lee nach deren Heim – – –

Er saß ihr gegenüber. Vor ihm ein verschnürtes Bündel von Dokumenten mit der Aufschrift: »Nach meinem Tod meinem Neffen Ronald Lee zu übergeben.«

Erst nachdem sie die Leiche ihres Gatten mit eigenen Augen gesehen, waren die letzten Hoffnungen der Witwe geschwunden. Jetzt erst hatte sie die Kraft gefunden, den Schreibtisch des Verstorbenen zu öffnen, in dem, wie er ihr gesagt hatte, sein Nachlaß verschlossen war. Unter anderem hatte sie auch dieses Bündel gefunden, hatte Ronald Lee zu sich gerufen. –-

Und dann saß der allein in dem Zimmer, knüpfte mit zagen Händen das Band auf, das das Bündel umschlang ...

Saß und las ... Der Abend brach herein, als er das letzte Blatt aus der Hand legte.

Welche seelische Not ... welche furchtbaren Zweifel mußten Jonas Lee die letzten Wochen vor seinem Flug gequält haben! Diese Blätter hier erzählten viel mehr, als die nackten Worte sagten – –

Auch das war jetzt klar. Der Unbekannte, der zum Mond gefahren, dabei auf der Rückreise die Toten mitgenommen – – kein anderer als Weland Gorm konnte es sein ... wieder eine Tat dieses Genies! Und der ... allen Ruhm verschmähend ... verschwieg sie, hielt seinen Namen im Dunkeln.

Unbegreiflich! ... Nur so zu erklären, daß der ... verbittert, angeekelt ... durch das Geheul der Meute, die ihn als Schuldigen ächten wollte, es verschmähte, der Menschheit Kunde zu geben von seinem neuen Erfolg ...

Tragik über Tragik. – –

Kurze Zeit vor dem Tag der Abfahrt war Weland Gorm, der alte Freund Lees, zu ihm gekommen ... die Unterredung der beiden Männer ... welche Stunden für Jonas Lee ...

Gorm war gekommen, ihn zu warnen ... zu warnen vor dem gefährlichen Weg ... ihm den gefahrloseren zu zeigen. Ein Raumschiff, getrieben vom Elektronenrückstoß ... ein sicheres, besseres Mittel, die Fahrt zu unternehmen. Gorm hatte bei der Weiterentwicklung seiner Erfindung diesen Weg entdeckt. Er selbst ... mit anderen Plänen im Kopf ... wollte das Problem erst später verwirklichen. In Sorge um den Freund war er zu ihm geeilt, hatte ihm selbstlos seine Ideen und Berechnungen zur Verfügung gestellt, in der Hoffnung, Lee von dem gefährlichen Flug mit einer Wasserstoffrakete abzuhalten.

Der hatte staunend den Freund beglückwünscht. Der Gormsche Weg ... die Lösung des Problems! ... So klar, so einleuchtend! ... Gewiß, ein Raumschiff, danach gebaut, mußte viel schneller ... viel sicherer seinen Weg machen. Bot auch Aussichten auf viel längere, weitere Fahrten.

Er hatte Gorm allein gelassen, war mit sich selbst zu Rat gegangen ... Die eigenen Pläne verwerfen? ... In letzter Stunde vom Flug zurücktreten? ...

Das Lachen der Welt! ... Es klang ihm schon in den Ohren ... Er als Feigling verspottet! ... Andere, Kühnere, die an seiner Statt das Wagnis unternahmen ... das Ziel erreichten ...

Dann war er zu Gorm zurückgekehrt.

»Ich fliege doch! Mag's kommen, wie es wolle!«

Vergeblich hatte der nochmals versucht, den Freund umzustimmen. Der war fest geblieben.

Gorm war geschieden. Hatte seine Formeln dagelassen. Vielleicht, daß Lee doch noch anderen Sinnes wurde, wenn er in ihrem Besitz blieb. – – –

Diese Berechnungen – ihm vom Oheim überkommen – er durfte frei über sie verfügen. Stand es doch da ausdrücklich geschrieben:

»Es ist Gorms Idee, die ich in den Nächten vor meinem Flug durchgerechnet und bis zur Konstruktion geformt ... komme ich nicht zurück, gehören sie dir! Du wirst der sein, der den Namen Lee besser, glücklicher zu Ruhm und Erfolg führt ...«

Betäubt ... fassungslos starrte Ronald Lee in die Weite.

Die Idee, die er schon so lange in sich getragen ... hier wurde ihm die Möglichkeit einer Verwirklichung geboten ... Und Gorm? – –

*

Trotz seiner Beziehungen in Buenos Aires war es Dr. Stamford doch nicht möglich gewesen, Zutritt zu den Darbietungen des Inders zu erlangen. Alle Karten zu den letzten Vorstellungen waren im voraus vergriffen. Erst in letzter Stunde glückte es ihm noch, zwei Bekannte zu veranlassen, ihm ihre Karten abzulassen.

Sie waren unter den Letzten, die in den kleinen Saal traten. Hatten gehofft, daß die Vorstellungen bei abgeschwächtem Licht vor sich gehen würden, denn sie wollten es unbedingt vermeiden, von Sarata und Majadevi erkannt zu werden. Für alle Fälle hatten sie sich jedoch so gut wie möglich unkenntlich gemacht, wenngleich dies nicht genügte, einen, der sie gut kannte, auf die Dauer zu täuschen. Leider war der Saal beleuchtet wie immer und würde es auch, wie sie hörten, während der Vorstellung bleiben. Es gelang ihnen jedoch unschwer, weit zurückliegende Plätze zu bekommen. Es waren ungefähr dreißig bis vierzig Personen in dem Raum.

Mit dem Glockenschlag öffnete sich eine im Hintergrund gelegene Tür. Sarata trat ein, hielt in schlechtem Englisch eine kurze Ansprache. Die beiden Freunde hätten den Alten kaum wiedererkannt, wenn sie nicht genau gewußt hätten, daß er es war. Wo war das Lumpenkleid geblieben, das er in Lahore getragen? Der hagere Körper war in phantastisch prächtige Gewänder gehüllt. Den Kopf zierte ein weißer Turban von kolossaler Größe.

Als er seine Ansprache geendet, trat das Medium in den Saal ... Majadevi. Auch sie kaum wiederzuerkennen in den prunkvollen Seidengewändern. Kaum war sie in den Raum getreten, verzögerte sich ihr Schritt, als wolle sie stehenbleiben, die Augen wie in der Trance starr geradeaus gerichtet. Ein sensibles Zucken lief über die Muskeln ihres Gesichtes, als suche sie etwas zu fühlen, was ihren Blicken verborgen war.

Im gleichen Augenblick legte Stamford seine Hand schwer auf Gorms Arm.

»Raffen Sie sich zusammen!« flüsterte er ihm zu. »Leisten Sie heftigsten Widerstand! Sie müssen Ihre Gedanken aufs stärkste nach anderer Richtung konzentrieren, sonst ... verderben Sie alles. Unsere Fahrt! Denken Sie daran ... Denken Sie! Ich werde Ihnen helfen.«

Gorm gelang es nur schwer, dem Rat zu folgen. Doch unter dem Druck der Hand Stamfords fühlte er nach und nach, wie die Spannung in ihm schwächer wurde.

Majadevi war langsam neben den Inder getreten. Der hatte ihr Zögern nicht bemerkt. Wandte sich zu ihr mit einem Gesicht, das Freundlichkeit ausdrücken sollte und doch nur eine pockennarbige Fratze blieb.

Die Vorführung begann mit telepathischen Tricks, wie sie die großen Taschenspieler zu bringen pflegen. Sarata und sein Medium bedienten sich dabei der englischen Sprache, die Majadevi geläufig zu beherrschen schien. Die Zuschauer konnten sich nicht allzusehr für diese Darbietungen erwärmen.

Nach einer kleinen Pause begannen Experimente mit Personen aus dem Publikum. Alsbald wurden lebhafte Ausrufe der Verwunderung, des Staunens laut. Hier, wo jeder schwindelhafte Trick ausgeschlossen war, zeigte das Medium Gaben, die an das Übernatürliche grenzten.

Das Medium hatte während dieser Zeit mit verbundenen Augen auf einem Stuhl neben dem Tisch des Inders gesessen. Jetzt erklärte dieser, er werde zu einigen besonders schwierigen Versuchen übergehen.

Ein Ruhebett wurde in den Raum gerollt. Von Sarata geleitet, legte sich das Mädchen darauf. Dieser entfernte die Binde von ihren Augen und blieb eine Weile über sie gebeugt. Es war klar, daß er sie jetzt in den Tiefschlaf versetzte. Ehe er nun begann, bat er, nur wenige Fragen zu stellen, um die Kräfte des Mediums nicht allzusehr anzustrengen.

Einer aus dem Publikum rief:

»Was wird mit Coiba?«

Sekundenlange Stille ... dann kam es eintönig, in abgebrochenen Sätzen von den Lippen des Mädchens:

»Alles Menschenwerk, den Brand zu löschen, wird vergeblich sein. Ein großer Schrecken wird durch die Welt gehen ... Ich sehe, wie gar mancher sich rüstet, zu fliehen ... und dann ... ein Gott kommt vom Himmel herab zur Erde ... der senkt sich nieder über Coiba ... die Flügel rauschen um seine Schultern ... er streckt die Hand aus ... der Brand erlischt ... Die Menschen knien vor ihm ... ihre Dankgesänge steigen zu ihm empor ... doch er wendet sich ab ... ich sehe ihn nicht mehr ...«

Ihre Arme hatten sich erhoben, bewegten sich, als griffen sie nach einem Gegenstand. Man sah, wie es in ihrem Gesicht zuckte wie in Angst und Not ... Dann plötzlich ... die Hände schlossen sich, ein frohes, glückliches Lächeln trat in ihr Gesicht.

Der eintönige Klang der Stimme war verschwunden. Fast schrie sie die Worte:

»Jetzt sehe ich ihn wieder. Er kommt zu mir ... nimmt mich mit sich ...«

Die Zuhörer schauten sich fragend an. Man sah die Zweifel in vielen Mienen. Und doch schienen sie alle unter einem unerklärlichen Bann zu stehen. Jeder fühlte das Außergewöhnliche dieser Worte.

Der Inder hatte sich unmerklich näher und näher an das Medium herangeschoben. Man sah, wie es in seinem Gesicht trotz aller Selbstbeherrschung arbeitete. Auch ihn schienen die Worte tief erregt zu haben. Jetzt streckte er die Hand aus und strich dem Medium, das wieder zurückgesunken war, über die Stirn ... flüsterte in fremder Sprache eine Weile, bis die tiefen Atemzüge des Mädchens zeigten, daß sie wieder in voller Trance war.

»Nur noch eine Frage«, wandte sich Sarata jetzt zum Publikum, »kann ich den Herrschaften gestatten. Irgend etwas muß auf das Medium außerordentlich störend wirken. Eine große Anstrengung würde von nachteiligen Folgen für ihre Gesundheit sein.«

Ein Dutzend Fragen scholl ihm entgegen. Der Inder zuckte die Achseln.

»Meine Herrschaften, ich möchte nicht den Verdacht erwecken, daß ich mir eine besonders genehme Frage herausnehme. Ich bitte Sie, sich selbst darüber zu einigen, welche von den gestellten Fragen ich an das Medium richten soll.«

Geraume Zeit herrschte lautes Stimmengewirr in dem Raum. Endlich hatte man sich auf die Frage geeinigt: Wo ist Gorm?

»Wo ist Gorm?« wiederholte der Inder, innerlich lächelnd. Die Frage war ihm auf seinen Reisen schon mehr als einmal vorgelegt worden. Er wandte sich zu dem Mädchen und stellte in englischer Sprache die Frage.

Alles starrte gespannt auf Majadevi.

Die lag wie tot, die Lippen geschlossen. Über die Augen Saratas lief ein nervöses Zucken. Er trat ein paar Schritte näher an Majadevi heran, wiederholte die Frage.

Wiederum keine Antwort. Nur der Inder sah an den leichten Bewegungen der Stirnhärchen, daß es dahinter arbeitete. Woher dieser Widerstand, fragte er sich. Er wandte sich mit ein paar entschuldigenden Worten an das Publikum. Ließ dabei seine Blicke scharf über die Gesichter gleiten. Als er über die hinterste Reihe blickte, durchzuckte ihn ein heftiger Schreck.

Die beiden Augen, in die er da geschaut ... nie wieder im Leben würde er den harten Blick vergessen. Seine Hand glitt in die Tasche, umklammerte eine kleine Elfenbeinkugel ... Er wandte sich um, schloß sekundenlang die Augen. Alle Gedanken auf diese Kugel gerichtet, machte er sich mit heftigster Anstrengung frei von dem Bann.

Ein Wettkampf zweier stärkster Kräfte.

Er trat dicht neben das Medium, ergriff ihre Hand, hielt sie lange in der seinen. Fragte dann, jedes Wort betonend, die alte Frage:

»Wo ist Gorm?«

Da war es, als wenn das Medium von stärksten Fieberschauern überfallen wäre. Die Glieder schlugen zuckend hin und her. Die Lippen öffneten sich ... schlossen sich wieder. Ein grauenhafter Kampf, in dem alle Nerven des Mädchens hin und her gerissen wurden.

Auch der Zuschauer bemächtigte sich große Erregung.

»Genug! ... Genug!« schrie es von allen Seiten. Einige der Vordersten sprangen auf, eilten auf den Inder zu.

Der ließ die Hand des Mediums fallen, stand tief atmend. Der Vorderste, der in seine Augen blickte, fuhr erschrocken zurück, als hätte ihn der Blick eines rasenden Tieres getroffen.

In dem allgemeinen Durcheinander fiel es nicht auf, daß die beiden Freunde sich durch eine Seitentür entfernten. Nur der Inder hatte ihr Verschwinden bemerkt. Schnell hatte er sich wieder ganz in der Gewalt.

»Meine Herrschaften! Ich bedaure sehr, daß eine stärkere Indisposition des Mediums mich zum Abbruch der Vorstellung zwingt. Doch zum Beweis, daß dem Medium nichts Ernstliches zugestoßen ... sehen Sie hierher!«

Er beugte sich zu Majadevi, strich ihr ein paarmal leise über die Schläfen. Die schlug die Augen auf, sah sich um, stand auf. Verneigte sich vor den Umstehenden und schritt durch die Tür, durch die sie eingetreten, wieder hinaus.

*

Ronald Lee saß in seiner Werkstatt. Jede freie Minute, die ihm der Dienst im Observatorium ließ, hatte er seit jenen Tagen, an denen er die Papiere seines Oheims in die Hände bekommen, dazu benutzt, sich in dessen Gedankengänge einzuleben.

Immer wieder hatte er die Berechnungen und Konstruktionen durchgearbeitet. War dann selbst zur zeichnerischen Konstruktion eines Raumschiffes geschritten. Hatte das in verschiedenen Typen variiert. Rechnung und Konstruktion stimmten stets überein.

In einem billigen Mietsraum hatte er sich mit notdürftigen Mitteln eine Werkstatt geschaffen. Den Bau eines Modells unter Aufopferung des letzten Schillings durchgesetzt.

Er stand davor, betrachtete seine Schöpfung. Sah, wie die Strahlen der Frühlingssonne um die blanken Metallteile spielten. Fuhr liebkosend über sein Werk.

Und wenn keiner an dich glaubt, so tue ich es. Einmal wird doch der Tag kommen, wo dein starker Bruder den Flug ins All antritt. Den Namen »Jonas Lee« in blanken Lettern an seinem Bug ... den Namen des ersten Pioniers der Raumschiffahrt soll er zu neuem Ruhme führen ...

Wer gewußt hätte, mit welchen Fehlschlägen, Enttäuschungen Ronald Lee ununterbrochen gekämpft ... er hätte dessen erfolgbewußte Miene, dessen siegesgewisse Worte schwer begriffen.

Es war Sonntag. Den Tag der Ruhe wollte er benutzen, an Violet, seine Schwester, zu schreiben. Von Kindheit an in engster geschwisterlicher Liebe mit ihr verbunden, war er gewohnt, all das, was ihn bewegte, ihr anzuvertrauen. Sie wußte bereits von dem Erbe des Oheims, doch hatte er sie gebeten, darüber zu schweigen. Jetzt schrieb er ihr nach langer Zeit all das, was er inzwischen getan. Verschwieg ihr nichts von den Enttäuschungen ... ließ aber klar durchblicken, daß auch nichts ihm die Hoffnungen auf ein glückliches Zuendebringen seiner Pläne rauben könne.

Bat sie scherzend, ihm doch dort unten ein Konsortium von mammonbeschwerten Interessenten zusammenzubringen. Billig sei der Spaß nicht, weshalb es unbedingt ein Konsortium sein müsse. So einige hunderttausend Pfund dürften nötig sein. Der Brief schloß: »Indem ich Dich vor mir sehe, mit dem Klingelbeutel die Hauptavenuen von Buenos Aires abwandelnd, verbleibe ich in alter Liebe Dein Ronald.«

»Der arme Ronald!« sagte Violet in weinerlichem Tone, als sie den Brief zu Ende gelesen.

»Warum, Miß Violet? Was ist mit Ihrem Bruder?« Hortense neigte sich zu ihr und schaute sie fragend an.

»Ach! Der dumme Junge! Diese Idee, nach den Sternen zu fliegen. Ist es nicht genug, daß unser Oheim elendiglich zugrunde gehen mußte. Und nun will er auch ... und ich soll ihm noch das Geld zusammenbetteln. Ich werde ihm aber einen Brief schreiben ...«

»Wie? Was?« Hortense lächelte. »Ihr Bruder Ronald, auch er? Das ist ja, als wenn das eine Krankheit in Ihrer Familie wäre. Fehlte nur noch, daß auch Sie mir entflögen ... hinauf zu den Sternen.«

»Ach, liebe Miß Hortense, Sie spotten! Und wissen doch gar nicht, daß es dem Jungen so bitter ernst ist. Hier, lesen Sie doch selbst.«

Hortense las. Und je weiter sie las, desto ernster wurde ihr Gesicht. Als sie zu Ende gelesen, sah sie Violet mit unverhohlenem Interesse an.

»Miß Violet, entschuldigen Sie. Ich hielt das alles mehr für Scherz. Die Arbeiten Ihres Bruders interessieren mich sehr. Doch verstehe ich manches nicht. Vielleicht haben Sie noch den vorigen Brief, an den er hier anknüpft. Wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, möchte ich Sie bitten, mir auch den zum Lesen zu geben.«

»Ach, Miß Hortense! Nun machen Sie auch noch solche Sachen. Ich will ihn ja gern holen. Aber es ist und bleibt doch schrecklich, daß Ronald nun vielleicht gar auch dasselbe Schicksal haben könnte wie mein Oheim Jonas.«

Nach kurzer Zeit war sie wieder da, brachte Hortense den Brief.

Die las ihn, wendete sich dann zu ihrem Vater, der, in seine Zeitung vertieft, am Fenster saß.

»Lieber Vater, du hast wohl unser Gespräch gehört. Möchtest du nicht auch einmal diese Briefe lesen?«

Der winkte statt einer Antwort, ohne das Gesicht, das hinter der Zeitung verschanzt war, zu zeigen, mit einem abwehrenden Schlenkern der Hand ab ... las weiter.

Während die beiden Mädchen heftig disputierend die Briefe besprachen, ließ van der Meulen plötzlich die Zeitung sinken. Eine kurze Notiz da unten ganz zum Schluß:

»Professor van de Vrient aus Leiden, von einer Reise nach Batavia den Rückweg über Osten nehmend, besuchte Coiba. Er äußerte die stärksten Bedenken über die Gefahr, die zunächst den amerikanischen Kontinenten ... später vielleicht der ganzen Erde drohen könnte ...«

Bei dem Namen ›van de Vrient‹ hatte van der Meulen aufgemerkt. Er kannte ihn von der Heimat her sehr gut. Wußte, daß der, ein ernster Wissenschaftler, kein Wort sprach, das er nicht voll vertreten konnte. Van der Meulen sann angestrengt nach. Plötzlich, als wäre ihm eine Idee gekommen, sprang er auf.

»Die Briefe!«

Die beiden Mädchen schauten ihn halb erschrocken, halb erstaunt an. Violet erhob sich, reichte ihm die beiden Schriftstücke. Van der Meulen ging an seinen Platz zurück, las und las. Die beiden Mädchen waren verstummt, schauten sich an ... wußten nicht, was dieser plötzliche Wechsel in van der Meulens Stimmung zu bedeuten hatte. Sahen, wie der immer wieder zurückschlug, von neuem die Briefe las – –

Endlich wandte er sich um.

»Miß Violet! Sie würden mir einen Dienst leisten, wenn Sie Ihren Bruder Ronald bitten wollten, hierherzukommen und eine Zeitlang unser Gast zu sein.«

»Mr. van der Meulen ...« stotterte Violet, »ich verstehe nicht ... ich begreife nicht. Ich glaube, Sie scherzen ...«

»Warum soll ich scherzen. Miß Violet? Schreiben Sie, wie ich es Ihnen sagte.«

»Oh, das wäre ja köstlich ... Ronald hier! ... Ihn wiedersehen nach so langer Zeit ... Oh, wie würde ich mich freuen ...«

Violet tanzte und sprang vor Freude im Zimmer auf und ab.

»Und Sie, Miß Hortense ... auch Sie werden sich freuen, wenn Sie ihn sehen. Wenn er nur erst hier wäre, der liebe, dumme Junge ...«

Ein Diener trat mit einem Brief in der Hand ein, schritt auf Hortense van der Meulen zu. Die sah schon von weitem an der Form des Umschlages, woher der Brief kam. Deutete nach ihrem Vater hin. Der öffnete ihn, las.

»Liebe Hortense!« ... »Ah, Verzeihung, Hortense, der Brief ist ja an dich ...«

»Oh, bitte, lieber Vater, Geheimnisse stehen ja nicht darin. Lies nur weiter ... Was ist's denn ... eine Einladung?«

Van der Meulen nickte.

»Ja! Eine interessante Sache. Hört mal, ihr Mädchen! Wir lasen doch in der Zeitung von dem Auftreten dieses rätselhaften indischen Paares in Buenos Aires. Die Leistungen des Mediums sind ja phänomenal ...«

»Und? ...« unterbrach ihn Hortense. »Und? Was schreibt Robert Canning darüber?«

»Denkt euch nur, er hat, wie er schreibt, es mit größter Mühe vermocht, den Inder dahin zu bringen, daß er mit seinem Medium hier in Cannings Haus eine Privatséance geben wird.

Morgen abend um acht Uhr wird die Vorstellung stattfinden. Wir sind allesamt eingeladen.«

»Oh, wie nett von Mr. Canning!« Violet klatschte in die Hände. »Wie habe ich mir immer gewünscht, wenn ich die Zeitung las, einer solchen Sitzung beizuwohnen.«

»Nun, da wird uns ja wohl nichts anderes übrigbleiben, als der Einladung zu folgen«, erwiderte Hortense lachend.

»Abgemacht«, sagte van der Meulen. »Ich werde dem Boten Bescheid mitgeben.«

*

Es war am Spätnachmittag des folgenden Tages. Auf dem weiten Hof von Santa Marguerita waren die Familienmitglieder versammelt. Sidney Stamford und sein Freund Weland drückten jedem noch einmal die Hand, stiegen in ihre Flugjacht.

Der Abschied war etwas schnell gekommen. Gegen Mittag waren die beiden aus der Stadt zurückgekehrt, hatten erklärt, schleunigst abreisen zu müssen.

Eine Stunde später hatte Sidney Stamford in dem Maschinenschuppen eine ziemlich lange Unterredung mit Tim Bröker gehabt. Als sie sich trennten, hatte Tim eiligen Schrittes den Weg zu der Pferdekoppel eingeschlagen ...

In einem wirren Gemisch von Spanisch und friesischem Platt murmelte er verrücktes Zeug ...

›Ist mir's doch wie dem Akkumulator, dem ich mal hundert statt zwanzig Amperestunden in den Bauch jagte ... ging aus allen Fugen ... und ich ... ich platze ...

Großartig! ... Junge, das gibt ein Ding! ... Endlich mal wieder ein Ding!‹

Mit einem Jubelruf warf er seinen Riesensombrero in die Luft.

›Endlich mal ein Grund, wo Tim Bröker mit Anstand den Anker fallen lassen kann!‹ ...

An der Koppel angelangt, wählte er mit Bedacht den besten Renner aus, fing ihn, schwang sich darauf. In voller Karriere jagte er nach Norden.

Er mochte wohl zwanzig Kilometer hinter sich haben. Der Gaul war über und über mit Schweiß bedeckt. Jetzt ritt er dem Walde zu.

Durch eine breite Schneise sah man da hinten eine weite Lichtung, eine ebene Waldwiese.

Tim Bröker hielt an, sprang zur Erde.

›Möchte wissen, wo man auf der Welt einen schöneren versteckten Landungsplatz für eine Jacht hätte, als diese Lichtung hier ... Pferde muß ich noch haben ... Ja, da draußen weiden ja genug. Aber die Sättel ... verflucht! Wo kriege ich die her? ... Ich? Was brauche ich einen Sattel ... aber die anderen Herrschaften ...

Nun, dazu habe ich noch Zeit ... bis die Nacht kommt, werde ich auch die Sättel haben.‹

Er warf sich ins Gras und schaute unverwandt nach Süden. – –

›Ah! Da sind sie schon!‹ Er sprang auf, brach sich einen Ast, befestigte seinen Poncho daran und winkte damit heftig in der Luft.

Ein kurzes Manöver der Flugjacht zeigte ihm, daß er verstanden war. Die Sonne sank unter den Horizont. Das Flugschiff ging tief hinunter, folgte der Schneise und setzte in der Lichtung auf.

»Schönes Plätzchen, das hier, meine Herren!« begrüßte Bröker Gorm und Stamford. »Selbst der schlimmste Pamperosturm würde das Schiff hier nicht losreißen.«

»Und die Pferde?« unterbrach ihn Stamford.

Bröker machte eine wegwerfende Bewegung.

»Pferde gibt's hier überall. Mit dem hier ...« er zeigte auf seinen Lasso ... »fange ich, soviel Sie haben wollen.«

»Gut, lieber Tim! Vergessen Sie nicht, daß wir uns unbedingt auf Sie verlassen. Es bleibt alles so, wie ich's Ihnen heut mittag sagte.«

Tim Bröker nickte.

»Der Teufel soll mich holen, wenn's an mir liegen sollte.«

*

Die Schatten der Dämmerung lagen bereits über Buena Vista, als van der Meulen mit Hortense und Violet nach Cannings Hazienda fuhr. Mit einem geheimen Unbehagen hatte Hortense die Nachricht von der Einladung empfangen.

Sie hatten den Tee in Cannings Park genommen, gingen jetzt ins Haus. Van der Meulen griff zum Radiohörer, hörte die letzten Börsenberichte. Canning bat Hortense, mit ihm in die Bibliothek zu gehen, die letztangekommene Sendung zu besichtigen.

Mit unverhohlener Freude betrachtete sie hier die schönen, interessanten Werke, die auf dem Tisch aufgestapelt waren.

Canning trat dicht an sie heran, legte den Arm um ihre Schulter, versuchte sie an sich zu ziehen. Sein Mund, dicht an ihren Kopf geneigt, flüsterte heiße Liebesworte in ihr Ohr. Sie suchte sich frei zu machen. Ein Zittern ging durch ihren Körper. Kalte und heiße Ströme fluteten über sie hinweg. Sie wandte sich zur Seite, er preßte seinen Mund auf ihren Nacken. Das alte Gefühl von Freude und Schreck, das sie stets empfand, wenn sie mit ihm allein, wurde wieder in ihr wach. Wehrlos, schwach stand sie da. – Er wollte sie auf den Mund küssen, da ging ein Schauer durch ihren Körper, sie fühlte seinen warmen Atem. Unter den heißen Blicken, mit denen er sie umfing, preßten sich ihre Lippen fest aufeinander, wie in dem Abwehren einer schmerzlichen Scham. Mit einer verzweifelten Bewegung entwand sie sich ihm. »Nein! – Nicht! Lassen Sie mich, Roberto –«

Sie trat zum Fenster, sog tief atmend die kühle Abendluft ein. Die entsetzensvolle Leere, die verzweifelnde Angst, der ganze schmachvolle Jammer der vergangenen Tage und Wochen überfiel sie.

»Hortense, seien Sie nicht grausam!« Canning suchte ihre Hand zu fassen ... sie entzog sie ihm.

»Hortense!« Cannings Stimme klang weich. »Ihr kaltes, mißtrauisches Benehmen kränkt mich tief. Womit habe ich das verdient nach so vielen Beweisen meiner Ehrerbietung, meiner heißen Liebe?«

Hortense fühlte, wie seine Lippen ihr Haar streiften. In ihrem Ohr klangen die schönen, schmeichelnden Töne, deren Zauber sie immer wieder unterlag.

»Um meiner Seelenruhe willen lassen Sie mich ... ich kann nicht ... ich will nicht ... Sie selbst fühlen es, sagen es ... etwas Unerklärliches ist in mir vorgegangen, etwas Fremdes ist zwischen uns getreten, etwas, was mir Entsetzen einflößt, wenn ich ...«

»Entsetzen?! ...« Cannings Stimme zitterte. Er war erblaßt.

»Ja, Entsetzen!« wiederholte sie deutlicher, unerbittlich gegen sich selbst. »Was es ist? – Ich weiß es nicht, weiß nur, daß ich darunter leide, wie unter einer Marter und einem Spiel.«

»Hortense, Sie müssen mir eine Erklärung geben, Sie sind es mir schuldig. Schenken Sie mir ein wenig Vertrauen, lassen Sie mich teilnehmen ...« Canning wollte auf sie zutreten, doch sie streckte ihm abwehrend die Hand entgegen.

»Verzeihen Sie mir, Hortense, wenn mein Wunsch, Ihnen zu helfen ... ich will mich bezwingen ...

Sie äußerten doch mehrfach, Sie möchten gern reisen. Wenn Sie nicht warten wollen, bis wir verheiratet ... ich wüßte nichts Schöneres, als mit Ihnen ...«

»Verzeihung, Mr. Canning, Mr. van der Meulen wünscht Sie zu sprechen.« Violet hatte den Vorhang weit zur Seite geschoben, stand in der Öffnung.

»Wir kommen, kommen sofort«, rief Hortense wie erlöst. Ein dankbarer Blick streifte Violet, als sie an ihr vorüberschritt.

Van der Meulen legte den Radiohörer aus der Hand, als Canning eintrat. »Denken Sie sich, Don Roberto, die letzten Nachrichten vom Isthmus brachten wieder längere Berichte über die Deroute am Grundstücksmarkt da oben.«

»Wieso ... Warum?« fragte Canning. »Ist etwas Neues, Wichtiges auf Coiba vorgegangen? ... Der Brand gefährlicher ...«

»Nein, durchaus nicht. – Aber irgendein paar Hasenfüße auf dem Festland, Coiba gegenüber, haben Hals über Kopf ihren Besitz verkauft, verwirren auch anderen den Kopf. Man will auch festgestellt haben, daß Agenten aus der Union diese Beunruhigung durch Ausstreuung schlimmer Gerüchte geflissentlich steigern. Die verkauften Besitzungen sind fast ausnahmslos für ein Butterbrot in die Hände von Nordamerikanern übergegangen.

Der Zweck der Übung ist klar. Man benutzt die Gelegenheit, um Mittelamerika noch kräftiger zu anglisieren.«

»Man scheint danach in den Staaten die Gefahr von Coiba nicht sehr tragisch zu nehmen«, erwiderte Canning.

»Scheint mir auch so, Don Roberto. Man verläßt sich anscheinend darauf, daß, wenn die sogenannte Gefahr wirklich zu groß ist, der Brand mit den einfachsten natürlichen Mitteln gelöscht werden muß, nämlich mit Wasser.«

»Aber Vater!« mischte sich Hortense ein, »das wenigstens ist mir aus dem Bericht deines Freundes van de Vrient klar geworden, daß ein Atombrand nicht mit Wasser zu löschen ist, und wäre es auch der ganze Pacific.«

»Hortense hat recht, Mr. van der Meulen. Handelt es sich tatsächlich um einen Atombrand auf Coiba, so würde ihm mit Wasser nicht beizukommen sein. Die Idee ist absurd«, warf Canning ein.

»Denkt, wie ihr wollt«, sagte van der Meulen. – »Doch halt ... vielleicht erfahren wir noch heute abend die Lösung des Rätsels ...«

»Wie meinen Sie, Mr. van der Meulen?«

»Nun, wir werden einfach das allwissende Medium Majadevi befragen. Bin neugierig, wie die sich zu der Frage stellen wird. Als kluge Pythia wird sie wohl etwas delphisch antworten.«

»Die Frage ist nicht nötig.« Canning zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, reichte es van der Meulen. »In der letzten Sitzung in Buenos Aires wurde diese Frage bereits an das Medium gerichtet. Ein Teilnehmer hat die Antworten des Mediums mitgeschrieben und in der Zeitung veröffentlicht.«

Van der Meulen nahm das Blatt und las den Zeitungsbericht vor. Lachte dann laut los. »Nun, da wären wir ja ein ganzes Stück klüger. – Gott schickt einen Engel, der mit seinen Flügeln den Brand ausweht. Ja, ja! Schade, Don Roberto! Die gespannte Neugierde, mit der ich diese Majadevi erwartet, ist durch diese etwas reichlich kindliche Antwort um einige Grade gesunken.«

»Mag sein, Mr. van der Meulen, daß die Worte des Mediums sich gedruckt etwas naiv ausnehmen. Wenn Sie aber weiterlesen, werden Sie finden, daß der Eindruck der gesprochenen Worte auf die Teilnehmer der Sitzung sehr stark gewesen ist. Wie überhaupt ...«

»Lassen wir den Streit, Don Roberto, wir werden ja gleich mit eigenen Augen und Ohren das Wundermädchen kennenlernen.«

»Gewiß, ich denke, der Inder wird bald anfangen können. Gehen wir!«

Canning wandte sich lachend zu den Damen. »Der Kerl ist von einer exemplarischen Häßlichkeit. Wie der zu der schönen Enkelin kommt, erscheint mir reichlich dunkel. Denn diese Majadevi ist ein hervorragend schönes Geschöpf. Der Alte ist übrigens sehr besorgt um sie. Mein Mayordomo wollte ihn in der oberen Etage installieren, die Enkelin im Erdgeschoß. Der Inder protestierte aber so lange, daß ich mich schließlich ins Mittel legen mußte. Nun sind sie beide im Erdgeschoß einlogiert. Wie schon gesagt, Sarata hütet das Mädchen wie seinen Augapfel, wie's scheint.

Gehen wir gleich in den großen Speisesaal!«

Dort fanden sie zu ihrem Erstaunen das Medium allein in einem Stuhle sitzend.

Beim Eintritt der Gesellschaft erhob sich das Mädchen, ging ein paar Schritte auf sie zu und erklärte in ziemlich geläufigem Englisch, ihr Großvater sei noch einmal nach unten gegangen, noch etwas zu holen.

Hortense trat mit Violet auf die Fremde zu und reichte ihr die Hand. Vergebens suchte sie nach passenden Worten, um eine Unterhaltung anzuknüpfen. Sie, die Weltgewandte, wußte dem seltsamen Gast gegenüber nur ein paar banale Redensarten zu finden. Die Fremde antwortete nur wenige Worte, zeigte überhaupt eine seltsame Zurückhaltung. Das blasse Oval des schönen Gesichtes blieb starr. Die Augen, jetzt teilnahmlos, fast leer der Blick, jetzt unruhig umhersuchend wie in Erwartung oder – Furcht. Und doch lag über der schlanken, fast kindlichen Gestalt ein seltsamer Liebreiz.

Violet in ihrer impulsiven Art glaubte den Bann brechen zu können. Sie schob ihren Arm unter den Majadevis, zog sie in mutwilliger Gangart der Glasveranda zu, wo der Radioapparat gerade noch die letzten Takte eines Tanzes hören ließ. Dabei sprudelte sie über von lustigem Geplauder. Die Fremde folgte nur schwach widerstrebend. Ihre leichtgebräunten Wangen röteten sich, als ob sie eine schamhafte Schüchternheit überwinden müsse. In ihren Augen leuchtete es hell auf, ein Schein von Freude zuckte über ihre Züge.

Eben faßte Violet sie um, den Rhythmen des Tanzes zu folgen, da blieb das Mädchen plötzlich stehen. Seine Augen blickten in zögernder, wortloser Angst zu dem gegenüberliegenden Saaleingang, durch den eben Sarata trat. Der rief ihnen zu, weiterzutanzen, da schwieg die Musik.

»Ah, schade, meine Herrschaften! So entgeht Ihnen die Gelegenheit, Majadevi tanzen zu sehen.« Er schnalzte mit einem widerwärtigen Lächeln laut mit der Zunge.

»Sie tanzt unsere heimatlichen Tänze mit höchster Vollendung. Ich hatte die Gelegenheit, vor dem Maharadscha von Delhi eine Vorstellung zu geben, bei der Majadevis Tanz den Maharadscha so entzückte, daß er sie gern für seine Bajaderengruppe behalten hätte.«

»Nun, vielleicht tanzt Ihre Enkelin heute abend doch«, wandte sich Canning an den Inder. Er machte dabei einen Griff nach seiner Brieftasche, wie um anzudeuten, daß er diesen Tanz besonders honorieren würde.

Sarata überlegte kurz, trat dann zu dem Mädchen und sprach ein paar Worte in indischer Sprache zu ihr. Majadevi nickte und schritt aus dem Saal.

»Während meine Enkelin sich zu dem Tanz umkleidet, darf ich den Herrschaften vielleicht ein paar Worte über das Schicksal meiner Enkelin sagen.

Ich hatte eine einzige Tochter, mit der ich eine Zeitlang in Peschawar lebte. Ein russischer Kaufmann, der öfters nach Peschawar kam, heiratete sie und nahm sie mit sich nach Andijan. In dem bolschewikischen Aufstand sind die beiden ums Leben gekommen. Ich befand mich gerade auf der Reise zu ihnen. Als ich nach Andijan kam, fand ich Majadevi bei mitleidigen Leuten, die sich des verwaisten, hungernden Geschöpfes angenommen hatten.

Das arme Kind, es war damals vierzehn Jahre alt, kannte mich nicht wieder. Folgte mir nur widerstrebend. Es war durch die schrecklichen Ereignisse halb wahnsinnig geworden. Man hatte Majadevi bewußtlos in den Armen der toten Mutter gefunden. Ich begab mich mit ihr nach Lahore. –

Natürlich hörten auch wir in Lahore von dem aufsehenerregenden Flug Jonas Lees zum Mond und der Wahrscheinlichkeit, daß er dort umgekommen.

Es war am Abend vor jenem Tage, an dem die Leichen Lees und seiner Gefährten im Hydepark in London gefunden wurden. Ein paar Bekannte waren bei mir. Wir sprachen über allerlei, aber ganz bestimmt nicht über Lee, der doch stark in Vergessenheit geraten war. Majadevi saß in einer Ecke und schlief anscheinend. Plötzlich fing sie an zu sprechen. Ihre Worte, wie im Schlaf gesprochen, erschienen uns als wirre Träume. Sie redete von einem Mann, der im feurigen Wagen zum Himmel fuhr ... auf dem großen, blanken Stern haltmachte ... fünf tote Männer, die dort begraben, mit sich in seinen Wagen nahm, sie zur Erde zurückbrachte, zur Heimat. –

Wir lachten, denn das, was ich Ihnen so kurz sagte, erzählte sie in langen, weitschweifigen Sätzen. Nachdem sie geendet, trat ich zu ihr, wollte sie wecken. Sie schlug die Augen auf, sah mich verständnislos an, als ich sie fragte, was ihr Kauderwelsch zu bedeuten habe. Sie behauptete, von all dem Gesagten nichts zu wissen.

Als am nächsten Abend die Radiowellen uns die Nachricht von dem Fund im Hydepark brachten, kam uns allen sofort das sonderbare Benehmen Majadevis in Erinnerung. Ich ...«

Der Inder hielt an, wandte sich zur Tür, durch die Majadevi eintrat. Sie schritt bis zur Mitte des Saales, blieb dann stehen. Die Arme über der Brust gekreuzt, den Kopf leicht geneigt, die ganze Gestalt in einen großen Schleier gehüllt.

Der Alte setzte eine kleine Flöte an die Lippen und spielte ein paar weiche, lockende Töne. Wie von der Musik gestreichelt, verlor der Körper der Tänzerin die Starrheit. Die Glieder reckten sich, ein zaghaftes Schreiten – ein scheues Zurückweichen, das allmählich in rhythmisch bewegte Biegungen und Drehungen übergeht.

Da schlägt die Musik plötzlich um, der Rhythmus wird schneller, die Töne der Flöte jagen in wilder Folge. – Ein Vorwärtsstürmen der Tänzerin, daß das dunkle Schleiergewand, das sie umhüllt, sich löst – davonflattert – liegenbleibt. Wie eine dunkle Wolke das Haar über die schmächtigen Schultern herabgesunken. Jetzt steht sie still. Die geöffneten nackten Arme vereinigen sich über dem Kopf zu einer Spitze. Von ihren Schultern lösen sich leichte, silberweiße Schleier. Wie aus sinkendem Wellenschaum aufgetaucht steht sie. Glitzernde Ketten, große, goldene Ringe schlingen sich um die Arme, die entblößte Brust, den Nacken. – Immer schneller die aufreizenden Töne der Flöte. – Der Körper unter dem von Metallschuppen glänzenden seidenen Gewand beginnt zu vibrieren. Der Rücken spannt sich zum Sprung ... dann fliegt sie pfeilschnell dahin. – Die jagenden Töne der Flöte wie in wildem Chaos. – Die Tänzerin, die Arme weit von sich gestreckt, den Kopf in den Nacken geworfen, mit dem gelösten Haar den Erdboden fegend, wirbelt in rasenden Drehungen – jetzt wie sich berauschend in höchstem Glück, jetzt wie furchtsam zusammenschauernd in verzweifelter Angst. –

Die Musik brach kurz ab – wie in jähem Schreck erstarrt blieb die Tänzerin stehen. Dann ein paar flüchtige Töne der Flöte – andere hinterher – sie formen sich zu weich schmelzender Melodie. Die Tänzerin steht leicht vornübergebeugt, der neuen Weise lauschend. Die gespannten Muskeln lösen sich, die Augen, wie aus Schlaf erwacht, blicken um sich her, geblendet von dem Licht. Ein Lächeln spielt wie ein Schatten um ihren Mund, geht aufwärts, bis es sich in den Augen sammelt. Der leicht bewegte, fast kindliche Zug zeigt sich wieder um die leise geöffneten Lippen. Wie in seltsamer, stiller Erwartung legen sich die Hände um die schmalen Hüften.

Das laute Beifallsklatschen, die freudigen Zurufe der Gesellschaft schienen die Tänzerin erst zu vollem Bewußtsein zurückzurufen. Sekundenlang richtete sie sich hoch auf, ihr Mund öffnete sich, als wolle sie schreien, ihre Brust hob sich unter keuchenden Atemzügen. Violet wollte aufstehen, zu ihr eilen, da stand der Inder schon bei ihr, strich leise die Haarlocken aus den Schläfen zurück, sprach halblaut ein paar Worte zu ihr. Ihre Mienen verschleierten sich, sie atmete tief auf, ein müder, fast klagender Blick traf Violet, dann trat der starre, teilnahmlose Ausdruck wieder in ihr Gesicht. Der Inder fuhr ihr über die Augen. Die schlossen sich. Er führte sie zu einem Ruhesessel, ließ sie sich setzen.

»Meine sehr geehrten Herrschaften« – der Inder wandte sich mit einer tiefen Verbeugung zu Canning –, »ich gehe jetzt zu dem eigentlichen Programm über. Ich bitte Sie, falls Sie sich über die Fragen, die Sie an Majadevi richten wollen, noch nicht einig sein sollten, diese miteinander zu besprechen. Ich verlasse für kurze Zeit den Saal. – Majadevi schläft.«

Kaum hatte der Alte den Raum verlassen, da sprang Violet auf, eilte, von einem unerklärlichen Gefühl von Mitleid getrieben, zu der Schlafenden.

»Dieser alte Schurke«, rief sie halblaut, zu Hortense gewandt, und drohte mit der Faust nach der Tür hin. »Nie und nimmer ist dieses liebe arme Ding Blut von seinem Blut! – Wer weiß, wie die Ärmste in die Hand dieses Scheusals gekommen ist?«

»Miß Violet!« Hortense war neben sie getreten, hielt ihr leicht die Hand vor den Mund.

»Und doch ist es so!« rief die trotzig. »Mein Herz sagt mir, daß ich recht habe.«

»Still, still!« warnte Hortense leise. »Ich denke wie Sie, liebste Violet, und doch ... die Worte des Alten ... vielleicht, daß sie doch wahr sind ... Beherrschen Sie sich, denken Sie, wie unangenehm für Don Roberto, wenn ...«

»Nun, seid ihr euch einig über die Frage?« rief die Stimme des alten van der Meulen.

»Wie? – Ich? – Ich will nicht fragen, will nicht ...«

»Oho, Miß Violet! Sie hätten keinen Wunsch, das Orakel danach zu fragen?«

»Nein, ich ...« Noch ehe Violet ausgesprochen, klang die Stimme Hortenses dazwischen: »Nein, ich auch nicht! Ich verzichte ...«

»Wie, Hortense! ... Sie wollen nicht ... Ihre Mienen ... Was ist Ihnen? Mißfällt Ihnen der Abend ... Sie hegten doch selbst den lebhaften Wunsch ...«

»Nein, Don Roberto. Ich habe dasselbe Gefühl wie Miß Violet. Dieses arme Geschöpf ... ich weiß nicht, wie ich Ihnen meine Gedanken erklären soll. Jedenfalls ... der Alte flößt mir solchen Abscheu und Widerwillen ein ... ich bedaure die Arme, die in seinen Händen ist. Sie muß unter einem geheimnisvollen Zwang stehen.«

»Aber, Hortense, ich bitte Sie, wie kommen Sie auf solche Ideen ... ich bin überzeugt, Sie irren ... Wenn Sie wie ich gesehen hätten, mit welcher Liebe und Sorgfalt der Alte seine Enkelin umgibt ...« Der Eintritt des Inders unterbrach das Gespräch. Der, als läse er in den Gesichtern der jungen Mädchen, streifte sie mit einem versteckten spöttischen Blick, wandte sich an Canning.

»Haben die Herrschaften irgendwelche besonderen Wünsche?«

Canning blickte fragend um sich. »Nein – doch verfolgen Sie vielleicht ein ähnliches Programm wie in Buenos Aires. Ich meine, fangen Sie mit den telepathischen Tricks, oder wie Sie es nennen wollen, an.«

Der Inder verbeugte sich, trat zu Majadevi, legte kurz die Hand auf ihre Stirn.

Dann zeigte er in allerdings verblüffender Art telepathische Experimente schwierigster Art.

Alle, auch die beiden Mädchen, die nur schwer den Widerwillen gegen den Alten verbargen, äußerten ihr Erstaunen über die unerklärlichen Gaben des Mediums.

» Goddam«, brummte van der Meulen gedankenverloren vor sich hin. »Verflucht feine Tricks! Der Teufel weiß, wie sie es machen. Hokuspokus bleibt's doch!

Aber jetzt werde ich mal das Orakel fragen.« Er zwinkerte den anderen vertraulich zu.

Alte Jugenderinnerungen waren in ihm aufgetaucht. Seine Heimat, ein kleines holländisches Fischerdörfchen ... seine Geschwister ... seine Eltern. Erinnerungen, die wohl fünfzig Jahre zurücklagen.

Er fragte durch den Mund des Inders. Die anderen konnten die Richtigkeit der Beantwortung nicht nachprüfen, da ihnen diese kleinen Jugenderinnerungen van der Meulens nicht bekannt waren. Doch sahen sie mit einer leichten Schadenfreude, wie bei den Antworten des Mediums Erstaunen, Verwunderung sich immer stärker auf van der Meulens Gesicht ausprägten. Der schüttelte den Kopf.

»Kinder, ist so was möglich?! – Es stimmt! Stimmt alles, was das Mädchen sagt. Wie kann einer das erklären?« Seine Stirn zog sich in Falten, vielleicht, daß der schlaue Alte sich vorher erkundigt hätte? Nein, ausgeschlossen, das meiste wußte außer ihm kein Mensch.

»Doch jetzt noch eine Frage, über die wir alle Bescheid wissen. – Wo war ...« er legte die Hand auf Cannings Schulter, »dieser Herr hier vor drei Wochen?«

Der Inder wiederholte die Frage an das Medium. Ein unmerkliches nervöses Zucken ging über Cannings Gesicht. Er schloß die Augen, konzentrierte mit stärkster Willensanstrengung seine Sinne auf Amsterdam und London. Zwang die wohlbekannten Städtebilder, Straßen, Hotels, Bekannte vor sein geistiges Auge. Er biß die Zähne aufeinander, flüsterte unhörbar – »Der Osten ... ich kenne ihn nicht ... er ist verschwunden ... ein graues Nebelmeer dort ... nichts zu sehen für mich ... für sie ... keine Stadt dort, die ich kenne –« Seine Reise ... so wie er sie den anderen erzählt hatte, er zwang sich, sie körperlich zu erleben ... Er landete in Amsterdam, besuchte die bekannten Geschäftshäuser, fuhr dann über den Kanal nach London. Nichts existierte in seiner Einbildung als diese beiden Städte, die Geschäfte, die er in den Handelshäusern abschloß – die Theaterbesuche – er saß in der Oper, hörte die Musik, glaubte sie so deutlich zu vernehmen, daß sein Ohr in dem Genuß schwelgte – keinen Orient gab's, keine Stadt, die er dort besucht. –

Canning achtete nicht darauf, daß Sarata zu dem Mädchen getreten war, als dessen Antwort ausblieb. Der wiederholte die Frage leise, eindringlich. Warf Canning einen mißtrauischen Blick zu. Das nervöse Arbeiten in den Zügen des Mediums machte ihn stutzig. Er ergriff ihre Hand, fühlte, wie Majadevi einen schweren Kampf mit einem fremden, starken Willen kämpfte. Er wandte sich voll zu Canning. Durch die halbgeschlossenen Augenlider schickte er einen langen, durchdringenden Blick auf den.

Die anderen merkten nichts von diesem versteckten Ringen. Sie warteten mit Ungeduld auf die Antwort des Mediums. –

Endlich öffnete Majadevi die Lippen. »Ein Flugschiff, darin ein Mann ... Es ist der Herr, dem es gehört, dem dies Haus gehört – das Schiff fliegt nach Norden über ein großes Wasser – der nächste Tag – die Sonne geht auf, das Schiff wendet nach Osten, der Sonne entgegen – eine Stadt am Meer – goldene Minaretts – das Schiff landet – ein Mann kommt ... der Mann, ich ... wer ist's, ich ...« Das Gesicht, der ganze Körper des Mediums bebte in heftigster Erregung.

»Goldene Minaretts in London!? Ha, ha!« Van der Meulen konnte sich nicht halten. Er wandte sich mit triumphierendem Lachen an Canning. »Diesmal hat aber die Pythia gründlich danebengeraten. Allerdings, Konstantinopel – London, ihre Lage hat eine entfernte Ähnlichkeit ... Nur die Minaretts! Ha, ha, Don Roberto, Minaretts in London!«

Canning wandte sich van der Meulen zu. Mit einer gewissen Anstrengung öffnete er die fest aufeinandergepreßten Kiefer, zwang sich zu einem Lächeln. Hortense allein, der die starke innere Erregung Cannings auffiel, die die kleinen Schweißtropfen auf seiner Stirn bemerkte. Ihr Blick ging zu dem Inder, sie sah das versteckte hämische Lächeln, mit dem er auf Canning schielte. Eine tiefe innere Unruhe ergriff sie. Was war das? –

Jetzt stand Canning auf, trat zu Sarata.

»Ein kleiner Irrtum ... nun, es schadet nichts, ein Irrtum ...« Er sah den Inder bedeutungsvoll an. Der schien protestieren zu wollen. Da stand Canning vor ihm. »Ein Irrtum Majadevis! Doch Frage und Antwort sind bedeutungslos, die Verwechslung ... nun, ich denke, Majadevi wird durch den Tanz stark ermüdet sein ... Doch eine Frage noch, die ich selbst gern gestellt hätte.«

Der Inder verbeugte sich, trat zu dem Mädchen.

»Wie sah der Mann aus, der zum Mond fuhr und von dort die Leiche von Jonas Lee zur Erde brachte?«

Alle horchten interessiert auf. Der Inder wiederholte die Frage an das Medium. Kaum, daß das letzte Wort verklungen, begann die zu sprechen. Ein froher, glücklicher Zug war auf ihr Gesicht getreten, halb singend kamen die Worte: »Der große Held – sein mächtiges Haupt überragt die andern – die hageren Wangen sind bleich – über der breiten Stirn blondes Haar – der stolze Mund ist fest geschlossen, er hütet die tiefen Geheimnisse des Herzens. – Er schreitet daher, ein Kämpfer, ein Fürst –« Ihre Stimme wurde schwächer, leise, fast flüsternd sprach sie weiter, doch in anderer Zunge. Die Zuhörer schauten den Inder fragend an, das Medium sprach unverkennbar in russischer Sprache. Canning schüttelte den Kopf, als wolle er sagen, daß die Antwort ihm nicht genügend Auskunft gäbe. Er winkte den Alten zu sich, sprach mit ihm. Der nickte.

Jetzt stellte Canning einzelne genaue Fragen nach dem Äußern des Mannes, wie sie ungefähr ein Steckbrief enthält. Je mehr Fragen gestellt wurden, desto schärfer horchte der Inder auf. Die aus Frage und Antwort gezeichnete Beschreibung weckte Erinnerungen an eine Person, die er von ganzer Seele haßte. Die übrigen erwarteten mit unverhohlener Neugierde und Spannung die Aufklärung dieses seltsamen Spieles. Endlich gab Canning dem Inder ein Zeichen, daß er genug gehört, daß die Vorstellung beendet.

Sarata trat an das Medium heran, strich leise über dessen Stirn. Das schlug die Augen auf. Hortense und Violet wollten darauf zutreten, der Inder streckte ihnen abwehrend die Hand entgegen, hielt, wie um eine Anrede zu verhüten, den Finger auf die Lippen. Er legte den Arm Majadevis in den seinen und schritt mit ihr zur Tür. Violet stellte sich in den Weg, wollte doch ein Wort an das Mädchen richten. Ihr freundlicher, mitleidsvoller Blick traf auf das alte teilnahmlose Gesicht, sah in leere, glanzlose Augen, die wesenlos an ihr vorbeischauten. Violet sah das Gesicht des Alten, sah das versteckte spöttische Lächeln des verhaßten Menschen ... ein Zittern ging durch ihren Körper, wie angewurzelt blieb sie stehen.

Van der Meulen und Hortense hatten sich neugierig zu Canning gewandt.

»Wer ist der Mann, den Sie in diesem geheimnisvollen Mondfahrer vermuten, Don Roberto? Aus Ihren Fragen war doch zu schließen, daß Sie eine bestimmte Person im Auge hatten. Dürfen wir wissen ...?«

»Der Mann ist Weland Gorm.«

»Gorm ...? Wie? Gorm hatten Sie im Auge? ... Weshalb ihn ... Wie kommen Sie auf den?«

Canning zuckte die Achseln. »Ich glaube, für den Physiker dürfte diese Ansicht nicht sehr fern liegen ... Daß dieser unbekannte Weltenfahrer mit einer Rakete, wie sie Lee benutzt hat, geflogen sein sollte, war mir von vornherein zweifelhaft. Derartige Unternehmungen sind und bleiben mit einem großen Risiko verbunden. Das Projekt der Zukunft ist doch, ein Flugschiff zu bauen, das durch Elektronen getrieben wird.«

»Und Sie glaubten, Gorm hätte auch dies Problem gelöst?«

Canning nickte. »Dieses Rätsel ... wer brachte die Leiche Lees zur Erde? Immer wieder habe ich darüber nachgedacht. Ein Verdacht ... ich kann, will ihn nicht weiter erklären ... begründen, wies auf Gorm. – Ich erinnere nur an die mystischen Umstände, unter denen dies rätselhafte Ereignis vonstatten ging ... Nun, einerlei, die Gelegenheit heute ... Die doch mehrfach bewiesenen starken Gaben des Mediums, sie forderten mich direkt heraus dazu, mir in irgendeiner Weise Gewißheit zu verschaffen ... Gewißheit?! ... Ja, wer wüßte, was an den rätselhaften Leistungen dieses Mediums echt ... was unecht ist?«

»Aber ... wie stimmte denn die Beschreibung des Mediums mit dem Aussehen Gorms überein?« fragte Hortense.

Canning wiegte den Kopf.

»Für mich, der in Gorm den Fahrer vermutet, ist er's. Die Beschreibung stimmt ziemlich genau mit dem Bild überein, das ich von ihm in meiner Erinnerung habe.«

Noch lange sprach man über Majadevi, Gorm. Dann mahnte van der Meulen zum Aufbruch. »Ich fliege bei Tagesanbruch nach Buenos Aires, möchte nicht den Schlaf entbehren.«

Eine Viertelstunde später rollte der Kraftwagen van der Meulens Buena Vista zu.

* * *

 

Der Brand auf Coiba das Tagesgespräch der Welt! Hatte man die Angelegenheit zunächst nur für einen müßigen Gelehrtenstreit gehalten, so war doch allmählich der ungeheure Ernst der Sache zutage getreten. Kaum noch einer; der sich der drohenden Gefahr verschloß. In erster Linie die, denen das Unheil am nächsten, Lateinisch- und Englisch-Amerika. Schon hoben sich hie und da die Füße zur Flucht.

Ein Atombrand war auf dem Felseneiland im Gange. Kein Zweifel daran war mehr möglich. Ihn löschen!? ... Das war die Frage, die alle Gemüter bewegte. Jeder aus der Flut der Vorschläge wurde in der Presse, in Versammlungen besprochen, erörtert.

Die breiten ungebildeten Massen hielten trotz aller Gegenbeweise unbeirrbar an dem nach ihrer Meinung besten Mittel fest: Feuer muß mit Wasser gelöscht werden! Den Ozean in den Brandherd geleitet! Wo gäb's einen Brand, den der Ozean nicht löschen könnte? Löschte er doch die größten, stärksten Vulkane, die aus dem Seeboden emporbrachen.

Die Gelehrten wehrten sich aufs äußerste gegen diesen naiven Vorschlag. Da tauchte in der Presse die Nachricht auf, jener Professor Körte in Berlin, der zuerst den Charakter des Brandes richtig erkannt, habe sich dahin geäußert, daß hier nur eine Operation helfen könne. Er hatte diesen Brand auf Coiba mit einem Krebsgeschwür in einem sonst noch gesunden Organismus verglichen.

Kaum, daß die Nachricht bekannt, war er in seinem Hause von den Berichterstattern überrannt worden. Unmöglich, sich des Ansturms zu erwehren. So teilte er diesen seine Ansicht mit.

Ein Mittel, über dessen radikale Wirkung er jedoch seine Zweifel nicht verhehlte. Seine Meinung war: Wenn möglich, den Brandherd aus dem Felsen der Insel herauszuarbeiten, den infizierten Boden en bloc – hier hielt er inne und machte lächelnd mit der Rechten eine Bewegung zum Zenit.

Die Berichterstatter starrten ihn ratlos fragend an.

»Nun ja!« fuhr Professor Körte fort, »wenn ein Krebsgeschwür herausgeschnitten ist, vernichtet man es. Den herausgearbeiteten Feuerblock vernichten ... ja, könnten wir das, so brauchten wir die ganze Operation nicht.

Also, da auf der Erde seines Bleibens keine Statt ist, hinweg mit ihm! ... Natürlich! Hinweg! Wohin? ... Nun ... am besten zu der großen Feuerkugel über uns, zur Sonne! Dort kann er sicherlich kein Unheil anrichten ...«

Ob das möglich wäre? ... Oh, das wäre möglich. »Stellen Sie sich vor ... ein Raketenschiff größten Ausmaßes. An ihm befestigt der gefährliche Felsblock ... die Rakete zur Sonne abgeschossen ... die Sache wäre erledigt ...«

Seinen Worten folgte ein wirres, aufgeregtes Durcheinander. Einige stürzten schon zur Tür, die Nachricht brühwarm ihren Blättern mitzuteilen. Da hielt sie ein Zuruf Körtes zurück.

»Meine Herren!« Das Gesicht des Gelehrten war tiefernst geworden. »Ich habe Ihnen diese Unterredung gewährt, weil ich einfach keine Möglichkeit sah, sie zu vermeiden. Was ich Ihnen soeben sagte, wäre allerdings eine Lösung, die uns von der Sorge befreien könnte. Doch ... und ich bitte, das in Ihren Berichten nicht zu verheimlichen ... erkläre ich Ihnen ausdrücklich, daß meine Hoffnungen, ein solcher Plan könne gelingen, sehr gering sind. Ich habe starke Zweifel, ob eine solche Operation überhaupt noch möglich ist ... ob nicht vielleicht der Boden auf Coiba auch schon auf größere Entfernungen von dem Brandherde aus derart infiziert ist, daß das Herausarbeiten der kranken Stellen unmöglich ist. Weiter dürfte es wohl kaum möglich sein, eine Rakete zu bauen, und zwar so schnell zu bauen, die geeignet wäre, bis zur Sonne zu fliegen ...«

»Aber zum Mond!« hatte da einer der Berichterstatter dazwischengerufen.

»Zum Mond? Ja, ja, mein Herr, der Gedanke liegt nahe. Doch vergessen Sie nicht die eventuellen Folgen. Nehmen wir an, die Rakete käme mit ihrer Last auf dem Mondgestirn an. Es wäre ja nicht ganz ausgeschlossen, daß vielleicht der Atombrand in der Weltraumkälte erlöschen würde. Doch ich habe da starke Zweifel.

Gesetzt nun den Fall, die Weltraumkälte hätte keinen Einfluß ... der Felsbrocken käme glühend zum Mond ... da bestände doch die große Wahrscheinlichkeit, daß dort oben der Brand auf das Mondmassiv übergriffe ... unseren früheren oder späteren Nachkommen würde eine zweite Sonne am Himmel leuchten. Die Folgen, meine Herren ...«

Einige der zuhinterst Stehenden hatten bereits den Raum verlassen. Kaum merkten es die anderen, stürzten sie denen nach. Jeder wollte der erste sein. Im Augenblick war der Raum leer, der Professor stand allein.

Ein paar Stunden später waren seine Worte in der ganzen Welt bekannt. Und wieder einige Stunden später kam die Nachricht, daß der amerikanische Milliardär William Harrod in Arizona den Bau eines Raketenschiffes im Sinne Körtes in Angriff genommen habe.

Alle Welt horchte auf. Man wußte, daß Harrod schon früher den Bau eines riesenhaften Raketenschiffes beabsichtigt hatte. Ja, es war sogar schon der Kiel gestreckt gewesen, als Jonas Lee seine Fahrt unternahm. Der unglückliche Ausgang von dessen Expedition benahm Harrod und vielen anderen, die sich mit ähnlichen Plänen trugen, die Lust. Es war klar, daß diese Idee noch starker Verbesserungen bedurfte.

Wer jedoch glaubte, daß Harrod, ebenso wie die übrigen, den Plan gänzlich aufgegeben, irrte. Ohne daß die Welt etwas davon erfuhr, arbeiteten in seinen Versuchswerkstätten unaufhörlich geschickte Konstrukteure an dem Problem weiter. Und doch hätte auch er es eines Tages beinahe aufgegeben.

Auf einer Reise war er mit Robert Canning zusammengetroffen. Die beiden wurden schnell näher bekannt. Im Vertrauen machte Harrod Canning, in dem er zu seinem Erstaunen einen äußerst tüchtigen Physiker erkannte, mit seinen Plänen bekannt. Der zeigte jedoch für die Idee Harrods merkwürdig wenig Interesse. Immerhin folgte er einer Einladung nach Arizona, besichtigte dort die Werft, hielt auch mit seiner Anerkennung für die zweifellos tüchtige Arbeit nicht zurück. Als sie beide dann allein, offenbarte er Harrod, was ihn selbst schon seit langem bewegte. Ein Raumschiff, getrieben durch Elektronenenergie! Das allein das Mittel, um gefahrlos die kühnsten, weitesten Fahrten in die Sternenwelt zu unternehmen. Hingerissen von seinen eigenen Worten entwickelte Canning die phantastischsten Pläne.

Harrod ... stumm, starr schaute er ihn an. Dieser Mann! Das Feuer, das hinter diesen kalten Zügen verborgen gewesen ... jetzt war es durchgebrochen. Der stürmte in dem weiten Gemach hin und her. Schrie immer wieder: »Nur das ist der Weg! Kein anderer! ... Oh, wer den fände! ... Ich ...« Da hielt er ein, starrte um sich. Als seine Blicke auf Harrod trafen, schien er zusammenzuschrecken, zwang sich zur Ruhe. Schwer atmend ließ er sich in einen Sessel fallen, strich sich über die Augen.

»Ja, Mr. Harrod, ich glaubte ... glaubte lange, den Weg finden zu können. Doch ...« hier drehte er sich mit einem resignierten Blick zur Seite, »meine Kraft reichte nicht aus. Und doch ...« er schlug mit der Faust auf den Tisch ... »noch gebe ich die Hoffnung nicht auf. Vielleicht, daß doch einmal die glückliche Stunde kommt, die mir den rechten Weg offenbart.«

Als sie schieden, bat Canning Harrod, die Arbeiten unbedingt fortzusetzen. »Vielleicht, daß ...«

Als jetzt die Nachricht von dem geplanten Bau Harrods in die Welt drang, schüttelte man den Kopf. Wie lange sollte das dauern, bis Harrod eine Rakete gebaut, die fähig wäre, den Pestbrocken bis zum Monde zu tragen. Ohne Rücksicht auf die vielen Warnungen, die man gegenüber dem Plan, den gefährlichen Brocken zum Monde zu schießen, äußerte – im Anschluß an jenes berühmte Interview mit Körte waren die Folgen eines Mondbrandes überall des langen und breiten erörtert worden – hatten die Nordamerikaner sich entschlossen, den Plan durchzuführen. Die Gefahr eines glühenden Mondes war jedenfalls geringer als die einer glühenden Erde.

