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Das Ende vom Lied

Joseph Conrad: Das Ende vom Lied - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Conrad
booktitleGeschichten vom Hörensagen
titleDas Ende vom Lied
publisherS. Fischer Verlag
year1959
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080429
projectidc99363d2
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VIII

Massy blieb nach dem Antwortschrei seines Zweiten noch eine Weile über das Fenster zum Maschinenraum gebeugt. Kapitän Whalley, der kraft seiner fünfhundert Pfund sein Kommando drei Jahre lang beibehalten hatte, hätte nun den Verdacht erwecken können, als hätte er die Küste nie zuvor gesehen. Er schien sich nicht entschließen zu können, das Glas abzusetzen, als wäre es ihm unter den zusammengezogenen Brauen festgewachsen. Dieses krampfhafte Stirnrunzeln gab seinem Gesicht den Ausdruck unbeugsamer und gerechter Strenge; doch sein erhobener Ellbogen zitterte leicht, und die Schweißtropfen rannen unter seinem Hut hervor, als wäre plötzlich im Zenit, neben der glühenden Kugel, die schon dort hing, eine zweite aufgegangen, in deren blendend weißem Licht die Erde wie ein Sonnenstäubchen erglühte.

Von Zeit zu Zeit hob er, während er mit der anderen immer noch das Glas hielt, die freie Hand, um sich das triefende Gesicht abzuwischen. Die Tropfen rollten ihm die Wange hinunter, fielen wie Regen auf das weiße Barthaar, und plötzlich streckte er, wie unter einem unbesiegbaren, ängstlichen Impuls, den Arm nach dem Maschinentelegraphen aus.

Unten klang der Gong. Die gemessenen Umdrehungen der langsamen Fahrt hörten zugleich mit jedem sonstigen Laut und jeder Erschütterung im Schiff auf, als hätte sich die große Ruhe, die draußen über der Küste lagerte, durch die eisernen Seitenwände eingeschlichen und von den geheimsten Winkeln des Schiffes Besitz ergriffen. Die schwache Brise, die des Dampfers Fahrt erzeugt hatte, verwehte, als wäre mit einmal die Luft zu dick geworden, um noch bewegt werden zu können; sogar das leise Plätschern des Wassers am Bug erstarb. Der schmale, lange Rumpf glitt ohne ein Kräuseln dahin, schien sich an das seichte Wasser über der Bank heranzustehlen. Das Aufklatschen des Bleis und die klagenden Schreie des Laskars erklangen in immer längeren Zwischenräumen; die Leute auf der Brücke schienen den Atem anzuhalten. Der Malaie am Steuer sah starr nach der Windrose, der Kapitän und der Serang nach der Küste.

Massy hatte das Oberlicht verlassen und war auf leisen Sohlen genau an den Punkt der Brücke zurückgekehrt, an dem er früher gestanden hatte. Ein träges, stieres Grinsen entblößte sein breites Gebiß: im Schatten des Sonnensegels glitzerten die Zähne gleichmäßig, wie die Tasten eines Klaviers in einem dämmerigen Zimmer.

Schließlich tat er so, als spräche er in äußerster Verwunderung zu sich selbst, und sagte, nicht sehr laut:

»Die Maschinen stoppen! Was noch, das möchte ich gern wissen!«

Er wartete, zuckte die Schultern, schüttelte den Kopf, warf schiefe Blicke, dann hob er die Stimme ein wenig:

»Wenn ich es wagen wollte, eine Bemerkung zu machen, so möchte ich wohl sagen, daß Sie nicht Schneid genug haben...«

Aber in den Laskaren beim Lot schien, unerwartet genug bei der tiefen Ruhe der Küste, ein Geist lärmenden Aufruhrs gefahren zu sein. Sein eintöniger, langgezogener Singsang wurde zu lautem, schnellem Rufen. Er wirbelte das Gewicht nur einmal in der Luft herum und ließ es dann fliegen, daß die Leine pfiff; ein Aufklatschen folgte unmittelbar auf das andere. Das Wasser war seicht geworden, und der Mann rief, anstatt wie bisher in Faden, die Lotung in Fuß aus.

