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Das Ende des Odysseus

Victor Auburtin: Das Ende des Odysseus - Kapitel 12
Quellenangabe
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typesketch
authorVictor Auburtin
titleDas Ende des Odysseus
publisherHaffmans Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorGeorg Eyring
year1986
illustratorFritz Graßhoff
isbn3251000802
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectid74ee16c9
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Der Ambassadeur

Der Ambassadeur Seiner Majestät König Georgs I. von England war in Venedig eingetroffen. Er hieß Philipp, Lord Chesterfield, und war ein junger schöner Mann von stolzen und großen Manieren. Die Venezianerinnen lachten über seine mächtige gepuderte Lockenperücke, und wenn er durch die Straßen schritt, so huschten die Masken hinter ihm her. Auch lagen oft blaue Briefchen auf seinem Wege, die er verächtlich mit dem Fuße beiseite schleuderte.

Er war in Venedig, um von der Signorie die Abtretung einer venezianischen Insel in der Levante zu erwirken. Seine Majestät, der König von England, brauchte diese Insel wegen des neuen Handels mit Kaffee. Und es kam nun darauf an, ob man die Insel von den Venezianern abkaufen oder abtauschen oder abzwingen solle. Hauptsächlich aber handelte es sich darum, die Stimmung der Signorie zu beobachten und im richtigen Augenblick zuzugreifen.

Man hatte dem Ambassadeur für die Zeit der diplomatischen Verhandlungen den ganzen ersten Stock des Palastes Grimani eingeräumt. Dort ging er tagelang von Fenster zu Fenster, sah auf den kleinen Kanal, der vor dem Palaste floß, und wunderte sich über die Kohlköpfe und die toten Katzen, die man darin herumschwimmen ließ. Auch betrachtete er das Haus gegenüber, über dessen Portal in schwarzem verwittertem Kalkstein der Kopf eines schlafenden Tritonen angebracht war.

Es konnte auch ein toter Triton sein, und stundenlang sah sich Lord Chesterfield diesen Kopf an und wurde sich nicht klar darüber. Wenn er ein Poet gewesen wäre, so hätte er eine Symbolik in der Sache entdeckt und sich gesagt, daß man von der Stadt Venedig ja auch nicht wisse, ob sie ein toter Triton sei oder ein schlafender. Aber er hatte zu solchen Geckengedanken keine Zeit, und unter seiner Allongeperücke waren keine andern Gedanken als diese: Wird man die Insel für eine Million Zechinen erhalten oder für einen Subsidienvertrag; und muß man die Mitglieder der Signorie einzeln kaufen und für wieviel?

Als er wieder einmal zu dem toten oder schlafenden Kopf hinüberblickte, da fiel es ihm auf, daß schon seit drei Tagen in einem dunkeln Fenster des Tritonenhauses eine junge Frau gestanden und zu ihm hergesehen hatte. Er blickte über sie hinweg, denn es war ihm gleich, ob die Venezianerinnen ihn verliebt ansahen oder nicht. Auch am nächsten und allen folgenden Tagen stand die junge Frau wieder in dem Fenster und sah zu ihm auf; er aber achtete nicht auf sie, als sei dieses Gesicht mit den sehnenden Augen ebenso wie der Triton nur ein zerbröckelndes Ornament der großen zerbröckelnden Stadt.

Eines Tages stand neben der jungen Frau in dem Fenster ein Mann mit gerötetem Gesicht und mit wildem Blick. Der Mann hatte die Frau am Arme gepackt und drohte mit der Faust zu Lord Chesterfield hinüber. Dann zog er ein Messer und schnitt damit der Frau eine tiefe Wunde quer über das Gesicht.

Lord Chesterfield zog sich von dem Fenster zurück, denn er liebte den Anblick von Pöbeleien nicht. Aber des Abends beim Essen fragte er seinen Diener, was das für eine Szene gewesen sei; und da erfuhr er, daß die junge Frau wohl etwas zu sehnsüchtig zu seiner Lordschaft aufgeblickt habe und deshalb durch ihren unmanierlichen Barbaren von Mann gezüchtigt worden sei.

Am nächsten Morgen lag ihre Leiche in dem Wasser vor dem Palast Grimani. Sie schwamm links, da, wo der Kanal einen Bogen macht. Zu Mittag drang die Flut in die Stadt, und da trieb die Leiche langsam an dem Palast vorüber bis zu den weißen Marmortreppen. Aber abends mit der Ebbe kam sie wieder zurück und verschwand an der dunkeln Biegung des Kanals.

Lord Chesterfield schrieb an diesem Abend einen längeren Brief nach England an seine Maitresse, die Frau des Erzbischofs von Canterbury, und schilderte ihr die Sitten des Landes Venedig. »Es ist ein schlechtes Volk«, so schrieb er, »und wert, daß man es mit den Waffen des Krieges und der Staatskunst bekämpft und vermindert. Sie werden kaum glauben, Mylady, was ich Ihnen erzähle, aber es ist reine Wahrheit: die Leiche einer Frau, die sich aus einer lächerlichen Liebe zu mir ins Wasser warf, hat zwölf Stunden im Kanal gelegen, ohne daß sich die Polizei darum kümmerte. Wie soll ein Volk groß und stark werden, das die wichtigsten Grundsätze der Sauberkeit und Hygiene so gänzlich außer acht läßt?«

Er siegelte den Brief mit dem Wappen der Chesterfields, auf dem zwei Wildschweinköpfe über einer aufgeschlagenen Bibel stehen. Und gerade, als er dabei war, kam ein heimlicher Bote, um zu melden, daß die Stunde gekommen und die Mehrheit der Signorie für den Verkauf gewonnen sei. Da legte Lord Chesterfield den Hosenbandorden an, schnallte den Degen um und fuhr in der Staatsgondel durch die nächtigen Kanäle nach San Marco. Es war Karnevalszeit: in allen Palästen leuchteten die Fenster wie in Flammen, Musik ertönte überall, und über die kleine Brücke, die zum Ridotto führt, schritten schwarz die königlichen Gespenster der Dominos.

Im Saal der Signorie aber saßen zehn Greise, in Goldbrokat gehüllt. Sie waren schwerhörig und zitterten und schämten sich voreinander, so daß keiner dem andern gerade ins Gesicht sehen wollte. Denn ein Stück des alten Reiches und des Kreuzfahrerruhmes sollte verkauft werden um Geldeswert. Vor ihnen stand der Mann der neuen Zeit, klopfte mit dem Knöchel auf den Tisch und diktierte ihnen sein Recht. Das Recht der stärkeren und gesünderen Rasse.

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