Einige Wochen waren vergangen, da kam die Nachricht, daß Harrods Raketenschiff sich der Vollendung nähere. Jedermann faßte sich an den Kopf. Wie war das möglich gewesen? Die Welt wollte es nicht glauben. Da brachten die Radiobilder zum Beweise Ansichten von Harrods Werft. Von der Riesenrakete, die da äußerlich fertig stand.

Eine ungeheure Spannung ergriff die ganze Welt. Man begann die Tage zu zählen, bis zu jenem, an dem, wie Harrod versprochen, der Bau fertig sein ... die Rakete mit ihrer verderblichen Ladung von der Erde abgeschickt werden sollte. Schon strömten aus aller Welt die Neugierigen nach Coiba. Auch die Arbeiten dort erregten das größte Interesse. Zwar brachte die Presse täglich Berichte von den Vorgängen auf der Insel. Aber das genügte doch vielen nicht, die selbst an Ort und Stelle den geheimnisvollen Brand sehen wollten.

Das wurde ihnen jedoch keineswegs leicht gemacht. Die Absperrung wurde streng gehandhabt. Immer wieder schoben die Wachmannschaften die Neugierigen zurück. Den wenigsten aus dieser Menge gelang es, hin und wieder einen flüchtigen Blick auf die Brandstelle zu werfen.

Die lag dicht am Meer, war bei Springflut kaum 50 Meter vom Wasser entfernt.

Ein Gewirr von Maschinen und Menschen. Bunt durcheinander die blauen Kittel der Arbeiter und die weißen Mäntel der Physiker. Unaufhörlich schnitten und schrämmten die diamantbewehrten Stähle der Maschinen um den infizierten Fleck herum einen Spalt in das Gestein. Ständig kontrollierten die Physiker mit Thermometern empfindlichster Art die Temperaturen zu beiden Seiten der Schrämmspalte. Gaben danach ihre Anweisungen, den Schnitt nach dieser oder jener Richtung abzulenken.

Denn darum ging es ja, und darum drehte sich alles. Man hatte den Umfang des Atomzerfalles, der Temperaturerhöhung zwar auf der Oberfläche vor Beginn der Arbeiten genau ermittelt. Aber man wußte nicht, wie die Infektion weiter in der Tiefe verlief. Wurde der Brandherd dort breiter oder schmäler? Das war die Frage, die von Beginn der Arbeiten an alle Herzen bewegte. Wurde er schmäler, dann war Hoffnung vorhanden, den ganzen Brandherd in Form eines transportablen Felsblocks aus dem Gestein herauszuholen. Wurde er breiter ... fast hoffnungslos dann die Arbeiten.

Man war bereits einen Meter in das Gestein eingedrungen, und bis jetzt war alles fast über Erwarten gut gegangen. Zweifellos wurde der Brandherd nach unten hin schnell schmäler. Die Meinung einiger Gelehrter, daß er sich von oben her halbkugelig in das Gestein hineingefressen, schien sich zu bewahrheiten. Traf das auch weiter zu, dann würde man den ganzen Brandflecken in spätestens zwei Tagen freigelegt haben, einen Block von etwa acht Kubikmeter Inhalt, mit dessen Entfernung von der Erde das Unheil gebannt war.

*

Im Arbeitszimmer Cannings saßen der Hausherr und Sarata schon seit geraumer Zeit im Gespräch.

»Ihre Majadevi sprach von diesem Mondfahrer, wie ein Backfisch von einem Filmhelden. Ich bleibe dabei, sie muß ihn irgendmal wirklich gesehen oder gar kennengelernt haben.«

Der Alte wollte verneinen, doch Canning ließ ihn nicht zu Worte kommen.

»Und Sie auch, mein lieber Freund! Ich sah nur zu gut, wie Ihre Aufmerksamkeit stärker wurde, je mehr sich das Bild des Mannes aus meinen Fragen und Majadevis Antworten herausschälte. Decken Sie Ihre Karten ruhig auf ... Sie kennen Gorm!«

Vergeblich suchte der Inder nach einer ausweichenden Antwort. Cannings Blick haftete fest in seinem Gesicht, ließ seine Augen nicht los.

»Es wäre möglich ... doch ich versichere Ihnen, der Name des Mannes, an den ich dachte, war mir bis jetzt unbekannt. Daß es Gorm ... wenn Sie es sagen ... ich will nicht bestreiten, daß ...«

»Wie und wo sind Sie und Majadevi mit Gorm zusammengetroffen? Erzählen Sie ruhig. Was auch ist, es wird bei mir Geheimnis bleiben, wenn Sie es wünschen. Mein Wort darauf!«

Der Inder gab nach. Er erzählte von jenem Zusammentreffen in Lahore, wobei er alles verschwieg, was für ihn ungünstig.

Sprach dann von der Sitzung in Buenos Aires. –

»Wie? Was?! ... Gorm war in Buenos Aires?!« Canning starrte den Alten erstaunt an. »In Begleitung eines anderen Mannes? ... Wer war der? ... Derselbe wie der in Lahore? Merkwürdig! Aber es war doch eine Kleinigkeit, den Namen dieses Mannes in Lahore festzustellen, Sie sagten doch, daß der dort ansässig gewesen, daß der in einem Hause der Vorstadt eine Wohnung gehabt habe.«

Der Inder griff in seine Tasche, suchte unter den Papieren, die er herausgenommen. Entfaltete einen kleinen Zettel.

»Der Mann, so sagte man mir, als ich mich erkundigte, heißt Dr. Sidney Stamford.«

»Stamford?!« Canning war aufgesprungen, ging erregt hin und her. »Stamford ... der Name ... ein Nachbar von mir, ein Haziendabesitzer, mit dem ich auf schlechtem Fuße stehe, heißt Stamford ... Ah, ich erinnere mich ... ein Verwandter von ihm ... gewiß, er ist Arzt. Er war, wie ich zufällig hörte, öfters Gast bei dem alten Stamford – der mit Gorm in Buenos Aires? ... Ah, jetzt verstehe ich, die werden auf der Durchreise nach Santa Marguerita über Buenos Aires gekommen sein. Sind vielleicht jetzt drüben bei dem alten Stamford.«

Sarata erhob sich jäh.

»Es ist mir ... verzeihen Sie, Señor Canning ... eine unerklärliche Unruhe, die mich plötzlich befallen ... Gestatten Sie, daß ich mich auf kurze Zeit entferne.« – –

Canning sah dem Wegeilenden verwundert nach. Was ist mit dem? ... Was hat er ...?

Noch dachte er nach, da wurde die Tür aufgerissen, der Inder stürzte herein. Der Turban war ihm vom Kopf gefallen, die Haare zerrauft, das pockennarbige Gesicht grün und gelb vor Wut und Entsetzen.

»Sie ist fort! – Sie ist geraubt ... Majadevi!« schrie er. Der Schaum stand ihm auf den Lippen. Wie ein Rasender rannte er in dem Raum hin und her, stieß in allen möglichen Sprachen die heftigsten Verwünschungen aus.

»Mann! ... Sind Sie des Teufels? ... Das Mädchen geraubt? ... Aus meinem Hause geraubt? ... Undenkbar! Wie kommen Sie auf ...«

»Sie sagten es ja selbst, Herr ... Stamford, Gorm, sie sind hier in der Nähe ... Schon einmal in Lahore ... niemand anders als ...«

»Ah! ...« Canning war aufgesprungen. »Das wäre ... bei Gott, ich glaube, ich tat Ihnen unrecht. Nach dem, was Sie mir vorher erzählten ... doch jetzt auf! Ist es so, dann können die nicht weit sein.« Canning eilte, von dem Alten begleitet, hinaus. In kurzer Zeit war die Dienerschaft versammelt. Ein paar Befehlsworte. Dann begann man, von der Hundemeute unterstützt, den Park und die Umgebung des Hauses abzusuchen. Das helle Mondlicht erleichterte die Arbeit. Auch Canning und der Inder beteiligten sich aufs eifrigste.

Vom nördlichen Parktor erscholl plötzlich lautes Rufen. Canning eilte dahin.

»Hufspuren!« riefen ihm die Diener entgegen. »Die Spuren kommen von Norden her, führen auch wieder dahin zurück.«

»Zwei Kraftwagen herbei!« schrie Canning.

»Fremde Pferde, Señor Canning,« redete ihn der Mayordomo an, »von unseren Tieren können es keine gewesen sein.« Vergeblich suchte man nach irgendeinem Zeichen – da kamen die Wagen an. Canning mit einem Dutzend seiner Leute sprang in den ersten.

»Den Spuren nach«, kommandierte Canning. Die Wagen setzten sich in schnelle Bewegung. Die Tritte der Pferde waren im hellen Mondlicht leicht zu erkennen. Da hielt der erste Wagen an. Die Spuren der drei Pferde, die man bisher verfolgt, waren plötzlich in die einer großen Pferdeherde eingemündet, die ihren Weg, von Westen kommend, nach Osten, dem Flusse zu, nahm.

Doch nur ein kurzes Stück. Dann, als seien die Tiere in Schrecken, Verwirrung gesetzt, gingen die Spuren nach allen Seiten auseinander. Unmöglich, aus der Unzahl der Pferdetritte die Spuren der verfolgten herauszufinden. Weiteres Suchen wäre nutzlos gewesen. Der Inder beschwor trotzdem Canning, die Suche fortzusetzen, doch der lehnte ab, schüttelte mißmutig den Kopf. »Es wäre ein blinder Zufall, wenn wir unter den vielen Hunderten die rechte Spur fänden. Auch weiß man nicht, ob sie sich nicht geteilt haben.«

Er gedachte die Sache anders anzufassen. Zu Hause angelangt, schickte er einige seiner gewandtesten Leute aus, die Santa Marguerita beobachten und melden sollten, ob Sidney Stamford dort weilte. Im Laufe des Morgens kamen die Boten zurück, Dr. Stamford war allerdings mit einem Freunde in Santa Marguerita gewesen, doch waren sie schon am Mittag des vergangenen Tages in einer Flugjacht fortgeflogen.

*

Die beiden Männer, die durch die nächtliche Pampa von Norden her kamen, hielten ihre Pferde an.

»Hier, Mr. Stamford!« Tim Bröker wies mit einer Gebärde, die einigen Stolz verriet, auf den Erdboden, der von unzähligen Pferdehufen zertreten war. »War ein feines Stückchen, taxiere ich.«

»Allerdings! Da mag der Teufel die Spuren von drei einzelnen Pferden 'rausfinden«, erwiderte Stamford lachend. »Die Viecher sind ja da auseinandergespritzt, als ob der Blitz dazwischengefahren wäre. Nach allen Seiten der Windrose führen die Spuren.«

»Blitz? Nun, so was Ähnliches war's«, gab Tim Bröker stolz zurück. »Es war kein leichtes Stückchen für einen einzelnen Mann, das halbe Tausend ohne Hilfe hierherzutreiben. Die Bestien wollten selbstverständlich immer nach anderen Richtungen, als sie sollten. Ich hatte eine höllische Arbeit, sie zusammenzuhalten. War froh, als ich sie bis hierher gebracht hatte.

Nun, hatten sie mich geärgert, mehr, als ich in meiner ganzen Gauchozeit mit diesen vierbeinigen Bestien Ärger gehabt habe, so sollte es ihnen jetzt vergolten werden. Ein paar kräftige Schwärmer hatte ich bei mir. Ich trieb meinen Mustang mitten in die Herde 'rein, zündete die Schwärmer an, warf sie nach allen Seiten zwischen die Pferdebeine.

Ah, Mr. Stamford! Hab' ich da gelacht,« er verfiel in ein Lachen, daß es laut über die Pampa schallte, »hab' ich gelacht! Als wäre eine Schar Teufel in die Bande gefahren, so sausten sie nach allen Seiten auseinander.«

»Gut, gut, Tim! So weit hast du deine Sache gut gemacht. Doch der schwerere Teil unserer Aufgabe kommt noch. Du bist dir sicher, daß du von deiner Félicie das richtige Fenster erfahren hast?«

»Das Mädel wird mich doch nicht belügen, Mr. Stamford«, versetzte Tim vorwurfsvoll. »Da kennen Sie Félicie aber schlecht. Doch wir dürfen nicht weiterreiten.«

Er hielt sein Pferd an. Stamford folgte seinem Beispiel. »Hier im Schatten der alten Agave können wir die drei Gäule leicht verbergen.«

Er sprang ab, band die Zügel der Pferde an starken Ästen fest.

»Jetzt nur einen Augenblick, bis diese Wolke vor den Mond tritt. Dann so schnell wie möglich durch das Parktor zum Hause.« Ein paar Minuten später standen sie keuchend von dem schnellen Lauf hinter einem dichten Gebüsch an der Hinterseite der Hazienda. Ihr Platz war gut gewählt. Das Mondlicht ließ ihn im Schatten.

›Das dritte Fenster von rechts‹, hatte Tim Bröker gesagt. Stamford stand regungslos, die Augen auf die dunkle Fensterreihe gerichtet. Wohl eine Stunde war vergangen.

Endlich! Stamford schreckte unwillkürlich zusammen. Das Licht in dem Zimmer leuchtete auf. Durch die Scheibe sah er deutlich die Gestalt des Inders und Majadevis. Er sah, wie Sarata das Fenster öffnete, sich nach allen Seiten scharf umschaute, es wieder schloß. Gleich darauf das Zimmer verließ.

Ein paar Minuten noch wartete Stamford. Vielleicht, daß der Inder zurückkehrte. Dann trat er aus dem Versteck heraus an das Fenster heran. Das Mädchen hatte eben das glitzernde Gewand abgestreift. Wie fröstelnd zog sie den großen, dunklen Schleier um ihre Schultern zusammen.

Stamford trat so dicht an das niedere Fenster heran, daß sein Kopf die Scheibe berührte. Alle seine Gedanken konzentrierte er auf das eine: den Riegel brechen, hinter dem der Inder das Mädchen in ständiger Hörigkeit hielt. Ströme stärksten Fluidums sandte er der zu – –

Da endlich! Die Bewegungen des Mädchens wurden matter, hielten an, ihre Augen gingen wie fragend umher. Er atmete auf. Der Riegel schien gebrochen. Ermüdet von der überstarken Anstrengung ruhte er, sammelte neue Kräfte. Das zweite ... sie seinem Willen zu unterwerfen, es würde leichter sein.

›Ist das langweilig!‹ brummte Tim Bröker vor sich hin. ›So soll er doch klopfen oder das Fenster einschlagen. Was macht er nur? Worauf wartet er denn?‹

Ohne daß Stamford es merkte, trat er neben ihn, hob die geballte Hand, wollte gegen das Fenster schlagen. Da traf ein kurzer Schlag von Stamfords Faust seinen Arm, daß er zurücktaumelte. Mißmutig raffte er sich auf, trat in sein Versteck zurück.

›Der Deubel soll aus dieser verrückten Geschichte klug werden!‹ Ein bißchen schärfer der Schlag, und Tim wäre knock out. Was macht er nur da? Er stiert und starrt. Ah, jetzt spricht er sogar vor sich hin ... Und jetzt! Das Mädchen macht das Fenster auf, beugt sich ... will heraussteigen.‹

Stamford brauchte nicht zu winken. Schon stand Tim Bröker neben ihm, griff die Hände, die sich entgegenstreckten. Wie eine Feder hob er sie heraus, legte sie in Stamfords Arme. Der strich dem Mädchen mit der Hand leicht über das Gesicht, hob sie auf, eilte fort.

»Die Pferde!« schrie er leise Tim Bröker zu. In großen Sätzen jagte Tim nach dem Baume hin, wo die verborgen. Im Nu hatte er sich auf eins geschwungen, griff die beiden anderen beim Zügel, kam Stamford entgegen.

»Das Mädchen in die Mitte, wir zur Seite!« Schnell saßen sie alle im Sattel. Zuerst im Trab, dann im scharfen Galopp ging es nach Norden zu. – Schon lag der Wald, in dem das Schiff verborgen, vor ihnen.

»Sie sind hinter uns!« schrie Tim Bröker, »sie verfolgen uns im Kraftwagen. Die Scheinwerfer! Ich sehe sie deutlich! Ah! ...« er lachte, »sie machen halt. Die Spuren der Herde! Ha, ha! ... Schade, daß ich ihre langen Nasen nicht sehen kann.«

Fast hatten sie den Waldsaum erreicht. Eine Männergestalt löste sich aus dem Dunkel der Stämme, eilte ihnen entgegen.

»Gelungen! Wir haben sie!« schrie Stamford laut Gorm zu. Er brachte die Pferde zum Stehen.

»Gottlob! Wie soll ich Ihnen danken, Mr. Stamford, und dir, Tim?«

Gorm trat zu dem Pferde, auf dem Majadevi saß, wollte zu ihr sprechen.

»Still! Still!« unterbrach ihn Stamford. »Jetzt kein Wort an sie! Erst im Schiff werde ich sie erwecken.«

Ein paar Minuten später stieg wie ein dunkler Nachtvogel der Rumpf des Schiffes über die Kronen des Urwaldes hinaus. – – –

Die Morgensonne weckte den Schläfer in der kleinen Kabine. Tim Bröker schaute verwundert um sich, rieb sich die Augen.

›Wahrhaftig! ... Kein Traum ... Es ist wahr. Bin an Bord eines Flugschiffes. Sonderbarer Kasten übrigens! Was ich da gestern abend im Maschinenraum sah, kam mir so ungewohnt, fremd vor ... bin doch lange genug auf allen möglichen Luftkähnen Maschine gefahren ...

Auch der Besitzer, mein neuer Herr ... hätte ich nicht gleich vom ersten Augenblick an so einen höllischen Respekt vor ihm im Leibe, würde ich sagen: Komischer Kauz, dieser Herr Weland ... auch der Doktor Stamford ... Diese Entführungsgeschichte! ... Weiß der Deubel noch mal ... ich bin nicht daraus klug geworden. Was machte der da für seltsame Geschichten? Und das Mädchen? ... Auch ein sonderbares Geschöpf ... Eine Tänzerin? Wahrsagerin? ... Caramba! ... Einer von den beiden will sie haben, wie's scheint ... merkwürdige Geschichten. Sie wird entführt ... geraubt ...

Ah! Das wird sich alles finden, wenn ich hier erst warm geworden bin. Diese neue Stelle, die scheint, so nach den ersten Tagen zu schließen, endlich die richtige zu sein. Taxiere, daß das erste nicht das letzte Abenteuer gewesen ist, was ich hier erlebe.

Aber mein Magen ... einen Bärenhunger habe ich ... muß mal sehen, wo der Koch wohnt.‹

*

»Wer hätte gedacht, Mr. Harrod, daß sich schon so bald die Gelegenheit finden würde, die Früchte Ihrer Arbeiten praktisch zu verwerten. Ich habe keinen Zweifel, daß Ihre Rakete den Pestbrocken zum Monde bringt.«

»Ohne Zweifel, Mr. Canning. Man hätte ruhig ein schwereres Stück aus dem Boden herausarbeiten können. Die Tragkraft der Rakete ist groß genug.«

»So würde, vorausgesetzt, daß auch alles andere gut geht, Ihnen, Mr. Harrod, für ewige Zeiten der Ruhm gebühren, die Welt vor größtem Unheil rechtzeitig bewahrt zu haben?«

»Immer noch etwas pessimistisch, Mr. Canning?« Der zuckte die Achseln.

»Gewiß,« sagte er, »die Messungen ergeben allerdings nicht den geringsten Anhalt, daß weitere Teile des Bodens infiziert sind ... aber ...«

»Ihr ›Aber‹ hin, Ihr ›Aber‹ her! Ich denke zuversichtlicher als Sie.

Doch die Mittagsstunde bricht an. Das Transportschiff muß jeden Augenblick seine Ankunft melden. Ich muß zum Arbeitsplatz, wo die verschiedenen Kommissionen, Presseabordnungen ... Gott weiß, was alles hier zu diesem Tage herbeigeströmt ist ... schon versammelt sind. Nach Hunderttausenden zählen die Neugierigen zu Wasser, Luft und Land.«

Er deutete mit dem Arm auf das Hinterland der Insel, das sie von ihrem erhöhten Stand gut überschauen konnten. Seine Hand schlug einen Kreis nach der Wasserfläche des Atlantik hin. Ein Anblick, wie wenn Riesenscharen von Seevögeln sich da niedergelassen hätten. Wohin man schaute, ein Gewimmel von Land- und Wasserflugschiffen.

Noch hatten sie den Strand nicht erreicht, da erscholl lauter Lärm von dort. Aufgeregt liefen die Menschen hin und her.

Canning hob sein Glas. Entdeckte im blauen Äther ein schimmerndes Pünktchen ... Er ließ das Glas sinken, hörte die am Strande rufen.

»Die Rakete! ... Die Rakete ... da kommt sie schon ...«

Jetzt war der Punkt im Äther auch mit bloßem Auge sichtbar, wurde schnell größer. Canning nahm das Glas wieder vor die Augen.

Ein Flugschiff. Dem Umriß noch ein großes Transportschiff. Unter ihm ein schimmerndes Etwas von unbestimmten Formen. Schnell kam es näher, stand jetzt senkrecht über dem Strand, senkte sich langsam.

Ein Transportschiff der größten und kräftigsten Art, wie sie erst seit kurzer Zeit in den Staaten gebaut wurden. Unter ihm, an schweren Stahltrossen hängend, ein schimmernder Aluminiumbau von der Gestalt einer Granate. Während das Schiff sich tief und immer tiefer senkte, wuchsen auch die Umrisse der unter ihm hängenden Last. Meter um Meter kam sie hinab. Immer langsamer wurde der Abstieg. Ein Knistern in Balken und Trägern. Jetzt setzte sie auf einer Plattform auf ... Ein wuchtiger Bau, wohl 20 Meter breit und doppelt so hoch. Prasselnd fielen die vom Flugschiff abgeworfenen Stahltrossen zur Erde.

Canning kletterte auf die Plattform, trat an den Bau heran. Wie prüfend glitt seine Hand über die starken Aluminiumplatten. Er klopfte mit den Knöcheln dagegen. In dumpfem Glockenton erklang die Metallwand. Da stand sie vor ihm, die Riesenrakete, die die Kraft besaß, den Block zum Monde zu tragen.

Den Block. Der lag, umklammert von starken Ketten, so wie ihn der Kran aus seiner Grube gehoben. Seit mehreren Stunden schon lag er so, das Ziel von tausend Kameraobjektiven. In allen Siedlungen, wo Menschen lebten, zeigte das Radiobild jetzt den unheilschwangeren Brocken. Wie roter Rost schien es hier und da auf seiner oberen Fläche zu liegen ... Rostflecken? ... Blutflecken? ... An einzelnen Stellen erstrahlten sie bereits in tiefer Rotglut. Hohe Zeit, den verderblichen Brandherd von der Erde fortzuschaffen, der bange Stoßseufzer vieler Tausende.

Wieder Geräusch vom Strande her. Ein zweites Flugschiff, vom gleichen Typ wie das erste, sank auf die Meeresfläche hinab, machte neben dem ersten am Strande fest. Eine Laufbrücke wurde zum Ufer geschoben. Passagiere kamen an Land. Monteure, Techniker, Arbeiter, die sogleich mit der Ausladung der Fracht begannen. In endloser Kette trugen sie die gewaltigen Flaschen an Land, die den flüssigen Wasserstoff und Sauerstoff für den Antrieb der Rakete enthielten. Übergaben sie den Monteuren, die sie sofort im Innern des Aluminiumbaues an Ort und Stelle einsetzten und mit den Rohrleitungen zu den Treibdüsen verbanden.

Die Sonne sank darüber ins Meer. Im blendenden Licht mächtiger Scheinwerfer ging die Arbeit ununterbrochen weiter. – – –

Jetzt war die letzte Flasche eingebaut, die letzte Rohrverbindung gemacht.

Die Mitternacht kam näher. Um 11.30 Uhr die letzte Probe. Hähne wurden geöffnet. Zischend entwich das Gas aus den Düsen. Alles in Ordnung. Die Rakete war startbereit.

William Harrod verfolgte die Arbeiten mit der Uhr in der Hand. Gab seine Befehle, die nicht nur von seinen Leuten gehört wurden. Von den Mikrophonen der Radiosender aufgenommen, erklangen sie auch gleichzeitig über die ganze Erde. Zusammen mit den Sendungen des Bildfunks zeigten sie Millionen von Menschen, was hier auf Coiba vorging.

11.45 Uhr ...

»Den Block einsetzen!« kam das Kommando von Harrods Lippen.

Der schwere Baukran rollte heran, umklammerte mit stählernen Fingern den Block, schob ihn durch die weitgeöffneten Ladeluken in den Mittelraum der Rakete.

11.55 Uhr.

»Alle Mann von Bord!« schrie die Stimme Harrods. Die letzten Monteure kletterten aus dem Bauch der Rakete. Sorgfältig wurden alle Luken verschraubt und verschlossen.

Alle Scheinwerfer richteten ihre Lichtkegel auf die schimmernde Riesengranate. Jeder Niet, jede Naht ihres Baues war in allen Einzelheiten zu erkennen, wurde durch den Bildfunk über Meere und Länder weitergegeben.

In schimmernder Sternenpracht wölbte sich der Tropenhimmel. Am Firmament die leuchtende Scheibe des fast vollen Mondes.

12 Uhr.

In der Linken hielt Harrod das Chronometer. Mit der Rechten riß er an einem feinen Stahldraht, der zur Rakete führte.

Ein kurzes Klinken und Knacken ... Ein Aufblitzen von Funken. Im gleichen Moment schossen Feuerströme aus dem Boden der Rakete nach unten, beleckten das Fachwerk der Plattform.

Ein Schüttern ging durch den mächtigen Bau ... ein Zucken ... ein Rucken. Genau in der Richtung, welche die Schräge der Plattform ihm gab, stieg er majestätisch empor, einen sprudelnden, brausenden Feuerschein hinter sich herziehend.

Die Menschen standen und starrten. Verfolgten mit heißen Blicken das immer schneller emporeilende Geschoß. Starrten, bis auch dem schärfsten Glas die rote Lohe der arbeitenden Treibdüsen entschwand ...

Dann brach es los. Die Hunderttausende, die in atemloser Spannung den Vorgängen gefolgt waren, schienen wie außer sich geraten. Die Luft erbebte von dem Schreien, Rufen der rasend erregten Massen. Immer wieder dazwischen erklang der Name Harrods.

William Harrod ließ das Chronometer in die Westentasche gleiten. In tiefen Atemzügen hob sich seine Brust. Mit unverhohlenem Stolz erwehrte er sich der Beglückwünschungen, die ihm von allen Seiten entgegengebracht wurden. Auch Canning trat zu ihm, reichte ihm die Hand.

»Höchste Zeit, Mr. Harrod, daß wir den Block loswurden. Der glühte ja schon teilweise rot. Wenige Wochen später hätten wir ihn keiner Rakete mehr anvertrauen können. Jetzt ... in spätestens achtundvierzig Stunden wird der neutrale Punkt zwischen Erde und Mond erreicht sein ... dann mag die Rakete zum Teufel gehen. Die Erde ist die Sorge los. Der Mond mag sehen, wie er sich mit dem Geschenk abfindet. Die großen Sternwarten werden uns nicht lange im Ungewissen lassen.«

Die alten Bedenken, die er hegte, hielt er zurück, als er das freudestrahlende Gesicht Harrods sah.

*

Die Refraktoren der Sternwarten und besonders der neuen Helikopterenwarten beobachteten den Flug der Rakete ununterbrochen. Dann kam die Meldung, daß die Rakete den neutralen Punkt überschritten habe, daß jetzt ihr Absturz zum Monde begänne. Eine Rückkehr zur Erde war ausgeschlossen! Nach wie vor blieben die Riesenrohre auf den dunklen Teil des Trabanten gerichtet, waren die photographischen Apparate bereit, jedes Lichtsignal von dort auf die Platte zu bannen.

Sechs Stunden später die neue Meldung der Warten. Die Rakete war auf dem Mond gelandet, das Signal ihrer Blitzlichtladung hatte ihre Ankunft am Nordrande des Mare serenum deutlich gemeldet.

Millionen von Menschen jubelten auf, ledig der furchtbaren Last. Nur ein geringer Teil, der der pessimistischen Bedenken achtete, die hie und da laut wurden.

Die Kommission aus Coiba, die dort ständig weitere Untersuchungen anstellte, gab in der letzten Zeit nur beruhigende Berichte: »Keine neue Temperaturerhöhung!« ihr tägliches Bulletin.

Ungeteilt wandte sich das öffentliche Interesse den Vorgängen auf dem Monde zu. Die Frage beschäftigte alle Geister: Wird der Brand auf das Mondmassiv übergreifen oder nicht ... oder ist er gar auf der Fahrt unter dem Einfluß der Weltraumkälte erloschen? Ein heftiger Gelehrtenstreit entspann sich darüber.

Die Folgerungen, die sich aus jeder Annahme ziehen ließen, füllten die Spalten der Zeitungen und gaben Veranlassung zu fettgedruckten Titeln.

»Der Mond eine zweite Sonne«, »Tropenklima an den Polen«, »Der Unterschied von Tag und Nacht hört auf«, »Kein Wechsel der Jahreszeiten mehr« ... das waren so einige der alarmierenden Überschriften, unter denen die Weltpresse den Lesern die Zukunft schilderte.

Kam das ganze Mondmassiv wirklich im Laufe der nächsten Zeit auf solche Glut, das heißt bis auf eine Temperatur gleich der Sonnentemperatur, dann waren auf der Erde mit Sicherheit tiefeinschneidende klimatische Veränderungen zu erwarten. Dann war in der Tat die Weltordnung, die so viele hundert Millionen Jahre auf der Erde geherrscht, ernstlich bedroht, und alles Leben würde sich auf ganz veränderte Verhältnisse einstellen müssen. Tag und Nacht waren die größten Fernrohre der Erde auf jenen Punkt der Mondscheibe gerichtet, von dem die Rakete ihre Ankunft durch Blitzlicht gemeldet hatte.

Jetzt ... eine Woche nach der Landung der Rakete, ließ sich noch nichts feststellen. Das gab eine gewisse Beruhigung, denn wäre der Block inzwischen schon auf helle Weißglut gekommen, hätte man ihn sehen müssen. Aber die Landungsstelle blieb nach wie vor dunkel.

Immer mehr gewann die Meinung an Boden, daß der Brand im Block durch die Weltraumkälte und die veränderten physikalischen Verhältnisse am Ersticken ... daß alle Gefahr endgültig gebannt sei.

* * *

 

Das Postschiff, das, von Buenos Aires kommend, die Niederlassungen im nördlichen Gran Chaco versorgte, senkte sich auf dem Außenhof von Buena Vista zur Erde. Ein einzelner Passagier sprang heraus. Der Kondukteur reichte ihm sein Gepäck ... adelante! ... das Schiff stieß wieder nach oben.

Hortense, die mit Violet von einem Morgenritt in die Pampas zurückkehrte, hatte die Landung des Schiffes gesehen ... Menschen oder Wertpapiere? Sonst hielt ja das Schiff nicht, sondern warf die Post in das Netz ab.

»Sehen Sie doch einmal nach, Miß Violet!«

Die sprang vom Pferd, trat durch das kleine Mauertor in den Hof. Kaum, daß die auf den Hof gelangt, hörte Hortense einen lauten Schrei ...

»Ronald, du bist es? Wo kommst du her? Wir erwarten dich ja erst morgen ... wie ist das möglich?«

Hortense stieg ebenfalls ab und trat in den Torweg. Sah, wie Violet am Halse eines hochgewachsenen Mannes hing, ihn immer wieder küßte, lachte und weinte.

Hortense verhielt unwillkürlich den Schritt, blickte mit einem gewissen Neidgefühl auf die Gruppe.

›Die Glückliche! ... Alles liebt sie ... alle Herzen fliegen ihr zu ... Sidney Stamford ... ihr Bruder ... ich und der Vater ... die Dienerschaft ... alles ...

Und ich? ... Ist mein Herz so liebeleer, daß es auch keine Liebe wecken kann?

Robert Canning ... er liebt mich ... er sagt es ...

Ich ... liebe ich ihn nicht? ... Nein ... die Tage seiner Abwesenheit haben mir vollkommene Klarheit gegeben. Er fühlt es, tut alles ... glaubt, meine Liebe erzwingen zu können. Ich wehre mich ... Etwas Unheiliges ... Unreines ist um seine Liebe.

Der Zauber, der von ihm ausging, wenn er in meiner Nähe war, auch der ist geschwunden. Ich fühle mich fast krank ... fürchte jede Berührung mit ihm. Kann es, so sehr ich mich beherrsche, nicht verbergen.

Ich weiß, er leidet darunter ... leidet sehr ... und vermag doch nicht das geringste Mitleid mit ihm zu fühlen.‹ –

»Ah! Miß Hortense! Mein Bruder Ronald ist gekommen.«

Violet hatte sie in dem Torbogen entdeckt. Versuchte zu ihr zu laufen, ließ aber die Hand ihres Bruders dabei nicht los. Es gab einen komischen Zwiespalt. Ronald wollte ... konnte diesem Lauf nicht folgen. Blieb stehen. Die Hand ließ los.

Violet stand mit ausgestreckten Händen zwischen Hortense und dem Bruder, wußte nicht, zu wem sie zuerst gehen sollte.

Die beiden anderen lachten über die heitere Situation, beschleunigten ihre Schritte ... ihre Hände fanden sich zur Begrüßung.

Violet in ihrer freudigen Zerstreutheit legte ihre Hände noch darauf, wurde erst durch das Lachen der anderen aufmerksam. Lachte dann selbst, daß es weit über den Hof schallte.

»Ach, Miß Hortense! Diese Überraschung! Aber ich sagte Ihnen ja schon, bei dem muß man sich auf alles gefaßt machen ... kommt einfach vierundzwanzig Stunden früher. Wenn er noch später gekommen wäre, wär's zu begreifen. Aber vierundzwanzig Stunden früher ...?«

Ihr Bruder wollte noch etwas sagen. Sie fiel ihm in die Rede.

»Schweig nur! Ich weiß, du findest zu allem eine Ausrede.«

»Doch jetzt ins Haus, Violet! Unser Gast wird sich nach einer Erfrischung sehnen ... und dann wird er erzählen.«

»Aber natürlich! Gott, wie ich das vergessen konnte, du Ärmster.« Sie ergriff den Arm ihres Bruders und wollte ihn mit sich ziehen.

»Einen Augenblick, Violet! Dies Stück meines Gepäcks nehme ich lieber selbst mit.«

»Das große Stück? Warum?« fragte sie.

»Nun, das ist mein Raumschiff.«

»Was? ... Wie? ... Dein Raumschiff ist da drin? Damit willst du ...?«

»Damit will ich zum Mond fliegen! Jawohl, Violet.«

Ronald Lee brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Ronald! Ich sehe, du bist der alte geblieben,« schmollte Violet, »was soll das nun wieder ...?«

»Ah!« wandte Hortense sich an Ronald Lee, »Sie meinen das Modell, nicht wahr, ist es nicht so?«

»Gewiß, mein gnädiges Fräulein! Das Modell. Ich möchte mich auf keinen Fall davon trennen.«

»Ah, das ist interessant.« Hortense richtete ihre Augen auf den großen Holzkoffer. »Natürlich ... ich verstehe. Das ist strengstes Geheimnis. Wir werden schützend den Transport geleiten. Kommen Sie, Miß Violet!«

– Und dann saßen sie in dem kühlen Frühstücksraum in langer, lebhafter Unterhaltung ... Es war, als ob ein neuer Geist mit dem Eintritt Ronalds seinen Einzug in das Haus gehalten hätte. Selbst der ernste alte van der Meulen, angeregt von dem frohen Geplauder, lachte des öfteren sein rucksendes stilles Lachen.

Nach beendeter Mahlzeit war Ronald der Einladung van der Meulens gefolgt ... mit ihm in sein Arbeitszimmer getreten. –

Schon stundenlang dauerte die Unterredung darin. Violet strich immer wieder mit klopfendem Herzen an der Tür vorbei, konnte sich nur mit Mühe bezwingen, das Ohr nicht an das Schlüsselloch zu halten und zu horchen. Auch Hortense war von einer seltsamen Unruhe ergriffen. Fühlte, wie ihre Unruhe wuchs, je länger die Unterredung da drinnen dauerte. Sie wußte, wie skeptisch ihr Vater war.

Endlich ... eine Ewigkeit schien schon vergangen ... öffnete sich die Tür. Ronald Lee trat heraus ... sein Gesicht war bleich, doch die Augen leuchteten in heller Siegerfreude.

Hortense ging unwillkürlich ein paar Schritte auf ihn zu, ihr Gesicht ... ihre Augen drängten die stumme Frage: Wie ist's geworden?

Ronald Lee streckte ihr die Hände entgegen.

»Die große Güte Ihres Vaters wird es mir erlauben, meine Pläne in die Tat umzusetzen. Miß van der Meulen.«

Hortense drückte impulsiv seine Hände stärker.

»Ich freue mich, Mr. Lee, freue mich mit Ihnen ... freue mich auf die Zeit, die jetzt kommen wird.«

»Ich taxiere, Hortense, daß du Schülerin von Mr. Lee werden willst«, lachte van der Meulen, der in die Tür getreten war. »Hüten Sie Ihr Geheimnis, Mr. Lee!« –

Der Bau war beschlossen. Ein Raumschiff sollte es werden, den älteren, bisher allein bekannten und benutzten Wasserstoffraketen in seinen Leistungen unendlich überlegen. Nicht mehr die auspuffenden Verbrennungsgase sollten dies neue Schiff durch den Raum treiben. Elektronen, die, durch die Gormsche Energie frei gemacht, beinahe mit Lichtgeschwindigkeit von den Triebflächen ausgestoßen wurden, sollten die Energie für den Flug dieses neuen Gebildes liefern.

In der Unterredung der beiden Männer war es Lee gelungen, durch die Kraft der Überzeugung, die aus seinen Worten klang, den skeptischen Alten ganz für sich zu gewinnen.

Als die Kostenfrage zur Sprache gekommen war, hatte Ronald Lee nur zögernd die hohe Summe genannt ... im stillen gefürchtet, daß daran zu guter Letzt vielleicht noch alles scheitern könne. Doch van der Meulen hatte nur stillschweigend genickt. Nachdem er sich einmal entschlossen, konnten die Kosten keine Rolle mehr spielen.

Noch in der Nacht waren Angestellte van der Meulens in Buenos Aires fieberhaft beschäftigt, nach seinen telephonischen Direktiven die Bestellungen auszuführen, die für den Bau einer Werft in Buena Vista notwendig waren. Im Laufe des nächsten Tages kamen schon die ersten Transportflugschiffe an.

Am Nachmittag kam Canning nach Buena Vista. Er wußte, daß Ronald Lee erwartet würde. Hatte jedoch von vornherein stärkste Bedenken geäußert.

Als er auf dem Außenhof landete, sah er zu seinem Erstaunen Hortense und van der Meulen mit einem Fremden in lebhaftem Gespräch vor großen Stapeln von Baumaterialien aller Art stehen. Eine größere Anzahl von Arbeitern war auf dem Platze beschäftigt. Sie schleppten Balken, Bretter, Träger und dergleichen zu verschiedenen Stellen hin.

Er trat auf die Gruppe zu, küßte Hortense die Hand, begrüßte van der Meulen.

»Mr. Ronald Lee«, stellte van der Meulen den Fremden vor. »Sie sehen uns schon in bester Arbeit, Don Roberto.«

»Ah! Wär's möglich! Sie haben sich so schnell entschlossen?« Er deutete auf die Arbeiter. »Bauen gar schon?«

Wie mißtrauisch gingen seine Augen von einem zum anderen.

»Nun!« lachte van der Meulen, »Mr. Lee kam schon gestern. Wir hatten eine Unterredung zusammen, und ... hier sehen Sie das Ergebnis. Wir bauen das neueste Raumschiff, das heißt zunächst die Werft dafür.«

»Also doch! ...« Canning zuckte die Achseln, wandte sich dann zu Lee. »Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich offen rede. Ich habe, freilich ohne Ihre Pläne zu kennen, Mr. van der Meulen gewarnt. Ich bin selbst Physiker und halte nach dem jetzigen Stand der Wissenschaft ein derartiges Unternehmen für verfehlt ... nein, das nicht ... aber für verfrüht.

Aber vielleicht werde ich meine Meinung ändern, wenn ich mit Ihren Plänen genauer bekannt sein werde ... das heißt, ich will keineswegs in Ihr Geheimnis eindringen ... Selbstverständlich müssen Sie die größte Zurückhaltung üben ...«

Ronald Lee warf einen fragenden Seitenblick auf van der Meulen. Der zögerte einen Augenblick ... sprach dann.

»Nun, die Grundzüge Ihrer Erfindung sind wohl kein Geheimnis. Man beschäftigt sich ja schon lange mit diesen Theorien.

Nur eins – aber schließlich auch das mag die Welt erfahren – das eine, zweifellos Interessanteste – – – das alles beruht auf Gormschen Ideen. Das gab für mich den Ausschlag.«

»Ah ... Wie? ... Ich verstehe nicht ... Gorm? ... Was hat der hiermit zu tun?« Cannings Gesicht war von einer unnatürlichen Blässe überzogen. Er stottere ... war fassungslos.

Die anderen sahen ihn erstaunt an. Er fühlte die unausgesprochenen Fragen, die in ihren Blicken lagen. Vermochte doch nicht, seine Selbstbeherrschung so schnell wiederzugewinnen ... wandte sich an Lee.

»Das ist allerdings ein äußerst interessantes Faktum. So interessant und verblüffend, daß Sie als Physiker meine große Überraschung verstehen werden. Vielleicht haben Sie später einmal die Güte, mir etwas, und wäre es nur andeutungsweise, davon zu erzählen.

Schon allein interessant, daß Sie Gorm kennen! Wo ist er? Wie geht es ihm, dem Weltflüchtling? Ich kenne ihn aus meinen Jugendjahren von Leiden her.«

»Gorm? Ich kenne ihn nicht! Weiß nicht, wo er ist.«

»Ah! Ein neues Rätsel. Sie kennen ihn gar nicht ... und haben doch ... Gormsche Ideen? ... Aber hier ist nicht der Platz ... wir werden darüber viel zu sprechen haben ...«

Die Dinnerglocke rief zu Tisch. Canning bot Hortense den Arm, schritt mit ihr vor den anderen dem Hause zu. –

Mitternacht war schon herbeigekommen, als Canning sein Flugschiff bestieg. In den Ledersessel zurückgelehnt, überdachte er die Erlebnisse dieses Nachmittags. Nur mit Mühe gelang es ihm, seine Gedanken zu ordnen.

... Gorm! ... Er schrie den Namen laut hinaus ... wieder Gorm, aus dessen Genie der große Gedanke geboren.

Lee allein? ... Gewiß, er hatte zweifellos Großes geleistet ... die Gormschen Formeln bis zur Konstruktion weiterentwickelt ... doch allein wäre der nie auf diesen kühnen Gedanken gekommen.

Er selbst! Wie oft hatte er das Problem, das ja in der Luft lag, in schlaflosen Nächten durchdacht. Niemals war es ihm möglich gewesen, auch nur den Weg, der zu einer Formel führen konnte, zu sehen. –

Es war ihm gelungen, mit van der Meulen allein zu sprechen. Er hatte den unmerklich auszuhorchen versucht. Hatte auch bald herausgebracht, was der wußte. Aber gerade das, worauf es ankam, das hatte van der Meulen auch nicht gewußt.

Die Gormsche Formel! ... Hätte er die! ... Was Lee konnte, würde er auch können ...

Der Gedanke ließ ihn nicht los. Vergeblich suchte er, zu Hause angekommen, sich davon freizumachen. Der Rest der Nacht verging ihm in peinigender Unruhe.

Als der Morgen kam, sprang er auf. Wie mechanisch lenkten seine Schritte zu den Kellerräumen. Dort lag ein kleines, aber wohlausgestattetes Laboratorium. Wenn ihn auch die Verwaltung seiner ausgedehnten Besitzungen stark in Anspruch nahm, so fand er doch immer noch Zeit, sich in großen und kleinen Experimenten mit allen möglichen Problemen zu beschäftigen. Die Gormsche Idee in erster Linie war es, die ihn hier festschmiedete.

Hinter dessen Geheimnis zu kommen, war sein, höchstes Ziel! Die Formeln und Konstruktionen für die Energieapparate ... wohl hundertmal hatte er geglaubt, alle Zusammenhänge ergründet zu haben ... immer wieder war es ein Trugschluß gewesen. Dann hatte er mit dem grausamen Schicksal gehadert, das ihm wohl den Geist, aber nicht die Kraft gab, Großes zu leisten.

Diese Gormsche Formel, auf die Lee sein Werk gründete ... er brach in ein verzweifeltes Lachen aus. Die ganze Nacht hatte er davon geträumt ... im Traume immer wieder gesprochen ... was Lee kann, kann ich auch.

Ja! ... War das so sicher? Würde das Schicksal ihn nicht wieder narren? Er schloß die Tür eines schweren Panzerschrankes auf, öffnete ein Kästchen, das da stand. Entnahm ihm einen kleinen Metallapparat.

Ah! Das eine gab mir doch das Schicksal ... eine Erfindung, die kein anderer nachzuahmen vermag ... Dies Geschenk ... ein Wink des Schicksals! ... Ich will ihm folgen! ... Wieder folgen, wie schon einmal ... und ganze Arbeit soll dann gemacht werden.

Die Gormsche Formel ... Lees Berechnungen und Konstruktionen ... sie sollen mein werden!

Mit liebevollen Blicken betrachtete er alle Einzelheiten des kleinen Apparates, wie etwa ein Meisterdieb seine aus erlesenem Material gefertigten Einbruchswerkzeuge ... wie einen besten, zuverlässigen Freund.

Er barg ihn in seiner Tasche, verschloß sorgfältig die Tür des Kellers, ging nach oben.

*

In der Nähe des Hauses in der Vorstadt von Lahore, in dem Stamford eine Zeitlang gewohnt, hatte ein alter Bettler sich niedergelassen, der die Vorbeigehenden mit kriecherischen Bitten um Gaben ansprach.

Als der Abend kam, erhob er sich und schlich langsam die Straße hinunter. Draußen vor dem Tore schien er alle Gebresten von sich zu werfen, schritt rüstig weiter.

Ein kostbarer Tag war verloren. Er hatte im stillen gehofft, daß Doktor Stamford wieder hier wohnen würde. Dann hätte er ihn nicht aus den Augen verloren, wäre ihm Tag und Nacht auf den Fersen geblieben, um so vielleicht die Spur zu Majadevis Aufenthalt zu finden.

Unter einem Baume schlug er sein Nachtlager auf. Noch einmal machte er die Probe. Majadevi war wieder hier im Lande ... weit oben im Norden ... der telepathische Konnex, der ihn seit langem mit ihr verband, hatte es ihn sicher erfühlen lassen.

Noch ehe die Sonne sich erhob, sprang er auf, warf das Bettlergewand ab, holte aus seinem Bündel einen Anzug, wie ihn die Händler trugen. Er wollte bei seinem Suchen nach Majadevi in der Rolle eines Wollkäufers auftreten ...

Da stand er auf dem Flugplatz, bestieg das erste Postschiff, das nach Norden ging.

Während der Fahrt kam ihm ein Gedanke. Er wandte sich an den Schaffner des Schiffes. Fragte den, drei Bekannte von ihm seien auch vor kurzem mit dieser Linie nach Norden gefahren. Ob der Schaffner sie vielleicht gesehen habe. Genau beschrieb er dem das Äußere von Gorm, Stamford und Majadevi ... es wäre ja möglich, daß sie dasselbe Schiff benutzt hätten ... ob der Schaffner sich ihrer erinnere ...

Der verneinte. Wollte weitergehen. Dann, als fiele ihm etwas ein, drehte er sich nochmals um.

»Wann wären die Leute gefahren? Vor einigen Tagen? ... Nein! Ich erinnere mich aber, daß vor einigen Wochen ein paar Passagiere an Bord waren, auf die die Beschreibung wohl paßt.

Es waren Westländer, die mir durch ihre Größe auffielen. Sie waren selbst für Westländer große Männer.«

Im Augenblick hatte Sarata die Lage erfaßt. »Sie waren damals ohne das Mädchen? Nicht wahr?«

Der Schaffner nickte. »Gewiß!«

»Ah! Wissen Sie noch, wie weit sie fuhren? Wo sie ausgestiegen sind?«

»Gewiß! In Dargu.«

»Nun, das genügt mir.« Er drückte dem Schaffner ein Geldstück in die Hand, ging in die Kabine. Hier atmete er erleichtert auf. Ein großer Teil seiner Arbeit war ihm abgenommen. Von Dargu aus würde ihm die Suche leichter werden. Westländer hielten sich nicht häufig in diesem Hochgebirge auf. –

In Dargu verließ er das Postschiff.

Schon am Abend wußte er, daß der eine der beiden Fremden bisweilen in das Kloster Suru kam. Unverzüglich machte er sich auf den Weg dorthin.

Kaum, daß der nächste Morgen anbrach, umschlich er das Kloster und den Garten, die von einer gemeinsamen Mauer umgeben waren. Alle Türen waren verschlossen. Nur auf Klopfen wurden sie durch den Pförtner geöffnet. Er überlegte lange. Sollte er klopfen, sich erkundigen, sollte er hier auf gut Glück warten in der Hoffnung, daß Gorm wieder einmal hierherkäme? ...

Eine leichte Staubwolke dort hinten auf dem Weg nach Osten ließ ihn aufmerken. Er suchte sich zu verbergen, sprang über die Mauer, die teilweise verfallen und niedrig war, und versteckte sich im Gebüsch. – Durch die schattigen Gänge des Gartens bewegte sich die Gestalt eines Mannes. Die hageren Glieder umschloß das gelbe Mönchsgewand. Häufig blieb er stehen, murmelte wirre Worte vor sich hin. Die Arme, zum Himmel erhoben, gestikulierten wild durch die Luft. Er ging ein paar Schritt weiter ... dasselbe Schauspiel wiederholte sich ...

Jetzt schoß er plötzlich wie ein Blitz hinter die hinabhängenden Zweige eines Baumes. Blieb verschwunden. Nach einer Weile bogen sich die Zweige weit auseinander ... der Irre starrte mit weitgeöffneten Augen, in denen tödliches Entsetzen stand, nach Sarata, der eben über die Mauer gesprungen und in dem dichten Gebüsch verschwunden war.

Das Gesicht des Mannes schien wie erstarrt in hilfloser Angst. Vergeblich sah er sich nach allen Seiten um, wohin er flüchten könne. Er wollte schreien ... öffnete den Mund ... schlug sich mit der Hand darauf, wagte es nicht. Seine Hände umklammerten den Stamm des Baumes, als trügen ihn die zitternden Knie nicht länger ...

Da horchte er plötzlich auf. Die Tür, die zum Kloster führte, hatte sich geöffnet. Der Abt, an seiner Seite ein Westländer, trat in den Garten.

Der Mann hinter dem Baume sah, wie der Inder jetzt die Zweige auseinanderbog, mit haßerfüllten Blicken nach den beiden schaute. Sah, wie er die Fäuste ballte, sich bückte, als setzte er zu einem Sprunge an. Der Mann hinter dem Baum fuhr sich über die Augen. Der irre Blick darin verlor sein Flackern.

Jetzt reichte der Abt dem Fremden die Hände, als wolle er sich verabschieden, sprach noch ein paar Worte, machte das heilige Zeichen über ihn und ging ins Kloster zurück. Der andere schritt auf dem Wege weiter, der zu einem Tor der Umzäunung führte.

Kaum war er in die Nähe des Gebüsches gekommen, in dem Sarata sich versteckt hatte, als die Zweige sich öffneten. Der Inder sprang heraus, stürzte mit hocherhobenem Arm auf den Fremden los. Doch schneller war der Mann hinter dem Baum hervorgestürmt. In dem Augenblick, als der Inder die Faust mit dem Dolch nach unten stoßen wollte, umklammerten zwei Hände seinen Hals.

»Canning! ... Mörder! ... Ich habe dich! ... Jetzt ist die Reihe an dir, Canning! ... Jetzt mußt du hinab in die Tiefe ...«

Der Irre hob den Inder wie eine leichte Feder empor und schleuderte ihn in großem Bogen von sich. Brach dann in ein gräßliches Lachen aus. »Ha, ha! ... Jetzt magst du da unten schwimmen ... ein Jahr schwamm ich in dem großen Ozean ... bis ich hierherkam ... Schwimme auch, Canning ... schwimme! ... Jetzt bist du dran! Schwimme, Canning! ... Schwimme, Canning! ... Du darfst noch nicht ertrinken ... Schwimme!«

Der Fremde stand sprachlos, schien nicht zu wissen, was das zu bedeuten hatte.

»Zurück, Awaloff!« Er schob den zur Seite, trat an den Inder heran ... und beugte sich über ihn.

»Ah! Du bist's, du Schurke! Jetzt verstehe ich's.«

Sarata, nur leicht betäubt, wandte den Kopf, richtete sich langsam empor.

Mit einem Satz war Awaloff neben ihm, entriß ihm den Dolch. Wollte zustoßen, da fiel ihm Gorm in den Arm. Ein wütendes Ringen entspann sich. Die Kräfte des Irren schienen sich verdreifacht zu haben. Schaum stand ihm vor dem Mund. Mit aller Gewalt suchte er sich von Gorm loszumachen.

»Canning! ... Canning! Er muß sterben!« Immer wieder brachen die Worte von seinen Lippen.

Endlich war es Gorm gelungen, seine rechte Hand zu erfassen, ihm den Dolch zu entwinden. Er schleuderte die Waffe von sich, ergriff Awaloffs Arm. Redete beruhigend auf ihn ein. Nur langsam fügte sich der. Dann gaben seine überspannten Nerven plötzlich nach. Mit einem leisen Wimmern sank er zu Boden.

Auf den Lärm hin eilten jetzt einige Mönche aus dem Kloster herbei. Gorm übergab ihnen Awaloff, wollte sich zu Sarata wenden ... Da sprang der auf, war, ehe man ihn greifen konnte, verschwunden.

*

»Hallo! Achtung da unten!« brüllte die Stimme des Vorarbeiters von dem hohen Gerüst. Ronald Lee, in eine Zeichnung vertieft, schaute hoch. Das Blatt fiel zur Erde. In wilden Sprüngen eilte er vorwärts. Er wollte »Hortense!« schreien, doch die Stimme versagte ihm ... Die Last der eisernen Träger da oben, auf den einzelnen Balken vom Kran falsch aufgesetzt ... der Balken knisterte ... brach ... Die Eisenlast, von der Kette schon gelöst, begann zu stürzen.

Hortense ahnungslos unweit des Gerüstes. –

Sie stieß einen lauten Schrei aus. Zwei Arme hatten sie umschlungen, rissen, trugen sie wie ein leichtes Bündel hinweg, noch ehe sie wußte, was geschah. –

Ein donnerartiges Krachen ... die Masse der einzelnen Träger gelöst, hart auf das Mauerwerk schlagend ... in hohem Bogen sprangen die Eisenstücke mit zermalmender Wucht nach allen Seiten ... schlugen, was da stand an Geräten und Werkzeugen, in tausend Stücke ...

Die Überraschung, das furchtbare Krachen ... Hortense verlor einen Augenblick die Besinnung. Als sie wieder zu sich kam, starrte sie in ein Gesicht, das unter der Sonnenbräunung tief erblaßt war.

»Mr. Lee! Was ist geschehen? Ich bin ...« Sie wollte sich frei machen, sank wieder zurück. Der drückte sie fester an sich, strich ihr mit der freien Hand das Haar zurück, das ihr ins Gesicht gefallen.

»Beruhigen Sie sich,« mit Gewalt gab er seiner Stimme einen ruhigen Klang, »beruhigen Sie sich, Miß Hortense ... Ein kleiner Unfall da oben ... ein Balken brach. Sie hörten den Warnungsruf nicht. Ich sprang hinzu, riß Sie zur Seite ... In der Sorge um Sie ... ich griff wohl zu unsanft zu ... der Schrecken ... verzeihen Sie mein Ungestüm!«

Unter seinen Worten hatte sie sich aufgerichtet, machte sich langsam frei. Ihr Blick ging von oben nach unten. Da, wo sie eben noch gestanden, neben der Karre ... ein Gewirr schwerer Eisenstücke ... die Karre zertrümmert, zermalmt. Ein Schauer lief durch ihren Körper. Langsam wandte sie sich um, reichte Lee die Hand ... verließ den Platz.

Die Arbeiter der Werft hatten ihren Chef noch niemals so erregt gesehen wie jetzt. Die Ruhe Ronald Lees war beinahe sprichwörtlich geworden. Jetzt erlebten sie etwas, was sie wohl niemals für möglich gehalten hätten. Das Donnerwetter, das auf den Kranführer herunterprasselte, überstieg alles, was sie in einem solchen Fall für möglich gehalten hätten.

Trotz der großen Beschleunigung, mit der gearbeitet wurde, war dies der erste ernstliche Unfall. Wie ein Pilz wuchs die Werft aus der Erde. Van der Meulen drängte selbst auf größtmögliche Beschleunigung. Seine großen Geldmittel kannten kein Hindernis ... doch nichts von dem allen hätte Lee zu diesen übermenschlichen Anstrengungen veranlassen können. Das, was ihn immer wieder in seiner Tätigkeit anspornte, war das Interesse, das Hortense van der Meulen seinen Arbeiten zuwandte.

Van der Meulen hatte recht gehabt. Sie war seine Schülerin, seine Gehilfin geworden. Vom Morgen bis zum Abend ... trotz glühenden Sonnenbrandes, war sie fast ständig beim Bau. Die Abende sahen fast regelmäßig die Bewohner der Hazienda um den großen Tisch versammelt, auf dem die Pläne ausgebreitet waren.

An diesem Morgen kam Hortense nicht wieder. Ronald Lee wurde immer unruhiger, immer zerstreuter, je länger die Stunden sich hinzogen. Kaum, daß er noch die vielen Fragen beantworten konnte, die seine Bauleute an ihn richteten. Wie eine Erlösung begrüßte er den Klang der Mittagsglocke.

Als er in das Speisezimmer trat, sah er Hortense hinter ihrem Vater stehen. Sie legte mit einer stummen Bewegung den Finger auf den Mund, deutete mit der anderen Hand auf ihren Vater.

Ronald Lee verbeugte sich kurz. Die Mahlzeit verlief außergewöhnlich schweigsam. Vergeblich bemühte sich der alte van der Meulen, das Gespräch in Fluß zu bringen. Endlich riß ihm die Geduld.

»Hallo, Kinder! Ich sehe, ihr arbeitet zuviel. Heute nachmittag wird gefeiert ... Ruhig, Hortense! ... Ich wünsche es. Eure Gesichter zeigen mir, daß ihr abgespannt, überarbeitet seid.

Wir werden, wenn die schlimmste Hitze vorbei, einen Ritt in die Pampas machen und vielleicht auch bei Canning vorsprechen.« –

Van der Meulen war mit den anderen kaum fortgeritten, als Cannings Kraftwagen vorfuhr. Der Haushofmeister trat ihm entgegen, hob bedauernd die Hände hoch.

»Vor einer halben Stunde sind die sämtlichen Herrschaften in die Pampas geritten.«

»Wohin?«

Der Mayordomo zuckte die Achseln. »Ein Ziel haben sie nicht angegeben. Mr. van der Meulen sagte nur, daß man vielleicht Mr. Canning besuchen werde.«

»Ah! Das ist sehr bedauerlich, José. Sie suchen, hat wohl keinen Zweck ... Ich werde nach Hause zurückkehren und warten, bis sie kommen ... doch eilt das nicht. Laß mir ein Glas Eiswasser in das Speisezimmer bringen.«

Während der Alte ging, den Auftrag weiterzugeben, begab sich Canning in das Speisezimmer, warf sich in einen Stuhl, griff nach den Zeitungen. Nicht lange, und eine Dienerin brachte den kühlen Trank. Kaum hatte sie den Raum verlassen, erhob sich Canning, schritt durch das angrenzende Gemach in das Eckzimmer, wo die Pläne lagen. Mit ein paar raschen Blicken hatte er sich informiert. Sie betrafen ausschließlich den Bau der Werft, enthielten für ihn nichts von Wichtigkeit.

Nebenan lag das Zimmer Ronald Lees. Canning drückte auf den Türknopf. Die Tür war verschlossen. Hastig griff er in die Tasche, öffnete sein Taschenmesser. Ein dietrichartiger Haken daran. Er führte ihn ins Schloß. Ein leises Knacken, die Tür ging auf.

Seine Augen spähten gierig in die Runde. Wo? ...

Ein paar Truhen ... ein großer Wandschrank ... sie waren verschlossen. Was sollte er tun? Wo hatte Lee sein Geheimnis verwahrt? ...

Eine eiserne Kassette sollte es sein. Das hatte er zufällig erfahren.

Er trat neben den Wandschrank. Ah! Sein Fuß stieß gegen ein Hindernis. Er bückte sich, jubelte innerlich auf. Da stand die Kassette, fest mit dem Boden verschraubt.

Er griff in die Tasche, zog den kleinen, blitzenden Apparat heraus. Die Dokumente ... sie mochten stehen, sie mochten liegen ... einerlei. Die Gelegenheit, sie war so günstig. Von oben ... von der Seite ... mochte die Lage sein, wie sie wollte ... konnte sein Wunderapparat sie auf die Platte bannen.

In einem Augenblick war es getan.

Er verließ das Zimmer, sperrte das Schloß, ging langsam, ein Lied vor sich hinpfeifend, durch die Zimmerflucht zu seinem Platz zurück ...

Er konnte gewiß sein, daß niemand in der Zwischenzeit das Zimmer betreten. Hastig, die trockene Kehle lechzend, stürzte er den kühlen Trank hinab. Unten an der Haustür begegnete er wieder dem alten José ... winkte dem zu, sprang in seinen Wagen.

Er mochte wohl eine Stunde wieder zu Hause sein, als van der Meulen mit seiner Gesellschaft angeritten kam. In Erwartung der Gäste hatte Canning eine festlich geschmückte Tafel herrichten lassen. Er selbst war in glänzender Stimmung ... bei dem Mahl riß seine übermütig sprühende Laune auch die anderen mit.

Nach der Mahlzeit saßen sie auf der Glasveranda. Durch die offenen Fenster drang die kühle Abendluft.

»Eine Frage, Don Roberto!« wandte sich van der Meulen an Canning. »Ich sprach heute morgen mit Mr. Lee über die Möglichkeit, daß das Mondgestirn durch das üble Geschenk, das wir ihm mit der Rakete zuschicken, infiziert werden ... auch in Brand geraten könnte. Die Frage wird von allen Gelehrten sehr vorsichtig behandelt. Die Ansichten widersprechen sich sehr. Auch Mr. Lee wollte sich auf keine der beiden Ansichten festlegen.«

Canning zuckte die Achseln. »Wer kann das wissen? Doch gedulden wir uns noch eine Zeit. Wenn Mr. Lee einmal sein Schiff fertig hat, wird wohl die erste Fahrt zum Mond gehen. Dann werden wir die Antwort auf diese Frage hören.

Mir erscheint die andere viel wichtiger, ob die Kur auf Coiba von bleibendem Erfolg sein wird. Die Gelehrten, die sich da dauernd zur Beobachtung aufhalten, scheinen verschiedener Meinung zu sein. Ich weiß nicht, ob die Gefahr für Coiba und für unsere alte Erde behoben ist.«

»Nun,« erwiderte van der Meulen, »da denkt Mr. Lee ähnlich.«

»Ah! Sie halten die Operation für verfehlt?« wandte sich Canning an Lee.

»Ja, Mr. Canning! Meiner Meinung nach ist der Boden dort auf weite Strecken infiziert. Der Atomzerfall mag jetzt noch nicht bemerkbar sein. Er wird sich aber bemerkbar machen. Früher oder später.«

Canning wiegte den Kopf. »So steht also das Ende unserer schönen Welt unweigerlich fest?«

Lee antwortete zögernd.

»Das erscheint mir theoretisch als sicher. Ich hoffe nur ... möchte sogar sagen, ich habe die feste Hoffnung, daß die Natur selbst ein Heilmittel geben wird.«

»Wie soll ich das verstehen?« fragte Canning.

»Ich denke,« versetzte Lee nach einigem Überlegen, »daß es dem ewig gerechten Walten der Natur widerstrebt, den Menschen ein Mittel zu geben, das ihre Existenz vernichtet. Sie wird, wenn die Zeit gekommen ist, der Menschheit auch das Gegenmittel geben. Nur ist es die Frage, wie lange das wohl noch dauern wird. Die Natur schafft nicht sprunghaft, ihre Entwicklung geht langsam. Generationen mögen vergehen, ehe die Rettung kommt.«

»Das heißt also, die amerikanischen Kontinente könnten auf einer späteren, ›geretteten‹ Welt von der Landkarte verschwunden sein?«

»Es könnte sein, Mr. Canning, wenn ich es auch nicht hoffen möchte.«

»Pfui, Mr. Lee! Sagen Sie das nicht zu laut. Sonst würden ja unsere Haziendas hier demnächst keinen Pfennig mehr wert sein«, erwiderte van der Meulen.

»Nun, mag es sein, wie es wolle,« entgegnete Canning, »es dürfte sich empfehlen, sich rechtzeitig nach einem anderen Unterkommen umzusehen. Suchen wir also als moderne Konquistadoren nach Neuland.

