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Das edle Blut

Ernst von Wildenbruch: Das edle Blut - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorErnst von Wildenbruch
titleDas edle Blut
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun84. Tausend
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid0cd7b124
created20061126
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»Alles war vorbei« – die Stimme des Erzählers wurde schwer; er hatte beide Hände in die Hosentaschen gesenkt und blickte durch den Qualm der dampfenden Zigarre vor sich hin.

»So dachten wir den Abend, als wir uns zu Bett legten. –

»Ob das kleine L. die Nacht geschlafen hat? Am andern Tage, als wir in der Klasse zusammenkamen, sah es nicht so aus.

»Früher war es gewesen, als wenn an der Stelle, wo der Junge saß, ein Kobold säße, und er hatte über die ganze Klasse weg gekräht – jetzt war es, als wenn an der Stelle ein Loch war – ganz still und blaß saß er an seinem Platz.

»Wie wenn man einem Schmetterling den Staub von den Flügeln wischt – so war's mit dem Jungen – ich kann's nicht anders beschreiben.

»Nachmittags sah man ihn jetzt immer mit dem Bruder zusammengehen. Er mochte fühlen, daß das große L. jetzt erst recht keinen Anschluß bei den anderen finden würde – darum leistete er ihm Gesellschaft. Und da gingen denn die beiden, Arm in Arm, immer um den Karreehof herum und über den Hof mit den Bäumen, einer wie der andere den Kopf an der Erde, kaum daß man sah, daß sie je ein Wort sprachen.«

Wieder kam eine Pause in der Erzählung, wieder mußte ich das leer gewordene Glas des Obersten füllen, und dicker qualmte die Zigarre.

»Aber das alles,« fuhr er fort, »hätte sich im Laufe der Zeit vielleicht noch ausgewachsen und wieder gegeben – aber die Menschen!«

Er legte die geballte Faust auf den Tisch.

»Es gibt Menschen,« sagte er grollend, »die sind wie das Giftkraut auf dem Felde, an dem sich die Tiere den Tod in den Leib fressen. An solchen Menschen vergiften sich die übrigen!

Also, eines Tages hatten wir Physikstunde. Der Lehrer machte uns Experimente an der Elektrisiermaschine vor, und es sollte ein elektrischer Schlag durch die ganze Klasse geleitet werden.

Zu dem Ende mußte ein jeder dem Nebenmanne die Hand geben, damit die Kette hergestellt würde.

Wie nun das große L., der neben dem langen K. sitzt, dem die Hand hinhält, schneidet der Lümmel ein Gesicht, als sollte er eine Kröte anfassen, und zieht die Hand zurück.

»Das große L. sank ganz lautlos in sich zusammen und saß da, wie mit Blut übergossen.

»In demselben Augenblicke aber ist das kleine L. von seinem Platz auf, um den Bruder herum, hat sich an dessen Stelle neben den langen K. gesetzt, dessen Hand gepackt und mit allen Leibeskräften auf die Bank aufgestoßen, daß der lange Schlacks laut aufschreit vor Schmerz.

»Dann greift er den Kleinen am Halse, und nun werden die beiden anfangen, sich mitten in der Stunde regelrecht zu hauen.

»Der Lehrer, der noch immer an seiner Maschine gebastelt hatte, kam jetzt mit flatternden Rockschößen heran.

»Aber! Aber! Aber!« rief er.

»Es war nämlich ein alter Mann, vor dem wir nicht gerade viel Respekt hatten.

»Die beiden hatten sich so ineinander verbissen, daß sie nicht losließen, obgleich der Lehrer gerade vor ihnen stand.

»Welche Ungehörigkeit!« rief der Lehrer. »Welche Ungehörigkeit! Wollen Sie wohl gleich voneinander ablassen!«

»Der lange K. machte ein Gesicht, als wenn er losheulen wollte.

»L. II hat angefangen« sagte er, »obgleich ich ihm gar nichts getan habe.«

»Das kleine L. stand aufrecht auf seinem Platz – denn wir mußten immer aufstehen, wenn die Lehrer zu uns sprachen – an jeder Schläfe lief ihm ein dicker Schweißtropfen langsam herunter; er sagte kein Wort, er hatte die Zähne so aufeinander gebissen, daß man die Muskeln der Kinnbacken durch die schmalen Backen hindurch sehen konnte. Und als er hörte, was der lange K. sagte, ging ein Lächeln über sein Gesicht – ich habe so etwas nie gesehen.

»Der alte Lehrer erging sich noch eine ganze Weile in schön gesetzten Perioden über eine solche unerhörte Ungehörigkeit, sprach von dem Abgrunde innerer Roheit, auf den ein solches Benehmen hindeutete – wir ließen ihn reden; unsere Gedanken waren bei dem kleinen L. und dem langen K.

