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Das Ende des Odysseus

Victor Auburtin: Das Ende des Odysseus - Kapitel 3
Quellenangabe
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typesketch
authorVictor Auburtin
titleDas Ende des Odysseus
publisherHaffmans Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorGeorg Eyring
year1986
illustratorFritz Graßhoff
isbn3251000802
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Der Dreifuß der Helena

Ilion lag am Boden, und die griechische Flotte fuhr mit weit ausgespannten weißen Segeln nach Westen zu ab. Nur eines der Fahrzeuge hatte ein rotes Segel, und von allen anderen Schiffen sah das Seevolk auf dieses rote Segel hin; denn das war das Schiff des Menelaos, und auf ihm fuhr Helena nach Hause, um die der große Krieg gekämpft worden war.

Sie lag auf dem Verdeck auf Kissen ausgestreckt und sah nach dem Lande zurück, wo zehn Jahre lang die Männer Griechenlands und Asiens sich ihretwegen gemordet und verstümmelt hatten und über dem jetzt ein flacher brauner Rauch gebreitet war. Und als das Land im Meere verschwunden war, nahm sie einen goldenen Spiegel vor, öffnete die Lippen und betrachtete ihre Zähne, die klein und zahlreich waren wie die Zähne eines Hechtes.

Aber Zeus zürnte den Griechen und sandte jenen großen Sturm, der die Flotte zerstreute. Odysseus wurde nach dem Vorgebirge Malea verschlagen, Agamemnon nach Kreta und die anderen gegen das offene Meer. Das Schiff des Menelaos zog die roten Segel ein und wiegte sich im Wellensturm, und es war eine große Gefahr. Da rief Helena die Götter an und gelobte, wenn sie aus der Not entkäme, würde sie im ersten Tempel, den sie träfe, einen goldenen Dreifuß aufstellen. Und weil die Götter Helena liebten, wie sie immer nur das Schöne geliebt haben, glätteten sich die Wogen, und ruhig lief das Schiff in den Hafen der Insel Kos ein.

In der Hafenstadt ging Helena zu einem Goldschmied und bestellte einen Dreifuß aus Gold; oben um den Rand sollte eine Schlange liegen, deren Augen aus Smaragden einzusetzen seien; und die Füße sollten die Form von Tigertatzen haben. Die Arbeit dauerte einige Wochen, und während dieser Zeit mußte das Schiff des Menelaos in dem Hafen warten. Und als der Dreifuß fertig war, trug Helena ihn mit eigenen Händen in den Tempel der koischen Aphrodite; sie stellte ihn vor den Altar, sah zu dem Bilde der Göttin auf und flüsterte: »Freundin.«

Jahrhunderte vergingen. Da fuhren die vereinigten Flotten der Athener und der Korinther gegen den Perserkönig aus und liefen den Hafen der Insel Kos an. Die Insel war feindlich und konnte deshalb geplündert werden, und die beiden Führer der Flotten gingen gleich in den Tempel, um sich die Schätze anzusehen. Der Führer der Korinther erblickte als erster den Dreifuß, faßte ihn erfreut und sagte: »Das ist ein gutes Stück, ich behalte es für mich.« – »Du hast gar nichts zu behalten«, antwortete der Athener, »ich bin der Oberbefehlshaber und entscheide über die Verteilung der Beute.« Darüber entstand zwischen den beiden ein lauter Zank, der auf die Soldaten übersprang, bis es eine fürchterliche Prügelei wurde und die beiden Flotten sich trennten.

Das war der Anlaß zu dem großen athenisch-korinthischen Seekrieg, der sieben Jahre lang auf dem Inselmeere ausgefochten wurde. Die Häfen wurden verbrannt, die Männer ermordet und die kleinen Kinder als wertlos ins Wasser geworfen. Die Frauen aber führte man auf den Markt, und wenn eine von ihnen in ihrem Gram kreischend zusammenbrach, bekam sie einen Hieb mit dem Lanzenschaft über den Rücken. So ging das um den Dreifuß der Helena; denn alles, was die schlanken Hände des ewigen Weibes berührt hatten, das mußte zum Hader führen und zu Verwirrung der Menschen.

* * *

Schließlich sahen die beiden Staaten ein, daß der Dreifuß die großen Kriegskosten doch nicht wert sei; sie einigten sich also und riefen den Schiedsspruch des Delphischen Gottes an, wem der Dreifuß gehören solle. Und das Orakel antwortete: gebt ihn dem Weisesten.

Da gingen die Griechen daran, den Weisesten unter sich herauszufinden, was aber keine kleine Sache war, denn es gab viele Gelehrte in jener Zeit, und jeder hielt sich für mindestens ebenso bedeutend wie die anderen. Ein Ausschuß wurde eingesetzt, der nach langen Beratungen den Dreifuß dem Philosophen Thales aus Milet zuerkannte.

Aber kaum war dieser Name öffentlich bekannt, so erschien in einem athenischen Verlage eine Flugschrift mit dem Titel »Thales ein Plagiator«, in der bewiesen wurde, daß Thales sein Hauptwerk von einem indischen Philosophen abgeschrieben habe. Die Schrift war so überzeugend verfaßt und mit so vielen Belegstellen, daß der Ausschuß sich beeinflussen ließ und seine erste Entscheidung zurückzog. Er schlug jetzt den Philosophen Periander aus Korinth vor. Sofort kündigte der Professor Bias in Athen einen Vortrag an, dem er den Titel »Ein öffentlicher Skandal« gab und in dem er ausführte, es sei geradezu unerhört, dem Periander den goldenen Dreifuß der Helena zu geben. Periander sei ein durchaus rückständiger und kirchlich gesinnter Mann und stehe auf einem Standpunkt, den die moderne Wissenschaft längst als erledigt erkannt und verlassen habe. Beispielsweise halte er immer noch an der irrigen Lehre fest, die Erde sei eine Scheibe, während man doch jetzt allgemein wisse, daß die Erde ein länglicher Zylinder sei.

Periander antwortete in einem Gegenvortrag, und auch Thaies schrieb eine Gegenflugschrift; andere Gelehrte mischten sich ein, drei Universitäten gaben ihre Gutachten ab, und die akademische Jugend brachte den beliebten Professoren Fackelzüge und den unbeliebten Katzenmusiken.

* * *

Helena wohnte damals schon längst im Olymp. Sie saß vor ihrem Spiegeltisch und rieb sich die Fingernägel mit elfenbeinfarbenem Puder. Hermes, der ihr um diese Zeit den Hof machte, saß ihr gegenüber und fragte sie: »Was sagst du zu dem Streit der griechischen Gelehrten um deinen Dreifuß?« Sie seufzte leicht auf und antwortete: »Ach, es war doch hübscher damals in Troja, als noch wirkliches Blut floß.«

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