Da wäre der Mond. Kommt nicht in Frage, weil ohne Atmosphäre und Wasser. Vom Mars wissen wir jetzt durch die Beobachtung der Helikopterenwarten, daß er nur im äußersten Notfall als Siedlungsgebiet in Betracht käme. Unsere Vorfahren machten freilich gern phantastische Fahrten dorthin. Das Nächstliegende in doppeltem Sinne ist die Venus.«

»Gewiß!« versetzte Lee. »Sie allein kommt zunächst in Frage. Die Lebensbedingungen dort entsprechen ungefähr denen auf der Erde ... Wasser ... Atmosphäre ... Wärme. Es ist alles da, was wir brauchen ... Und, das Wichtigste, es sind keine Menschen da.«

»Das ist auch meine Meinung!« fiel van der Meulen ein. »Und es kann für mich keinem Zweifel unterliegen, daß wir die Venus als Ziel unserer großen Fahrt wählen.«

»Unserer? ... Mr. van der Meulen. Wollen Sie etwa selbst in Ihren alten Tagen noch Konquistador werden?« fragte Canning.

»Warum nicht, Don Roberto? Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Ich denke, wenn Gott will, da oben eine Hazienda zu gründen, die ausgedehntere Grenzen haben soll als unser ganzer Gran Chaco.«

Canning lachte. »Wollen Sie da oben Saurier züchten, van der Meulen, oder wie stellen Sie sich die Sache vor?«

»Wenn ihr Fleisch ein gutes Beefsteak gibt, warum nicht?« erwiderte van der Meulen halb im Ernst, halb im Scherz. »Ich taxiere aber, daß da, wo Menschen leben können, auch Viehherden existieren können ... gibt's die da oben, um so besser. Gibt's die nicht, werde ich sie dahin importieren.«

»Bravo, Mr. van der Meulen,« rief Violet, »wir werden also Milch, frische Butter und Beefsteak da oben nicht entbehren ...« Und als wenn Violet sich für ihre bisherige erzwungene Schweigsamkeit entschädigen wolle, sprudelte sie jetzt eine Fülle der komischsten, phantastischsten Ideen für einen Venusaufenthalt heraus.

Auch Hortense, angesteckt von ihrer Lustigkeit, beteiligte sich daran, bis schließlich alle sich überboten, ein paradiesisches Eden auf der Venus auszumalen, das alle Annehmlichkeiten und Freuden der Erde weit übertraf.

Sehr spät brachen die Gäste auf. –

Lange noch stand Canning in seinem Laboratorium und studierte die entwickelten Platten. Verschloß seinen kleinen Zauberapparat sorgfältig in dem Panzerschrank ...

›Diesmal hast du ganze Arbeit gemacht.‹

*

Der nächste Morgen. Canning saß am Teetisch. Der Lautsprecher im Hintergrunde des Gemaches brachte die Tagesneuigkeiten. Er las die Zeitung, hörte nur zerstreut dorthin ...

Coiba! – Die Hand, die den Teelöffel in der Tasse umrührte, hielt an. Die Augen gingen erwartungsvoll zu dem Apparat. Der sprach:

»Im Laufe des gestrigen Nachmittags wurde an einer Stelle, die unweit der alten Brandstätte liegt, ein neuer Brandherd gefunden.«

Auf Cannings Gesicht war eine leichte Blässe getreten. Der Löffel fiel klirrend aus seiner Hand.

›Ich ahnte es, sah es kommen‹, sprach er vor sich hin.

Der Radiosprecher meldete weiter:

»Wenn die schlimme Meldung, die wir jetzt bringen, so spät kommt, so findet das seine Begründung darin, daß man sich zunächst über den Charakter des Brandes nicht klar war. Die Leitung der Kommission zögerte, eine Meldung in der Welt zu verbreiten, bevor die Natur des Phänomens klar erkannt war ...«

In das Weitere, was Coiba meldete, schrillte ein Telephonanruf Harrods ... aus Coiba. Canning riß den Hörer ans Ohr, lauschte. Es waren nur wenige Worte, die Harrod sprach.

»Well, Mr. Harrod! Ich komme ... fahre sofort ab.« ...

Auf die Welt wirkte die Meldung aus Coiba wie ein Donnerschlag. In erster Linie waren es die amerikanischen Kontinente, der Isthmus im besonderen, die in größte Unruhe gestürzt wurden. Ein Heer von Reportern begab sich nach Coiba.

Die Frage bewegte alle: War es ein neuer Brand, der, ähnlich entstanden wie der erste, bisher unbemerkt geblieben war ... oder war es ein neues Pestgeschwür, gebildet aus dem verseuchten Organismus des Bodens? Man klammerte sich an die erste Auffassung. Denn traf das zweite zu ... der Boden vergiftet ... dann hoffnungslos ... dann Weltenende ...

Die Kommission auf Coiba gab auf diesbezügliche Anfragen keine klare Auskunft. Bis in die entlegensten Teile der Welt drang die verhängnisvolle Kunde. –

Gorm ... der Name tauchte wieder auf. Wieder und wieder die alten Verwünschungen gegen den Schuldigen –

*

»Nein! Nein, mein lieber Sohn! Nichts sollst du fürchten. Nichts darf dein Herz beschweren. Verachte das häßliche Geschrei der unweisen Massen. Du wärest frei von Schuld und Fehl, wenn der Brand auch die ganze Welt verschlänge. Unsere heiligen Offenbarungen, denen nichts verborgen, wissen hiervon. Millionen Geschlechter werden vergehen, ehe das Erdgestirn, in feuriger Lohe geläutert, in neuer, verjüngter Gestalt seine Wiedergeburt erlebt. Was jetzt geschieht, ist nicht das Ende. Ein sterblicher Mensch ... du bist es ... wird der Heiland sein!«

Gorm schüttelte den Kopf. Die Worte des greisen Abtes vermochten nicht die schwere Last, die ihn drückte, zu mindern. Auch ihn hatte die Nachricht von dem neuen Brande aufs tiefste erschüttert. Auch er hatte sich der vagen Hoffnung hingegeben, daß die Gefahr durch die Operation behoben, hatte die quälenden Gedanken trotz schwerer Bedenken damit zu bannen gesucht.

»Deine Worte, ehrwürdiger Vater, bringen mir keinen Trost. Vergeblich habe ich Tag und Nacht gegrübelt. Die Kräfte, die das Schicksal mir gab, sie sind zu schwach, diese Aufgabe zu lösen. Ich scheide schweren Herzens von dir.

Auch unser Schützling ... Awaloff ... daß die Verwirrung seines Geistes nicht weichen will! ... Sein Leben ist kostbar für mich! Ist er doch der einzige lebende Zeuge des schlimmsten aller Verbrechen, das jemals an der Menschheit begangen wurde.«

»Wenn auch sein Geist noch verdunkelt, das Unstete, Wilde ist von ihm gewichen. Er ist ruhiger geworden. Ein harmloser Kranker. Vielleicht, daß die Zeit ihm Genesung bringt ... die Zeit, das große Heilmittel der Natur ... Auch für Coiba wird sie den Tag bringen, an dem der Brand erlischt ... und dir wird sie den Tag heraufführen, der dich entsühnt von dem Haß der Welt ... den Tag, an dem alles die Knie beugt, dir huldigt ...«

Gorm war geschieden. Eilte, zur Werft zu kommen ... ungeduldig neuer Nachrichten von Coiba harrend.

*

»Gut, daß Sie kommen, Mr. Canning!« Harrod begrüßte den, der eben seiner Jacht entstieg.

»Gehen wir sofort zu der neuen Brandstelle. Ihr Urteil ist mir mehr wert als das der ganzen Kommission. So viel Köpfe, so viele Meinungen. Unterwegs werde ich Ihnen erzählen, wie man zu dem Funde kam.

Zwei junge Arbeiter badeten gestern morgen im Meer. Als die Flut kam, gingen sie höher am Strand hinauf, legten sich hin, um sich an der Sonne zu trocknen. Plötzlich ... der eine springt auf ... schimpft, flucht ... sein Rücken verbrannt. Er denkt zunächst, daß da im Sand ein Stück Eisen, das durch die Sonne stark erhitzt. Beugt sich, scharrt den Sand weg ...

Da schreit er wieder auf ... bläst sich die Finger. Der andere lacht, kniet auch nieder, greift in den Sand ... tanzt im selben Augenblick ebenso wie der erste, die verbrannten Finger in der Luft schlenkernd. Sie werfen die Kleider über, laufen zu Mr. Goldwin, dem Leiter der Kommission.

Man begibt sich sofort zu dem angegebenen Ort, stellt Untersuchungen an, konstatiert einen neuen Brand. Man will zunächst nicht daran glauben, daß es Atombrand sei. Denkt an irgendwelche vulkanischen Erscheinungen, die hier zutage treten. Schließlich kann man sich aber doch nicht der Tatsache verschließen, daß zweifellos ein Atombrand vorliegen müsse.

Die erste Frage: Wie ist der Brand entstanden? Die zweite Frage: Kann man ihm in ähnlicher Weise beikommen wie dem ersten? Von Ihrem Urteil erwarte ich die Entscheidung, Mr. Canning.«

Unwillkürlich war Harrod stehen geblieben und schaute Canning an. Der schüttelte den Kopf.

»Die Antwort will ich Ihnen jetzt schon geben. Meine erste Diagnose bewahrheitet sich. Der Brand ist unlöschbar. Der Atomzerfall hat so weit gegriffen, daß ihm mit bekannten menschlichen Mitteln nicht mehr beizukommen ist.«

Die scharfen, kräftigen Züge Harrods erbleichten.

»Das wäre ...?«

»Weltenbrandsbeginn!«

Schweigend legten sie den Rest des Weges zurück. An der Stelle des neuen Brandes hatte man, soweit es möglich, ein Loch gegraben. Der Boden war hier nicht Felsen, sondern bestand aus Erde mit Steingeröll gemischt. Canning beugte sich zu dem Erdhaufen am Rande der Grube, griff einen Klumpen, wog ihn in der Hand, nahm dann noch ein paar andere, verglich sie.

»Eine Metallader, Mister Harrod! ... Gehen wir in das Laboratorium, wo ich ihren Charakter feststellen will.«

Als sie an der alten Brandstelle vorbeikamen, blieb Canning stehen. Er stieg in die Grube hinab und begann, den Boden systematisch Stückchen für Stückchen abzusuchen.

»Nichts zu finden hier!« murmelte er. »Die Messungen der Kommission scheinen richtig zu sein ...«

Er wollte eben wieder nach oben steigen, da wandte er sich noch einmal zur Sohle der Grube. Der Boden bestand aus gewachsenem Stein. Er ließ sich einen Meißel geben, trat zu einer Stelle, wo das rötliche Gestein einen grauen Schimmer zeigte. Mit kräftigen Hieben schlug er ein paar Brocken ab, zog ein gutes Vergrößerungsglas aus der Tasche und betrachtete aufs schärfste die Vertiefung.

Da! ... Ein graues, unendlich feines Äderchen. Mit dem Meißel brach er ein paar Stückchen ab, wickelte sie sorgfältig in ein Tuch und stieg nach oben.

»Was haben Sie da? Was ist das?« fragte ihn Harrod neugierig. »War die Stelle warm?«

Canning schüttelte den Kopf. »Nein! Und doch vermute ich, daß von hier aus die Infektion weitergegriffen hat.« Unbekümmert um die Mitglieder der Kommission, die sich fragend um ihn drängten und mit Vermutungen und Ratschlägen nicht zurückhielten, schritt er, von Harrod begleitet, zum Laboratorium. Schnell war das spezifische Gewicht der Brocken festgestellt. Kein Zweifel mehr. Es handelte sich um ein hochwertiges Bleierz.

»Ich nehme an, Mr. Goldwin,« wandte er sich an den Kommissionsleiter, »daß Sie eine elektrische Wünschelrute hier haben.«

Der besann sich einen Augenblick, was ein leises Lächeln auf Cannings Züge lockte. Ein Angestellter brachte sie. Canning nahm das Instrument zur Hand, schritt zu dem ersten Brandherd und stellte es ein.

»Wie Sie sehen, Mr. Harrod, zeigt der Apparat Metall an. Doch jetzt weiter!« Er beugte sich zum Boden, bewegte sich, den Blick starr auf den Zeiger des Instrumentes gerichtet, bald nach rechts, bald nach links ausweichend der Stelle des neuen Brandherdes zu.

»Die Sache ist klar, Mr. Harrod. Eine Metallader zieht sich von der alten zur neuen Brandstelle hin und darüber hinaus. Die Infektion folgt ihr. Wer weiß, wie weit sie schon fortgeschritten ist. Hier zu helfen, sind menschliche Kräfte zu schwach.«

Während die Radiowellen das niederschmetternde Resultat der Untersuchungen in alle Welt trugen, saßen Canning und Harrod an Bord der Jacht des letzteren. Canning in einen Sessel zurückgelehnt, blies äußerlich scheinbar ruhig gelassen den Dampf seiner Zigarre in die Luft. Harrod durchmaß den engen Raum mit hastigen Schritten. Sein Atem ging heftig. Hin und wieder blieb er stehen, starrte halb ungläubig, halb ratlos in Cannings gleichmütiges Gesicht. Der sprach, sprach lange. – –

»Jeden anderen, der mir so etwas sagte, würde ich mit eigenen Händen zur Tür hinauswerfen. Sie? ... Sie haben? ... Sie wollen die Gormsche Kraft weitergeführt haben! ... So weit, daß der Traum der Zukunft ... Raumschiffe damit zu treiben, Wirklichkeit geworden wäre?«

»Es ist so, wie ich Ihnen sagte, Mr. Harrod!«

»Und warum sagen Sie das erst jetzt?«

»Nun,« sagte Canning, »ich dächte, der Augenblick wäre recht glücklich gewählt. Im Bewußtsein, daß die Erde in absehbarer Zeit ein Feuerball wird, dürfte es ein köstlicher Gedanke sein, das Mittel zur Flucht zu wissen. Doch lassen wir den Scherz. Ich sage es heute ... einfach, weil ich erst seit kurzem das Problem vollständig gelöst habe.«

»Ah! Und wie kam das? Ein glücklicher Zufall? ... Gewiß, Sie arbeiteten ja schon lange daran. Wie kamen Sie hinter das Geheimnis?«

Canning schaute an Harrod vorbei. Sein Blick ging über die weite Wasserfläche des Ozeans.

»Wie ich dazu kam, Mr. Harrod? ... Es war vor wenigen Wochen. Ich stand vor der Frage ... seine Stimme verlor ihren Klang, fast murmelnd kamen die Worte aus seinem Munde. »... allem ein Ende zu machen ... Ich sah ... mußte sehen, daß ein anderer das Problem des Raumschiffes, getrieben von Gormscher Kraft ... die Idee, die mich Tag und Nacht schon seit Jahren bewegte ... daß ein anderer dieses Problem gelöst hat.«

Als wäre der Blitz neben ihm eingeschlagen, sprang Harrod zurück und starrte den an.

»Was,« stammelten seine Lippen, »ein anderer? ... Und der lebt? ... Was tut er?«

»Er baut.«

»Und Sie kennen ihn? ... Wer ist er? Spannen Sie mich nicht auf die Folter! Seinen Namen?!«

»Es ist der Engländer Ronald Lee, ein Neffe jenes Jonas Lee. Van der Meulen, Ihr ›Freund‹, hat ihn zu sich kommen lassen. Auf seinem Besitztum Buena Vista im Gran Chaco wird die Werft errichtet.«

»Und kein Mensch weiß etwas davon? Ahnt es?«

»Nein, Mr. Harrod, niemand weiß es bisher außer den engsten Angehörigen van der Meulens. Man will das Geheimnis so lange wie möglich wahren.«

»Zuviel! Zuviel, was Sie da sagen! Ich weiß nicht, was ich zuerst fragen soll ... Erzählen Sie ... weiter! ...«

»Der Tag, an dem mich van der Meulen in das Geheimnis einweihte ... ich werde ihn nie vergessen. Nur mit Mühe vermochte ich meine Fassung zu bewahren. Entfernte mich bald, innerlich zerschlagen ... zerrüttet. Ich kam zu Hause an, ging in mein Laboratorium.

Zwei Tage, zwei Nächte saß ich. Ich aß nicht, ich schlief nicht, künstlich hielt ich mich aufrecht. Da in letzter Stunde, als Körper und Geist zusammenzubrechen drohten, fand ich die Spur, den Weg, der zum Ziele führte. Ich hatte noch eben die Kraft, ein paar Formeln zu Papier zu bringen. Dann fiel ich zusammen. Kaum erwacht, stürzte ich mich wieder in die Arbeit, fürchtend, es sei ein Traum gewesen. Mit ausgeruhten Sinnen überprüfte ich alles. Es war kein Trug, der rechte Weg war gefunden.«

»Jetzt?« Harrod drängte näher zu ihn heran, sah ihm voll ins Gesicht. Canning gab den Blick ruhig zurück.

»Jetzt ... werde ich vielleicht auch bauen.«

»Ah!« Harrod trat einen Schritt zurück. »Und die in Buena Vista?«

Canning kniff die Augen zusammen. Sein Blick ging unverwandt über die Wellen des Ozeans, die an dem Saum des Strandes hinaufleckten. Immer wieder ausholend, als wollten sie die Insel überströmen, hinweg reißen ... immer wieder ohnmächtig zurückrollend. Ein Bild seines Lebens, seiner Liebe ...

Lange wartete Harrod vergeblich auf Antwort.

»Und die in Buena Vista?« wiederholte er die Frage.

»Buena Vista ... Ja! ... Ja ... hätte ich es nie gesehen, es wäre wohl besser für mich ... doch einerlei! Wie es auch kommen mag ...« Canning sprang auf, »es muß ein Ende haben! ...«

»Und dann, Mr. Canning?« Drängend kam die Frage aus Harrods Mund.

»Dann werde ich wissen, ob ich mit Ihnen, Mr. Harrod, das Raumschiff baue, das uns hinwegführt zu einer neuen Welt.«

Harrod streckte ihm die Rechte entgegen. »Möge es so kommen! Dann soll der Ruhm, vor allen anderen zuerst in dem neuen Raumschiff zu fliegen, Ihnen sicher sein. Mein Wort darauf! Meine Werft steht von heute ab in Erwartung ihres neuen Herrn.«

*

»Allerdings, Mr. Lee, jetzt beuge ich mich Ihrem Urteil. Was uns da eben Mr. Canning erzählte, dürfte wohl überzeugend für jedermann sein. Und doch sehe ich die Gefahr des Weltbrandes nicht so groß wie ihr gelehrten Köpfe. Das wäre ja noch schöner, wenn unsere schöne Welt verbrennen sollte, weil da ein paar rote Flugschiffe mit ihren Waffen explodierten.«

»Du denkst wohl da wieder an das Löschen mit dem Ozean, Vater«, wandte sich Hortense lachend ihm zu.

»Das nicht, Hortense! Unser Herr Lehrer ...« er deutete lächelnd auf Ronald Lee, »hat es fertiggebracht, den dunklen Kopf zu erleuchten. Aber so wahr ich hier sitze, gemacht wird das Experiment doch! Dafür wird die blinde Menschheit schon sorgen ... zumal es ja gar nicht so große Schwierigkeiten machen wird.«

»Nun, mögen sie! Es wird jedenfalls ein schönes Schauspiel werden«, sagte Hortense, wandte sich dann zu Lee. »Die Schichtglocke hat gerufen, Mr. Lee, versäumen wir die Arbeit nicht.«

Sie erhob sich, nickte den anderen leicht zu, ging mit Lee aus dem Zimmer. Canning sandte dem Paar einen finsteren Blick nach.

»Ja, ja, Mr. Canning!« lachte van der Meulen, »Hortense entwickelt sich zu einem perfekten Ingenieur. Kein anderer Gedanke bei ihr als die Werft ... der Bau des Schiffes.«

»Ich sehe ... Leider! ... Kaum, daß Hortense mir einen Blick, ein paar Worte gönnt.« Er sah kurz nach Violet hinüber, die sich verlegen erhob, hinausging.

»Ein Wort unter uns Männern, Mr. van der Meulen! Sie selbst hatten das Glück, eine geliebte Gattin zu besitzen ... werden sich der schönen Zeit Ihres Brautstandes erinnern. Vergleichen Sie, und Sie werden einsehen, daß das Verhältnis zwischen Hortense und mir sich in einer Weise entwickelt hat ...«

Van der Meulen strich sich den Bart. Nickte nur stumm vor sich hin.

»Ihr Schweigen sagt mir genug –« Canning ging erregt im Raume auf und ab. »Wäre meine Liebe zu Hortense nicht so groß, schon längst hätte ich dem allem ein Ende gemacht. So hoffte ich von Tag zu Tag ... Vergeblich! ... Und jetzt, seitdem dieser ... dieser Lee hier ist ... ich ertrage es nicht länger! Bin es mir selbst schuldig, Klarheit in unser Verhältnis zu bringen.«

»Ich sehe es ein. Sie haben recht, Don Roberto. Doch ich kann und will mich nicht einmengen. Hortense ist mein einziges Kind. Sie muß allein entscheiden. Sprechen Sie mit ihr. Ich will hoffen, daß sich alles zum Guten wenden wird. Doch wenn sich ihre Liebe gewandelt ... ein Zwang von meiner Seite ist ausgeschlossen.«

»Gut, Mr. van der Meulen. Vielleicht, daß Hortense sich herabläßt, mir eine Unterredung zu gewähren ... die Gesellschaft dieses Lee auf kurze Zeit entbehren kann«, setzte er in halbem Tone hinzu.

»Don Roberto! Der Vorwurf, der in Ihren Worten lag ... ich muß ihn zurückweisen. Hortense van der Meulen vergißt sich nicht! Ich werde selbst gehen, sie hierherschicken.«

Zu einer Ewigkeit dehnte sich die Zeit für Violet, die in Hortenses Zimmer saß, sie erwartete. Van der Meulen hatte ein Pferd bestiegen, war fortgeritten.

Schon seit einer halben Stunde waren die beiden allein in dem Teeraum. Unerträglich die Spannung! Violets Herz war bei Hortense. Sie wußte, welch schweren Kampf die kämpfte.

Ein paarmal hatte sie sich der Tür genähert, war beschämt zurückgewichen. Die Ausbrüche wilder Leidenschaft, die aus dem Munde des Mannes kamen ... wechselnd mit zartestem eindringlichsten Werben ...

Hortense ... Würde sie dem alten Zauber wieder unterliegen? Violets Hände falteten sich, als müsse sie den Himmel bitten, der geliebten Freundin beizustehen.

Ein polterndes Geräusch drinnen riß sie auf. Mit zitternden Knien eilte sie zu der Tür. Da sprang die auf. Canning stürmte heraus. Fast, daß er sie umgerissen hätte. Mit ein paar Sprüngen war sie in dem Zimmer.

»Hortense! Hortense!« Sie stürzte zu der hin, die auf dem Diwan lag, die Hände gekrampft. In wildem Schluchzen ging ihre Brust.

»Hortense! Liebe Hortense!« Violet kniete neben ihr, strich ihr das tränennasse Haar aus der Stirn, küßte sie, streichelte sie.

»Alles wird gut werden«, flüsterte sie ihr ins Ohr. »Er ist fort, der böse Mann! Nie werden Sie ihn wiedersehen. Glücklich werden Sie sein!«

Es dauerte lange, bis Hortense sich wiedergefunden, beruhigt. Sie klammerte sich an Violets Schultern. Dieses kleine, tapfere Wesen, wie hatte es sie, ohne daß sie es gedacht, immer schon so richtig verstanden. Wie wohl tat es, die Seele gefunden zu haben, der sie sich so ganz vertrauen konnte. –

In dieser Stunde erreichte Harrod das Telegramm Cannings:

»Wir bauen!«

*

Gorm und Sidney Stamford saßen in der Abendkühle vor der Wellblechhütte. An der Ecke des Hauses hinter einer Schutzwand Majadevi auf einem Liegestuhl. Die beiden unterhielten sich in der deutschen Sprache, die Majadevi nicht beherrschte.

»Woher der plötzliche Rückfall?« fragte Gorm mit einem besorgten Blick zu der Schläferin. »Seit zwei Tagen ist ihr Zustand wieder schlechter geworden. Ich stehe da vor einem Rätsel.«

»Der Arzt findet das nicht so unerklärlich. Sie dürfen nicht vergessen, Gorm, daß Majadevi erst kurze Zeit bei uns in Sicherheit ist. Mit Rückfällen muß man rechnen. Man weiß ja nicht, wie lange die Ärmste in den Händen dieses alten Halunken gewesen ist. Es wäre mir sehr wertvoll, das zu wissen. Aber wie schon immer gesagt, muß ich warnen, allzusehr in sie zu dringen. Ich bin überzeugt, hätten wir sie nicht dem Inder weggenommen, würde sie bald ein trauriges Ende gefunden haben.

Die Bande, mit denen sie der Alte an sich gekettet, sind so stark, daß es noch langer Zeit bedarf, ehe ich die letzten Hemmungen bei ihr überwinden werde.

Meine Kraft reicht nur aus, sie durch unausgesetztes Beeinflussen ihres Willens vor heimlichem Entfernen zu bewahren. Ihre Seelenkraft ist durch die jahrelange Hörigkeit, in der sie der Inder gehalten hat, so geschwächt, daß ihr mit nachhaltiger Wirkung noch nicht beizukommen ist.«

»Unerklärlich!« erwiderte Gorm, den Kopf schüttelnd. »Der Inder muß über gewaltige Kräfte verfügen.«

»Zugegeben, Gorm! Doch dürfen Sie nicht vergessen, daß junge Menschen in dem Alter Majadevis sehr leicht telepathisch zu beeinflussen sind. Zumal ganz offensichtlich Majadevi, bevor sie in die Hände des Inders kam, schon schwere Erschütterungen, veranlaßt durch irgendwelche besonderen Ereignisse, durchgemacht haben muß.«

»Ich will Ihnen nicht widersprechen, Stamford. Sie sind Spezialist in diesen Dingen. Sind ja auch während Ihrer langen Studienjahre hier in Indien so tief in die Mysterien indischer Joghikünste eingedrungen, daß Ihnen selbst übernatürliche Kräfte geworden sind.«

»Übernatürlich ... höchstens vom Standpunkt des Westländers, Gorm. Noch immer steckt im Abendland die metaphysische Wissenschaft in den Kinderschuhen. Wer wie ich Gelegenheit hatte, seine Studien an den Quellen zu treiben, findet für all diese Wunder eine natürliche Erklärung.«

Gorm wandte sich mit einem Ruck nach Majadevi um. Die erhob sich, als wolle sie fortgehen. Stamford streckte seine Rechte nach ihr aus, verharrte eine Zeitlang so. Da wandte sich die, sank auf ihr Lager zurück.

»Die Meinung, die ich Ihnen vorhin entwickelte, ist vom ärztlichen Standpunkt aus durchaus gerechtfertigt. Ich möchte aber annehmen, daß hier noch andere Gründe vorliegen. Majadevi steht erneut unter dem Einfluß des Inders! Es ist unzweifelhaft, daß er irgendwo hier in der Nähe steckt. Ihr Zusammentreffen mit ihm in dem Klostergarten beweist es. Es wird ihm nicht schwer gefallen sein, von dort aus unseren Aufenthaltsort zu ermitteln.«

»Allerdings, Stamford. Das ist durchaus möglich. Ich bewundere dann nur die Frechheit dieses Kerls, sich in unsere Nähe zu wagen.«

»Nun,« sagte Stamford, »für Sarata bedeutet Majadevi einen kostbaren Besitz. Ihn aufzugeben, wird ihm nicht leicht fallen. Doch ich sehe keinen Weg, ihn unschädlich zu machen. Mit Gewalt dürfen wir nicht gegen ihn vorgehen. Die Behörden in Anspruch zu nehmen, verbietet unser großer Plan.«

Gorm trat zu dem Lager des Mädchens, setzte sich neben sie. Ergriff ihre Hand, strich ihr leise über das blasse Gesicht. Die schlug die Augen auf. Eine Weile schaute sie ihn starr an. Dann, als hätte sie ihn erkannt, belebte sich ihr Blick. Es zuckte um ihren Mund. Ihre Hände umklammerten seine Rechte, drückten sie ... doch kurz nur dies alles ... Dann fiel sie langsam in ihren apathischen Zustand zurück.

Stamford winkte Gorm zu sich.

»Ich habe mir einen Plan ausgedacht, der vielleicht einen Ausweg bietet.« Mit gedämpfter Stimme sprach er auf Gorm ein. Der schien Bedenken zu haben, fügte sich dann.

Während Stamford an seinem Platz sitzen blieb, ging Gorm in das Haus. Hier traf er Tim Bröker, der in der kurzen Zeit ein unentbehrliches Faktotum geworden war. Es schien nichts zu geben, was er nicht verstand. Dabei dienstbereit zu jeder Zeit.

Doch was Gorm ihm jetzt erzählte, schien nur schwer in seinen Schädel einzugehen. Immer wieder griff er sich an den Kopf. Das eine war ihm jedenfalls klar, daß seine Aufgabe Geschicklichkeit und Mut erforderte, und seine Fäuste voraussichtlich gute Arbeit bekamen. Das war ihm genug, um mit Freuden auf alle Weisungen Gorms einzugehen.

»Wir gehen zum Schiff. Denk' daran, daß wir dir wahrscheinlich nicht zu Hilfe kommen können.« Gorm griff ein paar Instrumente, verließ die Hütte, ging mit Stamford zur Werft. Diese lag hinter einem Felsvorsprung, so daß es unmöglich war, von dort aus das Wellblechhaus und die Vorgänge dort im Auge zu behalten.

Zum Schein hantierten sie emsig an der Rudereinrichtung des mächtigen Aluminiumschiffes, das dort fast fertig auf dem Stapel lag.

Immer wieder hielt Gorm inne. Die Ungewißheit peinigte ihn. Seine Gedanken kamen nicht los von dem, was sich vielleicht dort hinten abspielte. Immer wieder mahnte Stamford: »Wir werden vielleicht von ihm gesehen ... wahrscheinlich sogar ... Bemeistern Sie Ihre Ungeduld! Ich hoffe, es wird gut ausgehen.« –

Kaum, daß Gorm die Hütte verlassen, eilte Tim Bröker in den anschließenden Geräteschuppen, holte sich eine lange Leine, die er kunstgerecht zu einem Lasso schlang.

»Lebendig soll der Kerl bleiben«, brummte er vor sich hin. »Da ist mir der Strick das liebste ...« Dann war er am Fenster und starrte auf das Mädchen, das auf seinem Lager ruhte. Geduld war nicht Tims stärkste Seite.

Er mußte lange warten.

»Wäre es nicht der Herr selbst, der mir das alles erzählte, ich würde ja glauben, man wolle mich zum besten haben ... ›Du mußt dir denken, es riefe jemand mit der Seele‹, hat der Herr gesagt. Na! Das soll der Deubel begreifen! Mit den Augen winken ... den Mädchen ... das kenne ich schließlich auch. Aber sonst wüßte ich nicht, wozu der Mund da sein sollte.«

Ah! Wahrhaftig! Er preßte sein Gesicht an die Fensterscheibe. Majadevi hatte sich erhoben. Stand einen Augenblick, streckte wie abweisend die Hände aus. Dann ... die Arme sanken hernieder. Den Kopf gebeugt, schritt sie langsam, als zwänge sie eine äußere Gewalt, um das Haus herum. Begann den Abhang nach den Felswänden hin zuzuschreiten.

Vom Hinterfenster des Hauses konnte Tim Bröker den Weg ein großes Stück verfolgen.

Kaum war das Mädchen am Fuße der Klippen angekommen, kroch Tim mit der Geschwindigkeit eines Wiesels den Weg hinan. Hielt sich dabei immer im Schatten des dichten Gestrüpps zur Seite. Am Fuß der Felswand sah er das Mädchen wieder, wie sie wie eine Schlafwandelnde einen halsbrecherischen steinigen Pfad emporklomm, der nur für Schwindelfreie gangbar war.

Der Schein des schwindenden Tageslichtes fiel voll auf die Felswand. Wollte er nicht gesehen werden, mußte er hier liegenbleiben, warten, bis Majadevi oben angekommen. – – – – –

Tage und Nächte ... ununterbrochen ... ohne Schlaf ... kaum daß seine Lippen Speise berührten, lag Sarata hinter dem Felsgrat auf der Lauer. Ununterbrochen sandte sein Gehirn stärkste Wellen aus, arbeitete, die gelockerten Fesseln Majadevis fester zu knüpfen. Als er jetzt endlich ... schon wollte er verzweifeln ... Majadevi auf sich zukommen sah, vergaß er alle Vorsicht. Die ungeheure Anstrengung hatte ihn stark ermüdet. Sein Auge sah nichts als das Mädchen. Nur daß er ab und zu durch das Glas einen Blick nach der Werft sandte, wo Stamford und Gorm emsig arbeiteten. Er vergaß die Vorsicht so weit, daß er Majadevi die letzten Schritte entgegeneilte, sie an sich riß und zu dem Pfad führte, der sich am Hang entlangzog.

An einer Stelle angekommen, wo der Weg so schmal wurde, daß nur einer bequem gehen konnte, zwang er Majadevi, vor sich herzugehen, sie zur schärfsten Eile anspornend. – – –

Da plötzlich sah er etwas Dunkles über seinem Kopf schweben. Noch ehe er begriffen, was es war, schlang sich ein Strick um seinen Hals, riß ihn zu Boden. Der starke Anprall auf den Felsboden betäubte ihn vollends. Er fühlte nicht, wie geschickte Hände ihm Arme und Füße zusammenschnürten.

»Ging ja tadellos!« brummte Tim Bröker vor sich hin. »Der läuft nicht weg. Leben tut er auch ... hoffentlich ... aber jetzt?! ...

Miß Majadevi!« Tim bemühte sich, seiner Stimme einen gewissen Schmelz zu verleihen ...

Die hörte nicht. Schritt weiter. Noch einmal derselbe Ruf, etwas lauter, aus Tims Munde. Doch wieder ohne Erfolg.

Tim Bröker beschleunigte seine Schritte. Brummte vor sich hin ... »Was soll ich jetzt machen? Die will nicht, wie's scheint ... ah ... der Herr hat von so was nichts erzählt ... ist aber doch ausgeschlossen, daß ich das arme Ding allein da weiterlaufen lasse ... Mit Gewalt festhalten? ...«

Ratlos schritt er hinter der her. Ein Stückchen weiter vor ihnen verbreiterte der Pfad sich wieder. Ah, dachte er, so kann's gelingen. An der breiten Stelle angekommen, sprang er an Majadevi vorbei, stellte sich ihr mit ausgebreiteten Armen in den Weg.

Mit klopfendem Herzen sah er, wie die weiterschritt, als wäre er nicht da. Jetzt! Sie stieß an ihn an, schreckte zusammen. Ein lauter Schrei aus ihrem Munde. Wimmernd sank sie nieder. Fast zitterten Tim die Glieder. Was hatte er da getan? ... gemacht? ... der Herr? ... Stamford? ...

Da, in seiner höchsten Not, fiel ihm der Vaqueropfiff der Pampas ein. Er schob die Finger zwischen die Lippen, stieß einen schrillenden Pfiff aus, der in vielfachem Widerhall von den Felswänden zurückgeworfen wurde. Noch ein paarmal denselben Pfiff.

›Der Doktor müßte ihn kennen ...‹ flüsterte er vor sich hin, ›müßte wissen, daß Mann in Not ...‹

Eine Weile verharrte er, wollte eben wieder pfeifen, da sah er den Herrn in schnellem Lauf den Weg entlangeilen. Dr. Stamford dicht hinter ihm. Der blieb bei dem Inder stehen, während Gorm auf Majadevi zuschritt.

»Was ist's?« kam's keuchend von seinen Lippen. Tim stotterte ein paar unverständliche Worte. Gorm beugte sich zu der Liegenden. Wie eine Feder hob er sie auf, trug sie den Weg hinab.

»Gut gemacht, Tim!« rief er dem zu, der stark beklommen hinter ihm herging. Tim schüttelte sich. ›Verrückte Geschichten! Der Deubel soll daraus klug werden!‹ – – –

»So weit wäre alles gelungen«, sagte Stamford, als sie in dem Wellblechhaus wieder zusammensaßen. »Tim hat seine Aufgabe gelöst. Jetzt wäre die Reihe an mir. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob ich den Kampf siegreich beenden werde. Was dann mit diesem Halunken zu tun ist, weiß ich im Augenblick nicht. Jedenfalls reizt mich meine Aufgabe aufs höchste. Ich hatte noch nie Gelegenheit, meine Kräfte an einem so starken Gegner zu versuchen.

Sarata war sicher früher in seinem Leben Joghi. Ein anderer könnte solche Kräfte nicht haben. Er ist dann wegen irgendwelcher schlechten Handlungen aus dem Stande herausgeworfen worden.

Doch versuchen wir es! Tim, nimm ihm die Fesseln ab. Wach ist er, wenn er auch die Augen schließt. Nun hebe ihn auf und setze ihn hier auf den Stuhl mir gegenüber.«

Als Sarata seiner Fesseln ledig war, schlug er die Augen auf, schaute die um ihn mit haßerfüllten Blicken an.

»Laßt mich allein!« sagte Stamford.

»Allein mit dem?« fragte Gorm.

»Ja! Es muß sein. Eure Anwesenheit würde mich stören. Er hat keine Waffe bei sich. Seine Fäuste fürchte ich nicht.«

Während Tim Bröker an der Tür Wache hielt, ging Gorm vor dem Hause erregt auf und ab.

Die beiden da drinnen! Ein Zweikampf unerhörter Art. Wer würde Sieger bleiben?

Stumm, wortlos, regungslos die beiden Kämpfer sich gegenüber. Nur die Augen, in denen sich die Waffen der Seele spiegelten, ineinander verfangen. Jede Phase des Kampfes, jeder Angriff, jede Deckung in ihrem Spiel zum Ausdruck kommend.

Ein langer, ein schwerer Kampf. Je länger er dauerte, desto größer die Ungeduld, desto stärker die Zweifel in Gorm. Wer von den beiden würde siegen, wessen Kraft würde zuerst erlahmen? Der Inder ... wohl durch die Schule vieler Jahrzehnte überstark ... vielleicht, daß seine Kraft durch das Vorangegangene erschüttert, durch den Zwang der Lage, in die er versetzt, beeinflußt, weniger frei kämpfen konnte – – – – –

Endlich! Gorm hörte die Tür des Zimmers gehen. Er eilte ins Haus. Stamford trat ihm entgegen, hochaufgerichtet, die bleiche Stirn naß von der übergroßen Anstrengung, das Lächeln des Siegers um die Lippen. Hastig griff Gorm dessen Hand, drückte sie. »Es ist gelungen, ich sehe es!«

Stamford nickte, trat ins Freie, seine Brust hob sich in tiefen Atemzügen. Gierig sog er die eiskalte Nachtluft ein, die von den Schneegipfeln der Berge hinunterstrich. Gorm ließ ihn gewähren. Ging, von Tim Bröker gefolgt, ins Zimmer. Der Inder lag in den Stuhl zurückgelehnt. Die Augen starr, teilnahmlos zur Decke gerichtet. Auch auf seinem Gesicht die tiefste Erschöpfung.

Stamford trat ein.

»Von ihm ist vorläufig nichts mehr zu befürchten. Wir könnten ihn vielleicht hier lassen. Doch seine Gegenwart dürfte für Majadevi nicht günstig sein. Deshalb bleiben wir bei unserem Plan. Sagen Sie Tim Bescheid.«

Tim Bröker schaute erwartungsvoll von einem zum andern. Was würde man von ihm wollen? Dann sprach Gorm zu ihm. Tim hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu ... Er sollte den Alten zum nächsten Luftschiffhafen bringen ... ihm ein Billett für die nordamerikanische Linie besorgen ... ihn an Bord begleiten ... dann zurückkehren ... Der Alte würde ihm willenlos folgen ... würde keinen Versuch machen, zu fliehen ...

Nach so vielen wunderbaren Dingen, die er bei seinem neuen Herrn schon erlebt, hatte Tim sich vorgenommen, sich über nichts mehr zu wundern. Jetzt kam er mit seinem Vorsatz ins Wanken. Er hatte an der Tür scharf gelauscht. Kein Wort war zwischen den beiden da drinnen gewechselt worden ... und doch ... jetzt der alte Schurke friedlich wie ein Lamm ... Wie war das zugegangen? Was hatte Stamford mit dem gemacht? Kopfschüttelnd ging er hinaus, sich zur Reise zu rüsten.

»Fühlen Sie sich wieder stark, lieber Freund?« wandte sich Gorm an Stamford.

Der nickte. »Ah ... Sie meinen ...?«

»Ja! Wer weiß, wie das Schicksal dieses Menschen noch sein wird. Es wäre zu wünschen, daß wir ihm nie wieder begegneten.

Die Gelegenheit, Näheres über Majadevis Schicksal durch ihn zu erfahren, dürfte so günstig nicht wiederkehren.«

»Ah! Selbstverständlich! Wie gut, daß Sie daran denken, Gorm. Gewiß, es wäre vielleicht im Laufe der Zeit möglich gewesen, von Majadevi selbst ihr Schicksal zu erfahren, doch so ist es besser.«

Er trat zu dem Inder, strich ihm leise über Stirn und Augen. Die schlössen sich. Stellte dann an ihn die Fragen, die Gorm ihm zuflüsterte.

Sarata schwieg ...

»Oho! Noch hat er Kraft, sich zu wehren, der Alte!« murmelte Stamford vor sich hin. »Interessant! Irgendwo in seinem Bewußtsein noch versteckte Hemmungen ... Aber ...«

Er legte seine Linke auf die Stirn Saratas, griff mit seiner Rechten dessen Hand.

»Diese letzten Barrikaden werden wir schnell beseitigt haben.«

Nach einer Weile begann er wieder zu fragen. Die Lippen des Alten öffneten sich. Tonlos kamen die Worte zur Antwort aus seinem Munde. Gorm horchte gespannt. Je weiter das Frage-und-Antwort-Spiel ging, desto finsterer wurden seine Mienen – – – – – –

Tim Bröker trat ein, zur Reise fertig. Gorm nickte Stamford zu. »Es ist genug! Er kann gehen!«

Jetzt beugte sich Stamford zu dem Alten herab. Sprach zu ihm, leise, eindringlich.

»Du wirst deinem Begleiter folgen ... wirst alles tun, was er sagt ... Wirst an Bord des Schiffes gehen, das nach den Staaten fährt ... In Frisco wirst du aussteigen, dich in die indische Kolonie begeben ... dort wohnen! ... Die Mittel zu deinem Unterhalt stecken in deinem Kleid. Du hast mich verstanden ... wirst alles tun, wie ich es befohlen habe ... Steh auf!« Stamford deutete auf Tim Bröker. »Hier ist der Mann, der dich begleiten wird.«

Der Alte trat zu Tim, verließ mit dem das Haus.

* * *

 

Shelby, der Assistent des Professor Moore, trat in den Observationsraum der Greenwicher Helikopterenwarte. Er ging zu dem Okular des Refraktors. Zu seinem Erstaunen saß Professor Moore nicht davor. Sein Auge ging suchend umher. Da ... im dunklen Hintergrunde der Professor an der Radioempfangsstation.

Verwundert schritt der Assistent dorthin. »Was ist, Mr. Moore? Eine wichtige Nachricht? Sie sind so ...«

»Ein Rätsel, Shelby, das mich schon seit einer halben Stunde hier festhält.

Ich empfing von Lissabon. Stellte nach Beendigung des Gesprächs unsere Londoner Welle ein. Drehte dabei in Gedanken an das gehabte Gespräch den Abstimmungsknopf sehr langsam. Da, plötzlich neuer Empfang im Apparat.

Trotz meiner Versunkenheit fiel mir das auf. Wußte ich doch, daß bei der augenblicklichen Stellung der Rahmenantenne nur die Lissaboner Welle wirken konnte.«

Interessiert trat Shelby an die Antenne.

»Merkwürdig! Ein Fehler irgendwo? Aber wie lauten denn die empfangenen Nachrichten?«

»Das ist's ja eben, was mich hier festhält! ... Ich verstehe sie nicht, und sie kommen immer wieder. Augenblicklich ist Stille.«

Der Assistent prüfte die Stellung der Rahmenantenne, verglich die Peilung auf der Karte. Der Rahmen wies genau auf Lissabon.

»Ein Fehler dort? Anders wüßte ich keine Erklärung.« Dabei drehte er den Rahmen langsam auf den englischen Sender.

Doch plötzlich ... seine Hand hielt inne ... ehe noch die beabsichtigte Rahmenstellung erreicht war. Wieder klangen Zeichen aus der Schallkapsel des Empfängers.

»Hören Sie?« flüsterte Moore dem zu, »wieder dieselben Töne ...« Und erst jetzt merkte er, daß der Antennenrahmen inzwischen eine ganz andere Stellung erhalten hatte. Er sprang auf, starrte den Assistenten an.

»Was ist das? Wo sind wir? Dieselben Zeichen ... die Antenne? ...«

Er hielt inne. Sah, wie Shelby die Antenne weiterdrehte ... weiter, immer weiter ... und trotzdem ... die Töne, sie klangen fort ... jetzt wieder Stille.

»Ah!« Shelby griff sich an den Kopf. »Eine Unordnung in der Anlage? ... Unmöglich! Woher diese Wellen?«

Moore warf den Kopf zurück, schaute zum Himmel, streckte die Hand empor.

»Wäre alles in Ordnung, müßten sie von da oben her kommen, senkrecht! Sonst wäre es nicht möglich, daß wir sie bei jeder Stellung der Antenne vernähmen.«

Der Assistent nickte stumm. Auch sein Blick ging nach oben.

»Senkrecht?« murmelte er vor sich hin, »senkrecht? ... Vom Zenit her? Die Sonne ... sie neigt sich schon nach Westen ... Im Zenit die Venus? ... Nein, es kann nicht sein! Unmöglich! Doch ein Fehler der Anlage! Wir werden es sogleich feststellen können. Rufen wir Berlin an!«

Moore nickte. »Gut der Gedanke! Die Berliner Helikoptere hat die gleichen Instrumente, die gleiche Einrichtung wie wir.« Er stellte Sendung und Empfang auf Berlin, rief an.

Professor Franke war selbst am Apparat. Mit hastigen Worten erklärte ihm Moore seine und Shelbys Beobachtungen. Gab ihm die Wellenlänge, auf der Greenwich die rätselhaften Zeichen empfangen hatte.

»Beobachten Sie! In einer Viertelstunde rufe ich wieder an.«

Professor Moore stellte den Empfänger wieder auf jene Welle. Kaum, daß die Abstimmung fertig, wurden die rätselhaften Zeichen von neuem vernehmbar. Shelby ergriff Bleistift und Block, zeichnete den Rhythmus der sonderbaren Signale sorgfältig auf. Eine Pause trat ein.

Sie riefen Berlin an. Dieselben Beobachtungen auch dort. Professor Franke, um eine Erklärung gefragt, gab seine Meinung dahin, daß die Zeichen anscheinend aus dem Weltraum kämen, und zwar aus jener Stelle, wo die Venus stand.

Schon eine Stunde später brachten Flugschiffe Reserveapparate zu den beiden Helikopteren von London und Berlin, so daß es möglich wurde, die merkwürdigen Zeichen ununterbrochen zu verfolgen, und dabei doch die Verständigung untereinander aufrechtzuerhalten.

Was die beiden Gelehrten im Radio-Meinungsaustausch über das Phänomen harmlos untereinander besprochen hatten, als säßen sie sich in einem Zimmer gegenüber ... nicht eine, Dutzende von anderen Empfangsstationen hatten es aufgenommen. Mehr oder weniger mißverstanden. – –

Die Abendblätter überboten sich in den übertriebensten Nachrichten, überholten dabei weit die Tatsachen.

»Der Zeichenverkehr mit den Venusbewohnern!« ... »Bedeutsame Nachrichten von Bewohnern eines fernen Gestirns!« ... »Der Besuch von Bewohnern anderer Sterne zu erwarten!« ... Diese und ähnliche Überschriften brachten das Publikum in wilden Taumel. Man wurde kaum etwas ernüchtert, als die offiziellen Meldungen der Greenwicher und Berliner Station mitteilten, was wirklich geschahen war.

Als die Zeichen für Moore und Franke nicht mehr zu vernehmen waren, hatten sie sorgfältig ihre Aufzeichnungen verglichen. Mit größter Spannung erwarteten sie den nächsten Tag, der sie wieder in den Strahlungsbereich jenes Sternes bringen mußte.

Sie beendeten die Unterhaltung in der festen Überzeugung, daß diese Zeichen von Menschen ... den Bewohnern eines anderen Gestirnes herrühren mußten, die eine Verständigung mit den Bewohnern der Erde suchten. Das war auch der Inhalt ihrer Mitteilung an die übrigen Helikopterenwarten der Welt, die nun ihrerseits, soweit es die Stellung der Gestirne zuließ, die Beobachtungen aufzunehmen versuchten.

Nach vielen überraschenden Ereignissen der letzten Zeit ein neuer Alarm, der die Welt in Atem hielt. In Atem hielt ... bis wieder neue schlimme Nachrichten von Coiba die Aufmerksamkeit dorthin lenkten.

*

In der Union war die Zahl der Stimmen, die den von jedem Gelehrten als absurd erklärten Gedanken, Coiba mit Wasser zu löschen, trotz alledem verfochten, immer mehr angeschwollen. Im Parlament häufte sich die Zahl der Interpellationen, die die Regierung drängten, diesen Plan auszuführen. Von den Staaten des Isthmus war ein Widerstand nicht zu erwarten. Sie waren dem neuen Plan durchaus geneigt.

Überrumpelt von einer zufälligen Majorität, gab die Regierung in Washington nach. Keine warnende Stimme wurde gehört. Im Verfolg des Beschlusses wurde ein Expeditionsschiff ausgerüstet, das alles mit sich führte, um den Bau eines Kanals von der See zu der Brandstelle in Angriff zu nehmen. Die Zustimmung aus aller Welt zeigte, daß der weitaus größte Teil des Publikums diesem Plan vollen Beifall zollte. Unter größtem allgemeinen Interesse wurde auf Coiba der erste Spatenstich getan.

Da knallte in die schon genügend verwirrten Köpfe eine Nachricht aus Arizona.

Der »Bloomfield Advertiser«, ein kleinstes Lokalblättchen in Arizona, brachte unter seiner Rubrik »Neuestes aus der Umgebung« die in ihrer lakonischen Kürze fast erheiternd wirkende verblüffende Notiz:

»Auf der Werft Mr. William Harrods wurde gestern der Kiel zu einem Raumschiff gelegt, das zur Venus fliegen soll.«

Ein Reporter des »Frisco Herald«, den der Zufall in diese Gegend verschlagen hatte, las die Nachricht, faßte sich an den Kopf. Dachte bei sich, der Redakteur des »Bloomfield Advertiser« habe wohl einen Sonnenstich erlitten. Beschloß aber aus einer plötzlichen Laune heraus, bei der Redaktion persönlich anzufragen.

Dort spielte sich gerade eine etwas erregte Szene ab. William Harrod stand vor dem Redakteur, der bleich und zitternd den Zornesausbruch des Gefürchteten über sich ergehen ließ.

... Am Morgen des Tages ... Ein Bote der Redaktion, der im Hause Harrods eine Besorgung zu erledigen hatte, war in dem Gebäude herumgeirrt. War zufällig in ein Zimmer geraten, das an Harrods Arbeitszimmer stieß ... hatte dort in der Hoffnung, daß einer käme, gewartet und dabei eine Unterhaltung zwischen Harrod und Canning mit angehört.

Doch allmählich war ihm der Boden zu heiß geworden. Als da drinnen die Stimmen verstummten, war er hinausgeschlichen ... war in die Kneipe geeilt, wo der Redakteur des »Bloomfield Advertiser« seinen Whisky zu trinken pflegte, hatte dem brühwarm alles erzählt.

Zur Belohnung hatte ihm der Redakteur eine mächtige Maulschelle versetzt und ihn väterlich ermahnt, nie wieder zu lauschen. Außerdem sei alles Quatsch, was er gehört haben wolle. Doch unter der Einwirkung weiterer Whiskys hatte er die Nachricht in den Advertiser gebracht.

»Einen Widerruf! Sofort in der nächsten Ausgabe, Satan versoffener! Sonst wirst du mich kennen lernen.« Harrods Stimme überschlug sich vor Wut. Unter Tränen versicherte der Redakteur, daß er das tun würde, bat Harrod zerknirscht um Verzeihung.

Mit einigen Flüchen verließ Harrod die Redaktionsstube. Draußen an der Tür prallte er beinah gegen einen Fremden, der schnell ein Notizbuch in seiner Tasche verschwinden ließ, sich mit einer Entschuldigung umwandte, vor Harrod das Haus verließ.

Ein Lauscher? schoß es Harrod durch den Sinn. Verteufelt! Dann wäre alles umsonst.

»Hallo, Sir! Wohin der Weg? Was suchen Sie hier?«

»Oh, Mr. Harrod«, erwiderte der, indem er auf ein Flugschiff zuschritt, das am Wege hielt. »Nichts Besonderes. Kam in Geschäften. Fahre jetzt wieder ab.«

»Geschäfte, Sir? Was für Geschäfte?«

»Oh!« ... Der Fremde kurbelte sein Flugzeug an, schwang sich auf den Sitz.

»Halt, Sir!« Die Stimme Harrods klang drohend. »Sie standen vor der Tür der Redaktionsstube. Ich habe Verdacht, daß Ihre Geschäfte ...«

Statt einer Antwort rückte der den Starthebel an. Das Schiff erzitterte, hob sich.

»Das Geschäft, Mr. Harrod, war das beste, das ich je gemacht. Eine Million ist es mir wert, das Geheimnis von Harrods Werft. Ha, ha ...!« Seine weiteren Worte verklangen im Rauschen der Motoren.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe Harrod den Vorrat seiner Flüche erschöpfte. Schließlich wurde er ruhiger.

›Mögen sie es denn wissen, die Narren! Früher oder später erfahren sie's ja doch. Möchte dabei sein, wenn die Bombe in Buena Vista einschlägt.

Ah!‹ Er zog nachdenklich die Brauen zusammen. ›Verfluchter Reporter! Der Deubel hole ihn doch. Möge sein Schiff mit ihm in den nächsten fünf Minuten explodieren! ... In Buena Vista wird man jetzt verdammte Eile haben. Dazu ihr Vorsprung ...‹

Er stieß den unglücklichen Redakteur des Advertiser, den sein Mißgeschick in seine Nähe führte, zur Seite, daß die Wand der Wellblechbude dröhnte.

»Sie können sich den Widerruf sparen! ... Nicht mehr notwendig! Aber wir sprechen uns noch.« –

Zwei Stunden später riß man sich in Frisco die Extrablätter des »Frisco Herald« aus den Händen. Überall auf den Straßen bildeten sich Gruppen, besprachen die neueste Nachricht. Harrods Name war in aller Mund. Immer wieder wurden Cheers auf ihn ausgebracht.

» Three Cheers for Mr. Harrod!« ... »Das Sternenbanner auf der Venus aufgepflanzt« eine Überschrift der nächsten Ausgabe der Zeitungen. Ein Taumel in der Stadt, der sich über die ganze Union hin fortpflanzte. Harrod der Held des Tages. Unumwunden hatte er auf die Tausende von Anfragen, die nach Bloomfield gingen, alles zugegeben. Der Redakteur des »Bloomfield Advertiser« machte in diesen Tagen sein Glück. Wochenlang druckte er noch die Zeitungsnummer nach, worin jene erste Nachricht gestanden, um dem Ansturm derer zu genügen, die um jeden Preis diesen historischen Erstdruck erwerben wollten.

Drei Sensationen innerhalb kurzer Zeit. Coiba ... die rätselhaften Zeichen von der Venus ... der Plan Harrods ... Man vergaß fast die folgenschwerste, Coiba, in dem Gedanken an die beiden anderen. Die Zeitungen brauchten sich in diesen Tagen um Stoff nicht zu sorgen – – – –

Es war der Tag, an dem der »Frisco Herald« seine Nachricht brachte. Ronald Lee kam durch den Park von Buena Vista geschritten, wollte nach kurzer Ruhe wieder zu der Werft gehen. Der Kiel des Schiffes war bereits gestreckt. Wenn er den Gang der bisherigen Arbeiten überschaute, so kam ihm alles wie ein Märchen vor.

Als wären Zauberhände am Werk, ging der Bau vorwärts. Märchenhaftes Glück für ihn die Reise hierher. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf der Werft. Dann anschließend die schönen Stunden im Hause van der Meulens. Unvergeßlich würde ihm stets die Erinnerung an diese reizvollen Abende im Kreise der Familie bleiben.

Hortense ... Ihr Bild, wie er es damals bei seiner Ankunft in dem Torbogen zuerst gesehen ... anders hatte er es sich aus Violets Briefen gemalt. Das Zusammensein am ersten Abend hatte den ersten Eindruck vertieft. Das war nicht die glückliche Braut, das war nicht die stolze Weltdame ... Das nervöse Spiel ihrer Mienen ... ihr sprunghaftes Wesen ... ihre wechselnden Stimmungen ... Wo waren die Gründe für diesen Zwiespalt ihrer Natur?

Nicht lange, dann glaubte er sie zu erraten. Jener erste Besuch Cannings hatte ihm einen Blick in das Dunkel gestattet, das über ihrem Wesen lag. Er staunte. Er begriff es nicht, was dieses schöne, junge Geschöpf abhielt, die Last, unter der ihre Seele litt, mit kräftigem Entschluß von sich zu werfen.

Er litt mit ihr. Wie eine Last drückte das Leid ihrer Seele auch ihn. Es drängte ihn innerlich, ihr zu helfen. –

Wie jubelte sein Herz, als Violet ihm den Bruch Hortenses mit Canning mitteilte.

Jetzt erst ... befreit von drückender Fessel, bot sie das Bild, wie er sich's geträumt. Mochte sie auch, um nicht zu zeigen, wie das Gefühl der Freiheit sie so innerlich gewandelt, sich noch so übereifrig seinem Werk, seiner Arbeit hingeben, er ließ sich nicht täuschen.

Nicht genug, daß sie sich fast ständig auf dem Werftplatz aufhielt. Jetzt verlangte sie auch von ihm, in die physikalischen Geheimnisse, in alle technischen Einzelheiten seiner Pläne eingeweiht zu werden. Als sie ihm die Bitte vortrug, hatte er gelächelt. Hatte es für eine Laune genommen. Doch er hatte sich geirrt.

Die abendliche gemütliche Unterhaltung wurde tatsächlich ernster Unterricht. Die überraschenden Fortschritte, die sie machte, zeigten ihm, welch energischer Geist, welch scharfer Verstand in ihr wohnten. –

Als er sich dem Werftplatz näherte, sah ihn Hortense von weitem. Kam ihm, eine Zeichnung in der Hand, eilig entgegengeschritten.

»Es stimmt nicht! Es stimmt nicht, Mr. Lee! Die Maße der unteren Aluminiumplatten entsprechen nicht der Bestellung.«

»Sind sie stärker oder schwächer?« fragte Lee halb belustigt, halb ernst.

»Stärker! Beinahe einen Millimeter stärker!«

Lees Blick hing an ihren Zügen. Wie sie da vor ihm stand, in dem weißen Kittel, der trotz seines plumpen Schnittes die schönen, schlanken Linien ihres Körpers nicht zu entstellen vermochte ... das Gesicht gerötet von der inneren Erregung ... die Augen blitzend ... es kostete Lee Mühe, den angenommenen Ernst zu bewahren.

»Der Schaden ist nicht schlimm. Die Differenz in dem Eigengewicht des Schiffes ist zu geringfügig.«

Sie schritten auf den Stapel Platten zu, die hier frisch ausgeladen waren.

»Miß Hortense! Mr. Lee! Señor van der Meulen wünscht Sie sofort zu sprechen.« Der Mayordomo stand vor ihnen.

»Hallo, José! Was ist's?« fragte Hortense.

Der wiegte den grauen Kopf. »Señor van der Meulen war sehr erregt.«

»Nun, dann eilen wir! Kommen Sie, Mr. Lee!«

Am Eingang des Hauses trafen sie auf Violet, die sich ihnen anschloß. Sie traten in das Arbeitszimmer van der Meulens. Der, als sähe er sie nicht, lief wie ein Rasender auf und ab. Seine Brust ging stürmisch. Sein Gesicht blaß. Die Stirnadern geschwollen. Eine ungeheure Erregung in dem Manne.

»Vater!« Hortense eilte zu ihm, griff ihn am Arm. Der, als käme ihm ihre Gegenwart erst jetzt zum Bewußtsein, starrte sie mit wirren Blicken an. Wandte sich dann zu Lee, schaute ihn an, als wolle er in seinem Innersten lesen.

»Was ist? ...« Er schrie es, öffnete seine Faust. Ein zerknülltes Papier. Er glättete es.

»Hier! Da lest! Das Unmögliche, das Unglaubliche!« – Hortense las die Worte, die der Magnetograph aufgezeichnet ... die Meldung des »Frisco Herald«. Bei den letzten Worten entsank ihr das Blatt. Ihre Augen gingen zu Lee. Ratlos, wie hilfesuchend blickte sie ihn an. Der schien äußerlich ruhig. Nur seine Augen verrieten, wie die Worte auf ihn gewirkt. Ruhig sprach er:

»Ich würde es für eine Tatarennachricht halten, wäre nicht der Name Harrod damit verbunden.«

»Sie haben recht, Mr. Lee! Harrod! ... Sein Name! Ich zweifle nicht an dem Ernst der Nachricht. Ich habe nur eine Erklärung. Er hat irgendwie herausbekommen, was hier vorgeht. Tut's mir zum Tort. Will die Schlappe, die ich ihm vor Jahren versetzte, wieder wettmachen. Ah! ...«

Er stöhnte auf. Begann wieder mit großen Schritten hin- und herzulaufen. »Ist's wahr, William Harrod, dann hast du's mir mit Zinsen vergolten!«

Lee schüttelte den Kopf. »Unmöglich, Mr. van der Meulen. Bauten wir eine Wasserstoffrakete, würde ich Ihre Gründe für Harrods Handeln begreifen.«

»Sie haben ja recht, Mr. Lee! Unmöglich, Vater, daß Harrod oder seine Mitarbeiter die Elektronenenergie in irgendeiner Form beherrschen. Nehmen wir an, die Nachricht wäre in allen Stücken wahr, so gibt's nur eine Erklärung. Ein anderer ... ein Großer muß es sein ... einer, dem in glücklicher Stunde gelungen, das Problem zu lösen, hat sich mit Harrod zu diesem Plan verbündet.«

Lee schüttelte den Kopf. »Es muß so sein, wie Sie sagen. Miß Hortense. Keine andere Erklärung ... Und doch! Ich kann nicht daran glauben. Keiner ... außer Gorm, der bei dem heutigen Stand der Wissenschaft fähig, das Problem zu lösen ...«

Mit einem Ruck blieb van der Meulen stehen. »Gorm ...«

»Gorm und Harrod, Mr. van der Meulen ... nein!«

»Nein? ... Nun, wenn nicht Gorm selbst, irgendein anderer, der seine Berechnungen kennt. Wie Gorm sie Ihrem Onkel Jonas gegeben ... könnte er sie doch auch einem anderen mitgeteilt haben.«

Lee stand einen Augenblick überlegend.

»Die Möglichkeit besteht. Ich kenne Gorm nicht ... Und doch ... das will, kann ich nicht glauben!«

Van der Meulen machte eine fragende Bewegung. Lee, wie um sich der drängenden, fragenden Blicke, die auf ihm hafteten, zu erwehren, schloß die Augen. Mehrmals öffneten sich seine Lippen, schlössen sich wieder ... Dann ... ein tiefer Atemzug. Die graublauen Augen gingen scharf in die Runde. Dann kamen die Worte schroff, hart aus seinem Munde.

»Der ... der Harrod das Geheimnis der Elektronenkraft gab ... der hat's gestohlen!«

»Gestohlen?« schrie Hortense.

»Ja! ... Gorm oder mir!«

Als hätte ein Peitschenhieb sie getroffen, zuckte Hortense zusammen. Starrte Lee an. Der sah zur Seite, wandte sich an Violet, die weinend, hilflos zu ihm drängte, strich ihr leise über das Blondhaar. »Tapfer sein, Violet! Denke daran, daß du eine Lee bist!«

»Was wirst du tun, Ronald?«

Der schaute van der Meulen an. Die Blicke der beiden Männer wurzelten ineinander ... lange. Dann sprach van der Meulen:

»Von morgen an arbeiten wir in drei Schichten!«

Lees Augen blitzten auf, kräftig erwiderte er den Handschlag, den ihm van der Meulen bot.

*

Am nächsten Morgen brachte das offizielle Büro der Regierung der Vereinigten Staaten von Südamerika folgende Meldung:

Infolge der gestrigen Nachrichten aus Arizona hält die Regierung der Vereinigten Staaten von Südamerika den Zeitpunkt für gekommen, den Bürgern der südamerikanischen Union die Mitteilung zu machen, daß die Arbeiten Señor van der Meulens, ein mit Elektronenenergie getriebenes Raumschiff zu bauen, so weit vorgeschritten sind, daß das Flugschiff in absehbarer Zeit seine Probefahrt antreten wird.

Die Welt verhielt den Atem. Das gestrige unerhörte Ereignis überholt, übertrumpft. In den Staaten des Sternenbanners die Erregung auf Siedehitze gesteigert ... überschlug sich ...

Schwindel! ... Bluff! ... Gestohlen! ... Die Ehre der Nation berührt! ... Selbst die Gemäßigten sprachen von Anmaßung, verlangten schnelle Untersuchung.

Die Auslassungen der offiziellen Büros schienen bestrebt, die Gemüter zu besänftigen, gossen jedoch nur Öl in die Flammen. Schlossen mit der Erklärung, daß auf jeden Fall die Priorität auf Seiten des Sternenbanners wäre. Wiesen darauf hin, daß die, die es wagten, ein ähnliches Unternehmen ins Werk zu setzen, die volle Verantwortung dafür zu tragen hätten.

Die Heere von Berichterstattern, die in Arizona ... im Gran Chaco die Luft verdunkelten, rannten hier ... rannten dort gegen undurchdringliche Mauern ... Das war die erste Folge gewesen. Die Werft in Arizona, die Werft in Buena Vista durch stärkste Sicherungsmaßregeln geschützt. Im weiten Umkreis zu Luft und Land abgesperrt ... von todbringenden Hindernissen umgeben.