»Und kaum, daß die Stunde zu Ende und der Lehrer zur Tür hinaus war, kam von hinten, über die ganze Klasse weg, ein Buch durch die Luft geflogen, dem langen K. direkt gegen den Schädel. Und als er sich wütend nach dem Angreifer umwandte, kriegte er von der anderen Seite wieder ein Buch an den Kopf, und jetzt brach ein allgemeines Geheul aus: »Niederschlag! Niederschlag!« Die ganze Klasse sprang auf, über Tische und Bänke ging es über den langen K. her, und da wurde dem langen Lümmel das Fell versohlt, daß es nur so rauchte.«

Der alte Oberst lächelte grimmig befriedigt vor sich hin und betrachtete seine Hand, die noch immer, zur Faust geballt, auf dem Tische lag.

»Ich habe mitgeholfen,« sagte er, »aber tüchtig – ich kann's sagen.«

Es war, als wenn die Hand vergessen hätte, daß sie fünfzig Jahre älter geworden war; man sah ihr an, indem die Finger sich krampfhaft schlossen, daß sie im Geiste noch einmal auf dem langen K. herumtrommelte.

»Aber wie nun Menschen von der Art einmal sind,« erzählte er weiter, »so war natürlich dieser lange K. eine rachsüchtige, nachtragende, heimtückische Kanaille. Am liebsten wäre er zum Hauptmann gegangen und hätte ihm nachträglich alles gepetzt – aber das wagte er nicht, vor uns; dazu war er zu feige.

»Aber daß er von der ganzen Klasse Prügel bekommen hatte und daß das kleine L. daran Schuld hatte, das vergaß er dem kleinen L. nicht.

»Eines Nachmittags also war wieder Freistunde, und die Kadetten gingen auf den Höfen spazieren; die beiden Brüder, wie immer, für sich; der lange K., Arm in Arm mit noch zwei anderen untergefaßt.

»Um von dem Karreehof nach dem anderen Hofe, mit den Bäumen, zu kommen, mußte man durch das Portal hindurchgehen, das unter dem einen Flügel des Hauptgebäudes lag, und es war eine Vorschrift, daß die Kadetten nicht untergefaßt hindurchgehen durften, damit der Verkehr nicht gehemmt würde.

»An dem Nachmittag will es nun das Unglück, daß der lange K., indem er mit seinen beiden Genossen vom Karreehofe nach dem anderen Hofe hinüber will, im Portal den beiden Brüdern begegnet, und daß die, in Gedanken versunken, vergessen hatten, einander loszulassen.

»Der lange K., obgleich ihn die Geschichte gar nichts anging, wie er das sieht, bleibt er stehen, reißt die Augen ganz weit auf und das Maul noch weiter und ruft die beiden an: »Was soll das heißen«, sagte er, »daß Ihr hier untergefaßt geht? Wollt Ihr anständigen Menschen den Weg versperren, Ihr Diebsgelichter?«

Der Oberst unterbrach sich.

»Das sind nun fünfzig Jahre her,« sagte er, »und darüber – aber ich erinnere mich, als wäre es gestern geschehen:

»Ich ging gerade mit zwei anderen um den Karreehof und plötzlich hörten wir von dem Portal her einen Schrei – ich kann's gar nicht beschreiben, wie das klang – wenn ein Tiger oder sonst ein wildes Tier aus dem Käfig ausbricht und sich auf einen Menschen stürzt, dann, denk' ich, würde man so etwas zu hören bekommen.

»Es war so gräßlich, daß wir drei die Arme sinken ließen und ganz versteinert dastanden. Und nicht bloß wir, sondern alles, was auf dem Karreehof war, blieb stehen, und alles wurde mit einem Male still. Und nun, alles was zwei Beine zum Laufen hatte, in Karriere nach dem Portal hin, und aus dem anderen Hofe kamen sie auch schon an, daß es ganz schwarz um die Eingänge kribbelte und krabbelte. Ich natürlich mitten darunter – und was sah ich da –

»Das kleine L. war an dem langen K. hinaufgeklettert wie eine wilde Katze, nicht anders. Mit der linken Hand hatte er sich in dessen Kragen gehängt, so daß der lange Bengel halb erstickt war, mit der rechten Faust ging das immer krach – krach – und krach – dem langen K. mitten ins Gesicht, wo's hintraf, daß dem K. das Blut wie ein Wasserfall aus der Nase lief.

»Jetzt kam der Offizier, der den Dienst hatte, vom andern Hofe, und brach sich durch die Kadetten Bahn.

»L. II, wollen Sie gleich los lassen,« donnerte er – es war nämlich ein baumlanger Mann und hatte eine Stimme, die man von einem Ende des Kadettenhauses bis zum andern hörte, und wir hatten höllischen Respekt vor ihm.

»Aber das kleine L. hörte nicht und sah nicht, sondern arbeitete immer weiter dem langen K. ins Gesicht, und dabei kam immer wieder der fürchterliche, gellende Schrei, der uns allen durch Mark und Bein ging.

»Wie der Offizier das sah, griff er selber zu, packte den Jungen an beiden Schultern und riß ihn von dem langen K. mit Gewalt los.

»Sobald er aber auf den Füßen stand, verdrehte das kleine L. die Augen, fiel der Länge lang auf die Erde und wälzte sich in Zuckungen auf der Erde.

»Wir hatten so etwas noch nicht gesehen und staunten und sahen ganz entsetzt zu.

