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Das Ende des Odysseus

Victor Auburtin: Das Ende des Odysseus - Kapitel 10
Quellenangabe
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typesketch
authorVictor Auburtin
titleDas Ende des Odysseus
publisherHaffmans Verlag
printrun1. - 3. Tausend
editorGeorg Eyring
year1986
illustratorFritz Graßhoff
isbn3251000802
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectid74ee16c9
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Gold

Die Armee Tillys zog nach Norden zu ab gegen die Thüringer Berge; ringsherum brannten alle Dörfer Frankens.

Und wie das immer so ist, wenn das große Heer vorüber ist, dann kommen die Plünderer hinterdrein und suchen das Land ab, ob nicht noch ein Schwein aufzustöbern ist oder ein Faß Wein oder ein Bauer, den man um sein Gold zwacken kann.

Aber die Bauern kennen den Handel schon und wissen, daß die Nachzügler die Schlimmsten sind von allen. Deshalb bleiben sie noch versteckt, wo sie sind, in den Bergen und Steinbrüchen, und warten, bis die Heimsuchung ganz vorüber ist.

Warum ist der alte Valentin nicht auch so klug gewesen wie sie? Der konnte es so lange nicht aushalten, er kam vor der Zeit aus dem Versteck heraus und lief auf seinen Hof, um nach seinen Siebensachen zu sehen; und da ist er der Plünderbande des Hauptmanns Julius von Laubenheim in die Hände gefallen, und nun mag Gott ihm gnädig sein.

Jetzt lag er in seinem eigenen Hofe ganz nackt ausgezogen am Boden, mit Stricken an eine Leiter gebunden, denn er sollte gefoltert werden, weil er sich weigerte, sein Gold herauszugeben.

Vor ihm stand aufrecht der Laubenheimer, ein grauhaariger Mann, dem man es ansah, daß er Zeit seines Lebens im Sattel gesessen hatte auf schlechten Ritten. Er trug einen Pelz, der einmal einem Kurfürsten gehört hatte, und an seinen Händen leuchteten die Juwelen gestohlenen Kirchengutes. Seine Räuberbande aber drängte sich um den Bauern, der am Boden lag, schlimme Gesellen, die sich freuten, wie man den Nackten jetzt plagen würde. Auch ein Frauenzimmer war unter ihnen, die Lombardin Maria, die man schön nennen mußte, obgleich ihre Augen ein wenig schielten.

Der Hauptmann prüfte die Stricke, ob sie fest angezogen wären, dann sagte er zu dem Bauern: »Ich liebe gewaltsame Mittel nicht und hätte diesen Handel lieber friedlich mit dir erledigt. Aber du willst nicht. Hartnäckig und bösartig behauptest du, daß du kein Gold hast. Und das ist offenbar gelogen. Die letzten Ernten waren gut, der Pachtzins gering, und du mußt schwer verdient haben. Irgendwo steckt hier verborgen ein Topf oder eine Kiste voll Gold; ganz voll Gold; Dukaten mit dem Bilde der kaiserlichen Majestät, venezianische Zechinen mit dem heiligen Markus und seinem Löwen, goldene Ringe, goldene Ketten.«

Die Augen des Hauptmanns weiteten sich, als er so sprach, und wurden schwarz. »Das ist es, was wir brauchen, viel Gold, schweres Gold. Und weil du es nicht gutwillig hergibst, werde ich jetzt die üblichen Mittel der Tortur anwenden, die dich bald zum Reden veranlassen dürften.«

Er wandte sich an einen etwa sechzehnjährigen Burschen, der im Hintergrunde des Hofes an einem glühenden Ofen hantierte. Das war Pascal, früher Page der Herzogin von Cleve, der aus dem Dienst in das wilde Zeitalter fortgelaufen war, weil ihm das Töten mehr Spaß machte als das Parfümspritzen.

»Pascal«, sagte der Hauptmann, »bring das Nötige her; du kannst die erste Prozedur selbst übernehmen, das wird dein jugendliches Herz stärken.«

Der Knabe griff mit einer Schaufel aus dem Ofen einen Haufen weißglühender Kohle, brachte sie herbei und hielt sie über die Brust des Bauern.

Noch einmal wandte sich der Hauptmann an den Liegenden: »Ich frage dich zum letztenmal, willst du dein Gold gutwillig herausgeben?«

Der Bauer Valentin war ein großer, starkknochiger Mann von sechzig Jahren. Er reckte sich in seinen Fesseln, schloß die Augen und flüsterte: »Ich habe kein Gold.«

»Nun denn in Gottes Namen«, sagte der Hauptmann und sah Pascal an. Der biß auf seine Unterlippe, lächelte und schüttete vorsichtig die glühenden Kohlen auf die nackte Brust des Liegenden.

Der Bauer brüllte auf, daß man es auf eine Meile hören konnte, riß wild an den Stricken und schlug mit dem Kopf gegen das Holz der Leiter.

»Gibst du dein Gold her?« rief der Hauptmann.

»Ich habe kein Gold«, schrie der Gemarterte und schrie es immer wieder, auch als Pascal die glühende Kohle über seine Brust ausbreitete und mit der Schaufel fester gegen das Fleisch drückte.

Die Lombardin Maria stemmte die Fäuste in die Seite, beugte sich hintenüber und lachte, daß ihr die Tränen herunterliefen.

»Der zweite Grad!« kommandierte der Hauptmann Julius von Laubenheim.

Der zweite Grad war jener berühmte Schwedentrunk. Zwei Soldaten gossen dem Liegenden durch einen Schlauch die Mistjauche in den Mund und drückten dann auf den Magen, daß die ekle Brühe hoch herausspritzte. Dreimal taten sie es, und nach jedem Mal fragten sie nach seinem Gold, und jedesmal wiederholte er es, schreiend oder ächzend: »Ich habe kein Gold.« Sie rissen ihm die Haut vom Körper, stachen ihm die Augen aus, aber er gab nicht nach. Da faßte die Soldaten die Wut, und mit Knüppeln zerschlugen sie ihm die Glieder.

»Es ist genug«, sagte der Hauptmann, »bindet ihn los.«

Er trat an den Bauern heran, der wie ein Stück Schlachtvieh am Boden lag. »Armer Kerl«, sagte er, »er tut mir leid. Vielleicht hat er wirklich kein Gold; aber wir haben getan, was wir konnten, und brauchen uns keinen Vorwurf zu machen.«

Dann zog er Handschuhe über die funkelnden Finger und ging durch den Hof auf sein Pferd zu, das draußen angeschirrt stand.

»Wir reiten über die obere Furt nach dem Kloster Sankt Lorenz«, sagte er und saß auf.

Aber wie er sich umdrehte, ob alle seine Leute bereit wären, sah er, daß Pascal und die Lombardin Maria noch auf dem Hofe zurückgeblieben waren. Sie knieten auf dem Bauern und machten sich an seinem Halse zu schaffen. »Was tut ihr da?« rief er.

»Wir geben ihm den Rest«, antwortete Pascal zurück. »Er taugt ja doch nichts mehr.«

Da faßte den Hauptmann ein großer Zorn. »Seid ihr Christen«, rief er, »kennt ihr das fünfte Gebot nicht? Wie könnt ihr einen Menschen töten, der nicht gebeichtet hat? Sofort kommt ihr her.«

Die beiden sprangen auf, packten den Bauern an Kopf und Füßen, schwenkten ihn auf den Misthaufen und liefen dann lachend dem Zuge nach, der mit Klirren die Dorfstraße abritt.

* * *

Nun stand die Sommernacht schwül über dem verwüsteten Lande. Brandgeruch lag in Schwaden fest, und am Horizont leuchteten die Feuerherde der Dörfer. Gegen Mitternacht zog im Osten ein stummes Gewitter vorüber, und seine Blitze erhellten schwach den Körper, der auf dem Misthaufen lag und schon der Verwesung anzugehören schien.

Aber als die Morgenluft in den Bäumen zitterte, kam Leben in den zerhackten Körperstummel. Er zuckte zusammen, drehte sich und rollte den Haufen herunter. Unten blieb er betäubt lange Zeit liegen. Da blickte die Sonne durch die Büsche und wärmte alles, und nun wurde der Stummel lebendig wie ein Tier. Er begann vorwärts zu kriechen über den Hofweg, indem er mit den Knien und mit dem Kinn arbeitete. So kam er an die Wand des Hauses, die kroch er rechts entlang, bis zu dem Winkel, wo es an den Stall stößt. Dort schnubberte er am Boden herum und begann dann mit dem Kopfe, die Erde nach rechts und links wegzufegen. Der Deckel einer Kiste kam zum Vorschein. Der Bauer säuberte ihn von allem Staub; biß in den Deckel, rüttelte daran und riß ihn auf. Die Kiste war bis an den Rand voll mit Golddukaten.

Nun beugte er sich hinein, strich mit den Lippen über das Gold und überzeugte sich, daß es noch ebenso voll war wie früher. Und grunzte auf vor Wonne. Dann wühlte er den Kopf hinein in die Masse; mit der Stirn, mit den erloschenen Augen hineingewühlt in das Gold. Er biß in das Gold, er nahm den Mund voll und gurgelte damit und schrie dabei vor Freude.

* * *

Und so fand ihn zwei Tage später sein Sohn: tot, mit dem Kopf eingewühlt in den goldenen Brei.

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