Zwei kleinste Lokalzeitungen, in Arizona der »Bloomfield Advertiser«, im Gran Chaco der »Monitore del Vermejo«, erhoben sich in wenigen Tagen zu Blättern von Weltbedeutung.

Ebenso wie der Botschafter der südamerikanischen Union in Washington hatte der der nordamerikanischen Union in Buenos Aires einen längeren Besuch im Auswärtigen Amt gemacht. Die Folge davon war, daß die offiziellen Blätter der beiden Regierungen sich über alles, was den Bau der Raumschiffe betraf, ausschwiegen. Die beiden kleinen Lokalblätter waren die Organe der beiden um die Wette bauenden Werften geworden. Sie wurden die Herolde, welche die Taten Harrods und van der Meulens der Welt verkündeten ... wobei es häufig geschah, daß die Herolde selbst in argen Streit gerieten, sich mit schärfsten Waffen bekämpften.

Während sich die Welt in den mannigfachsten Vermutungen erging, wie das Wettbauen der beiden Konkurrenten Harrod und van der Meulen enden würde, wer zuerst den Flug zur Venus antreten würde ... wer das Rätsel dieser mystischen Nachrichten von dem Nachtgestirn lösen würde, brachte der Berliner Funkdienst folgende überraschende Mitteilung:

Es ist durch genaue Rahmenpeilungen festgestellt, daß die rätselhaften Zeichen, die von den Helikopterenwarten von Greenwich und Berlin aufgenommen wurden, zweifellos von der Venus kommen. Ferner ist es gelungen, den Sinn dieser Zeichen zu ermitteln. Es sind Bildtelegramme in Kartesischen Koordinaten.

Kopfschüttelnd, ungläubig hörte jedermann diese Kunde. Nur wenige, die überhaupt verstanden, was die Erklärung bedeuten solle. Da kam am nächsten Tage die Radiomeldung aus Berlin, daß in Abänderung des Abendprogrammes Professor Franke von der Berliner Warte einen Vortrag über seine Beobachtungen halten werde.

Kaum war jemals ein Vortrag des Rundfunks mit größerer Spannung, größerem Interesse erwartet worden. Millionen, die in der Abendstunde am Hörer hingen.

»Meine Herrschaften! Die Presse hat sich in der letzten Zeit schon genügend darüber ausgelassen, mit welchen Schwierigkeiten es verknüpft ist, wenn zwei an sich gleichgebildete Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen, einander gegenübersitzen und sich verständigen wollen. Es ist das eine tatsächliche Unmöglichkeit. Und doch gibt es Menschen, die imstande sind, diese Unmöglichkeit zu überwinden. Das sind die Leute der den meisten von Ihnen so unsympathischen Wissenschaft, der Mathematik.

Wenn ich die Behauptung aufgestellt habe, daß es uns möglich geworden ist, die Zeichen von der Venus zu entziffern, so werde ich bei dem Versuch, es Ihnen zu beweisen, wohl von vielen schlecht verstanden werden. Doch auf die Gefahr hin, Mißverständnis oder Unglauben zu begegnen, werde ich doch kurz erzählen, wie wir zu der Entdeckung gekommen sind.

Jener Lehrsatz des Pythagoras, den wohl die meisten von Ihnen in Erinnerung haben, gab den Schlüssel, das Geheimnis zu lösen. Die Wesen dort oben ... ich möchte hier die bestimmte Vermutung aussprechen, daß sie uns technisch weit voraus sind ... gaben mit ihren Zeichen zunächst pythagoräische Zahlen ...

Ich gestehe, es dauerte lange, bis wir hinter den Sinn ihrer Zeichen kamen. Doch dann, als wir sie begriffen, sahen wir auch schon den Weg, der zur Verständigung führen mußte. Es gelang uns, auf Wellen von zehn Zentimetern Länge Rücksignale zu geben, die dort oben verstanden und sinngemäß erwidert wurden.

Ich betone, meine Herrschaften, mathematische Zeichen! Für jeden, der damit Bescheid weiß, mußte die zwingende Folge sein, weiterhin Formeln der Kegelschnitte, der Hyperbel ... der Parabel zu geben, und danach diese Kurven Punkt für Punkt in einer Koordinatendarstellung zu senden.

Damit hatten wir die Fundamente ... das Material, um in Bildern unsere Gedanken auszutauschen. Ich erinnere Sie an viele in der Kultur hochentwickelte Völker, die ebenfalls nur Bilderschriften hatten. –

Eine Verständigung in Bildern! ... Ja, da sehe ich bei vielen ein bedenkliches Kopfschütteln. Eine solche Verständigung muß doch im höchsten Grade beschränkt sein ... Das ist richtig. Ein Gedankenaustausch, wie er zwischen zwei gebildeten Menschen gleicher Sprache sonst üblich, ist auf diese Weise ausgeschlossen. Jahre würden vergehen, ehe die Verständigung solche Fortschritte gemacht, daß ein voller Meinungsaustausch von beiden Seiten möglich wäre.

Und doch erkläre ich, daß es uns zu einer besonderen Genugtuung gereicht, wenn es den Beamten der Berliner Warte gelungen ist, den Schlüssel zu finden, die ersten gegenseitigen Verlautbarungen zu fixieren.

›Wenig!‹ werden viele von Ihnen sagen. Und doch, ich sage es mit Stolz, es ist unendlich viel! Sie alle haben natürlich den lebhaften Wunsch, etwas von dem Inhalt unserer Bildunterhaltung zu hören. Nun, unser Gespräch drehte sich hauptsächlich um Dinge der Technik. Ist doch der Stand der Technik ein Gradmesser für den Stand der Kultur.

Sehr bald war es uns klar, daß die Technik ... die Kultur bei jenen viel höher entwickelt ist, als bei uns. Ich würde zu weit gehen, wenn ich Ihnen das im einzelnen erklären wollte. Wie unendlich die uns technisch überlegen sind, wird Ihnen klar sein, wenn ich Ihnen folgendes sage.

Die Wesen da oben, ich bezeichne sie als Menschen wie wir, sind nicht etwa Bewohner der Venus ... es sind Menschen, die aus einem anderen Sonnensystem dorthin gekommen sind. Verstehen Sie wohl, nicht von einem anderen unserer Planeten, sondern von einem Planeten eines anderen Sonnensystems.

Denken Sie an unsere jetzigen ersten Versuche, in die Sternenwelt zu fahren. Zum Mond ... zur Venus ... zum Mars. Fahrten, die nach Lichtsekunden, nach Lichtminuten rechneten ... Und jene ... viele Lichtjahre weit ihre Fahrt! Uraniden! ... Menschen, die unter anderem Himmel gewohnt haben. Solche Fahrt ein Ziel, das für uns noch in grauer Ferne liegt.

Ich weiß, wie sich jetzt Ihnen allen die Frage aufdrängt: Weshalb kommen die, wenn sie schon einmal so weit gefahren, nicht zur Erde? Hierauf kann ich Ihnen nur unbestimmte Auskunft geben. Die Versuche jener Menschen, uns ihr Schicksal durch Bildtelegramme verständlich zu machen, sind naturgemäß durch die Art dieses Ausdrucksmittels sehr behindert. Was ich Ihnen jetzt sage, beruht nur auf Vermutungen, ein zwingender Beweis dafür ist nicht möglich. Doch glaube ich persönlich, mit unseren Annahmen nicht fehlzugehen. Zeigte sich doch bei jenen schwer verständlichen Bildern eine gute Übereinstimmung zwischen unseren Deutungen und denen der Kollegen von der englischen Warte. Von beiden Seiten wurden die Zeichen folgendermaßen gedeutet:

Jene Weltenfahrer hatten wohl die Absicht, Gestirne anderer Sonnensysteme zu Forschungszwecken aufzusuchen. Dabei kamen sie zur Venus. Nirgends bisher hatten sie Menschen gefunden. Da auf der Erde ... ihre wunderbar entwickelten optischen Hilfsmittel zeigten es ihnen sicher an ... stellten sie ihnen wesensähnliche Geschöpfe fest ... Und da ... das Ziel vor Augen, ereignete sich irgendein Unheil ... Ich selbst deute die Zeichen dafür als körperliches Versagen der Weltraumfahrer ... die englischen Kollegen für eine Beschädigung ihres Raumschiffes ...

Das eine ... das andere ... vielleicht auch beides zusammen der Grund, weshalb sie ihre Fahrt nicht fortsetzen konnten.

Vermutungen, meine Herrschaften! Vermutungen nur! Aber sie erfahren eine gewisse Unterstützung durch den Umstand, daß jene Weltenfahrer ihre Reise tatsächlich nicht fortsetzen. In dieser, wie Sie verstehen werden, prekären Situation muß die Menschheit es aufs lebhafteste begrüßen, daß man jetzt an zwei Stellen der Erde Raumschiffe baut, mit denen sich die Venus wohl sicher erreichen lassen wird.

Wir dürfen also hoffen, doch in absehbarer Zeit mit diesen uns so überlegenen Wesen in unmittelbare Berührung zu kommen. Unsterblicher Ruhm winkt dem, dem das als Erstem gelingt.

Über die weiteren Folgen will ich schweigen. Jeder von Ihnen kann sich wohl ausmalen, von welch ungeheurem Vorteil sie für uns sein müssen.«

Die Morgenpresse brachte die Ausführungen des Professors Franke mit zahlreichen Kommentaren versehen. Die eine Frage in allen:

Die Uraniden ... ihr Wissen ... ihre Schätze, wer würde sie gewinnen?

*

Canning hatte seine Geschäfte in Frisco erledigt. Die neuen Arbeiter, die er geworben, waren schon unterwegs nach Arizona. Langsam schlenderte er durch die Vorstadt dem Flugplatz zu. Als er an dem Viertel vorbeikam, in dem die Exoten wohnten, sah er an einer Straßenecke eine kleine Menschenansammlung.

Neugierig schritt er darauf zu. Ah! In einem Kreis von braunen, schwarzen, gelben Zuschauern ein Inder, ein Schlangenbeschwörer. Erinnerungen an Bilder, die er in Indien gesehen, tauchten in ihm auf.

Ein alter Mann, den Kopf vom Turban umhüllt, saß mit gekreuzten Füßen auf der Erde. Vor ihm tanzten nach dem Klange der Flöte, die der Alte spielte, zwei kleine Schlangen. Canning wollte weitergehen, da ... er verhielt seinen Schritt ... der Alte hatte die Flöte abgesetzt, hielt bettelnd einen Teller den Zuschauern hin.

Das Gesicht! Canning überlegte. Wo hatte er das schon gesehen ... die Züge! Sie waren ihm doch bekannt? Er ging ein paar Schritt zur Seite, stand wartend. Nach einer Weile erhob sich der Inder. Die Umstehenden zerstreuten sich. Der Alte hing sich den Schlangenkorb um, schritt weiter.

Sarata?! ... In dieser Situation? ... Noch vor kurzem so ganz anders ...

... Wo war das Mädchen? ... Dieser Wechsel ... dieses Hinabsinken zum Straßengaukler ... Und doch! Er mußte es sein!

Er folgte ihm. An einem menschenleeren Platz trat er neben ihn.

»Sarata?«

Der Alte wandte sich mit einem Ruck um, starrte Canning an.

»Sarata! Sind Sie es? Erkennen Sie mich nicht wieder?«

Der Alte schloß die Augen. Canning sah, wie er angestrengt nachdachte.

»Sie waren doch in meinem Hause. Gaben dort eine Vorstellung ...«

Der Inder ließ die Hand sinken, schaute prüfend in Cannings Gesicht. Der Ausdruck seiner Augen verriet, daß die Erinnerung zurückzukehren begann.

»Mr. Canning! Ah! Ich weiß, Sie waren bei mir in der großen Stadt ... am Meere lag die Stadt. Luden mich ein, zu Ihnen zu kommen. Ja! Ich weiß ... weiß alles.«

»Aber warum sind Sie jetzt allein? Wo ist Majadevi, Ihre Enkelin?«

»Majadevi? ... Enkelin?« Der Inder machte eine lächelnde Grimasse. »Sarata hatte nie eine Enkelin. Majadevi? Ich kenne sie nicht ... habe sie nie gekannt.«

Der Alte ist betrunken, dachte Canning im stillen. Suchte nach einem Wort, sich zu verabschieden. Sarata, als errate er seine Gedanken, drängte näher an ihn heran. Seine Stimme sank zum Flüstern herab.

»Wir saßen in dem schönen, hellen Gemach. Sprachen ... wissen Sie noch ...« Er hob den Finger ... sein Lachen klang halb verschmitzt, halb blöd ... Fast wie ein Irrer sprach er, sah sich dabei scheu um, als fürchte er, belauscht zu werden ... »Der Mann ... wissen Sie ... der Mann ...« seine Stimme klang heiser gedämpft, er deutete zum Himmel, »der da oben war ... Sie wollten wissen, wie er aussah ... wo er war. Ich kenne ihn auch, Sie wissen es«, setzte er mit wichtigtuender Miene hinzu.

Sarata war so nahe an Canning herangetreten, daß er ihn körperlich berührte. Widerwillig wandte sich der ab zur Seite.

»Ja, ja. Ich weiß! Doch es ist gut.« Er griff in die Tasche nach einem Geldstück, wollte es dem Alten geben, fortgehen. Der hielt das Geldstück in der Hand, betrachtete es, schüttelte den Kopf.

»Zu wenig, Señor! Zu wenig! Sie müssen mir mehr geben, viel mehr ... Sarata weiß es jetzt ... weiß, wo der wohnt ... Sarata war bei ihm ...«

Das rätselhafte Benehmen des Alten ... sein Geist mußte stark verwirrt sein. Törichtes Gerede das alles! Canning griff nochmals in die Tasche, hatte nur den einen Wunsch, den Alten loszuwerden.

Da fing der wieder an. »... Sarata weiß auch, was der jetzt macht ... Saratas Augen haben gesehen das schöne, große Schiff ...« Er reckte sich auf, deutete zum Himmel. »Dorthin will er ... alles ist fertig.«

Cannings Augen bohrten sich in die des Alten, suchten darin zu lesen, was wahr, was leere Worte.

»So sagen Sie es doch! Wo ist Gorm? Was tut er?«

Der Inder zuckte bei dem Namen zusammen. In seinen Augen blitzte es auf. Seine Stirn zog sich kraus.

»Ja! Ja!« stieß er heiser heraus. »... Gorm? Ja! So hieß er ... Und der andere, der immer bei ihm ist ...?«

»Sie meinen Stamford?«

»Ja, ja, Stamford! So heißt der ... ein schönes Schiff haben sie sich gebaut. Sie wollen weg! ... Weg von der Erde ... Weit ihre Fahrt ...«

Canning überlegte kurz. Die Mitteilungen des Alten, so unsinnig sie ihm auch vorkamen, erregten sein Interesse. Länger hier zu bleiben, gestattete ihm seine Zeit nicht. Was tun? Den mitnehmen? Es schien das Rechte. Wenn sich herausstellte, daß mit dem Alten nichts anzufangen, konnte er ihm ja immer wieder den Laufpaß geben.

»Ist Majadevi auch hier?« fragte er.

»Majadevi?« Sarata schaute ihn fragend an. »... Wer ist Majadevi?«

»Alter Schurke! Willst du mich zum Besten haben? Du bist betrunken. Majadevi, deine Enkelin ... das Medium, mit dem du umherzogest. Sie war doch mit in meinem Hause. Entfloh ... wurde geraubt ...«

»Majadevi? ... Majadevi? ...« Der Inder schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht ... weiß nur ... in Ihrem Hause ... ich hatte etwas ... es war ein kostbarer Schatz. Ich verlor ihn ... er wurde mir gestohlen ... zwei Männer raubten ihn mir ...«

»Sarata! Was ist Ihnen? Wissen Sie das alles nicht mehr? Wissen Sie nicht mehr, daß Gorm und Stamford Majadevi mit sich nahmen?«

Durch die Gestalt des Alten ging ein Zittern. Er faßte Cannings Arm, klammerte sich daran.

»Der Schatz, der mir geraubt ... Majadevi! ... Das Mädchen! ...«

Seine Augen begannen plötzlich zu rollen. Ein unheimliches Feuer glühte darin. Die Fäuste geballt, die Zähne aufeinandergebissen, stand er da, als wollte er sich auf irgend jemand stürzen. Zischend kamen die Worte aus seinen Lippen. »Ja! Gorm ... Stamford, sie raubten mir den Schatz ... Majadevi. Ah, jetzt weiß ich's wieder ... jetzt weiß ich's wieder. Ah! Dieser Mensch ... Stamford! ... Ah, ich weiß nicht, ob ich den mehr hassen muß oder den anderen.

Und jetzt, jetzt weiß ich auch wieder das andere. Gorm raubte mir Majadevi ... und Stamford, er raubte mir das Gedächtnis, er störte meine Sinne ... er verriegelte die Erinnerung, als ich, bezwungen von ihm, wehrlos dalag.

Ah! Er bezwang mich ... der blonde Westländer bezwang mich, Sarata, den Joghi ...«

Canning stand ratlos. Was war das alles? Was sprach der für unverständliche Dinge? Ein paar Vorübergehende, denen das sonderbare Benehmen des Inders auffiel, blieben stehen, schauten spöttisch lächelnd auf die Gruppe.

Der Szene muß ein Ende werden! sagte sich Canning. Ich nehme ihn mit! Er ergriff Saratas Arm, sprach mit ihm. Rief einen vorüberfahrenden Wagen an: »Zum Flugplatz!« –

*

Wieder war Coiba der Brennpunkt des Interesses. Wieder waren aus allen Zonen Scharen von Berichterstattern, Neugierigen dorthin gekommen. In der Voraussicht dieses Zustromes hatte man die umfassendsten Vorsichtsmaßregeln getroffen.

Der Kanal vom Meer zu dem Brandherd war vollendet. Ein schmaler Betondamm hielt die Wogen des Ozeans noch zurück.

Der Kanalbau! Ein kleines Stück nur vom Wasser zum Feuer. Man hatte allgemein geglaubt, in kurzer Zeit würde er fertiggestellt sein. Zehn Meter breit, zehn Meter tief, kaum hundert Meter lang. Die Arbeiten über Tage ... mit den modernsten Maschinen ausgeführt ... ein Kinderspiel! Auch die Bauleitung hatte mit einer knappen Spanne gerechnet.

Doch da kam die Überraschung. Kaum war man einige Meter in die Tiefe vorgestoßen, da wurde die Temperatur immer höher, schließlich unerträglich. Es zeigte sich, daß der Boden stark metallisch durchsetzt war. In den Erzadern hatte sich der Brand wie in einer Lunte fortgepflanzt.

Das Betreten der Baugrube wurde für Menschen trotz aller Schutzmaßnahmen, wie Bleimäntel und dergleichen, unmöglich. Der Boden war an den heißen Stellen im höchsten Grade radioaktiv. Die Strahlungen riefen schwerste Gesundheitsschädigungen, ja Todesfälle hervor. Die Arbeitsweise mußte daraufhin vollkommen geändert werden. Selbst wenn man in dieses brennende, strahlende Gestein Bohrlöcher in der üblichen Weise hätte treiben können, wäre es doch unmöglich gewesen, sie mit Sprengstoffen zu laden. Jeder bekannte Explosivstoff detonierte von selbst, sowie er in den Bereich dieser Strahlung kam.

Die Arbeiten wurden ausgesetzt, bis neue Maschinen und Hilfsmittel zur Stelle waren. Das dauerte geraume Zeit. Der Plan war, von niedrigstehenden Helikopteren aus die Kanalsohle mit starken Sprengstoffbomben zu bearbeiten. War eine genügende Bodenmenge zertrümmert, griffen elektrische Baggermaschinen, die an den Helikopteren hingen, die Geröllmassen und transportierten sie sofort ins Meer ab.

Fast die ganze Gelehrtenwelt stand Kopf, als dies Verfahren bekannt wurde. Nach ihrer Meinung wurde gerade das Gegenteil von dem erreicht, was man beabsichtigte. Der infizierte Boden, an andere Stellen transportiert, mußte auch dort seine verderbliche Wirkung ausüben. Doch vergeblich ihre Mahnrufe. Alle Welt klammerte sich an das alte Naturgesetz: Feuer wird mit Wasser gelöscht.

Die Bauleitung selbst erlebte auch bald eine unangenehme Überraschung. Sorglos hatte man das ausgebaggerte Material nicht weit von der Küste in das Meer versenkt. Je mehr es wurde, desto stärker wurde auch der Wasserdampf ... der Nebel, der sich an der Oberfläche des Wassers bildete.

Man transportierte das Material weiter in den Ozean hinein, suchte tiefste Stellen für seine Versenkung. Nicht lange, und auch dort dasselbe Resultat. Es wurde der Bauleitung einigermaßen bedenklich zumute. Das zuerst versenkte Material schien keineswegs durch den Ozean gelöscht zu werden. In unverminderter Stärke lagen die Wasserdämpfe über jener Stelle.

Dabei gingen die Arbeiten nur langsam voran. Das Material der Baggergreifer nutzte sich auffallend schnell ab. Ganze Schiffsladungen von Ersatzteilen mußten herbeibeordert werden.

In die Presse war von alledem nicht allzuviel gedrungen. Man hatte, angeblich aus Sicherheitsgründen, die Arbeitsstellen nach allen Seiten hin in weitem Kreise abgesperrt.

Endlich war es gelungen, den Kanal, so, wie er projektiert war, fertigzustellen. Einladungen an alle möglichen Regierungen waren ergangen. Doch nur wenige hatten einen Vertreter gesandt. Wirklich vollzählig nur die der Staaten des Isthmus. Vollzählig natürlich auch die Schar der Vertreter der Presse ... der Radioagenturen. Die Sendestationen befanden sich in hoch im Äther stehenden Helikopteren, da in geringen Höhen die radioaktive Strahlung des Brandherdes die Kurzwellen der Sender unwirksam gemacht hätte. – – –

Ein klarer, heller Sommertag. Weithin die Sicht nach allen Seiten. Nur da, wo die Geröllmassen im Ozean versenkt, dichte Nebelschwaden über der Oberfläche.

Die elfte Morgenstunde. Ein Zeichen der Bauleitung, daß die Luft für die Schiffe der herbeigeeilten Massen freigegeben. Wenige Minuten ... wie Heuschrecken schossen die Schiffe von allen Seiten herzu. Kaum, daß sie zur Ruhe gekommen, ein zweites Zeichen. Alle Augen auf den Damm gerichtet, an dem sich die Wasser des Pacific im Höchststande der Flut brachen.

Ein Schüttern, ein Zittern. Die starke Betonwand geriet ins Wanken, stürzte, von der Sprengladung zerrissen, zusammen. Über die Trümmer hinweg brachen die Wogen des Ozeans in den Kanal. Das ganze Schauspiel nur Sekunden ... schon war der Vorhang gefallen. Das Stück war aus.

Vergeblich suchte das Auge noch etwas zu erhaschen. Riesige Mengen von Wasserdampf entströmten dem Erdboden, wurden dichter und dichter ... ballten sich zu Nebeln, stiegen in die Höhe, breiteten sich aus. Nach ein paar Stunden der Ozean, die Insel unter einer undurchdringlichen Dampfwolke verborgen.

Die Phalanx der Beobachtungsschiffe bröckelte immer mehr ab. Der Blick auf die beiden Nebelbänke im Pacific gab zu denken. Wie lange konnte es dauern, bis der Brand gelöscht, die Nebel verschwunden? Nur die Zeit konnte die Antwort darauf geben. Doch je länger es dauerte, desto größer die Zahl der Stimmen, die begannen, das Unternehmen in Grund und Boden zu verdammen. Die Ansicht der Gelehrten bekam von Tag zu Tag mehr Anhänger.

Der Brandherd wurde der Herd ungeheurer Wolkenbildungen. Der Wind trieb sie zum Festland, wo sie ihre Wassermassen in katastrophalen Regengüssen entluden. Es traf alles ein, wie es die Wissenschaft vorausgesagt. Die Existenz der Staaten des Isthmus schien aufs ernsteste bedroht.

Wie immer suchte man nach einem, auf den man die Schuld abwälzen konnte. Keiner ... die Bauleitung eingeschlossen ... wollte die Verantwortung auf sich nehmen. Das Drama wurde zur Tragikomödie, als sophistische Ankläger auftraten, die auch hierfür Gorm verantwortlich machten.

* * *

 

»Da ist er schon wieder ... der Kerl!« Tim Bröker holte ein Glas aus dem Hause, trat hinter einen Schuppen, wo er nicht gesehen werden konnte. Das Glas auf die nördliche Felswand gerichtet, murmelte er vor sich hin.

›Er nimmt immer denselben Weg, den der alte Inder benutzte ... dachte auch zuerst, er wäre es wieder ... doch der ist es nicht. Der hier ist viel größer ... Dreimal war ich schon hinter ihm her ... konnte ihn nicht einholen ... wäre vielleicht doch besser gewesen, ich hätte ihm eine Kugel nachgeschickt ...Gutes hat der Kerl sicher nicht im Sinn.‹

»Hallo, Tim!« Stamford war neben ihn getreten, klopfte ihm auf die Schulter. »Was suchst du so eifrig?«

Statt einer Antwort griff Tim Bröker Stamfords Arm, zog ihn hinter die Schuppenwand.

»Gut, daß Sie kommen, Mr. Doktor. Hier mein Glas. Nehmen Sie es schnell, sehen Sie auf den Weg an der Felswand ... Nehmen Sie ungefähr die Stelle, wo ich den alten Inder damals mit dem Lasso ketschte.«

»Ein Mann da oben? Ich sehe ihn jetzt. Was ist's mit dem? Was denkst du? Der Pfad wird ja selten begangen, aber ... Hirten, die zu ihren Herden gehen, benutzen ihn doch zuweilen.«

»Es ist jetzt schon der zweite Tag, daß ich den da oben herumstreifen sehe. Das erstemal begegnete ich ihm gestern morgen, als ich selbst auf dem Weg ging. Da fiel er mir nicht besonders auf. Als ich ihn aber nachmittags wieder da oben sah, hatte ich Verdacht ... irgendein Schnüffler. Ich stieg nach oben. Als ich oben angekommen, war er verschwunden. Auch heute morgen sah ich ihn. Er war schon den steilen Richtweg, der hier zur Werft führt, ein gutes Stück heruntergeklettert. Ich pirschte mich vorsichtig an ihn heran. War schon auf kurze Entfernung bei ihm, da sah er mich, nahm Reißaus. Seitdem habe ich den Weg an der Wand ständig beobachtet ... Aha! Sehen Sie, jetzt ist er am Richtweg, klettert ihn herunter.«

Stamford eilte in das Haus, holte ein scharfes Glas. Kaum hatte er das auf den Mann gerichtet, stieß er einen Ausruf der Überraschung aus.

»Ah! Wär's möglich? Awaloff? Er müßte heimlich aus Suru entwichen sein. Aber wie hat er den Weg zu uns entdeckt? Was will er hier? Doch einerlei! Wir müssen ihn festhalten. Ich werde den Felsenpfad vom unteren Tale her überwachen. Du wartest eine Weile, bis ich ungefähr da sein kann. Dann steigst du den Richtweg hinauf. Bleibt er stehen, nimmst du ihn mit herunter zur Werft. Läuft er fort, muß er mir begegnen.« – – –

Stamford war auf seinem Platz angekommen, ging langsam den Felspfad hinab. Als er um eine Ecke bog, sah er Awaloff eiligen Schrittes auf sich zukommen. Stamford überschaute die Lage. Sie war nicht ganz ungefährlich. Leistete Awaloff Widerstand, so war es leicht möglich, daß einer den steilen Hang hinabstürzte. Er wollte es mit einer Überraschung versuchen. Schnell trat er zurück. Wartete, bis er Awaloffs Schritte hörte. Dann trat er hervor, tat, als begrüße er einen Bekannten. Er zog den Hut, verbeugte sich.

»Ah, guten Tag, Herr Baron von Awaloff. Ich begrüße Sie. Sie wollen, wie ich vermute, Herrn Gorm besuchen ... Er erwartet Sie mit Freuden. Bitte, folgen Sie mir.«

Der andere hatte ihn bei den ersten Worten angestarrt wie ein gehetztes Tier. Hatte sich zurückwenden wollen ... fliehen. Doch je länger Stamford sprach, desto ruhiger wurde er. Als der sagte: Gorm erwartet Sie mit Freuden, lief ein heller Schimmer über sein Gesicht. Harmlos ergriff er Stamfords Hand, die der ihm entgegenstreckte, trat zu ihm.

»Kommen Sie, Herr Baron! Dieser Weg ist bequemer.« Stamford schob im Vorwärtsschreiten seinen Arm unter den Awaloffs, ging mit ihm auf den Felsweg zu. Er hatte wohl bemerkt, wie Awaloffs Gesicht sich bei dem Namen Gorm verklärte. Danach richtete Stamford sein Verhalten. Während er mit Awaloff plauderte, fiel immer wieder der Name Gorm von seinen Lippen.

So kamen sie zur Werft. Gorm trat eben aus dem Haus, als sie anlangten. Kaum hatte Awaloff ihn gesehen, stürmte er auf ihn zu, sprudelte eine Menge von Worten heraus, die unverständlich blieben. Es war ein Durcheinander von englischen und russischen Lauten.

Gorm runzelte die Brauen, schaute unwillig auf Awaloff.

»Was soll das?« fragte er, »wie kommt der hierher?«

Stamford erzählte ihm die Beobachtungen Tims. Wie er dann durch das Glas Awaloff erkannt und ihn hierhergebracht. Gorm bedeutete Awaloff, sich auf die Bank vor der Tür zu setzen, ging mit Stamford abseits.

»Er muß aus Suru entwichen sein. Schon gestern, sagte Tim, habe er ihn gesehen? Ich wundere mich, daß noch keine Nachricht aus Suru da ist.«

Stamford nickte.

»Unmöglich, daß er hierbleiben kann. Wir müssen ihn wieder zurückbringen. Nicht allein, daß wir uns unnötige Schwierigkeiten auf den Hals laden, sein krankhafter Zustand dürfte auch auf Majadevi ungünstige Wirkungen haben. Ich fürchte nur, es wird nicht leicht sein. Der einzige, der irgendwelchen Einfluß auf ihn hat, sind Sie, Gorm. Versuchen Sie's zunächst mit Güte.«

Sie wandten sich um, gingen auf Awaloff zu. Der, als ahne er schon, was sie beschlossen, kam ihnen entgegen, die Hände bittend ausgestreckt.

»Hierbleiben ... hierbleiben ... bei dir bleiben! Bei dir ist gut ... die bösen Geister, sie fürchten dich ... sie können nicht zu mir kommen ... können mich nicht quälen ... Ich soll immer schwimmen ...« Er machte mit ausgebreiteten Armen heftige Bewegungen. »... Immer muß ich schwimmen ... in dem großen Meer ... nicht zurück! Hierbleiben ... bei dir bleiben!«

Gorm wandte sich zu Awaloff, sprach langsam.

»Sie müssen sich gedulden, Freund Awaloff. Hier oben können Sie nicht bleiben. Sie müssen noch warten. Später werden Sie zu uns kommen. Jetzt müssen Sie zurück zu den frommen Männern.«

Von der Werft her kam Majadevi, ging dem Hause zu. Gorm verstummte, wechselte einen Blick mit Stamford. Sie schauten beide zu dem Mädchen, wollten warten, bis die ins Haus getreten. Doch die hielt an, ließ sich auf der Bank nieder, auf der Awaloff eben gesessen.

»Kommen Sie, Awaloff!« Gorm sprach es mit strenger Stimme. »Sie müssen jetzt gehen.«

»Nein! Nein!« schrie der, hob verzweifelt die Arme empor, »nicht von dir fort! Du bist der Starke. Bei dir ist gut!«

Flehend gingen seine Blicke von Gorm zu Stamford. Der schüttelte den Kopf.

»Unmöglich, Gorm! Er kann nicht hierbleiben.« Er tat einen Schritt vor, als wolle er ihn am Arm greifen. Der sprang zurück. Seine Augen gingen umher, als suchte er ein Versteck, einen Zufluchtsort. Da sah er Majadevi. Mit ein paar wilden Sprüngen eilte er zu ihr hin.

Die beiden anderen erschraken ... Was würde jetzt kommen? ... Wollten ihm nach. Da war Awaloff schon bei ihr, sank zu Boden, umklammerte Majadevis Knie. Wirre, stammelnde Bitten aus seinem Munde.

Gorm glaubte schon den Aufschrei der Erschreckten zu hören. Doch die ... ihre Hände hoben sich, strichen Awaloff das wirre Haupthaar aus der Stirn. Die verzerrten, schrecklichen Züge des Mannes glätteten sich, der angstvolle Blick wurde ruhiger. Er begann zu sprechen ... leise ... zart. Russische Worte, die von seinen Lippen kamen. Majadevi hob den Kopf, das Ohr geneigt, als sauge es wohlig die vertrauten Laute der Muttersprache ein.

Die beiden anderen waren stehengeblieben, starrten auf die Gruppe. Was sollten sie tun? Awaloff wegreißen? Sie hatten das Herz nicht dazu – –

Jetzt sprach die zu Awaloff ... auch in russischer Sprache. Awaloff hob den Kopf, ein unendlich glückliches Lächeln in den verwüsteten Zügen. Tränen rollten aus seinen Augen. Er küßte ihre Hände immer wieder, sank zu Boden. Wie ein Hund legte er sich zu Füßen Majadevis nieder.

»Warum wollt ihr den armen Mann fortjagen? Er ist kein böser Mann. Ich fürchte mich nicht vor ihm. Er ist gut und lieb. Ich habe so viel Mitleid mit ihm ...«

Sie sah Gorm bittend an. »Sie werden ihn nicht fortschicken, nicht wahr, Sie werden es nicht tun. Auch Sie nicht, Mister Stamford. Lassen Sie ihn hierbleiben. Er ist groß und stark. Er wird euch helfen und mich beschützen, wenn ihr fortgeht.«

Gorm und Stamford tauschten einen nachdenklichen Blick. Was sprach die da?

»Wer wird dich allein lassen, Majadevi?« Gorm trat näher an sie heran, ergriff ihre Hand. »Ich? Nein! Wo ich bin, wirst du sein. Ich werde dein Beschützer sein.«

Sie streckte ihm beide Arme entgegen, griff seine Hände, legte ihr Gesicht daran. »Ich soll immer bei Ihnen bleiben? ... Oh, das ist schön ... Ich bin glücklich ... Immer bei Ihnen bleiben ...«

»Bei Ihnen bleiben ...« Awaloff richtete sich hoch. »Ich auch ... will bei Ihnen bleiben ...« Er ergriff Majadevis Hand.

Die Augen des Arztes waren keinen Moment von Majadevi gewichen. Vielleicht ein Weg, der schneller, leichter zum Ziele führt, Majadevi gesunden zu lassen. »Ich glaube, Gorm, es dürfte in der Tat das beste sein, wenn wir Awaloff hier lassen ... wenigstens für die nächste Zeit. Es hat den Anschein, als könne er ...« Seine Augen deuteten auf Majadevi ... »hier günstig wirken. Irgendeine Beschäftigung wird es ja für ihn geben. Sie kann für ihn auch gute Folgen haben.«

»Aber später?« fragte Gorm zur Seite gewandt.

Stamford zuckte die Achseln. »Das wollen wir der Zeit überlassen.«

*

Die Katastrophe in Mittelamerika. Das Land von Regengüssen überschwemmt. Jeder Betrieb stockte. Die Felder in morastige Sümpfe verwandelt. Die Ernten vernichtet. Krankheiten ... Hungersnot. Das waren die Folgen jenes verhängnisvollen Experimentes. Ein großer Teil der Bewohner dort hatte schon die Hoffnung aufgegeben, daß es jemals wieder anders werden könnte ... war ausgewandert.

Nicht besser, sondern schlechter wurde es von Tag zu Tag. Nur unter dem Glanz stärkster Scheinwerfer konnten die Schiffe noch die Kanäle von Panama und Nikaragua passieren ... Auswandern! Noch gab es Platz genug in der Welt. Aber wie, wenn der Brand sich immer weiter ausdehnte, die beiden Kontinente ergriff. – – – – – –

Der Bau der beiden Raumschiffe in Arizona und im Gran Chaco. Ihre Fahrt, eine interessante Studienfahrt bisher, konnte jetzt das Mittel werden, die Erdbewohner zu neuen, sicheren Wohnstätten zu bringen, wenn wirklich einmal das Ende der Erde kommen sollte. Mit doppeltem Interesse blickten alle Augen jetzt auf jene beiden Werften, auf denen die Raumschiffe gebaut wurden. Doch nur wenig von den Fortschritten der Bauten drang in die Öffentlichkeit. Kühne Reporter überflogen wohl die Werften, photographierten, was sich mit Fernlinsen erraffen ließ.

Doch die Ausbeute war karg. Man sah nur immer wieder die Granatenform der Schiffskörper ... äußerlich fertig ... mehr nicht. Auf alle erdenkliche Weise versuchte man Spione einzuschmuggeln, die mit verborgenen Miniaturapparaten interessante Bilder nehmen sollten. Die Abwehrsysteme auf beiden Werften funktionierten so tadellos, daß jeder Versuch scheiterte. In der Hauptsache gegen eine Spionage der Konkurrenzwerft eingerichtet, fand diese Organisation ihre stärkste Betätigung gegen die neugierigen Pressevertreter. – – –

Canning kam von der Werft. Schritt dem Verwaltungsgebäude zu. Oben am Fenster stand Harrod, winkte ihm. »Schnell. Mr. Canning! Habe etwas für Sie.«

Er eilte die Treppe hinauf, stand gleich darauf Harrod gegenüber.

»Was ist's? Etwas Neues aus Buena Vista?«

Harrod nickte, deutete auf das Nebenzimmer. Seine Stimme sank zum Flüsterton.

»Shelton ist zurück. Eben werden die Aufnahmen von seinem Körper da drin gemacht. Glänzend Ihre Idee! Das Photographieren auf dem Körper. Das Resultat seiner Reise übersteigt alle meine Erwartungen. Sein Bericht ist so günstig wie möglich. Ich beschäftige Shelton schon jahrelang. Er ist unbedingt zuverlässig. Ein tüchtiger Techniker nebenbei. Wir haben den Vorsprung der da unten nicht nur eingeholt, wir sind ihnen schon voraus. Wenn nicht etwas Besonderes eintritt, werden wir zuerst starten.«

Triumphierendes Lachen in Cannings Gesicht. »Das wäre ja wirklich über alle Maßen erfreulich, ich bin auf die Photos gespannt.«

Ein Diener trat ein, brachte einen Stoß Briefe. Ein großes Kuvert mit dem Staatssiegel dabei. Harrod öffnete es zuerst.

»Aha!« Er lachte. »In Washington beginnt man nun auch ... endlich ... zu begreifen, daß unser Werk mehr bedeutet als einen ›wissenschaftlichen Sport‹.« Er las weiter. »Aha, und hier ... Hören Sie, Mr. Canning! Man stellt die Unterstützung der Regierung in pekuniärer und moralischer Form in Aussicht. Hält es für wünschenswert, wenn wir die Vorbereitungen für den Bau weiterer Schiffe treffen. Nun, ihre Ratschläge kommen post festum. Immerhin ist es nicht von der Hand zu weisen, daß sich die Regierung hinter uns stellt. Man weiß ja nicht, was die Zeit noch bringen wird.«

»Weiter nichts?« fragte Canning.

»Ah! Doch! Hier! Eine private Mitteilung des Staatssekretärs, daß Ihrer Aufnahme in den Staatsverband der Union nichts im Wege stehe, der Bürgerbrief Ihnen demnächst zugehen werde.

Mein Gedanke, daß Sie nordamerikanischer Bürger werden müßten, ist unbedingt richtig. Unser ganzes Unternehmen bekommt einen anderen, für die Volksmeinung besseren Anstrich, wenn alles als reine Leistung amerikanischen Geistes ... amerikanischer Arbeit erscheint. Warten wir deshalb noch die kurze Zeit, bevor wir Ihren Namen als den des Erfinders der Öffentlichkeit bekanntgeben.« – –

*

»Wieder ein Brief mit indischer Marke, Miß Violet!«

»Oh! Endlich!« Violet war aufgesprungen, eilte auf Hortense zu, riß ihr den Brief aus der Hand.

»Endlich!«

Mit hochrotem Gesicht verschwand sie in ihrem Zimmer.

»Ich möchte wissen, Vater,« wandte sich Hortense an van der Meulen, »was Dr. Stamford mit seinen häufigen Reisen nach Indien bezweckt.«

»Er treibt dort Studien. Seine Mittel machen ihn unabhängig vom Broterwerb.«

Hortense ließ das Gespräch fallen, doch ihre Gedanken gingen weiter ... Stamfords Stellung zu Violet? ... Weshalb dieses halbklare Verhältnis? ... An dem Ernst seiner Absichten war doch nicht zu zweifeln ... Aber weshalb sprach er sich nicht aus?

Sie hatte bereits darüber vorsichtig bei Violet angeklopft. Die in ihrem harmlosen Sinn schien sich darüber gar keine Gedanken zu machen. Sie vertraute Stamford so unbedingt, daß sie alles, was er tat, für selbstverständlich hielt ...

Ronald Lee war von Violet zweifellos ins Vertrauen gezogen. Wie mochte er darüber denken? ... Nun, vielleicht ... seine Gedanken sind ja nur bei seiner Arbeit, daß er keine Zeit findet, sich damit zu beschäftigen ... Seine Arbeit ... ihre Augen schlossen sich ... sahen ihn auf der Werft, im Konstruktionsbüro ... Keine Rast, keine Ruhe. Sein Ehrgeiz, durch die Nachrichten von Arizona aufs äußerste gestachelt, trieb ihn zu übermenschlichem Schaffen. Mit Mühe hatte sie ihn bewogen, ein paar tüchtige Konstrukteure, Techniker aus Buenos Aires zu engagieren, wodurch ihm wenigstens ein Teil der Arbeit abgenommen wurde. Es waren unbedingt zuverlässige Leute, tüchtig in ihrem Fach.

Ronald Lee hatte sie mit allem, was den Bau betraf, vertraut gemacht. Und als wäre sein rastloser Geist, seine unermüdliche Schaffensfreude auf sie übergesprungen ... sie warfen sich mit Feuereifer auf ihre Arbeiten, gingen ganz darin auf.

Als sie nach langer Zeit wieder einmal mit Lee einen Ritt durch die Pampas machte, fragte sie scherzend, ob nicht ihr Vorschlag gut gewesen. Ob er mit der Verteilung der Arbeit zufrieden sei. Ronald Lee hielt mit der Anerkennung für die neuen Kräfte nicht zurück. »Aber«, setzte er halb im Scherz, halb im Ernst dazu, »der liebste und beste Mitarbeiter bleiben Sie, Hortense.«

Die Worte ... sein Gesicht ... wie er sie sprach, hafteten in ihrer Erinnerung unauslöschlich.

Eines Tages erzählte van der Meulen wie beiläufig von einem Gerücht, in Arizona plane man den Bau weiterer Schiffe. Die Nachricht wirkte stark auf Hortense. Sie tauschte mit Ronald Lee einen langen Blick.

»Ein Gerücht, Vater? Aus welcher Quelle stammt es?«

Der hatte den Kopf gewiegt, eine Gebärde gemacht, die bedeuten sollte: Was weiß ich? Doch wer hinter dem gleichgültigen Gesicht zu lesen wußte, begriff wohl, daß van der Meulen über diese Quelle sehr gut informiert war ... sie selbst erst zum Fließen gebracht hatte.

Hortense war aufgesprungen. »Ein neuer Schlag! ... Dieser ... Werden wir ihn parieren? ...« Ihre Blicke gingen zwischen den beiden Männern hin und her.

»Dein Vater empfing nie einen Schlag von William Harrod, ohne mit einem Gegenschlag zu antworten«, sprach van der Meulen mit starker Stimme. »Selbstverständlich legen wir morgen den zweiten Kiel.«

In Lees Augen leuchtete es auf. »Einverstanden, Mr. van der Meulen! Doch unsere Werft ... zu klein!«

»Das neue Material für ihre Erweiterung ist schon unterwegs, Mr. Lee. Heute nacht beginnen die Arbeiten.«

»Vater!« Hortense eilte auf ihn zu, schlang die Arme um ihn. »Du bist doch immer der alte. Wir werden ... wir müssen siegen!«

»Die dort oben«, fuhr van der Meulen fort, »bauen das zweite Schiff in größerem Ausmaße. Wir werden die ›Buena Vista‹, unser zweites Schiff, genau so bauen wie den ›Jonas Lee‹, unser erstes. Das gibt uns gewisse Vorteile und ...« er machte ein« kleine Pause, lachte sein rucksendes Lachen, »... und zeigt die enge, feste Verbindung, Lee – van der Meulen.«

Hortense lachte, wandte sich ab, um die leichte Röte zu verbergen, die über ihre Wangen ging, als ihre Augen sich mit denen Lees trafen.

»Noch eins! Ihr findet ja vor lauter Arbeit keine Zeit, euch mit der Presse und den Radionachrichten zu beschäftigen. Die Anzeichen mehren sich in der letzten Zeit, daß man endlich auch in unserem Lande die Wichtigkeit unseres Unternehmens begreift. Mag das nun in den folgenschweren Ereignissen auf Coiba wurzeln ... mag der nationale Stolz sich regen ... aus allen Teilen des Landes laufen Nachrichten ein, daß man die Regierung drängt, sich energisch hinter uns zu stellen.«

*

»Endlich!« fuhr es Canning heraus. »Diese ewige Plackerei mit Kleinigkeiten! Die drei Tage Urlaub mußten schwer erkämpft werden. Harrods Vertrauen zu seinen Konstrukteuren scheint doch nicht so groß zu sein. Er möchte mich am liebsten hier festketten. Und dabei ist alles so gut im Fluß, daß es auch ohne mich geht.«

Er begab sich in den oberen Teil des Hauses.

»Fertig, Sarata?« rief er in das halbdunkle Gemach.

Der Inder sprang von dem Bündel auf, auf dem er gesessen.

»Fertig, Mr. Canning. Schon lange ... lange. Ich fürchtete schon, wir kämen zu spät. Ich fragte sie ... rief nach ihr ... und sie ...« Er richtete sich hoch auf, Stolz auf dem häßlichen Gesicht. »Sie hörte meine Stimme über Meere und Länder hinweg. Majadevi ist noch auf der Erde. Wo sie ist, ist Gorm.«

»Ah! ... Mehr! ... Erfuhrst du mehr? Deine wunderbare Kraft ... vermochte sie nicht mehr?«

Sarata schüttelte den Kopf. »Nein! Nur kurz die Spanne. Stamfords Riegel verschloß sie wieder ...«

Ein paar Minuten später saßen sie in Cannings Flugjacht. In dem New-Yorker Flughafen landete das Schiff. Canning entließ den Piloten. Allein mit Sarata setzte er den Flug fort. –

Der nächste Abend. Die Sonne war hinter den Schneegipfeln des Himalaja versunken. Schon seit zwei Stunden kreuzten sie in Höhen, die das Geräusch der Motoren nicht zur Erde dringen ließen, selbst für schärfste Gläser kaum sichtbar.

»Es wird Zeit, Mr. Canning, herunterzugehen. Den letzten Rest des Tageslichtes müssen wir ausnutzen, sonst könnten wir sie verfehlen.«

In kurzen Spiralen senkte sich die Jacht langsam herunter. Der Inder saß am Boden neben dem Auswurfsloch. Canning, ein scharfes Nachtglas vor den Augen, starrte auf die im Dämmer liegende Landschaft. Mit Hilfe des Glases konnte er noch alle Einzelheiten da unten erkennen.

Da stand das Wellblechhaus, in Bungalowweise errichtet. Ein paar Schuppen daneben. In einer kleinen Senke die Werft ... das Schiff! Deutlich erblickte er die Formen des Baues. Sie unterschieden sich kaum von denen in Harrods Werft. Sein Herz krampfte sich zusammen.

Verflucht, daß das alles so eng zusammengedrängt. Unmöglich, das Haus zu vernichten und die Werft zu schonen. Ah! Was hätte er darum gegeben, das Schiff von der Erde aus zu sehen, seine Einzelheiten zu studieren. Sicher, daß es da vieles gab, was seines höchsten Interesses wert.

»Es ist Zeit, Mr. Canning!« zischte ihm der Inder mit heiserer Stimme zu. »Sonst sehen sie uns, entrinnen zu guter Letzt noch. Noch sind sie alle im Hause. Wir sahen es doch genau.«

Canning zögerte immer noch. Die Werft betreten ... das Schiff sehen ... Wie hatte Gorm die Energie gemeistert? Wie hatte er die strahlenden, das Schiff treibenden Flächen angeordnet?

»Es tritt einer aus dem Hause!« schrie der Inder, »zu spät, wenn nicht ...«

Mit einem Sprung war Canning bei ihm, schob einen Sicherungsflügel zurück. Vom Kiel der Jacht löste sich ein großes, dunkles Gebilde ... mit der anderen Hand riß er am Hebel der Vertikalsteuerung. Jäh schoß das Schiff nach oben. –

Da! ... Die Riesenbombe schlug am Boden auf. Eine riesige Feuersäule, die nach allen Seiten hin ihre Flammen warf. Dunkle Brocken dazwischen. Schwere, dicke Qualmwolken, die nach allen Seiten auseinandergetrieben wurden, sich mit rasender Schnelligkeit ausdehnten, alle Sicht verbargen.

»Der Schuß saß.« Frohlockend rief es der Inder, sprang zum Fenster, starrte hinaus. Da warf ihn ein heftiger Stoß zurück. Er taumelte, stürzte. Canning, der sich vergeblich festhalten wollte, fiel über ihn weg.

Die Jacht, von einem Orkan ergriffen, kam aus dem Gleichgewicht, schwankte heftig ... Eine Bö, die sie von der Seite her packte, warf sie in rasenden Wirbeln auf die eisbedeckten Felsgipfel zu.

Im letzten Augenblick ... Canning raffte sich auf, stürzte zur Steuerung ... ein paar Griffe. Allmählich gehorchte das Schiff dem Steuer, hob sich langsam. Schon waren die vernichtungbringenden Schroffen vor ihm, da riß eine letzte verzweifelte Anstrengung seiner Helikopteren es noch eben über die Zacken des Felskammes hinweg.

»Gerettet!« Die blutleeren Lippen Cannings flüsterten das Wort. »Gerettet! ... Und die ...«

Ein Schauer überrieselte ihn. Das Bild seiner Fahrt über den Atlantik tauchte vor ihm auf. Der Name Awaloff drängte sich auf seine Lippen. Sein starker Wille hatte es vermocht, die Erinnerung auszulöschen. Seit langem jetzt zum erstenmal, erschüttert von dem eben Erlebten, war sein Geist schwach geworden, ließ die alten Bilder wieder über die Schwelle der Erinnerung treten.

Sein Blick ging zu Sarata, der, noch halb betäubt von dem Sturz, fragend um sich starrte.

»Wo sind wir? ... Was ist?«

»Wir fahren zurück nach den Staaten. Morgen abend werden wir in Arizona sein.«

»Ah!« Der Inder rieb sich die Stirn. »Und die da unten?« fragte er.

»Sind tot!« sagte Canning. Er hatte sich wieder vollständig in der Gewalt.

*

Professor Franke saß mit seinem Hilfsarbeiterstab zu einer Konferenz versammelt. Ein Stapel Blätter vor ihnen, der von Hand zu Hand ging.

»Sie sehen, meine Herren, daß Greenwich, von Kleinigkeiten abgesehen, dieselben Resultate in der Verständigung mit den Uraniden hat. Das ist ein außerordentlicher Vorteil. Das Zusammenarbeiten der beiden Warten wird uns bei den neuen Versuchen einer Verständigung von großem Nutzen sein.

Nur eines, was mir Sorge macht. Die Zeichen kamen in der letzten Zeit so spärlich, daß ich fürchte, irgend etwas da oben ist nicht in Ordnung. Es wäre doch jammerschade, wenn unsere Verständigung gerade jetzt, wo wir sie mit dem viel vollkommeneren Bildfunk betreiben wollen, ins Stocken käme.

Sie wissen ja, wie wir von hier aus zuerst den Gedanken der synchron laufenden Bildwalzen in unserer Zeichenunterhaltung vorbrachten, wie die ihn da oben überraschend schnell erfaßten. Der Gedanke war allerdings schneller gefaßt als ausgeführt. Es dauerte acht Tage, bis die Zylinder hier und dort synchron liefen.«

Er wies auf ein Bild an der Wand. Eine Landschaft im Sonnenschein. Im Hintergrunde der Riesenbau eines Raumschiffes. Daneben eine leichte Hütte.

Im Vordergrunde ein einzelner, breit ausladender Baum, in dessen Schatten einige Menschen auf Ruhebänken lagen. Das Bild erweckte den Eindruck, als ob es sich hier nicht um Ruhende, sondern um Kranke handele.

Zu Füßen des Baumes auf der Erde sitzend ein Mann, der aus verschiedenen Gefäßen anscheinend eine Medizin mischte. Zwar waren die Züge des Mannes im Schatten des Baumes nicht scharf erkennbar, doch schienen sie keine wesentlichen Unterschiede mit den Zügen irdischer Menschen aufzuweisen. Der leichtbekleidete Oberkörper ließ erkennen, daß es ein sehr kräftig entwickelter, großer Mensch sein müsse. Der Schnitt des Gesichts wurde durch das starke Haupthaar, den Bartwuchs etwas verdeckt.

»Sie tun gut, Herr Professor, dies historische Dokument in sicheren Verschluß zu nehmen. Wenn es ja auch in der ganzen Welt durch das Rundfunkbild jedem vor Augen gekommen ist, so könnte es doch einem der unzähligen Liebhaber, die das Bild zu jedem Preis von uns erwerben wollen, einfallen, es ohne Geld zu kaufen.«

Ein anderes Bild. Eine tiefe Felsschlucht bei Sonnenuntergang. An der Berglehne eine Reihe Erhöhungen. Es konnten Erdhügel ... konnten Steine sein. Die Form der Hügel etwas länglich. Verglich man den Stand der Sonne mit der Anordnung, so lag der Gedanke sehr nahe, daß es sich um Gräber handelte ... Gräber von Leuten der Expedition. Die Form der Gräber, an der einen Seite etwas höher als an der anderen ... ihre Richtung legte den Schluß nahe, daß man die Toten mit dem Gesicht nach Sonnenaufgang begraben.

Das dritte, letzte Bild! Ein offenes Zelt. In der Öffnung eine hohe Männergestalt in weißem Kittel. Hinter ihm ein Tischchen mit Instrumenten. Vor ihm, von der Sonne grell beleuchtet, ein Mann, ein Riese von Gestalt. Das mächtige Haupt umgeben von dichtem, hellem Haarwuchs. Der Körper wie in Schmerzen zusammengekrümmt. Das Gesicht leicht verzerrt. Seine Rechte deutete auf einen Korb, der mit Früchten gefüllt. Seine Linke trug eine Frucht in Form eines Apfels. Die Augen des Mannes im Zelteingang schauten finster darauf hin.

»Meine Herren! Dieses Bild kann nur mit Absicht so dargestellt sein. Ich finde hierfür, mag auch Greenwich abweichender Meinung sein, nur eine Deutung. Die Weltenfahrer haben ahnungslos von den Früchten, die sie auf der Venus fanden, gegessen. Eine dieser Früchte ... es muß die sein, die der Mann in seiner Linken hält ... ist giftig. Der Zusammenhang mit den anderen Kranken ... vielleicht gar mit den Toten, ist nicht völlig klar zu erkennen. Die Vermutung ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen; daß eine solche Verbindung besteht.

Derjenige, der uns die Bilder gab ... ich will nur hoffen, daß der nicht auch erkrankt ... wollte uns damit eine Erklärung ... eine Warnung geben.

Die paar Landschaftsbilder, die er uns übermittelte, zeigen uns eigentlich nichts Besonderes. Die Weltenfahrer leben dort auf dem angemeldeten Breitengrad in der nördlichen gemäßigten Zone der Venus. Für den Längengrad hätte ein Erdenbewohner, der dahin käme, nur die so auffällig gezackten Kämme der großen Meridianalpen dort zum Anhalt.

Was wir weiter im Bildfunk erwarten ... ich möchte sagen, selbstverständlich erwarten ... irgendein schlimmer Zufall muß den Mann am Sender gestört haben ... das ist ausgeblieben. Einen Film! Daß die Uraniden bei dem Stande ihrer Technik den Film in der Vollendung beherrschen, ist wohl selbstverständlich. Daß sie auf ihrer Fahrt Filme mitgenommen, auch unterwegs aufgenommen haben, ist doch kaum zu bezweifeln.

Es wäre der stärkste Schlag für mich, wenn weitere Zeichen so spät kämen, daß infolge der Venusdrehung wir sie nicht empfangen könnten, sondern die Helikopterenwarten der amerikanischen Ostküste die Glücklichen wären. Doch vergeblich habe ich darüber nachgesonnen, wie wir in unserer Bildersprache diesen Uraniden unseren Wunsch klarmachen könnten.«

Ein Assistent stand auf.

»Wie wäre es, wenn wir ihnen einen unserer neuesten Lehrfilme über den Stand unserer Metallurgie zeigten. Ich halte diesen Zweig unserer Technik deshalb für besonders geeignet, weil wir gerade an der Schwelle zwischen der Stahlzeit und der kommenden Zeit des Leichtmetalles stehen. In einer solchen Sendung von unserer Seite liegt nach meiner Meinung eine ausgesprochene Frage dahin: Auf welchem Stand der Metallurgie seid ihr?«

»Gut!« rief Professor Franke, »der Vorschlag läßt sich hören. Ein passender Film wird sich leicht beschaffen lassen. Warten wir indes auf weitere Zeichen.«

Doch die Zeit verrann. Schweigen da oben. Eine Stunde später brachte ein Botenschiff den verlangten Film. Der Assistent stellte die Sendestation ein, ließ den Film rollen –

Der Film war abgelaufen. Gespannt wartete alles auf die Antwort. Es dauerte eine geraume Weile. Die Fluoreszenzscheibe blieb dunkel.

Endlich! Da! Es blitzte auf dem Schirm auf. Alles war aufgesprungen, drängte herzu.

Ein bedrucktes oder beschriebenes Blatt. Eine Menge kleiner Zeichen, die wohl als Schriftzeichen anzusehen waren.

Der kinematographische Aufnahmeapparat der Warte photographierte alles, was auf der Fluoreszenzscheibe erschien. Vielleicht, daß später einmal der Schlüssel für diese Zeichen gefunden würde.

Ein paar Minuten waren vergangen. Das Blatt verschwand. Das lebende Bild begann zu rollen.

Die Zuschauer, alle Wissenschaftler von Rang, zitternd vor Erregung. Ihre Nerven aufs höchste gespannt ... ihre Augen gruben sich in die Bilder ... Träume von zukünftigen Tagen irdischer Technik ... hier mußten sie verwirklicht sein, mußten als Teile oder gar nur als Bausteine einer unendlich hohen Technik bildhaft werden.

Was zu sehen war, übertraf alle Erwartung. Kaum daß das Auge die Wunder dieser Höchstleistung denkenden Geistes zu fassen vermochte. Vieles ... unendlich vieles ... für das die Begriffe fehlten, das unverständlich blieb.

Stumm, in atemloser Spannung, verharrte alles. Blieb in stummer, staunender Bewunderung noch lange, als längst das letzte Bild des Filmes erloschen. – – – –

Ein Räuspern hier und da ... Bewegung kam in die Menschen. Einige erhoben sich. Da! ... Die Fluoreszenzscheibe leuchtete wieder auf. Aller Augen wandten sich dahin.

Was jetzt? Ein neuer Film?

Nein! Eine Kamerasendung. Die Scheibe hier unten zeigte die Vorgänge, die ein photographisches Objektiv dort oben auf die Mattscheibe warf.

In einen Liegestuhl zurückgelehnt die Gestalt eines älteren Mannes. Die klugen Augen unter der hohen Stirn, die durchgeistigten Züge verrieten den Gelehrten. Neben ihm auf einem Tischchen ein umfangreiches Buch.

Er blätterte darin langsam. Man sah Bilder, ohne Einzelheiten zu erkennen. Blätter, die anscheinend mit mathematischen Zeichen bedeckt. Die Augen des Mannes waren wie in weite Fernen gerichtet, als blicke er zu denen, die das Buch sehen sollten.

Nach einer Weile ... die Hand ließ das Buch los, sank schlaff herunter. Er schloß die Augen. Seine Züge verzogen sich schmerzhaft. Die Decke über seiner Brust hob sich unter schweren, stoßweisen Atemzügen.

Nach einer Weile schlug er die Augen wieder auf. Ihr Blick ging wie in fernste Fernen. Die Hand tastete sich nach einer Schale mit Früchten. Die Finger ergriffen einen schönen Apfel. Er hob ihn hoch, warf ihn von sich. Seine Blicke drückten Abscheu, Widerwillen aus ... Erschrecken ... Dann fiel er wieder in den lethargischen Zustand zurück.

Plötzlich war das Bild verschwunden. Noch lange verharrten die Versammelten um Professor Franke regungslos in Erwartung neuer Zeichen. Die Scheibe blieb dunkel.

Schrilles Glockensignal. Verbindung mit Greenwich! Professor Moore rief Franke an. Der ergriff den Hörer. Ein lebhaftes Zwiegespräch. Die anderen verstanden nur bruchstückweise den Inhalt der Unterhaltung, warteten neugierig auf das Ende.

Endlich legte Professor Franke den Hörer fort.

»Nun, meine Herren, diesmal gehen unsere Meinungen über das Gesehene nicht auseinander. Die Zeichen und Bilder waren ja auch so deutlich, daß ein Mißverständnis nicht aufkommen konnte. Trotzdem sind wir dahin übereingekommen, unsere Berichte vollkommen unabhängig voneinander abzufassen und bekanntzugeben.

Ich hoffe, daß auch wir uns über den Inhalt einig sind. Also an die Arbeit!«

Am nächsten Abend brachten Presse- und Radioagenturen die Berichte der Berliner und Greenwicher Helikopterensternwarten.

Die Welt stürzte sich darauf. Nach langem Harren war die Neugierde aufs höchste gestiegen. Man verschlang die Berichte. Den einen ... den anderen. Nur geringe Abweichungen in der Fassung. Der Inhalt, die Auslegung der Zeichen vollkommen übereinstimmend.

Am nächsten Tage waren alle großen Radiostationen auf die Berliner Welle eingestellt. Berlin gab die photographischen Kopien des Uranidenfilmes, der Venusbilder an die anderen Stationen, die sie wiederum photographisch aufnahmen und ihrerseits durch den lokalen Bildfunk und die Kinematographen verbreiteten.

Millionen Köpfe ... Millionen Kritiker! Die Auslegungen der Warten von Greenwich und Berlin, daß die Uraniden, durch den Genuß unbekannter Früchte vergiftet ... dem Tode verfallen seien, unterlagen der scharfen Prüfung jedes einzelnen. Die Folge natürlich ein heftiger Meinungsstreit ... das Resultat dieser Debatten schließlich in der Hauptsache doch die vollkommene Anerkennung dieser Deutung.

Doch war der Streit hierüber beendet, entflammte er sofort von neuem über die Deutung des Uranidenfilms.

Das war klar, daß hier Technik gezeigt wurde, die ganz andere als die irdischen Metalle zum Gegenstande hatte. Auch der nicht technisch Gebildete konnte aus den Filmbildern sehen, daß es sich nicht um Stahl, sondern um eine neue, auf der Erde unbekannte Leichtmetallegierung handelte. Woraus die bestand, darüber gab der Film nicht direkte Auskunft. Doch aus einigen Bildern ... aus den Einrichtungen der Laboratorien, Fabrikräume, war zu erkennen, daß das Ausgangsmaterial nicht aus Erzen, sondern direkt aus der Atmosphäre gewonnen wurde.

Die eine Meinung ging dahin, daß es sich hier um eine Atmosphäre handele, die ein auf der Erde unbekanntes Gas als Beimengung enthalten müsse. Die andere griff die von der Theorie schon längst aufgestellte Behauptung auf, daß auch die Erdatmosphäre den Grundstoff für diese neue Metallurgie enthalte. Zweifellos würde man ihn euch eines Tages finden. Die Uraniden wären eben weiter und hätten ihn schon aus ihrer Atmosphäre, die der der Erde glich, isoliert.

Darüber war man sich einig, daß der zweite wichtige Bestandteil dieser wunderbaren Legierung der Wasserstoff sei, dessen Metallcharakter ja schon seit langem erkannt war. Jedenfalls beruhte die Metallurgie der Uraniden auf der chemischen Verbindung oder Legierung zweier Gase, die bei ihrer Vereinigung eine solche Verdichtung erfuhren, daß das Ergebnis eben ein geradezu ideales Baumetall von kaum glaublichen Eigenschaften war.

Daraus entsprangen die verblüffenden technischen Leistungen, die der Film zeigte. Leistungen, die die modernste irdische Technik in ihren kühnsten Plänen nicht geträumt.

Fabrikanlagen mit größter Produktion auf kleinstem Raum errichtet. Die Maschinen fast nur Miniaturgebilde. Kaum ein Mensch, der sich um sie mühte. Hier der Mensch nicht mehr der Sklave, sondern der Herr der Maschinen.

In allen Lebenslagen waren sie dienstbar. Das neue Leichtmetall gab die Möglichkeit, den Menschen so ziemlich jede Handbetätigung zu sparen. Für alle kleinsten ... größten Arbeiten sprangen Heinzelmännchen, Zwerggebilde von Maschinen, ein.

Vieles von dem, was der Film zeigte, war für die Beschauer kaum begreiflich. Vieles blieb unverständlich. Erst die Schlußbilder brachten eine gewisse Aufklärung. Man bekam einen Begriff, wie die gänzlich veränderte Technik auch die Lebenshaltung der Menschen geändert ... verbessert hatte. Man sah, wie die Erzeugnisse der Fabrik, wie die in der Fabrik Beschäftigten die Räume verließen. Man sah den Transport der Produkte nach anderen Stätten, die Beschäftigten bei der Heimkehr.

