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Das Duell

Ernst Wichert: Das Duell - Kapitel 1
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authorErnst Wichert
booktitleDas Duell/Der Väter Sünden
titleDas Duell
publisherVerlag von Carl Reißner
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I

Drei Universitätsfreunde, der Burschenschaft angehörig, mit nicht gewöhnlichem Eifer allem Zeitbewegenden zugewandt, hatten einander, als sie mit Ablauf desselben Semesters in das Philisterland abreisten, das feierliche Versprechen gegeben, an einem bestimmten Tage nach zehn Jahren in der Reichshauptstadt zusammentreffen zu wollen, nicht nur, um ein hoffentlich fröhliches Wiedersehen mit einem guten Glase Wein zu begießen und dabei der schönen Studentenzeit zu gedenken, sondern vielleicht mehr noch zur Prüfung, ob man in allerhand Hauptfragen des Lebens einig geblieben und auch weiter geneigt sei, dieselbe Richtung, wenn schon auf verschiedenen Straßen, einzuhalten. In zehn Jahren, hatten sie gemeint, könne sich so viel verändert haben, daß gleichsam ein neues Losungswort ausgegeben werden müßte: könne man das finden, so sei es gewiß ein gutes Zeichen fortdauernder innigster Zusammengehörigkeit.

Sie hatten in Leipzig und Heidelberg, zuletzt in Berlin studiert, und hier warteten sie einander nun vor einem Hause in der Dorotheenstraße ab, in welchem sich damals eine gemütliche Weinkneipe befunden hatte, die den Rendezvousplatz abgeben sollte. Das alte, noch an die Zopfzeit erinnernde Haus war inzwischen niedergerissen und durch einen Bau von doppelt so vielen Stockwerken ersetzt, die nun sämtlich anderen Zwecken dienten. Sie kundeten aber den Wirt aus, der eine Straße weiter sein altes Weinlager gekellert und eine Trinkstube ungefähr im früheren Stil eröffnet hatte. Dort saßen vormittags und abends die Gäste, denen es noch immer mehr auf einen guten Tropfen als auf eine glänzende Ausstattung des Lokals ankam, an einfachen Holztischen, und hier fanden auch die drei Freunde eine stille Ecke, in der sich's behaglich von Vergangenheit und Zukunft heiter und ernst plaudern ließ. Vom Briefschreiben hielten alle drei nicht viel, so daß sie das wenige nicht ganz Berufsübliche, was jedem in dem Decennium passiert war, meist erst jetzt erfuhren. Auch das eigentlich nur in kurzen Randbemerkungen. Es geht alten Freunden so, daß sie lange Zeit fast für einander tot zu sein scheinen und beim Zusammentreffen die Empfindung haben, nie getrennt gewesen zu sein.

Der eine – Arnold Runge – hatte erst Theologie, bald aber, seine Freigeistigkeit fürchtend, Philologie studiert und war Gymnasiallehrer irgendwo in Schlesien, hatte auch geheiratet und sogar schon zweimal taufen lassen. Ein rechter Brausekopf, mit aufstehendem rotblondem Kraushaar und zwei breiten Schmarren über der linken Backe bis in den Mundwinkel hinein, jetzt nach der dritten Flasche wieder stark gerötet. Er zuckte immer mit den Augenbrauen, als bemerkte er unter dem Schultisch eine verbotene Version, und schlug gewohnheitsmäßig gern mit der Hand auf den Tisch, die Blicke auf sich zu lenken. Keine Minute lang saß er fest auf seinem allerdings nicht bequemen Holzstuhl, schnaufte, räusperte sich, führte auf der Tischplatte sein Glas in allerhand Figuren herum und mißhandelte seine Cigarre, indem er sie nach jedem Zuge auf einen Aschteller stippte und unten breit auseinander trieb.

