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Das Ende des Odysseus

Victor Auburtin: Das Ende des Odysseus - Kapitel 15
Quellenangabe
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typesketch
authorVictor Auburtin
titleDas Ende des Odysseus
publisherHaffmans Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorGeorg Eyring
year1986
illustratorFritz Graßhoff
isbn3251000802
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectid74ee16c9
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Die Dame mit dem Augenaufschlag

Kurze Zeit vor dem indischen Aufstand des Jahres 1881 war der Major Mac Kelly mit Urlaub nach England gegangen, um sich eine Frau zu suchen, obgleich er schon siebenundvierzig Jahre alt war. Er fühlte sich einsam, denn er hatte das allerkleinste Fort in Indien zu kommandieren, das Fort Albert, das mitten im großen Sumpfwalde daliegt. Dort hört man des Nachts die wilden Tiere heulen, am Tage aber leuchtet die Schneekette des Himalaya ganz still und einsam durch das Grün der Bäume. Und sonst sieht der Kommandant von Fort Albert tagaus tagein nichts als die Gesichter der dreißig eingeborenen Soldaten und, wenn es hoch kommt, einmal einen irischen Sergeanten, der einen Brief aus Schahpur bringt. Außerdem alle sechs oder sieben Wochen die Herren von der Inspektion, mit denen man sich betrinken muß.

Deshalb nahm sich Major Mac Kelly Urlaub und ging nach England, um eine Frau in seine Einsamkeit zu freien. Und zwar wollte er sich eine Frau aussuchen, die so recht rein und sittsam und echt englisch wäre. Eine ernste Frau, wie sie sich paßt für einen stillen Mann in dem großen Sumpfwalde am Fuß des Himalaya. Er sah sich in dem ganzen vereinigten Königreich bei seinen Bekannten um, aber von allen englischen Mädchen gefiel ihm keines so wie die kleine Sybil, die Tochter des Pfarrers Parker zu Worcester, Worcestershire. Die war von allen die Reinste und die Heiligste, meinte Major Mac Kelly. Sie hatte so einen unschuldsvollen Augenaufschlag; und dann hatte sie eine merkwürdige Art, den Männern groß und fest in die Augen zu sehen, eine Weile lang, und nach dieser Weile plötzlich loszulachen, man wußte nicht recht, warum. Das gefiel dem Major Mac Kelly sehr, denn er glaubte, daß dieses etwas besonders Tiefes sei. So heiratete er denn die kleine Sybil und nahm sie mit sich nach Indien in sein einsames Fort in dem großen Walde. Und nachdem sie dort zwei Jahre in der Stille gelebt hatten, brach dann nun jener Aufstand aus, den man »die springende Katze« nannte.

Der Aufstand »die springende Katze« fing damit an, daß in den Wäldern die Mangobäume mit Gips bestrichen wurden als geheimes Zeichen und Verabredung. Niemand konnte sehen, wer die Bäume mit Gips bestrich. Es war immer plötzlich des Morgens da. Zuerst beobachtete man es in der Nähe von Benares, dann verbreitete es sich durch ganz Bengalen, und alle Kenner sagten, dies bedeute, daß ein großer Aufstand kommen würde durch Indien hin. Aber woher er kommen würde und warum, das wußte niemand zu sagen.

Denn das Volk der Inder ist ein altes und geheimes Volk, und niemand weiß Bescheid mit ihm. Es ist wie der Augapfel eines Panthers, von dem man nie weiß, ist er grün oder grau, ist er klein oder groß, ist er nah oder fern.

Als der Aufstand ausbrach, stand auch gleich der ganze Norden des Kaiserreiches in Flammen, und die kleinen Stationen im Innern waren abgeschnitten, und niemand konnte ihnen helfen. Auch Major Mac Kelly war abgeschnitten in seinem Fort Albert, zusammen mit dreißig Mann eingeborener Truppe, acht Mann Bedienung und seiner Frau Sybil.

»Wenn die Aufständischen erst über den Paß zu uns kommen«, sagte Major Mac Kelly zu seinen Leuten, »und wenn wir uns dann drei Tage gegen sie halten, so ist es möglich, daß man uns von Schahpur her befreit. Kommen sie aber auf geradem Wege zu uns, so sind wir alle verloren, wie wir sind.«

Aber er glaubte es selbst nicht, daß sie auf dem Umwege über den Paß kommen würden, und wußte es ganz genau, daß von einer Rettung keine Rede mehr sein könne.