Flugzeuge von geringer Größe transportierten Riesenlasten nach allen Seiten. Die Straßen ohne jedes Verkehrsmittel. Es sei denn, daß man die in bewegliche Bahnen zerlegte Straßenfläche als Verkehrsmittel ansprechen wollte. Flugschiffe von den größten bis zu den kleinsten Typen beförderten die Menschenmassen, die die Stadt aufsuchten, sie verließen. Überwunden war hier schon die Zeit der Massentransportmittel. Frei wie der Vogel bewegte sich der einzelne durch die Luft seinem Ziele zu. Kaum zu erkennen waren auf den Filmbildern die Triebmittel, die das ermöglichten.

Die Geschäfte konzentriert auf wenige große Blocks ... umgeben von einem Kranz von Bürohäusern ... Vergnügungsstätten. Keine Riesenstadt mehr wie früher. Nur dieses eine, verhältnismäßig kleine Zentrum. Dann ein Weichbild weit ausgedehnter Gartenstädte. Die Entwicklung war hier bereits weit über das hinausgediehen, was man auf der Erde erst anstrebte.

Alles das nur ein durch den Zufall gegebener Umriß der Lebensführung der Uraniden. Einen tieferen Einblick in ihre Kultur, ihre Lebensgewohnheiten ... ihre soziale Schichtung gaben die Filmbilder nicht.

Würde man nicht später weitere Bilder, die darüber Aufschluß gaben, erwarten können? Mit Ungeduld harrte man auf neue Mitteilungen aus Greenwich und Berlin.

Alles hing davon ab, ob die Ansicht derer richtig war, die die letzte photographische Sendung von der Venus dahin deuteten, daß die Uraniden bis auf den einen tot ... dieser letzte schwer erkrankt. Starb er ... dann hoffte man vergeblich. Doch hier regte sich schon eine neue Hoffnung. Wie lange konnte es dauern, dann traten die ersten, von Elektronen getriebenen Raumschiffe der Erde ihren kühnen Flug an. Schon sprang die Phantasie weiter. Die Fahrten der beiden Rivalen gewannen jetzt ein ganz besonderes Interesse.

Wer würde der erste sein, der auf die Venus käme? – Wer würde das Erbe der Uraniden heben?

*

Die hermetische Absperrung auf Buena Vista war von Tag zu Tag undurchdringlicher geworden. Nicht allein die Gegenspionage befürchtete man. Der Wettbewerb der beiden Werften hatte so scharfe Formen angenommen ... die Öffentlichkeit so erregt, daß man sich gegen Attentatsversuche sichern zu müssen glaubte. Konnte man solche auch nicht von den Konkurrenten selbst erwarten, so gab es doch in den Staaten chauvinistische Wirrköpfe genug, denen so etwas zuzutrauen war.

Der Geist des alten van der Meulen arbeitete unablässig daran, neueste, raffinierteste Sicherungsmaßregeln zu erdenken. Sein alter Haß gegen Harrod, den Urheber dieses ganzen unsinnigen Wettbauens, stieg von Tag zu Tag. Schon längst war keine Rede mehr davon, Probefahrten zu veranstalten. Bedeuteten sie doch nur Zeitverlust. Sobald der letzte Hammerschlag getan, sollte die große Fahrt angetreten werden.

Der letzte Hammerschlag! Nach Tagen nur zählte man die Zeit bis dahin. Die Stunde wußten nur van der Meulen ... Ronald Lee ... Hortense. Selbst der Regierung in Buenos Aires hatte man sie verschwiegen. Die hatte, um nicht gegen die Regierung in Washington zurückzustehen, das Unternehmen für ein nationales erklärt. Hatte sich mit ihrer ganzen Macht dahinter gestellt, sogar besondere Verfügungen getroffen, die den Bau in Buena Vista fördern, sichern sollten. Der Kampf der Presse in den beiden Ländern nahm Formen an, die schon mehrmals diplomatisches Einschreiten nötig gemacht hatten. Ein Fremder hätte den Eindruck bekommen können, lateinisch und englisch Amerika wäre im Kriegszustand. – –

»So wäre denn alles in Ordnung, Mr. Canning. Hier überreiche ich Ihnen den Bürgerbrief. Eben brachte ihn ein Kurier hierher. Sie sind jetzt Bürger der Vereinigten Staaten. Der nationale Charakter unseres Unternehmens ist jetzt außer allem Zweifel.«

Canning stand sekundenlang stumm. Langsam streckte er die Hand aus, nahm das Dokument. Harrod merkte nicht, daß der mit seinen Gedanken ganz wo anders weilte, eilte ins Nebenzimmer, wo der Redakteur des »Bloomfield Advertiser« seiner wartete. Sprach mit dem lange.

Canning hatte den Brief zu sich gesteckt, trat ans Fenster. In kurzer Zeit würde die Nachricht in der Presse verbreitet werden, würde auch nach Buena Vista gelangen ...

Die Nachricht, daß er der geistige Urheber ... daß der Bau hier in Arizona sein Werk, er der Erfinder, dessen Geist aus eigener Kraft die Formeln, Konstruktionen gefunden, die dem anderen in der Hauptsache ein glücklicher Zufall in den Schoß geworfen.

Hortense ...! Sie vor allem ...! Wie würden ihre Gedanken sein? Würde ihr Gefühl für ihn nicht stärkste Abneigung ... Haß werden? Er zweifelte kaum daran. War er es doch, der diesen schweren Schlag gegen ihr Werk führte. Und wie nun gar, wenn sie weiter erfuhr, daß ihr Bau durch seinen überflügelt ...?

Es konnte nicht anders sein ... sie würde ihn hassen müssen, bis ... mit allen seinen Hoffnungen klammerte er sich daran ... bis andere Gedanken ... andere Gefühle sich durchrängen ... Gefühle der Achtung, der Bewunderung für das Große, was er geleistet. Ihr edler, hochherziger Sinn würde sich dem nicht verschließen können ... den Schmerz der Niederlage überwinden. Ihr Gerechtigkeitsgefühl würde ihm Anerkennung, Achtung nicht versagen können. Sie würde ihn bewundern müssen ... und träte er dann eines Tages wieder vor sie hin ... er stockte ... in seinen Gedanken stand sie vor ihm. Er las in ihren Augen ... sah die sich senken ... er in dem Genuß des Sieges schloß sie in seine Arme.

Ein Schauer ging über ihn hinweg. Das Bild ganz anders! Sie wandte sich ab. Haß, Verachtung in ihren Mienen. Er preßte die Hand auf die Augen, als wolle er das Bild verscheuchen ... als könne das nicht sein. Er würde ihr alle Früchte seines Sieges zu Füßen legen. Sie ... nach diesen stärksten Beweisen seiner Liebe ... sie würde, sie mußte die Seine werden.

Harrod trat ein, kam auf ihn zugeschritten, klopfte ihm auf die Schulter. Die nächste Ausgabe des Advertisers wird wie ganz nebensächlich im lokalen Teil die kurze Nachricht bringen, daß Mr. Robert Canning, nach dessen Plänen das Raumschiff »Arizona« gebaut wird, amerikanischer Bürger ist. –

Die Nachrichten über Canning, die in Nordamerika volle Befriedigung auslösten, erregten in Südamerika peinliches Aufsehen. Der Name Cannings war durch seine Unternehmungen im Gran Chaco weithin bekannt. Man wunderte sich, verstand seinen Schritt nicht.

Buena Vista! Man saß gerade bei der Mittagstafel, als der Radioapparat die kurze Meldung brachte. Wäre ein Blitz zwischen ihnen eingeschlagen, die Wirkung hätte kaum größer sein können. Van der Meulen sprang auf.

»Undenkbar! Unmöglich! Canning ... er ...« Das Blut war ihm zu Kopf gedrungen. Hochrot im Gesicht, schwer atmend riß er den Kragen auf, als wäre er am Ersticken.

Hortense war in ihren Stuhl zurückgesunken, das Gesicht tief erblaßt, die Augen geschlossen. Nur die zitternden Lippen verrieten, daß Leben in ihr. Violet war mit einem Schrei aufgesprungen, zu Hortense geeilt, schlug die Arme um sie. Die Sorge um die Freundin ließ kein anderes Gefühl in ihr laut werden.

Ronald Lee der einzige, der äußerlich ruhig geblieben. Sein Gesicht unverändert. Nur ein leichtes Zucken, Funkeln der Augen.

»Das also die Erklärung!« schrie van der Meulen. Die Worte, abgehackt ... stoßweise kamen sie von seinen Lippen. »Ich wußte ja schon lange, daß er mit Harrod in enger Verbindung steht. Doch daß das der Grund ... daß der so weit gehen konnte, sich mit meinem Feind zu verbünden ... in heimlichem, verstecktem Kampfe unser Werk anzugreifen ...

Unmöglich! Undenkbar für mich ein solcher Gedanke. –

Doch weiter! ... Er ... Robert Canning hat auch das Problem gelöst ... aus eigener Kraft gelöst. Und jetzt! ... Gerade jetzt! ... Wie lange muß er schon daran gearbeitet haben. Und doch sprach er nie ein Wort davon zu uns ...

Gewiß! Ich weiß, er beschäftigte sich in seinem Hause mit physikalischen Dingen. Sein Wissen ist groß ... daß er alles geheimhielt ... ich verstehe es ... und doch auch mir ... selbst Hortense gegenüber diese Heimlichkeit ...«

Bei der Nennung ihres Namens schlug Hortense die Augen auf, richtete sich hoch. Ihr Blick wie erloschen.

Violet flüsterte leise in ihr Ohr, griff sie unter den Arm. Hortense erhob sich. Von Violet geführt, schritt sie langsam zur Tür.

»Weshalb dieses Mißtrauen? ... Diese Heimlichkeit?« wiederholte van der Meulen. »... oder kam ihm der Erfolg so überraschend? ... Erst später ...?«

»Ja, Mr. van der Meulen!« rief Lee mit starker Stimme. »Er kam ihm, nachdem er mir's gestohlen!«

Der Ruf, der sich jedem auf die Lippen drängen wollte, stockte ... bei Lees Worten war Hortense, die eben aus der Tür schritt, mit einem Schrei zusammengebrochen ...

*

Drei Tage später. In allen Zeitungen der Welt unter fettgedruckten Überschriften:

Der »Bloomfield Advertiser« meldet, die »Arizona«, das Raumschiff William Harrods, wird am Sonnabend, mittags um 12 Uhr, seine Fahrt nach der Venus antreten.

Die Meldung das Signal für eine Völkerwanderung Abertausender von Neugierigen nach Bloomfield. Es war, als ob die Staaten mobilisiert wären. Die Transportgesellschaften konnten trotz umfangreichster Vorbereitungen dem Ansturm der Massen kaum genügen.

Tag für Tag landeten in Arizona Tausende von Flugschiffen, die, kaum ihrer Last ledig, sofort zurückfuhren, um neue Gäste zu holen. Man rechnete aus, daß, wenn es die drei Tage in der bisherigen Art weiterging, eine Million von Menschen hier in Arizona zusammenkommen würden.

Das Ausland schaute mit einem gewissen Mitleid nach Buena Vista, das doch zuerst den Bau begonnen hatte und durch die Schnelligkeit der Nordamerikaner geschlagen war. Die öffentliche Meinung in den Staaten griff die Nachricht mit unverhohlener Genugtuung, mit Stolz auf. Man hielt es für selbstverständlich, daß das Sternenbanner Sieger in dem Wettstreit blieb.

Die südamerikanischen Zeitungen hatten einen schweren Stand. Sie mußten Spott und Hohn ihrer nordamerikanischen Kollegen über sich ergehen lassen, gleichzeitig sich der unwilligen tadelnden Zuschriften aus ihrem Leserkreise erwehren. Man wußte zwar nicht, wann das Schiff van der Meulens starten würde, doch stand fest, es würde später fliegen. – – –

Über der Werft von Buena Vista hingen trübe Wolken. Man sah die Unmöglichkeit, früher zu starten, sah, daß auch die stärkste Anstrengung daran nichts mehr ändern konnte. Das Gefühl der Niederlage schien die Kräfte zu lähmen. Der einzige, der mit ungebrochener Kraft weiterkämpfte, Lee, zwang auch alle anderen mit eiserner Energie zu unverminderter Arbeit.

Vergeblich drang van der Meulen in ihn.

»Wozu? Wir sind geschlagen! Wozu die nutzlosen Anstrengungen?«

Lee biß die Zähne aufeinander, um die Worte, die auf seine Lippen drängten, zurückzuhalten. Sprach dann in gezwungen gleichgültigem Ton:

»Sieger ist, wer zuerst die Venus erreicht. Noch habe ich den Gedanken an den Sieg nicht aufgegeben.«

»Ronald!« In der grenzenlosen Überraschung entfuhr van der Meulen das vertraute Wort. »Sie sind krank! Die ungeheuren Anstrengungen, die Nachricht von Bloomfield haben Sie krank gemacht! Sie ebenso wie Hortense!«

»Hortense?! Hortense krank? ...« Die Stimme Lees zitterte ein wenig. Seit dem Eintreffen der Hiobspost hatte er Hortense nicht wiedergesehen. Doch unaufhörlich weilten seine Gedanken bei ihr.

Hatte sie sich mutlos, enttäuscht von ihm abgewandt? Hatte Cannings Name ... seine Tat trotz allem doch wieder eine Saite in ihr zum Klingen gebracht?

»Ich fürchte, daß sie ernstlich erkrankt. Zu schwer hat sie der Schlag getroffen. Auch Sie, lieber Freund ... ruhen Sie! Wir haben unser Bestes getan!

Daß die uns schlugen ...« Er zuckte die Achseln. »Ich habe mich über Nacht damit abgefunden. Und doch für mich doppelt hart der Schlag, weil er von Harrod kommt.

Meine einzige Sorge ist jetzt Hortense.«

Lee hatte sich umgewandt, schritt ein paarmal in dem Zimmer auf und ab. Man sah, es rang in ihm irgendein Entschluß, der ihm schwer fiel ... er kämpfte mit den Bedenken ... endlich blieb er stehen.

»Mr. van der Meulen! Kann ich wohl Miß Hortense sprechen?«

Van der Meulen machte ein zweifelndes Gesicht.

»Ich weiß nicht,« wandte er zögernd ein, »ob es gut für Hortense sein wird, wenn Sie ...«

»Auch dann nicht, wenn ich ihr ...« hier sank Lees Stimme zum Flüsterton herab, »eine gute Nachricht sagen kann?«

Van der Meulen sah ihm scharf in die Augen.

»Sie brächten eine ... gute ... Nachricht? In dieser Situation eine gute Nachricht? ...«

Ein sonderbares Funkeln in Lees Augen ließ ihn aufmerken.

»Sie täuschen sich nicht, Mr. Lee?«

»Nein, Mr. van der Meulen! Ich täusche mich nicht.«

»Einen Augenblick! Ich will Hortense vorbereiten ...«

Dann gingen sie zusammen in Hortenses Zimmer. Die lag auf einem Divan, in Decken gehüllt. Mit apathischem Blick streifte sie die Eintretenden. Nur ein leichter Schimmer von Röte, der über ihr tiefblasses Gesicht zuckte, als sie Lee erkannte.

»Violet! Du wirst so gut sein herauszugehen und achtgeben, daß niemand in das Zimmer tritt, bis ich wieder herauskomme«, sagte Ronald Lee.

Violet, kopfschüttelnd ... schwer bedrückt von dem Erlebten, ging hinaus.

Da drinnen kein Laut. Was war das? Weshalb sprachen sie nicht? Unbewußt näherte Violet ihr Ohr der Tür. Sie lauschte mit geschärften Sinnen ... Ronald sprach ... kaum, daß sie den Klang seiner Stimme erkannte ... Die Worte, in leisestem Flüsterton gesprochen, entgingen ihrem Ohr.

Da plötzlich ein Schrei aus Hortenses Mund. Violet vergaß alles. Mit bebender Hand öffnete sie die Tür, schaute hinein.

Da! Was war das?

Hortense, die eine Hand um Ronalds Schulter geschlungen, die andere in der seinen ... sie lachte ... weinte ... jubelte.

Violet stand sprachlos. Ein Blick van der Meulens traf sie. Sie wußte nicht, was sie tun sollte. Zu Hortense eilen? ... Nein, sie sollte doch draußen bleiben.

Schnell schloß sie die Tür. Tausend wirre Gedanken stürmten auf sie ein ... War das wahr, was ihre Augen da gesehen? Ein Zittern überfiel sie. Tränen entstürzten ihren Augen. Ihr Mund flüsterte immer wieder die Worte ... Ronald ... Hortense.

Irgend etwas Gutes ... Gutes nur konnte es gewesen sein. Was war es? ... Einerlei! Etwas Gutes ... Schönes. Sie schrak zusammen, als plötzlich van der Meulen neben ihr stand, den Arm um sie legte, ihr mit der Hand über das tränennasse Gesicht strich.

»Seien Sie ruhig. Miß Violet! Es wird, so Gott will, alles noch gut werden.« – – –

Und als ob der Tag für Violet mit seinen Gaben noch nicht zu Ende ...

Das Postschiff warf über Buena Vista einen der beiden Briefe mit indischer Marke ab, die es an Bord hatte. Der Brief mußte wohl auch nur Gutes und Schönes enthalten ... Kaum, daß Violet ihn gelesen, eilte sie zu Hortense. Der zufällig eintretende van der Meulen sah zwei junge Menschenkinder, die sich weinend und lachend vor Glück herzten. – – –

Die große Hornbrille auf den Augen, las der alte Stamford immer wieder den anderen Brief aus Indien ... den Brief Sidneys. Sein grauer Kopf bewegte sich zweifelnd hin und her ... Die Sache verträgt keinen großen Aufschub, muß aber doch überlegt werden ...

Dieser Globetrotter Sidney ... heute hier, morgen da ... weiß nicht, was das bedeutet. Die drei besten meiner Jungens ...?

Carlo ... zurzeit in Buenos Aires ... Ricardo ist hier ... Juan ist eben in Valparaiso gelandet ... die kämen dafür vielleicht in Betracht. Die drei älteren? ... Nein! ... Louis heiratet bald ... Francesco und Paolo sind so gut wie verlobt ... also nur die drei Jüngsten würde ich entbehren können ...

Daß sie wollen?! ... Ich brauche sie nicht zu fragen ... Auf diesen Köder beißen sie sofort ... Wilde Burschen, diese Jungens!

Aber wozu lange überlegen? Erst muß ich wissen, ob van der Meulen damit einverstanden. Die haben doch sicher ihre Dispositionen schon getroffen ... Nun, das ist bald geschehen.

Er klingelte. »Mein Pferd! Ich reite nach Buena Vista.«

... Möchte nur wissen, warum Sidney mir das so ans Herz legt? ... Warum der so großen Wert darauf legt? ...

Als er zwei Stunden später von van der Meulen zurück war, gingen zwei Depeschen an Carlo in Buenos Aires und Juan in Valparaiso ab.

Ricardo ... das Riesenkind, wie er in der Familie genannt wurde ... er maß reichlich sechs Fuß, tanzte in seiner Stube einen wilden Indianertanz, daß das solide Haus in seinen Grundfesten erzitterte.

»Wir fliegen zur Venus! Hurra!« Immer wieder brach es jubelnd aus seinem Munde.

*

Der Morgen des Sonnabend war angebrochen. Strahlender Sonnenschein lag über Arizona. Bloomfield, in einem großen Talkessel eingebettet ... die Berghänge schwarz von Menschen. Wie ein riesiges römisches Amphitheater das Ganze.

Die Ordnungspolizei hatte wenig zu tun. Die Sehgelegenheit war so günstig, daß alle die Hunderttausende, die hier zusammengeströmt waren, auf ihre Kosten kamen.

Die Werft lag von allen Seiten sichtbar in der Mitte des Talkessels. Mit scharfen Gläsern konnte man die einzelnen Personen, die sich da bewegten, gut unterscheiden. Immer wieder erklang es: Da ist Harrod! ... Da ist Canning! ... Und fast regelmäßig ertönten drei Cheers, wenn die Namen erklangen. – – –

Die Stunden ... endlos für die harrende Menge. Auf der Werft nichts Interessantes. Das Schiff ein schimmernder Aluminiumbau in den Formen einer Riesengranate. Es unterschied sich von dem Raketenschiff, das auf Coiba gestartet, äußerlich nur durch seine Größe.

Endlich! Die Uhren in der Runde schlugen halb zwölf. Aus dem Verwaltungsgebäude trat eine kleine Schar. Es waren die acht Personen, die außer Canning den Flug mitmachten. Canning selbst war der Führer. Den Inder Sarata nahm er zu seiner persönlichen Bedienung mit. Cannings Stellvertreter, der Chefingenieur Bruce. Der bekannte Naturforscher James Harding vom Smithonian-Institute in Massachussets, begleitete die Expedition als Arzt. Oberst Robartson, ein bekannter Jäger und Geologe, der vierte. Die anderen waren geschickte, auserwählte Leute der Werft, die den Bau der »Arizona« genau kannten und für die Bedienung der Apparate ausersehen waren.

Im Nu waren sie von einem Schwärm von Männern und Frauen umdrängt. Verwandte ... Freunde, die zum letzten Male Abschied nehmen wollten. Ein paar Angestellte brachten das Gepäck der Passagiere in das Schiff.

Jetzt trat der Gouverneur des Staates Arizona, gefolgt von Harrod und Canning, zu dem Raumschiff ... sprach ...

Millionen Augen auf ihn gerichtet. Man verstand zwar seine Worte nicht, wußte aber, daß jetzt der Taufakt des Schiffes vollzogen würde. – – –

Der Gouverneur hatte seine Rede beendet, da fiel das Tuch, das die goldenen Buchstaben am Bug verhüllte, zur Erde. Weithin leuchtete im Sonnenschein der Name »Arizona«.

Der Jubel der Massen dröhnte wie ein Orkan durch das Tal. » Three Cheers for the ›Arizona‹!« rollte es die Hänge entlang.

Doch schnell wieder Stille. Der Gouverneur trat auf Canning zu, gab ihm einen länglichen Gegenstand in die Hand. Der schwang ihn um den Kopf. Eine Flagge entrollte sich.

» Three Cheers for the star spangled Banner!« Nun tauchten überall in der riesigen Zuschauermenge kleine ... große Sternenbanner auf. Hüte wurden geschwenkt.

Wußte doch jeder, was diese Szene zu bedeuten hatte. Die Presse hatte am Tage vorher in tönenden Worten darauf hingewiesen. Diese Flagge ... von Cannings Hand auf der Venus aufgepflanzt ... das Symbol, daß das neue Land nordamerikanischer Boden sei.

Den Sieg vor Augen, hatte man schon die Beute verteilt. Man erinnerte an jene ersten europäischen Conquistadoren, die vor einem halben Jahrtausend die Welt eroberten, indem sie überall, wohin sie kamen, die Flagge ihres Landes aufpflanzten. Man wies mehr oder weniger versteckt darauf hin, daß es mit den modernen Raumschiffen möglich sei, alle Gebiete der neuen Welt ... der Venuswelt ... in kürzester Zeit zu durchstreifen, daß man also sofort Gelegenheit hätte, durch Abwerfen von Flaggen seine Hoheitsrechte zu dokumentieren. Wie es auch kommen mochte, auf jeden Fall mußte der größte Teil, wenn nicht die ganze Venusoberfläche, nordamerikanisch werden.

Der Zeiger der Uhr stand nur wenige Minuten vor Zwölf. Ein Trupp Polizeibeamter machte den Platz um das Schiff frei. Noch ein letztes Abschiedswinken der Passagiere. Dann verschwanden sie in dem Bauch der »Arizona«, als letzter Canning.

Mit einem Händedruck nahm er von Harrod Abschied. Kaum war er verschwunden, heulte eine Sirene auf. Die eiserne Plattform, auf der das Schiff stand, begann sich unter dem Elektronenhagel rot zu färben, glühte auf. Da ... leise ... ganz langsam, wie von unsichtbaren Händen gehoben, stieg die »Arizona« in die Luft.

Als würden die Kräfte, die an ihr zerrten, immer stärker ... immer schneller ihr Flug! ... Noch konnte das Auge alle Einzelheiten des Baues erkennen. Doch immer höher ... höher stieg sie ... Die Geschwindigkeit von Meter zu Meter immer stärker werdend, trieb sie zu immer schnellerem Flug ... zu immer höheren Höhen.

Nur ein schimmernder, heller Streif jetzt ... jetzt nur noch ein kleiner, gleißender Punkt ... jetzt noch eben mit scharfem Glase sichtbar ... jetzt verschwunden. – – –

Da löste sich der Bann, der minutenlang die Massen gefesselt. Das ganze Tal ein brodelnder Kessel. Schreien ... Jubeln ... Winken ... man umarmte sich. Jeder schätzte sich glücklich, diesen historischen Moment mit erlebt zu haben ... War er nicht ebenso groß? ... größer als jener, da Christoph Columbus an Bord der Santa Maria den Hafen Palos verließ, um eine neue Welt für Spanien zu erobern?

Die unzähligen Radioempfänger sorgten dafür, daß diese glorreiche Stunde gleichzeitig in den entlegensten Winkeln der Erde miterlebt wurde.

* * *

 

Zweimal vierundzwanzig Stunden! ... Vielen der Millionen, die mit aufs höchste gesteigerter Spannung warteten, eine unerträglich lange Zeit.

Zweimal vierundzwanzig Stunden sollte die Fahrt der »Arizona« dauern.

Unter Zugrundelegung einer absoluten Normalbeschleunigung von elf Metern in der Sekunde hatte man diese Fahrzeit errechnet. Dabei war Voraussetzung, daß über die halbe Weglänge unaufhörlich diese Beschleunigung wirken sollte, so daß die »Arizona« die Wegscheide mit einer Sekundengeschwindigkeit von etwa 600 Kilometern erreichen mußte. Von hier aus würde dann die Verzögerung in der gleichen Stärke einsetzen, wie bisher die Beschleunigung. Immer langsamer würde die Jagd durch den Weltraum werden, bis das Schiff stoßfrei auf seinem Ziel aufsetzte.

Die »Arizona« war mit stärksten Kurzwellensendern ausgerüstet, deren gerichtete Strahlung die Heavyside-Schicht der irdischen Atmosphäre, jene in etwa 100 Kilometer Höhe liegende leitende Luftschicht, die für alle langen Wellen ein unüberwindliches Hindernis bildet, sicher durchdringen konnte ...

Nach glücklicher Landung würde man sofort Nachrichten zur Erde geben, die von den Helikopterenwarten in Newport und Bahia aufgefangen werden sollten.

Seit jenen letzten Zeichen der Uraniden war die Erde so weit abgedreht, daß die europäischen Helikopterenwarten Nachrichten von jener Stelle der Venus, die für die Landung in Betracht kam, nicht mehr empfangen konnten, da ja eine Verbindung nur mit gerichteten Wellen möglich war.

Jetzt kamen nur die Warten an der Ostküste der amerikanischen Kontinente in Betracht. An den Okularen ihrer Refraktoren, die ständig auf die Venus eingestellt, die Beamten der Warten von Newport und Bahia. Die Apparate der Kurzwellenempfänger auf die verabredeten 8- bzw. 10-Zentimeterwellen eingestellt.

6 Uhr abends! ... Sechs Stunden verstrichen, seit die »Arizona« gestartet. –

Die Gedanken der Millionen begleiteten sie auf ihrem Flug. –

Wer gedachte noch derer in Buena Vista?! – – –

Auf van der Meulens Werft das unveränderte Bild regen Schaffens. – Es war kurz vor der sechsten Abendstunde. Unter Leitung van der Meulens trugen ein paar Arbeiter einige Kisten aus dem Hause in den »Jonas Lee«.

Gegen Mittag waren Gäste aus Buenos Aires gekommen. Zwei unbekannte Herren. Etwas später Frederego Stamford mit seinen drei jüngsten Söhnen Ricardo, Carlo und Juan.

Die letzten Kisten waren verstaut. Aus dem Hause trat van der Meulen mit seinen Gästen. Auf der Werft angelangt, nahm der eine der Herren, die aus Buenos Aires gekommen, aus einer Tasche ein Dokument, überreichte es Ronald Lee. Der andere entfernte von einem länglichen Gegenstand eine Hülle. Die Flagge der Vereinigten Staaten von Südamerika wurde sichtbar ... rollte sich aus. Lee ergriff sie, gab sie an Ricardo Stamford weiter.

Die Arbeiter und Angestellten der Werft gerieten in Erstaunen ... Was sollte das bedeuten? Ohne Zweifel wurde hier ein feierlicher Akt vollzogen. Aber zu welchem Zweck? Warum gerade zu dieser späten Stunde? ...

Da trat der eine der Gäste ein paar Schritt zurück und begann zu sprechen. Man sah sich gegenseitig verwundert an. Was sprach der da? ... »Jetzt, wo der ›Jonas Lee‹ startbereit ...« Wie kam der dazu? ... Tage, viele Tage würden vergehen, ehe das Raumschiff fertig.

Je länger der sprach, desto größer die Verwunderung, desto größer das grenzenlose Staunen auf den Gesichtern. Man schaute auf Ronald Lee, auf van der Meulen. Die blickten ernst mit undurchdringlichen Mienen zu dem Redner hin. – – –

Da, was sprach der jetzt?

»Auf ein gutes Gelingen der Fahrt, auf einen glücklichen Sieg ...!« Die Augen der Leute flogen zwischen dem Redner und Ronald Lee hin und her ... Der Start ... jetzt ... sofort ... und Lee schwieg dazu? ... Mechanisch, wie im Traum, stimmten sie in das Hoch auf das südamerikanische Vaterland ein, mit dem der Sprecher seine Rede schloß.

Erst die lauten Kommandorufe van der Meulens brachten die Leute in die Wirklichkeit zurück.

»Hallo! ... Fix, Jungens! Jeder an seinen Platz! In zehn Minuten startet der ›Jonas Lee‹!«

Im Nu der weite Hof ein wirres Durcheinander, ein Sausen und Brausen wie in einem aufgeregten Bienenstand ... Rufe der Überraschung, der Freude. Kaum einer, der es fassen konnte. Die Blicke gingen immer wieder zu van der Meulen, der, die Uhr in der Hand, dastand. War es wirklich Ernst ...?

»Noch fünf Minuten«, schrie der jetzt. »An Bord! – –

Gut, daß das Abschiednehmen schon im Hause erfolgt ist«, brummte er vor sich hin. »Ah! Violet ... Natürlich ... sie hat noch nicht genug, hängt dem Bruder wieder am Halse.« Er trat zu ihr, löste ihre Arme. »Genug jetzt, Miß Violet.«

Selbstvergessen reichte er noch einmal Ronald die Hand. Als er in dessen Augen sah, übermannte ihn das Gefühl. Er legte beide Hände auf seine Schultern. »Glückauf! – Auf frohes Wiedersehen, Ronald!«

»Auf frohes Wiedersehen, Ronald!« Hortenses Stimme klang neben ihnen.

Wie um seine innere Ergriffenheit zu verbergen, schob van der Meulen Lee mit einer raschen, starken Bewegung von sich, daß der fast taumelte ... seine ausgestreckten Hände ... von Hortense ergriffen ... sie zog deren Hände an sich, preßten sie an seine Brust.

»Auf frohes Wiedersehen, Hortense!« Dann riß er sich los ... schritt rasch zum Schiff, trat als erster hinein. Ihm nach die anderen – die beiden Ingenieure Hierra und Cruzado, der eine der beiden Gäste aus Buenos Aires, Señor Enrique Royas, Professor der Geologie an der Universität Valparaiso, dann Ricardo, Juan und Carlo Stamford, jeder der Brüder mit einem Arsenal von Waffen umhängt – als letzter Felipe Teja, der Sohn des alten José. Er war zur Bedienung der anderen bestimmt.

Kaum waren sie eingetreten, schlossen sich die Türen.

Unter dem Schiff ein leichtes Glimmen des Stapels ... ein sekundenlanges Schwanken des Riesenbaues ... dann hob sich der ›Jonas Lee‹ wie von Flügeln getragen in die Luft. Langsam ... dann immer schneller werdend ... zuletzt nur wie eine riesige Sternschnuppe, die glänzende Aluminiumhaut in den Strahlen der untergehenden Sonne wie im Feuer glühend.

Zur selben Zeit meldeten die Radiosendestationen aus Buenos Aires: »Der ›Monitore del Vermejo‹ berichtet, daß das Raumschiff ›Jonas Lee‹ soeben, das heißt sechs Stunden nach der Abfahrt der ›Arizona‹, glücklich gestartet ist.«

Im ersten Augenblick horchte die Welt auf. Nach den bisherigen Nachrichten war der Start erheblich später zu erwarten gewesen. Dann wandte sich das Interesse wieder ganz dem Flug der »Arizona« zu. Würde sie doch bedeutend früher ihr Ziel erreichen ... die Venus ... und den kostbaren Schatz, den sie barg, das Erbe der Uraniden.

*

Ronald Lee trat vom Fenster des Schiffes zurück. Buena Vista war aus dem Sehkreis verschwunden.

Ein Schaben und Prasseln an den Außenwänden des »Jonas Lee« verriet, daß das Schiff die letzte, aus gefrorenem Stickstoff und Wasserstoff bestehende Schicht der irdischen Atmosphäre durchstieß. Vor ihnen der leere Weltraum.

»Lassen Sie die Steuerborddüsen stärker arbeiten, Hierra.«

Der gehorchte erstaunt dem Befehl. »Wir verlängern uns den Weg«, schwebte es ihm auf den Lippen. Und als hätte Lee in seinen Zügen gelesen, nickte er ihm lachend zu.

»Gewiß, Sie haben recht, Hierra. Und doch! ... Mögen Sie mich eitel nennen, ich bin nun einmal auch nur ein sterblicher Mensch. Den Triumph kann und will ich mir nicht entgehen lassen, den Gegner im Höchstgefühl seines Sieges demütigen, indem ich ihn in ehrlichem Kampf schlage, ihm die Siegespalme aus der Hand reiße.«

In den Augen Hierras blitzte es auf. »Ah! ... Sie wollen?! ...«

Ricardo Stamford, der aufmerksam zugehört, trat neben sie. »Ein Wettrennen ... ein Wettfliegen? ... Verstehe ich recht? ... Auge in Auge mit ihm? ... Glänzender Gedanke! Ah! Ihre Gesichter! ... Wir werden ganz ranfahren, werden sie sehen ... Bravo, großartig! ...«

Im Nu wußte die ganze Besatzung, um was es ging.

Die Flugbahnen der beiden Raumschiffe ließen sich genau errechnen. Sechs Stunden nach der »Arizona« war der »Jonas Lee« von der Erde gestartet. Um 650 000 Kilometer war der Erdball in diesen Stunden auf seiner Wanderung um die Sonne weitergekommen. Die Führer der beiden Schiffe hatten ihre Bahnen unter Berücksichtigung der Bewegungen beider Gestirne so berechnet und angesetzt, daß sie auf kürzestem Wege zu ihrem Ziele kommen mußten.

Um zu erreichen, was er wollte ... den Gegner im unendlichen Äther finden ... mußte Ronald Lee seine Bahn nach Backbord hin verlassen. Eine Abweichung von zwei Bogenminuten nach Nordwest war bei der bekanntgewordenen Geschwindigkeit der »Arizona« für den »Jonas Lee« notwendig, um den Kollisionspunkt beider Schiffe anzusteuern.

Die Messungen der Gestirnshöhen mußten sehr genau erfolgen, um die schwierige Aufgabe zu lösen ... das Stäubchen zu finden, das die »Arizona« im Weltraum bildete. Ein zeitraubendes Suchen war ausgeschlossen. Die längst vorbereiteten Rechnungen und Messungen in der Hand, begab sich Lee mit Hierra zum Steuer.

Die Elektronenstrahler des »Jonas Lee« arbeiteten mit voller Kraft und gaben dem Schiff eine Sekundenbeschleunigung von zwanzig Metern. Rechnungsmäßig mußte es danach den Weg von der Erde zur Venus in 36 Stunden zurücklegen.

»Unser Plan wird uns gleichzeitig eine gute Gelegenheit bieten, die Manövrierfähigkeit des Schiffes auszuprobieren«, wandte sich Lee an Hierra. »Wir müssen die Beschleunigung aufheben, allmählich sogar zur Verzögerung übergehen und dabei das Schiff wenden.«

Hierra nickte. »Es wird ein interessanter Versuch.«

»Ah, was sprachen Sie da eben?« Ricardo war's, der mit seinen Brüdern in die Schiffszentrale trat.

Lee ließ seine Augen über die Riesengestalt Ricardos gehen, lachte. »Die zwei Zentner, die Sie augenblicklich über Ihr Erdengewicht hinaus noch mit sich schleppen müssen, mein lieber Don Ricardo, werden Sie bei dieser Gelegenheit vorübergehend loswerden.«

»Das wäre!« sagte der und ließ sich schwerfällig auf ein niedriges Tischchen nieder, sprang aber schnell wieder auf, als das Knistern der Tischbeine ihm den nahenden Bruch verriet.

»Ja, ja, mein Lieber,« lachte Lee, »für vier Zentner Gewicht ist das Tischchen nicht konstruiert.«

»Vier Zentner?« fragte der erstaunt. »Um Gottes willen, ich trage an meinen zwei schon genug. Wie kommen Sie dazu, mich auf vier Zentner zu schätzen?«

»Es müßte Ihnen doch aufgefallen sein,« antwortete Lee, »daß Ihre Knochen und Muskeln hier schon längst nicht mehr so wollen wie auf der Erde.«

Ricardo sah zu seinen Brüdern. Diese nickten. »Weiß der Teufel,« sagte er endlich, »wir alle haben schon seit Stunden eine bleierne Schwere in unseren Gliedern verspürt, schwiegen aber, weil wir glaubten, uns lächerlich zu machen, glaubten, man würde es uns als Schwäche auslegen, betrachteten es als eine Bordkrankheit.«

»Keineswegs, Señor Stamford, wie Ihnen, so geht es allen hier im Schiff. Die sekundliche Beschleunigung des ›Jonas Lee‹ ist ziemlich genau doppelt so groß, wie die Beschleunigung an der Erdoberfläche durch die irdische Schwere. Natürlich wiegen infolgedessen auch alle Körper im ›Jonas Lee‹ jetzt doppelt soviel, als sie im Ruhezustand an der Erdoberfläche wiegen würden.«

Ricardo schlug die Hände klatschend zusammen. »Ah, Gott sei Dank, jetzt verstehe ich, warum mir alles so schwer vorkam, was ich in die Hand nahm. – Und jetzt, was wollen Sie machen? ... Diesen Zustand können Sie ändern, mir die zwei Zentner abnehmen?« Er schüttelte den Kopf.

»Ja,« versetzte Lee, »Sie werden es im Verlaufe der nächsten Stunden deutlich verspüren. Ich will, um unseren Triumph, unseren Sieg möglichst auszukosten, unsere Fahrt derartig gestalten, daß wir ganz dicht an der ›Arizona‹ vorbeigehen, und im Augenblick des Überholens ungefähr die gleiche Geschwindigkeit haben, wie Mr. Canning.«

»Und die Venus?« warf Ricardo ein.

Lee zuckte die Achseln. »Erreichen wir allerdings durch diesen freiwilligen Aufenthalt ein paar Stunden später ... aber selbstverständlich noch vor Canning.«

»Dann ist's recht«, riefen die Stamfords. »Die paar Stunden wollen wir gern verschmerzen, wenn wir die ›Arizona‹ so recht behaglich Aug' in Aug' mit dem Kerl abwürgen.«

Hierra, der an den Meßinstrumenten gearbeitet hatte, wandte sich jetzt zu Lee.

»Dürfte Zeit sein, Mr. Lee.«

»Gut, stellen wir zunächst einmal die Beschleunigung ab.«

»Und dann,« Ricardo schaute fragend Lee an, »bleiben wir dann nicht allmählich stehen?«

Lee lachte laut. »Stehen im Äther, Don Ricardo? Vergessen Sie denn, daß es im Weltraum keine Hemmungen gibt, daß ein Körper, der einmal mit einer gewissen Geschwindigkeit fliegt, diese auch ohne weiteren Antrieb stets beibehält – sofern ihn nicht Schwerefelder der Gestirne beeinflussen?«

Ricardo schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Sie haben recht, lachen Sie über mich, das war eine dumme Frage.«

Hierra winkte Lee unbemerkt zu, deutete auf den Krafthebel, zog ihn langsam auf Nullstellung. Er umklammerte im selben Augenblick ebenso wie Lee eins der am Boden festgeschraubten Möbelstücke.

Die Brüder Stamford achteten nicht darauf. »Ah!« Juan hob die Hände. »Wie wird mir, ich fühle mich so leicht.« Mit einem frohen Ausruf sprang er auf. Doch da! Die anderen starrten ihn entgeistert an. Sein Sprung, war er so heftig gewesen? Juan war so hochgeschnellt, daß sein Kopf die Decke streifte, mit verzweifelten Armbewegungen suchte er nach einem Halt. Ricardo und Carlo wollten hinzuspringen, um ihm zu helfen. Da ... Lee und Hierra lachten, daß es in der Kabine schallte ... Die drei Enakskinder ruderten hilflos wie Goldfische in einem Bassin in der Luft des Raumes umher.

»Bleiben Sie nur,« rief Lee, immer noch lachend, »gleich werden Sie wieder auf festem Boden stehen.« Er winkte Hierra zu, der das Schiff inzwischen so gedreht hatte, daß es den Bug wieder der Erde zuwandte. Der stellte die Elektronenkraft wieder an.

»Langsam«, schrie ihm Lee zu. Doch der, um den Scherz ganz auszunutzen, gab den Hebeln einen kurzen, scharfen Ruck. Im selben Augenblick fielen die drei Riesenvögel mit lautem Gepolter auf den Fußboden zurück. Das Bild war so komisch, daß die beiden am Steuer von neuem in lautes Lachen ausbrachen. Die verdutzten Gesichter, das vorsichtige Tasten auf dem Boden, jeder suchte einen Gegenstand zu erfassen, sich daran zu klammern. Ricardo war der erste, dem es gelang, sich wieder aufzurichten.

»Die Freude war nur kurz, mein lieber Ricardo, die vier Zentner haben Sie leider wieder.«

Der schüttelte den Kopf. »Vier Zentner, Mr. Lee, wiegt allein mein Schädel.« Er hielt die Hand an die Stirn, rieb sich die Augen. »Teufelskram, den Sie mit ehrlichen Christenmenschen da machen, Mr. Lee. Weshalb sind Sie nicht auch«, er deutete vorsichtig mit der Hand zur Decke.

»Nun, sehr einfach, Don Ricardo, wir hielten uns eben fest.«

»Ah, dann ist's gut, dann bin ich befriedigt. Ich glaubte schon, es läge an uns, daß wir da so hilflos wie halbflügge Vögel in der Luft 'rumgondelten. Aber einerlei, der Spaß war nicht übel. Schade nur, daß unser Alter nicht dabei ist.« Er brach in ein helles Gelächter aus, in das seine Brüder laut einstimmten.

»Und die ›Arizona‹, wann werden wir sie haben?«

Lee zuckte die Achseln. »Ein paar Stunden mag es noch dauern!« Er reichte ihm ein scharfes Objektiv. »Übernehmen Sie den Ausguck, Don Ricardo, Sie sind Jäger, haben scharfe Augen.«

*

»Wir nähern uns der Wegscheide zwischen Erde und Venus. – In einer Stunde müssen wir von der Beschleunigung zur Verzögerung übergehen, Oberst Robartson. Wir werden dann wieder eine Radiomeldung nach Newport senden.«

»Gut, Mr. Canning. Da unten wird mancher vor Neugierde vergehen. Die Ängstlichen, die darauf bestanden, die ›Arizona‹ dürfe ohne Probefahrt nicht starten, werden sich allmählich beruhigen. Zweifellos war es ein großes Risiko, mit einer solchen ganz neuen und noch nicht erprobten Konstruktion sofort eine so weite Fahrt zu unternehmen. Ich denke, in Buena Vista wird man jetzt nicht mehr darauf verzichten. Denn was verschlägt's denen, ob der ›Jonas Lee‹ ein paar Tage früher oder später ankommt ...«

Buena Vista – – – Cannings Gedanken flogen da hin. Seit der Abfahrt hatte ihn der Flug der ›Arizona‹ voll in Anspruch genommen. Unaufhörlich hatte er den Gang der Maschinen, die Steuerung, die Meßinstrumente sorgfältig beobachtet. Es war für jeden einigermaßen technisch gebildeten Menschen ein überaus gewagtes Unterfangen, ohne vorhergehende Probefahrten den Flug zu unternehmen. Nur die Furcht, der ›Jonas Lee‹ könnte früher starten, hatte ihn veranlaßt, dies Risiko auf sich zu nehmen.

Ein Versagen der Maschinen die einzige Gefahr in seinen Augen. Was sonst Gelehrte und Laien gefabelt ... der Äther in weiter Ferne von Boliden verseucht ... die Gefahr, daß das Raumschiff mit einem dieser Weltenwanderer zusammenstieß ... Canning hatte darüber gelächelt ... die Rechnung aufgemacht ... gelacht. Die Chance eines Zusammenstoßes war so undenkbar klein ... und verglich man die durchschnittlichen Geschwindigkeiten der Boliden mit der der »Arizona«, schwand die Gefahr gänzlich, wenn nicht gerade der Bolide in direkter Richtung auf das Schiff zuflog. Denn sonst war jederzeit die Möglichkeit gegeben, durch seitliches Ausweichen die Gefahr zu meiden. Bedingung dafür war freilich, daß schärfster Ausguck gerade in der Fahrtrichtung gehalten ...

Buena Vista – – – Hortense – – – Immer wieder jene Gedankengänge, wie er sie zwingen wollte durch große Taten. Was galt ihm alles, wenn er sie nicht erränge, Hortense – – –

Noch sann er, da trat der Oberst zu ihm. Seine Mienen verrieten Überraschung, Besorgnis.

»Ah, Mr. Canning, Sie behandelten stets die Frage als nebensächlich ... die Frage, auf unserer Fahrt eine unangenehme Begegnung mit Boliden, größeren oder kleineren Bruchstücken gewesener Gestirne, von denen das Weltall durchrast wird, zu haben. Fast möchte ich annehmen ...«

»Wie!? Was sagen Sie, Colonel!? Ein Bolide etwa?«

»Nehmen Sie ein Glas, Mr. Canning, und schauen Sie zu dem Steuerbordfenster hinaus. Dort unten rechts ... sehen Sie nicht auch da ein glitzerndes funkelndes Etwas, das sich mit anscheinend großer Schnelligkeit schräg auf uns zu bewegt?«

Canning sah lange, setzte mehrere Male das Glas ab.

»Es ist, wie Sie sagen, Oberst Robartson – – – und Sie vermuten einen Boliden oder dergleichen?«

»Gewiß! Natürlich, was kann es sein!?«

Canning nickte ... überlegte ... »Sie können ... müssen recht haben, Oberst. Etwas anderes kann es nicht sein ... Doch sehe ich keine Gefahr. Sobald wir merken, daß die Begegnung uns gefährlich werden könnte, werden wir die Flugrichtung ändern, ausweichen. Bleiben Sie hier zur Beobachtung, ich werde Bruce am Steuer aufmerksam machen.«

»Könnten wir nicht im Notfall die Beschleunigung steigern, Mr. Canning?«

Canning wiegte den Kopf. »Die Elektronenstrahlung arbeitet im Optimum. Eine stärkere Inanspruchnahme ihrer Leistungen dürfte nicht ungefährlich sein wegen des späteren Nachlassens ihrer Wirkung. Nur im äußersten Notfall, wenn ein Zusammenstoß mit dem Boliden unvermeidlich, würde ich mich dazu verstehen. Doch wir haben Zeit. In einer Viertelstunde bin ich wieder zurück.«

Oberst Robartson, jetzt allein, nahm einige Meßinstrumente, peilte die eigene Flugbahn und die des verdächtigen Körpers sorgfältig an.

›Merkwürdig, wie das Auge täuschen kann. Je länger ich messe, desto deutlicher sehe ich, daß der Bolide unsere Fahrt kaum kreuzen wird ... er fliegt ja fast parallel mit uns.‹

Er wollte zu Canning eilen, da kam der gerade zurück.

»Nun, was macht unser Freund?« rief er Robartson zu.

»Eine Frage zunächst, Mr. Canning. Hatten Sie nicht vorher auch den Eindruck, daß der Bolide schräg auf uns zukäme ... unsere Bahn schneiden müßte?«

»Gewiß ... unzweifelhaft! Sonst hätten wir ja keinen Grund zur Besorgnis gehabt.«

Der Oberst schüttelte den Kopf. »Und doch irrten wir uns beide. Vergleichen Sie bitte meine Messungen, und sehen Sie jetzt zu dem Boliden, der uns inzwischen ein ganzes Stück nähergerückt ist.«

Canning warf einen kurzen Blick auf die Messungen, richtete dann ein großes Fernrohr, das er mitgebracht, ein. Robertsons Augen hafteten an Cannings Gesicht. Der hatte jetzt scharf eingestellt, schaute unverwandt durch das Okular.

»Nun, was sehen Sie jetzt, Mr. Canning? ... Fliegt der Bolide nicht fast parallel mit uns?«

Canning schwieg. Der andere wartete ungeduldig auf Antwort, wiederholte die Frage. Canning rührte sich nicht. Erstaunt sah der Oberst schärfer auf dessen Gesicht. Da ... der ... was war mit ihm? ... Das Antlitz blaß, die Lippen bebten ...

»Mr. Canning! ... Was ist Ihnen?! ...«

Der gab keine Antwort. Das Auge wie angeschmiedet an dem Okular ... Jetzt, ein Zittern ging durch seinen Körper, er taumelte, wäre gestürzt, wenn Robartson ihm nicht beigesprungen.

»Mr. Canning! ... Um Gottes willen, was ist Ihnen? ... eine Gefahr? ...«

Der schüttelte den Kopf, setzte mehreremal zum Sprechen an. Sein Gesicht grau, die Augen erloschen, die Brust in wilden Atemzügen bebend. Mit Gewalt suchte er die Lippen zum Sprechen zu zwingen ...

»Der ›Jonas Lee‹! ... Er ist es ...« Er schlug die Hände vor's Gesicht, schritt wankend zu einer Bank, saß kurz nieder, sprang dann wieder auf, stürzte zum Fenster, schaute mit irren Augen hinaus, schrie: »Er wird uns überholen ... er fährt schneller ... unser Ziel ... der Sieg ... er raubt uns alles.«

Oberst Robartson trat neben ihn, hielt den Schwankenden, der wie ein zu Tod Getroffener zusammenzusinken drohte ...

Dann, als hätte er die Schwäche überwunden, richtete der sich auf, wandte sich um. Die Faust geballt, die Augen glühend in wahnsinniger Wut ... über die blutig gebissenen Lippen floß roter Geifer ... Einen Augenblick verharrte er so. Sprang dann mit einem wütenden Satz zu dem Fenster. Die Arme stießen drohend nach dem nahenden Feind ... Wilde Verwünschungen, Flüche gellten aus seinem Munde.

Der Oberst stand starr. Der fessellose Ausbruch Cannings ließ ihn verstummen ... Da kamen von allen Seiten die anderen herbeigeeilt. Sie hatten Cannings Schreie gehört.

»Was ist? ... Was gibt's ...?« scholl es wirr aus dem Haufen. Jeder glaubte, die beiden Männer wären in einen schlimmen Streit geraten.

Robartson wollte sprechen. Da drehte sich Canning um.

»Was ist?!« schrie er. »Ha, ha!« Ein tolles Lachen folgte den Worten. »Da schaut!« ... Er stieß mit der Faust gegen das Fenster: »Da ... kommt her! ... Seht doch auch ... der ›Jonas Lee‹ ... er ist hinter uns! ... Eine halbe Stunde, dann hat er uns erreicht, überholt ... unser Ziel ... die Venus ... Hortense?! ...« Er brüllte auf, wie ein zu Tod getroffenes Tier.

Dann, als wär ihm ein Einfall gekommen, schlug er die geballte Hand vor die Stirn, seine Züge verwandelten sich plötzlich.

»Alle Mann an ihre Plätze!« rief er laut, stürmte in die Zentrale. Ebenso schnell folgte ihm der Chefingenieur Bruce. Eine dunkle Ahnung sagte ihm, was Canning vorhabe.

Der stand vor der Schalttafel. Die Rechte am Heizhebel, die Linke am Spannungsregulator. Ein Blick auf die Meßinstrumente zeigte Bruce, daß seine Befürchtung wahr. Die Zeiger der beiden Instrumente weit über dem roten Strich. Die Strahlungseinrichtungen der »Arizona« bis zum äußersten angestrengt.

»Unmöglich, Sir!« Bruce legte seine Hand auf Cannings Arm, als wolle er ihn wegreißen. Der starrte ihn mit wild rollenden Augen an, stieß ihn brüsk zur Seite.

»Ich allein habe hier zu befehlen ... Vergessen Sie das nicht, Mr. Bruce!«

»Wären wir beide allein, Mr. Canning, würde ich keine Einwendungen machen. Man kann nur einmal sterben. – – Aber das Leben unserer Genossen frevelhaft aufs Spiel setzen um der ehrgeizigen Gefühle des Führers?! Nein, und tausendmal nein.«

»Hände weg vom Hebel,« brüllte Canning, »oder ...! Ich allein trage die Verantwortung.«

*

»Hallo! Was ist das, Mr. Lee? Die ›Arizona‹ wird schneller und schneller. Den Peilungen nach hat sie jetzt ungefähr die gleiche Geschwindigkeit wie wir.«

Ronald Lee schaute auf. »Keine Angst, Don Ricardo ... das hatte ich fast erwartet. Mr. Canning tut das, was früher wahnwitzige Kapitäne mit ihren Schiffsmaschinen machten ... die Sicherheitsventile beschweren, mit unvernünftigem Druck das Rennen zu machen ... Damals riskierte man eine kleine Kesselexplosion. Jetzt ...« Lee zuckte die Achseln, »ruiniert er die Maschine ... Mag die ›Arizona‹ zum Teufel gehen ... Leid täte es mir nur um die anderen, die darin sind. – Doch vielleicht läßt er seinen Wahnwitz, wenn er sieht, was jetzt der ›Jonas Lee‹ tut ... er tut's ohne Gefahr.«

Er rückte an Hebeln. Ein Stoß traf das Schiff, daß beide taumelten.

»Ah! Bravo, Mr. Lee! ... So hat der wackere ›Jonas‹ noch einige Kraftreserven zu vergeben.« Ricardo stürzte zum Beobachtungsrohr. »Der Teufel soll mich holen, wenn wir die ›Arizona‹ nicht in fünf Minuten haben.«

Der Ruck im Schiff hatte auch die übrigen aufmerksam gemacht. Von überall her erklangen laute Jubelrufe. Sah doch jeder, daß die Entscheidung nahe.

»Näher ran!« schrie Ricardo vom Fenster her. »Ich will ihn sehen, den Burschen! Ein Jahr meines Lebens, wenn ich seine Fratze zu sehen kriege!«

Lee ließ die Düsen an Steuerbord sekundenlang stärker arbeiten, eilte dann selbst zum Fenster. Kaum hundert Meter voneinander entfernt rasten die Schiffe wie zwei edle Renner Flanke an Flanke durch den weiten Weltraum dahin.

Der »Jonas Lee« nur noch ein kurzes Stück zurück. Ein brausendes Hurra der Gefährten Lees begrüßte den nahen Sieg.

Da ... Lee stürzte hin zur Maschine, riß den Krafthebel vorwärts, ließ die Backborddüsen mit äußerster Kraft arbeiten.

Die anderen ... ein Schrei des Entsetzens aus ihrem Munde. Die »Arizona« da drüben, plötzlich herumgerissen, schoß mit ungeheurer Schnelligkeit schräg auf den »Jonas Lee« zu ... Sekunden, dann wurde der »Jonas Lee« gerammt ... dann ...

Ein furchtbarer Ruck, der das Schiff in seinen Grundfesten erzittern ließ ... alle Insassen plötzlich mit ungeheurer Gewalt zur Seite schleuderte. Der »Jonas Lee«, der starken Steuerkraft gehorchend, suchte dem verderblichen Stoß nach Steuerbord auszuweichen. Jedem stockte das Herzblut. Bruchteile von Sekunden ... die Entscheidung ... Rettung ... Vernichtung ...

Schon glaubte jeder, das Ineinanderprasseln der Schiffskörper zu hören. »Da«, Lee schrie auf, deutete mit dem Arm nach den Steuerbordfenstern, sank dann im selben Augenblick halb bewußtlos zum Boden zurück.

»Gerettet«, flüsterten seine Lippen.

»Gerettet!« Einer nach dem anderen sprach's. Sie starrten durch die Heckfenster, wo die »Arizona« schräg ab von ihnen in den Äther weiterschoß.

Lee erhob sich schwerfällig, reichte Cruzado die Hand, half ihm empor. Sie taumelten zu der Schalttafel. Langsam, wie mechanisch griffen ihre Hände zu den Hebeln, um das Schiff wieder auf alten Kurs und normale Beschleunigung zu bringen.

Dann erst, als das geschehen, sahen sie sich gegenseitig an. Blasse Gesichter, verstörte Augen. Lee atmete tief auf.

»Wenn dich die Niederlage nicht wahnsinnig gemacht hat, Canning ... dein Gedanke – fast muß ich ihn bewundern – lieber mit dem Gegner sterben, als ihm den Sieg überlassen.«

Einer nach dem anderen im Schiff hatte sich erhoben ... Sie standen stumm, befühlten ihre Glieder.

»Hoffentlich alles heil, wie beim ›Jonas Lee‹«, rief Ronald. Ein hartes Lachen begleitete seine Worte. Dann überließ er Hierra die Führung des Schiffes, begab sich mit Cruzado, ohne der »Arizona«, die schon weit hinter ihnen lag, noch einen Blick zu schenken, an eine genaue Untersuchung des Schiffes in allen seinen Teilen. Die ungeheure Inanspruchnahme durch das schnelle Wenden ... es wäre kein Wunder gewesen, wenn irgend etwas dabei zu Bruche gegangen wäre.

*

Eine halbe Stunde später gab die Helikopterenwarte in Bahia eine chiffrierte Depesche nach Buena Vista weiter:

»Auf halbem Weg die ›Arizona‹ überholt, R. L.«

Drei glückliche Menschen lagen sich wortlos in den Armen. Hortense die erste, die sich von dem freudigen Banne freimachte. Sie legte den Finger auf den Mund. »Kein Mensch erfährt etwas ... bevor der ›Jonas Lee‹ glücklich auf der Venus gelandet!«

So waren sie wahr geworden, die Worte jener glücklichen Stunde. Krank, mutlos, verzweifelt, hatte sie in ihrem Zimmer gelegen. Die Nachricht aus Bloomfield: Die »Arizona« startet in drei Tagen, hatte mit einem Schlage alle die Hoffnungen und Wünsche langer Monate zertrümmert. Nicht allein die Zerstörung des gemeinsamen Werkes ... sie fühlte selbst fast körperlich den Schlag, der ihn, Ronald, damit getroffen.

Jene Worte ... sein tiefstes Geheimnis, das er selbst ihr und dem Vater gegenüber verschwiegen ... ich fahre ja schneller als Canning ... beschleunige mit zwanzig Metern in der Sekunde, während er nur mit elf Metern beschleunigen kann ... Sein Vorsprung, ich hole ihn ... komme früher zum Ziele ... mein wird der Sieg sein! ...

Hemmungslos ihr überströmendes Empfinden. Sie hatte die Arme um ihn geschlungen, hatte an seiner Brust gelegen, geweint ...

Die Depesche! Auf halbem Wege hatte er ihn schon geschlagen. Immer wieder murmelten ihre Lippen die frohe Botschaft.

Wie lange? ... Sie würde ihn wiedersehen.

Als Ronald zum letztenmal Abschied nahm, hatte sie gemeint, umsinken zu müssen vor Schwäche. Der Gedanke, ihn für längere Zeit nicht zu sehen, den Ton seiner Stimme zu entbehren, hatte sie fühlen lassen, wie tief die Liebe zu ihm in ihr wurzelte. Seit seiner Abfahrt ihre Gedanken nur bei ihm. Mit Ungeduld hatte sie in schlafloser Nacht den Morgen, den Beginn der Arbeit, erwartet. Suchte in rastloser Tätigkeit vor ihren Gedanken zu fliehen ... und dachte doch nur bei jedem Hammerschlag an Ronald Lee.

Nach langem Kampf hatte sie dem Vater die Erlaubnis abgerungen, an dem Flug der »Buena Vista« teilzunehmen – falls Ronald Lee gute Nachrichten senden würde.

Kaum, daß van der Meulen gehört, daß William Harrod sich mit dem Gedanken trüge, ein weiteres Schiff zu bauen, hatte er schon den Kiel des Schwesterschiffes gestreckt, den zweiten Bau mit allen Mitteln beschleunigt, sogar schon Teile für einen dritten Bau bereitstellen lassen ...

Jetzt hatte der »Jonas Lee« die Wegscheide passiert. Der nächste Morgen mußte die zweite glückliche Nachricht bringen.

*

»Ungefähr sechs Stunden, Dr. Gamba, dann dürfte die erste Meldung der ›Arizona‹ zu erwarten sein, wenn alles glücklich verläuft.«

»Und weitere sechs Stunden, dann dürfte auch der ›Jonas Lee‹ sein Ziel erreicht haben, Herr Professor ... Ein übles Spiel des Schicksals, daß es William Harrod gelang, die ›Arizona‹ sechs Stunden früher starten zu lassen.«

Professor Lopez, der Leiter der Helikopterenwarte in Bahia, ging zu den Empfangsapparaten. Der eine war auf die Welle der »Arizona«, der andere auf die des »Jonas Lee« eingestellt.

»Möchte wissen, was Mr. Lee in Chiffre an van der Meulen depeschierte? Geheimnisse kann es doch bei dem Fluge nicht geben. Die paar Worte für uns: ›An Bord alles wohl, die Fahrt verläuft gut‹, besagen doch wohl alles Nötige«, brummte Professor Lopez vor sich hin und wandte sich zu einem Meßtisch.

»Ah!« Er machte schnell Kehrt, eilte zu dem Empfangsapparat für Lee. Auch Dr. Gamba lief sofort herbei. »Das Ankündigungszeichen Lees«, flüsterte er gespannt. – – – »Wird's wieder eine Chiffredepesche sein für ... Nein! ... ›Der Jonas Lee‹ fing es an ... die nächsten Worte ... Was war das?! ...«

Die beiden Männer sahen sich sprachlos, fast verstört an. Die Hand des Assistenten, der die weiteren Worte aufgezeichnet, blieb reglos ... Eine Mystifikation? ... Oder hatten sie falsch verstanden? ... Eine lange Pause ... dann ...

»Wie waren die Worte, Herr Doktor?« kam es mühsam von Lopez' Lippen. Dr. Gamba las die aufgezeichneten Worte: »Der ›Jonas Lee‹ um 10 Uhr 37 Minuten auf der Venus gelandet!« – – – – –

»Ich denke ... wir geben die Nachricht lieber dreimal, sonst glauben sie es da unten nicht«, hatte Ricardo Stamford gesagt, und hatte recht dabei. – – – – –

»Es kann nicht sein, unmöglich!« murmelte Professor Lopez vor sich hin ... »Irgendein Teilnehmer, der sich einen schlechten Scherz gemacht hat.«

»Wir dürfen sie nicht weitergeben«, setzte Gamba hinzu. »Wir wären für ewig blamiert, wenn ...«

»Der ›Jonas Lee‹ um 10 Uhr 37 auf der Venus gelandet.« Und noch einmal, zum drittenmal, die Worte im Empfangsapparat.

Professor Lopez hielt sich die Ohren zu, lief wie ein Irrer im Raum auf und ab. »Was ist das ...? Was soll das ... ich werde verrückt ... Was sollen wir tun? ...«

»Ah!« Dr. Gamba stürzte zu dem Sender, der mit Buena Vista korrespondierte. »Ich setze mich mit van der Meulen in Verbindung.«

»Gut, mein lieber Dr. Gamba!« Professor Lopez stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

Da scholl es schon aus dem Apparat.

»Jawohl ... hier van der Meulen selbst ... Wie? ... Die Worte noch einmal! ... Ahl Bravo! Hurra! Hurra! Wie? ... Aber selbstverständlich! ... sofort raus mit der Siegesbotschaft, alle Welt ... Wie? Was? ... Sie halten die Nachricht für verfrüht, für falsch? ... Was sagen Sie, es wäre unmöglich?! ... Aber keineswegs. Es ist sogar selbstverständlich. Ich erwarte sie schon seit einer Viertelstunde.«

Lopez und Gamba sahen sich unsicher an. Lopez schüttelte immer noch den Kopf. »Ich kann ... kann es nicht fassen ... Dann wäre ja der ›Jonas Lee‹ viel schneller gefahren.« Er eilte zum Apparat, schrie es hinein.

»Ist er auch, warum denn auch nicht, bei seinen zwanzig Metern Beschleunigung pro Sekunde. Also nochmals, 'raus mit der Siegesbotschaft! ... Natürlich zuerst an die Regierung in Buenos Aires.« – – – – –

Und so machte die Meldung wenige Minuten später ihren Weg über die Erde. Unter den Millionen, die sie vernahmen, die Masse der Zweifler, der Ungläubigen viel größer, als die der Glaubenden.

In den Staaten überschlugen sich die chauvinistischen Schreie ... Bluff, Lüge ... Schwindel!

