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Das Ende des Odysseus

Victor Auburtin: Das Ende des Odysseus - Kapitel 7
Quellenangabe
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typesketch
authorVictor Auburtin
titleDas Ende des Odysseus
publisherHaffmans Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorGeorg Eyring
year1986
illustratorFritz Graßhoff
isbn3251000802
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Die Sau

Dort wo die March in die Donau geht, lebte und herrschte um die Wende des neunten Jahrhunderts die Markgräfin Irene von Mähren. Die große Geschichte weiß von dieser merkwürdigen Frau nicht viel zu berichten und tut sie in zwei Jahreszahlen ab; aber in der Gesellschaft jener fernen Tage war die Markgräfin Irene sehr berühmt wegen ihrer Schönheit und ihrer ganz außergewöhnlichen Gelehrtheit. Sie las griechisch und trieb Arithmetik und hatte einen Kommentar zu dem Werke des Euklides geschrieben.

Sie war die Witwe des Markgrafen Rudolf von Mähren. Den hatte sie nach fünfjähriger Ehe mit ihrer Wissenschaft zu Tode geärgert, und nun regierte sie selber sein Land mit ihren starken und weißen Armen. Sie sprach recht wie ein Mann, ritt breitbeinig zu Pferde und verlachte die Bewerber, die um ihre Hand anhielten. Es kamen ihrer viele, denn auch in jener dunklen Zeit war es so, daß die Männer an den Frauen mehr ein unbescheidenes und starkes Wesen liebten als Zucht und Sitte.

* * *

Der Markgraf war kaum ein Jahr tot, so ritt in den Hof der Burg ein Zug von Boten ein; das waren feine Herren in neuen und schönen Kleidern und kamen als Gesandte aus Byzanz von dem Grafen Theodor, der um die Hand der Frau Irene bitten ließ. Auch brachten sie Brautgeschenke mit, wie sie nur der kaiserliche Hof von Byzanz liefern konnte, nämlich eine große blaue Kugel aus dem Stein Lapis Lazuli, zehn Sack Dukaten und ein Stück von der Vorhaut Christi in Goldfiligran gefaßt. Die Markgräfin empfing die Boten geziemlich in der großen Halle, besah sich die schönen Geschenke und erkundigte sich nach dem Wesen des Grafen, der so herrlich um sie warb. Dann antwortete sie den Boten: »Geht zu eurem Herrn und sagt ihm, daß ich die Seine werden will, wenn er den Inhalt dieser blauen Kugel hier vor mir bis auf ein Lot genau berechnen kann.«

Die Gesandtschaft zog mit diesem Bescheid ab, und von dem griechischen Grafen hörte man nicht mehr.

* * *

Der zweite Freiersmann, der sich meldete, war der französische Ritter Jean de Bellejambe; der kam an einem regnerischen Abend verirrt vor dem Schlosse der Markgräfin an und bat um Einlaß. Er blieb einige Tage, las mit der Herzogin in ihrer Bibliothek, und die beiden taten sehr vertraut miteinander, so daß die Dienerschaft schon glaubte, diesmal sei die Sache richtig. Aber als der Ritter Ernst machte und nun vor ihr stand und um ihre Hand bat, sagte sie ihm: »Ich will Euch gehören, wenn Ihr gleich jetzt hier vor mir die Namen der römischen Könige aufzählen könnt.« Er stand da und sann nach, kam aber nur bis Numa Pompilius. Da rannte er in großem Zorn in den Hof hinab, sattelte sein Pferd und ritt spornstreichs in die Weite.

So kamen im Laufe der Zeit noch viele aus allen Gegenden des Christentums, und Frau Irene sammelte sich ihre Namen, wie man Käfer sammelt, und freute sich, wie sie die Männer am Schnürchen hätte.

