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Das Durchhaus

Fritz Stüber-Gunther: Das Durchhaus - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus dem Reich der Dichtung III
authorFritz Stüber-Gunther
year1973
publisherDr. Hans Lenz
copyrightJugend und Volk, Wien
titleDas Durchhaus
pages41 - 44
isbn3-7141-3040-3
senderharald.aichmayr@netway.at
created19990601
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Fritz Stüber-Gunther

Das Durchhaus

 

Die einzige Verbindung zwischen zweien der belebtesten Verkehrsadern des Bezirkes bildete seit Menschengedenken das alte, einstöckige Haus »Zur Jakobsleiter« mit seinem »freiwillig eröffneten Durchgang«. Eine Quergasse, die auch das Fuhrwerk hätte benützen können, war längst ein tiefgefühltes Bedürfnis. Aber eben darum kam sie nicht zustande. Vor jeder Neuwahl des Bezirksausschusses machten zwar beide wetteifernden kommunalen Parteien die baldige Eröffnung des Durchbruches zu ihrem obersten Programmpunkt; doch sobald der Wahlkampf vorüber war, hatte sowohl die Mehrheit wie die Minderheit das Versprechen vergessen.

So blieb das Durchhaus der einzige Weg. Den ganzen Tag über war es von hin- und hereilenden Menschen belebt. Ja, in den Morgenstunden, zu Mittag und am Abend herrschte in seinem engen, langgestreckten, unglaublich schlecht gepflasterten Hof ein geradezu lebensgefährliches Gedränge. Denn gut die Hälfte der Einwohner des Bezirkes kam täglich in die Lage, das Durchhaus zu benützen. Seine Absperrung wäre als ein Unglück und eine himmelschreiende Gewalttat empfunden worden.

Und doch war diese Gefahr sozusagen permanent. Der jetzige Besitzer des Hauses »Zur Jakobsleiter« war ein alter, grämlicher Junggeselle. Seine Obliegenheiten bestanden im Einkassieren der Mietzinse, im Zeitungslesen und im Füttern zweier Kanarienvögel, eines lebensmüden »Dröscherls« und einer blinden Amsel. War er nicht gerade von einer dieser Tätigkeiten in Anspruch genommen, so lag er, mit Schlafrock und Hauskäppchen bekleidet, im Fenster seiner Wohnung, sah in den Hof hinab und - ärgerte sich; ärgerte sich unablässig, ärgerte sich gelb und grün über das rege Leben, das in seinem Hause blühte. Da war vor allem das fortwährende Getrappel der Passanten; da waren aber auch Hausierer, denen das Durchhaus der geeignetste Ort schien, ihre Waren anzupreisen; da gab es Bettler, alte und junge, männliche und weibliche, einarmige und einbeinige, erblindete und taubstumme, die sich, die Hofmauer entlang, auf die Lauer legten; da gab es endlich, und das war freilich am fürchterlichsten, Musikanten aller Gattungen. Gleich beim Eingang wimmerte eine Spieluhr ihr Klagelied; fünf Schritte weiter blies ein langer Jüngling die Flöte so rührend, daß er Konrad hätte heißen können; wieder ein Stück davon saßen zwei Musiker, die mit Gitarre und Harmonika den Schrammeln Konkurrenz bereiteten - und so fort in anmutiger Abwechslung.

Es gehörten starke Nerven dazu, dies alles zu ertragen. Die Wohnparteien des Hauses »Zur Jakobsleiter« hatten sie auch. Nur der Besitzer hatte sie nicht. Er tobte und raste und wollte schier aus der Haut fahren. Vom Fenster weggehen, es schließen und sich in seine Gemächer zurückzuziehen, das tat er justament nicht. Wie kam er als Hausherr dazu, sich solche Beschränkungen seiner Gewohnheiten aufzuerlegen? Aber etwas anderes nahm er sich vor: den Durchgang, den ein längst in Staub zerfallener Vorfahre »freiwillig eröffnet« hatte, ebenso freiwillig zu schließen.

Fest und unwiderruflich faßte er diesen Vorsatz, so oft er am Abend zu Bette ging. Aber wenn der Morgen gekommen war, dann verschob er immer wieder die Ausführung. Das Durchhaus blieb offen, die Frequenz, die Unruhe und der Arger desgleichen.