Doch nicht lange, dann kam die Bestätigung von einer Stelle, deren Glaubwürdigkeit außer allem Zweifel. Der »Bloomfield Advertiser« brachte folgende Nachricht: »Der ›Jonas Lee‹ hat die ›Arizona‹ auf halbem Weg überholt.«

*

William Harrod saß in seinem Arbeitszimmer, die Tür verschlossen. Die Nachricht vom Sieg des »Jonas Lee« ... auch er hatte sie im ersten Augenblick für Bluff ... Schwindel gehalten. Doch dann hatte er sich erinnert, wie er damals auf Cannings Rat seine Spione beauftragt, herauszubekommen, ob in den Beschleunigungsziffern für die Fahrt des »Jonas Lee« eine Änderung vorgekommen. Die hatten nur gemeldet, daß eine Beschleunigung von elf Metern pro Sekunde geplant. Und doch, als der Bau der »Arizona« sich der Vollendung näherte, immer wieder hatte Canning gedrängt, durch fortgesetzte Spionage die Arbeiten an den Apparaten für die Elektronenstrahlung zu überwachen.

Doch stets nur das alte Ergebnis. Elf Meter pro Sekunde Beschleunigung, wie sie auch die »Arizona« erhielt.

Jetzt, da lag es vor ihm. Umsonst alles Forschen, Spionieren – schätzungsweise zwanzig Meter pro Sekunde Beschleunigung, so stand es in der Chiffredepesche Bruces' – Harrod stöhnte auf, knirschte in stummer Wut mit den Zähnen. Wieder geschlagen, van der Meulen. »Ah!« Er stöhnte laut auf. Der Schlag, so unerwartet, so furchtbar, kein Gedanke, keine Hoffnung, ihn wettzumachen.

Canning, in seinem Herzen schwoll es auf, was der da gedacht, getan, er verstand ihn wohl. Und wär's ihm gelungen, den Feind zu rammen, ihm im letzten Augenblick den Sieg zu entreißen, mit dem Sieger zusammen sterben ... Unauslöschliche Dankbarkeit bis an sein Lebensende würde er ihm bewahrt haben. – Die anderen, Männer mit Durchschnittsköpfen, Durchschnittsherzen, sie hatten ihn hindern wollen. Er griff die Chiffredepesche. Zwischen den Zeilen war es zu lesen, was sich da oben abgespielt. Vielleicht, daß Cannings Plan gelungen, wenn die ihm nicht im letzten Augenblick in den Arm gefallen. Der war dann niedergebrochen, in wilden Tobsuchtsanfällen hatte er gerast, die Führung hatte Bruce übernommen. Ein Tag, eine halbe Nacht waren vergangen seit dieser Nachricht ... er hatte sich in sein Zimmer eingeschlossen, nicht Schlaf gefunden, keine Speise und Trank angerührt, vielleicht, daß irgendein glücklicher Zufall der »Arizona« zu Hilfe käme –

Nein, geschlagen, vollständig geschlagen. Zu Ende der Kampf. Der »Jonas Lee« viele Stunden früher gelandet, ihm die Ehre, der Ruhm ... der Preis, das Erbe der Uraniden.

* * *

 

»Nein ... halt! ...« Ricardo Stamford rief es laut. Er stand auf der Treppe, die, vom »Jonas Lee« ausgeworfen«, den Boden der Venus berührte.

»Kein anderer als unser Führer, unser Meister, der, dem es gebührt, zuerst den Fuß auf den jungfräulichen Boden der Venus zu setzen. Voran, Mr. Lee!«

Der stieg langsam die Stufen hinab, trat auf den Boden. Einen Augenblick war es ihm, als schwankte der unter seinen Füßen, seine Arme gingen tastend nach vorn. Der Sieg ... der Siegespreis, hier lag er greifbar vor ihm. Wie im Taumel beugte er sich, kniete nieder. Seine Hände griffen in die dichten Grasbüschel, zerrten an der Beute.

»Hier die Flagge!« Ricardo sprang neben Lee, reichte ihm das Banner. Der griff es, stieß den Stock kraftvoll in die Erde. Ein leichter Windstoß entfaltete die Farben.

»Ein Hurra der Flagge! Ein Hurra unserem Führer! Ein Hurra dem neuen, südamerikanischen Land!« Ricardo Stamfords Stimme scholl weit über das neue Land. Die anderen fielen jubelnd ein.

Sie waren am sanft abfallenden Rande eines Hochplateaus gelandet. Unter ihnen eine weite, baumlose, mit Gras bewachsene Ebene, durch die sich ein schmaler Wasserlauf schlängelte.

Nach Osten stieg die Landschaft zu einem steilen Höhenrücken auf, einem Ausläufer der großen Alpenkette, die sich von Norden nach Süden zog.

In weiter Ferne stieß unvermittelt ein steiler, spitzer Felskegel empor, aus dessen Gipfel dünner, schwarzer Rauch quoll. Südlich davon am Rande des Plateaus eine Stelle, als ständen dort die Ruinen von alten Schlössern, hier und da noch von einem von der Zeit verschonten Turm, einer übriggebliebenen Zinne überragt. Dazwischen einzelne gerade Säulen, wie von Menschenhand aufgerichtet. Und doch alles nur ein Spiel der Natur – ein gewaltiges Erdbeben hatte wohl die riesigen Steinmassen umhergeschleudert, und der Zufall hatte ihnen die verschiedenen Stellungen und Lagen gegeben. Uber alledem ein bewölkter Himmel. Nur wenige blaue Flecken zwischen den Wolkenhängen. Gedämpftes Sonnenlicht über dem Ganzen.

Minutenlang starrten alle mit neugierigen Augen auf das Bild. Die neue Welt! – – – Und doch, solange man auch schaute, nach Neuem, Ungekanntem spähte ... die Landschaft, im ganzen genommen, nicht anders als ein Geländeausschnitt der alten Erde. Dazu die Bäume, Sträucher ... die Vogelwelt, soweit sie der erste Blick fassen konnte, kaum verschieden von denen der Erde.

Plötzlich riß Ricardo Stamford sein Fernglas vor die Augen, spähte in die weite Grasebene. Schrie dann laut: »Ich will nicht meines Vaters Sohn sein, wenn da unten nicht eine große Büffelherde heranzieht.« Er reichte das Glas Hierra.

»Richtig«, erwiderte der ... »Nun, dann wären ja wohl Perspektiven auf eine Hazienda à la Marguerita gegeben.«

»Zunächst mal auf einen guten Braten, Señor Hierra«, erwiderte Ricardo, sprang ins Schiff, kam mit einer Büchse bewaffnet zurück und eilte den Hang hinunter.

Lee, der etwas abseits gestanden, rief ihn zurück. »Keine Zeit jetzt, Don Ricardo. Morgen mögen Sie Ihr Jagdglück versuchen.« Er wandte sich zu den anderen, reichte jedem die Hand.

»Das erste Ziel ist erreicht ... nun nicht länger säumen, jetzt gilt's das zweite. Den Platz finden, wo die Uraniden gelandet. Vergessen wir nicht, in spätestens vier Stunden wird auch die ›Arizona‹ landen. Nach dem Stande der Sonne zu urteilen, dürfte nach Venusortszeit die dritte Mittagsstunde überschritten sein. Die ›Arizona‹ wird kurz vor Sonnenuntergang kommen. Daß sie ebenfalls die nördliche Halbkugel der Venus ansteuern wird, ist selbstverständlich. Ebenso, daß sie, wie wir, westlich jener Alpenzüge zu landen suchen wird.

Nach den Beobachtungen der Berliner und Londoner Warten muß sich das Lager der Uraniden westlich dieser Höhenketten befinden. Hat die ›Arizona‹ Glück, landet sie dieser Stelle vielleicht näher als wir. Sie sehen, Eile ist geboten. Alles an Bord!«

Ein paar Minuten später hob sich der »Jonas Lee« in die Luft.

In langsamer Fahrt trieb das Schiff in geringer Höhe über das Land. Die Alpenkette zur Rechten, suchte man aufmerksam nach jener Stelle, die die Filmbilder als Lagerplatz der Uraniden gezeigt. Alle, außer Hierra, der die Führung des Schiffes übernommen, spähten mit scharfen Gläsern das unter ihnen liegende Gelände ab, jeder ein Photo der Uranidenbilder vor sich.

Doch die Zeit verrann. Immer weiter trieb das Schiff nach Norden. Nichts zu sehen.

»Vielleicht, daß eine andere Alpenkette, die ähnlich läuft, die richtige ist, Mr. Lee«, flüsterte Ricardo dem zu.

Ronald Lee schüttelte den Kopf. »Es kann nicht sein. Diese charakteristische Gipfelhäufung im Süden stimmt unbedingt mit den Filmbildern überein. Ich glaube nur, daß wir aus übertriebener Vorsicht zu weit westlich jener Alpen suchen. Wir werden umwenden, wieder nach Süden fahren und dabei näher östlich an das Gebirge herangehen. Jener Vulkan ... er ist leider nicht auf dem Filmbild zu sehen ... doch ich vermute fast, daß in seiner Nähe die gesuchte Stelle liegt.«

Er rief Hierra durch das Sprachrohr den Befehl zu, das Schiff zu wenden. Begab sich mit Ricardo nach der Backbordseite und übernahm dort die Beobachtung.

Das Schiff trieb langsam nach Süden, näherte sich dabei den Höhenzügen, in welche die Alpen ausliefen.

»Langsam fahren!« schrie Ricardo Stamford plötzlich in das Sprachrohr, stieß Lee an.

»Da unten! Süd zu Südost! Die hohe Baumgruppe hart an der Bergnase ... dahinter ein kleines Plateau ... mitten darauf ... sehen Sie nicht auch? ...

Ah! Jetzt! ...« Er klatschte in die Hände. Ein Sonnenstrahl, der sekundenlang durch die starke Wolkenschicht gebrochen, hatte ein dunkles, graues Etwas, das sich dort wie eine riesige Steinsäule erhob, hell aufleuchten lassen.

»Das Uranidenschiff! Bei Gott, Don Ricardo, Sie haben recht! Es ist's!«

Lee stürzte zum Sprachrohr.

»Kurs Süd zu Südost! Schneller die Fahrt!«

Jetzt kamen auch die anderen von allen Seiten herbeigestürzt. Sie hatten ebenfalls das ersehnte Ziel erspäht. Immer größer die Erregung, immer ungezügelter die Spannung. Laute Rufe schwirrten durch den Raum. Kaum konnte man's erwarten, daß die letzte kurze Strecke zurückgelegt würde. Noch lief das Schiff stark gebremst auf die Baumgruppe zu, da stießen schon einige die Türen auf, hielten die Treppen bereit, sie auf den Boden zu werfen.

Und dann stand das Schiff still. Ein Drängen, ein Schieben. Man vergaß Lee. Alles stürmte die Stufen hinab, eilte zu der Baumgruppe, dem Uranidenschiff.

Keiner wußte, wohin zuerst. Da stand das Zelt. Da waren noch die Lagerstätten, wo die Kranken geruht. Da der Baum, in dessen Schatten der Sendeapparat jener Weltenfahrer stand.

Lee, der als letzter das Schiff verlassen, blieb am Fuße der Treppe stehen. Sein Blick umfaßte die historische Stätte.

Hier andere Menschen, von anderen Sternen ... aus anderen Sonnensystemen ... gekommen, gelandet. Menschliche Wesen im Besitz weit vorgeschrittener Technik. Welche unendlichen Mittel mußten denen zur Verfügung gestanden haben, eine solche Fahrt zu unternehmen.

Die nächste Sonne, der Stern Alpha im Sternbild des Stieres, mehr als vier Lichtjahre von der Erde entfernt ... vier Lichtjahre ... Was bedeutete dagegen die Fahrt des »Jonas Lee« von der Erde zur Venus über eine Strecke von kaum fünf Lichtminuten. Wie lange waren die durch den Weltraum getrieben? Mit welchen Beschleunigungen ... mit welchen Geschwindigkeiten hatten sie die unendliche Entfernung überwunden? ... Welch unvergleichliche Leistung! Welch unerhörter Wagemut!

Und hier angekommen ... ihr Ziel ... eine andere Erde, von Menschen bewohnt, vor den Augen ... fast mit den Händen zu greifen ... hier mußten sie scheitern ... sterben?

Langsam näherte Ronald Lee sich der Baumgruppe. Sein Auge glitt prüfend über die Gegenstände, die da lagen. Wie lange war es her, daß lebendige Wesen hier geweilt. Tage mußten schon vergangen sein, seit die letzten diese Stätte verlassen.

Doch warum hatten sie sie verlassen, wo doch hier all ihre Hilfsmittel lagerten ... ihr Schiff. Gewiß, es mochte andere Gegenden geben, die für einen längeren Aufenthalt besser geeignet wären. Aber dann hätten sie doch wohl nicht alles hier stehen und liegen lassen ...

Die letzten ... waren sie gestorben? ... Wo waren ihre Leichen? ... Mochte der allerletzte die Toten noch begraben haben ... wo war er? ... Wo war sein Leichnam?

Allmählich hatte sich die Erregung seiner Gefährten gelegt. Einer nach dem anderen kam herbei, berichtete, was er gesehen, zeigte einzelne Gegenstände, die er gefunden. Lee schüttelte den Kopf, wies sie zurück.

»Nicht diese unwichtigen Dinge! Suchen wir nach Menschen, mögen sie lebendig ... mögen sie tot sein.«

Er zog die vergrößerten Filmbilder aus der Tasche, sah lange auf eines, suchte mit dem Glase im Osten die Gegend ab.

Die Schlucht ... der Hang mit den kleinen Hügeln. Da, etwa einen halben Kilometer entfernt mußte die Stelle liegen.

Er winkte Professor Royas und Ricardo Stamford zu sich. Schritt mit ihnen in der Richtung nach der Schlucht. Hörte nur mit halbem Ohr auf das unaufhaltsame Plaudern Ricardos. Seine Augen waren unverwandt auf den Hang gerichtet.

»Zwölf kleine Hügel, von Osten nach Westen geschüttet. Zwölf die Zahl.« Je näher er kam, je schneller sein Schritt. Fast lief er das letzte Stück, stand dann an dem letzten der Hügel. Mechanisch ging seine Hand nach oben. Er zog den Hut, entblößte sein Haupt, neigte es. Verharrte so einen Augenblick. Beugte dann das Knie. Seine Hände strichen über die Erde, umkrampften sie, zerrieben sie zwischen den Fingern.

Ein Regen war nicht gefallen. Die Gegenstände unter dem Baume bewiesen es. Und doch, der Boden hier feucht, frisch, wie erst vor kurzem aufgeworfen ...

Der letzte hier begraben? ... Nein! ... Einer noch mußte leben ... oder war er irgendwo zusammengesunken, an einem versteckten Ort ... Dann mußte sein Leichnam noch da sein ...

Suchen! ... Stunden, Tage konnten vergehen, bis er Gewißheit hätte ...

Das Bild jenes letzten ... er riß es aus seiner Tasche. Hier war es, das wunderbare Antlitz. Immer wieder hatte er sich in die Züge dieses edlen Kopfes versenkt. Diese hohe Stirn mit dem hellen, zurückgekämmten Haar. Dieses breite, energische Kinn, von starkem Haarwuchs umwuchert. Diese großen, ausdrucksvollen Augen ... Waren sie geschlossen? ... Ruhten sie hier unter diesen Erdschollen? ...

Nein! Es war nicht möglich. Es konnte ja nicht sein. Der hätte sich ja selbst begraben müssen, wenn er tatsächlich der letzte war.

Und doch! Es war etwas in Ronald Lee, das ihn nicht loskommen ließ von den Gedanken: hier das Grab des letzten der zwölf! Hier das Grab des Mannes, den das Bild in seiner Hand darstellte.

Er wandte sich zurück zu Ricardo.

»Lassen Sie die anderen nicht näher herankommen. Es genügt, wenn Sie beide mir als Zeugen dienen ... wenn ich jetzt die Ruhe dieses Mannes störe.«

Mit Royas' Hilfe räumte er die Erde des Hügels zur Seite. Ricardo wollte ein paar Werkzeuge holen, doch Lee winkte ihm unwillig ab. – – –

Und dann schreckten ihre Hände plötzlich zurück. Durch die letzte leichte Erddecke schimmerte es hell. Ein weißer Kittel. Vorsichtig, behutsam schob Lee die Erdkrumen zur Seite. Da, wo das Grab erhöht, ein Tuch ... er zog es sacht zurück ... in andächtigen Schauern starrten sie in das Antlitz des Toten.

Lee murmelte wirre Worte.

»Er ist's! Er muß es sein!« Mit zitternden Händen griff er das Bild, legte es neben den Kopf des stillen Schläfers.

Alles stimmte überein ... die Stirn, das Kinn ... der Mund.

Nur Stunden konnten vergangen sein, seitdem der hier begraben. Noch nichts von Verwesung. Unverändert, so wie er gestorben war, lag er hier.

Lange standen sie vor dem Toten. Dann deckten sie das Grab schweigend wieder zu. Dann sprach Royas, deutete auf den Grabhügel.

»Die anderen müssen zum Teil schon vor langen Tagen gestorben sein. Unverkennbar sind Regen und Tau schon öfter als einmal auf die ersten Gräber gefallen. Der den hier begrub ... es wäre möglich, daß nur Stunden seitdem vergangen sind ..., der muß noch leben. Hatte er noch die Kraft, dieses Grab zu schaufeln, den Leichnam hierherzubringen, ihn in die Erde zu betten ... er kann nicht so krank gewesen sein, daß er nicht noch am Leben sein müßte.

Wir müssen ihn suchen ... finden. Vielleicht, daß wir ihm helfen können.«

Lee nickte stumm. Ricardo antwortete:

»Ja, wir müssen suchen ... nach ihm ... vielleicht auch, daß es noch mehrere sind. Wo sie sind, wird auch das alles sein, was wir auf dem Lagerplatz vergeblich gesucht haben. Und schnell müssen wir handeln, ehe Canning kommt.«

»Sie haben recht, Don Ricardo. Ich denke, das Suchen übernehmen Sie und Ihre Brüder als geübte Jäger. Hierra wird mit Cruzado und den übrigen den ›Jonas Lee‹ zu einem Fluge über den Kontinent klarmachen, überall gemäß den Bestimmungen des Völkerrechts Flaggen werfen. Unser Besitzrecht muß unanfechtbar kenntlich gemacht sein, bevor die Leute der nordamerikanischen Union kommen.«

Der Befehl wurde von allen Mitgliedern der Expedition mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Gleich darauf erhob sich der »Jonas Lee« in die Luft.

Während die drei Brüder Stamford sich auf die Suche begaben, trat Lee in das Raumschiff der Uraniden. Das Schiff war von gewaltigen Ausmaßen, reichlich doppelt so groß wie der »Jonas Lee«. Langsam durchforschte er die einzelnen Räume. Verweilte am längsten in der Zentrale. Trotz der Größe des Schiffes waren die Maschinenanlagen bedeutend kleiner als die des »Jonas Lee«, der Mechanismus von einer unendlichen Einfachheit.

Staunend betrachtete Ronald Lee die einfache und doch so überaus sinnreiche Konstruktion. Aber natürlich, das war ja alles nur möglich, wenn man einen so idealen Baustoff hatte, wie ihn die Uraniden besaßen. Er löste ein paar Schrauben, prüfte die losen Teile. Fast gewichtslos diese Stücke gegenüber dem Stahl, aus dem noch viele Teile der Maschinerie seines eigenen Schiffes bestanden. Nach welchem Verfahren wurde dieser Baustoff gewonnen? Die chemische Analyse würde kaum viel helfen. Gewiß, es mußte eine Legierung zweier Gase sein. Darüber hatte der Film keinen Zweifel gelassen. Aber auf welchem Wege wurden sie zu dieser Verbindung als starres Metall gezwungen?

Alles, die Hülle des Schiffes, die innere Einrichtung, die Gebrauchsgegenstände ... alles das gleiche grauschimmernde Leichtmetall. Die Formen zeigten hochentwickelte, künstlerische Linien.

In einem Raume, der anscheinend als Messe gedient, noch Geschirr mit Speiseresten. Es waren offensichtlich synthetische Lebensmittel. In einem Raum, der daran stieß, noch Vorräte solcher Speisen.

Wie lange waren die Uraniden geflogen? Mehr als vier Lichtjahre, länger als vierzig Billionen Kilometer ihr Weg ... Die Streitfrage, um die es noch immer auf der Erde ging ... war es möglich, durch fortwährende Beschleunigung die Fahrtgeschwindigkeit über die des Lichtes hinaus zu steigern ... oder die andere Meinung, daß ein Raumschiff trotz aller Beschleunigungen nie die Lichtgeschwindigkeit erreichte, daß aber die Zeit für die Weltenfahrer stillstand ... diese Streitfrage war für die Uraniden durch ihre Fahrt gelöst. War sie in dem letzten Sinne entschieden, so waren sie ja nur wenige Tage unterwegs gewesen, während auf ihrem Heimatsstern gleichzeitig viele Jahre verflossen. Aber wo war ein Anhaltspunkt, wie die Frage gelöst? Aus den noch vorhandenen Lebensmitteln war zunächst kein sicherer Schluß zu ziehen. Erst durch eine chemische Untersuchung konnte man der Frage näherkommen.

Eine Überraschung bot eine kleine Kabine, anscheinend der Wohnraum des Kommandanten. Einige Bilder an den Wänden. Familienangehörige vermutlich. Zwei Frauenköpfe, ein paar Kinderfiguren. Gewisse Ähnlichkeiten in den Zügen der Kinder ließen auf Verwandtschaft mit dem Führer schließen. Die natürlichen Farben der Bilder zeigten eine Bevorzugung der bläulichen und violetten Töne, brachten etwas Fremdartiges in die Figuren, obwohl die Gesichtsbildung durchaus derjenigen irdischer Menschen entsprach.

Lee erstaunte, überlegte. Aber freilich, es mußte so sein. Die Uraniden wohnten ja im Scheine einer viel heißeren Sonne. Viel weiter nach der blauen Seite des Farbenspektrums hin lag das Strahlungsmaximum jenes Feuerballes, der ihren Planeten beleuchtete. Ebenso wie das Menschenauge sich in unendlich langer Entwicklung der Sonnenstrahlung angepaßt hatte, deren Höchstwert im Grüngelb liegt, so das Auge dieser Uraniden an die stärkere blaue Strahlung ihrer Sonne.

Auch ihre Körpergröße unterschied sich von der irdischer Menschen. Wohl um Hauptes Länge mußten sie die durchschnittlich überragen. Untrüglich ging das aus den Abmessungen der Möbelstücke hervor. Die im allgemeinen verblüffende Übereinstimmung dieser Sternenmenschen mit den Erdbewohnern war nur so zu erklären, daß ihr Heimatstern ganz ähnliche physikalische Verhältnisse und Lebensbedingungen bieten mußte wie die Erde. Nur dann konnten ja dort nach dem Grundsatz von der Universalität der Naturgesetze menschengleiche Wesen entstehen.

Lange stand Lee vor den Bildern dieser Uraniden. Wie mochten die jetzt des kühnen Mannes gedenken, des Vaters ... des Gatten. War es den Weltraumfahrern möglich gewesen, in radiotelegraphischer Verbindung mit dem Heimatstern zu bleiben? Wußten die, welch trauriges Schicksal ihre Lieben ereilt? ... Unüberbrückbar für irdische Technik diese Riesenentfernung – – –

Wie wohlig das Gefühl für ihn und seine Genossen, mit den Angehörigen auf der Erde jederzeit Nachrichten austauschen zu können ... Hortense! Seine Gedanken flogen zu ihr. Mit zärtlicher Ungeduld erwartete er schon längst Antwort auf seine Siegesdepesche. Seine Gedanken gingen weiter. Wie lange würde es dauern, und sie kam mit van der Meulen, Violet hierher. Sein Glück vollkommen dann.

Er durchsuchte noch einmal das ganze Schiff. All sein Interesse war darauf gerichtet, die Ursache zu entdecken, die jene zu der Notlandung hier auf der Venus genötigt. Eine Notlandung mußte es gewesen sein, denn sonst hätten sie die im Verhältnis zu ihrer Riesenfahrt winzig kleine Strecke bis zur Erde auch noch zurückgelegt. Sorgfältig prüfte er jeden Teil, jeden Hebel der Apparatur ... und wurde an sich selber irre. Da mußten doch lebenswichtige Teile des Triebwerkes fehlen ... Hatte man sie herausgenommen, um sie zu reparieren? ... Oder wo waren sie geblieben? Vergeblich suchte er die Lösung des Rätsels. Trat jetzt in die Öffnung der Außentür. Sein Blick ging zu dem zweiten Empfangsapparat aus dem »Jonas Lee«, den Hierra hier aufgestellt hatte. Er sah schärfer hin. Das Morserad lief. Er eilte hinzu, nahm das Papierband in die Hand, las ...

Der Glückwunsch aus Buena Vista ... die Namen van der Meulen, Hortense, Violet ... die »Buena Vista« startbereit. Das war das wichtigste. In 36 Stunden würde sie landen. Seine Gedanken verwoben sich mit dem Schiff. Es war in allen seinen Teilen gebaut wie der »Jonas Lee«. Sein Führer Juan Urdaneda, ein unbedingt zuverlässiger, tüchtiger Ingenieur. Er würde seine Lieben sicher hierherführen ...

Doch vorher ... Canning würde kommen ... Dies Zusammentreffen von Menschen, die gemeinsames Schicksal zu verbinden ... nicht loszulassen schien ... ein Konflikt mit denen in der »Arizona« ... er konnte ihm ruhiger entgegensehen. Die Verstärkung seiner Macht durch das zweite Schiff war in jeder Beziehung wertvoll, da weitere Schiffe aus der nordamerikanischen Union vorläufig nicht zu erwarten waren.

Sein Auge ging zur Sonne. Die neigte sich dem Saume der riesigen Ebene im Westen zu. Bevor das Tageslicht schwand, mußten sie wieder da sein, seine Gefährten.

Ob Ricardo und seine Brüder etwas gefunden? Die Frage so wichtig! Und doch in seinem Innern kaum ein stärkerer Grad der Spannung. Alles, was sein Hirn aus dem hier Gesehenen kombiniert, ließ ihn nur geringe Hoffnung haben.

›Vielleicht ist es besser so‹, murmelte er resigniert. ›Er ist der Größere. Er weiß, was der Menschheit gebührt. Die Erfahrung steht auf seiner Seite.‹

Ronald Lee schritt zu dem einzelnen Baum, unter dem die Kranken gelegen. Unter einer Glasglocke ein Apfel. Er nahm ihn in die Hand. Eine köstliche Frucht dem Äußeren nach ... und doch die Bilder ... dies warnende Weisen und Deuten auf die Frucht. Ein Erdbewohner hätte vielleicht ein Kreuz dabei gemacht.

Von diesen Früchten hatten die Uraniden gegessen. Ahnungslos, getäuscht durch das prächtige Aussehen, den würzigen Duft. Jeder seiner Gefährten hatte den Apfel gesehen, jeder den anderen gewarnt ... Gedankenverloren steckte er ihn in die Tasche. Wenn der »Jonas Lee« zurückkam, wollte er die Frucht für eine spätere chemische Untersuchung konservieren ...

Der »Jonas Lee«! Da kam er von Süden herangeflogen, stand wenige Sekunden später über seinem Kopf, landete. Ein paar tausend Flaggen in den Farben der südamerikanischen Union waren von ihm über Nova America abgeworfen, völkerrechtlich unbestreitbar das Land dadurch in Besitz genommen.

Hierra gab einen kurzen Bericht, doch nicht viel Neues konnte er erzählen. Die Fahrt des »Jonas Lee« war in geringer Höhe mit solcher Schnelligkeit vor sich gegangen, daß sie kaum mehr als bei ihrer ersten Landung festgestellt hatten. Das eine war sicher, daß es sich hier um einen auf allen Seiten von breiten Weltmeeren umgebenen Venusteil von etwa der Größe Afrikas handelte, dessen schmale Südspitze eben noch in die Äquatorialzone hineinreichte. Das Land von großen Wäldern und Grasebenen bedeckt, die von zahlreichen Flüssen durchzogen waren. Die Alpenkette verflachte sich nach Süden zu.

Während Hierra noch sprach, näherten sich vom südlichen Waldrande her Ricardo und seine Brüder. Näherkommend schwenkte Ricardo den Hut, wies auf die Brüder, die unter der Last einer geschossenen Antilope keuchten.

»Die einzige Beute! Sonst nichts. Keine Spur, kein Zeichen, daß, wo wir gesucht, Uraniden gewesen.«

Während Lee mit Hierra in das Schiff zurückging, um die formelle Besitzergreifung von Nova America der Regierung in Buenos Aires zu melden, zündeten die Brüder ein Feuer an. Wenige Minuten später drehte sich der Ziemer am Spieß über den Flammen.

Die Nacht brach herein ... die erste Nacht auf der Venus.

»Die ›Arizona‹ kann nicht mehr weit sein, Mr. Lee«, sagte Professor Royas und trat mit ihm ins Freie. »Es wäre vielleicht besser, das Feuer zu löschen. Denn warum sollen wir jenen die Landung erleichtern. Sie werden bei dieser Beleuchtung große Schwierigkeiten haben, den Lagerplatz der Uraniden anzusteuern.«

Lee überlegte einen Augenblick, wollte dann den Befehl geben, das Feuer zu löschen. Da brach ein heller Blitz aus den Wolken. Alles sprang auf, schaute nach oben.

»Ein Scheinwerfer der ›Arizona‹!« rief Hierra, »nichts anderes kann es sein!« Brummte dann vor sich hin: »Der Braten kann uns vielleicht teuer zu stehen kommen. Verflucht das Feuer!«

Ein paar erwartungsvolle Sekunden ... dann senkte es sich schwarz und massig aus den Wolken herab. Nur etwa zwei Kilometer nach Norden von dem »Jonas Lee« entfernt setzte die »Arizona« auf den Venusboden auf.

*

Auch die »Arizona« glücklich gelandet. Durch die offene Tür betraten die Insassen den Venusboden. Doch hier kein frohes Jubeln und Hurrarufen. Wohl steckte Canning den Flaggenstock in den Boden und brachte drei Cheers auf das Sternenbanner aus. Doch das Echo seiner Genossen war nur schwach. Alle hatten, als das Schiff die Wolkenwand durchstieß, den Feuerschein am Venusboden gesehen. Das helle Licht ihrer Scheinwerfer hatte ihnen gezeigt, daß es wahr geworden ... der »Jonas Lee« am Lagerplatz der Uraniden gelandet.

Die Dunkelheit verbot ein Durchforschen, Besichtigen der Umgebung. Bedrückt, mit verdrossenen Gesichtern begab sich einer nach dem anderen von der Mannschaft der »Arizona« zur Ruhe.

Canning stand am Sendeapparat. Seine Gedanken weilten bei William Harrod, dem er soeben die Nachricht von der Landung übermittelt. Im Stillen hatte er gehofft, daß Lee vielleicht den Platz, an dem das Uranidenschiff gelandet, noch nicht gefunden. Daß er selbst vielleicht doch noch das Glück haben könne, wenigstens dies Ziel als erster zu erreichen ... das Erbe der Uraniden.

Wieder die harte Hand des Schicksals, wie er sie in seinem Leben schon so oft gespürt. Diese technischen Meisterwerke ... diese für Menschengeist noch unerreichbaren technischen Leistungen ... Sicher noch viel mehr, als der Film gezeigt, bot die Hinterlassenschaft der Uraniden ... Und der, der ihm schon so viel geraubt, Ronald Lee, in ihrem Besitz.

Seine Gedanken gingen zu seinem kostbaren Schatz, seinem treuen Diener, dem Strahler. Er hatte ihn bei sich. Doch wie ihn hier verwenden? Unmöglich! ... Ha! Er sprang auf. Der andere Diener ... Auch er bisher treu und gut. Sarata ... Vielleicht, daß er ...

Er ging in seine Kabine, wo der Inder in einer Ecke am Boden sein Lager aufgesucht hatte, sprach mit ihm.

Der nickte. Verließ das Schiff. Schritt in der Richtung des Uranidenlagers in die dunkle Nacht. – – –

»Hallo! Hallo, Juan! ... Wahrhaftig, der Kerl schläft.«

Ricardo beugte sich zu Boden, rüttelte den Bruder. »Du bist mir ein schöner Wachtposten. Den ›Jonas Lee‹ mit seinen sämtlichen Insassen hätten die stehlen können. Will hoffen, daß du noch nicht lange eingeschlafen bist. Schweig nur um Gottes willen still, daß die anderen nichts erfahren. Marsch ins Schiff! Ich löse dich ab.

Juan! Hörst du denn nicht? Verstehst du mich denn nicht?«

Er trat erstaunt einen Schritt zurück. Der Bruder schien in einem bleiernen Schlaf gelegen zu haben. Schien mit Mühe das Bewußtsein wiederzuerlangen. Jetzt ... er reckte sich, erhob sich halb, sank dann, wie der Ermüdung nachgebend, wieder zurück.

»Juan! Was soll das? Ich kenne dich nicht wieder ... Oder bist du krank?«

Er griff dem unter die Arme, hob ihn empor. Der taumelte, stützte sich schwer gegen einen Baum.

»Juan, du bist krank?!«

Der Bruder schüttelte den Kopf, strich sich mit der Hand schwer über die Stirn.

»Krank? Nein, Ricardo ... Ich bin nur sehr müde ... mein Kopf ... er ist so schwer ...«

»Ein Fieber, das über dich gekommen ...«, unterbrach ihn Ricardo. Er griff seine Hand, fühlte den Puls. Schüttelte den Kopf.

»Nein, der Puls ist durchaus in Ordnung. Doch komm! Setze dich hier an den Baumstamm ... Die kühle Nachtluft wird dir besser sein als der Aufenthalt im Schiff.

Und nun berichte einmal! Wie hast du dein Übelbefinden zuerst verspürt? Wie kam das über dich?«

Juan Stamford besann sich eine Weile. Sprach dann:

»Ich mochte wohl seit einer Stunde hier den Wachtposten übernommen haben. In der Richtung nach Norden glaubte ich ein paarmal ein leises Geräusch zu hören, als nähere sich irgendein Tier. Doch dann war es wieder still. Ich hörte nichts mehr ... und dann wieder ...« Er sann lange, sprach dann mit abgerissenen Worten, »dann war's ... war mir's, als lege sich etwas Dunkles, Schweres über mich. Meine Sinne begannen zu schwinden ... ich wehrte mich vergeblich ... und dann ... war's ein Traum ... war's Wirklichkeit? ... Noch hatte ich Spuren von Bewußtsein ... dann sprach eine fremde Stimme zu mir. Fragte mich ... ich antwortete ...«

»Du hast geträumt, Juan. Die Fülle der Ereignisse der letzten Stunden hat deinen Geist übermüdet.«

Juan schüttelte den Kopf. »Immer mehr sage ich, es war kein Traum ... war Wirklichkeit ... Aber nein, es kann ja nicht sein ...«

»Gewiß! Du hast geträumt! Nichts anderes. Geh jetzt in das Schiff, schlafe! Der morgige Tag wird vielleicht einige Überraschungen bringen.«

Ricardo schaute dem Bruder, der langsam dem Raumschiff zuschritt, nachdenklich nach. Seine Augen gingen ein paarmal mißtrauisch nach Norden.

›Ich werde das doch morgen früh Mr. Lee mitteilen.‹ – – – –

»Sie haben nichts gefunden, Mr. Canning.«

»Nichts?!« stieß der mit heiserer Stimme heraus. »Unmöglich! Da steht ja noch das Uranidenschiff.«

Sarata zuckte die Achseln. »Ich kann nur sagen, was jener Tölpel mir im Tiefschlaf verriet. Gewiß. Man hat allerlei Gegenstände gefunden, aber nichts von Belang ...«

»Belang! Was willst du damit sagen? Von Belang ist alles, was die da zurückgelassen haben.«

»Nein! Ich meinte das, worauf die Welt so gespannt, so neugierig ... Die Filme! ... Die Dokumente! ... Dinge, die von besonderem technischen Wert ...«

Canning schaute den Inder mißtrauisch an.

»Wie willst du das festgestellt haben?«

»Nun,« sagte Sarata, »man hat schon stundenlang danach gesucht ... nichts gefunden.«

»Ah!« Canning trat erstaunt einen Schritt auf den Inder zu. »Dann leben also noch einer oder mehrere von der Besatzung des Uranidenschiffes, die diese Dinge mitgenommen haben?«

»Es muß so sein, Mr. Canning. Denn wo wären sie sonst hin verschwunden?«

»Gut! Gut!« murmelte Canning vor sich hin. »Noch bietet das Schicksal eine Chance. Auch wir werden suchen, sobald der Tag anbricht. Vielleicht, daß wir glücklicher sind ... Halt, Sarata! ...«

Ein plötzlicher Gedanke war in Canning aufgeblitzt. Er ergriff den Inder heftig an der Schulter, hielt ihn fest.

»Deine Kunst ... warum sollen wir sie hier nicht versuchen? ... Vielleicht, daß sie uns hilft ... uns einen Fingerzeig gibt ...«

Der Inder zögerte einen Augenblick. »Sarata ist müde ... später ...«

»Nein! Sofort! Jetzt sofort! Ich lasse dich nicht. Wo befindet sich der Schatz der Uraniden? Die Frage ... du wirst, du mußt sie beantworten können.«

Unter den zwingenden Blicken Cannings gab der Inder nach. Er setzte sich mit gekreuzten Beinen auf die Erde. Seine Rechte umklammerte die Elfenbeinkugel.

Minuten verstrichen. Seine Pupillen wurden starr. Der Atem ging kaum merkbar. Er lag im magnetischen Schlaf. Da plötzlich ... der Körper bebte in konvulsivischen Zuckungen. Die weit geöffneten Augen verrieten Schrecken ... Entsetzen. Der Mund stammelte wirre Rufe.

Canning sah besorgt den eigentümlichen Zustand des Inders, suchte vergeblich zu erraten, was der Grund dafür. Dann plötzlich, als wolle er flüchten vor einer Gefahr, sprang der Inder auf, klammerte sich an Cannings Schultern.

Der entsann sich früherer hypnotischer Experimente. Ein Versuch ... vielleicht, daß es gelänge, den Inder zu wecken. Er griff dessen rechten Arm. Seine Linke strich über die Stirn Saratas, die, wie von Angstschweiß bedeckt, kalt ... naß war.

»Wach auf! Wach auf!« gab er im Geist den Befehl. Endlich ... es mußte gelungen sein ... Sarata wurde ruhiger. Die Starre seines Körpers löste sich. Er sank zu Boden. Canning kniete neben ihm nieder.

»Sage mir, was du sahst. Der Schatz der Uraniden! Wo ist er? ... Wer hat ihn?«

Da! Kaum, daß die Frage an sein Ohr gedrungen, fing Sarata wieder an zu zittern. Seine Augen füllten sich mit Entsetzen, Schrecken. Seine Hände gingen abwehrend zu Canning.

»Niemals fragen Sie wieder! ... Niemals! Ich müßte sterben, wenn ich das Bild noch einmal sähe ...«

»Sarata! Bist du ein Kind? Diese Frage, wie kann sie dich so erregen? Was sahst du? Sprich!«

»Niemals wirst du's erfahren!« Der Inder sprang auf.

Wie von Furien gehetzt, lief er davon, verschwand im Schiff.

*

Ronald Lee saß in seiner Kabine. Vergeblich hatte er Schlaf gesucht.

Der Schatz der Uraniden! Schon längst hatte er die Nachricht zur Erde gegeben ... von dem Verschwinden der wichtigsten, kostbarsten Teile des Schatzes ... von dem vergeblichen Suchen nach ihrem Verbleib. Ein bitterer Tropfen in dem Freudenbecher so vieler Tausende da unten ... für seine Gefährten ... für ihn? ... Ja! ... Nein! ...

Er verwarf die Grübeleien, die sich ihm aufdrängten, ihn wieder martern wollten! Und doch! Trotz allen Zweifeln ... der kleine Funke Hoffnung, daß man ... daß er sie doch noch fände ...

Morgen ... und wenn nicht morgen, übermorgen ... Lebte noch einer der Uraniden, konnte er nicht allzu weit gelangt sein. Der kleine Funke Hoffnung beharrlich in ihm glühend ... Jetzt Canning da ... er vielleicht der Glückliche ...

Alles in ihm wallte auf, sträubte sich unwillig gegen den Gedanken ... Dem das Suchen verbieten! War's nicht Lee's Recht? Stand es nicht in seiner Macht? ... Zwar war er Engländer geblieben. Aber die südamerikanische Regierung hatte ihm weitgehende Vollmacht gegeben. Doch was tun, wenn der sich weigerte?

Er ging zur Kabine Hierras, weckte ihn, sprach lange mit ihm. Dann begaben sie sich zu dem Radiosender, schickten einen chiffrierten Ruf an die Regierung in Buenos Aires. Der Depeschenwechsel dauerte lange. Je länger er dauerte, desto deutlicher fühlte Lee, wie man einer strikten Beantwortung seiner Frage, eventuell mit Waffengewalt den lästigen Gegner fernzuhalten, auswich.

»Lassen wir's genug sein, Señor Hierra. Wir werden nicht klüger dabei. Man will die Verantwortung nicht tragen ... das ist deutlich zu erkennen ... will uns keinen direkten Auftrag geben, hier eventuell Gewalt anzuwenden.

Mir selbst, Sie werden mir's glauben, wäre es natürlich auch in höchstem Grade unerwünscht, mit den anderen, mögen sie auch unsere Nebenbuhler sein, in blutigen Streit zu geraten. Haben sie doch ebenso wie wir ein so kühnes, gefährliches Unternehmen vollendet ...

Und doch! Es wäre nicht ausgeschlossen, daß es die Lage verlangte ... Gewalt ... Jedenfalls will ich insofern nach der Weisung der Regierung handeln und morgen früh Professor Royas zu Mr. Canning schicken. Es trifft sich gut, daß Royas ein Bekannter des Oberst Robartson ist. Robartson ist ein vernünftiger, anständiger Charakter. Vielleicht, daß sich durch seine Vermittlung alles zum Guten wendet ...

*

»Ah! Sie wollen uns besuchen, Mr. Royas. Die Ehre! Ich hatte Sie trotz unserer alten Bekanntschaft kaum erwartet.«

»Oh!« erwiderte der Professor lachend, schüttelte dem Oberst kräftig die Hand. »Der Wirt muß doch seine Gäste begrüßen.«

Oberst Robartson verzog ein wenig das Gesicht, die eine Hälfte wie lachend, die andere wie ernst.

»Wirt? ... Gäste, mein lieber Royas? Sie betrachten uns als Ihre Gäste?«

»Nun, gewiß, Mr. Robartson. Wir sind die Herren des Landes. Es ist von uns in formeller Weise in Besitz genommen ...«

»Und wir sind ungebetene ... unerwünschte Gäste in Ihrem neuen Reich?«

»Nun, mein lieber Oberst ... nicht ganz. Unerwünscht ... ungebeten ... wie man's nimmt.«

»Es hängt von unserem Verhalten ab, wollten Sie sagen«, vollendete Robartson dessen Worte.

»Das trifft wohl zu, Colonel. Und Ihrem Führer, Mr. Canning, das zu sagen, bin ich hierhergekommen.«

Oberst Robartson machte ein bedenkliches Gesicht.

»Ich will mich mit Ihnen, lieber Royas, nicht in einen Streit einlassen, ob Ihr Standpunkt richtig ist oder nicht. Ich möchte Ihnen nur sagen, daß Sie bei Mr. Canning unbedingt auf Widerstand stoßen werden. Er hat mit uns den Fall schon besprochen. Er ist entschlossen, keinen Fußbreit von hier zu weichen.«

»Sie wissen vielleicht nicht, daß wir diesen ganzen Venusteil überall mit Flaggen beworfen haben. In einer Weise, die nach völkerrechtlichen Begriffen der Erde einen unangreifbaren Besitztitel gibt.«

Der Oberst runzelte die Stirn. »Ah! Das hätten Sie schon getan? Allerdings! ... Das wäre ... Doch einerlei! Meine persönliche Meinung ist ja nicht maßgebend. Mr. Canning, ich versichere es Sie nochmals, wird sich durch nichts bewegen lassen, hier fortzugehen ... oder gar ... Nun, ich denke, so weit werden Ihre Ansprüche nicht gehen, die ganze Venus okkupiert zu haben ... also die Venus überhaupt zu verlassen.

Doch kommen Sie! Da tritt eben Mr. Canning aus dem Zelt. Wir wollen ihm entgegengehen. Er beabsichtigt, eine größere Streife in die Umgegend zu machen.« – – –

Mit gleichmütigen Mienen hatte Canning Professor Royas sprechen lassen. Kein Zug in seinem bleichen Gesicht veränderte sich, als er jetzt kurz die Antwort gab.

»Wollen Sie Ihrem Auftraggeber, Mr. Lee, bestellen, daß ich das Besitzrecht der südamerikanischen Union über diesen Venusteil nicht anerkenne.«

»Vergessen Sie nicht die eventuellen Konsequenzen, Mr. Canning. Die Okkupation ist unserer Regierung mitgeteilt. Die hat unsere Handlung für gültig, bindend erklärt. Bedenken Sie also, daß hinter meinen Worten auch die Regierung der südamerikanischen Union steht.«

»Sie sprechen von Konsequenzen ... eventuellen Konsequenzen, Mr. Royas ... So bestellen Sie auch weiter, daß ich alle Konsequenzen zu tragen wissen werde ...« Mit einer leichten Verbeugung verabschiedete er sich, ging zu einer Gruppe von fünf seiner Gefährten, die bewaffnet auf ihn warteten.

»Vorwärts! Unser erstes Ziel jene Schlucht dort im Osten hinter dem Uranidenlager ...«

»Mr. Robartson,« Royas wandte sich erregt an den, »in der Schlucht die Gräber der Uraniden ... Lee ... auf keinen Fall wird er dulden, daß die vielleicht mit gierigen Händen sie durchwühlen. Ein Unglück würde entstehen ... ich warne Sie. Versuchen Sie Canning zurückzuhalten!«

Robartson schüttelte den Kopf.

»Ich würde es vergeblich versuchen. Sie kennen Canning nicht. Und wenn Sie ihn kennten, würden Sie ihn jetzt kaum wiedererkennen. Diese Niederlage, der Zusammenbruch all seiner Hoffnungen haben ihn bis zur Unkenntlichkeit verwandelt. Dieser nur durch ein Wunder vermiedene Zusammenstoß der beiden Schiffe, ob ein Versehen oder Schuld, wir wollen darüber nicht sprechen ... seine Nerven zum äußersten gespannt ... er ist zu allem fähig.«

»So möge es kommen, wie es wolle! Ich habe alles getan, was in meinen Kräften stand.« Royas verabschiedete sich mit einem kurzen Händedruck und schritt eilig seinem Lager zu. Dort traf er alles in höchster Erregung. Die drei Brüder Stamford hatten ihre Waffen geholt, drangen in Lee, der bleich, mit zusammengebissenen Zähnen dastand und überlegte.

Schon hatte sich Canning mit seinen Gefährten auf dreihundert Schritte dem Eingang der Schlucht genähert ...

Da! ... Als hätte eine unsichtbare Hand sie zu Boden geschleudert, stürzten die zur Erde. Auch Lee selbst und die um ihn, kaum hielten sie sich auf den Füßen.

Ein rasender, wirbelnder Stoß, dem ein langnachhallendes Donnern und Krachen folgte. Wie gebannt starrten alle nach der Schlucht hin, von der das Dröhnen kam. Wo war die jetzt?

Die ungeheuren Staubwolken, die darüber lagerten ... jetzt vom Wind weggerissen wie die Schleier von einem Bild ... die Schlucht verschwunden ... die steilen Hänge wie die Kulissen einer Dekoration zusammengebrochen ... im Sturz mit ihren Massen die Schlucht füllend. Ein einziges großes Massengrab der Natur für jene toten Weltenfahrer.

Keine menschliche Hand, die es wagen könnte, diese Massen wegzuschaffen, die Ruhe der Toten zu stören.

Das plötzlich so unerwartet auftretende Ereignis hatte alle in Schrecken und Staunen versetzt. Ein Erdbeben ... unwillkürlich gingen alle Blicke zu dem Vulkankegel. Warf der stärkere Rauchwolken aus? ... Nein! Unverändert, so wie sie sie zuerst gesehen, die dünne, dunkle Säule über seiner Spitze.

Ein Erdbeben, so lokal begrenzt, daß sie nicht die starken, wellenartigen Bodenerschütterungen verspürten ... wie war das möglich?

Ein kleines tektonisches Beben ... anders keine Erklärung.

*

»Sie bestehen also darauf, mitzufahren, Miß Violet?«

»Aber natürlich, Mr. van der Meulen. Immer wieder diese Frage. Und nun gar jetzt, wo das Schiff in einer Viertelstunde fahren soll.«

»Ja, liebe Violet, ich sehe keinen triftigen Grund, daß Sie die immerhin nicht ungefährliche Fahrt mitmachen wollen. Ihre Liebe, Ihre Anhänglichkeit an Hortense in Ehren. Aber Sie dürften sich vielleicht nicht ganz klar darüber sein, wie zunächst unser Leben auf der Venus sein wird. Sie werden viele der Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten von Buena Vista da oben vermissen.«

»... Und daß ich meinen Bruder Ronald gern wiedersehen möchte, ist für Sie auch kein triftiger Grund, Mr. van der Meulen?«

»Oh, das wäre schon ein Grund, wenn nicht die Trennung erst einige Tage alt wäre.«

»Mögen Sie sagen, was Sie wollen! Ich will doch mitfahren. Ein Traum versprach mir, ich würde etwas Schönes erleben.«

Van der Meulen lachte laut.

»Allerdings! Dann, Miß Violet, will ich kein Wort mehr sagen. Der schöne Traum schlägt alle anderen Gründe. Möge er wahr werden! ... Hortense jedenfalls wird sich freuen. Ah, da kommt sie mit Admiral Serrato.«

In Begleitung des Admirals kam Hortense auf das Haus zugeschritten. Als sie eintraten, schritt van der Meulen ihnen entgegen.

»Ein neues Telegramm, Herr Admiral. Das erste Zusammentreffen der beiden Parteien schon gleich ein Zusammenstoß. Ich begrüße Ihre Mitfahrt jetzt doppelt. So oder so! Mr. Canning wird sich der Autorität unserer Regierung, die sich in Ihrer Person verkörpert, nicht entziehen können. Lesen Sie die Depesche.«

Die Brauen des Admirals zogen sich beim Lesen zusammen.

»Ein glücklicher Zufall ... so muß ich's nennen ... hat diesmal noch den offenen Streit verhindert. Ich lese zwischen den Zeilen, daß Lee auf keinen Fall ein Öffnen der Gräber geduldet haben würde.«

»Ich verstehe nicht, Herr Admiral, daß sich die nordamerikanische Regierung weigert, Canning gemäß der veränderten Situation Instruktionen zu geben. Einerseits erkennt sie, wenn auch mit starken Kautelen, ein vorläufiges Besitzrecht der südamerikanischen Union auf den Venusteil Nova America an. Andererseits weigert sie sich, ihrem Mann dementsprechende Order zu geben.«

»Sie sagen, Señor van der Meulen, die nordamerikanische Regierung habe unseren Besitz anerkannt, wenn auch unter Kautelen ... Ja, die Kautelen sind derartig, daß man von einer Anerkennung kaum sprechen kann. Ihre Erklärung zu den Pressestimmen vor dem Flug der ›Arizona‹ ist schon bezeichnend genug.

Damals, als jedermann fest überzeugt war, die ›Arizona‹ würde zuerst auf der Venus landen, überschlugen sich die nordamerikanischen Zeitungen. Einstimmig waren sie alle der Meinung, daß der Venusteil, der von der ›Arizona‹ angesteuert und zuerst erreicht würde, zweifellos nordamerikanisches Eigentum sei. Schon allein das Aufpflanzen der einen Flagge kennzeichne die gültige Besitznahme. Ein Auswerfen von weiteren Flaggen erübrige sich, da ja schon vor der Landung der Venusteil in seiner ganzen Ausdehnung von den Raumfahrern gesehen, festgestellt werden könne, ein Zweifel über die Ausdehnung und Größe des Gebietes bei der Aufpflanzung der einen Flagge daher nicht möglich sei.

Jetzt erklärt die nordamerikanische Regierung all diese Presseäußerungen ... es waren darunter auch offiziöse ... für nicht verpflichtend, für unmaßgebliche Privatäußerungen. Behauptet, daß durch die Landung eines Schiffes mit so geringer Besatzung unmöglich ein Gebiet von solcher Größe in Besitz genommen werden könne.

Es fehle für die Besatzung die Möglichkeit, ihre Hoheitsrechte erforderlichenfalls überall ausüben zu können, wobei es ohne Bedeutung sei, daß bei der Landung auf der Venus andere Menschen nicht vorhanden waren. Wie sich die Verhältnisse weiter gestalten werden, wird viel davon abhängen, ob und von wem die Hinterlassenschaft der Uraniden gefunden wird.«

Van der Meulen nickte.

»Ja, ja! Und da lese ich aus Lees Telegrammen eine auffällige Resignation heraus. Er hat doch in seinen Depeschen an Worten nicht gespart. Aber nichts zeigt an, daß er über das bisherige Nichtfinden des Schatzes besonders deprimiert wäre. Ich muß fast annehmen ... anders kann ich das nicht verstehen ..., daß er wenig Hoffnung hat, ihn je zu finden.«

»Dann müßte er ja wohlbegründeten Anlaß zu der Vermutung haben, daß jene Hinterlassenschaft der Uraniden in der Schlucht verborgen war und durch das Erdbeben mitverschüttet wurde.«

»Gewiß, Herr Admiral, Ihre Annahme ist durchaus berechtigt. Und doch besteht eine kleine Lücke. Es steht ja doch keineswegs fest, daß sämtliche Uraniden tot sind. Allerdings spricht Lees Bericht von dem Grabe des zwölften, letzten Uraniden.

Doch das ist mir unbegreiflich. Der, der den letzten, will sagen: den zwölften, begraben hat, der muß jedenfalls doch noch dasein. Allerdings ... er kann inzwischen auch gestorben sein. Aber solange man seine Leiche nicht hat, besteht doch immer noch die Hoffnung, ihn zu finden ... und mit ihm den Schatz.«

»Vergeblich unser Grübeln ... unser Raten, Señor van der Meulen. In anderthalb Erdentagen werden wir bei ihnen sein. Werden selbst an Ort und Stelle des Rätsels Lösung zu ergründen suchen.«

Van der Meulen schaute zu Hortense, die stumm dagesessen, kein Wort zu der doch zweifellos interessanten Frage geäußert hatte. – Wieder? ... Van der Meulen blickte prüfend in ihr Gesicht. Wie hatte sie schon bei der ersten Nachricht fast gleichgültig die Achseln gezuckt! Die Worte der Depesche ... durch die Radiowellen über die ganze Welt verbreitet ... in der ganzen Welt ein Rätselraten. Ungeheuer das Aufsehen, das die Depesche überall hervorrief ... er selbst, van der Meulen ... seine Gedanken, ununterbrochen beschäftigten sie sich mit der Frage, weilten bei Lee ... verfolgten dessen Tun auf Schritt und Tritt ...

Wußte Hortense mehr? ... Was wußte sie denn? ... Was konnte es sein, das diese Wandlung bei ihr hervorrief? ... Sie gerade, die bisher mit solch großem Interesse alles verfolgte, was Lee tat, sann ...

Immer schon hatte er fragen wollen. Doch irgend etwas schloß ihm immer wieder den Mund. Sobald er die Lippen dazu ansetzte, fühlte er sich gehemmt. Irgend etwas hielt ihn ab, zu fragen ... zu rühren an dem Geheimnisvollen, Rätselhaften, Dunklen, was sich mit unsichtbaren Fäden zwischen den gleichgestimmten Seelen zu weben schien.

»Das tollste wäre es, wenn es der Harrodschen Expedition gelänge, den Letzten der Uraniden und ihren Schatz zu entdecken. In diesem Falle müßten doch die Bestimmungen des Gesetzes Anwendung finden, daß ein solcher Fund dem gehört, auf dessen Gebiet er gemacht wird. Denn daß das Uranidenlager und seine Umgebung, wo unsere Expedition nun tatsächlich ihre Gewalt ausüben kann, südamerikanischer Besitz ist, das dürfte doch auch von der nordamerikanischen Union kaum bestritten werden.«

Über Serratos Gesicht flog ein dunkler Schatten.

»Der Schatz! Seine Bedeutung so ungeheuer ... wer ihn findet ... er wird ihn zu behalten suchen ...«

»Unter Verletzung des Gesetzes?« fiel van der Meulen erregt ein.

»Macht geht vor Recht, van der Meulen!« Immer düsterer wurde Serratos Gesicht. »Wenn es Canning gelänge, unbemerkt den Schatz zu heben, mit ihm zur Erde zurückzufliegen, wir wären die Genarrten. Denn die große Macht ist vorläufig noch bei der nordamerikanischen Union. Ein Krieg deshalb? ... Unmöglich ...«

»Das sagen Sie? Sie, der Admiral Serrato, der Sieger von Coiba.«

Der wandte sich zur Seite, wie um sein Gesicht zu verbergen, in dem alles zuckte und bebte.

»Ich sage es in der Hoffnung, Señor van der Meulen, daß einst der Tag kommen wird, an dem unser Schwert aus der Scheide herausgehen wird zum Schlag ... an dem der Fluch jener Worte Monroes von uns genommen.« –

»Ich verlasse mich auf Sie, Señor Fontana.« Van der Meulen drückte dem Chefingenieur, der nach Lees Abreise die Werft leitete, die Hand. »Der Bau des ›Bolivar‹ muß in derselben Zeit beendet sein wie der der ›Buena Vista‹. Wir müssen den glücklich wiedergewonnenen Vorsprung ausnutzen. Die Regierung steht mit allen ihren Kräften hinter uns. Wenden Sie sich getrost nach Buenos Aires, wenn irgendwelche Schwierigkeiten entstehen sollten. Die Bauleute, Handwerker, die von der Werft mitfahren, müssen Sie so bald als möglich ersetzen. Doch Vorsicht bei ihrer Auswahl!«

Ein letzter Händedruck. Die Türen der ›Buena Vista‹ schlossen sich. Der Führer, Urdaneda, rückte den Fahrthebel an. Sekunden, dann folgte die ›Buena Vista‹ ihrem Schwesterschiff ›Jonas Lee‹. – – –

»Mr. van der Meulen, bitte, kommen Sie schnell hierher. Die günstige Konstellation des Mondes mit unserer Fahrtrichtung gibt uns Gelegenheit, jene Stelle, an der die Rakete aus Coiba landete, aus günstiger Nähe genau zu betrachten.«

In der Tat schoß die ›Buena Vista‹ in diesem Augenblick in kaum 10 000 Kilometer Entfernung an dem Trabanten der Erde vorbei. Es war erst zwei Tage nach Neumond. Nur eine schmale Sichel der in dieser Nähe gewaltig großen Scheibe strahlte in hellem Sonnenlicht. Der übrige Teil lag in der sehr viel schwächeren, ungewissen Beleuchtung des von der Erde reflektierten Lichtes.

»Dort drüben das Mare serenum!« rief van der Meulen. Serrato nickte über das Glas hinweg, trat dann plötzlich vom Okular zurück. Seine Mienen verrieten Überraschung, Erschrecken.

»Jene helle Stelle am nördlichen Rande des Mare serenum. Sehen Sie die auch?«

Van der Meulen verneinte, ging selbst an das Okular. Sprach nach kurzer Weile, die Augen immer noch am Okular.

»Ja, ja. Sie haben recht. Eine helle Stelle ... zwar winzig klein, aber doch ... der rötlich glühende Schein ... Vermuten Sie etwa ...?«

»Es kann nicht anders sein«, erwiderte der Admiral. »Es ist die Stelle, an der die Rakete aufschlug. Ihre Fracht ... der Pestbrocken, ist in voller Glut.«

»Er allein ... das wäre nicht das schlimmste«, murmelte van der Meulen vor sich hin. »Doch die Sache ist so wichtig ... wir dürfen einen kleinen Umweg nicht scheuen.«

Er eilte ans Sprachrohr, gab in die Zentrale den Befehl: »Beschleunigung abstellen! Ruder hart Backbord!«

Mit einer Eigengeschwindigkeit von etwa vier Kilometer in der Sekunde trieb die ›Buena Vista‹ näher an die Mondscheibe heran. Van der Meulen stand wieder neben Serrato, der durch das Fernrohr beobachtete. Ungeduldig erwartete er das Ergebnis. Da endlich! Der Admiral trat zurück. Sein Gesicht tiefernst.

»Der Brand hat um sich gefressen. Das Mondmassiv ist angegriffen, brennt mit.«

»Kein Zweifel«, murmelte van der Meulen, der an das Okular getreten. »So sind die schlimmen Befürchtungen doch wahr geworden. Die Folgen ... doch einerlei ... ehe wir nicht wissen, ob jemals der Brand von Coiba zum Erlöschen kommt ... können wir uns nicht besonders beruhigen. Auf alle Fälle müssen wir unsere Beobachtungen denen auf der Erde mitteilen.«

Während die ›Buena Vista‹ wieder ihren alten Kurs auf die Venus nahm, begannen ihre Sender zu arbeiten.

Die Nachrichten auf der Erde mit starken Zweifeln aufgenommen. Solange die Helikopterenwarten trotz Anwendung ihrer stärksten Vergrößerungen nichts davon konstatieren konnten, wollte man nicht an dieses neue Unheil glauben.

*

Einer ... mehrere der Uraniden mußten leben. Bei ihnen die Schätze! Die Mannschaften der beiden Expeditionen suchten im Wetteifer die weitere Umgebung des Uranidenlagers ab. Lees Gefährten waren in ihn gedrungen, den Leuten der ›Arizona‹ das Suchen, den Aufenthalt zu verbieten.

Lee hatte stets abgelehnt. Er sah deutlich genug, wie die anderen sich über seine Nachsicht ... fast konnte man es Gleichgültigkeit nennen ... wunderten. Es auch gar nicht verstanden, daß er persönlich sich kaum an dem Suchen beteiligte. Anders als Canning, der seine Leute stets begleitete. Alle waren bewaffnet. Lee hätte es seinen Leuten gern verboten, doch war die Gefahr, wilden Tieren zu begegnen, nicht von der Hand zu weisen.

Die Mittagsstunde kam heran. Alle waren schon zurückgekehrt. Als letzter kam jetzt Ricardo Stamford. Mißmutig stellte er sein Gewehr beiseite.

»Wo man hinkommt, überall sind die Burschen von da drüben schon gewesen. Machte heut einen weiten Marsch den kleinen Wasserlauf, der nach Süden geht, entlang. Fand da eine Feuerstelle. Die Asche noch warm. Daneben dies Zeitungsblatt.«

Er zog das abgerissene, zusammengefaltete Stück einer Zeitung aus der Tasche, reichte es Lee. Der warf einen kurzen Blick darauf. Der Titelkopf zum Teil verbrannt, doch erkannte man noch deutlich die Überschrift ›Daily Mail‹. Seine Augen glitten über die wenigen vom Feuer verschonten Zeilen ... der Inhalt ...

Er wandte sich zur Seite. Seine Augen preßten sich wie nachsinnend zusammen, wandten sich dann wieder zu Ricardo.

»Würden Sie die Stelle wiederfinden, wo Sie das Blatt entdeckten?«

»Aber selbstverständlich, Mr. Lee. Ich wäre ein schlechter Jäger, wenn mir das nicht gelingen sollte.«

»Nun, so möchte ich Sie bitten, mich nach dem Essen dorthin zu begleiten.« – – –

Zwei Stunden später stand Lee mit Ricardo Stamford an der Feuerstelle. Vorsichtig durchwühlte er die teilweise noch warme Asche. Da, ein größeres Stück schwarzverkohlten Papiers. Da es nicht zerbröckelt, die Schrift mit einiger Mühe noch lesbar. Lee beugte sich darüber ... las und las.

»Hallo, Mr. Lee! Was interessiert Sie so?«

»Oh ...« erwiderte der. Seine Hand fiel wie unabsichtlich auf den verkohlten Fetzen, der sofort zerstäubte. »Mir ist zufällig die Kopfschrift der Londoner Daily Mail in Erinnerung. Die Schrift hier ist anders. Das interessierte mich. Der Inhalt des Textes auf dem verkohlten Papier bestätigte meine Vermutung. Die Zeitung ist nicht in England gedruckt ...«

»Irgendwo in den Staaten?« vollendete Ricardo.

Statt einer Antwort erhob sich Lee, setzte das Fernglas an die Augen, untersuchte lange und genau die weitere Umgebung.

»Da wir einmal den weiten Marsch gemacht, wollen wir die Gelegenheit benutzen, diese Gegend genauer zu durchsuchen. Teilen wir uns. Ich wende mich dorthin nach Norden, Sie weiter nach Süden. In einem Bogen kehren wir dann zum Lager zurück.«

Wohl eine Stunde war Ronald Lee gewandert. Vergeblich suchte er nach Spuren menschlicher Anwesenheit.

Dieses Zeitungsblatt ... es schloß die Kette seiner Ahnungen ... Vermutungen. Wo waren sie, die er suchte? Wieder griff er das Glas, durchforschte genau die Landschaft vor sich. Das breite Wiesental stieg nach Osten hin zu leichtbewaldeten Höhen an.

Da! Durch eine breite Lücke der Baumkronen, doch weit dahinter, eine leichte Rauchwolke. Mit beschleunigten Schritten ging er dem Laufe des Baches entgegen, stieg die Anhöhe empor. Lief die letzte Strecke, als könne er nicht erwarten, die Stätte zu finden, von wo jener Rauch aufstieg.

Endlich hatte er die Höhe erreicht ... doch welche Enttäuschung. Dichtes Gestrüpp zog sich den entgegengesetzten Hang hinab. Kaum möglich, da durchzudringen. Und der Rauch? Trotz angestrengten Suchens keine Spur mehr zu sehen.

Er warf einen Blick zur Sonne. Die neigte sich schon dem westlichen Horizont zu.

›Zu spät für heut‹, murmelte er, ›doch morgen in aller Frühe werde ich's noch einmal versuchen.‹ Mißmutig wandte er sich um, schritt in der Richtung, die ihn zum Lager führen mußte. Ein paar Stücke undurchdringlichen Unterholzes zwangen ihn, den Bogen nach Norden größer zu nehmen, als er es vorgehabt. Er mußte sich beeilen, wenn er noch vor Sonnenuntergang den Lagerplatz erreichen wollte.