»Ich denke, der Reden sind genug gewechselt,« rief er, »laßt uns nun endlich Thaten seh'n.«

»Was heißt das?« fragte sein Nachbar zur Linken. Veit Glauberg, der nach mancherlei naturwissenschaftlichen und nationalökonomischen Studien den philosophischen Doktor gemacht, dann weite Reisen unternommen und endlich einen reichen Onkel beerbt hatte, dessen Fabriken sich eines weiten Rufes erfreuten; »du bist ja doch bisher scharf in der Opposition gewesen, Arnold.«

»Ja, ich habe meine Gründe vorgebracht und mit Eifer verfochten,« antwortete dieser, »das war meine Schuldigkeit. Aber wenn eure Gründe besser sind ... Ich habe einen gewaltigen Respekt vor der Logik und Vernunft. Ist das Duell, von allen Seiten angesehen, Unsinn, so ist es eben Unsinn und muß sobald als möglich aus der Welt geschafft werden. Was wir drei dazu thun können, das sind wir verpflichtet zu thun. Denn: wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht – und so weiter. Es vergißt sich nur nicht so leicht, daß man als Student fleißig auf der Mensur gestanden und mit dem Schläger in der Hand gelobt hat, die Ehre über das Leben zu setzen.«

»Unsere Gesichter sind ja genügend gezeichnet,« meinte Glauberg lachend und den braunen Vollbart behäbig ausstreichend. »Man wird uns glauben, daß wir auf der Universität nicht feige Hunde gewesen sind. Überhaupt die Schlägermensuren der Studenten! – reden wir davon nicht. Unsinn sind sie natürlich auch, aber das steht auf einem anderen Brett. Mit der Frage, ob ein Ehrenmann moralisch verpflichtet und berechtigt ist, seine verletzte Ehre mit den Waffen zu rächen, haben sie kaum etwas zu thun. Gefährliche Spielerei, nichts weiter! Allenfalls ein pädagogisches Mittel, die Mannhaftigkeit zu stärken. Ist man mit der Schule fertig, so soll man zusehn, was das Leben fordert. Und ich bleibe dabei, das jetzige Duellunwesen ist eine schwere Gefahr für die bürgerliche Gesellschaft, die nur durch das entschlossene und mutige Zusammenstehen aller ernstlich Besorgten eingedämmt und beseitigt werden kann.«

»Ich bin ja schon mit dir einverstanden,« knurrte der Gymnasiallehrer, indem er mit dem kleinen Finger die glühenden Deckblattfetzen seiner Cigarre so eifrig abstrich, daß sie über den ganzen Tisch hinflogen. »Man muß sich nur dazu entschließen, ein gesellschaftliches Vorurteil auf seine Vernünftigkeit zu prüfen, dann ist es schon halb abgethan.«

Es war also die Duellfrage, mit der die Freunde sich beschäftigt hatten. In letzter Zeit hatten sich so erstaunlich viel Fälle zur öffentlichen Kenntnis gebracht, in denen der Ehrenkodex eines exklusiven Teils der Gesellschaft blutige Opfer forderte, daß mit Recht die Besorgnis entstehen konnte, diese prinzipielle Mißachtung des göttlichen und staatlichen Gesetzes müsse wie eine ansteckende Krankheit auch die gesunden Glieder des Volkskörpers ergreifen und völlig demoralisierend wirken. Es lag für drei nachdenkliche Männer, die in der studentischen Verbindung dem Duellzwange gehuldigt hatten, Reserveoffiziere geworden waren und in gesellschaftlichen Kreisen verkehrten, die ihnen bei entstehenden Konflikten nach der landläufigen Meinung bestimmte Verpflichtungen auferlegten, genug Anlaß vor, nach festen Grundsätzen für ihr Verhalten zu suchen. Gelang es ihnen, sie aufzufinden und zu befestigen, so hatte der Freundschaftstag mindestens ein wichtiges Ergebnis.

Der Amtsrichter Walther von Dürenholz, welcher gegenüber saß und den etwas massiven, aber im Profil feingeschnittenen Juristenkopf in die Hand stützte, hatte sich anfangs bei der Debatte sehr lebhaft beteiligt, zuletzt aber schweigend zugehört. Die klugen grauen Augen wanderten von dem einen der Sprechenden zum anderen, bald sich weit öffnend, wenn das Gespräch eine überraschende Wendung nahm, bald ruhig abwartend, ob sich ein gangbarer Weg zeigen werde. »Ich glaube, liebe Freunde,« sagte er jetzt, indem er sich vom Tisch aufrichtete und in den Stuhl zurücklegte, »wir haben den Stoff erschöpft und können gleichsam zur Abstimmung schreiten. Sie wird nötig werden, obgleich unsere Meinungen kaum noch in irgend einem wesentlichen Punkte auseinanderzugehen scheinen. Es war ja vorauszusehen, daß Männer von unserer Sinnesart und Bildung sich dem Verdikt gegen das Duell anschließen würden. In der That erweisen sich alle Gründe, die es verteidigen sollen, als bloße Scheingründe, mit denen höchstens dargethan werden kann, daß unsere gesellschaftlichen Zustände noch so barbarisch sind, bei Verletzungen der sogenannten Standesehre ein so gesetz- und vernunftwidriges Ausgleichsmittel zu brauchen. Es scheint kein Fall konstruierbar, in welchem das Duell wirklich als eine sittliche Notwendigkeit anerkannt werden müßte. Wenn wir nun aber darüber einig sind, so stehen wir vor der anderen Frage: Was haben wir zu thun, um dieser Erkenntnis, soweit es an uns ist, Anerkennung zu verschaffen? Ist es genug, daß wir unsere Ansicht überall offen vertreten, wo man sie nicht will gelten lassen? Oder ist es auch unsere Pflicht, uns untereinander verbindlich zu machen, ihr jederzeit und in jedem Falle nachzuleben? Nur wenn wir dazu entschlossen sind, hat unser Urteil Wert.«

