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Das Chagrinleder

Honoré de Balzac: Das Chagrinleder - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDas Chagrinleder
publisherinsel taschenbuch
editorErika Wesemann
translatorHedwig Lachmann
year1990
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20061101
modified20171219
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In solchen Hochgefühlen meiner Leidenschaft«, fuhr Raphael nach einigem Schweigen fort, als ob er auf einen Einwand, den er sich selbst gemacht hatte, antwortete, »habe ich meine Empfindungen nicht seziert noch meine Lustgefühle analysiert, noch meine Herzschläge berechnet, wie ein Geizhals seine Goldstücke prüft und wägt. O nein! Heute wirft die Erfahrung ihr trübes Licht auf die vergangenen Ereignisse, und die Erinnerung treibt mir diese Bilder zu, wie Meeresfluten die Trümmer eines Wracks bei schönem Wetter Stück für Stück ans Ufer schwemmen. – ›Sie können mir einen großen Dienst erweisen‹, sagte die Comtesse zu mir und schaute mich verwirrt an. ›Nachdem ich Ihnen meine Abneigung gegen die Liebe eingestanden habe, fühle ich mich freier, im Namen der Freundschaft eine Gefälligkeit zu erbitten. Wäre es nicht weitaus verdienstvoller‹, fügte sie lachend hinzu, ›wenn Sie mich heute zu Dank verpflichten?‹ Ich warf ihr einen schmerzlichen Blick zu. Sie empfand nichts neben mir, tat süß, aber ohne Liebe; sie erschien mir als eine vollendete Schauspielerin. Dann erweckte plötzlich ein Ton, ein Blick, ein Wort wieder meine Hoffnung. Spiegelten aber meine Augen meine wiederentflammte Liebe, hielt sie dem Feuer stand, ohne daß die Klarheit ihrer Augen sich trübte, denn wie bei denen eines Tigers, schien ihr Untergrund aus Metall zu sein. In solchen Momenten haßte ich sie. ›Die Fürsprache des Duc de Navarreins‹, fuhr sie mit einschmeichelndem Stimmklang fort, ›wäre mir von großem Nutzen bei einer in Rußland allmächtigen Person, deren Vermittlung nötig ist, damit mir in einer Angelegenheit, die mein Vermögen und meine Stellung in der Welt betrifft, Gerechtigkeit widerfahre, es geht um die Anerkennung meiner Heirat durch den Zaren. Ist nicht der Duc de Navarreins Ihr Cousin? Ein Brief von ihm würde den Ausschlag geben.‹ – ›Ich stehe zu Ihren Diensten‹, antwortete ich ihr, ›befehlen Sie!‹ – ›Sie sind sehr liebenswürdig‹, sagte sie und drückte mir die Hand. ›Dinieren Sie bei mir, ich werde Ihnen alles erzählen wie einem Beichtvater‹. Diese so mißtrauische, verschlossene Frau, von der noch niemand ein Wort über ihre Angelegenheiten vernommen hatte, wollte meinen Rat. ›Oh, wie ist mir jetzt das Schweigen teuer, das Sie mir auferlegt haben!‹ rief ich aus. ›Doch hätte ich mir eine noch härtere Prüfung gewünscht.‹ In diesem Augenblick entzog sie sich meinen trunkenen Blicken nicht und ließ sich meine Bewunderung gefallen, sie liebte mich also! Wir langten bei ihr an. Zum Glück reichte der Inhalt meiner Börse hin, den Kutscher zu bezahlen. Ich verbrachte den Tag bei ihr voll Wonne, mit ihr allein; es war das erstemal, daß ich ihr so nahe sein durfte. Bis zu diesem Tage hatten die Gesellschaft, ihre lästige Höflichkeit und ihr kaltes Wesen uns immer getrennt, selbst bei ihren üppigen Diners; nun aber war ich bei ihr, als ob ich unter ihrem Dache lebte, sie war sozusagen mein. Meine ungezügelte Phantasie sprengte alle Fesseln, lenkte die Ereignisse des Lebens nach meinen Wünschen und versenkte mich in die Seligkeiten einer glücklichen Liebe. Ich wähnte mich schon als ihren Gatten, während ich sie bei ihren kleinen Beschäftigungen bewunderte; ich empfand sogar Glück zuzusehen, wie sie ihren Schal und ihren Hut ablegte. Sie ließ mich einen Augenblick allein und kehrte mit neu gerichtetem Haar zurück, bezaubernd. Für mich hatte sie sich herausgeputzt. Während des Essens erwies sie mir unzählige Aufmerksamkeiten und entfaltete unendlichen Liebreiz in tausenderlei Dingen, die nichtig scheinen und doch das halbe Leben ausmachen. Als wir beide auf seidenen Polstern, von den begehrenswertesten Schöpfungen eines orientalischen Luxus umgeben, vor dem flackernden Kaminfeuer saßen, als diese Frau, deren berühmte Schönheit so viele Herzen höher schlagen ließ, mir so nahe war, als diese so schwer zu erringende Frau mit mir plauderte, mir all ihre Koketterie zuwandte, wurde mein wollüstiges Glück fast zum Schmerz. Unglücklicherweise fiel mir das wichtige Geschäft ein, das ich abschließen sollte, und ich wollte mich zu der tags vorher verabredeten Zusammenkunft begeben. – ›Wie! schon?‹ fragte sie, als ich meinen Hut nahm. Sie liebte mich! Ich glaubte es wenigstens, als ich sie diese zwei Worte mit zärtlicher Schmeichelstimme sagen hörte. Um meine Ekstase zu verlängern, hätte ich damals freudig zwei Jahre meines Lebens für jede Stunde hingegeben, die sie mir gewähren wollte. Mein Glück vertiefte sich mit all dem Geld, das ich verlor. Es war Mitternacht, als sie mich entließ. Am folgenden Morgen indessen kostete mich mein Heroismus viele Gewissensbisse, ich fürchtete, das Geschäft mit den Memoiren verpatzt zu haben, von dem alles für mich abhing. Ich eilte zu Rastignac, und wir gingen, den Titular meiner künftigen Arbeiten bei seinem Lever zu überraschen. Finot las mir einen kurzen Vertrag vor, worin von meiner Tante keine Rede war, und nachdem ich unterzeichnet hatte, zahlte er mir 50 Taler aus. Wir frühstückten zu dritt. Als ich meinen neuen Hut, 60 Speisemarken, das Stück zu 30 Sous, und meine Schulden bezahlt hatte, blieben mir nur noch 30 Francs; aber alle Schwierigkeiten des Lebens waren für einige Tage beseitigt. Wenn ich hätte auf Rastignac hören wollen, so hätte ich mir Schätze erwerben können, wenn ich mir freiheraus das ›englische System‹ zu eigen machte. Er wollte mir durchaus einen Kredit eröffnen und mich zum Schuldenmachen verleiten, denn er behauptete, Schulden hielten den Kredit aufrecht. Er meinte, daß von allen Kapitalien der Welt die Zukunft das wertvollste und solideste sei. Indem er so meine Schulden als Hypothek auf meine Zukunftsmöglichkeiten betrachtete, betraute er seinen Schneider mit meiner Kundschaft, einen Künstler, der sich auf den ›jungen Mann‹ verstand und mich bis zu meiner Heirat behelligen sollte. Von diesem Tage an brach ich mit dem mönchischen, arbeitsamen Leben, das ich drei Jahre lang geführt hatte. Ich ging fleißig zu Fœdora, wo ich die Maulhelden und die Salonlöwen auszustechen suchte, die sich bei ihr einfanden. Da ich mich nun für immer dem Elend entronnen glaubte, erlangte ich meine geistige Freiheit wieder, stellte meine Rivalen in den Schatten und galt als verführerischer, blendender, unwiderstehlicher junger Mann. Besonders gewitzte allerdings behaupteten von mir: ›Ein so geistreicher junger Mann kann Leidenschaft nur im Kopf haben!‹ Und wohlmeinend rühmten sie meinen Geist auf Kosten meiner Gefühle. ›Wie glücklich er ist, nicht zu lieben!‹ riefen sie aus. ›Wäre er, wenn er liebte, so heiter, so mitreißend?‹ Fœdora gegenüber freilich war ich ein verliebter Trottel! Allein mit ihr, wußte ich nichts zu sagen, oder wenn ich sprach, schmähte ich die Liebe; innerlich trübselig, gebärdete ich mich lustig wie ein Höfling, der einen grausamen Verdruß zu verhehlen sucht. Kurz, ich bemühte mich, ihrem Leben, ihrem Glück, ihrer Eitelkeit unentbehrlich zu werden; tagtäglich bei ihr, ward ich ihr Sklave, ein Spielzeug, ihr ständig zu Willen. Nachdem ich meinen Tag derart vergeudet hatte, kam ich nach Hause, um die Nacht durchzuarbeiten und gegen Morgen kaum mehr als zwei oder drei Stunden zu schlafen. Doch da ich mich nicht, wie Rastignac, auf das ›englische System‹ verstand, war ich bald ohne einen Sou. Da stand ich nun, mein Lieber, ein Geck ohne Vermögen, ein Stutzer ohne Geld, ein Verliebter ohne Namen und sank wieder in das kümmerliche Leben zurück, in die kalte, tiefe Not, die ich unter dem trügerischen Schein von Luxus sorgfältig verbarg. Es waren meine alten Leiden, die ich aufs neue erduldete, weniger brennend freilich; wahrscheinlich hatte ich mich an ihre schrecklichen Krisen bereits gewöhnt. Oft waren Kuchen und Tee, die in den Salons so sparsam dargereicht werden, meine einzige Nahrung. Mitunter mußten die üppigen Diners der Comtesse für mehrere Tage vorhalten. Ich setzte meine ganze Zeit, meine Kräfte und meine Beobachtungsgabe darein, den undurchdringlichen Charakter Fœdoras zu ergründen. Bis dahin hatten Hoffnung oder Verzweiflung meine Meinung beeinflußt, ich erblickte in ihr mal die liebevollste, mal die gefühlloseste Vertreterin ihres Geschlechts. Aber dieser Wechsel von Freude und Niedergeschlagenheit wurde unerträglich: ich wollte diesen fürchterlichen Kampf beenden, indem ich meine Liebe tötete. Unheilkündende Lichter blitzten oft in meiner Seele auf und wiesen mir die Abgründe, die zwischen uns klafften. Die Comtesse rechtfertigte alle meine Befürchtungen, noch nie hatte ich Tränen in ihren Augen gesehen; im Theater ließ eine rührende Szene sie kalt oder reizte ihren Spott. All ihre Klugheit diente nur ihrer eigenen Person; fremdes Glück oder Unglück nahm sie nicht wahr. Endlich sah ich ein, daß sie mich hinters Licht geführt hatte. Glücklich, ihr ein Opfer bringen zu können, hatte ich mich für sie beinahe erniedrigt; als ich meinen Verwandten, den Duc de Navarreins, aufsuchte, einen egoistischen Menschen, der sich meiner Notlage schämte und mir gegenüber zu sehr im Unrecht war, um mich nicht zu hassen. Er empfing mich mit jener kalten Höflichkeit, welche jedes Wort und jede Gebärde wie einen Schimpf erscheinen läßt; sein unsicherer Blick erregte mein Bedauern. Ich schämte mich für ihn seiner Kleinlichkeit in all dem Glanz, seiner Armseligkeit in all dem Überfluß. Er sprach mir von ansehnlichen Verlusten, die ihm die dreiprozentige Staatsrente verursachte; dann nannte ich ihm den Grund meines Besuchs. Die Veränderung in seinem Benehmen, das von Frostigkeit allmählich zu großer Liebenswürdigkeit überging, widerte mich an. Kurz und gut, mein Freund, er besuchte die Comtesse und stellte mich dort einfach kalt. Fœdora entfaltete für ihn einen ungeahnten Zauber; sie umstrickte ihn völlig, verhandelte mit ihm die mysteriöse Angelegenheit, ohne daß ich ein Wort davon erfuhr; ich war ihr nur Mittel zum Zweck gewesen! . . . Sie schien mich nicht mehr zu bemerken, wenn mein Cousin bei ihr war; sie empfing mich dann vielleicht mit geringerer Freude als an dem Tag, da ich ihr vorgestellt worden war. Eines Abends demütigte sie mich vor dem Duc de Navarreins durch eine jener Gesten, einen jener Blicke, die man nicht in Worte fassen kann. Ich ging mit Tränen in den Augen fort; schmiedete tausend Rachepläne und erwog, ihr Gewalt anzutun. Oft begleitete ich sie in die Bouffons: dort, neben ihr, ganz meiner Liebe hingegeben, sah ich sie an und gab mich zugleich dem Zauber der Musik hin, ging auf in dem doppelten Genuß, zu lieben und die Regungen