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Das Ende vom Lied

Joseph Conrad: Das Ende vom Lied - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Conrad
booktitleGeschichten vom Hörensagen
titleDas Ende vom Lied
publisherS. Fischer Verlag
year1959
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080429
projectidc99363d2
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Die Erkenntnis war tatsächlich zu aufrührend. Da war allerdings ›etwas nicht in Ordnung‹, aber die Entdeckung trug die Strafe in sich, und der innerlichen Gewißheit ließ sich im ersten Augenblick kaum ins Gesicht sehen. Sterne hatte in so müßiger Laune nach der Brücke hingesehen, daß er ganz ausnahmsweise nicht einmal einen bösen Gedanken gegen irgend jemand aufgebracht hatte. Sein Kapitän auf der Brücke kam sehr natürlich in sein Sehfeld. Wie nebensächlich, wie zufällig war der Gedanke, der den ersten Anstoß zu der Entdeckung gegeben hatte – wie ein kleiner Funke, der hinreicht, um eine ungeheure Mine zur Explosion zu bringen!

Unter den Stößen der Brise blähte sich das Sonnensegel über dem Vordeck und sank langsam wieder nieder, und oberhalb dieses wuchtigen Flatterns wehte der graue Stoff von Kapitän Whalleys geräumigem Anzug unaufhörlich um seinen Leib und seine Arme. Er sah dem Wind gerade entgegen, und sein großer silberweißer Bart wurde hart gegen seine Brust gepreßt. Die Augenbrauen hingen schwer über den Schattenhöhlen, aus denen hervor sein Blick scharf vorauszudringen schien. Sterne konnte eben noch das Weiße der Augen ausnehmen, das unter den dunklen Brauenbögen hervorglitzerte. Auf nahe Entfernung schienen diese Augen, trotz der sonstigen Liebenswürdigkeit des Mannes, einem durch und durch zu gehen. Sterne konnte sich dieses Gefühls nie erwehren, sooft er Gelegenheit hatte, mit seinem Kapitän zu sprechen. Er schätzte es nicht. Wie groß und wuchtig er dort oben aussah, mit dem kümmerlichen kleinen Kerl von Serang nahebei – wie es auf diesem außerordentlichen Dampfer der Brauch war! Verdammt törichte Einrichtung das! Er ärgerte sich darüber. Sicherlich hätte der alte Bursche doch auch sein Schiff führen können, ohne den dummen Nigger am Rockzipfel zu haben. Sterne zuckte angewidert die Schultern. Was war es? Faulheit, oder was?

Der alte Schiffer mußte schon seit Jahren immer fauler geworden sein. Das wurden sie alle hier draußen im Osten (Sterne war sich der eigenen unversehrten Tatkraft wohl bewußt); sie wurden ganz schlapp. Der Alte auf der Brücke aber hielt sich sehr gerade, und tief neben ihm sah man, wie wenn ein kleines Kind über eine Tischkante guckt, den verwitterten Filzhut und das braune Gesicht des Serangs über der weißen Segeltuchverkleidung der Reling lugen.

Nun stand ja allerdings der Malaie zweifellos weiter zurück, gegen das Rad zu; aber der bedeutende Unterschied in der Körpergröße belustigte Sterne, wie der Anblick eines Naturwunders. Es gab an Land so absonderliche Fische wie nur je im Meer.

Er sah Kapitän Whalley rasch den Kopf wenden, um zu seinem Serang zu sprechen; der Wind verwehte die ganze weiße Masse des Bartes nach seitwärts. Nun wies der Alte den Burschen wohl an, für ihn nach dem Kompaß zu sehen oder sonst etwas. Natürlich. Zuviel Mühe, um selbst nachzusehen. Sternes Verachtung für die körperliche Trägheit, die weiße Männer im Osten überkommt, wuchs beim Nachdenken noch mehr. Einige unter ihnen wären einfach verloren, wenn sie nicht diese Eingeborenen, ihrer Winke gewärtig, zur Hand hätten; sie wurden ganz schamlos darin. Er selbst war nicht von der Art, Gott sei Dank. Ihm lag es nicht, sich in einer Arbeit auf irgendeinen verrunzelten, kleinen Malaien zu verlassen. Als ob man sich je in irgendeiner Sache auf einen der dummen Eingeborenen verlassen konnte! Aber der feine alte Mann schien anders zu empfinden. Da standen sie zusammen, niemals weit voneinander entfernt; ein Paar, das in einem unwillkürlich das Bild eines alten Wals erweckte, der von einem kleinen Lotsenfisch begleitet wird.