»Fünfzehn Fuß, fünfzehn, fünfzehn! Vierzehn, vierzehn...«

Kapitän Whalley ließ den Arm sinken, der das Glas hielt. Er glitt langsam nieder, wie durch sein eigenes Gewicht; kein anderes Glied seines mächtigen Körpers rührte sich, und die schnell aufeinanderfolgenden Schreie mit ihrem warnenden Unterton ließen ihn unberührt, als wäre er taub.

Massy stand bewegungslos und gespannt lauschend da und hielt die Augen fest auf den silberweißen, kurzgeschorenen Hinterkopf des Alten gerichtet. Das Schiff selbst schien stillzustehen, bis auf das allmähliche Abnehmen der Tiefe unter dem Kiel.

»Dreizehn Fuß... dreizehn! Zwölf!« rief der Mann am Lot unterhalb der Brücke ängstlich, und plötzlich ging der bloßfüßige Serang lautlos davon, um seitlich hinabsehen zu können.

Schmal in den Schultern, in einem Anzug aus verschossenem blauem Baumwollstoff, einen alten grauen Filzhut tief in die Augen gezogen, eine tiefe Grube im dunklen Nacken und von schmächtigem Gliederbau, erschien der Mann, von rückwärts gesehen, kaum größer als ein vierzehnjähriger Junge. Ganz kindlich war auch die Neugierde, mit der er zusah, wie die massigen, gelblichen Gebilde vom Grund her an die Oberfläche des blauen Wassers emporzusteigen schienen, wie Wolkenballen, die langsam einen klaren Himmel herauftreiben. Er war über den Anblick nicht im mindesten überrascht. Es war kein Zweifel, sondern die Gewißheit, daß der Kiel der Sofala den Grund berühren mußte, was ihn bewogen hatte, über die Reling hinunterzusehen.

Seine forschenden Augen, schräggestellt in einem Gesicht von chinesischem Typus, einem kleinen, alten, unbeweglichen Gesicht, wie aus alter, brauner Eiche geschnitzt, diese Augen hatten ihn lange zuvor davon unterrichtet, daß die Sandbank nicht richtig angesteuert worden war. Als er zugleich mit der übrigen Besatzung nach dem Verkauf der Fair Maid abgemustert hatte, trieb er sich in seinem verschossenen blauen Anzug und dem breitkrempigen grauen Hut vor den Toren des Hafenamtes herum; als er eines Tages Kapitän Whalley auf der Suche nach einer Besatzung für die Sofala daherkommen sah, hatte er sich ihm auf bloßen Füßen mit einem stummen Bittblick in den Weg gestellt. Das Auge seines alten Herrn war in Gnade auf ihn gefallen – es mußte ein günstiger Tag gewesen sein – und kaum eine halbe Stunde später hatten die weißen Männer in dem »Ofiss« ihn als Serang des ›Feuerschiffes‹ Sofala eingetragen. Seither hatte er wiederholt diese Mündung, diese Küste, von dieser Brücke und diesseits der Bank aus gesehen. Die Erinnerung an den Gesichtseindruck zeichnete sich durch seine Augen auf seinem unverdorbenen Hirn ab, wie auf einer lichtempfindlichen Platte durch eine Linse. Sein Wissen war unbedingt und genau; trotzdem hätte er zweifellos das Zögern der Ungewißheit zur Schau getragen, hätte man ihn um seine Meinung gefragt, und noch dazu in der kerzengeraden, aufregenden Art der weißen Männer. Er war seiner Tatsachen gewiß – aber diese Gewißheit wog leicht im Vergleich zu dem Zweifel, welche Antwort wohl angenehm sein würde. Vor fünfzig Jahren, in einem Dschungeldorf, und bevor er selbst noch einen Tag alt gewesen, hatte sein Vater, der starb, ohne ein weißes Gesicht gesehen zu haben, von einem in der Sternenkunde bewanderten Mann sein Horoskop stellen lassen; denn aus der Stellung der Sterne kann das letzte Wort über ein Menschenschicksal gelesen werden. Die Vorhersage hatte gelautet, er werde durch die Gunst weißer Männer auf See Glück haben. Er hatte Schiffsdecks gewaschen, hatte Steuerruder bedient, Vorräte verwaltet, hatte es zuletzt bis zum Serang gebracht; und sein sanftes Gemüt war ebenso unfähig geblieben, die einfachsten Beweggründe derer zu erfassen, denen er diente, wie diese selbst unfähig waren, unter der Erdkruste das Geheimnis des Erdinnern zu ergründen, das vielleicht aus Feuer oder Stein besteht. Er hatte aber nicht den geringsten Zweifel daran, daß die Sofala vom richtigen Kurs abgefallen war, als sie diesmal die Bank von Batu-Beru kreuzte.

Es war nur ein kleiner Irrtum. Das Schiff konnte kaum um die doppelte eigene Länge zu weit nördlich sein; und ein Weißer, der nach einem Grund dafür suchte – denn es war unmöglich, bei Kapitän Whalley krasse Unwissenheit anzunehmen, Mangel an Übung oder Nachlässigkeit – wäre versucht gewesen, seinen eigenen Sinnen zu mißtrauen. Ein ähnliches Gefühl war es auch, das Massy, mit zu einem ängstlichen Grinsen gebleckten Zähnen, reglos erhielt. Nicht so der Serang. Er war von jedem verstandesmäßigen Mißtrauen gegen seine Sinne frei. Wenn es seinem Kapitän gefiel, den Schlamm aufzurühren, so war das recht. Er hatte in seinem Leben weiße Männer öfter als einmal einer unbegreiflichen Anwandlung nachgeben sehen. Er war nur ehrlich neugierig, was wohl daraus werden würde. Schließlich trat er augenscheinlich befriedigt von der Reling zurück.

Er hatte keinen Laut von sich gegeben: Kapitän Whalley aber schien die Bewegungen seines Serangs beobachtet zu haben. Mit starr gerecktem Kopf und kaum die Lippen bewegend fragte er:

»Macht sie noch Fahrt, Serang?«

»Noch ein wenig Fahrt, Tuan«, antwortete der Malaie und fügte dann beiläufig hinzu: »Sie ist drüber weg.«

Das Lot bestätigte seine Worte; die Wassertiefe nahm bei jedem Wurf zu, und der Geist der Aufregung verließ plötzlich den Laskar, der in seinem Segeltuchgürtel über die Seite der Sofala hinaushing. Kapitän Whalley befahl, das Lot einzuholen, ließ ohne große Eile die Maschinen voraussetzen, wandte seine Augen von der Küste ab und wies den Serang an, einen Kurs nach der Mitte der Mündung zu steuern.

Massy schlug sich geräuschvoll die flache Hand auf den Schenkel.

»Sie haben die Bank gestreift. Sehen Sie nur achtern, ob Sie das nicht taten! Sehen Sie auf die Spur, die wir hinterlassen haben! Sie ist deutlich zu sehen. Bei meiner Seel! ich hatte es mir gedacht! Warum taten Sie das? Was zum Teufel hat Sie dazu gebracht? Ich glaube, Sie wollen mich erschrecken.«

Er sprach langsam, wie tastend, und hielt die vorquellenden schwarzen Augen fest auf seinen Kapitän gerichtet. In seinem beginnenden Zornausbruch fehlte auch eine leicht wehklagende Note nicht, denn im Grunde war es das klare Gefühl, unverdientes Unrecht erlitten zu haben, was ihn diesen Mann hassen ließ. Diesen Mann, der für fünfhundert lumpige Pfund ein Sechstel des Gewinnes für die Vertragsdauer von drei Jahren beanspruchte. Sooft dieser Groll die Ehrfurcht besiegte, die er vor Kapitän Whalleys Persönlichkeit empfand, pflegte er vor Wut geradezu zu wimmern.

»Sie wissen gar nicht mehr, was Sie erfinden müssen, um mir die Seele aus dem Leibe zu ärgern. Ich hätte nie gedacht, daß ein Mann Ihrer Art sich herbeilassen würde...«

Er unterbrach sich halb hoffnungsvoll, halb schüchtern, sooft Kapitän Whalley in seinem Deckstuhl die geringste Bewegung machte, als hätte er erwartet, durch ein sanftes Wort versöhnt oder aber angefahren und von der Brücke verjagt zu werden.

»Ich bin verblüfft«, fuhr er wieder fort und bleckte dabei immer noch wachsam und ohne Lächeln seine großen Zähne. »Ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich glaube, Sie versuchen es, mich zu erschrecken. Um ein Haar hätten Sie das Schiff für mindestens zwölf Stunden auf der Bank festgesetzt und dabei überdies noch die Maschinen verschlammt. Kein Schiff kann es sich heutzutage mehr leisten, auf einer Fahrt zwölf Stunden zu verlieren – wie Sie sehr gut wissen mußten und ja auch ganz bestimmt sehr gut wissen, nur...«

Sein halblauter Redefluß, die seitliche Drehung seines Halses, die dunklen Blicke aus den Augenwinkeln ließen Kapitän Whalley unbewegt. Er sah unter finster gerunzelten Brauen vor sich auf das Deck. Massy wartete eine kleine Weile und begann dann leise zu drohen.

»Sie glauben wohl, mir mit dem Abkommen Hand und Fuß gebunden zu haben. Sie glauben mich in jeder Art, wie es Ihnen gefällt, peinigen zu können. Oh! Aber denken Sie nur daran, daß es noch volle sechs Wochen läuft. Zeit genug für mich, Sie zu entlassen, bevor die drei Jahre um sind. Sie werden schon noch etwas tun, das mir ein Recht gibt, Sie zu entlassen und zwölf Monate auf Ihr Geld warten zu lassen, bevor Sie mir die Fünfhundert abverlangen und mir so den letzten Pfennig für die neuen Kessel nehmen können. Sie brüten über diesem Gedanken, nicht wahr? Ich habe das Gefühl, daß Sie hier sitzen und brüten. Es ist, als hätte ich meine Seele für fünfhundert Pfund verkauft, um schließlich auf ewig verdammt zu sein...«

Er unterbrach sich abermals, ohne ein Zeichen der Verzweiflung, und fuhr dann gleichmäßig fort:

»... Mit den abgenützten Kesseln und der Inspektion, die jeden Augenblick kommen kann, Kapitän Whalley... Kapitän Whalley, sagen Sie doch, was machen Sie mit Ihrem Geld? Sie müssen irgendwo einen ganzen Haufen Geld haben – ein Mann wie Sie muß das haben. Es liegt auf der Hand. Ich bin kein Narr, müssen Sie wissen, Kapitän Whalley – Partner.«

Nochmals brach er ab, als wäre er nun endgültig fertig. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und warf einen Blick auf den Serang zurück, der mit ruhigem Flüstern und leichten Handbewegungen den Kurs des Schiffes angab. Die kreisende Schraube sandte kleine Wellen mit dunklen Kämmen gegen die öden, flachen Ufer aus schwarzem Schlamm. Die Sofala war in den Fluß eingefahren; die Spur, die sie in der Sandbank eingeritzt hatte, lag nun eine Meile weit zurück, außer Sicht, gänzlich verschwunden; und die glatte, leere See längs der Küste war gleichfalls zurückgeblieben, dem tödlich grellen Sonnenschein überlassen. Zu beiden Seiten bedeckte üppiger Mangrovenwald die halb flüssigen, niedrigen Ufer; und Massy fuhr in seinem alten Ton wieder fort, mit jähem Anlauf, als würden ihm die Worte wie die Weise eines Spielwerkes durch Drehen eines Handgriffes erpreßt.

»Wenn mich jemals jemand darangekriegt hat, dann sind Sie es. Ich scheue mich nicht, das zuzugeben. Ich habe es gesagt – da. Was wollen Sie mehr? Ist es nicht genug für Ihren Stolz, Kapitän Whalley? Sie haben mich von allem Anfang an in die Tasche gesteckt. Das stimmt in jeder Hinsicht, wenn ich es recht überdenke. Sie haben mir erlaubt, die Klausel wegen Trunkenheit aufzunehmen, ohne etwas dazu zu sagen; Sie sahen nur recht bekümmert drein, als ich darauf bestand, es schwarz auf weiß zu haben. Wie hätte ich denn wissen können, was bei Ihnen nicht in Ordnung war? Gewöhnlich ist immer irgendwo etwas nicht in Ordnung. Und nun sehen Sie sich an: als Sie an Bord kamen, stellte es sich heraus, daß Sie seit vielen Jahren nichts anderes als Wasser zu trinken gewohnt sind.«

Sein vorwurfsvolles Klagen hörte auf. Er versank in tiefes Brüten, nach der Art dummschlauer Menschen. Es schien unbegreiflich, daß Kapitän Whalley über den Ausdruck von Ekel in dem wuchtigen, gelben Gesicht nicht in Lachen ausbrach. Doch Kapitän Whalley hob den Blick nicht und saß in seinem Armstuhl, im Innersten verletzt, würdig und ohne Bewegung.

»Es hat mir viel geholfen«, fuhr Massy eintönig in seinen Vorwürfen fort, »eine Entlassungsklausel wegen Trunkenheit gegen einen Mann aufzunehmen, der nichts als Wasser trinkt. Und Sie sahen noch dazu empört aus, als ich an jenem Morgen im Kontor des Rechtsanwalts meinen Entwurf vorlas – Sie sahen so bestürzt aus, Kapitän Whalley, daß ich ganz sicher war, Ihren wunden Punkt getroffen zu haben. Ein Reeder kann ja gar nicht vorsichtig genug sein in der Wahl seines Kapitäns. Sie müssen sich die ganze Zeit über ins Fäustchen gelacht haben... wie? Was wollten Sie sagen?«

Kapitän Whalley hatte nur leise mit den Füßen gescharrt. In Massys seitlichen Blick trat eine dumpfe Feindseligkeit.

»Aber bedenken Sie doch, daß es noch andere Entlassungsgründe gibt. Da ist zum Beispiel andauernde Nachlässigkeit, die an Unfähigkeit hinreicht – es gibt auch grobe und wiederholte Pflichtversäumnis. Ich bin kein ganz so großer Narr, wie es Ihnen wohl passen könnte. Sie sind in letzter Zeit nachlässig gewesen – indem Sie alles diesem Serang überlassen haben. Was denn! Ich habe diesen alten Affen von Malaien für Sie Peilungen nehmen sehen, als wären Sie selbst zu groß, um persönlich Ihren Dienst zu tun. Und wie nennen Sie denn die dumme, schluderige Art, in der Sie das Schiff eben jetzt über die Bank geführt haben? Glauben Sie, ich lasse mir das gefallen?«

Mit dem Ellbogen gegen die Leiter hinter der Brücke gestützt, versuchte Sterne, der Erste Offizier, zuzuhören und zwinkerte dabei aus der Entfernung dem Zweiten Ingenieur zu, der für einen Augenblick heraufgekommen war und im Niedergang zum Maschinenraum stand. Während er sich an einem Bündel Putzwolle die Hände abwischte, sah der gleichgültig nach links und rechts zu den Uferbänken hinüber, die langsam an der Sofala vorbeiglitten.