»Aber das versteht sich doch eigentlich von selbst,« polterte Arnold, »daß wir handeln, wie wir denken. Ich wenigstens –«

»Na – zwischen Theorie und Praxis klafft manchmal ein weiter Spalt,« fiel Glauberg bedächtig ein. »Ich meine doch, Walther hat recht, daß man sich förmlich binden muß. Die menschliche Natur ist schwach.«

»So wird sie auch nicht stärker durch ein Versprechen.«

»O doch! Man hat einen Riegel vorgeschoben, der das Ausbrechen erschwert.«

»Und worauf sollten wir einander das Wort geben?«

»Darauf,« antwortete Dürenholz mit ruhigem Ernst, »daß wir nie, was auch geschehen sei und in Zukunft geschehe, eine Forderung ergehen lassen oder annehmen! Nie – und unter keinen Umständen! Ja, liebe Freunde, das ist die Konsequenz. Haben wir nicht den Mut, für uns die Möglichkeit des Nachgebens gänzlich auszuschließen, so ist es besser, wir lassen die großen Worte. Nur das einfache im Voraus gesprochene Nein überhebt uns aller Bedenken und giebt unserem Handeln für jede Lebenslage Festigkeit. Ich weiß, was das sagen will, und deshalb dringe ich darauf, daß wir völlige Klarheit schaffen.«

Glauberg ließ den Weinrest in seinem Glase umlaufen und blickte nachdenklich vor sich hin. »Ganz recht,« bemerkte er, »man stellt sich möglicherweise eine schwere Aufgabe.«

»Eine sehr schwere,« bestätigte der Amtsrichter. »Was mich selbst betrifft – meine Berufsthätigkeit erfordert mitunter ein rücksichtsloses Vorgehen, und das richterliche Ansehen will gegen jeden verletzenden Angriff gewahrt sein. Mein Name, auch wenn er mir nur ein Name ist, weist mich äußerlich einem Stande zu, der von jeher für sich eine besondere Ehrenstellung in Anspruch genommen hat. Was für Anschauungen in Offizierskreisen gelten, ist bekannt, und mein künftiger Schwiegervater, obgleich jetzt außer Diensten, gehört zu ihnen und steht, wie ich weiß, auf einem Standpunkt, der dem meinigen gerade entgegengesetzt ist. Gleichwohl bin ich bereit, euch mein Wort zu verpfänden, daß ich ehrlich bemüht sein will, jede Versuchung niederzukämpfen, was ich mir auch vorher schon zur Gewissenspflicht gemacht hatte. Folgt mir oder nicht – meine Wahl ist getroffen. Wenn wir uns nach zehn Jahren wiedersehen, hoffe ich von mir sagen zu können, daß ich mir selbst treu geblieben bin.«

»Hoffentlich als wohlbestallter Rat bei einem Obergericht, glücklicher Ehemann und Familienvater,« fügte Glauberg hinzu, worauf er seinen Wein austrank und den Rand des umgekehrten Glases auf seinen Daumennagel setzte.