Die Lustigkeit des Vergleichs brachte ihn zum Lächeln. Ein Wal mit einem unzertrennlichen Lotsenfisch! So wirkte der alte Mann; denn man konnte nicht behaupten, daß er wie ein Haifisch aussah, obwohl Herr Massy ihm gerade diesen Namen gegeben hatte. Aber Herr Massy achtete nicht sehr darauf, was er während seiner Wutanfälle sagte. Sterne lächelte vor sich hin – und nach und nach erwachten in ihm Gedanken und Vorstellungen, anschließend an das Wort und das Bild des Lotsenfisches; Vorstellungen von Hilfe, von Führung, die gebraucht und empfangen wurde, drängten sich vor; das Wort Lotse erweckte den Gedanken an Treue, Verläßlichkeit, Willkommensein, scharfäugige Hilfe für den Seemann, der im Dunklen nach dem Lande sucht: blindlings im Nebel sucht, in dickem Wetter, bei Sturm sich vorwärtstastet, während die Luft ringsum von einem salzigen Nebel erfüllt ist, der von der See aufstiebt, und der Horizont ringsum auf Greifweite zusammengeschrumpft scheint.

Ein Lotse sieht besser als ein Fremder, weil seine Ortskenntnis, wie ein schärferes Gesicht, die flüchtigen Umrisse der Dinge und Formen ergänzt, die Sprühnebel, die bei Sturm über das Land gebreitet scheinen, durchdringt, mit Sicherheit die Linie einer Küste erkennt, die unter dichtem Nebel liegt oder Landmarken ausmacht, die in einer sternenlosen Nacht wie in einem dunklen Grab verschlossen scheinen. Er erkennt sie, weil er um ihr Dasein weiß. Weit weniger als auf sein scharfes Auge verläßt sich der Lotse auf diese genaue Ortskenntnis, um den Standpunkt des Schiffes zu bestimmen, denn von der genauen Kenntnis dieses Standpunktes kann unter Umständen der gute Ruf eines Mannes abhängen, seine Seelenruhe, die Rechtfertigung des Vertrauens, das man in ihn gesetzt hat, und überdies noch sein eigenes Leben, das wegzuwerfen selten sein alleiniges Recht ist. Das Wissen eines Lotsen bringt dem Kapitän eines Schiffes erlösende Gewißheit; dem Serang aber, wenn man ihn spaßhaft als Lotsenfisch gelten ließ, der einen Wal begleitete, dem Lotsenfisch also war ein solches höheres Wissen nicht zuzutrauen. Wie sollte er es haben? Die beiden Männer waren gleichzeitig auf diese Route gekommen – der Weiße und der Braune – am selben Tage: und natürlich mußte doch ein Weißer in einer Woche mehr lernen, als der fähigste Eingeborene in einem Monat. Der Kapitän ließ ihn nicht von der Seite, als ob er ihn irgendwo brauchte – wie ein Lotsenfisch, wie man sagt, dem Wal von Nutzen ist. Doch wie sollte das sein? – Wie? Ein Lotsenfisch – ein Lotse, ein... Aber wenn es nicht höheres Wissen war, dann...