Am Abend des 6. kam denn auch die Nachricht, daß die nächste Poststation oben am Berge von den Rebellen genommen worden sei. Das war das sicherste Zeichen, daß sie im Anmarsch waren. Ein Flüchtling berichtete, sie hätten die Station gestürmt, die Besatzung gefangen genommen und den Vorsteher ermordet. Die junge Frau des Vorstehers aber sei von achtzehn Hauptleuten der Aufständischen vergewaltigt worden, von einem nach dem andern.

Als Major Mac Kelly das hörte, nahm er seine Frau beiseite, zog seinen großen Armeerevolver hervor und sagte: »Wenn keine Rettung mehr möglich ist, so ist die letzte Kugel in diesem Revolver für mich; mit der vorletzten aber werde ich dich erschießen, damit du nicht in die Hände dieser unmanierlichen Bestien fällst. Denn ich will, daß du so rein und keusch bleibst, wie ich dich von deinem Vater in Worcester, Worcestershire, erhalten und wie ich dich bewahrt habe.«

Am nächsten Morgen kamen die Aufständischen vor Fort Albert an. Sie heulten in den Wäldern und begannen gleich das Fort mit ihren neuen Infanteriegewehren zu beschießen, so daß es in den Dächern raschelte und knisterte. Major Mac Kelly leitete die Verteidigung drei Tage lang, ließ seine Leute feuern, was sie konnten, um die Angreifer zu verscheuchen, und war Tag und Nacht auf den Beinen. Währenddessen schlich seine Frau Sybil im Hause herum und lauschte auf das Geheul draußen, das da klang wie das Geheul starker und schöner Tiere. Bisweilen, wenn am Mittag eine Pause in dem Schießen war, stieg sie vorsichtig auf einen Stuhl, sah durch das Fenster und über den Wall hinweg und besah sich mit ihrem großen Augenaufschlag die achtzehn Hauptleute, die da draußen herumliefen. Sie waren gelenkig wie die Tiger und nackt, und ihre Muskeln glänzten in der Sonne.

Als es am vierten Tag klar war, daß das kleine Fort sich nicht mehr länger halten ließ, zog sich Major Mac Kelly den Galafrack an, gab seiner Frau den Arm und führte sie hinauf in den Salon, wo die Bilder Ihrer Majestät der Königin und Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen von Wales hingen. Dort zog er den Revolver hervor und sagte: »Jetzt ist es so weit, und jetzt gilt es zu sterben, wie anständige Menschen sterben. Die letzte Kugel ist für mich, mit der vorletzten aber werde ich jetzt dich, mein reines britisches Weib, erschießen, damit dich diese verdammten Teufel nicht besudeln.« Aber als er den Revolver spannen wollte, legte seine Frau die Hand auf seinen Arm und sagte leise: »Laß es, Mac Kelly, erschieß mich nicht.« Er antwortete: »Hast du nicht gehört, wie es der Frau des Stationsvorstehers ergangen ist? Wenn ich dich jetzt nicht erschieße, werden diese wilden Männer dir Gewalt antun.« Da sah sie ihn groß und rein an und sagte: »Ich fürchte mich nicht davor.« Er verstand sie nicht und war ganz fassungslos. Aber sie schmiegte sich an ihn an, schlug ihre Kinderaugen auf, lächelte und sagte: »Sorge dich nicht um mich; ich bin dein reines und keusches Weib gewesen, nicht wahr; vor den achtzehn Hauptleuten aber fürchte ich mich gar nicht; im Gegenteil, es wird vielleicht einmal etwas andres.« Da zuckte er zusammen, ganz leise und unmerklich, wie ein Gentleman zusammenzuckt; ging von ihr fort, setzte sich auf das Sofa und schoß sich allein seine Kugel in den Kopf.

Eine Minute später wurde das Haus gestürmt. Als die achtzehn Hauptleute der Rebellen mit glänzenden Augen in den Salon drangen, fanden sie dort einen toten weißen Mann, der auf dem Sofa lag, und eine schöne junge Frau, die ihnen mit lächelndem Willkommen entgegenging.

All das ist schon lange her. Es war der große Aufstand des Jahres 1881, der der Krone Indien viele Millionen Rupien und Hunderte junger, kräftiger Männer gekostet hat. Sybil Mac Kelly hat sich damals den Aufständischen angeschlossen und immer mit den achtzehn Hauptleuten gemeinsame Sache gemacht. Man nannte sie die tolle Sybil und erzählte sich merkwürdige und grausame Geschichten von ihr. Später ging sie nach Shanghai und hat sich dort in den lustigen Häusern am Hafen umgesehen. Jetzt ist sie längst alt und klug geworden und leitet als erste Vorsteherin die Presbyterian Sunday School in Bombay.

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