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Das Ende des Odysseus

Victor Auburtin: Das Ende des Odysseus - Kapitel 4
Quellenangabe
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typesketch
authorVictor Auburtin
titleDas Ende des Odysseus
publisherHaffmans Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorGeorg Eyring
year1986
illustratorFritz Graßhoff
isbn3251000802
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Die neue Lust

In dem dritten Jahre seiner Herrschaft gab der König Xerxes seinen Dienern und Fürsten ein Fest, das hundertachtzig Tage dauerte. In der großen Säulenhalle standen die Tische einer neben dem andern, schwer beladen mit den silbernen Geschirren, und der Wein floß auf den Boden, der aus schwarzen und gelben Marmorplatten zusammengelegt war. Man schlief bei Tische ein auf dem Kissenlager, und wenn man aufwachte, faßte man nach einem vollen Becher oder in die bronzefarbenen Haare eines syrischen Mädchens.

Als das Fest nun endlich vorüber war, schlief der König vier Tage und vier Nächte ununterbrochen durch. Dann nahm er ein Bad in heißem Rotwein und trank sieben Flaschen Sodawasser, um sich den Magen zu reinigen. Aber er blieb trübe und schwer und konnte kaum die Augen öffnen.

Da rief er die zwölf Reichseunuchen herbei und sagte ihnen: »Schreibt auf, was ich euch sage.« Die zwölf Reichseunuchen zogen ihre wächsernen Tafeln hervor, und der König diktierte ihnen: »So befiehlt Xerxes, der Herr, der da König ist von Indien bis an das Mohrenland, über hundertsiebenundzwanzig Länder: Ich setze einen Preis von zehntausend Golddukaten aus für den, der eine neue Lust erfindet. Sei es nun eine Lust des Geschmackes, des Gefühles oder des Geruchs, aber etwas ganz Neues muß es sein.«

Die zwölf Reichseunuchen schrieben diese Worte auf und trugen ihre Tafeln hinaus; und als sie durch die marmorne Tür schritten, flüsterten sie einander zu: »Das nennt man eine Kateridee.«

* * *

Und der Aufruf des Königs Xerxes wurde in allen Städten und Häfen seines Reiches angeschlagen, vom Hellespont bis an die Quellen des Ganges.

Bald darauf stellten sich die Lusterfinder im Palaste des Königs ein und warteten in der großen Halle auf die Audienz. Es waren meistens ganz einfache und arme Leute und Unterbeamte, die noch nie eine Lust erkannten, die sich aber in kümmerlichen Nächten irgendeine Herrlichkeit erdacht hatten. Einige von ihnen trugen große Rollen unter dem Arm, auf denen das neue Glück zeichnerisch dargestellt war.

Als erster wurde ein sechzigjähriger unverheirateter Postbeamter vorgelassen. Er trat vor Xerxes hin, verneigte sich dreimal bis auf den Boden und sagte: »Dieses ist die Lust, o König, die ich dir rate. Hänge dich mit deinen königlichen Händen an einem Trapez auf, das über einem stark duftenden Blumenbeete schwebt. Mit dir muß an dem Trapez ein nacktes Mädchen hängen, das von reinster Schönheit und von edelster Abkunft sei. Und dann liebt euch, während ihr langsam über den dunklen Rosen auf- und niederschaukelt.«

König Xerxes erwiderte: »Das ist gar nichts Neues. Das hat meine hochselige Großtante schon zusammen mit dem Rabbiner Nathan getan. Sie wurde, wie du weißt, die Mutter des Prinzen Assur, der jetzt der allgemein geachtete Regierungspräsident von Mesopotamien ist.«

Der zweite Erfinder, der vor den König gelassen wurde, war der Dr. Prohasca, Chefredakteur der »Babylonischen Volksstimme«. Er sagte zu dem König: »Ich bringe dir das höchste Glück, das es auf dieser Welt geben kann. Mache dein Volk frei, so daß jedermann dieselben Rechte hat. Keinen Adel soll es mehr geben, sondern jedermann genieße den Einfluß, den er nach seiner Arbeit und nach seinem Werte beanspruchen darf. Auch soll das Volk selbst über Krieg und Frieden bestimmen, und die schweren, willkürlichen Abgaben müssen durch eine stufenweise Einkommensteuer ersetzt werden. Dann werden deine Mitbürger dir dankbar zujauchzen, und du wirst das höchste Glück genießen, von einem freien Volke geliebt zu werden wie ein Vater.«

Auf diese Rede antwortete der König Xerxes gar nichts, aber er gähnte laut, und das war das offenbare Zeichen seiner allerhöchsten Ungnade. Daraufhin führten die zwölf Reichseunuchen den Chefredakteur Dr. Prohasca auf den Hof des Palastes und zerschnitten ihn dort langsam in kleine Stücke, die er eines nach dem anderen aufessen mußte, bis gar nichts von ihm übrig blieb.

* * *

»Nun sprich du«, sagte der König zu dem Dritten, einem blonden jungen Mann mit Brille, der sich als der stud. theol. Ströbecke vorgestellt hatte. Der stud. theol. Ströbecke sagte: »Wähle ein Mädchen, das nicht älter als vierzehn Jahre sein darf; vom niedrigsten Stande muß sie sein, aber goldene Schuhe soll sie an ihren schlanken Füßen tragen. Dann lege dich platt auf die Erde, und sie trete auf dir herum, und laß dich, o König der hundertsiebenundzwanzig Reiche bis an das Mohrenland hin, behandeln, als seiest du ein Hund. Wenn du den Staub zu den Füßen des Kindes frißt, werden Scham und Zorn in dir brennen als die höchste Lust.«

»Sonderbar«, sagte Xerxes der König, »aber das könnte man ja einmal versuchen.«

So wurde die zwölfjährige Thamar, die Tochter des Pförtners aus der Damaskusstraße 81 b, in den fürstlichen Palast gerufen. Und sie trat den König, daß er schrie, und spie ihn an und schlug ihn mit ihren Fäusten. Dann sperrte sie den Herrn der Welt in eine Hundehütte, wo er drei Tage in seinem Unrat und Schmutz liegen mußte.

Als es vorüber war, sagte der König: »Gar nicht so übel; auf jeden Fall war es einmal etwas anderes. Aber zehntausend Dukaten ist es nun doch nicht wert. Gebt dem stud. theol. Ströbecke fünftausend, und sagt ihm, wenn er sein Seminarexamen besteht, mache ich ihn zum Erzbischof.«

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