* * *

Schön ... Zu jener Zeit nun geschah es, daß die Ungarn in die große Ebene einbrachen. Sie kamen unter der Leitung ihres Herzoges Godros, den man den Dreibart nannte, weil er seinen langen roten Bart in drei gleiche Teile getrennt trug; und verwüsteten das östliche Land. Von dem Waldgebirge her zogen sie die Donau herauf, verbrannten das Kloster Frauenwert, und der Schein ihrer Feuersbrünste leuchtete rot am Horizont. Und als sie bis zum Schlosse der Markgräfin geraten waren, umgaben sie es von allen Seiten und begannen es zu berennen. Markgräfin Irene leitete die Verteidigung acht Tage lang nach allen Regeln der Kunst; sie ließ Sandsäcke auftragen, die Schleudern richten und schritt abends selbst mit den Fackeln die Reihe der Posten ab. Aber bald mußte man sehen, daß das Schloß nicht genügend mit Lebensmitteln versehen war und sich nicht halten konnte.

Da versammelte sie alle Männer in der Kapelle und hielt ihnen diese Rede: »Ihr werdet heute noch die Sakramente der Buße und des Altars nehmen, denn morgen in der Frühe werde ich die Burg dem Feinde übergeben. Fürchtet euch nicht. Der ungarische Herzog sieht zwar schrecklich genug aus mit seinen drei Bärten, aber ich werde schon mit ihm fertig werden. Ich habe die Kunst heraus, mit den Männern umzugehen, das wißt ihr ja. Erinnert euch an den griechischen Grafen mit der blauen Kugel, an den Ritter, den Prinzen von Spanien und die vielen anderen. Ich habe sie gekirrt, und so werde ich auch den Dreibart kirren. Wenn er mich morgen als sein Ehrenstück aus der Beute ausgesucht hat, dann werde ich mir ihn vornehmen und ein Wörtchen mit ihm reden.«

* * *

Am nächsten Tage wurden die Tore geöffnet, und die Ungarn ritten in die Höfe der Burg ein. Einen ganzen Vormittag beschäftigten sie sich damit, die waffenfähigen Männer an den Bäumen des Obstgartens aufzuhängen, dann wurde die Burg ausgeräumt und alles, was darinnen war, zur Verteilung der Beute in dem Hofe aufgestellt. Da standen in langen Reihen die Frauen gefesselt, mitten unter ihnen die Markgräfin; dann die kleinen Kinder, die immer drei oder vier zu Bündeln zusammengebunden waren, wie die Radieschen; weiter die Kasten mit Seide und Goldsachen und schließlich das Vieh der Ställe.

Als erster schritt der Herzog Godros-Dreibart die Ausstellung ab, um vor seinen Leuten sich das kostbarste Stück auszusuchen. Er ging an den Frauen vorbei, prüfte jede mit den Augen und schritt schweigend weiter. Die Kasten überblickte er flüchtig. Doch faßte er hier und da ein Stück edlen Stoffes an. Dann ging er die Reihen des Viehes entlang. Vor einem großen Mutterschwein blieb er erstaunt stehen.

»Wo habt ihr die Sau her?« fragte er den Viehwärter, einen alten Mann, der bei der allgemeinen Hängerei verschont geblieben war.

»Es ist ein thrakisches Mutterschwein«, antwortete der Mann, »eine reine Rasse. Wir haben es vor einem Jahr auf dem Markt von Adrianopel gekauft.«

»Hat sie schon geworfen?«

»Sie hat dieses Frühjahr sechs lebende gesunde Ferkel geworfen.«

Der Herzog trat an das Tier heran, faßte es am Ohre und blickte in seine Augen, die klein und listig waren.

»Ein herrliches Tier«, sagte er. »Ich habe einen Eber derselben Rasse auf meinem Schloß Theodosia am Meere.« Und sich aufrichtend, sagte er: »Ich wähle diese Sau zu meinem Ehrenstück. In den Rest teile sich mein Gesinde.«

Nachts saßen die ungarischen Männer in der großen Halle und tranken. Und sie sangen ihre wilden Lieder; vom Ritt über das Feld; vom Kampf an der Brücke und von dem elfenbeinernen Schmuck des Sattelzeuges.

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