Auf einer kleinen Höhe angelangt, suchte er mit dem Glas den Standort des Lagers zu erspähen. Der schimmernde Riesenbau des Uranidenschiffes gab ihm einen guten Anhaltspunkt. Eben setzte er den Fuß an, seinen Marsch fortzusetzen ... da, als hätte ein starker Ast seinen Kopf gestreift. Ein heftiger Schlag an der rechten Schläfe.

Noch glaubte sein Ohr den nachhallenden Knall eines Schusses zu hören ... dann schwanden ihm die Sinne. Er stürzte zu Boden.

*

»Unmöglich, daß Lee den Weg verfehlt hat!« sagte Ricardo, der schon längst zum Lager zurückgekehrt. »So viele Anhaltspunkte in der Gegend zeigen ihm die rechte Richtung. Er muß irgendwie verunglückt sein. Noch einmal sage ich es!«

Auch die anderen mußten jetzt die Wahrscheinlichkeit seiner Mutmaßung zugeben. In drei Kolonnen zu je zwei Mann begab man sich auf die Suche. Doch nicht lange, dann mußte man die abbrechen. Die Dunkelheit machte weiteres Nachforschen unmöglich.

Das Ungewöhnliche ihres Tuns war in Cannings Lager bemerkt worden. Man zeigte ungeheuchelte Teilnahme. Oberst Robartson und ein paar andere schlossen sich den Suchenden an. Die Nacht verging unter bangem Harren.

Kaum, daß der Morgen graute, ging man erneut auf die Suche. Schon bald war es den Brüdern Stamford als geübten Jägern gelungen, Lees Spuren zu finden. Und dann dauerte es auch nicht lange, so fanden sie ihn.

Sie fanden ihn ... Doch wie fanden sie ihn? Sie standen da auf der Höhe. Ein Ast in den Boden gesteckt. Lees Hut darauf. Und der? ... Der lag da, auf weichem Moos gebettet, den Kopf umhüllt von weißen Binden. Neben ihm eine Flasche mit einer Medizin.

Lee anscheinend in tiefem Schlaf. Seine Brust hob sich in gleichmäßigen Atemzügen. Das Bild ... unbegreiflich ... unfaßbar, was ihre Augen da sahen.

Was war mit Lee geschehen? Wer hatte ihn hier verbunden, niedergelegt? Die Arznei, von wem war sie?

Sie sahen sich gegenseitig an. Ratlos ... fragend ... wagten nicht, näher heranzugehen. Wagten nicht zu rufen. Die Brüder schauten sich scheu um. Unheimlich alles das ... so jeder Erklärung spottend. Uraniden?! ... schwebte es jedem auf den Lippen, doch keiner sprach es aus.

Von der anderen Seite her näherte sich die Kolonne, der sich Oberst Robartson angeschlossen hatte. Der rief ihnen zu. Sie wagten nicht zu antworten. Ricardo Stamford zog behutsam das Tuch aus der Tasche, winkte denen kurz zu. Die kamen näher, riefen. Keine Antwort von hier. Die beschleunigten ihre Schritte. Robartson kam als erster die Anhöhe hinangeeilt. Sah und stand auch da ... stumm. Die Augen wie in Entsetzen, Staunen weit geöffnet.

»Mr. Stamford!« rang es sich endlich von seinen Lippen, »was ist mit Ihnen? Was ist mit Lee passiert?«

Ricardo schüttelte den Kopf, flüsterte leise. »So fanden wir ihn. Er ist verwundet. Durch was? ... Wir wissen es nicht ... Jemand hat ihn gefunden, hat ihn verbunden. Ihm die Arznei gegeben ... die Flasche ist halbleer. Er ist wohl lange bei ihm gewesen, hat bei ihm gewacht.

Niemand von uns war hier in der Nacht ... Und Sie ..« Er sah Robartson fragend an.

»Wir waren auch alle zusammen im Lager. Keiner hat es verlassen.«

»Uraniden!« Von den Lippen des jüngsten der Brüder kam das Wort.

»Uraniden?« Der Oberst sprach das Wort mechanisch nach. »Wenn's kein Gott war ... nur Uraniden können es gewesen sein. Aber ... warum sind sie fortgegangen? Weshalb fliehen sie uns? Sie müssen doch wissen, daß wir hier sind ... Furcht? ... Nein, das kann es nicht sein. Rätsel über Rätsel.«

»Wir müssen ihn ins Lager bringen«, sagte jetzt Ricardo Stamford. »Die Sonne steigt, der Tag verspricht heiß zu werden. Der Verwundete wird Fieber haben. Eilen wir! Professor Royas wird die Pflege übernehmen.«

Schnell hatten sie aus starken Zweigen eine Bahre geflochten, legten den Verwundeten behutsam darauf, trugen ihn ins Lager.

Unbeschreiblich die Aufregung, als alle versammelt, von dem sonderbaren Vorgang erfuhren. Professor Royas betrachtete lange die Arzneiflasche. Er hatte den Inhalt nach Geschmack und Geruch geprüft. Es war ein bekanntes Fiebermittel. Doch kein Zeichen daran. Nichts verriet seinen Ursprung.

Gegen Mittag wachte Lee aus seinem Schlaf auf, doch das Bewußtsein war noch nicht völlig zurückgekehrt. Royas glaubte den Verband erneuern zu müssen. Er entfernte die Binde, staunte. Es war offenkundig, daß der Verband von den geübten Händen eines Arztes angelegt war. Der Charakter der Wunde war nicht mit Sicherheit festzustellen. Er flößte Lee etwas von der Medizin ein, woraus der wieder in Schlaf versank.

Da kam Hierra aus dem Raumschiff gestürzt.

»Eine gute Nachricht! Vielleicht, daß wir sie ihm sagen können.«

Royas winkte zu schweigen. »Still! Er schläft. Nichts darf ihn stören. Was ist's?« Er trat näher zu Hierra.

»Ein Radiogramm der ›Buena Vista‹. Noch vor Einbruch der Nacht wird sie hier sein. Sie haben einen kleinen Umweg gemacht. Den Mond angesteuert. Der Pestbrocken von Coiba ... hat Unheil angerichtet.« – – –

Die nahe Ankunft der »Buena Vista« war im Nu überall bekannt. Auch in Cannings Lager erfuhr man durch Oberst Robartson, der mit Rücksicht auf den Unfall Lees ab und zu in das Uranidenlager kam, davon. Hier löste sie starkes Mißbehagen aus. Besonders bei Canning. Dessen Laune schien von Tag zu Tag schlechter zu werden. Eine auffällige Gereiztheit, eine überstarke Nervosität schien ihn befallen zu haben. In der vergangenen Nacht war es besonders schlimm mit ihm gewesen.

Ruhelos war er in dem engen Zelt hin und her gewandert, hatte fast die ganze Nacht keinen Schlaf gefunden. Man schob es darauf, daß durch die Verstärkung der Leeschen Expedition die Lage sich zu seinen Ungunsten ändern würde ... die Mitfahrt des Admirals Serrato, der zweifellos im Auftrage seiner Regierung kam, machte eventuelle Zwangsmaßregeln gegen ihn möglich.

*

»Der Mond in Brand!« Die Helikopterenwarte von Berlin bestätigte die Meldung der »Buena Vista«.

Coiba! Die Nachricht aus Berlin lenkte die Aufmerksamkeit der Menschheit wieder voll auf das Unheil, das sich dort vollzog, auf die furchtbaren Kräfte, die bei dem Atombrand unaufhaltsam die Zerstörung der Materie verursachten, jeder menschlichen Abwehr spotteten. Sie mußten, von Coiba weiterwirkend, den Isthmus ... die beiden nächstliegenden Kontinente, die ganze Erde schließlich ergreifen.

Wenn je, so war jetzt auf die neuen Nachrichten hin der Flug der Raumschiffe, die Eroberung des neuen Weltteils so aktuell wie möglich. Wenn auch viele Jahrzehnte vielleicht vergehen mochten, ehe die ganze Erde vom Feuer ergriffen ... einmal mußte der Tag kommen, wo keines Menschen Fuß mehr auf ihr weilen konnte.

Daß die Venus vorläufig die einzige Zuflucht, stand außer Zweifel. Wer ihr Herr? Wer hatte die Macht, das Recht, den besten Teil als Beute zu beanspruchen?

Die allgemeine Meinung hatte sich bisher stets auf die Seite der südamerikanischen Union über das ganze Land verteilt! ... Die Niederlage der nordamerikanischen Union ... man hatte sie ihr gegönnt.

Doch jetzt, wo die Gefahr des Weltbrandes ... des Zwanges für die Menschheit, nach neuen Stätten zu suchen, so klar, so dringend vor Augen geführt wurde ... jetzt erhoben sich immer mehr Stimmen, die eine Konferenz der Weltstaaten befürworteten und eine gerechte, den bisherigen Wohnstätten der Menschheit entsprechende Siedlungsmöglichkeit verlangten.

Inzwischen schien sich hinter den Kulissen ein lebhaftes Diplomatenspiel zu entwickeln. Man erfuhr, daß die Geschäftsträger der beiden großen amerikanischen Staatengruppen häufige Besuche in den betreffenden auswärtigen Ämtern machten. Ersah auch aus der immer heftiger werdenden Sprache der offiziösen Blätter, daß die Lage sich bedrohlich zuspitzte. Die nordamerikanische Union schien gewillt, ihre Aspirationen auf jenen Nova America getauften Venusteil erneut mit allen Kräften durchzusetzen. Zum wenigsten, was den nördlichen Teil von Nova America betraf. Überängstliche Gemüter sahen schon in jeder harmlosen Truppenverlegung die ersten Schritte der militärischen Mobilisation.

Der schnelle Start der »Buena Vista« hatte in der nordamerikanischen Union ungemein verblüfft. Gewiß wurden die Besitzverhältnisse des neuentdeckten Landes nicht auf der Venus selbst entschieden, doch sah man der Verstärkung der südamerikanischen Expedition durch die Mannschaft der »Buena Vista« ... es hieß, Serrato sei mit ausgewählten Leuten und stärkster Bewaffnung geflogen ... mit steigender Erregung zu. Vergeblich suchte man die nordamerikanische Regierung darüber auszuholen, welche Instruktionen Canning nachgesandt wären.

*

Da lag es vor ihnen, Nova America! Der dichte Wolkenhimmel, wie zu ihrer Begrüßung von freundlicher Hand weggewischt, gestattete dem Auge ein umfassendes Bild des neuen Landes.

Aus dem breiten Silbergürtel der Meere hob sich, von den Sonnenstrahlen überflutet, in zauberischer Schönheit der paradiesische Boden. Wechselnd Wälder und Grasflächen, von unzähligen Flußläufen durchzogen. Der leichtgewellte Boden nur an den Meridianalpen zu höheren Höhen emporsteigend.

Da das Uranidenlager! Deutlich hob sich das, ach nur so bekannte, Bild ab. Schon sah man die beiden Raumschiffe, das große Raumschiff der Uraniden. – – –

Auch Oberst Robartson stimmte in das jubelnde Hurra der Gefährten Lees mit ein, die der aufsetzenden »Buena Vista« die Hände entgegenstreckten ...

Die Türen öffneten sich. Heraus kamen die Freunde. Umarmen ... Jauchzen ... das plötzlich verstummte, als eine Stimme fragend rief:

»Wo ist Ronald Lee?«

Sekundenlang das Schweigen und doch eine Ewigkeit für die aus der »Buena Vista«.

»Ronald! Mein Bruder! Wo ist er?« Die Stimme Violets unterbrach die lastende Stille.

»Ein kleiner Unfall, Señor van der Meulen.« Hierra trat auf den zu, griff ihn am Arm. »Ich werde Sie zu ihm führen. Vielleicht, daß er morgen schon wieder wohlauf.«

»Seien Sie ruhig, Señoritas!« Professor Royas trat zu den beiden Mädchen, die erschreckt ... bestürzt aneinanderdrängten. »Er schläft. Versprechen Sie mir, ruhig zu bleiben. Wir werden zu ihm gehen.«

Im Weiterschreiten machte Hierra van der Meulen auf Oberst Robartson aufmerksam, rief ihn heran.

»Oberst Robartson, der uns bei der Suche nach Lee tatkräftige Hilfe geleistet und auch sonst redlich bemüht gewesen ist, die Kluft zwischen den Parteien nach Möglichkeit zu überbrücken.«

Van der Meulen drückte ihm stumm die Hand, begrüßte Ricardo und dessen Brüder. Ihnen in erster Linie war es ja zu verdanken, daß man den Verwundeten so schnell gefunden hatte.

Und dann standen sie an dem Lager Lees im Zelte der Uraniden. Noch ehe sich ihre Augen an das Halbdunkel im Zelt gewöhnt, klang ihnen von dem Lager im Hintergrunde die Stimme Lees entgegen.

»Hortense! Violet!«

Die in der Überraschung ... in der Freude: »Ronald!«

Gleichzeitig der Schrei. Sie eilten zu ihm ... die anderen ... ihre Augen hingen in freudiger Rührung an dem Bild, das das Dunkel des Raumes wie hinter einem leisen Schleier verbarg. Sie sahen nur zwei Frauenköpfe, die sich über ihn beugten. Sie hörten wirre Worte der Freude, des Glückes ... Küsse, die von stammelnden Lippen fielen ...

Bis van der Meulens Stimme den Zauber des Augenblicks brach.

»Guten Tag, Ronald Lee! Was die Radiowellen Ihnen nur unvollkommen sagen konnten, von Mund zu Mund will ich's Ihnen wiederholen. Ihnen danken für all das Große, was Sie geleistet, für uns getan ...

Ihr Unfall ... Gott sei Dank, ich sehe, es steht gut mit Ihnen.«

Irgendeiner schaltete das Licht ein. Lee hatte sich aufgerichtet, von Violets und Hortenses Armen gehalten. Alle die neu Angekommenen traten zu ihm heran, reichten ihm die Hand. Van der Meulen hielt sie so fest, als wolle er sie gar nicht wieder loslassen.

»Ronald Lee!« Immer wieder kamen die Worte von seinen Lippen. »Ronald Lee, Dank! ... Dank für alles, was Sie getan!«

Serrato hatte sich währenddessen mit Professor Royas besprochen. Sie traten jetzt an Lee heran.

»Fühlen Sie sich kräftig genug, Mr. Lee, uns jetzt eine kurze Aufklärung zu geben, wie Ihnen der Unfall zustieß? ... Fast drängt sich die Vermutung auf, daß ... doch nein! ... Erst mögen Sie Ihre Wahrnehmungen schildern.«

Lee sann einen Augenblick, als hätten die Worte Serratos seine Gedanken auf einem Weg weitergeführt, den zu gehen er sich immer gescheut hatte.

»Sie wissen,« begann er, »daß ich mit Ricardo Stamford in der Richtung nach Südosten ging, um, dem Lauf des kleinen Flüßchens folgend, die Umgebung zu durchsuchen. Wir trennten uns an der Feuerstelle, die Don Ricardo gefunden hatte. Weiterwandernd glaubte ich über dem Höhenrücken im Osten eine leichte Rauchsäule zu sehen. Ich schritt darauf zu, doch als ich näher kam, war sie verschwunden. Ich ging dann, da es dunkel zu werden drohte, in weitem Bogen auf unser Lager zurück. Auf einer kleinen Höhe hielt ich Umschau. Da traf mich etwas an der Stirn. Ich verlor das Bewußtsein, fiel zu Boden. Im Sturze glaubte ich noch den Knall eines Schusses zu hören. Ich mag mich auch getäuscht haben ... muß mich auch wohl getäuscht haben, denn wer sollte ...«

»Und wenn Sie glauben, Mr. Lee, Sie hätten sich getäuscht,« unterbrach ihn Professor Royas, »könnten Sie eine andere Ursache für Ihre Verletzung angeben?«

Lee schüttelte den Kopf. »Es könnte sein, daß ein Ast gestürzt ... mich getroffen ... ich wüßte sonst keine andere Möglichkeit,«

Royas nickte zögernd. »Ganz ausgeschlossen wäre das nicht. Die Art Ihrer Wunde ... ich sah's beim Wechseln des Verbandes, läßt die Möglichkeit zu ... immerhin ...«

»Könnten Sie sich erinnern, Mr. Lee, zu welcher Zeit Ihnen das wohl zustieß?« wandte sich Oberst Robartson an Lee.

Lee sah Robartson aufmerksam an. »Genau kann ich's nicht sagen. Ich kann nur nach dem Stand der Sonne urteilen. Es kann wohl die sechste Nachmittagsstunde gewesen sein.«

»Gut, Mr. Lee! Ihre Worte geben mir eine gewisse Erleichterung. Ich weiß genau, daß zu Anfang der siebenten Nachmittagsstunde in unserem Lager alles versammelt war. Ich lege Wert auf diese Feststellung, um nicht den Gedanken aufkommen zu lassen, irgend jemand unserer Expedition könnte mit dem Unglücksfall in Verbindung gebracht werden.« – – –

War's die Freude des Wiedersehens, war's Gleichgültigkeit ... Lee zeigte wenig Lust, das Gespräch in dieser Richtung fortzusetzen. Er wandte sich zu Hortense, Violet, van der Meulen.

Eine Menge Fragen, die jeder auf dem Herzen hatte. Die anderen, einer nach dem anderen, zogen sich aus dem Zelt zurück. Bis Professor Royas sein energisches Veto einlegte, saßen die vier Glücklichen zusammen.

»Schlaf das beste Mittel, Mr. van der Meulen. Lassen wir ihn jetzt ruhen. Will's Gott, wird ihn der morgige Tag frisch und munter sehen. Vielleicht, daß er sogar aufstehen kann. Die Verwundung ist ohne Bedeutung. Der Knochen kaum verletzt. Nur der starke Blutverlust hat ihn so geschwächt.«

Sie traten beide vor das Zelt. »Allerdings, Mr. van der Meulen ... ich wollte das nicht in Gegenwart der jungen Damen sagen ... Wäre nicht rechtzeitig Hilfe hinzugekommen, würde er sich vielleicht verblutet haben. Die Stirnschlagader ist verletzt.«

»Und wie erklären Sie diese, ich möchte sagen, unglaubliche Tatsache, die den Vorfall noch rätselhafter macht, daß irgend jemand ... ein Fremder ... dazugekommen ist, ihn verbunden und gepflegt hat?«

»Von den vielen Rätseln, die uns hier oben schon begegnet sind, ist das das größte. Die Häufung der Ereignisse hat mir noch nicht Zeit gelassen, viel darüber zu grübeln. Und doch ist es natürlich von der größten Wichtigkeit, zu wissen, wer das gewesen ist. Doch wer es auch sei, wenn er sich im Verborgenen halten will, ist es unnütz, nach ihm zu suchen. In diesen riesigen unbekannten Gebieten ist ein Forschen aussichtslos.« – – –

Die Mitternachtsstunde war gekommen. Hortense und Violet saßen am Lager Lees, wachten über seinen Schlaf. Professor Royas und van der Meulen, die eine lange Besprechung mit Admiral Serrato gehabt hatten, traten ein. Professor Royas ging an das Lager Lees heran. Die leichte Fieberröte machte ihm im stillen etwas Besorgnis. Er wollte ihm einen kühlen Trank einflößen, da schlug Lee die Augen auf. Mit Mühe schien er die, die um ihn saßen, zu erkennen.

Royas reichte ihm das Glas. Er trank es gierig leer. Sein Blick wurde klarer, er nickte allen freundlich zu, sank dann wieder zurück.

Im Glauben, Lee, der völlig wach, eine angenehme, belebende Nachricht zu geben, begann van der Meulen zu erzählen ... von dem ungeheuren Aufsehen, das Lees Fahrt auf der Erde gemacht ... von dem großen Rätselraten über den Verbleib der Hinterlassenschaft der Uraniden ...

Lee nickte lächelnd. Dann plötzlich krauste sich seine Stirn ... Die Augenlider zogen sich zusammen. Man sah, er dachte angestrengt über etwas nach. Dann begann er zu sprechen.

»Uraniden ... das Rätsel ihres Endes ... ich weiß alles ... einer hat es mir gesagt, hat mir alles erzählt ...«

Alle Blicke gingen zu Royas, sahen den ängstlich forschend an. Lee schien in starkem Fiebertraum zu sprechen. Der griff seinen Puls, schüttelte den Kopf. Seine Mienen deuteten an, daß das Fieber nicht gestiegen. Lee sprach weiter.

»... Als ich da lag, wo man mich fand ... in der Nacht ... die Kühle der Nachtluft hatte mich erweckt ... ich habe es nicht geträumt ... ein Mann kniete neben mir. Er reichte mir die Arznei, legte die Hand auf meine Stirn, sprach zu mir. Er wußte, wer ich war. Wußte von dem Schicksal unserer Fahrt ... wußte auch von den anderen ...

Dein Suchen ist vergeblich ... Du suchst die Uraniden ... suchst ihren Schatz ... die Welt ... einmal schon lohnte sie ein großes Geschenk der Natur mit Undank. Verwandelte in Fluch, was zum Segen bestimmt war. Der Uranidenhort in Menschenhand ... das Unheil wäre noch größer geworden ...

Ein anderer hat ihn gehoben. Er ist unerreichbar für dich ... für euch alle. Einer Menschheit, die würdiger ist als ihre Vorfahren, wird einst in eigener Arbeit das hohe Ziel zufallen. Und daß du nie zweifelst an dem, was dein Ohr gehört, wird dein Auge schauen, was geschehen.

Da stand plötzlich das Lager der Uraniden vor meinen Blicken. Vor dem Zelt, in dem ich hier liege, eine Ruhebank. Darauf ein Mann. Seine Züge, sein Bild ... ich sah es schon, als wir in der Schlucht das zwölfte Grab öffneten ... der lebte noch. Doch lagen schon die Todesschatten auf seinen Zügen ...

Aus dem Äther senkt sich ein Schiff wie unseres. Landet neben dem Uranidenschiff. Zwei Männer steigen heraus, gehen auf das Zelt zu.

Der da liegt, richtet sich auf. Seine Arme strecken sich denen entgegen. Von seinen Lippen fließen Worte. Die Männer legen ihn sanft zurück. Der eine öffnet ein Buch ... schreibt ... Der Uranide nickt, lächelt ... er verlangt das Buch. Mit müder Hand schreibt auch er ... die beiden anderen nicken. Sie verstehen, was ihre Herzen sich sagen wollen.

Der Kranke deutet auf ein Tischchen, worauf ein schöner Apfel liegt. Seine Mienen drücken Abscheu, Furcht aus. Warnend hebt er die Hand ... Der eine der beiden zieht ein Fläschchen aus seiner Tasche, will dem Kranken davon einflößen. Der winkt traurig ab. Er will sagen, daß nichts ihn retten könne ...

Der andere ist indessen zu dem Tisch gegangen, hebt den Apfel auf, betrachtet ihn lange. Dann legt er ihn wieder hin, deckt ein Glas darüber. Taucht den Finger in eine Flüssigkeit, macht ein Kreuz auf das Glas.

Der Kranke greift in sein Gewand. Entnimmt einem Kästchen ein paar Pillen, führt sie zum Munde ... Eine kleine Weile ... seine Züge beleben sich. Das Auge wird heller, klarer. Sein Arm deutet auf das Uranidenschiff, auf die Gegenstände, die außerhalb des Schiffes lagern ...

Die beiden verstehen seinen Wunsch. Sie gehen in das Schiff, bringen daraus viele Dinge. Ihre Mienen deuten an, sie wissen nicht den Zweck ... den Gebrauch ...

Der Kranke nimmt das Buch ... schreibt ... die beiden verstehen.

Jetzt kommt der eine der beiden, bringt ein großes Buch. Die Augen des Uraniden leuchten bei seinem Anblick. Ein kostbarer Schatz muß es sein ...

Wieder beginnt er zu schreiben. Die beiden Fremden, über ihn gebeugt mit glänzenden Blicken ... die Mienen aufs äußerste gespannt, verfolgen sie die Erklärungen des Uraniden ... doch das Buch ist groß ... umfangreich sein Inhalt.

Die Mittagsstunde kommt heran. Immer wieder bedarf der Kranke der Arznei. Endlich ... schon neigt sich die Sonne zum Untergang ... die Kraft des Kranken erschöpft. Er schließt die Augen ...

Da, als die Sonne eben noch ihre letzten Strahlen über den Horizont sendet, wacht er noch einmal auf. Seine Hand deutet mit schwacher Gebärde zu der Schlucht. Sie sinkt zurück ... streckt sich noch einmal den Ankömmlingen entgegen, drückt deren Hände ... dann fällt sie matt zur Seite ... der Sonnenball taucht in die Fluten des Westmeeres unter ... da kommt der letzte Hauch von seinen Lippen. Er ist tot.

Der nächste Tag ... wieder steht die Sonne am Himmel. Das Lager vor dem Zelt ist leer. Die beiden Fremden kommen von der Schlucht hergeschritten. Ihr Schiff erhebt sich, fährt fort nach Osten ... der Sonne zu ...«

Lee schwieg. Mit verhaltenem Atem warteten alle darauf, daß er weitersprechen würde. Doch nicht lange, dann verrieten seine tiefen Atemzüge, daß er eingeschlafen.

Hortenses Hand glitt sanft über sein Gesicht. Sie nickte stumm, erhob sich dann, stand einen Augenblick sinnend da, die Augen wie in weite Fernen gerichtet. Ihre Lippen flüsterten leise: »Ja! Alles, was er sagte, war kein Traum. So war es. Unser Suchen ist vergeblich. Größere, Stärkere waren vor uns hier. Von der Erde sind sie gekommen. Das Kreuz, das Symbol des Todes für die Erdenmenschen, sagt es. Sie haben den Hort gehoben.«

*

Der Rauch im Osten! Dort die Uraniden!

Canning schritt allein im Tale jenes Baches der aufgehenden Sonne zu. Als am gestrigen Abend Oberst Robartson, ins Lager zurückgekehrt, ihm die Worte Lees mitgeteilt, was der da von einer Rauchsäule über den Osthügeln gesehen, war sein Entschluß gefaßt. Eine Möglichkeit ... eine letzte ... den Aufenthalt der Uraniden zu entdecken. Kaum, daß der Morgen graute, hatte er sich aufgemacht.

Schon weit über eine Stunde war er unterwegs. Immer wieder schaute er sich um ... ängstlich, ob nicht andere ihm folgten. Endlich hatte er den Höhenrücken erreicht. Mit seinem Glase suchte er den Horizont weithin nach Osten ab. Doch vergeblich ... Enttäuscht ließ er das Glas sinken ... da ... sein bloßes Auge verriet es ihm ... weiter nördlich, nicht allzuweit ... ein dünner Rauchschleier.

Er nahm sein Glas zu Hilfe, geriet in Zweifel. Die Morgensonne, eben über den Horizont gestiegen, mochte wohl die nächtlichen Nebel aus einer feuchten Stelle da emporziehen. Doch jetzt, das scharfe Glas zeigte es deutlich. Ein paar dunkle Streifen in dem hellen Dunst. Kein Zweifel, der Rauch eines Feuers!

Suchend ging sein Blick über die Landschaft vor ihm. Das dichte Gestrüpp machte ein Durchschreiten unmöglich. Nur weiter nach Norden, wo das Buschwerk in hohen, lichten Wald überging, die Möglichkeit, dort hinzugelangen. Er warf das Gewehr über die Schulter, schritt rüstig aus. In einer Stunde, überschlug er, konnte er jene Stelle erreicht haben.

Auf einer kleinen Anhöhe, die ihm einen weiteren Überblick bot, schaute er nochmals scharf dorthin. Der Rauch war verschwunden, doch unentwegt schritt er weiter. – –

Die Stunde war längst vergangen. Immer wieder hatten ihn die Unebenheiten des Bodens zu Umwegen genötigt, doch konnte er nach seiner Berechnung nicht mehr weit von der Stelle sein, wo er den Rauch gesehen. Jetzt wurde der Wald lichter. Eilig ... fast laufend schritt er voran.

Ein paarmal blieb er lauschend stehen. Es war ihm, als ob der Ton menschlicher Stimmen an sein Ohr gedrungen wäre. Endlich lag der Rand des Waldes vor ihm. Noch ein paar Schritte, dann hatte er freien Ausblick ...

Da blieb er mit einem Ruck stehen. Ein Schrei des Entsetzens brach aus seinem Munde. Er wollte sich zur Flucht wenden. Doch die Füße, wie festgewurzelt, versagten den Dienst. Seine Hände streckten sich abwehrend einer Gestalt entgegen, die sich bei seinem Nahen hinter einem Riesenstamm des Waldsaumes erhoben ... vor ihm stand.

Der Mann, der da plötzlich aufgetaucht, stand ebenfalls reglos. Sein Gesicht bleich wie der Tod, die Augen weit aufgerissen, die Lippen wie in Fieberkrämpfen bebend, stammelten. Jetzt hob sich dessen Arm. Die Finger ausgestreckt wie Krallen. Ein Blick der Verzweiflung in seinen Augen. Seine Füße bewegten sich langsam auf Canning zu.

Da schrie der auf.

»Hinweg! ... Hinweg, Awaloff! Fort aus meinen Augen! ... Fort, du Schemen, aus meinen Augen! Du bist ja tot ... auf dem Grunde des Meeres liegst du ...«

Bei dem Namen Awaloff war die Gestalt zusammengezuckt. Ein irres Lächeln ging über das Gesicht.

»Es ist nicht wahr, was du sagst, Canning! Ich sank nicht unter die Fluten des Ozeans ... ich schwamm ... schwamm immerzu ... lange habe ich geschwommen ... und dann kam ich an Land ... Hier das Land, wohin ich kam ...«

Canning schlug die geballten Fäuste vors Gesicht ... schloß die Augen ...

Ein Trugbild ... mein Geist krank ... ein Gespenst, das mich narren will ... Ha! Gespenster ... auf der Erde gab's die nicht ... ist hier der Ort, wo die weilen? ... Gleich will ich's sehen ...

Da schrie das Phantom laut auf, wandte sich um, stürzte fort. – –

Canning hinterher. Rief laut: »Bist du's, Awaloff? Steh! Stehe!« Doch der lief weiter. Verschwand jetzt hinter einem dichten Gebüsch. Canning riß das Gewehr von der Schulter ... schoß. Mit jagenden Pulsen, die Lippen schäumend in rasendem, sinnlosem Schreien, folgte er Awaloff.

Er lief schneller als der ... Jetzt um das Gebüsch herum! Dann mußte er ihn haben ...

Ha! Jetzt sah er ihn wieder wenige Schritte vor sich ... Er streckte die Arme aus ... Da! Der Mund, der schreien wollte, versagte. Seine Augen ... unnatürlich geweitet, starrten auf eine Gruppe von Menschen, die da am Boden lagerten. Er wollte halten, stürzte nieder. Hob sich rasch wieder in die Knie, die Hände auf den Boden gestützt.

»Sie suchten uns, Mr. Canning?«

Einer, der da lag, rief es ihm zu. Canning starrte den an.

Der Mann! Die anderen! Im Tale des Himalaja bleichten ihre Gebeine, von der Bombe zerrissen. Er bog sich weit zurück. Die Gesichter aller auf ihn zugewandt. Hinter denen Awaloff, zitternd, bebend. Das Gesicht weggewandt, als fürchte er Cannings Anblick.

Keiner sprach ein Wort. Nur die Augen ... die Augen ... wie anklagend, wie fragend auf ihn gerichtet.

Ein gräßlicher Schrei brach aus seinem Munde.

»Die Toten! Hier stehen sie wieder auf! Und mich ... du schrecklichster Gott ... sandtest du hierher ... vor ihr Gericht ...

Gerechtigkeit! Vergeltung ... Gott! Es gibt's doch! ...«

Sein Körper bäumte sich auf. Stand zitternd, stürzte dann wie ein gefällter Baum zu Boden.

»Karma! Die die Schicksalsfäden gebunden, nie werden sie der Fessel ledig. Immer führt sie das Schicksal zusammen.«

Sidney Stamford beugte sich über den Zusammengesunkenen. »Wäre sein Geist für ewig krank geworden? ... Es kann, es darf nicht sein. Das Schicksal ist's uns schuldig, daß er lebt, als Zeuge seiner Taten der Welt kündet, was er an uns und an der Menschheit verbrach.

Er soll schlafen ... in ruhigem, traumlosem Schlaf. Die Ruhe wird ihn erfrischen ... erstarken lassen, daß er weiterlebt ... bis der Tag des Gerichtes gekommen.«

Er beugte sich über den. Die Hohlnadel drang in Cannings Arm. Ein leiser Druck.

»In drei Stunden wird er wieder erwachen. Körperlich frisch ... sein Geist erstarkt. Doch unauslöschlich darin die Erinnerung an das, was er hier gesehen.«

Noch stand er, den Blick auf den gerichtet, da riß ihn ein Schrei auf ...

Awaloff, der bisher den Vorgängen mit den irren Augen des unheilbar Kranken gefolgt, war plötzlich wie leblos zu Boden gesunken. Noch ehe Stamford bei ihm, war Majadevi zu dem geeilt. Kniete neben ihm, hob sein Haupt empor, legte es in ihren Schoß, streichelte leise weinend die starren Züge.

Ihre Augen gingen ängstlich zu Stamford.

»Ist er tot, der Gute? ... Er liebte mich so sehr. Helfen Sie ihm, retten Sie ihn! ... Ich liebe ihn auch ...«

Sekundenlang ging Stamfords Blick zwischen dem Gesicht des Mädchens und dem des Mannes. Er kniete nieder, öffnete mit leisem Zwang die Lippen Awaloffs, flößte ihm ein paar Tropfen aus einer kleinen Phiole ein.

Kaum, daß dessen Lippen sie gespürt, schlug er die Augen auf. Sein erster Blick traf das Mädchen. Er schaute in ihre Augen. Stamford von der Seite her betrachtete sie mit ängstlicher Spannung.

Awaloff wandte die Blicke nicht von dem Mädchen. Es war, als tränken sich seine Augen satt an ihrem Anblick.

»Majadevi ... nennen sie dich ...«, flüsterte er leise vor sich hin. »Du bist Majadevi ... wüßte ich's nicht, würde ich dich jetzt anders nennen ... einen anderen Namen ... Wie lange ist's her, daß ich ihn rief ... Den Namen meines Kindes ... Maria ... Maria ... So rief ich sie, daß sie jubelnd in meine Arme eilte ... ihre Arme um mich schlang, mich küßte ...

Mein großes, liebes Väterchen nannte sie mich ... streichelte mein Gesicht, wie du es tust ...«

Seine Augen, plötzlich wie in bangem Erschrecken, füllten sich mit Tränen.

»Maria! Maria!« rief er laut und doch so liebend weich der Name von seinen Lippen. Sie zuckte zusammen, wie aus tiefstem Schlaf erweckt. Der Ton von unendlicher Liebe, Zärtlichkeit ... drang in tiefste Herzenskammern. Ihre Hände hoben sich ausgebreitet in die Luft. Ihr Blick erwartungsvoll in die Ferne gerichtet.

Noch einmal »Maria! Maria!« Der Klang aus des Mannes Munde. Da schlugen die Hände über seinem Hals zusammen.

»Väterchen! Väterchen!«

Keiner der anderen wagte sich zu rühren, das ergreifende Bild eines solchen Wiederfindens zu stören. Stamford hatte die Augen geschlossen. Um seinen Mund zuckte es. So ähnlich das Bild, das ihm traumhaft so oft erschienen, wenn er das sonderbare, vom ersten Tage an fast innige Verhältnis zwischen den beiden betrachtete.

Die Enthüllungen, die ihm Sarata in der Trance gezwungen gemacht, schlossen die Kette ... Majadevi bewußtlos in den Armen der toten Mutter gefunden ... ein schlimmes Schicksal hatte sie dem Inder in die Hände gespielt ...

Awaloff ... Gorm ... auch deren Schicksal verflochten.

Der eine mußte arbeiten an dem Verderben des anderen ... dann mußte er ihn retten vor dem Stahl des Inders. Gorm befreite Awaloffs Blut aus des Inders Händen ... Karma!

* * *

 

Durch wilden Wald, über baumlose Fluren, über Hügel, durch Täler rast ein Mann. Kein Hindernis hemmt seinen wilden Lauf. Die Kleider zerrissen von dornigem Gestrüpp, die Haare wirr um das bleiche Gesicht flatternd. Immer wieder wollen die Füße ... die Lunge den Dienst versagen. Doch er peitscht sie mit äußerster Willenskraft zu erneuter Anstrengung. Die wilden Tiere fliehen bei seinem Herannahen erschreckt zur Seite ...

Jetzt stürmt er eine Höhe hinab. Ein dunkles Tal vor ihm tut sich auf. In seinem wüsten Gehirn leuchtet der Gedanke des Geborgenseins auf. Er will den Schritt verlangsamen ... da stolpert er, stürzt. Liegt einen Augenblick tief atmend in dem Schatten eines Baumes, über dessen Wurzeln er gefallen. Er will sich wieder aufraffen ... erheben ... Er sinkt mit einem Schmerzenslaut zusammen. Der eine Fuß versagt den Dienst. Mit angstvoll geöffneten Augen betastet er das Glied ... Der Fuß gebrochen? ... Oder nur verrenkt ... Doch einerlei ... der Schmerz so groß ... unmöglich auch bei stärkster Selbstüberwindung, den Fuß zu gebrauchen ...

Seine Augen gehen suchend in die Runde. Einen Stock ... einen Ast, aus dem er eine Krücke brechen könnte. Er kann, darf hier nicht bleiben ... muß weiter ... Wer weiß, ob sie nicht hinter ihm her sind ... die Gespenster ... Mit furchtsamen, angstvollen Augen sieht er sich um. Doch vergeblich sein Spähen nach rettendem Stab.

Noch einmal versucht er mit letzter Willensanstrengung, sich zu erheben. Vergeblich ... auch die Knie versagen jetzt den Dienst. Die Anstrengung übergroß ... unmöglich, von hier fortzukommen ...

Auch die Kräfte des Geistes sind erlahmt. Widerstandslos, gefühllos überläßt er sich dem tiefen Schlaf, der über ihn fällt. – –

Die Sonne steht im Scheitelpunkt. Glühend brennen ihre Strahlen auf den Venusboden. Eine Lücke im Geäst des Baumes. Die Strahlen treffen das Gesicht des Schläfers. Er wacht auf, blickt wirr um sich ... kann zuerst nicht fassen, wie er hierhergekommen ... was ihm ist. Er will aufstehen. Doch der Schmerz im Fuß bannt ihn an den Boden. Weckt auch die Erinnerung ...

Die Erinnerung, was mit ihm geschehen. Seine Augen gehen in grauenhafter Angst in der Richtung, aus der er gekommen. Die Haare gesträubt ... Gespenster?! ... Waren das Gespenster? ... Waren das die Seelen der Toten, die er gemordet? ... Nein! Nein! Alle Vernunft bäumt sich in ihm auf ... schreit nein! Die waren lebendig.

Und doch! Wie wäre das möglich, daß die noch lebten! Der eine versank in den Fluten des Ozeans. Die anderen zerschmetterte vor seinen Augen die Bombe.

Er kroch mühsam näher an den Stamm des Baumes heran, lehnte den Rücken dagegen. Die Hände vor die Augen gepreßt, sann er. Versuchte sich zu logischem Denken zu zwingen ...

Sie leben ... kein Zweifel ... kein Trugbild war's, was seine Augen gesehen. Doch weshalb hatten sie nicht sein Leben genommen? ... Hatte er nicht den Tod um sie verdient? ... Warum schonten sie ihn, ließen ihm die Freiheit sogar? ... Als er aufgewacht ... noch warm die Reste des Feuers ... das niedergedrückte Gras zeigte, wo sie gesessen.

Er hatte sich vorsichtig aufgerichtet ... Spielten sie mit ihm? Wollten sie ihn? ... Doch nichts! Kein Laut. Sie waren weg. Er allein. Er war davongestürzt ... zurück zum Lager! Das Schiff wollte er besteigen. Fort von hier! Fliehen ... zurück zur Erde. Der Weltraum zwischen ihm und denen ... daß er dann die Ruhe wiederfinden würde.

Der Fuß. Sorgfältig untersuchte er ihn. Es schien kein Bruch, nur eine Verstauchung. Doch einerlei! Tage mochten vergehen, ehe er ihn wieder voll gebrauchen konnte. Tage, die er nicht fortkonnte ... hier liegen mußte, ohne Speise und Trank ... den wilden Tieren preisgegeben. Ein Zufall, wenn ihn die Gefährten, die ihn gewiß vermissen mußten, hier fänden.

Der Gedanke an Speise und Trank weckte seine Sinne. Durst ... ein unendlicher Durst ... jetzt fühlte er ihn erst. Der rasende Lauf ... die glühende Sonnenhitze ... seine vertrockneten Lippen lechzten nach einem kühlen Trank. Seine Augen gingen gierig um sich her. Vielleicht ein Quell hier, zu dem er sich schleppen konnte. Doch nichts! Trocken, öde alles.

Doch da auf der Erde Früchte. Fast konnte er sie mit ausgestrecktem Arm erreichen. Äpfel, die von dem Baum, unter dem er saß, herabgefallen. Das tiefe Rot ihrer Schale so einladend aus dem grünen Grase.

Er drehte sich zur Seite, mühte sich ein Stückchen weiter. Da lagen ein paar. Er konnte sie greifen. Gierig nahm er einen in die Hand. Führte ihn zum Munde ... wollte seine Zähne in das rote Fleisch pressen ... Da blitzartig ein Gefühl des Schreckens, des Abscheus in ihm.

Mechanisch ließ er die Frucht aus seinen Händen gleiten. Äpfel ... die Uraniden hatten die Äpfel gegessen, die sie auf der Venus gefunden. Ihr Genuß tödlich ... alle daran gestorben ...

Sein Auge ging wieder zu der Frucht. Äpfel ... Früchte ... wie viele bot die Erde ... Die Venus hätte nur diese? ... Unmöglich, daß die Natur so arm hier. Wohl hatten sie auf ihren Erkundungsfahrten bisher nie Früchte gesehen. Doch wohl nur, weil das Plateau hoch lag und ganz mit Wald und wildem Buschwerk bedeckt war.

Ermattet von dem neuen Erschrecken sank er mutlos lang dahin. Doch das Durstgefühl, einmal geweckt, ließ nicht nach. Seine Hände rauften das Gras zur Seite aus. Er steckte es in den Mund, kaute daran. Doch keine Linderung. Warm, hart die Halme. Sie schienen nur den Drang nach Wasser zu erhöhen.

Dann raffte er sich wieder auf. Wie lange hatte er hier schon gelegen? Die Sonne hatte sich ein weites Stück nach Westen gewandt. Der Gedanke, hier noch weiter liegen zu müssen ... noch lange die Qual erleiden zu müssen, machte ihn halb wahnsinnig. Vor ihm die lockenden Früchte, in ihm der glühende Brand. Immer mehr fühlte er die Furcht, den Widerstand schwinden.

Wenn nicht jetzt ... in ein paar Stunden ... dann würde alle Kraft in ihm erlahmt sein. Dann würde er doch davon essen. Doch vielleicht dann, wenn sein Geist schon unheilbar verwirrt ... dann, wenn es zu spät ... wenn der Körper den Genuß nicht mehr spüren konnte.

Seine Hand umkrampfte die Frucht. Er führte sie wieder zum Munde. Doch wieder tauchte das Bild der sterbenden Uraniden vor ihm auf. Er warf die Frucht von sich.

Gift! Soll ich mich mit sehenden Augen töten? Vielleicht, daß die Gefährten ein glücklicher Zufall schon bald hierherbringt ... ich doch noch gerettet werde.

Lange lag er so. Der Fieberbrand in ihm loderte immer stärker auf. Es war ihm, als kochte das Blut in seinen Adern. Mit gewaltsamer Anstrengung riß er sich in die Höhe. Seine Augen stierten auf die Früchte.

›Ich Tor!‹ lallte er. ›Vor mir die Rettung, der höchste Genuß ... und ich scheue zurück in grundloser Angst.‹

Mit wütender Gebärde riß er die Früchte an sich heran, daß sie sich um ihn häuften. Dann ... er schloß die Augen ... biß hinein ... aß und trank zugleich. Der köstliche Saft befeuchtete die vertrockneten Lippen, die verdorrte Kehle ...

Immer wieder aß er, bis seine Hand keinen Apfel mehr ertasten konnte. Legte sich dann wieder am Stamm zurück ... einen Blick unendlicher Dankbarkeit in die breite Krone sendend ... Diese Früchte ... ihr Genuß so wunderbar schön ... nie im Leben glaubte er ein köstlicheres Mahl genossen zu haben.

Er fühlte, wie die Spannung in Hirn und Körper nachließ. Ein unendliches Wohlsein umfing ihn. Langsam neigte sich sein Oberkörper zur Seite. Seine Glieder reckten und streckten sich, wie von neuem Leben durchströmt. Dann sank er in tiefen, ruhigen Schlaf.

*

Der Schein der Morgensonne des nächsten Tages leuchtete über vier glückliche Gesichter. Vor dem Uranidenzelt van der Meulen, Hortense und Violet. In ihrer Mitte Lee. Das Wiedersehen der Teuren hatte Lee schneller die Kräfte zurückgegeben, als jede Arznei es gekonnt hätte. War, wie Royas lächelnd sagte, die beste Arznei gewesen. Wetteifernd Hortense und Violet, ihm mit sanftestem, liebevollem Zwang die besten Bissen zum Munde zu führen.

»Unmöglich!« Mit komischer Gebärde wies er Violets Hand zurück, die ihm noch eine saftige Frucht aufdrängen wollte.

»Keine Angst, Ronald! Es sind keine Venusäpfel. Mitgebracht aus Buena Vista. Du aßest sie doch immer so gern. Hortense dachte daran, als wir fortflogen.«

Lees Auge ging zärtlich zu der Geliebten, die den Blick leicht errötend zurückgab. Da konnte er nicht länger widerstehen. Er nahm die Frucht, biß hinein. Verstohlen fanden sich ihre Hände.

Van der Meulen saß in tiefem Nachdenken. Schon am Nachmittag des gestrigen Tages war die Nachricht vom Lager der »Arizona« zu ihm gedrungen, daß Canning am Morgen das Lager verlassen und noch nicht zurückgekehrt sei. Eben war Oberst Robartson bei ihnen gewesen, hatte ihm mitgeteilt, daß Canning immer noch nicht zurück. Daß die ausgesandten Gefährten ihn trotz eifrigen Suchens noch nicht gefunden. Hatte um Unterstützung gebeten. Van der Meulen hatte ihm bereitwillig ein paar der Leute, die mit Admiral Serrato gekommen, mitgegeben.

Wo war Canning? War ihm was zugestoßen? Vielleicht gar etwas Ähnliches wie Ronald Lee ... Die Rätsel der Venus, immer dunkler, undurchdringlicher wurden sie.

Der Blick auf Lee, der in die Frucht biß, lenkte seine Gedanken zu dem Gespräch.

»Das wäre ja noch schöner, wenn die Venus nicht auch solche ähnlichen köstlichen Früchte hervorbrächte«, fiel er in das Gespräch ein. »Natürlich nicht hier. Weiter im Süden, wo die Sonne stärker wirkt. Und sollte wirklich die Natur versagen, so sollen schon die nächsten Schiffe als Gastgeschenk die ersten Bäume mitbringen. Wir selbst würden sie pflanzen ...

Doch kann ich nicht glauben, daß dieses wundervolle, fruchtbare Land nicht auch an eßbaren Früchten reich sein sollte. – – –

Ah, kaum kann ich den morgigen Tag erwarten, wo wir eine Erkundungsfahrt machen wollen. Ich brenne, fiebere darauf, die Fauna und Flora einer neuen Welt kennenzulernen.«

Lee nickte freudig.

»Gewiß! Auch ich kann es kaum erwarten, die Schönheiten, den Reichtum von Nova America kennenzulernen.« Seine Arme machten ein paar kräftige Bewegungen, sein Körper straffte sich.

»Doch warum erst morgen? Heute! Und wenn wir nicht den ganzen Erdteil ... Warum den Genuß so schnell genießen ... Wenn wir vorerst die nördlichen Breiten? ... Eine Rundfahrt ... Der Nachmittag wäre vollauf genügend ... wir fliegen selbstverständlich!«

»Ronald!« Von beiden Seiten legten sich zwei Frauenhände auf seine Schultern. »Das wäre leichtsinnig! Du bist noch zu schwach. Ein Rückschlag ...«

»Ich schwach? Riesenkräfte fühle ich in mir! Und wenn sie doch versagen sollten, zwei treue Stützen hätte ich.« Er legte die Arme um die Schultern der Mädchen, zog sie an sich.

»Herr Admiral!« Seine Stimme rief laut über den Platz hinweg. »Wir fliegen heute mittag. Die erste Patrouillenfahrt in unser neues Reich, wo überall die Flaggen der Heimat wehen.«

Der kam eilig dahergeschritten. »Mr. Lee, Sie fühlen sich schon stark genug, heute zu fahren?«

»Gewiß, Herr Admiral. Es ist ja nur eine Vergnügungsfahrt des ›Jonas Lee‹. Hierra wird ihn führen.«

Als dann auch der Widerstand Royas' überwunden, wurden die Vorbereitungen getroffen. Noch hatte die Sonne den Scheitelpunkt nicht erreicht, als sich alle in das startbereite Schiff begaben. Hierra, der mit dem Glas die Wolkenbildung des Himmels untersuchte, wandte sich jetzt zu Lee.

»Ich fürchte, wir müssen in geringer Höhe fliegen. Allem Anschein nach werden die Wolkenbänke sich mit dem Fortschreiten der Sonne dichter über den Venusboden ziehen. Wir müssen, um Sicht zu haben, tief fliegen. Die Folge ist, daß wir auch langsam fliegen müssen, um dem Blick Zeit zu geben, das Gesehene zu erfassen.«

»Das schadet nichts,« fiel van der Meulen ein, »mir liegt gerade daran, die Bodenbeschaffenheit und die Tierwelt genauer zu beobachten.«

Gleich darauf erhob sich der »Jonas Lee« in die Luft, flog in der Richtung nach Osten. Beim Einsteigen war Lee der Gedanke gekommen, zunächst die Meridianalpen anzufliegen, um dann ihren Verlauf nach Norden zu verfolgen. Dabei sollte der Versuch gemacht werden, einen Meridian durch möglichst markante Alpengipfel festzulegen; denn es gab Gründe genug, eine baldige trigonometrische Vermessung von Nova America in die Wege zu leiten.

Alle standen an den Fenstern, schauten mit höchstem Interesse auf die wechselvollen Bilder der unter ihnen dahinziehenden Landschaft. Je mehr man sich den Alpen näherte, desto schärfer spähte Lee durch sein Glas.

Der Rauch! War's eine Täuschung seiner Augen gewesen? ... Er kannte die Stelle wieder, wo ihn der Unfall getroffen. Der Schlag ... der Schuß? ... Absichtlich hatte er es vermieden, über das Ereignis viel zu sprechen. Und doch! ... Die Gedanken daran ließen ihn nicht los. Was war da geschehen mit ihm? ... Die anderen hatten wohl gemerkt, daß er nicht gern über den Vorfall sprach ... unterließen infolgedessen ihrerseits Fragen darüber ...

Lees Auge haftete unverwandt an der kleinen Höhe, wo sie ihn gefunden. Untersuchte dann näher die Umgebung. Da! Er stieß einen lauten Ruf der Überraschung aus. Nicht weit von der Höhe ein schmales Wiesental. Am östlichen Ende ein großer Baum, über und über bedeckt mit Früchten.

»Ein Apfelbaum!« rief er laut.

Die anderen kamen zu ihm geeilt.

»Wo ist er? Äpfel? ... Äpfel, von denen die Uraniden gegessen, vielleicht ...«

Die Spannung, die Neugierde bei allen übergroß. Hierra hatte das Schiff angehalten. Es stand jetzt in geringer Höhe fast senkrecht über dem Baum.

»Merken wir uns die Stelle!« rief Admiral Serrato, »sie ist nicht weit vom Lager. Sobald wir zurück sind, werden wir den Baum, die Früchte untersuchen.«

»Nein! Nein! Nicht später! Jetzt!« Lee trat zu Hierra heran. In seinen Augen glänzte es wie leichtes Fieber. »Ich kenne die Frucht nur zu genau. Ich will, muß diese hier sehen, vergleichen. Der Tod dieser kühnen Männer durch dieses tückische Gewächs. Hat es jemals in der Geschichte der Menschen eine größere Tragik gegeben? Wie konnte die Natur unter der Gestalt einer prächtigen Frucht, die durch ihre Schönheit, ihren Duft jedes Menschen Mund zum Genuß verführen muß, heimlichen Tod verbergen? ... Die Natur, die allgütige, allsorgende Mutter der Menschen.«

Auf seinen Befehl senkte sich der »Jonas Lee« langsam in das Tal hinab, stieß auf. An Serratos Arm ging Lee auf den Baum zu. Schon in seinem Umkreis ein paar Früchte im Gras. Lee hob sie auf, roch daran. Die Erregung ließ ihn blässer werden.

»Es sind die Äpfel der Uraniden!« Beide steckten ein paar von den Früchten in die Tasche, wollten sich wieder wenden. Da hielt Lee an. Er bog den Kopf zur Seite. Sein Auge glitt suchend über den Boden.

Da, im hohen Grase halb verborgen ... lag da nicht ein Mensch? ...

Der letzte Uranide! Sein Mund wollte es schreien, doch die Lippen versagten den Dienst. Stumm deutete sein Arm dahin. Serratos Blick folgte dem. Auch er schrak zusammen.

»Ein Mann da?« sprach er flüsternd, heiser ... »Ein Uranide? ...«

Vorsichtig schritten sie näher. Serrato ließ Ronald Lees Arm los. Der stützte sich gegen den Stamm. Der Admiral beugte sich zu der liegenden Gestalt. Lees Augen, weit geöffnet, starrten auf das Bild. Furchtbar! ... Neben dem Mann die Reste vieler Früchte, die der gegessen ... Ein Uranide, der sich selbst gemordet? ... Denn anders ...

Da hob Serrato den Körper des Mannes in die Höhe, wendete das Gesicht, das dem Boden zugeneigt war, um.

»Canning!« Ein Schrei des Entsetzens gellte durch das Tal. Wie vom Blitz getroffen, sank Lee zu Boden.

Der Schrei ließ Serrato aufspringen. Er eilte zu Lee, der wie in Ohnmacht dalag. Er wandte sich dem Schiff zu, wollte rufen. Da kamen die anderen schon herbeigeeilt. Der Schrei Lees hatte sie mit tiefstem Schrecken erfüllt. Eilend, laufend, kamen sie auf den Baum zu.

»Was ist geschehen? ... Lee? ... Ronald! ...«

Hortense stürzte sich über ihn, hob sein Haupt. Royas träufelte ihm ein paar belebende Tropfen auf die Lippen. Die Männer standen in stummem Erschrecken. Violet weinte laut, rief immer wieder den Namen des Bruders.

»Canning?! Herr Admiral!« Van der Meuten griff Serrato am Arm. »Was ist geschehen, daß der Name von seinen Lippen ... gerade jetzt?«

Der deutete hinter sich auf die Gestalt im Grase.

»Canning. Ich kenne ihn nicht. Der Mann dort! Bei seinem Anblick schrie Lee auf, rief den Namen.«

Mit ein paar Sätzen war van der Meulen dort hingeeilt. Der schlafende Mann, sein Gesicht ... »Canning!« wollte er rufen, unterdrückte nur mit Mühe den Laut. Inzwischen hatte Lee die Augen aufgeschlagen. Sah in das Gesicht Hortenses, die, über ihn gebeugt, ihm leise die Wangen streichelte.

»Ronald, ich bin bei dir. Du bist noch krank. Das Fieber ist noch in deinem Blut.«

Der drückte ihre Hand. »Du bist bei mir. Ja, ja, ich bin noch krank ... ein Trugbild ... Doch nein!«

Er warf den Kopf in die Höhe. »Ich sehe ihn mit leiblichen Augen ... Canning! Dort liegt er. Er hat von den Früchten der Uraniden gegessen.«

Alle, außer Hortense, deren Arme nicht von dem Geliebten losließen, eilten um den Baum herum, dorthin, wo van der Meulen und der Admiral standen.

Keiner, der nicht erblaßt und bis in die innerste Tiefe erschreckt. Es war wahr, was Lee gesagt. Da lag Canning. Anscheinend in tiefem Schlaf. Um ihn herum die Früchte, von denen er gegessen. Wie ein lähmender Bann legte es sich auf jedes Herz.

»Wir müssen ihn sofort ins Lager bringen«, sagte Royas. »Vielleicht, daß doch irdische Arzneikunst ihn retten kann. Dr. James Harding, der ihre Expedition als Arzt begleitet, genießt am Smithonian-Institute den Ruf eines tüchtigen Toxikologen. Wenn eine Rettung möglich, dann nur durch ihn.«

Die Insassen beider Lager wunderten sich, daß der »Jonas Lee« nach so kurzer Zeit schon wieder zurückkehrte. Noch größer ihr Staunen, als er unmittelbar neben der »Arizona« aufsetzte.

Anwesend waren dort nur Oberst Robartson und Dr. Harding. Schnell waren sie aufgeklärt. Noch immer lag Canning in tiefem Schlaf. War's der Vorläufer des Todes ... War's nur der Schlaf übergroßer Ermüdung? Seine Kleider, seine Schuhe verrieten, daß er einen langen, schweren Marsch hinter sich gehabt hatte ...

Behutsam wurde Canning in sein Zelt gebracht. Der »Jonas Lee« kehrte zu seinem Liegeplatz zurück. Man hatte für diesen Tag die geplante Erkundungsfahrt aufgegeben.

Van der Meulen, Serrato und Robartson standen im Gespräch vor dem Zelt. Dr. Harding und Professor Royas untersuchten währenddes den Zustand Cannings. Während noch Royas sich mit dem Kranken beschäftigte, hatte Harding den Saft eines Apfels, den Royas mitgebracht, flüchtig untersucht. Schon die rohe Analyse erweckte den Verdacht, daß man es hier mit einem dem Pilzgift Muskarin ähnlichen Körper zu tun habe, der das Zentralnervensystem unter wechselnden Erregungszuständen zerstörte.

Als Royas ihm mitteilte, daß Canning eine große Menge dieser Früchte gegessen habe, erschrak der. Warf einen verzweifelten Blick auf Canning.

»Dann«, er schüttelte den Kopf, »ist jeder Versuch, ihn zu retten, aussichtslos. Hätte er nur eine der Früchte gegessen, würde ich zu hoffen wagen. Doch so ... keine Möglichkeit! ... Meine Mittel sind nicht wirksam genug. Wo Uranidenkunst versagte, muß auch irdische Kunst versagen. Versuchen will ich natürlich alles.«

Er eilte in das Raumschiff, wo er sich ein kleines Laboratorium eingerichtet hatte. Als Professor Royas den Dreien vor dem Zelt die Worte Hardings mitteilte, bestätigten sie ihnen nur, was sie eben schon im Gespräch untereinander geäußert.

»Ein Unheil schwebt über unserer Expedition«, unterbrach Oberst Robartson das Schweigen. »Ich wäre froh, wenn die Regierung in Washington endlich die Konsequenzen zöge. Bald! ... Sie zögert wohl nur mit Rücksicht auf die Stimmung der Massen, die es nicht verstehen, verschmerzen können, daß in diesem Falle das Sternenbanner auf der ganzen Linie geschlagen ist.«

Er hatte nur zu recht. Die Nachricht von Cannings Erkrankung, von seinem unabwendbaren Tod, dem Tod, wie ihn die Uraniden erlitten, verursachte in den Staaten eine ungeheure Erregung. Die Stimmung in den Staatsämtern in Washington war geteilt. Man hatte sich dahin geeinigt, daß vorläufig Oberst Robartson das Kommando über die Expedition übernehmen solle. Die einen, doch ihre Zahl war gering, wünschten, daß der Oberst sofort mit dem Raumschiff startete, um andere, möglichst gutgelegene Teile der Venus in Besitz zu nehmen. Das Erbe der Uraniden war ja so oder so verloren. Doch die anderen wagten es nicht, sich mit einer solchen, alles ändernden Maßnahme einverstanden zu erklären. Noch war die Erregung der Massen so groß, daß sie ihre bessere Überzeugung der Furcht vor der Volksmeinung zum Opfer brachten.

Noch sprachen die vor dem Zelt, da kam die Nachricht von der Erde: Oberst Robartson, Führer der Expedition.

Robartson hielt die Depesche, die ihm der Funkgast übergab, in den Händen.

»Nichts weiter? Keine Instruktionen?« Der Funker verneinte.

»So wären wir«, er wandte sich zu Serrato, »geradeso weit wie vorher ... Es ist, wie ich es ahnte. Man vermeidet es, die Konsequenzen zu ziehen. Begnügt sich damit, mich zum Expeditionsführer zu ernennen. Alles, was ich Ihnen bisher im Gespräch gesagt hatte ... meine persönliche Meinung ... betrachten Sie es als nicht gesprochen ... Noch bin ich an die alten Instruktionen, wie sie Canning bekam, gebunden.«

*

Stumm schritten van der Meulen und Admiral Serrato Lees Lager zu. Das furchtbare Ereignis, das schreckensvolle Ende Cannings ... das der Schlußstein eines Unternehmens, das mit so großen Hoffnungen begonnen. Im Lager Lees angekommen, fanden sie dort gleichfalls bedrücktes Schweigen. Lees Nerven waren durch den Vorfall des Tages stark erschüttert. War's auch der Feind, dieses tragische Ende konnte auch auf seinen Gegner seinen Eindruck nicht verfehlen.

Van der Meulen und Serrato boten alles auf, Lees Gedanken zu zerstreuen. Als Royas bei einbrechender Nacht zurückkam, fand er Lee bereits eingeschlafen. Sorgfältig untersuchte er den Daliegenden. Nickte immer wieder befriedigt mit dem Kopf.

»Eine gesund verschlafene Nacht, und er wird den Schock überwunden haben. Der morgige Tag mit seiner Fahrt, die so viel Abwechslung und Interessantes bietet, wird ihm eine gesunde Zerstreuung sein ... Links und rechts von ihm zwei liebevolle weibliche Herzen dazu werden alle finsteren Gedanken verscheuchen.«

Lee verbrachte die Nacht in tiefem, festem Schlaf, Violet und Hortense abwechselnd neben ihm wachend. Sie hielten seine Hand, betreuten seinen Schlummer.

*

Als am nächsten Morgen der »Jonas Lee« sich in die Luft erhob, in der Richtung nach Osten die Alpenkette ansteuerte, schien Lee wieder in alter Frische zu sein. Die wechselvollen Bilder der Fahrt erzeugten bei allen das größte Interesse. Je näher man den Alpen kam, desto höher stieg das Schiff. Es galt, unter den vielen gewaltigen Gipfeln, die, zum Teil mit ewigem Schnee bedeckt, einige besonders markante herauszusuchen, nach denen man in genauer Nord-Süd-Richtung den Venus-Null-Meridian legen wollte. Die Arbeit nahm lange Zeit in Anspruch. Weit nach Norden, weit nach Süden mußte man gehen, bis man endlich zwei geeignete Spitzen gefunden hatte.

Lee selbst war unaufhörlich mit der photogrammetrischen Aufnahme des überflogenen Gebietes beschäftigt. Die Sonne näherte sich inzwischen ihrem Scheitelpunkt. Jetzt war es an der Zeit, die mitgebrachten astronomischen Uhren, deren Werk bereits auf die Länge des Venustages, der ja durch irdische Beobachtungen bis auf Bruchteile von Sekunden bekannt, eingerichtet war, auf die Ortszeit des Venus-Nullmeridians einzustellen.

»Zwölf Uhr eine Minute jetzt nach Venuszeit des Leeschen Meridians«, rief van der Meulen, hielt seine Taschenuhr lachend den anderen entgegen. »Kein besseres Monument für Ronald Lee als der Leemeridian.«

Von allen Seiten regnete es Glückwünsche auf den. Ein Radiotelegramm ging zur Erde, brachte die Kunde zu den Menschen, daß die Normalzeit für Nova America feststand, daß demgemäß alle weiteren Mitteilungen zur Erde danach datiert würden.

Inzwischen war die Zeit so weit vorgeschritten, daß es sich nicht mehr lohnte, eine Durchforschung des Kontinents in Angriff zu nehmen, die man wegen der niederen Wolkenschicht nur in geringer Höhe und entsprechend langsamer Fahrt hätte vornehmen können. Dazu reichten die Stunden der Helligkeit nicht mehr aus.

»Vielleicht, daß wir bei einer Fahrt, dem Meridian folgend, am nördlichen Pole bessere Wetterverhältnisse haben«, wandte Serrato sin. »Wir kennen ja alle die Erdpole von den Flügen der Luftschiffe zur Genüge. Es dürfte interessant sein, die Venuspole zu besuchen; bei denen doch infolge der Stellung der Venus ähnliche klimatische Verhältnisse herrschen müssen.«

Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Die Maschinen wurden zu stärkerer Fahrt angestellt. In schnellem Fluge eilte der »Jonas Lee« der nördlichen Polarzone zu.

Das unter ihnen liegende Land zeigte entsprechend den anderen klimatischen Verhältnissen ganz andere Bilder als auf der Erde. Hier machte sich die größere Sonnennähe geltend. Fast bis zum achtzigsten Breitengrad etwa erstreckten sich grasbewachsene Steppen, die von einer reichen Fauna belebt waren. Erst dann begann der Übergang zum arktischen Gebiet. Verschneite Ebenen, offenes Meer, Treibeis, Gletscher.

Lee stand mit Royas am Meßtisch. Der Pol in nächster Nähe. Die Erwartung aller gespannt. Auch Hierra verließ für einen Augenblick den Führerstand, kam zum Meßtisch geeilt.