Wieder einmal verschwand die Sonne blutrot hinter der kahlen Feuermauer, wieder einmal brummte der alte Hagestolz:

»Das geht net so weiter. I will mei' Ruah' hab'n. Morgen wird abg'sperrt!«

Da kam die Hausmeisterin atemlos ins Zimmer: der Bezirksausschuß habe heute beschlossen, endlich die stürmisch begehrte Quergasse zu eröffnen; sie wisse es aus sicherster Quelle.

Der Hausherr lächelte verächtlich, schalt die Bringerin der Botschaft »dumme Gans« und ersuchte sie, schleunig zu verschwinden.

Aber diesmal war es doch wahr. Ehe noch drei Monate vergingen, lag die baufälligste der Zinsbaracken, die sich zwischen die beiden verkehrsreichen Straßen gedrängt hatte, in Schutt und Trümmern, und nach weiteren vierzehn Tagen wurde die neue Gasse der Öffentlichkeit übergeben.

Nun bekam der Hof des Hauses »Zur Jakobsleiter« auf einmal ein anderes Aussehen. Die Hausierer, die Bettler und die Musikanten verschwanden einer nach dem anderen, die Durchschnittszahl der Passanten ging zuerst auf die Hälfte, dann auf ein Viertel, schließlich auf ein Zehntel herunter. Fast alle benützten die junge, nach einer in den weitesten Kreisen unbekannten historischen Persönlichkeit getauften Quergasse.

Kein Sohlengeklapper, kein Geschrei und Gequietsch beleidigte jetzt mehr des Hausherrn Ohr, der am Fenster lehnte. Er hatte, was er sich so lange wünschte, »sei' Ruah«.

Freute er sich darüber? Anfangs suchte er sich's wenigstens einzureden. Der gewohnte Ärger war nun weg. Aber an seine Stelle trat nun gar bald ein anderes, bisher unbekanntes Gefühl - die Langeweile. Und sie war, wenn man's bei Licht betrachtete, eigentlich viel unangenehmer.

Eines Sonntags meinte der Hausmeister:

»Gnä' Herr, soll i die Tafel mit'n ›Freiwilligen Durchgang‹ net awernehmen?«

»Warum?« schnauzte ihn sein Gebieter an.

»No, weil s' iazten eh' für die Katz' is. Geht ja ka Mensch mehr unser Haus.«

»So?« fuhr der Hausherr heraus. »Wer sagt Ihnen denn das? a Massa Leut' geh'n noch durch. Nein, nein, lassen s' die Tafel nur drob'n, die geniert kein' Menschen.«

Der einfache Mann mit dem blauen Fürtuch zuckte die Achseln, und die Tafel blieb. Aber höchst selten folgte jemand ihrer freundlichen Einladung.

»Undankbare Bagasch'!« murrte der Hausherr. »Früher einmal, da war ihnen mein Durchhaus gut g'nug. Aber jetzt, weil's die neue Gasse hab'n, jetzt wissen s nix mehr davon. G'sindel übereinand’!«

An die diese grimmigen Worte gerichtet waren, die hörten sie nicht. Und wenn sie sie auch gehört hätten, so hätten sie sich doch nicht darum gekümmert. Das Durchhaus war überflüssig geworden, es hatte sich überlebt.

Schließlich kam auch der alte Junggeselle zu dieser Erkenntnis. Bald fluchte er darüber, bald demütigte sie ihn. Und mit einemmal fing er gar zu kränkeln an.

Der Arzt wurde geholt, untersuchte ihn, schüttelte bedenklich den Kopf, befahl ihm, sich ins Bett zu legen, und verschrieb eine teure Medizin. Als die vierte Flasche davon geleert war, drehte sich der Patient nach der Wand hin und verschied.

»Es war ein veralteter Herzfehler« erklärte der Doktor.

Aber auch Doktoren können irren. Das Herzweh war jungen Ursprungs gewesen.

Das Haus »Zur Jakobsleiter« hat einen neuen Besitzer, der es durch einen Beamten verwalten läßt und selber in einem vornehmeren Bezirk wohnt. Die Tafel mit der Inschrift: »Freiwillig eröffneter Durchgang« hängt noch immer über dem Tore. Aber die Buchstaben sind verblaßt und unleserlich, und die Vorübergehenden achten nicht auf ihr Dasein. Höchstens von übermütigen Schulbuben, wenn sie »Vaderl« spielen, wird das Durchhaus noch hie und da benützt.








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