meines Herzens in den Melodien des Musikers wiederzufinden. Meine Leidenschaft war in der Luft, auf der Bühne, sie siegte überall, nur nicht bei meiner Geliebten. Ich ergriff dann wohl Fœdoras Hand, musterte forschend ihre Züge, ihre Augen, ersehnte ein Verschmelzen unserer Gefühle, eine jener unwillkürlichen Harmonien, die, von den Klängen erweckt, die Seelen vereint schwingen läßt; aber ihre Hand war stumm, und ihre Augen sagten nichts. Wenn das Feuer meines Herzens, das aus meinen Zügen strömte, ihr zu heiß ins Antlitz schlug, warf sie mir ein gesuchtes Lächeln zu, jenes unverbindliche Lächeln, das in den Salons auf den Lippen aller Porträts starrt. Sie lauschte der Musik nicht. Die göttlichen Weisen Rossinis, Cimarosas,Cimarosa, Domenico (1749-1801): italienischer Opernkomponist ZingarellisZingarelli, Nicola Antonio (1752-1837): neapolitanischer Opernkomponist riefen kein Gefühl in ihr hervor, klangen nicht als Ausdruck eigenen Empfindens in ihr wider; ihre Seele war öde und leer. Fœdora stellte sich wie ein Schauspiel im Schauspiel dar. Ihre Lorgnette wanderte unaufhörlich von Loge zu Loge; voll innerer Unruhe, obgleich scheinbar ruhig, war sie ein Opfer der Mode: ihre Loge, ihr Hut, ihr Wagen, ihre Person waren ihr alles. Man begegnet zuweilen Menschen von riesenhaftem Körperbau, die in einer ehernen Brust ein weiches liebevolles Herz bergen; aber sie barg ein ehernes Herz unter ihrer zarten, anmutigen Hülle. Meine verhängnisvolle Menschenkenntnis riß viele Schleier von meinen Augen. Wenn der gute Ton darin besteht, sich selbst um des anderen willen zu vergessen, in Stimme und Gebärde eine ständige Sanftmut walten zu lassen, den anderen zu gefallen, indem man ihr Selbstbewußtsein befriedigt, so war es Fœdora trotz ihrer Klugheit nicht gelungen, jede Spur ihrer plebejischen Herkunft auszulöschen: ihre Selbstvergessenheit war Falschheit; ihre Manieren waren nicht angeboren, sondern mühselig erworben; kurz, ihre Höflichkeit roch nach Liebedienerei. Für ihre Günstlinge waren ihre honigsüßen Reden freilich der Ausdruck von Güte, ihre affektierte Überspanntheit edler Enthusiasmus. Ich allein hatte ihre Grimassen studiert, ich hatte die dünne Rinde, die der Welt genügte, von ihrem Inneren abgezogen und ließ mich von ihrem heuchlerischen Schöntun nicht mehr täuschen: ich hatte ihre Katzenseele durchschaut. Wenn irgendein alberner Tropf ihr Komplimente machte, sie pries, schämte ich mich für sie. Und ich liebte sie trotz allem! Ich hoffte, das Eis ihres Herzens mit dem Hauch der Dichterliebe zu schmelzen. Wenn ich ihr Herz einmal nur weiblicher Zärtlichkeit öffnen, sie der himmlischen Kraft der Hingebung hätte empfänglich stimmen können, dann wäre sie vollkommen, wäre mir wie ein Engel erschienen. Ich liebte sie als Mann, als Liebhaber, als Künstler, während man, um sie zu erlangen, sie gar nicht hätte lieben müssen; ein seelenloser Geck, ein kaltsinniger Rechner hätte sie vielleicht bezwungen. Eitel und intrigant, wie sie war, hätte sie zweifellos auf die Sprache der Eitelkeit gehört und sich in den Fallstricken einer Intrige fangen lassen; ein trockener, frostiger Geselle hätte sie zu beherrschen vermocht. Brennender Schmerz durchbohrte mein Herz, wenn sie mir so unbefangen ihren Egoismus enthüllte. Tiefbewegt erkannte ich, daß sie eines Tages allein im Leben dastehen würde, ohne zu wissen, wem sie die Hand reichen sollte, ohne freundlichen Blicken zu begegnen, in denen die ihren ruhen könnten. Eines Abends fand ich den Mut, ihr in lebhaften Farben ihr verödetes, einsames und leeres Alter auszumalen. Angesichts solcher schrecklichen Rache der hintergangenen Natur sagte sie etwas Abscheuliches: ›Ich werde immer Geld haben. Mit Geld aber können wir immer die Gefühle um uns schaffen, die zu unserem Wohlbehagen nötig sind.‹ Ich ging fort, niedergeschmettert von der Logik dieses Luxus, dieser Frau, dieser Welt, überhäufte mich mit Vorwürfen, daß ich sie so hirnverbrannt vergötterte. Ich liebte ja die arme Pauline auch nicht; hatte die reiche Fœdora nicht das Recht, den armen Raphael zurückzuweisen? Unser Gewissen ist ein unfehlbarer Richter, wenn wir es noch nicht gemordet haben. – ›Fœdora‹, rief mir eine sophistische Stimme zu, ›liebt niemanden und weist niemanden zurück; sie ist frei, aber ehedem hat sie sich für Gold verkauft. Der russische Graf, mag er Gatte oder Liebhaber gewesen sein, hat sie besessen. Warte es ab!‹ Ohne Tugend und ohne Laster lebte diese Frau fern von der Menschheit, in einer Sphäre für sich, einer Hölle oder einem Paradies. Dieses weibliche Rätsel in Kaschmir und Stickereien setzte alle menschlichen Triebkräfte in mir in Bewegung: Stolz, Ehrgeiz, Liebe, Neugierde. Eine Modelaune oder die Manie, originell zu erscheinen, von der wir alle besessen sind, hatte uns dazu getrieben, ein kleines Boulevardtheater zu bevorzugen. Die Comtesse äußerte den Wunsch, die bepuderte Physiognomie eines Mimen zu sehen, den einige Leute von Geist himmlisch fanden, und mir ward die Ehre zuteil, sie zur Premiere irgendeiner miesen Posse zu begleiten. Die Loge kostete kaum 100 Sous, doch besaß ich nicht einen lumpigen Heller. Da ich noch einen halben Band Memoiren zu schreiben hatte, wagte ich nicht, Finot um Geld anzugehen, und Rastignac, mein helfender Engel, war verreist. Diese beständige Verlegenheit machte mein ganzes Leben zum Fluch. Einmal, als wir aus der Oper kamen und es schrecklich regnete, hatte Fœdora einen Wagen für mich vorfahren lassen, ohne daß ich mich diesem eitlen Liebesdienst hätte entziehen können: sie ließ keine meiner Entschuldigungen gelten, weder meine Vorliebe für den Regen noch den Einwand, daß ich spielen gehen wolle. Sie ahnte nichts von meiner Not; sie erriet sie nicht aus meiner verlegenen Haltung und nicht aus meinen traurig scherzenden Worten. Meine Augen brannten schamvoll, aber verstand sie einen einzigen meiner Blicke? Das Leben der jungen Leute ist sonderbaren Launen unterworfen! Auf der Fahrt beschwor jede Umdrehung der Räder Gedanken in mir herauf, die mir das Herz verzehrten; ich versuchte, aus dem Boden des Wagens ein Brett zu lösen, in der Hoffnung, auf das Pflaster gleiten zu können; aber da ich auf unüberwindliche Hindernisse stieß, fing ich krampfhaft zu lachen an und verharrte dann in einer düsteren Ruhe, stumpf, wie ein Mensch am Pranger. Als ich zu Hause angelangt war, unterbrach mich Pauline bei den ersten Worten, die ich stammelte, und sagte: ›Wenn es Ihnen an Geld fehlt . . .?‹ Oh! Rossinis Musik war nichts gegen diese Worte. Aber zurück zum Théâtre des Funambules. Um die Comtesse dort hinführen zu können, wollte ich den goldenen Rahmen vom Bild meiner Mutter verpfänden. Das Leihhaus stelle ich mir von jeher wie eins der Tore zum Bagno vor; aber es war immer noch besser, sogar mein Bett dahin zu tragen, als Almosen zu erbetteln. Der Blick eines Menschen, den man um Geld bittet, tut so weh! Manche Darlehen kosten uns unsere Ehre, wie manch abschlägiger Bescheid aus Freundesmund uns eine letzte Illusion raubt. Pauline arbeitete, ihre Mutter hatte sich zur Ruhe begeben. Nach einem flüchtigen Blick auf das Bett, dessen Vorhänge leicht zurückgezogen waren, glaubte ich Madame Gaudin fest eingeschlafen, da ich ihr gelbes ruhiges Profil auf dem Kopfkissen wahrnahm. – ›Sie haben Kummer?‹ fragte Pauline und legte den Pinsel auf ihre Malarbeit. – ›Gutes Kind, Sie können mir einen großen Gefallen erweisen‹, erwiderte ich ihr. Sie sah mich so beglückt an, daß ich erzitterte. ›Sollte sie mich lieben?‹ dachte ich. ›Pauline‹, begann ich von neuem und setzte mich nun nahe zu ihr, um sie auszuforschen. Sie erriet, was ich wollte, so eindringlich fragend war mein Ton; sie senkte die Augen, und ich sah sie prüfend an. Ich glaubte in ihrem Herzen lesen zu können wie in meinem eigenen, denn der Ausdruck ihres Antlitzes war rein und unschuldig. – ›Sie lieben mich?‹ fragte ich endlich. – ›Ein bißchen, über alle Maßen, gar nicht!‹ rief sie. Sie liebte mich nicht. Ihr neckischer Ton und ihre possierlichen Gebärden zeugten nur von der mutwilligen Dankbarkeit eines jungen Mädchens. Ich gestand ihr also meine schlimme Lage, die Verlegenheit, in der ich mich befand, und bat sie, mir zu helfen. – ›Wie, Monsieur Raphael‹, rief sie, ›Sie wollen nicht aufs Leihhaus gehen und schicken mich!‹ Ich errötete. Ihre kindliche Logik setzte mich in Verlegenheit. Dann ergriff sie meine Hand, als wolle sie die Wahrheit ihres Ausrufs durch eine Zärtlichkeit wiedergutmachen. – ›Oh!‹ fuhr sie dann fort, ›ich ginge schon gern, aber der Gang ist unnötig. Heute morgen habe ich hinter dem Klavier zwei 100-Sous-Stücke gefunden, die Sie wohl aus Versehen zwischen Wand und Scheuerleiste rollen ließen; ich habe sie Ihnen auf Ihren Tisch gelegt.‹ – ›Sie werden gewiß bald Geld bekommen, Monsieur Raphael‹, sagte nun die gute Mutter und steckte den Kopf durch die Vorhänge, ›ich kann Ihnen inzwischen gut und gern ein paar Taler leihen.‹ – ›O Pauline!‹, rief ich und drückte ihr die Hand, ›ich wollte, ich wäre reich!‹ – ›Bah! Warum denn?‹ rief sie keck. Ihre Hand zitterte in meiner und erwiderte alle Schläge meines Herzens; sie zog ihre Finger rasch zurück und betrachtete prüfend meine Hand. ›Sie werden eine reiche Frau heiraten‹, sagte sie dann, ›aber sie wird Ihnen viel Kummer machen. O mein Gott! sie wird Sie töten! Das weiß ich sicher.‹ In ihrem Aufschrei lag ein gewisser Glauben an die närrischen Prophezeiungen ihrer Mutter. – ›Sie sind sehr leichtgläubig, Pauline!‹ – ›Oh, ganz sicher‹, versetzte sie und sah mich entsetzt an, ›die Frau, die Sie lieben, wird Sie töten!‹ Sie griff wieder zu ihrem Pinsel, tauchte ihn, tiefbewegt, in die Farbe und sah mich nicht mehr an. In diesem Augenblick hätte ich schon an derlei Hirngespinste glauben mögen. Ein Mensch ist nicht so elend dran, wenn er abergläubisch ist. Der Aberglaube ist oft eine Hoffnung. In meinem Zimmer sah ich in der Tat zwei prächtige Taler auf dem Tisch liegen, deren Dasein mir unerklärlich schien. In den wirren Gedanken während des Einschlafens ging ich meine Ausgaben durch, um diesen unerhofften Fund zu rechtfertigen, aber in vergebliche Rechnereien verloren, schlief ich ein. Am nächsten Morgen kam Pauline, als ich gerade ausgehen wollte, um eine Loge zu bestellen. ›Vielleicht reichen Sie mit zehn Francs nicht aus‹, sagte das liebe, holde Kind errötend, ›im Auftrag meiner Mutter soll ich Ihnen dieses Geld anbieten. Nehmen Sie, nehmen Sie!‹ Sie legte drei Taler auf den Tisch und wollte eiligst hinaus; aber ich hielt sie fest. Bewunderung trocknete die Tränen, die mir in die Augen traten. ›Pauline‹, rief ich, ›Sie sind ein Engel! Dieses Darlehn rührt mich nicht so tief wie das Zartgefühl, mit dem Sie es mir bieten. Ich sehnte mich nach einer reichen, eleganten, vornehmen Frau. Aber ach, jetzt wollte ich, ich besäße Millionen und fände ein junges Mädchen, das arm wäre und ein reiches Herz hätte wie Sie. Dann würde ich einer verhängnisvollen Leidenschaft entsagen, die mich töten wird. Vielleicht werden Sie damit recht behalten.