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Das edle Blut

Ernst von Wildenbruch: Das edle Blut - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorErnst von Wildenbruch
titleDas edle Blut
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun84. Tausend
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid0cd7b124
created20061126
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Ob es Menschen geben mag, die ganz frei von Neugier sind ? Menschen, die imstande sind, hinter jemandem, den sie aufmerksam und angestrengt nach einem unbekannten Gegenstande ausschauen sehen, vorbeizugehen, ohne daß es sie auch nur ein bißchen prickelt, stehen zu bleiben, der Richtung seiner Augen zu folgen und zu erforschen, was jener Geheimnisvolles sieht? – Ich für meine Person, wenn ich gefragt würde, ob ich mich zu dieser starken Menschenart zähle, weiß nicht, ob ich ehrlicherweise mit Ja antworten könnte, und jedenfalls hat es einen Augenblick in meinem Leben gegeben, wo es mich nicht nur geprickelt hat, sondern wo ich sogar dem Prickeln nachgegeben und getan habe, was jeder Neugierige tut.

Der Ort, wo das geschah, war eine Weinstube in der alten Stadt, in der ich als Referendar am Gericht arbeitete; die Zeit ein Sommernachmittag.

Die Weinstube, zu ebener Erde an dem großen Platze belegen, den man von ihren Fenstern aus nach allen Richtungen übersah, war um diese Stunde beinah leer. Für mich, der ich von jeher ein Freund der Einsamkeit gewesen bin, nur um so angenehmer.

Wir waren unserer drei: der dicke Küfer, der mir aus einer grau verstaubten Flasche einen goldgelben Muskateller in das Glas goß, dann ich selbst, der ich in einer Ecke des winkligen, gemütlichen Raumes saß und den duftigen Wein in mich einschlürfte, und endlich noch ein Gast, der an einem der beiden geöffneten Fenster Platz genommen hatte, einen Pokal mit Rotwein vor sich auf dem Fensterbrett, eine lange, braun angerauchte Meerschaumspitze im Munde, aus der er Dampfwolken um sich verbreitete.

Dieser Mann, dem ein langer, grauer Bart das rötliche, stellenweise ins Bläuliche spielende Gesicht umrahmte, war ein alter Oberst außer Diensten, den in der Stadt jedermann kannte, er gehörte zu der Kolonie von Verabschiedeten, die sich in dem freundlichen Orte niedergelassen hatten und sich langsam dem Ende ihrer Tage entgegenlangweilten.

Gegen Mittag sah man sie in Gruppen zu Zweien oder Dreien bedächtig durch die Straßen wandern, um demnächst in der Weinstube zu verschwinden, wo sie sich zwischen Zwölf und Eins um den runden Tisch zum Räsonier-Appell versammelten. Auf dem Tische standen Schoppen-Flaschen mit Mosel-Säuerling, über dem Tische schwebte eine Wolke von bläulichem Zigarrenqualm, und durch das Gewölk hindurch vernahm man die grämlichen, verrosteten Stimmen, die sich über die neuesten Ereignisse in der Rangliste unterhielten.

Der alte Oberst war auch Stammgast in der Weinstube, aber er kam nicht zur Stunde des allgemeinen Appells, sondern später, am Nachmittag.

Er war eine einsame Natur. Man sah ihn selten mit anderen zusammengehen; seine Wohnung lag in der Vorstadt, jenseits des Stroms, und aus ihren Fenstern blickte man in das weite Wiesengelände hinaus, das der Fluß, wenn er im Frühling aus den Ufern trat, unter Wasser zu setzen pflegte. Manchmal, wenn ich dort an seiner Behausung vorüberging, hatte ich ihn am Fenster stehen sehen, die rot unterlaufenen, mit tiefen Säcken umränderten Augen nachdenklich hinausgerichtet in die graue Wasserwüste jenseits des Dammes.

Und nun saß er da an dem Fenster der Weinstube und blickte unverwandt auf den Platz hinaus, über dessen sandige Fläche der Wind, Staub aufwirbelnd, dahinstrich.

Was er nur sehen mochte?

Der dicke Küfer, der sich mit uns beiden schweigsamen Leuten langweilte, war schon vor mir auf das Gebahren des Obersten aufmerksam geworden; er stand, die Hände unter den Schößen seines Rockes auf dem Rücken zusammengelegt, mitten im Zimmer und blickte durch das andere Fenster auf den Platz hinaus. Irgend etwas mußte da draußen doch also los sein.