»Der Offizier aber, der sich zu ihm niedergebeugt hatte, richtete sich auf: »Der Junge hat ja die furchtbarsten Krämpfe,« sagte er. »Vorwärts, zwei an den Füßen anfassen,« er selbst hob ihn unter den Achseln auf, »'rüber ins Lazarett!«

»Und so trugen sie das kleine L. hinüber ins Lazarett.

»Während sie ihn forttrugen, traten wir zu dem großen L. heran, um zu erfahren, was eigentlich geschehen war, und von dem großen L. und den beiden, die mit dem langen K. gegangen waren, hörten wir nun die ganze Geschichte.

»Der lange K. stand da wie ein geprügelter Hund und wischte sich das Blut von der Nase, und wäre das nicht gewesen, so hätte ihm nichts geholfen, und er hätte noch einmal mörderische Prügel gekriegt. Jetzt aber wandte sich alles stumm von ihm ab, niemand sprach mehr ein Wort mit ihm: er hatte sich »verschuftet«.«

Die Tischplatte erdröhnte, weil der alte Oberst mit der Faust darauf geschlagen hatte.

»Wie lange ihn die anderen im Banne gehalten haben,« sagte er, »weiß ich nicht. Ich habe noch ein ganzes Jahr mit ihm in der Klasse zusammengesessen und habe kein Wort mehr mit ihm gesprochen: wir sind zu gleicher Zeit als Fähnriche in die Armee gekommen; ich habe ihm die Hand nicht zum Abschied gereicht; ich weiß nicht, ob er Offizier geworden ist; ich habe seinen Namen in der Rangliste niemals gesucht, weiß nicht, ob er in einem der Kriege gefallen ist, ob er noch lebt oder tot ist – für mich war er nicht mehr da, ist er nicht mehr da – das einzige, was mir leid tut, ist, daß der Mensch einmal in meinem Leben dagewesen ist und ich die Erinnerung an ihn nicht ausreißen kann wie ein Unkraut, das man in den Ofen schmeißt!

»Am nächsten Morgen kamen böse Neuigkeiten aus dem Lazarett: das kleine L. lag besinnungslos im schweren Nervenfieber. Am Nachmittag wurde der ältere Bruder hinübergerufen, aber der Kleine hatte ihn nicht mehr erkannt.

»Und abends, als wir im großen gemeinschaftlichen Speisesaal beim Abendbrot saßen, kam ein Gerücht – wie ein großer schwarzer Vogel, mit unhörbarem Flügelschlag ging's durch den Saal – das kleine L. war gestorben.

»Als wir vom Speisesaal ins Kompagnierevier zurückkamen, stand unser Hauptmann an der Tür des Kompagniesaales; wir mußten hineintreten, und da verkündete uns der Hauptmann, daß unser kleiner Kamerad, L. II, heute abend eingeschlafen war, um nicht mehr aufzuwachen.

»Der Hauptmann war ein sehr guter Mann – 1866 ist er als ein tapferer Held gefallen – er liebte seine Kadetten, und als er uns seine Mitteilung machte, mußte er sich die Tränen aus dem Bart wischen. Dann befahl er, daß wir alle die Hände falteten; einer mußte vortreten und laut vor allen das Vaterunser sagen –«

Der Oberst neigte das Haupt.

»Damals zum ersten Male,« sagte er, »habe ich gefühlt, wie schön eigentlich das Vaterunser ist.

»Und nun, am nächsten Nachmittag, ging die Tür auf, die vom Lazarett auf den Turnplatz führte, die böse, verhängnisvolle Tür.

»Wir mußten auf den Lazaretthof hinuntertreten, wir sollten unseren toten Kameraden noch einmal sehen.

»Die Schritte dröhnten und stampften, als wir hinübergeführt wurden; keiner sprach ein Wort; man hörte nur ein schweres Atmen.

»Und da lag nun das kleine L., das arme kleine L.

»In seinem weißen Hemdchen lag es da, die Hände auf der Brust gefaltet, die blonden Löckchen um die Stirn geringelt, die weiß war wie Wachs, die Backen so eingefallen, daß das schöne, kecke Näschen ganz weit hervorragte – und in dem Gesicht – der Ausdruck –«

Der alte Oberst schwieg, der Atem ging keuchend aus der Brust.

»Ich bin ein alter Mann geworden,« fuhr er stockend fort – »ich habe Männer auf Schlachtfeldern liegen sehen – Menschen, denen Not und Verzweiflung auf dem Gesicht geschrieben stand – solches Herzeleid, wie in dem Gesicht dieses Kindes, habe ich nie wieder gesehen – niemals – nie –«

Eine lautlose Stille herrschte in der Weinstube, in der wir saßen. Als der alte Oberst schwieg und nicht weiter sprach, stand der Küfer leise aus seiner Ecke auf und zündete die Gasflamme an, die über unseren Häuptern hing; es war ganz dunkel geworden.

Ich erhob noch einmal die Weinflasche, aber sie war beinah leer geworden – nur eine Träne floß noch daraus hervor – ein letzter Tropfen von dem edlen Blut.

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