Sternes Entdeckung war gemacht. Sie widerstrebte seiner Einbildungskraft, erschütterte seinen Begriff von Ehrbarkeit und seinen Glauben an die Menschheit überhaupt. Diese Ungeheuerlichkeit eröffnete ganz neue Ausblicke, was in dieser Welt überhaupt möglich war: es schien, als wäre die Sonne plötzlich blau geworden und würfe nun ein neues, unheimliches Licht auf Dinge und Menschen. Im ersten Augenblick hatte er sich tatsächlich übel gefühlt, als hätte er einen Schlag unterhalb des Gürtels bekommen; eine Sekunde lang schien sogar die Lage der See verändert, seinem wandernden Blick fremd; und in allen Gliedern hatte er kurz das Gefühl, als hätte sich die Erde in entgegengesetzter Richtung zu drehen begonnen.

Eine sehr natürliche Ungläubigkeit, die auf diesen Gefühlsaufruhr folgte, schuf ihm eine gewisse Erleichterung. Er schnappte nach Luft; dann war es vorbei. Später am Tage aber hatte er während all seiner Beschäftigungen immer wieder Anfälle haltloser Verwunderung. Er schüttelte den Kopf. Seine Ungläubigkeit war fast so schnell verflogen wie die erste Erregung über seine Entdeckung, und während der nächsten vierundzwanzig Stunden fand er keinen Schlaf. So konnte es nicht weitergehen. Während der Mahlzeiten (er saß am unteren Ende des Tisches, der für die Weißen auf der Brücke gedeckt war) konnte er nicht umhin, sich wie gebannt in die Betrachtung von Kapitän Whalley zu verlieren, der ihm gegenübersaß. Er beobachtete die vorsichtige Aufwärtsbewegung des Armes; der alte Mann führte seine Nahrung zu den Lippen, als verspräche er sich keinerlei Freude von dem Genuß, als wüßte er gar nichts davon. Er aß wie ein Traumwandler. ›Ein schauerlicher Anblick‹, dachte Sterne; und er belauerte die langwährende, trübe Unbeweglichkeit des Armes, wobei eine große braune Hand wie tot neben dem Teller lag, bis er merkte, daß die beiden Ingenieure zur Rechten und zur Linken ihn erstaunt ansahen. Dann schloß er schnell den Mund, senkte den Blick und zwinkerte zu seinem Teller hinunter. Es war schauerlich, den alten Burschen dort sitzen zu sehen; es war sogar noch schauerlicher, zu denken, daß er ihn mit drei Worten in die Luft sprengen konnte. Alles, was er zu tun hatte, war, die Stimme zu erheben und einen einzigen, kurzen Satz auszusprechen. Und doch erschien diese einfache Sache so unmöglich wie der Versuch, die Sonne von ihrem Platz am Himmel zu verrücken. Der alte Bursche konnte in seiner entsetzlich mechanischen Art essen; Sterne aber konnte es vor lauter Erregung nicht – an jenem Abend jedenfalls nicht.

Er hatte seither reichlich Zeit gehabt, sich an die Anstrengung der Mahlzeiten zu gewöhnen. Er hätte es nie geglaubt. Aber man gewöhnt sich ja an alles; doch verhinderte gerade die Größe seines Erfolges alle Siegesfreuden. Er fühlte sich wie ein Mann, der auf der ehrlichen Suche nach einem geladenen Gewehr, das ihm auf seinem Weg durch die Welt vorwärtshelfen sollte, etwa zufällig an ein Torpedo geraten ist – an ein richtiges Torpedo, mit einer Sprengladung in der Spitze und einer Menge Preßluft, von vielen Atmosphären Druck, im Hinterende. Das ist natürlich eine Art Waffe, die dem Besitzer sehr wohl einiges Kopfzerbrechen verursachen kann. Er hatte keine Lust, selbst in die Luft zu fliegen; und er konnte das Gefühl nicht loswerden, daß die Explosion notwendig ihn selbst ebenfalls schädigen mußte.

Diese unbestimmte Befürchtung hatte ihn zunächst zurückgehalten. Er war nun imstande, mit einer furchtbaren Waffe zur Seite, zu essen und zu schlafen, im steten Bewußtsein ihrer Unwiderstehlichkeit. Zu dieser Überzeugung war er nicht durch vieles Nachdenken gekommen: sobald aber der Gedanke in seinem Kopf entstanden war, hatte sich unmittelbar anschließend die Überzeugung aus einer Menge kleiner Beobachtungen gebildet, denen er vorher kaum Beachtung geschenkt hatte. Das unvermittelte und zitterige Sprechen; dann wieder das Schweigen, das wie ein Panzer angetan wurde; die bedächtigen, wie berechneten Bewegungen; die lange Unbeweglichkeit, als hätte der Mann, den er belauerte, sich gefürchtet, die Luft in Schwingungen zu versetzen. Jede kleinste Gebärde, jedes Wort, das in seiner Hörweite ausgesprochen wurde, jeder Seufzer, den er aufschnappte, alles hatte eine besondere Bedeutung gewonnen und dazu gedient, seine Überzeugung zu bekräftigen.

Jeder Tag, der über die Sofala hinging, schien Sterne vollgefüllt mit Beweisen, mit unwiderleglichen Beweisen. Nachts während seiner Freiwache pflegte er sich im Pyjama aus seiner Kajüte herauszustehlen (auf der Suche nach neuen Beweisen) und mitunter eine volle Stunde mit bloßen Füßen auf der Brücke zu stehen, gleich unbeweglich wie einer der nahen Stützpfosten des Sonnensegels. Auf Strecken, wo die Schiffahrt keine Schwierigkeiten bietet, ist es für den Kapitän eines Küstenfahrers nicht üblich, während seiner Wache selbst auf Deck zu bleiben. Gewöhnlich tut der Serang für ihn Dienst; in offenem Wasser und bei geradem Kurs wird ihm meistens die Sorge für das Schiff anvertraut. Dieser alte Mann aber schien unfähig, ruhig unten zu bleiben. Er konnte wohl nicht schlafen. Kein Wunder. Auch das war ein Beweis. Plötzlich hörte Sterne wohl durch das Schweigen des Schiffes, das durch die stille, dunkle See eilte, oben auf der Brücke eine leise Stimme mit verhaltener Erregung fragen:

»Serang?«

»Tuan!«

»Du paßt genau auf den Kompaß auf!«

»Jawohl, Tuan, ich passe auf.«

»Das Schiff läuft seinen Kurs?«

»Jawohl, Tuan, ganz gerade.«

»Es ist gut; und denke daran, Serang, der Befehl geht dahin, daß du auf den Steuermann achten und sorgfältig Ausschau halten sollst, als wäre ich nicht auf Deck.«

Wenn dann der Serang geantwortet hatte, hörte das leise Sprechen auf der Brücke auf, und alles um Sterne schien in noch tieferes Schweigen zu versinken. Leicht fröstelnd und mit von der langen Unbeweglichkeit schmerzendem Rücken stahl er sich dann zu seiner Kabine nach Backbord zurück. Damals hatte er schon längst den letzten Rest von Ungläubigkeit abgetan; von den ursprünglichen Gefühlen, die durch die Entdeckung aufgerührt worden waren, war nur eine Spur der ersten Scheu geblieben. Nicht eine Scheu vor dem Manne selbst – er konnte ihn mit sechs Worten einfach in die Luft sprengen –, sondern eher eine Art scheuer Entrüstung über die Rücksichtslosigkeit filzigen Geizes (was sonst konnte es sein?), über die verrückte, finstere Entschlußkraft, die um einiger Dollars willen alle Gebote des Gewissens zu mißachten und geradezu gegen die Vorsehung ankämpfen zu wollen schien.

Auf der ganzen weiten Welt war sicher kein zweiter Mann wie dieser zu finden – Gott sei Dank. In der Enthüllung lag etwas so höllisch Eindrucksvolles, daß es einem den Atem nahm.

