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Das Ende des Odysseus

Victor Auburtin: Das Ende des Odysseus - Kapitel 5
Quellenangabe
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typesketch
authorVictor Auburtin
titleDas Ende des Odysseus
publisherHaffmans Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorGeorg Eyring
year1986
illustratorFritz Graßhoff
isbn3251000802
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectid74ee16c9
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Die heilige Kuh

Das war die heilige Kuh der Göttin Frigga bei den Semnonen an der Elbe.

Als der junge blasse Diakon Crispinus von Aachen aufbrach, um die Semnonen zum Christentume zu bekehren, sagte sein Lehrer Bonifatius zu ihm: »Mein Sohn, trachte zuerst danach, den Heiden zu zeigen, wie ohnmächtig ihre Götter sind und wie eitel ihrer Götter Zeichen. Deshalb, sobald du bei den Semnonen ankommst, begib dich in den Hain der Göttin Frigga und schlachte vor allem Volke die heilige Kuh. Wenn sie sehen, daß du das ungestraft tun konntest und daß Frigga ihr Tier nicht schützte, so werden sie an ihren Göttern zweifeln und an den deinen glauben.«

Mit diesen Worten entließ Bischof Bonifatius den blonden Crispinus und segnete ihn auf die Reise und gab ihm sein Brustkreuz zum Küssen; dieses Kreuz war ganz aus Gold und mit Smaragden verziert, von denen jeder einzelne mehr Wert hatte als das Haus des Zimmermannes Joseph zu Nazareth wert gewesen war.

Der blonde Diakon Crispinus aber ergriff Stab und Tasche und machte sich auf die Fahrt. Er zog über den Rhein mit seinen Römermauern, durch die feuchten Waldtäler des Saltus Melibocus und über die Weser, die silbern dahinfloß in der Morgenstille der Zeit. Und unterwegs erwog er die Worte des Bischofs und dachte mit Angst und Sorge an jene Kuh, und was ihm aufgetragen war, daß er sie töten solle. Denn er hatte noch nie ein Tier getötet und gehörte zu jenen Leuten, die einen Umweg machen, wenn ihnen eine Ameise über die Straße läuft, weil sie dem Geschöpfchen nichts zuleide tun wollen.

Im Lande der Semnonen begann der Diakon Crispinus alsbald seinen Gott mit größter Inbrunst und Herzlichkeit zu predigen; wie der Erlöser zu uns gekommen sei, um den Frieden zu bringen, und daß er ein Vaterherz habe für uns allesamt. Das predigte er den Heiden unter ihrem großen Lindenbaum, und die hörten ihm erstaunt zu und wunderten sich, was für neue Erfindungen es doch so immer in der Welt gebe. Aber wenn er ernstlicher wurde und Bekehrung forderte, lachten sie nur so und gingen gemächlich zu ihren Geschäften zurück, zu der Jagd, dem Trinken und dem gegenseitigen Schädeleinschlagen alle Abende. Zur Taufe meldete sich kein einziger, und nach sieben Monaten war der arme, blonde Diakon Crispinus mit seiner Mission noch gerade soweit wie am ersten Tag.

Da schrieb aus Aachen der Bischof Bonifatius einen Brief an die Häuptlinge der Semnonen und sagte ihnen darin dieses: »Fordert meinen Schüler, den Diakon Crispinus, auf, die heilige Kuh des Götzen Frigga zu töten in eurem Hain. Und das soll euch ein Zeichen sein von der Kraft und von der Ohnmacht. Wenn er die Kuh nicht töten kann, und wenn ihm die Hand erlahmt, so mag Frigga ein Gott sein, und so sind wir Betrüger. Tötet er aber die Kuh und darf er es ungestraft, so erkennt daran die Ohnmacht der Wesen, die ihr bisher für Götter hieltet.«

Darauf begannen die Semnonen den blonden Crispinus zu reizen und ihm zu sagen: »Nun, das wäre ja allerdings ein Beweis; so zeige es uns also, daß du keine Furcht vor Frigga hast, und töte ihre Kuh. Aber du wagst es gar nicht, denn das ist eine heilige Kuh, und sie geht in den Winternächten mit Friggas Wolkenzug über die Wälder und Stoppelfelder hin. Sie hat eine Schelle aus dem Erz der Bergzwerge und trägt auf der Stirn das dunkle Zeichen der Lieblinge Friggas. Und Frigga ist eine große Göttin, und niemand wagt ihr zu trotzen; du am wenigsten, du Blonder mit deinen Locken.«

So redeten sie ihm höhnend zu, und Crispinus fühlte es, daß hier etwas getan werden müsse. Schaudernd faßte er das blutrünstige Messer, das ihm die Heiden hinhielten, und ging mit ihnen in den Hain, wo die heilige Kuh weidete. Aber als er diese Kuh erblickte, die weiß war und sanfte Augen hatte, da erzitterte er bis in sein Herz. Und ahnte wohl in diesem Augenblicke, daß einmal ein Reich kommen müsse ohne Blut und ohne Messer. Er trat an die Kuh heran, streichelte sie, küßte sie auf die Stirn und sagte ihr flüsternd ins Ohr: »Ich tue dir nichts, du gutes Tierchen.« Und warf das Messer hin und floh in den Wald.

Die Heiden aber setzten ihm mit großem Geschreie nach, fesselten den Betrüger und überlieferten ihn den Tempelmädchen zur Züchtigung.

Die banden ihn auf die Bank der Opfer, nahmen ihre goldenen Haarnadeln her und töteten ihn lachend mit tausend Nadelstichen.

So starb auch er gewissermaßen eine Art von Märtyrertod im Dunkel der großen hercynischen Wälder. Aber in den Listen der amtlichen und richtigen Kirchenheiligen findest du seinen Namen nirgendwo.

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