Möglichst leise, um die Andacht der beiden nicht zu stören, erhob ich mich von meinem Sitze. Es war aber eigentlich nichts zu sehen. Der Platz war menschenleer; nur in der Mitte, unter dem grossen Laternenkandelaber bemerkte ich zwei Schuljungen, die sich drohend gegenüberstanden.

War es das, was die Aufmerksamkeit des Alten so fesselte? –

Aber wie der Mensch nun ist – nachdem ich einmal angefangen hatte, konnte ich nicht wieder aufhören zuzusehen, bis ich festgestellt hatte, ob die drohende Prügelei wirklich zum Ausbruch kommen würde. Die Jungen waren eben aus dem Nachmittagsunterricht gekommen; sie trugen ihre Schulmappen noch unter dem Arme. Sie mochten im Alter gleich sein, aber der eine war einen Kopf größer als der andere. Dieser größere, ein lang aufgeschossener, magerer Bursche mit einem unangenehmen Ausdruck im sommersprossigen Gesicht, vertrat dem anderen, der klein und dick war und ein gutmütiges Gesicht mit roten Pausbacken hatte, den Weg. Dabei schien er ihn mit nörgelnden Worten zu reizen. Die Entfernung aber machte es unmöglich, zu verstehen, was er sagte. Nachdem dieses ein Weilchen gedauert hatte, ging die Sache los. Beide ließen die Mappen zu Boden fallen; der kleine Dicke senkte den Kopf, als wollte er dem Gegner den Bauch einstoßen, und rannte auf ihn an.

»Da wird ihn der Große bald im Schwitzkasten haben,« sagte jetzt der Oberst, der den Bewegungen der Gegner aufmerksam gefolgt war und das Manöver des kleinen Dicken zu mißbilligen schien.

An wen er diese Worte richtete, war schwer zu sagen, er sprach sie vor sich hin, ohne einen von uns anzureden.

Seine Voraussage bestätigte sich alsbald.

Der Große war dem Anprall des Feindes ausgewichen; im nächsten Augenblick hatte er seinen linken Arm um dessen Hals geschlungen, so daß der Kopf wie in einer Schlinge gefangen war; er hatte ihn, wie man zu sagen pflegte, »im Schwitzkasten«. Die rechte Faust des Gegners, mit welcher ihn dieser im Rücken zu bearbeiten versuchte, ergriff er mit seiner rechten Hand, und nachdem er ihn so völlig gefangen und in seine Gewalt gebracht hatte, schleppte er ihn in höhnischem Triumphe einmal und noch einmal und ein drittes Mal rund um den Kandelaber herum.

»Ist ein schlapper Bengel,« sagte der alte Oberst, seinen Monolog fortsetzend; »jedesmal läßt er sich so kriegen.« Er war offenbar mit dem kleinen Dicken unzufrieden und konnte den langen Mageren nicht leiden.

»Die prügeln sich nämlich alle Tage,« fuhr er fort, indem er jetzt den Küfer ansah, dem er, so schien es, sein Interesse an der Sache erklären wollte.

Dann wandte er das Gesicht wieder nach außen. »Bin neugierig, ob der Kleine kommen wird?«

Er hatte dies Letzte noch kaum zu Ende gebrummt, als aus den Gartenanlagen der Stadt, die dort an den Platz stießen, ein kleines, schlankes Bürschchen hervorgeschossen kam.

»Da ist er,« sagte der alte Oberst. Er nahm einen Schluck Rotwein und strich sich den Bart.

Der kleine Kerl, dem man an der Ähnlichkeit sofort ansah, daß er der Bruder des Pausbäckigen sein mußte, der aber wie eine feinere und verbesserte Auflage des anderen aussah, war herangekommen, mit beiden Händen hob er die Schulmappe empor und gab dem langen Mageren einen Schlag auf den Rücken, daß es bis zu uns herüberknallte.

»Bravo,« sagte der alte Oberst.

Der lange Magere trat wie ein Pferd mit dem Fuße nach dem neuen Angreifer. Der Kleine wich aus, und im selben Augenblick hatte der lange Magere einen zweiten Schlag weg, diesmal auf den Kopf, daß ihm die Mütze vom Kopfe flog.

Trotzdem ließ er den Gefangenen nicht aus dem Schwitzkasten heraus, und auch dessen rechte Hand hielt er noch immer fest.

Nun riß der Kleine mit wahrhaft wütender Hast seine Mappe auf; aus der Mappe nahm er das Pennal, aus dem Pennale seinen Stahlfederhalter, und plötzlich fing er an, die Hand des langen Mageren, mit welcher dieser die Hand seines Bruders gefangen hielt, mit der Stahlfeder zu stechen.

»Verfluchter Bengel,« sagte der Oberst vor sich hin, »famoser Bengel!« Seine roten Augen blickten ganz entzückt.

Dem langen Mageren wurde jetzt die Geschichte zu arg; durch den Schmerz gereizt, ließ er den ersten Gegner fahren, um sich mit wütenden Faustschlägen auf den Kleinen zu stürzen.

Dieser aber verwandelte sich vollständig in eine kleine Wildkatze. Die Mütze war ihm vom Kopfe geflogen: das gelockte Haar umklebte das todblasse, feine Gesicht, aus dem die Augen hervorglühten; die Mappe mit allem Inhalt lag an der Erde, und über Mütze und Mappe hinweg ging er dem langen Mageren zu Leibe.

Er drängte sich an den Gegner, und mit den kleinen, krampfhaft geballten Fäusten arbeitete er ihm auf Magen und Leib, daß jener Schritt für Schritt zurückzuweichen begann.

Inzwischen war auch der Pausbäckige wieder zu sich gekommen, hatte seine Mappe aufgerafft, und mit Hieben auf Rücken und Flanke des Gegners griff er wieder in den Kampf ein.

Der große Magere schüttelte endlich den Kleinen von sich, trat zwei Schritte zurück und nahm seine Mütze von der Erde auf. Der Kampf neigte sich zum Ende.

Atemlos keuchend standen sich die Drei gegenüber. Der lange Magere zeigte ein häßliches Grinsen, hinter dem er die Scham über seine Niederlage zu verstecken suchte; der Kleine, die Fäuste immer noch geballt, verfolgte jede seiner Bewegungen mit lodernden Augen, jeden Augenblick bereit, sich von neuem auf ihn zu stürzen, falls er noch einmal anfangen sollte. Aber der lange Magere kam nicht wieder; er hatte genug. Höhnisch, mit den Achseln zuckend, zog er sich immer weiter zurück, und als er eine gewisse Entfernung erreicht hatte, fing er an zu schimpfen.

Die beiden Brüder rafften die Gerätschaften des Kleinen, die rings zerstreut lagen, wieder zusammen, packten sie in die Mappe, nahmen dann ihre Mützen auf, klopften den Staub davon und wandten sich zum Nachhauseweg. Dieser führte sie an den Fenstern unserer Weinstube vorüber. Ich konnte mir den kleinen tapferen Kerl genauer ansehen; es war wirklich ein Rassegeschöpf. Der lange Magere kam wieder hinter ihnen her, laut über den Platz hinter ihnen drein schreiend; der Kleine zuckte mit unsäglicher Verachtung die Schultern. »So ein feiger langer Schlacks,« sagte er, und plötzlich blieb er stehen, dem Feinde das Gesicht zeigend. Augenblicklich blieb auch der lange Magere stehen, und beide Brüder brachen in ein spöttisches Gelächter aus.

Sie standen jetzt gerade unter dem Fenster, an dem der alte Oberst saß. Dieser beugte sich hinaus.

»Bravo, mein Junge,« sagte er, »Du bist ein schneidiger Kerl – da – trink' mal eins dafür.« Er hatte den Pokal aufgenommen und hielt ihn zum Fenster hinaus, dem Kleinen hin. Der Knabe blickte überrascht auf, dann flüsterte er dem älteren Bruder etwas zu, gab ihm seine Mappe zu halten und nahm das große Glas in seine beiden kleinen Hände.

Nachdem er einen genügenden Schluck getrunken hatte, faßte er das Glas mit der einen Hand um den Stiel, nahm dem Bruder seine Mappe wieder ab, und ohne weiter um Erlaubnis zu fragen, reichte er auch ihm das Glas.

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