Auch andere Erwägungen hatten sich seinem Verstande aufgedrängt und ihm von Tag zu Tag die Zunge gebunden. Nun schien es ihm, als wäre es leichter gewesen, in der allerersten Stunde der Entdeckung zu sprechen. Er bedauerte es fast, nicht sofort Lärm geschlagen zu haben. Doch die Ungeheuerlichkeit der Eröffnung selbst... Wie denn – er konnte sie kaum selbst begreifen, geschweige denn einem andern begreiflich machen. Überdies konnte man mit einem Desperado dieser Art nie vorsichtig genug sein. So verrückt es auch scheinen mochte, so stand doch zu erwarten, daß der Alte sich wehren würde. Einem Burschen, der einen solchen Betrug in Szene zu setzen gewagt hatte, war alles zuzutrauen; einem Burschen, der sich geradezu gegen Gottes Allmacht selbst erhoben hatte. Er war ein grausiges Wunder – das war er: er war recht wohl imstande, den Spieß schamlos umzudrehen, bis er es erreicht hatte, daß er (Sterne) vom Schiff gejagt wurde und alle Aussichten in diesem Teil des Ostens verscherzt hatte. Wenn man es aber vorwärtsbringen will, dann muß man auch etwas wagen. Manchmal warf Sterne sich vor, er habe es sich allzulange überlegt, zur Tat zu schreiten; und schlimmer noch, es war so weit gekommen, daß er gegenwärtig nicht mehr wußte, was eigentlich zu tun sein konnte.

Massys wütend schlechte Laune war zu entmutigend. Sie war ein unberechenbarer Faktor in der Sachlage. Man konnte nicht wissen, was hinter dem beleidigenden Gepolter steckte. Wie konnte man einem solchen Charakter trauen? Sterne empfand keine körperliche Angst für die eigene Person, fürchtete aber stark für die eigenen Aussichten.

Obwohl er natürlich dazu neigte, sich selbst eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe zuzusprechen, so hatte er nun doch schon zu lange mit seiner Entdeckung hingelebt. Er hatte für nichts anderes mehr Augen gehabt, bis ihm eines Tages eingefallen war, die Sache sei zu handgreiflich, als daß sie irgend jemand übersehen könnte. An Bord der Sofala waren vier Weiße. Jack, der Zweite Ingenieur, war zu einfältig, um etwas zu bemerken, das außerhalb seines Maschinenraumes lag; so blieb Massy – der Reeder – der wahrhaft Beteiligte der vor Kummer fast verrückt war. Sterne hatte an Bord mehr als genug gesehen und gehört, um die Ursachen seiner Schmerzen zu erkennen; doch seine Verzweiflung schien ihn für vorsichtige Eröffnungen taub zu machen. Hätte er es nur gewußt – da hatte er ja gerade das, was er wünschte. Aber wie konnte man mit einem solchen Mann verhandeln? Es war, als ginge man in eine Tigerhöhle, mit einem Stück Fleisch in der Hand. Dabei war es auch mehr als wahrscheinlich, daß man zum Dank für alle seine Mühe zerrissen wurde. Tatsächlich drohte Massy immer gerade damit; und die Dringlichkeit des Falles, zugleich mit der Unmöglichkeit sicherer Behandlung, ließen Sterne während seiner Freiwachen sich schlaflos in seiner Koje wälzen, als läge er in schwerem Fieber.

Ereignisse, wie die Überquerung der Sandbank eben vorhin, waren für seine Aussichten äußerst bedrohlich. Er wollte nicht durch ein plötzliches Unglück überrascht werden. Da Massy auf der Brücke gewesen war, so hatte sich der alte Mann wohl, wie er dachte, zusammennehmen und einen Versuch wagen müssen. Aber es wurde nun tatsächlich schlimm mit ihm, ganz schlimm. Sogar Massy hatte es diesmal gewagt, eine Bemerkung zu machen; am Fuße der Leiter hatte Sterne des anderen klägliche und unzusammenhängende Vorstellungen mit angehört. Zum Glück war der Kerl furchtbar dumm und konnte die Ursache für all dies nicht erkennen. Man konnte ihn allerdings nicht sehr tadeln deswegen; es war ein kluger Mann nötig, um die Ursache zu ergründen. Trotzdem war es höchste Zeit, etwas zu tun. Das Spiel des alten Mannes konnte nicht mehr allzulange durchgehalten werden.

»Ich kann bei dieser Narretei noch mein Leben verlieren – nicht nur meine Aussichten«, murmelte Sterne ärgerlich vor sich hin, nachdem der gebeugte Rücken des Ersten Ingenieurs um die Ecke des Oberlichts herum verschwunden war. Ja, ganz fraglos, dachte er; doch konnte es seine Aussichten nicht verbessern, wenn er mit seinem Wissen herausplatzte. Im Gegenteil, er würde sie höchstwahrscheinlich endgültig verderben. Er fürchtete einen neuerlichen Fehlschlag. Es war ihm dunkel bewußt, daß seine Mitmenschen in diesem Teil der Welt ihn nicht sonderlich liebten; unbegreiflich genug, denn er hatte ihnen nichts getan. Neid, vermutete er. Die Leute waren ja immer hinter einem aufgeweckten Burschen her, der kein Geheimnis aus seinem festen Willen machte, vorwärtszukommen. Seine Pflicht zu tun und sich auf die Dankbarkeit dieses Viehs von Massy zu verlassen, wäre absoluter Wahnsinn. Er war eine böse Nummer: unmännlich! Ein heimtückischer Kerl! Grundschlecht! Ein Vieh! Ein Vieh, ohne irgend etwas Menschliches an sich; ohne bloße Neugier sogar, sonst hätte er doch sicherlich ein wenig auf alle die Andeutungen geachtet, die ihm gemacht worden waren... Diese Unempfindlichkeit war fast geheimnisvoll. Sterne hatte den Eindruck, als hätte Massys Verzweiflung ihn über das bei Reedern sonst übliche Maß von Dummheit hinaus verblödet.

Sterne verlor sich in Betrachtungen über diese Dummheit. Sein starrer Blick war ohne Zwinkern auf die Deckplanken gerichtet.

Die leise Bewegung, die den ganzen Rumpf des Schiffes durchzitterte, machte sich im Fluß deutlich bemerkbar, der schattig und still wie ein Waldweg dalag. Die Sofala hatte in ruhiger Fahrt den Küstengürtel von Schlamm und Morast hinter sich gelassen. Die Ufer waren höher geworden, ragten steil auf, und der Urwald mit großen Bäumen kam bis an ihren Rand. Wo das Erdreich von den Fluten angenagt war, zeigten sich tiefbraune Schnittflächen und ein Gewirr von Wurzeln, die aussahen, als kämpften sie untereinander; und in der Luft führten die verschlungenen Äste, von Schlingpflanzen verbunden und belastet, den Kampf ums Dasein weiter, vermischten ihr Laubwerk zu einer festgefügten Blättermauer, die da und dort ein ungeheurer, dunkler Säulenschaft durchbrach; oder eine zackige Öffnung, wie von einer Kanonenkugel gerissen, ließ das undurchdringliche Düster, den Jahrhunderte alten, unverletzlichen Schatten des Urwalds deutlich erkennen. Der Schlag der Maschinen wiederholte sich regelmäßig wie der eines Zeitmessers, der etwa zu dem großen Schweigen den Takt schlüge; der Schatten der westlichen Waldmauer war über den Fluß gefallen, und der Rauch, der aus dem Schornstein nach achtern schlug, verwehte langsam hinter dem Schiff, breitete einen dünnen Schleier über das dunkle Wasser, das, von der Flut gehemmt, in der ganzen Länge der Stromstrecken stillzustehen schien.

Sternes Körper erzitterte, wie auf dem Fleck festgewachsen, von Kopf bis Fuß im Takt mit der inneren Erschütterung des Schiffes; von unten scholl gelegentlich ein Klang von Eisen herauf oder ein lauter Ruf; rechts von ihm fingen die Blätter der Baumgipfel die Strahlen der niedrigstehenden Sonne ab, schienen in eigenem, goldgrünem Lichte zu leuchten und standen scharf gegen den blaßblauen Himmel, der sich wie ein Zeltdach über dem Fluß wölbte. Die Fahrgäste für Batu-Beru knieten auf Deck und waren emsig dabei, ihre Schlafmatten zusammenzurollen; sie schnürten Bündel, ließen die Schlösser von Holzkisten einschnappen. Ein pockennarbiger Hausierer warf den Kopf zurück, um sich die letzten Tropfen aus einer irdenen Flasche in den Hals zu schütten, bevor er sie in eine Deckenrolle wegpackte. Reisende Händler standen in Gruppen auf Deck herum und unterhielten sich halblaut; das Gefolge eines kleinen Rajahs von der Küste unten, einfache, junge Leute mit breiten Gesichtern, in weißen Hosen und runden, weißen Baumwollmützen, die bunten Sarongs kreuzweise um die Bronzeschultern geschlungen, hockten auf der Großluke auf ihren Fersen und kauten Betel mit hellroten Mündern, als schmatzten sie Blut. Ihre Speere, die aufgehäuft inmitten des Kreises ihrer nackten Zellen lagen, schienen ein Zufallsgewirr trockener Bambusrohre; ein dünner, blaßgelber Chinese, der ein in Blätter eingeschlagenes Bündel schon unter dem Arm hielt, sah gespannt voraus; ein wandernder Kling rieb sich die Zähne mit einem Holzstückchen und spie einen Strom von Wasser über Bord; der fette Rajah döste in einem schäbigen Deckstuhl. – Und sooft das Schiff um eine Krümmung bog, liefen die beiden Blättermauern wieder parallel längs der Ufer hin; ihre undurchdringliche Glätte verlor sich gegen den Gipfel zu in die nebeligen Umrisse der zahllosen, frei hinausragenden Zweige der jungen, zarten Sprößlinge, die aus der äußersten Spitze grauer Stämme frei hinausschossen, und der fedrigen Ausläufer von Schlingpflanzen, die wie ein silberner Sprühregen in der Luft hingen. Nirgends war das Anzeichen einer Lichtung zu entdecken, keine Spur menschlicher Wohnungen, bis schließlich an der Spitze eines kleinen Vorsprungs, unter einer einzelstehenden Gruppe schlanker Baumfarne die verwitterten, zertrümmerten Überreste einer alten Hütte auf Pfählen auftauchten; die zerstörten Bambuswände sahen aus, als hätte man sie mit der Keule zerschmettert. Ein Stück weiter, halb verborgen unter den niederhängenden Büschen, war ein Kanu mit einem Mann, einer Frau und einem Haufen grüner Kokosnüsse, das hilflos schaukelte, nachdem die Sofala vorbeigefahren war, wie ein Wasserfahrzeug unternehmungslustiger Insekten, reisender Ameisen etwa. Vom Bug des Schiffes aber ging die ganze Zeit über nach jeder Seite je eine feine, glasige Wasserfalte aus, machte die Fahrt stromaufwärts mit und brach sich am Ufer in leichtem Gekräusel.

›Ich muß‹, dachte Sterne, ›ich muß dieses Vieh von Massy stellen. Die Geschichte wird schließlich gar zu dumm. Da oben sitzt der alte Mann in seinem Stuhl begraben – er könnte genauso gut im Grabe liegen, er wird ja doch nie mehr in der Welt zu etwas nütze sein und der Serang tut Dienst. Jawohl, das tut er. Kapitänsdienst. An dem Platz, der von Rechts wegen meiner wäre. Ich muß dieses wilde Vieh stellen. Ich will es augenblicklich tun...‹

Als der Erste sich unvermittelt in Bewegung setzte, wurde ein kleiner, brauner, halbnackter Bursche mit großen schwarzen Augen, eine Schnur mit einem beschriebenen Amulett um den Hals, von Panik ergriffen. Er ließ die Banane fallen, an der er geknabbert hatte und rannte auf die Knie eines großen, dunklen Arabers in fließenden Gewändern zu, der auf einem gelben, mit Ratanseilen verschnürten Blechkoffer saß. Der Vater, unbewegt, streckte die Hand aus, um den kleinen, glattgeschorenen Kopf beschirmend zu streicheln.

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