‹ – ›Genug!‹ rief sie. Sie entfloh, und ihre Nachtigallenstimme, ihr frisches Trällern klang von der Treppe her wider. – ›Wie glücklich sie ist, daß sie noch nicht liebt!‹ sagte ich zu mir selbst und dachte an die Qualen, die ich seit mehreren Monaten ausstand. Die 15 Francs Paulines erwiesen sich mir als sehr wertvoll. Als Fœdora an die plebejischen Dünste dachte, die wir in dem Saal ein paar Stunden lang ertragen sollten, bedauerte sie, kein Bukett zu haben; ich holte ihr die Blumen und brachte ihr damit mein Leben und mein ganzes Vermögen dar. Ich empfand Reue und Vergnügen zugleich, als ich ihr den Strauß brachte, dessen Preis mich lehrte, wie kostspielig die oberflächliche Galanterie der vornehmen Welt ist. Bald darauf klagte sie über den aufdringlichen Duft des mexikanischen Jasmins; als sie den Saal erblickte, packte sie ein unerträglicher Widerwille, und als sie auf der harten Bank Platz genommen hatte, machte sie mir Vorwürfe, daß ich sie dorthin geführt hatte. Was scherte es sie, daß sie mit mir zusammen war; sie wollte gehen, und sie ging. Nächtelang hatte ich nicht geschlafen, zwei Monate meiner Existenz verschwendet und keine Gnade vor ihren Augen gefunden! Nie war dieser Teufel anmutiger und liebloser gewesen. Unterwegs, als ich neben ihr in dem engen Coupé saß, atmete ich ihren Atem, berührte ihren parfümierten Handschuh, sah all die Herrlichkeiten ihrer Schönheit, spürte einen süßen Duft wie von Schwertlilien: ganz ein Weib und ganz und gar kein Weib. In diesem Augenblick zuckte es wie ein Blitz durch meine Seele, und ich schaute in die Tiefen dieses geheimnisvollen Daseins. Ich dachte an das jüngst erschienene Buch eines Dichters, ein wahres Kunstwerk, wie nach der Statue des Polyklet geschaffen. Ich glaubte jenes Ungeheuer vor mir zu sehen, das bald als Offizier ein feuriges Roß bändigt, bald als junges Mädchen sich herausputzt und seine Liebhaber zur Verzweiflung treibt, bald selbst als Liebhaber eine sanfte und ehrbare Jungfrau ins Elend stürzt. Da ich Fœdora nicht mehr anders enträtseln konnte, erzählte ich ihr diese phantastische Geschichte; nichts jedoch verriet ihre Ähnlichkeit mit dieser Dichtung des Unmöglichen, sie fand ganz treuherzig ihren Spaß daran, wie ein Kind an einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. – ›Wenn Fœdora‹, sagte ich auf dem Nachhauseweg zu mir, ›der Liebe eines Mannes in meinem Alter, dem zündenden Feuer, das von Seele zu Seele springt, widerstehen kann, muß sie unter dem Schutz irgendeines Geheimnisses stehen. Vielleicht ist sie von Krebs befallen, wie Lady Delacour?Lady Delacour: Gestalt aus dem Roman »Belinda« (1801) der englischen Schriftstellerin Maria Edgeworth (1767-1849) Wie auch immer, sie führt ein künstliches Leben.‹ Bei diesem Gedanken überlief es mich kalt. Und nun ersann ich den ausgefallensten und zugleich vernünftigsten Plan, auf den ein Liebender je verfallen ist. Um den Körper dieser Frau zu prüfen, wie ich ihren Geist erforscht hatte, um sie endlich ganz kennenzulernen, beschloß ich, ohne ihr Wissen eine Nacht in ihrem Haus, in ihrem Schlafgemach zuzubringen. Dieses Unternehmen, das mir an der Seele nagte, wie Rachsucht am Herzen eines korsischen Mönches, führte ich folgendermaßen durch. An ihren Empfangstagen hatte Fœdora eine so zahlreiche Gesellschaft bei sich, daß es dem Portier unmöglich war, genau festzustellen, ob alle Gäste auch wieder fortgingen. Sicher, daß ich im Haus zurückbleiben konnte, ohne Aufsehen zu erregen, wartete ich ungeduldig auf die nächste Soirée der Comtesse. Beim Ankleiden steckte ich als Ersatz für einen Dolch ein kleines englisches Federmesser in die Westentasche. Wurde es bei mir gefunden, konnte das kleine Ding, das zum Handwerkszeug eines Schriftstellers gehörte, keinerlei Verdacht erregen; da ich indessen nicht wußte, wie weit mich mein romantischer Entschluß führen konnte, wollte ich bewaffnet sein. Als die Salons sich zu füllen begannen, ging ich in das Schlafzimmer, um die Situation dort zu erkunden, und fand die Jalousien und Fensterläden geschlossen, was ich als glückliches Omen deutete. Da die Zofe kommen konnte, um die Vorhänge an den Fenstern herunterzulassen, löste ich die Halter selbst; freilich war diese Vorwegnahme häuslicher Vorkehrungen riskant, doch sah ich den Gefahren meiner Lage gefaßt ins Auge und hatte sie kaltblütig einkalkuliert. Gegen Mitternacht verbarg ich mich in einer Fensternische. Damit man meine Füße nicht sehen konnte, versuchte ich, mich mit dem Rücken gegen die Wand auf die Leiste der Täfelung zu stellen, wobei ich mich am Fensterriegel festhielt. Nachdem ich mein Gleichgewicht ausprobiert, meine Stützpunkte und den Raum zwischen mir und den Vorhängen geprüft hatte, gelang es mir, mich an meine schwierige Stellung zu gewöhnen, so daß ich dort unentdeckt verharren konnte, wenn kein Krampf, kein Husten und kein Niesen dazwischen kam. Um mich nicht unnütz anzustrengen, blieb ich auf dem Fußboden stehen bis zu dem kritischen Augenblick, in dem ich hängen mußte, wie die Spinne in ihrem Netz. Der weiße Moiré und der Musselin der Vorhänge warfen tiefe Falten vor mir und glichen Orgelpfeifen, in die ich mit meinem Messer Löcher schnitt, um vermittelst dieser Art Schießscharten alles zu sehen. Aus den Salons drang gedämpft das Gelächter und Stimmengewirr der Plaudernden zu mir herüber. Dieser verworrene Lärm, das dumpfe Hin und Her wurde allmählich schwächer. Einige Herren kamen ihre Hüte holen, die unmittelbar neben mir auf der Kommode der Comtesse abgelegt waren. Wenn sie die Vorhänge streiften, überlief mich ein Schauder, da ich an die Zerstreutheit und das wahllose Umhersuchen von Menschen dachte, die es eilig haben fortzukommen und dann alles durchstöbern. So wertete ich es als ein gutes Zeichen, daß kein solches Mißgeschick eintrat. Den letzten Hut holte ein alter Verehrer Fœdoras, der sich allein glaubte, einen Blick auf das Bett warf und einen schweren Seufzer ausstieß, dem ein unverständlicher, aber recht energischer Ausruf folgte. Die Comtesse, die in dem Boudoir neben ihrem Schlafzimmer nur noch fünf oder sechs enge Freunde bei sich hatte, schlug ihnen vor, dort den Tee einzunehmen. Es mischten sich nunmehr die Verleumdungen, für die sich die heutige Gesellschaft das bißchen Glauben, was ihr noch geblieben ist, bewahrt hat, die Stichelreden, die witzigen Urteile mit dem Geklapper der Tassen und Löffel. Ohne jedes Erbarmen mit meinen Nebenbuhlern erregte Rastignac mit seinen beißenden Bemerkungen schallendes Gelächter. – ›Monsieur de Rastignac ist ein Mann, mit dem man es nicht verderben darf‹, sagte die Comtesse lachend. – ›Das will ich meinen‹, erwiderte er unbefangen. ›In meinem Haß habe ich immer recht gehabt. In meinen Freundschaften übrigens auch‹, fügte er hinzu. ›Meine Feinde sind mir vielleicht ebenso dienlich wie meine Freunde. Ich habe die moderne Ausdrucksweise und die natürlichen Kniffe, derer man sich bedient, um alles anzugreifen oder alles zu verteidigen, besonders eingehend studiert. Redegewandt wie ein Minister zu sein ist eine soziale Vervollkommnung. Ist einer Ihrer Freunde geistlos, heben Sie seine Ehrlichkeit und seinen Freimut hervor. Ist das Werk eines anderen schwerfällig, deklarieren Sie es als gewissenhafte Studie. Ist das Buch schlecht geschrieben, loben Sie seinen Ideengehalt. Jemand ist unzuverlässig, unbeständig, nie beim Wort zu nehmen, nun, heißen Sie ihn verführerisch, blendend, charmant. Handelt es sich aber um Ihre Feinde, so werfen Sie ihnen die Toten und die Lebenden an den Kopf und kehren Ihre Sprache einfach um, so geschickt Sie die Vorzüge Ihrer Freunde gepriesen haben, so virtuos stöbern Sie die Fehler Ihrer Feinde auf. Diese Anwendung der moralischen Lupe ist das Geheimnis unserer Konversation und die ganze Kunst des Höflings. Sie nicht gebrauchen hieße waffenlos gegen Leute zu Felde ziehen, die gewappnet sind wie Bannerträger. Und ich gebrauche sie! Ich mißbrauche sie sogar zuweilen; darum hat man Respekt vor mir, vor mir und meinen Freunden, denn übrigens, mein Degen ist nicht schlechter als meine Zunge.‹ Einer der glühendsten Verehrer Fœdoras, ein junger Mann, dessen Dreistigkeit berühmt und ihm sogar Mittel zum Zweck war, hob den Fehdehandschuh auf, den Rastignac so verächtlich hingeworfen hatte. Er fing an, von mir zu sprechen und meine Begabung und meine Person über alle Maßen zu rühmen. Rastignac hatte diese Art, jemanden zu lästern, allerdings vergessen. Diese hämische Lobeshymne täuschte die Comtesse, die mich mitleidlos opferte; um ihre Freunde zu unterhalten, spottete sie über meine Geheimnisse, meine Wünsche und meine Hoffnungen. – ›Er hat eine Zukunft!‹ sagte Rastignac. ›Vielleicht ist er eines Tages imstande, grausame Rache zu nehmen; seine Begabung kommt zumindest seinem Mut gleich. Ich halte also Leute, die ihn reizen, für sehr verwegen, denn er hat ein gutes Gedächtnis . . .‹ – ›Und schreibt Memoiren‹, fügte die Comtesse hinzu, der das tiefe Schweigen, welches sich plötzlich ausgebreitet hatte, zu mißfallen schien. ›Memoiren einer falschen Comtesse, Madame‹, versetzte Rastignac. ›Um sie zu schreiben, bedarf es einer anderen Sorte Mut.‹ – ›Ich traue ihm viel Mut zu‹, erwiderte sie, ›er ist mir treu.‹ Ich war lebhaft versucht, vor den Spöttern aufzutauchen wie Banquos Geist in Macbeth. Ich verlor eine Geliebte, aber besaß einen Freund! Jedoch flüsterte mir die Liebe mit einem Male eine jener feigen und spitzfindigen Paradoxa zu, mit denen sie all unseren Schmerz einzulullen versteht. – ›Wenn Fœdora mich liebt‹, dachte ich, ›muß sie dann ihre Neigung nicht unter boshaften Scherzen verstecken. Wie oft schon hat das Herz den Lügen des Mundes widersprochen!‹ Endlich wollte mein unverschämter Rivale, der als letzter bei der Comtesse geblieben war, sich verabschieden. – ›Wie? schon?‹ fragte sie in schmeichlerischem Ton. Ich zitterte. ›Wollen Sie mir nicht noch einen Augenblick schenken? Haben Sie mir nichts mehr zu sagen? Können Sie mir nicht eines Ihrer Vergnügen opfern?‹ Er ging. ›Ach!‹ rief sie und gähnte, ›wie langweilig sie alle sind!‹ Sie zog heftig an einer Schnur, und eine Klingel ertönte. Die Comtesse trat in ihr Schlafzimmer und trällerte die Melodie ›Pria che spunti‹.Pria che spunti: Arie aus der Oper »Die heimliche Ehe« (1792) von Cimarosa Nie hatte sie jemand singen hören, und dieses Nichtsingen hatte zu absonderlichen Deutungen geführt. Man sagte, sie hätte ihrem ersten Liebhaber, der von ihrem Talent entzückt und übers Grab hinaus eifersüchtig gewesen wäre, versprochen, niemandem ein Glück zu gewähren, das er allein genossen haben wollte. Ich spannte alle Kräfte meiner Seele an, um die Klänge in mich aufzunehmen. Von Note zu Note sang sie voller, schien Fœdora lebhafter, der Reichtum ihrer Kehle entfaltete sich, und die Melodie gewann etwas Göttliches. Die Comtesse hatte eine klare, reine Stimme und etwas Harmonisches und Vibrierendes in ihrem Organ, das das Herz bewegte und wonnig berührte. Musizierende Frauen sind fast immer verliebt. Wer aber so sang wie sie, mußte sehr wohl zu lieben wissen. Die Schönheit dieser Stimme war also ein Geheimnis mehr an dieser Frau, die schon so geheimnisvoll genug war. Ich sah sie damals, wie ich dich sehe; sie schien sich selbst zu lauschen und dabei eine eigene Wollust zu empfinden wie in einem Liebesrausch. Sie ging an den Kamin, während sie das Hauptmotiv dieses Rondo zu Ende sang; aber als sie nun schwieg, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, ihre Züge erschlafften, und sie sah müde aus. Sie legte eine Maske ab, die Schauspielerin hatte ihre Rolle beendet. Indessen war dieses Welkwerden ihrer Schönheit nach dem kunstvollen Gesang oder infolge des anstrengenden Abends nicht ohne Reiz. – ›So also ist sie in Wahrheit‹, dachte ich. Sie stellte, wie um sich zu wärmen, einen Fuß auf die Bronzestange des Kaminschirms, zog ihre Handschuhe aus, legte die Armbänder ab und streifte eine goldene Kette, an der ihre mit kostbaren Steinen besetzte Riechdose hing, über den Kopf. Ich empfand unsägliches Vergnügen, ihre Bewegungen zu verfolgen, deren geschmeidige Anmut an eine Katze erinnerte, die sich in der Sonne putzt. Sie besah sich im Spiegel und sagte laut und mißvergnügt: ›Ich sah heute abend nicht gut aus, mein Teint welkt erschreckend schnell. Ich sollte mich vielleicht früher schlafen legen, diesem liederlichen Leben ein Ende setzen. Aber was fällt denn Justine ein?‹ Sie klingelte noch einmal; die Zofe kam herbeigeeilt. Wo war ihr Zimmer? Ich weiß nicht. Sie war über eine geheime Treppe gekommen. Ich war neugierig, sie zu betrachten. Meine Dichterphantasie hatte diese unsichtbare Dienerin, eine große, hübsch gebaute Brünette, oftmals in schlimmem Verdacht gehabt. – ›Madame haben geklingelt?‹ – ›Zweimal‹, antwortete Fœdora; ›du bist wohl auf einmal taub?‹ – ›Ich bereitete die Mandelmilch für Madame.‹ Justine kniete sich nieder, löste die kreuzweise geschlungenen Schnürbänder und zog dann ihrer Herrin die Schuhe aus, die sich indes in einem Lehnstuhl am Kamin rekelte, gähnte und sich den Kopf kratzte. Alles in diesen Bewegungen war durchaus natürlich, und kein Zeichen verriet mir die geheimen Schmerzen oder die Leidenschaften, die ich vermutet hatte. – ›Georg ist verliebt‹, sagte sie, ›ich muß ihn entlassen. Hat nicht er heute abend noch die Vorhänge herabgelassen? Was fällt ihm ein?‹ Als ich das hörte, strömte mir alles Blut zum Herzen; aber es war weiter keine Rede mehr von den Vorhängen. ›Das Leben ist sehr schal‹, fuhr die Comtesse fort. ›Au! gib acht, daß du mich nicht wieder kratzt wie gestern. Hier, sieh mal her‹, sagte sie und zeigte ihr ein kleines Knie, das wie Atlas schimmerte, ›da hab ich noch den Stempel deiner Ungeschicklichkeit.‹ Sie fuhr mit ihren nackten Füßen in die mit Schwanenpelz gefütterten Samtpantoffel und zog ihr Kleid aus, während Justine einen Kamm nahm, um ihr die Haare zu ordnen. – ›Sie müssen heiraten, Madame, und Kinder bekommen.‹ – ›Kinder! Das fehlte mir gerade noch!‹ rief sie. ›Einen Mann! Wo ist der Mann, dem ich mich . . . War ich gut frisiert heute abend?‹ – ›Nicht sehr gut.‹ – ›Du bist dumm.‹ – ›Nichts steht Ihnen schlechter, als wenn Sie Ihr Haar zu sehr kräuseln‹, erwiderte Justine. ›Große, lange Locken kleiden Sie viel besser.‹ – ›Wirklich?‹ – ›Gewiß, Madame, feingekräuseltes Haar steht nur Blondinen.‹ ›Mich verheiraten? Nein, nein! Die Ehe ist ein Schacher, für den ich nicht geschaffen bin.‹ Was für eine schreckliche Szene für einen Liebenden! Diese einsame Frau, ohne Eltern, ohne Freunde, eine Atheistin der Liebe, die an keine Empfindung glaubte und, so schwach auch in ihr das jedem menschlichen Wesen eigene Bedürfnis, sein Herz zu ergießen, sein mochte, um es zu befriedigen, war sie gezwungen, mit ihrer Zofe zu plaudern, ein paar trockene Redensarten oder Nichtigkeiten zu sagen! Sie tat mir leid. Justine schnürte sie auf. Ich betrachtete sie neugierig, als der letzte Schleier weggenommen wurde. Sie hatte einen jungfräulichen Busen, der mich blendete; beim Schein der Kerze schimmerte ihr weißer und rosiger Körper durch das Hemd durch wie eine Silberstatue unter einer Gazehülle. Nein, keinerlei Unvollkommenheit mußte sie die verstohlenen Blicke der Liebe fürchten lassen. Ach, ein schöner Körper siegt immer über die heldenhaftesten Entschlüsse. Die Herrin saß stumm und nachdenklich vor dem Feuer, während die Zofe die Kerze der Alabasterlampe, die vor dem Bett hing, anzündete. Justine holte eine Wärmflasche, machte das Bett zurecht und half ihrer Herrin, sich schlafen zu legen; dann hatte sie noch allerlei kleine Dienste zu verrichten, die von der tiefen Verehrung zeugten, die Fœdora für sich selber hegte, und ging schließlich. Die Comtesse warf sich ein paarmal hin und her; sie war aufgeregt, sie seufzte; von ihren Lippen drang ein leichtes Geräusch, das ihre Ungeduld verriet; sie streckte die Hand nach dem Tisch aus, nahm ein Fläschchen und goß einige Tropfen eines braunen Saftes in ihre Milch, ehe sie trank; endlich nach etlichen qualvollen Seufzern rief sie: ›Mein Gott!‹ Dieser Ausruf und vor allem der Ton, der darin lag, fielen mir schwer aufs Herz. Unversehens lag sie ganz reglos. Ich bekam Angst; aber bald vernahm ich den gleichmäßigen und tiefen Atem der Schlafenden; ich schlug die rauschende Seide der Vorhänge zurück, verließ meinen unbequemen Posten und stellte mich an das Fußende ihres Bettes. Ich betrachtete sie mit einem unbeschreiblichen Gefühl. Sie war entzückend, wie sie so dalag. Sie hatte den Kopf wie ein Kind auf den Arm gelegt; ihr ruhiges, schönes Antlitz, in Spitzen gehüllt, hatte einen solchen Liebreiz, daß ich hingerissen war. Ich hatte mir zuviel zugetraut und hatte nicht bedacht, welche Marter ich auszustehen hatte: ihr so nahe und zugleich so fern zu sein! Ich mußte alle Qualen erleiden, die ich mir selbst geschaffen hatte. ›Mein Gott!‹ dieses Bruchstück eines unbekannten Gedankens, das ich nun als einzige Erleuchtung mit mir nehmen sollte, hatte mit einem Schlage meine Meinung über Fœdora geändert. Dieses Wort konnte unbedeutend oder tief, inhaltlos oder voller Wirklichkeit sein, konnte sich auf Glück oder auf Kummer, auf körperliches oder seelisches Leid beziehen. War es ein Fluch oder ein Gebet, Erinnerung oder Zukunft, Reue oder Furcht? Ein ganzes Leben lag in diesem Wort, ein Leben in Armut oder Reichtum; es konnte sogar ein Verbrechen bedeuten! Das Rätsel, das in diesem schönen Frauenbild verborgen lag, war wiedererstanden; Fœdora konnte auf so viele Arten erklärt werden, daß sie unerklärlich wurde. Die Züge ihres Atems, die schwach oder stark, schwer oder leicht von ihren Lippen kamen, formten eine Art Sprache, an die ich Gedanken und Gefühle knüpfte. Ich träumte mit ihr und hoffte, in ihre Geheimnisse einzudringen, indem ich mich in ihren Schlaf schlich, ich schwankte zwischen tausend widersprüchlichen Entschlüssen, zwischen tausend verschiedenen Urteilen. Wenn ich dieses schöne Gesicht in seiner Reinheit und Ruhe sah, konnte ich dieser Frau unmöglich ein Herz absprechen. Ich beschloß, noch einen Versuch zu unternehmen. Ich wollte ihr von meinem Leben, meiner Liebe, all meinen Opfern erzählen; vielleicht, daß ich Mitgefühl in ihr erwecken, ihr eine Träne entlocken konnte, ihr, die niemals weinte. Ich war dabei, all meine Hoffnungen auf diese letzte Probe zu setzen, da kündete mir der Lärm von der Straße, daß der Tag anbrach. Einen Augenblick lang stellte ich mir vor, wie Fœdora in meinen Armen erwachte. Ich konnte mich sachte neben sie legen, mich an sie schmiegen und sie umarmen. Diese Vorstellung quälte mich so fürchterlich, daß ich, um ihr zu entrinnen, in den Salon flüchtete, ungeachtet der Geräusche, die ich hervorrief; zum Glück gelangte ich an eine Tapetentür, die zu einer kleinen Treppe führte. Wie vermutet, steckte der Schlüssel im Schloß; ich riß die Tür auf, eilte beherzt in den Hof hinunter und sprang, ohne mich darum zu kümmern, ob mich jemand sah, in drei Sätzen auf die Straße. Zwei Tage später sollte ein Schriftsteller bei der Comtesse ein Lustspiel vorlesen. Ich ging in der Absicht hin, als Letzter zu bleiben, um ihr ein recht sonderbares Anliegen vorzutragen; ich wollte sie bitten, mir den Abend des nächsten Tages zu widmen; ihre Tür sollte für jeden anderen geschlossen bleiben. Als ich mit ihr allein war, sank mein Mut. Jeder Pendelschlag der Uhr machte mir Angst. Es war dreiviertel Zwölf. – ›Wenn ich jetzt nicht mit ihr spreche‹, sagte ich zu mir selbst, ›schlag ich mir den Schädel an der Kaminecke ein.‹ Ich bewilligte mir drei Minuten Frist; die drei Minuten verstrichen; ich schlug mir nicht den Schädel auf dem Marmor ein, mein Herz war schwer geworden wie ein Schwamm im Wasser. – ›Sie sind überaus liebenswürdig‹, brach sie endlich das Schweigen. ›Ach, Madame‹, rief ich, ›wenn Sie mich verstehen könnten!‹ – ›Was haben Sie?‹ fragte sie, ›Sie werden blaß.‹ – ›Ich will eine Gunst von Ihnen erbitten und wage es nicht.‹ Sie ermutigte mich mit einer Handbewegung, und ich bat um die Zusammenkunft. – ›Gern‹, antwortete sie. ›Aber warum wollen Sie nicht gleich jetzt zu mir sprechen?‹ – ›Ich will Sie nicht täuschen und muß Ihnen sagen, was Ihr Versprechen beinhaltet: ich möchte diesen Abend mit Ihnen verbringen, als wären wir Geschwister. Fürchten Sie nichts; ich weiß, was Sie nicht leiden mögen; Sie haben mich gut genug kennengelernt, um sicher zu sein, daß ich nichts von Ihnen will, was Ihnen mißfallen könnte; überdies, wer über die gebotene Schranke hinauswill, benimmt sich anders. Sie haben mir Freundschaft bezeigt, Sie sind gut und voller Nachsicht. Nun, Sie sollen wissen: morgen muß ich Ihnen Lebewohl sagen. Nehmen Sie Ihr Wort nicht zurück!‰ rief ich, da ich sah, daß sie sprechen wollte, und ich enteilte. Im Mai vorigen Jahres, an einem Abend gegen acht Uhr, saß ich allein mit Fœdora in ihrem gotischen Boudoir. Ich zitterte nicht, ich war sicher, glücklich zu werden. Die Frau, die ich liebte, sollte mein werden, oder ich würde in die Arme des Todes fliehen. Ich hatte über meine feige Liebe das Urteil gesprochen. Ein Mann ist sehr stark, wenn er sich seine Schwäche eingesteht. In einem Kleid aus blauem Kaschmir lag die Comtesse ausgestreckt auf einem Diwan; ihre Füße ruhten auf einem Kissen. Ein orientalisches Barett, ein Kopfschmuck, wie ihn die Maler den alten Hebräern verleihen, hatte ihrer verführerischen Erscheinung noch den pikanten Reiz des Fremdartigen hinzugefügt. Auf ihren Zügen lag ein flüchtiger Zauber, der zu beweisen schien, daß wir in einem jeden Augenblick neue und einzigartige Wesen sind ohne die mindeste Ähnlichkeit mit dem Ich der Zukunft und dem Ich der Vergangenheit. Ich hatte sie nie so strahlend schön gesehen. – ›Wissen Sie‹, sagte sie lächelnd, ›daß Sie meine Neugier erregt haben?‹ – ›Ich werde Sie nicht enttäuschen‹, erwiderte ich kalt. Ich setzte mich neben sie und ergriff ihre Hand. Sie ließ sie mir. ›Sie haben eine sehr schöne Stimme!‹ – ›Sie haben mich nie singen hören!‹ rief sie mit einer erstaunten Bewegung. – ›Ich werde Ihnen das Gegenteil beweisen, wenn es nötig sein wird. Sollte denn Ihr entzückender Gesang ein Geheimnis sein? Beruhigen Sie sich, ich will es Ihnen nicht entreißen.‹ Wir plauderten ungefähr eine Stunde vertraulich miteinander. Nahm ich auch den Ton, das Auftreten und die Gesten eines Mannes an, dem Fœdora nichts verweigern konnte, wahrte ich dabei doch den ganzen Respekt eines Liebenden. Durch dieses Spiel erlangte ich die Gunst, ihr die Hand küssen zu dürfen; sie zog mit einer allerliebsten Bewegung den Handschuh aus, und ich wiegte mich so wollüstig in dem Wahn, an den ich mit Gewalt glauben wollte, daß sich meine ganze Seele in diesen Kuß ergoß. Fœdora ließ sich mit unglaublicher Nachgiebigkeit schmeicheln und liebkosen. Aber halte mich nicht für albern: einen Schritt über diese brüderliche Zärtlichkeit hinaus, und ich hätte die Krallen der Katze zu spüren bekommen. Zehn Minuten etwa blieben wir in tiefes Schweigen versunken. Ich überließ mich der Bewunderung; ich lieh ihr Reize, die sie nicht hatte. In diesem Augenblick gehörte sie mir, mir allein. Ich besaß dieses entzückende Geschöpf, wie es erlaubt war, sie zu besitzen: in der Anschauung und im Geiste; ich hüllte sie in meine Sehnsucht, hielt sie, drückte sie an mich, meine Phantasie vermählte sich mit ihr. So überwand ich die Comtesse kraft einer magnetischen Faszination. Ich habe es deshalb immer bedauert, daß ich mir diese Frau nicht völlig unterwarf; aber in diesem Augenblick begehrte ich nicht ihren Leib, ich wollte eine Seele haben, ich dürstete nach einem Leben, nach jenem idealen und vollkommenen Glück, nach dem schönen Traum, an den wir nicht lange glauben. – ›Madame la Comtesse‹, sagte ich endlich zu ihr, da ich fühlte, daß die letzte Stunde meines Rausches gekommen war, ›hören Sie mich an. Ich liebe Sie, Sie wissen es, ich habe es Ihnen tausendmal gesagt, Sie hätten mich verstehen müssen. Ich wollte Ihre Liebe nicht einer geckenhaften Zurschaustellung noch albernem Schöntun oder törichten Zudringlichkeiten verdanken und bin darum nicht verstanden worden. Wie viele Mißhelligkeiten habe ich um Ihretwillen erduldet, an denen Sie dennoch unschuldig sind. Aber noch ein paar Augenblicke, und Sie werden über mich urteilen können. Es gibt zweierlei Elend, Madame la Comtesse. Das eine geht schamlos und in Lumpen auf der Straße, es nimmt, ohne es zu wissen, das Leben des Diogenes wieder auf, nährt sich von wenigem, führt das Leben auf die Einfachheit zurück; es ist vielleicht glücklicher als der Reichtum, ist wenigstens sorglos; es nimmt die Welt da, wo die Reichen nichts mehr von ihm wollen. Dann gibt es das Elend des Luxus, ein spanisches Elend, das den Bettelstab hinter einem Titel versteckt; es ist stolz und mit Federn geschmückt, dieses Elend mit weißer Weste und gelben Handschuhen, es hat Equipagen und verliert ein Vermögen, weil ihm ein Centime fehlt. Das eine ist das Elend des Volkes; das andere das der Schwindler, der Könige und der Genies. Ich bin nicht Volk noch König, noch Schwindler; vielleicht habe ich auch kein Genie: ich bin eine Ausnahme. Mein Name gebietet mir, lieber zu sterben als zu betteln. Beruhigen Sie sich, Madame, ich bin heute reich, ich besitze alles auf Erden, was ich brauche‹, fügte ich hinzu, als ich sah, wie ihr Gesicht den kalten Ausdruck annahm, der sich auf unseren Mienen spiegelt, wenn wir jemand für einen Gentleman hielten und er sich als ein Bittsteller entpuppt. ›Erinnern Sie sich an den Tag, wo Sie allein, ohne mich, ins GymnaseGymnase: das ›Gymnase dramatique‹, ein unter der Schirmherrschaft der Duchesse de Berry 1820 gegründetes Vaudeville- und Komödientheater in Paris gehen wollten, weil Sie glaubten, ich würde nicht dort sein?‹ Sie nickte mit dem Kopf. ›Ich hatte meinen letzten Taler geopfert, um Sie dort sehen zu können. Erinnern Sie sich unseres Spaziergangs im Jardin des Plantes? Ihr Wagen hat mich mein ganzes Vermögen gekostet.‹ Ich erzählte ihr alle Opfer, die ich gebracht hatte, ich schilderte ihr mein Leben, nicht, wie jetzt dir im Rausch des Weines, nein, im edlen Rausch des Herzens. Meine Leidenschaft ergoß sich in flammenden Worten, in gefühlvollen Ausbrüchen, die ich seitdem vergessen habe, nicht die Kunst und nicht die Erinnerung könnten sie je wiedergeben. Das war nicht der kalte Bericht einer verschmähten Liebe; meine Liebe in all ihrer Kraft und in der Schönheit ihrer Hoffnung gab mir Worte ein, die ein ganzes Leben umreißen, da sie die Schreie einer zerrissenen Seele bargen. Mein Ton glich dem letzten Gebet eines Sterbenden auf dem Schlachtfeld. Sie weinte. Ich brach ab. Großer Gott! Ihre Tränen entsprangen jener künstlichen Rührung, wie man sie für 100 Sous an einer Theaterkasse kaufen kann. Ich hatte den Erfolg eines guten Komödianten. – ›Wenn ich gewußt hätte . . .‹, sagte sie. – ›Reden Sie nicht weiter!‹ rief ich. ›Ich liebe Sie in diesem Augenblick noch genug, um Sie zu töten . . .‹ Sie wollte nach der Schnur der Klingel greifen. Ich brach in Lachen aus. ›Läuten Sie nicht‹, sprach ich. ›Ich lasse Sie Ihr Leben friedlich beschließen. Das hieße den Haß schlecht begreifen, wenn ich Sie tötete! Fürchten Sie keinerlei Gewalt: ich habe eine ganze Nacht am Fuß Ihres Bettes zugebracht, ohne . . .‹ – ›Monsieur!‹ rief sie und errötete. Nach dieser ersten Regung der Scham aber, die keiner Frau, selbst der gefühllosesten, völlig fehlen dürfte, warf sie mir einen verächtlichen Blick zu und fuhr fort: ›Sie müssen sehr kaltblütig gewesen sein!‹ – ›Glauben Sie, Madame‹, erwiderte ich, denn ich erriet die Gedanken, die sie hegte, ›daß Ihre Schönheit etwas so Kostbares für mich ist? Ihr Antlitz ist für mich das Versprechen einer noch schöneren Seele. Und Madame, Männer, die in einer Frau nur das Weib sehen, können sich jeden Abend Odalisken kaufen, die schön genug für einen Harem wären, und für billiges Geld glücklich sein! Aber ich war ehrgeizig, ich wollte Herz an Herz mit Ihnen leben, mit Ihnen, einer Frau, die kein Herz hat. Ich weiß es jetzt. Wenn Sie je einem Manne gehören sollten, würde ich ihn umbringen. Aber nein, dann würden Sie ihn lieben, und sein Tod würde Ihnen vielleicht Schmerz bereiten. Oh, wie furchtbar ich leide!‹ rief ich. – ›Wenn es Sie tröstet‹, sagte sie heiter, ›kann ich Ihnen versichern, daß ich nie einem Manne angehören werde.‹ – ›Halt‹, unterbrach ich sie; ›Sie lästern Gott und werden dafür bestraft werden! Eines Tages werden Sie auf dem Diwan liegen, kein Geräusch und kein Licht vertragen, werden verdammt sein, in einer Art Grab zu leben und unerhörte Schmerzen zu erdulden. Wenn Sie dann nach der Ursache dieser langsamen rächenden Schmerzen suchen, gedenken Sie des Unglücks, das Sie so verschwenderisch auf Ihren Weg gestreut haben. Sie haben überall Flüche gesät und werden Haß ernten. Wir sind unsere eigenen Richter, die Henker eines Gerichtes, das hienieden sein Urteil spricht und das über dem Gericht der Menschen und unter dem Gottes waltet.‹ – ›Ach‹, erwiderte sie lachend, ›ich bin natürlich eine große Verbrecherin, daß ich Sie nicht liebe! Ist das meine Schuld? Nein, ich liebe Sie nicht; Sie sind ein Mann, das ist Grund genug. Ich bin glücklich, daß ich allein bin; warum sollte ich mein Leben, mein egoistisches Leben, wenn Sie es so nennen wollen, gegen die Launen eines Herrn vertauschen? Die Ehe ist ein Sakrament, das nichts als Kummer bringt. Und überdies, Kinder sind mir lästig. Habe ich Ihnen nicht freimütig meinen Charakter im voraus geschildert? Warum haben Sie sich nicht mit meiner Freundschaft begnügt? Ich möchte Sie gerne für die Qualen, an denen ich schuld bin, weil ich nichts von Ihren Geldkalamitäten wußte, entschädigen; ich sehe wohl, was Sie für Opfer gebracht haben; aber Liebe allein kann Ihre Hingabe und Ihr Zartgefühl lohnen; ich aber liebe Sie so wenig, daß dieser Auftritt mir peinlich ist.‹ – ›Ich weiß‹, antwortete ich sanft und konnte dabei die Tränen nicht zurückhalten, ›wie lächerlich ich mich mache; verzeihen Sie mir! Ich liebe Sie so sehr, daß ich sogar die grausamen Worte, die Sie sprechen, mit Entzücken höre. Oh, ich wollte, ich könnte meine Liebe mit meinem Blut besiegeln!‹ – ›Alle Männer sagen uns in mehr oder weniger schönen Worten diese klassischen Redensarten‹, versetzte sie lachend, ›aber es scheint wirklich schwer zu sein, zu unseren Füßen zu sterben; denn ich begegne derlei Toten überall. Es ist Mitternacht, erlauben Sie, daß ich schlafen gehe.‹ – ›Und in zwei Stunden schreien Sie wieder auf: Mein Gott!‹ sagte ich. – ›Vorgestern! ja‹, versetzte sie lachend, ›ich dachte an meinen Bankier; ich hatte vergessen, ihm aufzutragen, meine fünfprozentigen Renten gegen dreiprozentige zu tauschen, und an dem Tag waren die dreiprozentigen gesunken.‹ Ich sah sie mit wutfunkelnden Augen an. Oh! manchmal muß ein Verbrechen ein ganzes Poem sein, das begriff ich. Sie war offenbar an die leidenschaftlichen Ausbrüche gewöhnt und hatte meine Tränen und meine Worte schon vergessen. – ›Würden Sie einen Pair von Frankreich heiraten?‹ fragte ich sie kalt. – ›Vielleicht, wenn er Herzog wäre.‹ Ich nahm meinen Hut und verbeugte mich. ›Gestatten Sie, daß ich Sie bis an die Tür meines Zimmers begleite‹, sagte sie mit einer beißenden Ironie in ihrer Geste, der Haltung ihres Kopfes und ihrem Ton. – ›Madame.‹ – ›Monsieur?‹ – ›Ich werde Sie nicht wiedersehen.‹ – ›Ich hoffe es!‹ erwiderte sie und neigte ihren Kopf mit einer impertinenten Miene. – ›Sie wollen Herzogin werden?‹ begann ich erneut, durch ihre Haltung geradezu in Raserei versetzt. ›Sie dürsten nach Titeln und Ehren? Nun, dann lassen Sie sich nur von mir lieben, befehlen Sie meiner Feder, nur für Sie zu schreiben, meiner Stimme, nur für Sie zu ertönen, seien Sie das geheime Prinzip meines Lebens, seien Sie mein Stern! Nehmen Sie mich erst zum Gemahl, wenn ich Minister, Pair von Frankreich, Herzog bin . . . Ich werde alles werden, was Sie wollen!‹ ›Sie haben‹, erwiderte sie lächelnd, ›Ihre Zeit beim Anwalt gut verwendet: Sie plädieren sehr warmherzig.‹ – ›Du hast die Gegenwart‹, rief ich, ›und ich die Zukunft! Ich verliere nur eine Frau, du aber verlierst einen Namen, eine Familie. Die Zeit trägt meine Rache im Schoß: dir bringt sie Häßlichkeit und Tod in der Einsamkeit; mir den Ruhm!‹ – ›Vielen Dank für das Finale!‹ erwiderte sie, unterdrückte ein Gähnen und bekundete durch ihre Haltung, daß sie mich nicht länger sehen wollte. Nun schwieg ich, schleuderte ihr meinen Haß in einem einzigen Blick zu und enteilte. Es galt, Fœdora zu vergessen, mich von diesem Wahnsinn zu heilen, meine einsamen Studien wiederaufzunehmen oder zu sterben. Ich erlegte mir also ein gewaltiges Arbeitspensum auf, ich wollte meine Werke vollenden. Vierzehn Tage lang verließ ich meine Mansarde nicht und saß des Nachts über meinen anstrengenden Studien. Trotz meines Mutes und der Kraft der Verzweiflung arbeitete ich schwer und nur sporadisch. Die Muse hatte mich verlassen. Ich konnte das strahlende, spöttische Bild Fœdoras nicht bannen. Jeder Gedanke brütete einen anderen krankhaften Gedanken aus, ein Begehren, so schrecklich quälend wie das Gewissen. Ich folgte dem Beispiel der Einsiedler aus der Thebais. Zwar betete ich nicht wie sie, aber wie sie lebte ich in einer Einöde und höhlte mein Herz aus, wie sie die Felsen höhlten. Ich hätte mir notfalls sogar einen Stachelgürtel angelegt, um den Schmerz der Liebe durch den körperlichen Schmerz zu bändigen. Eines Abends drang Pauline in mein Zimmer ein. – ›Sie richten sich zugrunde‹, sagte sie mit flehender Stimme zu mir, ›Sie sollten ausgehen, Ihre Freunde aufsuchen.‹ – ›Ach, Pauline! Ihre Prophezeiung ist eingetroffen. Fœdora tötet mich, ich will sterben. Das Leben ist mir unerträglich.‹ – ›Gibt es denn nur eine Frau in der Welt?‹ fragte sie lächelnd. ›Warum machen Sie sich dieses kurze Leben zu so maßloser Qual?‹ Ich blickte Pauline wie erstarrt an. Sie ließ mich allein. Ich hatte gar nicht bemerkt, daß sie gegangen war; ich hatte ihre Stimme gehört, ohne den Sinn ihrer Worte zu verstehen. Bald darauf mußte ich das Manuskript der Memoiren zu meinem literarischen Unternehmer bringen. Ich war so von meiner Leidenschaft besessen, daß ich nicht wußte, wie ich ohne Geld hatte leben können; ich wußte bloß, daß ich die 450 Francs, die mir zustanden, ausreichten, meine Schulden zu bezahlen; ich wollte also mein Honorar holen und traf Rastignac. Er fand mich verändert und abgemagert. – ›Aus welchem Hospital kommst du denn?‹ fragte er mich. – ›Diese Frau tötet mich‹, erwiderte ich; ›ich kann sie nicht verachten und nicht vergessen.‹ – ›Da ist es besser, sie zu töten‹, versetzte er lachend; ›vielleicht denkst du dann nicht mehr an sie.‹ – ›Daran habe ich auch gedacht‹, war meine Antwort; ›manchmal erquickte ich meine Seele mit dem Gedanken an ein Verbrechen, Notzucht oder Mord oder beides zusammen; aber ich bin nicht imstande, es wirklich zu begehen. Die Comtesse ist ein entzückendes Ungeheuer, das um Gnade bitten würde, und ich bin kein Othello!‹ – ›Sie ist wie alle Weiber, die wir nicht haben können‹, unterbrach mich Rastignac. – ›Ich bin toll!‹ rief ich; ›ich spüre, wie der Wahnsinn zuzeiten in meinem Hirn rast. Meine Gedanken sind wie geisterhafte Gestalten, sie umgaukeln mich, und ich kann sie nicht fassen. Lieber will ich tot sein, als so weiterleben. Und so suche ich nur nach dem besten Mittel, diesem Kampf ein Ende zu machen. Es handelt sich nicht mehr um die lebendige Fœdora des Faubourg Saint-Honoré, sondern um meine Fœdora, um die, die da drinnen wohnt!‹ rief ich und schlug mit der Hand gegen die Stirn. ›Was hältst du vom Opium?‹ – ›Gar nichts! Furchtbare Quälerei!‹ erwiderte Rastignac. – ›Ersticken durch Kohlendunst?‹ – ›Pöbelhaft.‹ – ›Die Seine?‹ – ›Die Netze und die Morgue sind sehr schmutzig.‹ – ›Ein Pistolenschuß?‹ – ›Und wenn du fehlst, bist du für immer entstellt. Höre‹, fügte er hinzu, ›ich habe wie alle jungen Leute über den Selbstmord nachgedacht. Wer unter uns Dreißigjährigen hätte sich nicht zwei- oder dreimal umgebracht? Ich habe nichts Besseres gefunden, als das Dasein in Vergnügungen zu verschleißen. Stürze dich in Ausschweifungen, dann geht deine Leidenschaft oder du selbst darin zugrunde. Maßlosigkeit, mein Lieber, ist die Königin aller Tode. Gebietet sie nicht über den Schlaganfall? Der Schlaganfall ist ein Pistolenschuß, der nicht fehlgeht. Orgien verschaffen uns leibliche Wonnen in Fülle; sind sie nicht Opium in kleinen Dosen? Wenn wir unmäßig trinken, fordert die Ausschweifung den Wein auf Tod und Leben in die Schranken. Schmeckt das Faß Malvasier des Duc de Clarencedas Faß Malvasier des Duc de Clarence: Der Herzog von Clarence (1449-1478), der gegen seinen Bruder König Eduard IV. konspirierte, wurde zum Tode verurteilt und bat, in einem Faß Wein ertränkt zu werden nicht besser als der Schlamm der Seine? Wenn wir nobel unter den Tisch rollen, ist das nicht so etwas wie eine periodische Gasvergiftung? Wenn die Patrouille uns aufliest und wir in den Wachstuben auf den kalten Pritschen liegen, genießen wir da nicht die Freuden der Morgue,Morgue: Pariser Leichenschauhaus ohne diese häßlich aufgetriebenen Bäuche und blau-grünen Flecken, dafür aber im vollen Bewußtsein der Lage? Oh‹, fuhr er fort, ›solch langer Selbstmord ist etwas anderes als der Tod eines bankrotten Krämers! Die Kaufleute haben unseren Fluß geschändet; sie stürzen sich ins Wasser, um ihre Gläubiger zu rühren. An deiner Stelle würde ich versuchen, mit Eleganz zu sterben. Willst du eine neue Todesart schaffen, indem du solcherart das Leben herausforderst, bin ich dein Sekundant. Ich langweile mich, ich bin enttäuscht. Die Elsässerin, die man mir zur Frau vorgeschlagen hat, hat sechs Zehen am linken Fuß: ich kann mit keiner Frau leben, die sechs Zehen hat! Das spräche sich herum, und ich wäre lächerlich. Sie hat nur 18 000 Francs Rente! zuwenig Geld und zuviel Zehen! Zum Teufel! Führen wir ein tolles Leben, vielleicht packen wir per Zufall das Glück beim Schopfe!‹ Rastignac riß mich mit. Dieser Plan war zu verführerisch, er entzündete aufs neue zu viele Hoffnungen, kurz, er hatte eine zu poetische Farbe, als daß ein Dichter ihm hätte widerstehen können. – ›Und das Geld?‹ fragte ich. – ›Hast du nicht 450 Francs?‹ – ›Ja, aber ich habe Schulden bei meinem Schneider, bei meiner Wirtin.‹ – ›Du bezahlst deinen Schneider? Aus dir wird nie etwas werden, nicht einmal ein Minister.‹ – ›Aber was können wir mit 20 Louisdors anfangen?‹ – ›Spielen gehen.‹ Mich überlief ein Schauder. ›Oh!‹ rief er, als er meine Scheu bemerkte, ›du willst dich auf mein System des wüsten Lebens, wie ich es nenne, werfen und fürchtest dich vor einem grünen Tuch!‹ – ›Höre‹, antwortete ich ihm, ›ich habe meinem Vater versprochen, nie den Fuß in ein Spielhaus zu setzen. Nicht nur, daß das Versprechen mir heilig ist, ich verspüre auch eine unüberwindliche Abneigung, wenn ich an einer Spielhölle vorbeikomme; nimm meine 100 Taler und geh allein hin! Während du unser Vermögen riskierst, werde ich meine Angelegenheiten in Ordnung bringen und dann in deiner Wohnung auf dich warten.‹ So also, mein Lieber, rannte ich in mein Verderben. Ein junger Mann braucht nur auf eine Frau zu treffen, die ihn nicht liebt oder die ihn zu sehr liebt, und schon ist sein ganzes Leben aus den Fugen. Das Glück verzehrt unsere Kräfte, wie das Unglück unsere Tugenden vernichtet. Als ich ins Hotel Saint-Quentin zurückgekehrt war, betrachtete ich lange die Kammer, in der ich das keusche Leben eines Gelehrten geführt hatte, ein Leben, das vielleicht lang und ehrenvoll geworden wäre und das ich nicht für ein Leben der Leidenschaft hätte verlassen sollen, das mich in den Abgrund riß. Pauline kam und fand mich düster dahockend. – ›Was ist Ihnen denn?‹ fragte sie. Ich stand mit ernster Miene auf, zählte ihr das Geld hin, das ich ihrer Mutter schuldig war, und fügte meine Miete für ein halbes Jahr hinzu. Sie sah mich erschrocken an. ›Ich verlasse Sie, liebe Pauline.‹ – ›Ich ahnte es!‹ rief sie. – ›Hören Sie, mein Kind, ich möchte nicht völlig darauf verzichten, wieder hierherzukommen. Reservieren Sie mir meine Zelle ein halbes Jahr lang. Bin ich am 15. November nicht zurück, so treten Sie meine Erbschaft an. Dieses versiegelte Manuskript – damit wies ich ihr einen Packen Papiere – ist die Abschrift meines großen Werkes über den Willen; übergeben Sie es der Königlichen Bibliothek. Mit allem anderen, was ich hier lasse, können Sie machen, was Sie wollen.‹ Sie warf mir Blicke zu, die mich schwer ins Herz trafen. Pauline stand da wie das leibhaftige Gewissen. – ›Ich werde keine Stunden mehr haben?‹ fragte sie mit einem Blick aufs Klavier. Ich antwortete nicht. ›Werden Sie mir schreiben?‹ – ›Leben Sie wohl, Pauline.‹ Ich zog sie sanft an mich und drückte auf ihre liebe Stirn, jungfräulich wie Schnee, der die Erde noch nicht berührt hat, einen brüderlichen Kuß – den Kuß eines Greises. Sie enteilte. Madame Gaudin wollte ich nicht sehen. Ich hing meinen Schlüssel an die gewohnte Stelle und ging. Als ich die Rue de Cluny verließ, hörte ich einen leichten Frauenschritt hinter mir. – ›Ich hatte Ihnen diese Börse gestickt; wollen Sie die auch nicht mitnehmen?‹ Ich glaubte, beim Schein der Straßenlaterne eine Träne in Paulines Augen schimmern zu sehen und seufzte. Vielleicht von dem gleichen Gedanken getrieben, trennten wir uns so eilig, als flüchteten wir vor der Pest. Das wüste Leben, dem ich mich überlassen wollte, schien mir in dem Zimmer, in dem ich mit edler Unbekümmertheit auf Rastignacs Rückkehr wartete, seinen bizarren Ausdruck zu finden. Mitten auf dem Kamin stand eine Pendule, auf der eine Venus auf einer Schildkröte hockte und einen Zigarrenstummel in den Armen hielt. Elegante Möbel, Geschenke der Liebe, standen unordentlich umher. Alte Socken lagen auf einem üppigen Diwan herum. Der bequeme Lehnstuhl, in dem ich versunken war, zeigte Narben wie ein alter Soldat, stellte seine zerrissenen Arme zur Schau und trug auf seiner Lehne eine Kruste von Pomade und Haaröl, ein Abdruck sämtlicher Freundesköpfe. Üppigkeit und Elend paarten sich ungeniert im Bett, an den Wänden, überall. Man wurde an die von LazzaroniLazzaroni: herumlungernde Arme in Neapel umlagerten Paläste von Neapel erinnert. Es war das Zimmer eines Spielers oder Liederjans, dessen Luxus an seine Person gebunden ist, der nur mit den Sinnen lebt und sich um derlei Divergenzen nicht weiter schert. Der Anblick war übrigens nicht ohne Romantik. Das Leben zeigte sich da mit seinen Flittern und Lumpen, wetterwendisch und unvollkommen, wie es wirklich ist, aber lebhaft und farbenfreudig wie im Zelt eines Marodeurs, der alles zusammengeplündert hat, was ihm Freude macht. Ein Byron, aus dem Blätter herausgerissen waren, hatte dem jungen Mann zum Feueranmachen gedient, der im Spiel 1000 Francs riskiert, aber kein Scheit Holz hat, der im Tilbury fährt, aber kein ordentliches Hemd am Leibe trägt. Schon am nächsten Tag gibt ihm vielleicht eine Comtesse, eine Schauspielerin oder das ÉcartéÉcarté: französisches Kartenspiel (32 Blatt), zwischen zwei Spielern gespielt eine königliche Ausstattung. Hier klebte eine Kerze in der grünen Kappe eines Feuerzeuges; dort lag das Bildnis einer Frau, das seines goldenen Rahmens beraubt worden war. Wie sollte ein junger Mann, dessen Natur nach Erregungen dürstet, auf die Reize eines Lebens verzichten, das so reich an Gegensätzen ihm mitten im Frieden die Freuden des Krieges gewährt? Ich war beinahe eingenickt, als Rastignac mit einem Fußtritt die Tür aufstieß und rief: ›Triumph! jetzt können wir sterben, wie's uns beliebt!‹ Er zeigte mir seinen Hut, der voller Gold war, stellte ihn auf den Tisch, und wir tanzten um ihn herum wie zwei Kannibalen um ihr Opfer, heulten, stampften, sprangen, versetzten uns Faustschläge, die ein Rhinozeros niedergestreckt hätten, und sangen lauthals angesichts aller Freuden der Welt, die für uns in diesem Hut enthalten waren. ›27 000 Francs!‹ rief Rastignac und warf noch ein paar Scheine auf den Goldhaufen. ›Anderen könnte dieses Geld zum Leben genügen, aber ob es uns zum Sterben genug ist? O ja, wir werden in einem Goldbad dahinscheiden! Hurra!‹ Wir fingen von neuem mit unsern Bocksprüngen an. Dann machten wir uns wie lachende Erben ans Teilen, Stück für Stück; bei den Doppelnapoleons fingen wir an, gingen von den großen Münzen zu den kleinen über und kosteten unsere Freude tropfenweise, indem wir immer wieder sagten: ›Das dir! Das mir!‹ – ›Heute schlafen wir nicht!‹ rief Rastignac. ›Joseph, Punsch!‹ Er warf seinem treuen Diener Gold zu: ›Da hast du deinen Anteil‹, sagte er, ›begrabe dich, wenn du kannst!‹ Am Tag darauf kaufte ich bei Lesage Möbel, mietete die Wohnung in der Rue Taitbout, in der du mich kennengelernt hast, und beauftragte den besten Tapezierer mit der Ausstattung. Ich schaffte mir Pferde an. Ich stürzte mich in einen Wirbel von eitlen und von wirklichen Genüssen. Ich spielte, gewann und verlor abwechselnd ungeheure Summen, aber auf Festen, bei Freunden, nie in Spielhäusern, vor denen ich meine frühere heilige Scheu beibehielt. Allmählich fand ich Freunde. Ich verdankte ihre Anhänglichkeit kleinen Streitigkeiten oder der vertrauensseligen Leichtfertigkeit, mit der wir uns unsere Geheimnisse anvertrauen und uns gemeinsam erniedrigen; aber vielleicht sind nur die Laster unser Bindeglied? Ich wagte mich an einige literarische Arbeiten, die mir Komplimente eintrugen. Da die Leuchten der Literatenwelt in mir keinen gefährlichen Konkurrenten sahen, lobten sie mich, ohne Zweifel weniger wegen meines persönlichen Verdienstes, als um das ihrer Kollegen zu schmälern. Ich wurde ein Lebemann, um mich dieses malerischen Ausdrucks zu bedienen, den eure Orgiensprache erfunden hat. Es war mir eine Ehrensache, mich schnell umzubringen, mit meinem Schwung und meiner Ausdauer die heitersten Kumpane auszustechen. Ich war immer frisch, immer elegant. Ich galt für geistvoll. Man sah mir das furchtbare Dasein nicht an, das aus dem Menschen einen Trichter, einen Verdauungsapparat, ein Luxuspferd macht. Bald erschien mir die Ausschweifung in der ganzen Majestät ihres Grauens, und ich verstand sie! Keine Frage: die vernünftigen Leute aus geordneten Verhältnissen, die Weinflaschen für ihre Erben etikettieren, können weder die Theorie dieses unermeßlichen Lebens noch dessen Normalzustand auch nur annähernd begreifen; wie soll man Provinzlern, für die Opium und Tee, in denen eine solche Fülle von Wonnen schlummern, noch immer nur Arzneien sind, die Poesie dieses Lebens beibringen? Findet man nicht selbst in Paris, dieser Hauptstadt des Geistes, kleinmütige Sybariten?Sybariten: Bewohner der antiken italienischen Stadt Sybaris, deren schwelgerisches Wohlleben im Altertum sprichwörtlich war. Unfähig, das Übermaß des Genusses zu vertragen, schleppen sie sich ermattet von einer Orgie weg, wie die biederen Bürger, die eine neue Oper von Rossini gehört haben und nachher die Musik verdammen? Entsagen sie nicht diesem Leben, wie ein maßvoller Mensch keine Pasteten von Ruffec mehr essen will, weil ihm die erste den Magen verdorben hat? Die Ausschweifung ist sicherlich eine Kunst wie die Poesie und braucht starke Seelen. Um ihre Geheimnisse zu fassen, ihre Köstlichkeiten zu schlürfen, muß man sich einigermaßen gründlichen Studien hingeben. Wie alle Wissenschaften ist sie im Anfang abschreckend und dornenvoll. Ungeheure Hindernisse umgeben die großen Freuden des Menschen, nicht seine Vergnügungen im einzelnen, sondern die Systeme, welche die seltensten Empfindungen zur Gewohnheit erheben, ihnen Intensität verleihen, sie für ihn fruchtbar machen, indem sie in sein Leben ein dramatisches Element bringen und ihn zu einem unmäßigen, schnellen, verschwenderischen Verbrauch seiner Kräfte nötigen. Der Krieg, die Macht, die Künste bringen Verderbtheiten hervor, die menschlichem Begreifen ebenso fernliegen wie die Ausschweifung, und zu denen der Zugang ebenso schwierig ist. Aber hat der Mensch erst einmal diese großen Geheimnisse im Sturm genommen, schreitet er wie in einer neuen Welt. Generäle, Minister, Künstler werden allesamt mehr oder weniger zur Zügellosigkeit getrieben, weil sie das Bedürfnis haben, ihrem so weit vom gewöhnlichen Leben entfernten Dasein außerordentliche Zerstreuung entgegenzusetzen. Letztendlich ist der Krieg die Ausschweifung des Blutes, wie die Politik die Ausschweifung der Interessen ist. Alle Exzesse sind Geschwister. Diese sozialen Ungeheuerlichkeiten haben die Gewalt von Abgründen; sie ziehen uns an, wie Sankt Helena Napoleon an sich lockte; sie machen uns schwindlig, behexen uns, und wir lechzen danach, ihre letzten Tiefen zu ergründen, ohne zu wissen, warum. Vielleicht lebt in diesen Abgründen die Idee des Unendlichen; vielleicht bergen sie eine große Huldigung für den Menschen; dreht sich denn nicht alles um seine Person? Der Künstler braucht einen Kontrast zum Paradies seiner Arbeitsstunden, seiner Schöpferwonnen, er ist müde und ersehnt entweder wie Gott die Sonntagsruhe oder wie der Teufel die Lüste der Hölle, um mit der Anspannung der Sinne die Anspannung seiner Fähigkeiten auszugleichen. Lord Byrons Erholung konnte nicht das geschwätzige BostonBoston: Kartenspiel zu viert mit französischen Whistkarten, das während des amerikanischen Freiheitskampfes erfunden wurde und dessen Ausdrücke aus dem politischen Wortschatz dieser Zeit stammten sein, das einen Rentier entzückt; er war ein Dichter, er brauchte Griechenland, um gegen Mohammed zu spielen. Wird der Mensch nicht im Krieg ein Racheengel, ein Henker kolossalen Ausmaßes? Bedarf es nicht ganz außerordentlicher Reize, damit wir die wilden Schmerzen, die Feinde unserer gebrechlichen Hülle, ertragen, welche die Leidenschaften wie mit einem dornigen Gürtel umgeben? Hat der Raucher, wenn er sich nach übermäßigem Tabakgenuß in Krämpfen wälzt und Todesqualen aussteht, nicht in unbekannten Regionen wundervolle Feste erlebt? Hat nicht Europa, ohne sich Zeit zu lassen, bis seine Füße trockneten, die bis zum Knöchel in Blut gewatet sind, unaufhörlich immer wieder Krieg angezettelt? Also erfährt der Mensch in seiner Gesamtheit ebenso einen Rausch wie die Natur ihre Anwandlungen von Liebe? Für den Privatmann, für den Mirabeau, der in einer Zeit des Friedens vegetiert und von Stürmen träumt, birgt Ausschweifung alles in sich, sie ist für ihn ein unaufhörliches Umschlingen des ganzen Lebens, oder vielmehr ein Duell mit einer unbekannten Macht, mit einem Ungeheuer. Zuerst erschreckt ihn das Ungeheuer, man muß es bei den Hörnern fassen, was unerhörte Anstrengungen erfordert. Hat die Natur euch einen zu engen oder trägen Magen gegeben? Zwingt ihn, weitet ihn; lernt den Wein vertragen, zähmt den Rausch, bringt die Nächte schlaflos zu und entwickelt schließlich das Naturell eines Kürassierobersten, so erschafft ihr euch selber ein zweites Mal, wie Gott zum Trotz! Wenn der Mensch sich auf diese Weise verwandelt hat, wenn der Neuling – ein alter Soldat – seine Seele an den Donner der Geschütze, seine Beine an den Marsch gewöhnt hat, ohne noch dem Ungeheuer verfallen zu sein, ohne noch zu wissen, wer von beiden die Oberhand gewinnen wird, dann wälzen sie sich wild im Kampfe, bald Sieger, bald Besiegter, in einer Sphäre, wo alles wundervoll ist, wo die Seelenqualen einschlummern und nur Trugbilder des Geistes aufleben. Und schon ist dieser wilde Kampf zum Bedürfnis geworden. Da der Ausschweifende eine leibhafte Verkörperung jener Fabelgestalten ist, die der Legende nach dem Teufel ihre Seele verkauft haben, um von ihm die Macht zu erlangen, Böses zu tun, hat er den Tod gegen alle Genüsse des Lebens getauscht, gegen überschäumende, fruchtbare Lust! Anstatt gemächlich zwischen zwei eintönigen Ufern dahinzufließen, in einem Kontor oder einer Studierstube, schäumt und sprudelt das Leben wie ein Sturzbach. Kurz, Ausschweifung ist für den Körper, was mystische Freuden für die Seele sind. Die Trunkenheit taucht den Menschen in Träume, deren phantastische Gebilde so seltsam sind wie die der Ekstase. Er erlebt Stunden, entzückend wie die Launen eines jungen Mädchens, köstliche Plauderstunden mit Freunden, vernimmt Worte, die ein ganzes Leben ausdrücken, genießt Freuden frei ohne Hintergedanken, reist ohne zu ermüden, ganze Dichtungen erstehen ihm aus ein paar Sätzen. Der brutalen Befriedigung der Bestie Mensch, in deren Innerem die Wissenschaft eine Seele gesucht hat, folgt eine wunderbare Betäubung, nach der die ihres Geistes überdrüssigen Menschen sich sehnen. Verspüren sie nicht all die Notwendigkeit völliger Ruhe, und ist die Ausschweifung nicht eine Art Steuer, die das Genie dem Bösen zahlt? Sieh dir all die großen Männer an: wenn sie nicht wollüstig sind, hat die Natur ihnen einen kümmerlichen Körper gegeben. Eine Macht, sei sie nun boshaft oder eifersüchtig, verdirbt ihnen die Seele oder den Körper, um gegen die Mühen ihres Talents ein Gegengewicht zu schaffen. In solchen Stunden des Weinrausches erscheinen uns Menschen und Dinge in den Gewändern, die wir selbst ihnen geben. Als König der Schöpfung wandeln wir sie nach unserem Gefallen. In diesem fortwährenden Fiebertaumel gießt uns das Spiel nach unserem Willen sein flüssiges Blei in die Adern. Eines Tages sind wir dem Ungeheuer hörig, dann gibt es, wie es mir erging, ein fürchterliches Erwachen: die Ohnmacht sitzt an unserem Bett. Den alten Krieger verzehrt die Schwindsucht; eine Herzerweiterung hält das Leben des Diplomaten am seidenen Faden; mir sagt vielleicht bald eine Lungenentzündung: 'Erledigt!', wie einstmals zu Raffael aus Urbino,Raffael aus Urbino: Raffael (1483-1520), Hauptmeister der Renaissance, dessen Geburtsort Urbino ist. Die Anspielung Balzacs auf die Todesursache Raffaels basiert auf einem Gerücht den seine Ausschweifungen in der Liebe dahingerafft haben. Sieh, so habe ich gelebt! Ich bin entweder zu früh oder zu spät in das Leben dieser Welt geraten; zweifellos wäre meine Kraft ihr gefährlich geworden, wenn ich sie nicht auf diese Art zerrüttet hätte; wurde die Welt nicht von Alexander befreit durch den Herkuleskelch,. . . wurde die Welt nicht von Alexander befreit durch den Herkuleskelch: nach dem griechischen Geschichtsschreiber Diodorus, gen. Siculus (1. Jh. v. Chr.), fand Alexander der Große (um 356-323 v. Chr.) den Tod, als er nach einem Gastmahl einen gewaltigen Kelch Wein mit einem Zuge leerte den er am Ende eines Gelages leerte? Kurz, gewisse vom Schicksal betrogene Existenzen brauchen den Himmel oder die Hölle, die Ausschweifung oder das Hospiz auf dem Sankt Bernhard. Deswegen hatte ich nicht den Mut, diesen beiden Geschöpfen«, damit wies er auf Euphrasie und Aquilina, »Moral zu predigen. Waren sie nicht die Verkörperung meiner Geschichte, ein Abbild meines Lebens? Ich vermochte sie nicht anzuklagen, sie erschienen mir wie Richter. Mitten in diesem erlebten Gedicht, dieser betäubenden Krankheit hatte ich aber zwei Krisen, die mir eine Fülle herber Schmerzen bereiteten. Zunächst begegnete ich einige Tage, nachdem ich mich wie SardanapalSardanapal (um 650 v. Chr.): letzter assyrischer König, galt unter den Griechen als Urbild des Schwelgers auf meinen Scheiterhaufen geworfen hatte, im Foyer der Bouffons Fœdora. Wir warteten auf unsere Wagen. – ›Ah, finde ich Sie also noch am Leben!‹ So etwa konnte man ihr Lächeln und die boshaften leisen Worte deuten, die sie ihrem Begleiter zuraunte, dem sie sicherlich meine Geschichte erzählte, wobei sie meine Liebe zu einer ganz gewöhnlichen Liebe herabwürdigte. Sie beglückwünschte sich zu ihrem falschen Scharfblick. Oh, um ihretwillen zu sterben, sie noch immer anzubeten, sie vor Augen zu haben in meinen Ausschweifungen, im Rausch, im Bett der Kurtisanen und Zielscheibe ihres Spottes sein! Oh, daß ich nicht meine Brust zerfleischen, meine Liebe herausreißen und ihr zu Füßen werfen konnte. Ich erschöpfte meinen Schatz natürlich rasch; aber drei Jahre mäßigen Lebens hatten mich mit einer überaus robusten Gesundheit versehen, und an dem Tage, da ich kein Geld mehr hatte, ging es mir ganz vortrefflich. Um meinen Selbstmord fortsetzen zu können, unterzeichnete ich kurzfristige Wechsel, und der Zahltag kam heran. Grausame Erregungen! Wie sie Leben in die jungen Herzen bringen! Ich war noch nicht zum Altern geschaffen; meine Seele war noch immer jung, lebhaft und frisch. Meine ersten Schulden riefen alle meine Tugenden wieder wach; sie nahten mit langsamen Schritten und schienen verzweifelt. Ich wußte mich aber mit ihnen abzufinden wie mit alten Tanten, die uns anfänglich schelten und dann Tränen und Geld spenden. Meine Fantasie aber war strenger; sie hielt mir meinen Namen vor, wie er von Stadt zu Stadt, auf allen Plätzen Europas ausgeschrieben wurde. – ›Unser Name sind wir selbst‹, hat Eusèbe SalverteEusèbe Salverte, Pierre-Joseph-Eusèbe Baconnière de Salverte (1771-1839): französischer Philosoph und Politiker, verfaßte einen ›Historischen und Philosophischen Essay über die Namen von Männern, Völkern und Orten‹ (1823) gesagt. Ich sah mich also selbst, wie ich in der Welt herumvagabundierte und schließlich wie der Doppelgänger in der Geschichte eines Deutschen in meine Wohnung zurückkam, die ich doch nicht verlassen hatte, um mich selbst aus dem Schlaf zu schrecken. Früher hatte ich diese Bankmenschen, diese Vertreter kommerziellen Gewissens, stets in Grau gekleidet – sie tragen die Livree ihres Herrn, der Silbermünze –, gleichgültig in den Straßen von Paris wahrgenommen; jetzt aber haßte ich sie im voraus. Würde nicht eines Morgens einer von ihnen für die elf Wechsel, die ich gekritzelt hatte, Bezahlung verlangen? Meine Unterschrift war 3000 Francs wert, ich selbst nicht so viel! Mit ihren Mienen, gleichgültig gegen jede Verzweiflung, selbst gegen den Tod, erstanden die Gerichtsvollzieher vor mir wie Henker, die zu einem Verurteilten sagen: ›Es hat halb vier Uhr geschlagen.‹ Ihre Schreibknechte hatten das Recht, sich meiner zu bemächtigen, meinen Namen zu kritzeln, ihn zu beschmutzen, ihn zu verspotten. ›Ich schuldete.‹ Schulden haben, heißt das noch sich selbst gehören? Konnten nicht fremde Menschen Rechenschaft über mein Leben verlangen? Mich fragen, warum ich Puddings à la chipolata gegessen hätte? Warum ich Eisgekühltes tränke? Warum ich schliefe, ginge, dachte, vergnügt wäre, ohne sie zu bezahlen? Mitten in einem Gedicht, in einem Gedankengang oder beim Frühstück im Kreis der Freunde, der Lust, vergnügter Scherzreden konnte ich einen Herrn in braunem Rock mit einem schäbigen Hut in der Hand eintreten sehen. Dieser Herr wird meine Schuld, wird mein Wechsel sein, ein Gespenst, das meine Freude verdirbt, mich zwingt, vom Tische aufzustehen und mit ihm zu sprechen; er wird mir meinen Frohsinn, meine Geliebte, wird mir alles wegnehmen, bis auf das Bett. Die Reue ist weniger fürchterlich, sie setzt uns nicht auf die Straße und bringt uns nicht in Schuldhaft, sie taucht uns nicht in diesen gräßlichen Sündenpfuhl; sie bringt uns nur auf das Schafott, wo der Henker uns adelt: im Augenblick unserer Hinrichtung glaubt jeder an unsere Unschuld, wohingegen die Gesellschaft dem Wüstling ohne Geld keine Tugend lässt. Und zu alledem noch diese zweibeinigen Schulden, die, in grünes Tuch gekleidet, blaue Brillengläser oder bunte Regenschirme tragen; diese fleischgewordenen Schulden, denen wir just in dem Augenblick, in dem wir eben vergnügt lächeln, an einer Straßenecke von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, diese Leute, die das gräßliche Privileg haben, zu sagen: – ›Monsieur de Valentin schuldet mir Geld und bezahlt mich nicht. Er gehört mir! Daß er mir ja kein unfreundliches Gesicht schneidet!‹ Man muß also seine Gläubiger grüßen, recht freundlich grüßen. – ›Wann gedenken Sie mich zu bezahlen?‹ fragen sie. Und wir sind genötigt zu lügen, einen anderen wegen Geldes anzuflehen, vor einem dummen Tropf, der auf seinem Säckel sitzt, einen Bückling zu vollführen, seinen kalten Blick, einen Blutegelblick auszuhalten, der schlimmer ist als eine Ohrfeige, sich seiner Rechenmoral und seiner krassen Unwissenheit zu beugen. Eine Schuld ist ein Werk der Phantasie, für das sie kein Verständnis haben. Ein Aufschwung der Seele reißt so manches Mal einen Menschen dazu hin, Schulden zu machen, und beherrscht ihn, während die, die im Gelde leben und nichts als das Geld kennen, von nichts Großem beherrscht, von nichts Edelmütigem geleitet werden. Ich hatte einen Abscheu vor dem Geld. Schließlich kann sich der Wechsel in einen tugendhaften Greis verwandeln, einen Familienvater. Ich war vielleicht einem lebenden Bild von GreuzeGreuze, Jean-Baptiste (1725-1805): französischer Maler vor allem idyllischer Familienszenen Geld schuldig, einem Gelähmten mit einer Kinderschar oder einer Soldatenwitwe, die mir alle ihre erhobenen Hände entgegenstreckten. Furchtbare Gläubiger, mit denen wir weinen müssen und denen wir, wenn wir sie bezahlt haben, auch noch Beistand schulden. Am Abend vor dem Verfallstag hatte ich mich mit der falschen Ruhe derer schlafen gelegt, die sich auch vor ihrer Hinrichtung oder vor einem Duell immer noch in trügerischer Hoffnung wiegen. Aber als ich aufwachte, als ich kalten Blutes überlegte, als ich fühlte, wie meine Seele im Portefeuille eines Bankiers steckte, mit roter Tinte auf einer Liste voller Zahlen geschrieben stand, da sprangen mir meine Schulden von überallher wie Heuschrecken entgegen; sie saßen in meiner Uhr, meinen Sesseln oder in den Möbeln, die ich am liebsten hatte. Diese angenehmen Sklaven aus Holz und Stoff sollten also den Harpyien des ChâteletChâtelet: Festung in Paris, Sitz des Kriminalgerichts zur Beute fallen, sollten von Bütteln weggeschleppt und ungerührt versteigert werden. Ach, nur meine Hülle war noch ich selbst. Die Türklingel läutete in meinem Herzen, sie traf mich, wo man Könige treffen muß, am Kopf. Es war ein Martyrium, aber eins, dem kein Himmel als Lohn winkte. Jawohl, für einen Menschen, der ein Herz hat, sind Schulden die Hölle, eine Hölle mit Gerichtsvollziehern und Häschern des Schuldgerichts. Eine unbezahlte Schuld ist eine Niederträchtigkeit, ist der Anfang der Spitzbüberei und, schlimmer als all das: ist eine Lüge! Sie ist die Saat der Verbrechen, sie häuft die Bretter zum Schafott. Meine Wechsel gingen zu Protest. Drei Tage später bezahlte ich sie. Das ging so: Ein Spekulant schlug mir vor, ich sollte ihm die Insel verkaufen, die ich in der Loire besaß und auf der das Grab meiner Mutter stand. Ich willigte ein. Als ich bei dem Notar des Käufers den Vertrag unterzeichnete, spürte ich in dem dunklen Büro einen eisigen Hauch wie aus einer Gruft. Ich schauderte, als ich dieselbe feuchte Kälte spürte, die mich am Rand des Grabes erfaßt hatte, in dem mein Vater ruht. Ich nahm diesen Zufall für ein düsteres Vorzeichen. Mir war, als hörte ich die Stimme meiner Mutter und sähe ihren Schatten; eine mir unbekannte Macht ließ meinen eigenen Namen durch Glockengeläut hindurch an mein Ohr dringen. Vom Erlös meiner Insel blieben mir nach Bezahlung aller Schulden noch 2000 Francs. Gewiß hätte ich nun zu meiner friedlichen Gelehrtenexistenz in meine Mansarde zurückkehren können, nachdem ich das Leben erprobt, den Kopf voll wichtiger und reicher Beobachtungen hatte und schon eine gewisse Berühmtheit genoß. Aber Fœdora hatte ihre Beute nicht fahrenlassen. Wir waren uns oft begegnet. Ich hatte dafür gesorgt, daß ihre Liebhaber, die über meinen Geist, meine Pferde, meine Erfolge, meine Equipagen erstaunt waren, ihr ständig mit meinem Namen in den Ohren lagen. Sie blieb bei allem kalt und gefühllos, selbst als Rastignac ihr gegenüber die schreckliche Bemerkung machte: ›Er richtet sich um Ihretwillen zugrunde!‹ Ich beauftragte die ganze Welt mit meiner Rache, aber ich war nicht glücklich. Indem ich mich so dem Leben bis in seinen Schlamm hinein hingab, ersehnte ich noch immer die Wonnen einer erwiderten Liebe, und diesem Lockbild jagte ich in all meinen Ausschweifungen und Orgien nach. Zu meinem Unglück wurde ich in meinen schönen Hoffnungen getäuscht, für meine Wohltaten mit Undank bestraft und für meine Fehler mit tausend Genüssen belohnt! Eine unselige Philosophie, für den Wüstling aber wahr! Und schließlich hatte Fœdora mich mit dem Gift ihrer Eitelkeit angesteckt. Als ich meine Seele ergründete, fand ich sie brandig und faulig. Der Teufel hatte mir seine Klaue auf die Stirn gedrückt. Es war mir fortan unmöglich, auf die ständigen Erregungen eines in jedem Moment auf die Waagschale geworfenen Lebens und auf die fluchwürdigen Raffinessen des Reichtums zu verzichten. Wäre ich Millionär gewesen, hätte ich unablässig gespielt, geschwelgt und mich umhergetrieben. Ich wollte nicht mehr mit mir allein bleiben. Ich brauchte Mätressen, falsche Freunde, Wein, gutes Essen, um mich zu betäuben. Familiäre Bande waren in mir für immer zerrissen. Ein Galeerensträfling des Genusses, mußte ich meine Bestimmung, meinen Selbstmord bis zu Ende ausführen. Während der letzten Tage, an denen ich noch Geld besaß, überließ ich mich jeden Abend unglaublichen Ausschweifungen; aber an jedem Morgen warf mich der Tod wieder ins Leben zurück. Wie der Inhaber einer Leibrente hätte ich ruhig eine Feuersbrunst durchschreiten können. