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Das Ende vom Lied

Joseph Conrad: Das Ende vom Lied - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Conrad
booktitleGeschichten vom Hörensagen
titleDas Ende vom Lied
publisherS. Fischer Verlag
year1959
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080429
projectidc99363d2
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VI

Die Sonne war untergegangen. Und als Kapitän Whalley, nachdem er mit seinem Stock ein tiefes Loch in den Sand gebohrt hatte, sich zum Weitergehen anschickte, hatte die Nacht ihre Schattenheere unter den Bäumen versammelt. Sie erfüllten die östlichen Enden der Alleen, als warteten sie nur auf das Signal für einen allgemeinen Vormarsch über die offenen Räume der Welt; sie sammelten sich auch tief unten, zwischen den von Mauern eingefaßten Ufern des Kanals. Die malaiische Prau, unter den Bogen der Brücke halb verborgen, hatte ihre Lage um keinen Viertelzoll verändert. Kapitän Whalley starrte lange über die Brüstung hinunter, bis ihm schließlich das unbewegliche Schwimmen des verhüllten Dings dort unten unheimlich und unfaßbar erschien. Das letzte Zwielicht verging am Himmel; sein Widerschein verließ die Welt, und die Wasser des Kanals schienen zu flüssigem Pech zu werden. Kapitän Whalley ging weiter.

Die Stelle, wo er auf dem Wege zum Hotel rechts abbiegen mußte, lag wenige Schritte entfernt. Er blieb abermals stehen (alle die Häuser auf der Seeseite waren verschlossen, die Quais verlassen, bis auf ein oder zwei Eingeborene, die man in der Ferne dahingehen sah) und begann den Betrag seiner Rechnung zusammenzuzählen. Soundso viel Tage im Hotel, und soundso viel Pfund für den Tag. Um die Tage zu zählen, benutzte er seine Finger; die andere Hand hielt er in der Tasche und klapperte darin mit einigen Silbermünzen. Das ging noch für drei Tage; und dann mußte er, wenn sich nichts ergab, die Fünfhundert angreifen – Ivys Geld, das in ihrem Vater angelegt war. Ihm schien es, als würde er an der ersten Mahlzeit, die von diesem Notpfennig bezahlt werden würde, ersticken müssen – unweigerlich. Vernunft hatte dabei nichts zu sagen. Es war eine Gefühlsfrage. Seine Gefühle hatten ihn nie betrogen.

Er bog nicht nach rechts ab. Er ging weiter, als gäbe es noch immer ein Schiff auf der Reede, zu dem er sich des Abends hinausrudern lassen konnte. Weiter weg, jenseits der Häuser, auf dem Abhang des indigoblauen Vorgebirges, das die Aussicht über die Quais abschloß, schickte die schlanke Säule eines Fabrikschornsteins ruhig und gerade ihre Rauchwolken in die klare Luft hinauf. Ein Chinese, der zusammengekauert im Heck eines der Sampans saß, die am Ende des Quais tanzten, bemerkte eine winkende Hand. Er sprang auf, rollte schnell seinen Zopf um den Kopf, zog sich mit zwei raschen Bewegungen seine weiten, dunklen Hosen hoch über die gelben Hüften und brachte mit einer einzigen, lautlosen, flossenartigen Bewegung der Ruder den Sampan längsseits der Stufen, mit der Leichtigkeit und Genauigkeit eines schwimmenden Fisches.

»Sofala«, sagte Kapitän Whalley von oben; und der Chinese, wohl eben erst zugewandert, sah mit gespannter Aufmerksamkeit hinauf, als wartete er darauf, das merkwürdige Wort sichtbar von des weißen Mannes Lippen fallen zu sehen. »Sofala«, wiederholte Kapitän Whalley, und plötzlich sank ihm der Mut. Er zögerte. Die Ufer, die Eilande, die Hügel, wie auch die Küstenvorsprünge lagen im Dunkeln; der Horizont hatte sich ganz in Nacht getaucht. Gegen Osten zu, die Küste hinauf, sah man den weißen Obelisken, der den Landungsplatz des Überseekabels bezeichnete, wie ein bleiches Gespenst vor dem Gewimmel ungleicher Dächer und den Palmen des Eingeborenenviertels stehen. Kapitän Whalley begann nochmals:

» Sofala. Sabeh, Sofala, John!«

Diesmal erfaßte der Chinese den merkwürdigen Laut und grunzte tief drinnen in seiner nackten Kehle eine rauhe Bejahung. Mit dem ersten gelben Aufglitzern eines Sternes, der wie ein Stecknadelkopf auf der glatten, blaß blau glänzenden Himmelsdecke erschien, strich ein kühler Schauer durch die warme Luft des Landes. Im Augenblick, als er in den Sampan stieg, um hinzufahren und sich um das Kommando der Sofala zu bewerben, fröstelte Kapitän Whalley ein wenig.

Als er bei der Rückkehr wieder am Quai anlegte, warf Venus einen feinen goldenen Schein hinter ihm her über die Reede, die glatt wie ein Fußboden aus dunklem, glänzendem Stein dalag. Das luftige Gewölbe der Alleen war schwarz, tief schwarz, und die Porzellankugeln auf den Lampenpfosten glichen ungeheuren, leuchtenden, eiförmigen Perlen, in einer Reihe aufgestellt, die gegen Ende tiefer und tiefer und schließlich bis in Kniehöhe zu sinken schien. Er legte die Hände auf den Rücken. Er wollte nun in aller Ruhe die Vorteile der Sache erwägen, bevor er morgen das endgültige Wort sprach. Seine Füße knirschten laut im Kies – die Vorteile der Sache. Die wären wohl leichter abzuschätzen gewesen, hätte: es die Möglichkeit einer Wahl gegeben. Die Ehrenhaftigkeit stand allerdings außer Frage. Er wollte dem Burschen nichts Böses; und von Zeit zu Zeit sprang sein Schatten jäh neben ihm an den Stämmen der Bäume hoch, um sich dann wieder schräg und schmal weit über die Rasenfläche zu erstrecken – immer im gleichen Schritt mit ihm selbst.

Die Vorteile. Gab es eine Wahl? Er schien bereits etwas von sich selbst eingebüßt, einem hungrigen Gespenst etwas von seiner Offenheit und Würde abgegeben zu haben, um weiterleben zu können. Aber sein Leben war notwendig. Mochte die Armut ihren bittersten Stachel fühlen lassen, indem sie solche Demütigungen bescherte. Es war gewiß, daß Ned Eliott ihm, ohne es zu wissen, einen Dienst erwiesen hatte, um den er ihn unmöglich hätte bitten können. Er hoffte, Ned würde keinen zweideutigen Beweggrund in seiner Handlungsweise suchen. Er nahm an, daß er ihn nun, wenn er davon hörte, verstehen – oder vielleicht Whalley für einen überspannten Narren halten würde. Was für einen Zweck hätte es haben können, ihm die Wahrheit zu sagen, ihm oder etwa diesem Menschen Massy? Fünfhundert Pfund flüssig zu einer Anlage. Mochte er das nach Kräften ausnützen. Mochte er sich auch wundern. Sie wünschen einen Kapitän – ich wünsche ein Schiff. Das ist genug. B-r-r-r! Was für einen unangenehmen Eindruck der leere, dunkle, widerhallende Dampfer ihm gemacht hatte ...

Ein aufgelegter Dampfer war ein totes Ding, darüber gab es keinen Irrtum; ein Segelschiff scheint doch immer bereit, mit jedem Hauch aus dem Himmelsgewölbe ins Leben zurückzuspringen; ein Dampfer aber, dachte Kapitän Whalley, mit gelöschten Feuern, ohne die warmen Luftzüge, die einen noch auf Deck erreichen, ohne das Zischen von Dampf, das Klirren von Eisen aus dem Innern – liegt kalt, still und ohne Puls da, wie ein Leichnam.

In der Einsamkeit der Allee, die oben ganz schwarz und unten im Lichtschein dalag, kam Kapitän Whalley, während er die Vorteile der neuen Stellung erwog, wie zufällig auch der Gedanke an den Tod. Er schob ihn mit Widerwillen und Verachtung beiseite. Er lachte beinahe darüber und bedachte frohlockend, in der unbeugsamen Lebenskraft seiner Jahre, wie wenig er zum Leben brauchte. Keine üble Kapitalanlage für die arme Frau, dieser rüstige Leib ihres Vaters. Und im übrigen sollte für alle Fälle die Abmachung klar sein, die ganzen Fünfhundert mußten der Tochter innerhalb dreier Monate zurückgezahlt werden. Zur Gänze. Jeder Penny. Er dachte nicht daran, einen Penny ihres Geldes zu verlieren, was immer auch sonst wohl dahingehen mochte – ein wenig Würde – ein wenig von seiner Selbstachtung. Nie zuvor hatte er es jemand gestattet, von ihm selbst einen falschen Eindruck zu erhalten. Nun, mochte es hingehen. Er lachte ein wenig über diese innerliche Verachtung für seine weltliche Klugheit. Selbstverständlich wäre es einem solchen Burschen gegenüber und angesichts der besonderen Beziehung, in der sie stehen sollten, unangebracht gewesen, alles auszuplaudern. Ihm gefiel der Mensch nicht, seine einfältige, leere Geschwätzigkeit sowenig wie die Ausbrüche der Verbitterung. Alles in allem – ein armer Teufel. Er hätte nicht an seiner Stelle sein mögen. Die Menschen waren ja schließlich nicht böse. Aber ihm gefiel das schlichte Haar nicht, die merkwürdige Art, sozusagen im rechten Winkel dazustehen, die Nase in der Luft, und den Blick über die Schulter weg auf einen gerichtet. Nein. Im ganzen genommen waren die Menschen nicht böse, sie waren nur töricht oder unglücklich.

Kapitän Whalley hatte aufgehört, die Vorteile dieses Schrittes zu erwägen – und die ganze lange Nacht lag vor ihm. Im vollen Licht glänzte sein langer Bart wie ein silbernes Brustschild über seinem Herzen. Im Zwischenraum, zwischen den Lampen, hob sich seine mächtige Gestalt weniger deutlich ab und verschwamm riesengroß, wandernd, geheimnisvoll mit der Umgebung. Nein, es gab nicht viel wirklich Böses im Menschen: und die ganze Zeit über hielt ein Schatten mit ihm Schritt, zu seiner Linken dahingleitend – was im Osten von übler Vorbedeutung ist.


»Kannst du die Palmengruppe noch nicht ausnehmen, Serang«, fragte Kapitän Whalley von seinem Lehnstuhl auf der Brücke der Sofala aus, während er sich der Bank von Batu-Beru näherte.

»Nein, Tuan. Bald sehen.« Der alte Malaie, in einem Gewand aus grobem, blauem Baumwollstoff, stand auf knochigen, dunklen Füßen unter dem Sonnensegel der Brücke, hielt die Hände auf dem Rücken und starrte zwischen den zahllosen Fältchen um die Augenwinkel hervor geradeaus.

Kapitän Whalley saß still und hob den Kopf nicht, um etwa selbst einen Blick zu tun. Drei Jahre – sechsunddreißigmal. Er hatte diese Palmen sechsunddreißigmal vom Süden her angesteuert. Sie würden im rechten Augenblick in Sicht kommen. Gott sei Dank machte das alte Schiff seine Fahrten und Zwischenstationen ein ums andere Mal pünktlich auf den Glockenschlag. Schließlich murmelte er abermals: »Noch nicht in Sicht?«

»Die Sonne glänzt sehr stark, Tuan,«

»Paß gut auf, Serang.«

»Jawohl, Tuan.«

Ein weißer Mann war lautlos die Leiter vom Deck heraufgestiegen und hatte der kurzen Unterredung stumm gelauscht. Nun trat er auf die Brücke heraus, begann sie vom einen Ende zum anderen abzuschreiten und hielt dabei das lange Weichselrohr einer Pfeife in der Hand. Sein schwarzes Haar war in langen, dünnen Strähnen glatt auf dem kahlen Scheitel angepickt; er hatte buschige Brauen, eine gelbe Hautfarbe und eine dicke, unförmige Nase. Ein spärlicher Backenbart verbarg nicht die Umrisse seiner Wangen. Er sah übellaunig und lauernd aus; und während er an dem gekrümmten, schwarzen Mundstück sog, bot sein schweres Profil ein so unangenehmes Bild, daß sogar der Serang sich einiger stiller Betrachtungen darüber nicht erwehren konnte, wie äußerst unvorteilhaft weiße Männer doch mitunter aussehen können.

Kapitän Whalley schien sich in seinem Stuhl straffer zu setzen, nahm aber im übrigen von der Gegenwart des andern keinerlei Notiz. Der stieß Rauchwolken aus und meinte dann plötzlich:

»Mir ist Ihre neue Manie ganz unverständlich, den Malaien da immer wie Ihren Schatten um sich zu haben, Partner.«

Kapitän Whalley erhob sich in seiner ganzen, achtunggebietenden Größe, ging zum Fernrohr hinüber und hielt dabei den Kurs so unverrückbar ein, daß der andere schleunigst aus dem Wege gehen mußte und wie eingeschüchtert stehenblieb, wobei die Pfeife in seiner Hand zitterte. »Mich vielleicht gleich über den Haufen rennen«, murmelte er verblüfft und empört. Dann sagte er langsam und betont:

»Ich – bin – nicht – Schmutz«, und fügte trotzig hinzu, »wie Sie zu glauben scheinen.«

Der Serang rief aus:

»Sehe die Palmen jetzt, Tuan.«

Kapitän Whalley trat an die Reling vor; anstatt aber mit dem sicheren, kühnen Blick eines Seemanns gerade nach dem Punkt hinzublicken, wanderten seine Augen unentschlossen im Raum umher, als hätte er, der Entdecker neuer Seewege, in diesem engen Meere seinen Weg verloren.

Noch ein weißer Mann, der Erste Offizier, kam auf die Brücke herauf. Er war schlank, jung, hager, mit einem Soldatenschnauzbart und einem etwas tückischen Blick. Er stellte sich in die Nähe des Ingenieurs. Kapitän Whalley kehrte ihm den Rücken zu und fragte: »Was zeigt das Log?«

»Fünfundachtzig«, gab der Erste schnell zurück und stieß dabei den Ingenieur mit dem Ellbogen an.

Kapitän Whalleys muskulöse Hände umpreßten die Eisenreling mit ungewöhnlicher Kraft; seine Augen glänzten von der furchtbaren Anstrengung; er runzelte die Brauen, der Schweiß rann ihm unter dem Hut hervor, und er murmelte mit schwacher Stimme: »Stütze das Ruder, Serang – wenn Kurs anliegt.«

Der schweigsame Malaie trat zurück, wartete einen Augenblick und gab dann mit ausgestrecktem Arm dem Rudersmann ein Zeichen. Das Rad wirbelte hastig herum, um das Abfallen des Schiffes zu stoppen. Wieder stieß der Erste Offizier den Ingenieur an. Massy aber wandte sich ihm zu und sagte heftig:

»Herr Sterne, lassen Sie mich Ihnen – als Reeder – sagen, daß Sie nichts weiter sind, als ein verdammter Narr.«

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