Arnold Runge legte den Arm mit der geöffneten Hand über den Tisch. »Schlagt ein,« rief er mit nicht mehr ganz leichter Zunge. »Drei für einen – und gleiche Brüder, gleiche Kappen! Ich verspreche, solange ich bei gesunder Vernunft bin –«

»Es bedarf unter uns keines feierlichen Abkommens,« fiel Dürenholz ein, indem er seine Hand nahm und schüttelte. »Gelobe jeder sich selbst, was er meint sich geloben zu können. Und Handschlag darauf, daß es ihm Ernst ist.«

Glauberg fügte seine Rechte dazu. »Dies sei unser Rütli,« sagte er. »Und nun die letzte Flasche! Einem so guten Werk muß man die Champagnertaufe geben.«

»Ohne davon noch weiter zu sprechen,« ergänzte der Amtsrichter spitz.

»Ja, trinken wir eine letzte recht vergnügte Flasche,« bestätigte Runge und winkte dem Kellner in der blauen Schürze, der schon schläfrig in der Ecke saß, »aber nicht mit schäumendem Zuckerwasser gefüllt, sondern eine spinnewebige, die an die gute alte Zeit erinnert, in der man beim Wein nicht so tiefgründige Gespräche zu führen, aber zu singen pflegte: Es hatten drei Gesellen ein fein Kollegium –« Er sang wirklich, griff aber den Ton zu hoch und kam mit der Stimme nicht hinauf. »Ah! zum Kapellmeister tauge ich noch immer nicht.«

Dafür trank er den größten Teil des edlen Rüdesheimers allein aus. Als der letzte Tropfen getilgt war, brachen die Freunde auf. Dürenholz mußte zur Bahn, da sein Urlaub am anderen Tage ablief. »Auch ist die Sehnsucht nach der Braut gewiß groß,« bemerkte Glauberg. »Mein Himmel, wir haben über sie noch so wenig gesprochen; ich glaube, nicht einmal den Namen hast du uns genannt, und wenn wir nicht den verräterischen Ring an deinem Finger bemerkt hätten, wer weiß, ob wir überhaupt von dem großen Ereignis etwas erfahren hätten. Wann wird denn die Hochzeit sein?«

»Hoffentlich nun bald,« antwortete Dürenholz lächelnd. »Die Beschaffung der Ausstattung machte Schwierigkeit. Meine Braut ist ganz unvermögend, und ich habe auch nur mein Gehalt. Der alte Oberstleutnant hat sehr strenge Ansichten. Er will keines Menschen Schuldner werden und erlaubt auch mir nicht einmal, das erforderliche kleine Kapital aufzunehmen. Was durchaus erforderlich, wollte er von seiner Pension nach und nach ersparen. Das ging natürlich nicht schnell. Wir mußten eine lange Weile unsere Verlobung geheimhalten. Vor einem halben Jahre ist sie publiziert, und jetzt, denke ich, sind wir bald am ersehnten Ziel. Dann hab ich freie Hand, das Fehlende nachzuliefern.«

»Vergiß nicht, lieber Bruder, daß du mir nur eine Zeile zu schreiben brauchst –« sagte Glauberg, ihm die Hand auf die Schulter legend.

Dürenholz nickte. »Das Darlehn dürfte diesmal kaum fürchten, sich und den Freund zu verlieren,« erwiderte er, »aber – ich bekomm's überall leicht, da ich in eine Lebensversicherung eingekauft bin.«

»Aber auf dein bloßes Angesicht –«

»Gut, gut! Ich kenne ja deinen Leichtsinn ausreichend.«

Glauberg seufzte: »Meinen Leichtsinn! Ich wollte, du hättest recht. Ich bin aber eher zu schwerblütig seit Übernahme der Fabriken, in die ich mich erst hineinleben muß, etwas verschüchtert, wage mich an die Frauenzimmer nicht recht heran, verstehe nicht zu leben, wie ich könnte, schäme mich, unsinniges Geld zu verdienen, da ich es nicht ebenso unsinnig auszugeben weiß. Zum Glück hab ich einen verbummelten Schwager, der von Zeit zu Zeit einen Teil des Überflusses abzapft. Jetzt hab ich ihm ein großes Blatt gekauft, da er von Hause aus Litterat ist, und da wird's wohl eine Weile dauern, bis er abgewirtschaftet hat. Übrigens soll er als Redakteur recht geschickt sein.«

So plaudernd langten sie auf dem Bahnhof Friedrichstraße an.

»Ich nehme euch nicht mit hinauf,« sagte der Amtsrichter. »Suchen wir uns einen stillen Winkel hier in der Halle zur letzten Umarmung.« So geschah es. Dann an der Treppe trennten sie sich.

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