»Nur noch einen Gradl« rief Lee, »dann sind wir über dem Pol.« Er warf einen Blick zur Erde. »Hallo, was ist das?« rief er, »unser Flug geht stark abwärts.«

Mit Hierra lief er zum Führerstand, schaltete, stellte den Hebel auf stärkere Beschleunigung, um dem Fall zur Venus hin entgegenzuwirken. Doch nur für kurze Zeit trieb das Schiff in gleichbleibender Höhenlage. Dann begann es wieder zu fallen.

Sekundenlang starrten die sich erschreckt, fragend an. Ein Defekt in dem Triebwerk? ... Bei dieser Hebelstellung hätte der »Jonas Lee« stark nach oben steigen müssen. Mit Hierra und den anderen Technikern begab sich Lee unverzüglich an die Untersuchung der Anlage. Jetzt mußte man ungefähr den Pol erreicht haben ... der Fall des Schiffes wurde schneller.

Doch trotz alles Suchens kein Fehler zu finden. Lee sprang auf. »Später! ... Jetzt keine Zeit mehr ... Wir müssen uns damit abfinden, daß der ›Jonas Lee‹ aufsetzen wird. Unser ganzes Bestreben muß sein, die Landung an einem günstigen Punkt ohne Schaden für den Bau zu bewerkstelligen.«

Ein großes Eisfeld vor ihnen schien zum Landen günstig. Ein paar Minuten später setzte der »Jonas Lee« in der Mitte der Eisfläche auf.

»Für alle Fälle wollen wir der ›Buena Vista‹ Nachricht geben. Sie soll sich sofort hierher begeben. Unser Landungsplatz, der Pol, ist leicht zu finden.«

Während Royas sich zum Sender begab, traten van der Meulen und Serrato in die Zentrale.

»Wollen wir dem Pol einen persönlichen Besuch abstatten?« fragte van der Meulen. »Ein längerer Aufenthalt verzögert unsere Rückfahrt ...« Er wollte weitersprechen, verstummte, als er die Gesichter Lees und Hierras sah.

»Was ist? Weshalb diese Bestürzung? Ist etwas passiert? Mußten Sie landen, weil ...?«

»Ich kann keine Verbindung mit der ›Buena Vista‹ bekommen«, rief Royas aus dem Hintergrund«. »Vergeblich habe ich alles versucht.«

Sofort eilten Lee und Hierra dort hin, untersuchten die Anlage. Alles in Ordnung. Die Antenne führt vollen Strom ... Warum keine Verbindung mit der ›Buena Vista‹? Wo war die Fehlerquelle? ... Dort oder hier?

»Ich möchte fast wünschen, daß hier der Fehler ... daß im Lager alles in Ordnung. Es wäre im höchsten Grade unangenehm, wenn sich im Lager während unserer Abwesenheit irgend etwas Gefährliches ereignet hätte. Wenn wir hier einen Defekt haben und können ihn nicht selbst in Ordnung bringen, wird die ›Buena Vista‹ uns zu Hilfe kommen. Allerdings ...« er machte ein nachdenkliches Gesicht, »müssen wir uns darauf gefaßt machen, die Nacht hier zu verbringen.«

»Sehr wahrscheinlich sogar«, warf Royas ein. »Ehe denen im Lager zum Bewußtsein gekommen, daß uns etwas zugestoßen sein könnte, wird die Dunkelheit eintreten. Nun, ein kleines Abenteuer, das ja nicht weiter bedenklich ist. Vielleicht übernehmen Sie es, Mr. van der Meulen, den jungen Mädchen die Nachricht zu überbringen. Ich muß mich unverzüglich mit Hierra an die Untersuchung der Apparatur machen.« – – –

Stunden waren vergangen. Das Gespräch in der Kabine zwischen van der Meulen und den übrigen wurde immer schwächer, drohte ganz einzuschlafen. Keiner, der mit ganzem Interesse dabei war. Das lange Ausbleiben Lees ... irgend etwas Schlimmes mußte passiert sein. Aller Gedanken waren bei ihm. Die Unsicherheit erhöhte die innere Erregung immer mehr.

Endlich konnte van der Meulen die Ungeduld nicht länger meistern. »Muß doch mal selbst nachsehen ... komme gleich wieder.«

Er trat in den Führerstand. Hielt ... noch hatte er die Tür in der Hand ... erschrocken still. Die beiden Männer, die er in emsiger Arbeit geglaubt, saßen da ... stumm ... tatenlos.

Das Gesicht Lees grau, verfallen ... nach vorn zum Boden geneigt. Der ganze Mann ein Bild, als hätte ihn ein furchtbarer Schicksalsschlag getroffen.

»Ronald!« Van der Meulen unterdrückte nur mit Mühe einen Schrei, eilte zu dem. Legte seine Hand um seine Schultern. »Ronald! Was ist Ihnen? Was ist vorgefallen?«

Er richtete dessen Kopf in die Höhe. Sah ihm in die Augen, erschrak bis in sein tiefstes Innerstes.

Diese Augen, nie anders als in stolzer Zuversicht, in strahlender Energie, hatte er sie gesehen ... die Augen jetzt glanzlos, tot ... wie geistesabwesend starrten sie ihn an. Er führte ihn zu einer Ruhebank, legte ihn behutsam nieder.

Ein Stöhnen hinter ihm ließ ihn sich umwenden. Hierra wollte sich erheben, etwas sagen, sank kraftlos zurück. Professor Royas trat ein, in seiner Hand ein Fläschchen. Er flößte jedem der beiden etwas von der Arznei ein. Auch er bleich und doch weit gefaßter als die beiden anderen.

»Was ist's, Royas?« Van der Meulen griff den am Arm. »Um Gottes willen nicht länger diese Ungewißheit. Was Schreckliches ist passiert ... aber sagen Sie es mir. Lieber der Gefahr ins Auge schauen, als sie fürchten.«

»Kommen Sie mit mir, van der Meulen. Wir lassen die beiden hier kurze Zeit allein. Ich habe ihnen ein beruhigendes Mittel eingegeben. Vielleicht, daß sie auch schlafen.« Er zog ihn durch die Hintertür, die zu seiner Kabine führte, mit sich.

»Machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt, van der Meulen. Ich will unumwunden mit Ihnen sprechen.«

Van der Meulen zuckte zusammen. Der Gedanke an Hortense, die anderen, ließ ihn erbleichen.

»Das Schlimmste wäre der Tod, Señor Royas«, sprach er langsam, mit schwerer Stimme. »Wie soll ich Ihre Worte verstehen? Wir hier sterben ... in dieser Eiswüste? Es ist doch unmöglich! Die Freunde werden uns retten!«

Royas schüttelte den Kopf.

»Keiner kann uns retten, van der Meulen. Wir selbst können es nicht – – – unsere Freunde können es nicht ... Wollten sie es, sie würden mit uns zugrunde gehen.«

Van der Meulen wollte ihn ungeduldig unterbrechen, doch Royas winkte ihm, zu schweigen.

»Erst lassen Sie sich nüchtern erzählen, wie alles gekommen ... wie unsere Lage hier ist. Wir haben den Pol gesucht und gefunden. Anders wie auf der Erde decken sich auf der Venus ungefähr geographischer und magnetischer Pol. Die starken magnetischen Felder, die wir ahnungslos durchfuhren und in deren Bereich wir unentrinnbar festliegen, machen die Elektronenausstrahlung des ›Jonas Lee‹ wirkungslos. Jedes anders von derselben Kraft getriebene Schiff, das uns retten wollte, würde dem gleichen Schicksal verfallen.

Es zu warnen, ist unmöglich, da ja natürlich auch die Sendeenergie von dem magnetischen Feld aufgesogen wird. Wenn es das Schicksal will, wird morgen die ›Buena Vista‹ kommen und uns finden ... um mit uns unterzugehen.

Oberst Robartson, der jetzt die ›Arizona‹ befehligt, wird, wie ich ihn kenne, uns auch zu Hilfe kommen wollen, wird unser Los teilen ...

Und sehe ich noch weiter, sehe ich auch den ›Bolivar‹ kommen. Auch der wird suchen nach uns ... dasselbe Schicksal erfahren. Möglich, daß später noch Schiffe kommen. Suchen wird jedes nach uns. Jedes wird dabei zugrunde gehen. Vielleicht, daß dann die Menschen auf der Erde den unheilvollen Stern für immer meiden werden.«

Van der Meulen hielt nur mit Mühe der Wucht der furchtbaren Tatsachen, deren Kette Royas logisch entwickelt, stand. Waren ihm auch die physikalischen Vorgänge nicht ganz klar, das Bild der Männer im Nebenraum mußte jeden Zweifel unterdrücken. Doch der Gedanke an Hortense ... an Violet ließ noch einmal allen Lebensmut in ihm aufflammen. Mit Royas zusammen besprach er alle Möglichkeiten der Rettung.

Vergeblich ... einen Augenblick war in ihm der Gedanke aufgeschossen, den Versuch zu wagen, zu Fuß nach Süden zu wandern. Vielleicht, daß man abwechselnd auf Eis und festem Land eine Gegend erreichte, wo man das Leben notdürftig fristen konnte. Doch ebenso schnell war der Gedanke wieder verworfen. Dazu fehlten die notwendigsten Ausrüstungsgegenstände, die unentbehrlichsten Lebensmittel.

Der Tod unabwendbar! Wie sollte er das Herz finden, Hortense, Violet die furchtbare Nachricht zu bringen?

*

Und doch war die »Buena Vista« schon am Nachmittag aufgestiegen, den »Jonas Lee« zu suchen. Der Führer Urdaneda hatte um dieselbe Zeit, als der »Jonas Lee« am Pol niederging, telegraphische Verbindung mit van der Meulen gesucht, um dem über die Vorgänge im Lager zu berichten.

Am Nachmittag war Oberst Robartson gekommen, hatte Urdaneda die Mitteilung gemacht, daß das Befinden Cannings sehr schlecht, daß er zeitweise in hohem Fieber die Namen von bekannten Menschen rief. Darunter auch Ronald Lee und Hortense van der Meulen.

Kaum war der gegangen, hatte ein Bote die Nachricht gebracht, daß Cannings Diener, der Inder Sarata, von einer giftigen Schlange gebissen, in den letzten Zügen läge. Urdaneda hatte Juan Stamford in Cannings Lager geschickt. Der kam zurück, berichtete, daß sich Cannings Zustand durch die Medizin Hardings etwas gebessert, daß das Fieber zurückgegangen. Der Kranke sei bei vollem Bewußtsein, der Inder inzwischen gestorben.

Der hatte am Tage vorher bei dem Suchen nach Canning ein Schlangennest entdeckt. Hatte zwei Schlangen gefangen und mit ins Lager gebracht, ohne daß die übrigen etwas davon erfuhren. Am Mittag hatte er die Schlangen Harding gezeigt, der sofort Interesse dafür gewann, sie auf ihre Giftigkeit untersuchen wollte.

»Es sind Kobras wie bei uns zu Haus,« hatte der Inder zu Harding gesagt, »kluge Tiere. Ich werde sie tanzen lehren.«

Harding war geneigt, dem Inder zu befehlen, die Schlangen zu töten und fortzuschaffen. Ließ sich aber durch die starke Zuversicht, die der äußerte, davon abbringen.

Der zog seine Flöte aus der Tasche, zeigte lächelnd, zu Harding gewandt, auf das Instrument.

»Saratas Musik macht böse Schlangen sanft. Gleich werden Sie sehen, Herr Doktor.«

Er stellte den Korb auf den Boden, kniete davor, setzte die Flöte an seine Lippen. Kaum, daß er ein paar Töne gespielt, hob sich der Deckel. Die beiden Schlangen stürzten heraus. Sekundenlang wanden sich die schillernden Leiber, wie nach einem Ausweg suchend, hin und her.

Da die eine! Ihr Auge hatte Saratas Blick empfunden. Sie blieb regungslos liegen. Die andere kroch näher an den Inder heran, der unbeirrt weiterspielte. Jetzt hatte auch die der Blick des Inders getroffen. Ebenso wie die andere verharrte sie regungslos am Boden. Ein triumphierendes Lächeln ging über Saratas Gesicht. Die Musik seiner Flöte brach plötzlich ab, begann sofort in einer anderen Melodie. Und als empfänden die Schlangen wohltätig die sanften, schmeichelnden Töne, langsam erhoben sie sich. Die Töne der Flöte wurden schneller, gingen in einen wiegenden Rhythmus über. Die Schlangen, folgend dem, bewegten sich zum Erstaunen aller in hüpfendem, wiegendem Tanz.

Saratas Augen glänzten. Nur sekundenlang streifte sein Blick die verdutzten Gesichter der Zuschauer, kehrte sofort wieder zu den Tieren zurück.

Da plötzlich! Ein furchtbarer Schrei, der weit über den Platz gellte aus dem Zelt, in dem Canning lag.

»Gorm! Gorm! Wo bist du? Komme zu mir! Rette mich aus dieser Qual. Du der einzige, der den Brand meiner Seele löschen kann. Gorm! Gorm!«

Bei dem Namen Gorm war der Inder zusammengezuckt. Die Worte Cannings wühlten in ihm ... Wie achtlos ließ er die Flöte sinken. Seine Augen glitten von den Schlangen weg, gingen in unbestimmte Ferne. Er schauerte zusammen wie in Angst ... Grauen. Auch die Aufmerksamkeit der anderen hatte der Schrei Cannings abgelenkt. Keiner, auch Sarata nicht, achtete auf die eine der Schlangen, die, dem Inder am nächsten, zu ihm herankroch, sich um seinen Fuß ringelte.

Robartson der erste, der sich wieder zu dem Inder wandte. Sein Auge vermißte die eine der Schlangen, sah die am Bein Saratas. Mit einem Schrei eilte er auf den zu. Sarata, noch immer wie im Traum, starrte ihn geistesabwesend an. Robartson faßte mit schnellem Griff das Reptil, warf es zu Boden, zertrat es.

»Sarata,« rief er laut, »schnell, streifen Sie das Kleid ab. Vielleicht, daß Sie gebissen.« Er deutete auf das getötete Tier. Da endlich schien der Inder zu sich zu kommen. Er beugte sich vor, streifte das Beinkleid in die Höhe. Die roten Eindrücke der Schlangenzähne wurden sichtbar ... Der sah es, nickte. »Der Gott der Gerechtigkeit straft mit den Waffen, mit denen der Mensch gesündigt.«

Auf die Rufe der anderen kam Dr. Harding herbeigeeilt. Schnell war er aufgeklärt. Sah die Bißwunde, wollte beispringen. Sarata winkte ab.

»Der Gott hat es gewollt. Es wäre schwere Sünde, gegen seinen Willen zu handeln. Sarata muß sterben ... will sterben. Seine Zeit ist erfüllt.«

Vergeblich drang Harding in ihn, einen Versuch zu machen, durch eine Einspritzung das Schlangengift zu paralysieren. Der Inder lehnte jede Hilfe ab. Er wandte sich um, daß das Gesicht nach Osten zeigte, beugte das Haupt, saß in regungsloser Starre.

Dr. Harding zuckte die Schultern.

»Er sucht den Tod. Sein Fatalismus sieht in ihm keinen Feind, nur einen Weg zum nächsten neuen Leben.«

Als der Erdstern klar und schimmernd am Horizont aufstieg, starb Sarata. – – –

Vergeblich hatte Urdaneda Verbindung mit dem »Jonas Lee« gesucht, um ihm die Vorgänge im Lager zu berichten. Schon eine Stunde war vergangen. Immer wieder war der Versuch einer Verbindung fehlgeschlagen.

»Ein ereignisvoller Tag«, brummte er vor sich hin. »Sollte da irgend etwas vorgefallen sein? Sollten hier atmosphärische Störungen unbekannter Art auftreten, die die Verständigung verhindern?«

Er bat Oberst Robartson zu sich, teilte ihm kurz seine Befürchtungen und seine Absicht mit, die »Buena Vista« startbereit zu machen und auf die Suche zu gehen. Bat den, auf einem seiner Empfangsapparate die Leesche Welle einzustellen, um jederzeit Nachrichten von ihm oder von Lee selbst empfangen zu können. Kurz darauf flog die »Buena Vista« in beschleunigter Fahrt nach Norden, suchte in der ungefähren Richtung, die der »Jonas Lee« genommen haben mußte, sorgfältig das unter ihr liegende Land ab. Die bald einbrechende Dunkelheit zwang Urdaneda, die Suche abzubrechen, zum Lagerplatz zurückzufliegen.

* * *

 

Eine Riesenschlucht in den östlichen Gebirgszügen der Meridianalpen. Ein schmaler Grat an der westlichen Felswand führt in gähnende Tiefe. Ein Mann bewegt sich vorsichtig kletternd den Pfad hinab. Die Hälfte des Abgrundes hat er überwunden. Da tut sich plötzlich zu seiner Linken ein gewaltiges Felsentor auf. Die gigantischen Ausmaße geben das Bild der Halle eines Riesendomes. Im Hintergrund der Höhle ein Raumschiff.

Als der Ankömmling in die Höhle trat, kamen ihm aus einer Nische zwei Männer entgegen.

»Wie steht's, Tim? Hast du Erfolg gehabt?«

Der bejahte, das Gesicht halb ernst, halb von einer versteckten Freude zu einer Grimasse verzogen.

»Sarata ist von einer giftigen Schlange, die er zähmen wollte, gebissen worden. Wie das passiert ist, konnte ich leider nicht feststellen. Er scheint rettungslos verloren.«

»Ah! Also doch. – Sarata.« Stamford wandte sich ab, schritt in tiefem Nachdenken lange Zeit hin und her. »Unendlich kunstvoll die feinen Fäden vom Karma zu einem unzerreißbaren Gewebe versponnen. Alles ist mir jetzt klar. Meine Ahnung trog mich nicht. Trog mich nicht, wie auch damals nicht, als ich vor unserer Abfahrt mich auf Majadevis Seite stellte, die Gorm bat, Awaloff mitzunehmen. Auch hier das Walten des Karma. Es mußte sein, damit hier die wirren Knoten ihre Lösung fänden.«

Indessen berichtete Tim Bröker Gorm, wie es ihm gelungen, sich unbemerkt an Cannings Lager heranzuschleichen, aus dem Gespräch der Leute das Wesentliche zu erlauschen.

Jetzt wandte sich Stamford zu Gorm, trat mit dem in die Nische. Auf einem Lager ausgestreckt Majadevi. Das nervöse Arbeiten ihrer Gesichtsmuskeln, das unruhige Umhertasten ihrer Hände, das Zucken, das hin und wieder durch ihre Glieder ging, zeigten, daß der Schlaf, in dem sie lag, nicht natürlich ... daß Stamford sie bannte, festhielt.

»Sarata stirbt«, sprach Stamford flüsternd zu Gorm. »In dem nahenden Dunkel des Todes tastet seine Seele noch einmal nach dem besten Besitz und Glück seiner Erdentage. Die schattenden Wellen seiner Seele trafen mit stärkster Inbrunst Majadevi. Noch sind mir die tiefsten Geheimnisse der indischen Mystik nicht erschlossen ... ob er noch sterbend sie uns entreißen wollte ... ihre Seele mitnehmen in das neue, geträumte Leben? ... Ich hörte wohl von solcher ungeheuren Kraft Sterbender. Doch es soll ihm nicht gelingen.

Setzen Sie sich wieder zu ihr. Ergreifen Sie wieder ihre Hände. Das Fluidum Ihrer Seele ist die beste Abwehr ... ist stärker als meine Kunst.«

Stamford nickte Awaloff, der zu Füßen des Lagers saß, freundlich zu. Die bekümmerten Züge des Mannes, dessen Augen wie hilflos an Stamford hingen, hellten sich auf.

Welch tiefe Wandlung war mit Awaloff vorgegangen. Das eingefallene Gesicht von den ausgestandenen Leiden gefurcht, der Rücken gebeugt. Die hageren Hände wichen nicht von dem Lager Majadevis, wie um sie zu schützen ... wie um selbst Schutz zu suchen. Der einzige kostbare Besitz, der ihm noch ward.

Die Augen glanzlos, trugen die Spuren der furchtbaren Seelenkämpfe, zeigten, wie unauslöschlich in seiner Erinnerung das Entsetzliche, das er erlitten, fortlebte. Wie eingemeißelt in ihrem Hintergrunde das Bewußtsein der schweren, nie wieder gut zu machenden Schuld an der Menschheit.

Nur wenn sein Blick Majadevi traf, veränderte sich der Ausdruck. Der Schimmer unsäglicher Liebe verschleierte dann alles Dunkle, Trübe. Seit jener Stunde, wo die Nacht des Wahnsinns von ihm gewichen, wo er in Majadevi sein Kind wiedergefunden, hatte er sich mit allen Fasern seines Seins an die geklammert. Sie das einzige Band, das ihn noch mit dem Leben verknüpfte. Vor Gorm zeigte er eine unüberwindliche Scheu. Er wich ihm aus, wo er nur ging. Wenn Gorm mit ihm sprach, senkte er die Augen, wurde ängstlich.

Wohl hatte keiner mit ihm über die Zusammenhänge zwischen seiner Tat und Gorms Schicksal gesprochen. Doch hatte er sie wohl durchschaut. Stamford, der für kurze Zeit hinausgegangen, kam jetzt wieder, wandte sich zu Gorm.

»Noch immer senden die Leute der ›Buena Vista‹ Rufe in den Äther, die keine Antwort finden. Wüßte man nicht aus den gestrigen Funksprüchen, daß der ›Jonas Lee‹ eine Fahrt um das neue Land machen wollte, möchte man annehmen, daß Ihre Befürchtungen, Gorm, wahr geworden. Gewiß, es wäre ja nicht ausgeschlossen, daß der ›Jonas Lee‹ seine Pläne geändert, den Pol angesteuert hätte ... daß er das Schicksal des Uranidenschiffes erlitte.«

»Es muß so sein«, erwiderte Gorm. »Die Einrichtungen des ›Jonas Lee‹ sind so vortreffliche, daß an einen Unglücksfall gewöhnlicher Art nicht zu denken ist. Und wenn ihm auch sonst etwas zugestoßen wäre, die Sendeanlage müßte ihm jedenfalls zur Verfügung stehen. Doch die Nacht bricht herein. Sie im Licht der Scheinwerfer zu suchen, wäre kaum möglich. Doch was auch sei, ich weiche nicht von Majadevi. Weiche nicht, bis mir ihre Seele wieder voll geschenkt.

Sarata tot? ... Majadevi befreit von den schweren Fesseln, mit denen der sie an sich gekettet ... dann ganz mein Eigentum, dies schimmernde Kleinod, dessen Licht meine Augen so glückverheißend traf, als ich in der tiefen Nacht des Menschenhasses wandelte ... Vollendet mein Glück, wenn die zarte Blüte, von meinen Händen vor allen Lebensstürmen geschützt, sich zur schönsten Blume entfaltet.« – – –

Stunden verrannen. Die drei wichen nicht von dem Lager.

»Hallo! Sie ist wieder da, die alte Erde. Der Teufel, daß ich die mal als blitzenden Stern am Himmel sehen sollte.« Tim Brökers Stimme schallte von dem Ausgang her zu ihnen. Der schwenkte den Hut. »Ich freue mich jeden Tag, wenn ich dich wiedersehe, alte Heimat.«

Stamford hatte sich erhoben, wollte dem unwillig zurufen, still zu sein. Da hielt ihn Gorms Hand zurück.

Der deutete auf Majadevi. Was war mit der? Sie hatte sich langsam emporgerichtet. Die Augen glitten in ruhigem, liebevollem Blick von einem zum anderen. Man sah, wie ihre Brust sich unter dem leichten Gewande in ruhigen, befreienden Atemstößen hob und senkte. Ihre Hände hoben sich hoch, streckten sich denen entgegen.

»Mir ist so leicht. Ich ... ich bin so glücklich. Der schwere Traum ... er ist fort ... die dunklen Schatten ... die finsteren Gestalten, die um mich woben, sind verschwunden. – – Väterchen – Weland Gorm –«

Wie betäubt von dem Glücksgefühl schlang sie arglos die Arme um den Mann, der neben ihr saß, legte ihre Hände an seine Brust. »Weland Gorm, du liebst mich. Du wirst nie von Majadevi gehen, die dich auch so liebt.«

Es war die Stunde, als Sarata starb.

*

In dem klaren, hellen Sternenlicht wanderten zwei Männer über die Eisfelder. Hin und wieder verdunkelten schwarze Wolken das geringe Licht. Dann entzündeten sie ihre starken Laternen, um ihren Weg zu erhellen. Hin und wieder vergewisserten sie sich mit dem Kompaß, daß sie die rechte Richtung behalten.

Nach Süden! Stundenlang, fast die ganze Nacht waren sie schon gewandert. Eine breite Eisspalte sperrte ihnen den Weg. Der eine nach rechts, der andere nach links suchten sie eine Möglichkeit, das Hindernis zu umgehen. Die Zeit verrann. Endlich ... der eine hatte eine schmale Eisbrücke gefunden, die auf das andere Feld führte. Durch die hohle Hand schrie er es dem Gefährten zu. Der kam. Der andere zog inzwischen die Uhr.

Acht Stunden waren sie schon gewandert. 35 Kilometer hatten sie zurückgelegt. Viel weiter wären sie schon, wenn nicht immer wieder die Hindernisse ihren Weg verlängert hätten. Eine Zeitlang war ihnen das Glück hold. Keiner schien Ermüdung zu verspüren. Unaufhaltsam, indem bald der eine, bald der andere Schrittmacher war, wanderten sie weiter. Im Schutze einer riesigen Eiswand, die sie umgehen mußten, machten sie einen kurzen Halt. Das Sternenlicht begann langsam zu verblassen.

»Wenn wir noch 20 Kilometer zurücklegten, Mr. Lee, wären wenigstens geringe Aussichten, daß wir die ›Buena Vista‹ vor dem Eintritt in das magnetische Feld warnen könnten.«

Lee nickte. Verzweifelt im Innern, ob seine Kräfte noch ausreichten, den beschwerlichen Marsch so viele Stunden lang fortzusetzen. Gestern erst vom Krankenlager aufgestanden, heute diese Riesenanstrengung. Selbst sein stählerner Körper war solcher Strapazen nicht gewachsen.

»Ich will's versuchen, Señor Serrato. Wenn ich nicht weiter kann, müssen Sie allein weiterwandern. Das Geschick aller unserer Gefährten hängt davon ab, daß wenigstens einer das Ziel erreicht. Vielleicht, daß unser Sender schon früher arbeitet, wenn auch schwach.«

Eine Stunde wohl waren sie weitergewandert. Der Weg war günstig gewesen. Da, ein neuer, breiter Eisspalt. Soweit ihre Augen bei dem immer heller werdenden Morgenlicht reichten, keine Möglichkeit, ihn zu überschreiten ... zu umgehen.

»Wir dürfen uns nicht trennen, Mr. Lee. Die vielen kleinen Spalten, die das Eis durchziehen, sind tückische Fallen. Stürzte einer hinein, wäre er verloren, ehe der andere herbeikäme. Wandern wir aufs Geratewohl nach rechts. Vielleicht, daß wir Glück haben.«

Doch nirgends eine Übergangsmöglichkeit. Schon wollten sie verzweifelt umkehren, nach der anderen Seite suchen, da sah Serrato eine kleine, schwimmende Eisscholle in dem offenen Wasser. Der Spalt war hier verhältnismäßig schmal. Serrato deutete darauf.

»Hier wäre eine Gelegenheit. Der Zwischenraum bis zur Eisscholle ist nicht groß. Springen wir gleichzeitig darauf, wird die Scholle durch unseren Anprall zweifellos nach der anderen Seite getrieben werden, daß wir wieder mit einem Sprung das jenseitige Ufer erreichen können.«

»Sie haben recht, Señor Serrato. Wir müssen's wagen.«

Beide nahmen einen Anlauf, sprangen auf die Scholle. Wie Serrato vermutet, trieb die der Anprall weiter ...

Jetzt der zweite Sprung. Die Entfernung war bedeutend größer, doch es blieb nichts anderes übrig. Sie mußten's wagen. Gleichzeitig schnellten sie sich von der Scholle ab, kamen glücklich am Rande des Eisfeldes an.

Serrato war hingestürzt, Lee wollte ihm aufhelfen. Da stöhnte der laut auf.

»Sie haben sich verletzt, Serrato?« fragte Lee in jähem Erschrecken. Der preßte die Zähne zusammen, nickte nur. Schöpfte ein paarmal tief Atem.

»Ich kann nicht weiter. Unmöglich! Lassen Sie mich hier. Der Tag kommt immer schneller herauf. Sie müssen weiter, sonst ist's zu spät, alles umsonst gewesen.«

Lee stand ratlos. Was sollte er tun? Den Gefährten hier in der eisigen Einöde allein zurücklassen? Seine Gedanken gingen zu dem »Jonas Lee«. Er sah, wie die da zitternd und bangend sie auf ihrem Weg verfolgten.

Der Abschied ... gelang ihr Plan nicht, war's gleichzeitig ein Abschied für die Ewigkeit ... denn zurückkehren, denselben Weg zu Fuß zum »Jonas Lee« ... unmöglich. Und kämen sie selbst zurück ... lange würde es dauern, wo jetzt schon seine Kräfte vollkommen erschöpft, dann würden die tot sein, verhungert, erfroren. Doch gelang sein Plan, konnte man Serrato auch retten. Er drückte dem stumm die Hand, schritt weiter nach Süden ... nach Süden. Doch noch war er nicht weit gekommen, da sperrte erneut offenes Wasser seinen Weg.

Das Tageslicht war so weit vorgeschritten, daß er weithin die Gegend überschauen konnte. Doch wohin er auch spähte, nirgends eine Möglichkeit. Verzweifelt schritt er aufs Geratewohl an dem Wasserspalt entlang, wanderte ... wanderte ... schrak plötzlich zusammen.

Was war das da? Er schritt schneller ... da war Serrato wieder. Lee schaute sich nach allen Seiten um. Wie war das möglich? Er mußte im Kreise gegangen sein. Sie befanden sich also auf einer rings von Wasser umgebenen Eisscholle.

Jetzt hatte ihn auch Serrato bemerkt. Er mühte sich empor.

»Lee, sind Sie hier? Warum? Lassen Sie mich. Weiter! Weiter nach Süden, sonst sind wir alle verloren.«

Der trat langsam an Serrato heran, ließ sich schwerfällig zu Boden fallen.

»Alles umsonst, Serrato. Es ist zu Ende. Wir schwimmen auf einer größeren Scholle. Rund um uns offenes Wasser ... der Weg nach vorn, der Weg zurück abgeschnitten.«

Serrato vergrub den Kopf in die Hände.

»Das wäre das Ende. Ja! Dann alles vergeblich.«

Lee, als hätte ihn der Schlag zu Tode getroffen, hatte sich lang ausgestreckt. Kein Wort kam über seine Lippen. Widerstandslos wollte der übermüdete Körper dem Schlaf nachgeben. Doch Serrato rüttelte ihn auf.

»Sie dürfen nicht schlafen, Lee. Schlaf bedeutet hier Tod.«

»Tod!« sprach der. »Wozu der Hohn? Wir sind verloren ... so oder so. Doch nein! Sie haben recht. Stellen wir unseren Sender auf. Ich habe zwar kaum Hoffnung. Aber möglich wär's, daß seine Wellen, wenn auch stark geschwächt, doch den Empfänger der ›Buena Vista‹ träfen.«

Noch arbeitete er an der Aufstellung des Senders, da schrie Serrato laut auf:

»Ein Schiff im Süden!« Er hatte sich emporgerichtet, seine Arme deuteten dorthin.

»Wo? Wo?« schrie Lee. »Ah! Jetzt sehe ich's auch. Die ›Buena Vista‹ ... o Gott, hilf!«

Mit zitternden Händen schaltete er den Sender ein, schrie seinen Warnungsruf hinein.

»Zurück! Nicht weiterfliegen! Die Elektronen versagen!«

Immer wieder dieselben Worte rief er. Sein Herz ging in wilden Schlägen. Sein Körper zitterte, bebte wie in Fieberschauern.

Würden sie's hören? ... Seine Warnung?

Noch immer flog das Schiff weiter. Wie ein Wahnsinniger rief er immer wieder in den Sender:

»Zurück! Zurück! Hier Lee! Zurück, zurück, sonst seid ihr verloren!«

»Sie hören uns nicht«, schrie Serrato, fiel mit einer verzweifelten Bewegung zurück. »Sie müssen schon den letzten Grad angeflogen haben, wo wir unsere Kraft verloren.«

Lee stand, starrte mit aufgerissenen Augen dem Schiff entgegen.

»Vielleicht, daß sie es selber merken, wenn ihre Kraft schwächer wird. Vielleicht, daß sie noch wenden können, wenn sie die Gefahr merken.«

Doch nein. Näher, immer näher kam es heran. Jetzt senkte es sich, flog tiefer ... immer tiefer ...

Mit einem Schrei stürzte er zusammen.

»Verloren wie wir! Ich wußte es. Umsonst, umsonst alles! – – –

»Sie sind nicht tot. Sind wohl nur übermüdet von den Anstrengungen hier zusammengesunken. Wir müssen sie in das Schiff nehmen, sonst fallen sie der Kälte zum Opfer, Gorm.«

Der stand eine Weile überlegend.

»Es ist wahr, Stamford. Ehe wir zurückkämen, wären sie vielleicht den Kältetod gestorben.« –

Unter der Wirkung des belebenden Trankes, den ihnen der Arzt gereicht, gewann Lee zuerst das Bewußtsein wieder, richtete sich auf, starrte um sich.

Da neben ihm Serrato ... und der andere ... der sich über den beugte, ihm den Fuß verband? Wer war das? Waren sie nicht in der »Buena Vista«? Wer war der Mann? ... Ein Fremder ...

Sie waren in einem Raumschiff ... die »Arizona«? Nein! ... Und das Schiff flog ... flog weiter ... Voller Entsetzen hob er die Arme empor, wollte schreien: »Nicht weiter! Nicht weiter!«

Da trat der Fremde zu ihm.

»Seien Sie ruhig, Mr. Lee. Die Gefahr, die Sie fürchten, trifft uns nicht. Wir werden die im ›Jonas Lee‹ retten, wie wir Sie gerettet haben. Werden Sie zurückbringen zu Ihrem Lager.«

Lee schloß die Augen, drückte die Hand an die Stirn. War's ein Traum? War's Wirklichkeit? Ein anderes Schiff hier oben, das sie gerettet. Wer war das? Er riß die Hände vom Gesicht.

»Gorm?«

Der andere nickte.

»Sie sind in Gorms Schiff, Mr. Lee.«

»Ah, Gorm! Sein Werk! Unüberwindlich seine Macht. Wir sind gerettet ... Hortense ...«

Er schloß die Augen. Tiefe Ohnmacht umfing ihn.

*

Wieder schlug Lee die Augen auf ... schloß sie ebenso schnell. Das Bild, was er gesehen ... noch träumte er den schönen Traum weiter. Nicht anders konnte es sein. Doch nein! Da klang die Stimme, die an sein Ohr drang.

»Ronald!«

Ängstlich, fast zag hob er ein wenig die Lider. Das Bild! War's Wirklichkeit? Hortense neben ihm. Ihre Stimme, die sprach. Ihre Hand, die er umklammerte. Ihre Tränen, die auf sein Gesicht fielen.

Er riß die Augen weit auf.

»Hortense, du bist bei mir? Gerettet?! ...«

»Gerettet, Ronald ... Weland Gorm hat uns gerettet ...«

Ein glückliches Lächeln ging über Lees Züge.

»Gorm! Ich wußte es immer schon. Er ist hier ... Er unser Freund ... er behütet uns. Alles sein Werk ...«

»Ronald!«

Die Stimme Violets. Die trat an der Hand eines Mannes an seine Seite. Eines Fremden ... und doch, das Gesicht? ... Er hatte es schon gesehen. Doch wann? Wo? War's nicht eben erst gewesen? ... In dem Schiffe Gorms?

»Ronald! Dies ist Sidney Stamford, der Freund Gorms. Er hat dich gerettet. Er hat dich zu uns gebracht ...«

Noch hatte Lee kaum begriffen ... da! Die schlang die Arme um den ... der küßte sie, küßte Violet, seine Schwester.

Er wollte fragen, sprechen. Hortenses Hand schloß seinen Mund.

»Ruhe, Ronald! Dein Körper und Geist sind so ruhebedürftig. Zuviel Freude nach so viel Leid, auch das für dich schwer zu ertragen. Du mußt ruhen!«

*

»Wir wollen den Umweg über die Alpen nicht scheuen. Vielleicht, daß der Unfall schon früher, schon hier passiert ist. Wir müssen Schritt für Schritt ihrer Bahn folgen.«

»Tun Sie, wie Sie denken, Mr. Urdaneda«, erwiderte Robartson. »Ich hege zwar starke Zweifel. Glaube vielmehr, daß der ›Jonas Lee‹ weit oben im Norden, vielleicht gar in der Polgegend verunglückt ist ... aber immerhin ... und vergessen Sie nicht, ständig mit mir in Verbindung zu bleiben. Mir über das, was Sie tun, Nachricht zu geben.«

Urdaneda trat in die Tür, wollte eben den Starthebel rücken. Da ließ ein lautes Geschrei von draußen ihn die Hand zurückziehen. Er eilte zur Tür. Oberst Robartson und die anderen, die bei ihm waren, deuteten erregt nach Norden.

»Ein Schiff! Der ›Jonas Lee‹! Er kommt!«

»Ein Schiff«, sprach Urdaneda leise vor sich hin, riß das Glas vor die Augen. »Nein, zwei Schiffe. Das eine im Schlepptau des anderen.«

Jetzt auch andere:

»Gewiß! Es sind zwei Schiffe. Das eine zieht das andere nach sich.«

»Und das zweite ist der ›Jonas Lee‹«, vollendete Urdaneda tonlos. Oberst Robartson stürmte die Treppe zu ihm empor, als ob er da oben besser sehen könnte.

»Mr. Urdaneda! Was ist das? Was soll das? Zwei Schiffe ... das zweite unbedingt der ›Jonas Lee‹. Die Form zeigt es deutlich. Doch das erste ... was ist das? Ein Uranidenschiff?! ...«

Die anderen hatten wohl das Wort gehört.

»Uraniden! Uraniden!« schrien sie, schwenkten die Arme, Hände, wie im Taumel. »Uraniden! Wir werden sie sehen.«

Unbeschreiblich die Erregung. Manche stürzten denen entgegen, als könnten sie damit die Zeit verkürzen ... zu sehen, wie die niederstiegen, wie sie landeten, die Uraniden.

Jetzt überflogen die Schiffe Cannings Lager und gingen immer tiefer. Kaum ein paar Meter über dem Boden glitt der »Jonas Lee« langsam daher. Kurz vor dem Lager setzte er sanft auf. In demselben Moment fiel die Trosse, die ihn mit dem anderen Schiff verband, zur Erde. Das erhob sich sofort wieder in größere Höhen, flog gen Osten weiter.

Erstaunt ... enttäuscht starrten alle dem enteilenden Schiff nach ... Warum landeten die nicht? ... Warum blieben sie nicht hier ... flohen? Sie hatten doch den »Jonas Lee« gerettet. Wie hatten sie den gefunden? Tausend Fragen, die aller Herzen bewegten ...

Doch die im Schiff, die Geretteten, mußten ja Auskunft geben können. Alles eilte dorthin. Auch aus Cannings Lager kamen die Leute herbeigelaufen. Ein lautes Gewirr von Glückwünschen, Fragen empfing van der Meulen und seine Begleiter, als die Türen des »Jonas Lee« sich öffneten. Wurden jedoch schwächer, als man die ernsten Gesichter der Ankömmlinge sah. Nur verhalten die Freude in den Zügen. Die Schatten eines schweren Erlebnisses lagen noch auf ihren Mienen.

Da übertönte ein dreifacher Ausruf freudigster Überraschung das Ganze.

»Vetter Sidney! Du! ... Du hier auf der Venus? Wie bist du hierhergekommen? Du warst in jenem Schiff? ...«

Mit Mühe machte sich Stamford aus den Umarmungen der Brüder frei.

»Gewiß, Ricardo, ich bin hier. War auch früher hier als ihr.«

»Aha!« unterbrach ihn der, »jetzt verstehe ich so manches ... das des Rätsels Lösung. Und kein Wort hast du uns verraten. Warst doch noch kurz vorher bei uns. Und dein Freund ... der Weland ...«

Stamfords Hand deutete nach Osten.

»Dort fliegt er ... Weland Gorm! Ricardo.«

Er mußte lachen, als er die Gesichter der Brüder sah. Mit offenem Mund, sprachlos, standen sie da, schüttelten die Köpfe.

»Weland Gorm, dein Freund!« schrie Ricardo. »Er war bei uns. Wir haben ihn gesehen, mit ihm gegessen, getrunken und wußten nicht, daß er es war. Weland Gorm, dein Freund! ... Ihr wart früher hier als wir? Ihr habt alles das getan, worüber wir uns den Kopf zerbrachen?«

Die lauten Rufe Ricardos ... die Worte »Gorm, dein Freund« hatten alles hierhergelockt. Umringt von der ganzen Menge der Zurückgebliebenen stand Stamford. Wußte sich nicht der Frager zu erwehren, die auf ihn einstürmten – bis zwei Mädchenarme den Kreis zerteilten, Violet zu ihm drang.

»Zu mir gehörst du, Sidney. Du Böser, Schlimmer! Nie werde ich's vergessen, daß du tagelang hier warst, ohne mir ein Zeichen zu geben.«

Und dann saßen alle in Gruppen verteilt im Schatten der Bäume, fragten, erzählten. Vor dem Uranidenzelt van der Meulen und Oberst Robartson an Serratos Lager, der noch immer seinen Fuß nicht gebrauchen konnte. Van der Meulens Augen gingen immer wieder nach dem Südabhang. Zwei glückliche Paare dort ...

»Wie werden wir der Welt Nachricht geben«, sprach Oberst Robartson. »Noch weiß sie kaum etwas von den vielen geheimnisvollen Ereignissen hier. Jetzt die Lösung. Sie wird sie kaum verstehen. Glücklich der Reporter, der hier wäre und alles melden dürfte.«

*

Canning war erwacht. Das laute Rufen, Schreien hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. War irgend etwas geschehen? Er griff nach der Schelle, die neben seinem Lager stand. Klingelte heftig, doch niemand kam.

Mißmutig warf er sich zur Seite. Niemand war hier, kümmerte sich um seine Person. War er nicht der Führer der »Arizona«? Mußte ihm nicht alles gehorchen? Wie konnten die es wagen, ihn hier allein zu lassen ... oder betrachtete man ihn schon als tot? Tot ... sterben?

Er wußte es, er mußte sterben. Und doch! Immer wieder sträubte er sich gegen den Gedanken, alles zu verlassen. Er war noch jung. Vielleicht, daß das Leben ihm doch noch Glück, Erfolg bescheren würde, nach dem er ein Menschenalter gerungen. Wozu hätte ihm das Schicksal seine Gaben, Fähigkeiten verliehen? Sollten sie sich nur unfruchtbar abmühen in erfolgverheißenden Anfängen, ohne je ein großes Ziel zu erreichen?

Der Schlaf hatte ihn wunderbar gestärkt. Kaum fühlte er noch eine Schwäche. Ein Glück, daß Harding hier. Vielleicht, daß es seiner Kunst doch gelänge, dieses tückische Gift zu bannen.

Ein neues, besseres Leben würde er beginnen. Das neugewonnene Land hier bot seinen Kräften ein unendliches Betätigungsfeld. Was war dagegen sein Wirken in Gran Chaco? Und war's nicht hier in Nova America, wie die da drüben es nannten, noch andere reiche Venusteile standen zur Verfügung. Mochten die mit Lee Nova America behalten. Die Schätze der Uraniden ...? Noch hatten die sie nicht gefunden. Würden sie sie je finden? ... Er schüttelte den Kopf. Sein Ohr lauschte der leisen Stimme, die schon immer zu ihm gesagt: Keiner wird sie finden, die Schätze der Uraniden. Diese Stimme ... in seinem Unterbewußtsein hatte sie, ohne daß er eine Erklärung dafür gewußt, geklungen ... bis zu dem Augenblick, wo es ihm zur unumstößlichen Gewißheit geworden, daß Gorm lebte, hier auf der Venus war. Gorm lebte! ... Welches unerhörte Wunder. War nicht die Bombe, von seiner Hand geschleudert, mitten in die Werft im Himalaja eingeschlagen? Die Bombe, von ihm selbst konstruiert, war von einer ungeheuren Zerstörungskraft, auf weite Strecken nach allen Seiten mußte alles vernichtet, alles Lebende tot sein. Und doch, der lebte, kein Zweifel. Er nicht allein, auch die anderen, die mit ihm waren, lebten, waren hier. Ein Wunder, ein unerhörtes Wunder mußte da passiert sein, oder ... war Gorms Kraft und Macht so groß, daß ihm menschliche Waffen, auch der furchtbarsten Art, nicht beikommen konnten? Der war vor ihnen hierhergekommen, er war der Erbe der Uraniden.

Gorm! Seine Werke, seine Taten, immer größer, gewaltiger! Unmöglich, sich mit ihm zu messen für ihn, für jeden anderen Menschen der Erde. Alles, was der wollte, alles, was der begann, führte zum Sieg. Seine Größe so übermenschlich! Was würde den das Geheul der verblendeten Menschen berühren? – – – Und doch! Wie ein Siegeslächeln ging es über seine Züge Eins hatte er nicht ... den Strahler ...

Ob er jemals dahinterkommen würde, hinter sein Geheimnis? Ob der jemals erfahren würde, wie er das Unmögliche möglich gemacht, alle die so klug ersonnenen unüberwindlichen Sicherungen zu durchbrechen?

Er versetzte sich in Gorms Gedanken. Er ahnte schon lange, daß Gorm Verdacht auf ihn hatte. Und doch, weder er noch irgendein sterblicher Mensch konnten beweisen, wie es geschehen. Und mußte er wirklich sterben, sein Name würde doch in der Geschichte der großen Erfinder glänzen. Die »Arizona«! War sie nicht sein Werk?

Ein hämisches Lächeln umzog seinen Mund. Der Raub der Leeschen Pläne! Was war's? ... Gerechte Vergeltung ... Hatte der ihm nicht Hortense geraubt? Seitdem dessen Fuß Buena Vista betreten, hatte es begonnen ... war Hortense ihm entglitten.

Hortense ... fast hörbar klang ihr Name von seinen Lippen. Sein Auge sah sie in Lees Armen. Seine Züge verzerrten sich. Knirschend gingen die Zähne gegeneinander. Ihr Bild stand wie greifbar vor seinen Augen.

Die erste Zeit, da er sie gewann ... das höchste Erdenglück schien ihm geworden ... an ihrer Seite die Zukunft unbeschreiblich schön ... die jetzt in Lees Armen ...

Mit einem ächzenden Wehlaut warf er den Oberkörper in die Höhe, streckte die Arme aus, als könne er die erreichen, wegreißen von dem.

Alles gäbe er hin, würde der Traum Wahrheit.

»Gorm ... Lee ... van der Meulen ...«

Ein Gewirr von Stimmen plötzlich draußen. Diese Namen klangen daraus. Er lauschte angestrengt.

Gorm? ... Lee? ... Die, wie kamen die zusammen? Weshalb rief man ihre Namen? Er griff die Schelle, schwang sie wütend.

Oberst Robartson und darauf Harding traten in das Zelt.

»Was ging da vor?« schrie er sie an. »Man läßt mich allein. Es ist etwas passiert! Sagen Sie schnell, was ist es? Ich hörte die Namen Gorm ... Lee ...«

Harding drückte ihn mit sanftem Zwange in die Kissen zurück. Ahnungslos begann Robartson von den wunderbaren Vorfällen zu erzählen. Schwieg, als ihm Harding erschreckt abwinkte.

Canning hatte die Augen geschlossen. Seine Brust ging in wilden Atemzügen. Seine Hände zu Fäusten geballt.

»Gorm! ... Lee! ... Hortense!«

Wirre Worte, wilde Verwünschungen brachen von seinen schäumenden Lippen. Seine Glieder zitterten wie in heftigsten Fieberschauern. Immer wieder wollte er sich emporrichten, das Lager verlassen. Kaum daß die Kraft der beiden Männer ausreichte, den Tobenden festzuhalten. Bis es Harding gelang, ihm einen Schlaf wirkenden Trank einzuflößen.

*

»Sie mögen da unten die Köpfe schütteln«, wandte sich Professor Royas an van der Meulen. »Soviel Neues auf einmal erfuhren sie von hier. Man wird es kaum begreifen.«

»Und doch habe ich fast ein ganzes Buch nach Bahia depeschiert.«

Royas lachte.

»Offen gestanden, mir ist auch noch manchmal so, als wäre das alles ein Traum gewesen. Jedenfalls ... das Wundern hat man hier wohl verlernt. Die Erklärung liegt in Gorm. Wir glaubten, die ersten zu sein ... er war schon längst vor uns auf der Venus.

Auch unsere Ansprüche auf Nova America werden dadurch stark berührt. Der Streit zwischen Nord und Süd durch eine ebenso klare wie überraschende Lösung entschieden. Zwecklos auch das Suchen nach den Schätzen der Uraniden, er hat sie längst gehoben ... Gorm, das wird die Lösung für die Lippen von Millionen in dieser Stunde und wer weiß wie lange noch sein.«

Van der Meulen nickte zerstreut. Auch seine Gedanken kamen nicht los von dem. Wo war Gorm jetzt? Er hatte versucht, darüber etwas von Stamford zu erfahren. Doch hatte er bald gemerkt, daß der ihm auswich.

Eine wertvolle Gabe jedoch hatte Stamford gebracht. Wohl hatte Lee erkannt, wie das Unglück am Pol entstanden. Die starken kosmischen Elektronenflüsse, die sich gerade am Venuspol so ungewöhnlich stark bemerkbar machten, hatten die strahlenden Flächen des »Jonas Lee« teils blockiert, teils vorzeitig erschöpft. Doch einen Weg, diese Einflüsse unschädlich zu machen, sah er nicht. Gorm sandte ihm durch Stamford das Mittel. Es war ein Teil des Uranidenerbes.

Als Stamford erzählte, horchte Lee hoch auf. Auch den Uraniden war das gleiche geschehen, als sie die Venus am Pol ansteuerten. Doch hatten sie, da sie in größerer Höhe flogen, noch die Kraft besessen, das Schiff weiterzutreiben, bis es hier am Uranidenlager landete. Sie hatten sich auch sofort daran gemacht, die Ursache ihres Unfalles zu ergründen.

Während sie saßen und daran arbeiteten, die Apparatur ihres Raumschiffes wieder in Ordnung zu bringen, waren einige von ihnen auf Kundschaft gegangen. Sie brachten frische Lebensmittel und Früchte. Die Früchte herrliche, wohlschmeckende Äpfel ... alle hatten davon gegessen ... arglos.

Schon war ihr Schiff wieder startbereit, da zeigten sich die Krankheitserscheinungen durch das Apfelgift. Vergeblich alle ihre Bemühungen, mit ihrer ärztlichen Kunst die Wirkung des Giftes zu bannen. Einer nach dem andern war gestorben. Dem letzten, zwölften, hatte Gorm die Augen zugedrückt. Hatte ihn bei seinen Gefährten in der Schlucht begraben. Durch energetische Einwirkungen die Hänge der Schlucht zum Einsturz gebracht, um die Ruhe der Toten vor jeder Störung und unberufenen Neugierde zu schützen.

Doch ... und hier hatten alle, die bei Stamfords Erzählung zugegen waren, hoch aufgehorcht ... hatte der letzte Uranide noch die Kraft besessen, Gorm in das Wichtigste der Uranidentechnik einzuweihen. Da, wo das Verständnis nicht ausreichte, alles zu begreifen, waren doch wertvolle Fingerzeige gewonnen.

Was würde Gorm damit tun? Keiner hatte es gewagt, die Frage an Stamford zu richten. Die Erinnerung an den furchtbaren Fehlschlag mit Gorms energetischer Erfindung schwebte jedem vor Augen. Vielleicht aber, daß doch das eine oder andere aus dem Schatz der Uraniden der Menschheit geschenkt würde. Das eine schien klar, daß Stamford sich von Gorm getrennt, daß der jetzt allein seinen unbekannten Plänen nachging ... Allein? ... Waren nicht noch andere Menschen bei ihm im Raumschiff? ... Es mußte so sein. Wer waren die?

Der einzige, der das Dunkel, das um Gorms Person schwebte, hätte lichten können, Sidney Stamford, schwieg. – Der bestätigte nur Ronald Lees Vermutung, daß Gorm und Stamford es gewesen, die die Leichen Jonas Lees und seiner Gefährten vom Mond nach dem Hydepark gebracht. Doch auch Stamfords Pläne ... Absichten, eine große Überraschung für die meisten. Der und Violet ein Paar! ... Diese kleine Violet seine Verlobte? ... Hortense die einzige, die darum gewußt.

Der Rest des Tages verging in frohen Gesprächen. Die unerwartete Rettung aus Todesnot, die Lösung so vieler Rätsel ... alles ein unerschöpflicher Stoff für lange, frohe Stunden. Der einzige Schatten ... Canning. – –

Der Venustag war der Nacht gewichen. Eben wollten sich die in Lees Lager zur Ruhe begeben, da kam ein Bote von Oberst Robartson, überbrachte ein Schreiben:

Canning, den Tod vor Augen, bei voller Besinnung, bittet um den Besuch Lees.

In Begleitung van der Meulens folgte der sofort dem Ruf ... Canning stirbt ... Schweigend legten die Männer den Weg durch die Venusnacht zu dessen Lager zurück. Als sie in das Zelt traten, fanden sie Oberst Robartson und Dr. Harding an Cannings Bett. Beim Geräusch der Eintretenden wandte Canning sein Haupt, nickte befriedigt, als er Lee erblickte.

Lee setzte sich neben Canning nieder. Der begann zu erzählen. Erzählte von seiner Jugend, von seinen Studien, von seinem Streben nach höchsten Zielen. Von seiner unermüdlichen Arbeit, von seinen steten Mißerfolgen. Seine Erzählung, in schlichten und einfachen Worten gesprochen, verfehlte nicht, den tiefsten Eindruck auf alle zu machen.

Welche Tragik! ... Und dieser Mann, von unbezähmbarem Ehrgeiz getrieben, sollte ... mußte er nicht zum Verbrechen schreiten?

Innerlich zitternd erwarteten sie das Ende von Cannings Beichte. Das kam jetzt. Canning hatte eine Weile geschwiegen, den Kopf zur Wand gekehrt, daß keiner sein Gesicht sehen konnte, in dem es wühlte ... arbeitete. Mehrmals setzte er zum Sprechen an. Die Blicke der anderen hingen in banger Erwartung des Kommenden an ihm. Harding flößte ihm einige Tropfen ein. Canning blickte ihn dankbar an ... und dann kam es.

Lug und Trug seine Erfindung des Raumschiffes. Gestohlen mit dem teuflischen Geschenk, das ihm das Schicksal in die Hand gegeben. Gestohlen aus Ronald Lees Aufzeichnungen ...

Lee sah den mit starrem Gesicht an. Kein Muskel rührte sich. Er wußte es schon längst. Nur den Weg, den der beschritten, den hatte er vergeblich zu ergründen gesucht.

Canning sprach weiter. Die Fahrt ... die niederschmetternde Enttäuschung, als der »Jonas Lee« ihn zu überholen im Begriff stand. Sein wahnwitziger Versuch, den zu rammen, mit ihm zugrunde zu gehen ... vergeblich auch das Suchen nach dem Schatz der Uraniden. Sein Körper durch die unerhörten Anstrengungen geschwächt, sein Geist durch die vollständige Niederlage, die ihm alles nahm, auch alle Hoffnungen auf Hortense, zerstört ... verwirrt ... Ein unseliges Geschick ließ ihn Lee begegnen ... dessen Anblick ... er verlor die Besinnung ... legte das Gewehr an, schoß auf den ...

Die Gesichter der Umstehenden erbleichten. Mit Mühe bewahrten sie die Ruhe. Van der Meulen wandte sich ab, um Canning nicht zu sehen. Er hätte ihm zuschreien mögen: Mörder du! Das war deine Tat?!

Canning hatte die Augen geschlossen. Tiefe Schatten lagen darum. Sein Atem ging nur schwach ... War es der Tod, der sein Opfer holen wollte? ...

Nach einer Weile schlug der Kranke die Augen auf. Sein Blick ging zu Lee. Seine Hand bewegte sich kraftlos zögernd nach dem hin. Lee ergriff sie, hielt sie einen Augenblick fest, ließ sie sinken.

»Ich wußte alles«, sprach er leise zu dem gewandt. »Fühlte innerlich längst, was Sie getan haben, was Sie dazu bewog.«

Canning preßte die Hand aufs Herz.

»Ich bin so froh, daß ein Teil der Last von mir genommen. Doch der andere, noch größere ... ich muß sterben mit der Last auf meiner Seele ... Gorm! Wärest du hier ... du, an dem ich am schlimmsten gefrevelt. Die Welt und du! Ihr seid eins. Könnte ich deine Verzeihung erlangen, würde mir das Sterben leichter.«

Tiefe Stille herrschte in dem Raum. Keiner wagte, sie zu unterbrechen. Jedes Gedanken waren bei Gorm. Was hatte Canning mit dem getan? Würde in das Dunkel, das um jene Schreckenszeit sich wob, als die roten Sowjets plötzlich im Besitz Gormscher Waffen, ein Licht fallen? Wäre da die rätselhafte, unheimliche Kraft Cannings, verborgenste Dinge zu lesen, zu rauben, auch schon tätig gewesen?

Keiner sprach etwas. Jeder dachte. Und doch las ein jeder dem anderen den Gedanken an den Augen ab. Den furchtbaren Verdacht, daß dies gräßliche Unheil, das über die Menschen gekommen, Cannings Werk. Mit Entsetzen schauten sie den an. Das Blut erstarrte ihnen in den Adern. So viele, so furchtbare Verbrechen von dem verübt! Wie hatte der leben können mit solcher Schuld auf der Seele?

Der richtete sich plötzlich auf. Harding wollte zu ihm springen. Er wehrte mit den Händen ab.

»Er kommt! Er kommt! Gorm! Ich höre seine Schritte.« Er machte eine Bewegung, als wolle er aufstehen, dem entgegeneilen. Harding hielt ihn fest.

»Das Fieber kommt wieder, Mr. Canning. Seien Sie ruhig.«

»Nein! Nein! Da!« Canning schrie es mit gellender Stimme. »Gorm! ... Gorm! ...«

Unwillkürlich starrten alle nach dem Zelteingang.

»Da ist er!« schrie Canning. Der Vorhang wurde zurückgeschoben, ein Mann trat in das Zelt.

»Hier bin ich, Canning.« Mit einem Jubelschrei fiel der zurück in die Kissen.

»O Gott, ich danke dir. Er ist da! Er hat meinen Ruf gehört, Gorm!«

Lee war aufgesprungen, spähte in das Gesicht des Fremden. Ja, ja, es war Gorm.

Der setzte sich jetzt auf den verlassenen Platz, griff Cannings Hand.

»Möge Gott dir vergeben ... ich verzeihe dir.«

Canning wollte sprechen. Gorm hieß ihn schweigen.

»Ich weiß alles, Canning. Weiß es längst.«

Canning atmete immer ruhiger, hielt die Augen geschlossen ... sprach dann mit leiser, fast flüsternder Stimme:

»Dank, Dank, Gorm! ... Und alles weißt du? Weißt, was ich an dir, an der Menschheit verbrochen ... alles?«

Er schlug die Augen auf, sah Gorm an. Der nickte ... »Auch wie ich's tat?«

Wie Stolz spielte es sekundenlang um seinen Mund. Der schwindende Geist, noch einmal raffte er sich auf, dem Großen gegenüber groß zu erscheinen. Der brennende Ehrgeiz, der ihn sein Leben lang verzehrt, schien über das Sterben des Körpers triumphieren zu wollen.

»Auch das weiß ich, Canning. Das Schicksal gab dir ein schlimmes Geschenk. Du bautest einen Strahler, mit dem du die Sicherungen, die nach menschlichem Ermessen undurchdringlich, durchbrachst. Raubtest die Berechnungen und Konstruktionen meines Apparates aus dem Tresor.«

Ein Schatten der Enttäuschung ging über Cannings Gesicht.

»Auch das kennst du ... mein tiefstes Geheimnis?«

»... Ich kenne es, doch habe ich den Weg nicht allein gefunden. Uranidenkunst zeigte ihn mir.«

Und als wollte er dem auf den letzten Weg noch einen Trost geben, sprach er weiter: »Kein Mensch, auch ich nicht, hätte dein Geheimnis gefunden ...

Auch Awaloff verzeiht dir ... Das Schicksal wollte es wohl mit ihm, mit dir ... daß du nicht zum Mörder wurdest. Ich sah deine Tat von meinem Flugschiff aus, fing den Stürzenden auf. Der Schutzengel Awaloffs ... noch einmal in Gestalt seines Kindes, half er ihm und uns. Sie sah, was kommen würde ... wieder behütete dich das Schicksal vor frevelhaftem Mord. Um dich zu täuschen, warf ich das Scheinbild unserer Werft in den Bergen weithin in ein anderes Tal. Deine Bombe traf nur ein Phantom, wir blieben unverletzt. Doch die anderen ... die anderen, die der Tod traf durch dein Verbrechen ...?«

Canning schauerte zusammen. Seine Augen sahen in weite Fernen. »Die anderen ... die Tausende ... die Millionen ... ja, ja! ... Sie werden meine Richter sein ... Gnade! Gnade!«

Das sein letzter Schrei. Er fiel zusammen ... war tot.

* * *

 

Mit Grauen, Entsetzen blickte die Welt auf das Bild, von dem jetzt so jeder Schleier gerissen. Die Nachrichten von der Venus, wie Keulenschläge trafen sie die Menschheit.

Gorm, der Geächtete, von der Welt Gehaßte, frei von jeder Schuld! Kein Makel haftete an seinem Werk, seinem Namen. Ein anderer der allein Schuldige. Zu spät die Millionen von Flüchen, Verwünschungen. Sie erreichten den nicht mehr. Er war, kaum daß er gestanden, gestorben.

Die große Entscheidungsschlacht westlich der Vogesen gegen die rote Streitmacht ... das unerhörte, unbegreifliche Glück, mit dem die weißen Kräfte gefochten ... auch hier die Hand Gorms. Unsichtbar aus Ätherhöhen lieh der den weißen Kräften seinen Beistand, daß die rote Flut sich brach, zerschellte.

Die Scham bei allen so groß. Keiner wagte es von neuem, ihm zuzujubeln. Stumm, demütig nahmen sie es hin. Nur leise, scheu nannten sie seinen Namen.

Der Uranidenschatz in seiner Hand. Keiner neidete ihn ihm. Ein Aufatmen bei allen. Kein Unheil konnte dann geschehen. Er der rechte Hüter des Hortes – –

Der Erdenbrand ... eine leise Hoffnung regte sich ... Gorms Macht! Würde er sie haben? ... Würde er sie hehlen ... zur gerechten Strafe? Aller Hoffnungen klammerten sich an ihn.

*

Die Umgebung von Buena Vista glich einem Heerlager. Über alle Maßen der Ansturm der Massen von Neugierigen, Reportern, die die zurückgekommene »Buena Vista« sehen, wenn möglich mit ihren Insassen sprechen wollten. Der Besitztitel der südamerikanischen Union stand jetzt unbestritten fest. Nach den Geständnissen Cannings konnte die Regierung in Washington ihre vagen Ansprüche nicht länger aufrechterhalten. Tausende ... viele auch aus anderen Ländern der Welt, die sich für neue Fahrten anboten.

Ehe van der Meulen zur Erde zurückflog, hatte er in tagelangen Fahrten das neue Land genau erkundet. Seine Veröffentlichungen erregten einen Taumel von Begeisterung. An der Westküste von Nova America im Hintergrunde einer tief ins Land schneidenden Bucht mündete der größte Strom des Venusteiles. Seine Mündung bildete einen natürlichen Hafen von vorzüglicher Beschaffenheit. Das Land zu beiden Seiten die fruchtbarste Ebene. Hier sollten die ersten Siedlungen entstehen.

Sidney Stamford war schon am Tage nach der Landung in Buena Vista weitergefahren. Nur Violet und seine nächsten Freunde wußten um das Ziel seiner Reise. Gegen Mittag des nächsten Tages erreichte er Suru. Ein paar Stunden später kam Gorm.

Stamford eilte ihm entgegen. Höchste Spannung in seinen Zügen.

»Ist es gelungen?«

Gorm nickte. Die Freude der Genugtuung, der Stolz des Sieges auf seinen Zügen.

»Was Menschenkraft, auch meine, nie vermocht ... der unerschöpfliche Quell des Uranidenwissens ließ mich das Mittel schaffen ... Was ich früher nicht zu träumen gewagt ... die Uranidenwaffen in der Hand, ist's mir gelungen.

Der Atombrand ist gelöscht. Nur mit bangem Zagen ging ich ans Werk. Dieser Naturkraft in den Arm zu fallen, erschien mir mehr als vermessen. Ich traute selbst dem hohen Können der Uraniden nicht.

Der Mondbrand mein erstes Ziel. Hier waren die Wirkungen am besten zu ersehen. Die Glut so groß, daß ich nur in weiter Entfernung arbeiten konnte. Und doch! Wie brennender Wald unter tropischem Regensturz verglomm der Brand. Dann, als hier kein Zweifel mehr, das nächste Ziel Coiba. Auch da jetzt der Brand erloschen. Wohl wird es noch lange dauern, bis die Nebelwolken schwinden, bis die Welt begreift, daß die Gefahr von ihr genommen.«

Stamfords Arme schlangen sich um den.

»Mögen sie's auch nicht um die verdient haben ... ihren Dank wirst du verschmähen ... so nimm den meinen für die kommenden Geschlechter, denen du das alte Heim gerettet.«

*

Der nächste Morgen. Stamford stand mit Awaloff, zwischen ihnen der greise Abt. Ihre Augen hingen an einem schimmernden Punkt im Äther, der immer kleiner und kleiner wurde ... das Schiff Gorms, das ihn und Majadevi trug auf der Fahrt in jenes andere Sonnensystem, aus dem die Uraniden gekommen.








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