Massy wandte sich dem Deckstuhl voll zu. In seine Stimme kam wieder eine leise Drohung.

»Nehmen Sie sich in acht! Ich kann Sie immer noch entlassen und Ihr Geld ein Jahr lang zurückbehalten. Ich kann...«

Doch angesichts der stummen, starren Unbeweglichkeit des Mannes, dessen Geld ihn im letzten Augenblick vor völligem Ruin gerettet hatte, erstarb ihm die Stimme in der Kehle.

»Nicht, daß ich Sie wegschicken wollte«, fing er nach einem kurzen Schweigen in töricht eindringlichem Ton wieder an. »Ich wünsche mir nichts Besseres, als freund mit Ihnen zu bleiben und das Abkommen zu erneuern, wenn Sie sich bereit erklären, mir mit noch ein paar hundert Pfund zum Einbau der neuen Kessel auszuhelfen, Kapitän Whalley. Ich habe es Ihnen schon früher gesagt. Die Sofala braucht neue Kessel; Sie wissen es so gut wie ich. Haben Sie sich das überlegt?«

Er wartete. Das dünne Pfeifenrohr mit dem ungefügen Kopf am Ende hing von seinen dicken Lippen nieder. Die Pfeife war ausgegangen. Plötzlich nahm er sie aus den Zähnen und rang leicht die Hände.

»Glauben Sie mir nicht?« Er stieß den Pfeifenkopf in die Tasche seiner fadenscheinigen Jacke.

»Es ist, als hätte man mit dem Teufel zu tun«, sagte er. »Warum sprechen Sie nicht? Zuerst waren Sie so hochnäsig und unnahbar gegen mich, daß ich kaum über mein eigenes Deck zu kriechen wagte. Nun kann ich kein Wort aus Ihnen herausbringen. Sie scheinen mich gar nicht zu sehen. Was soll das heißen? Meiner Seel! Sie erschrecken mich mit dem Taubstummentrick. Was geht in Ihrem Kopf vor? Was für Pläne wälzen Sie denn dort gegen mich, daß Sie kein Wort reden können? Sie werden mich niemals glauben machen, daß Sie – Sie – nicht wissen, wo Sie ein paar hundert Pfund hernehmen sollen! Sie haben mich dazu gebracht, den Tag zu verfluchen, an dem ich geboren wurde...«

»Herr Massy«, sagte Kapitän Whalley plötzlich, ohne sich zu rühren.

Der Ingenieur fuhr heftig zusammen.

»Wenn das so ist, kann ich Sie nur bitten, mir zu vergeben.«

»Steuerbord«, murmelte der Serang dem Steuermann zu und die Sofala bog um die zweite Biegung in die gerade Stromstrecke ein.

»Uff!« Massy schauerte. »Mir läuft es kalt über den Rücken. Warum sind Sie hierhergekommen? Was hat Sie dazu bewogen, an jenem Abend ganz plötzlich an Bord zu kommen, mit Ihrem großartigen Gerede und Ihrem Geld – und mich zu versuchen? Ich habe mich immer gefragt, was Ihr Beweggrund war. Sie haben sich an mich gehängt, um sich ein schönes Leben zu schaffen und sich an meinem Herzblut zu mästen, das sage ich Ihnen. War das nicht so? Ich glaube, Sie sind der schlimmste Geizkragen in der Welt, oder warum denn sonst...«

»Nein. Ich bin nur arm«, unterbrach Kapitän Whalley mit steinernem Gesicht.

»Stütze das Ruder«, murmelte der Serang. Massy wandte sich ab und sprach über die Schulter zurück.

»Ich glaube es nicht«, sagte er in seinem rätselhaften Ton. Kapitän Whalley machte keine Bewegung. »Da sitzen Sie wie ein vollgefressener Geier – genau wie ein Geier.«

Er schickte noch einen leeren Blick auf den Flußlauf und die beiden Ufer, anscheinend ohne etwas zu sehen, und verließ langsam die Brücke.

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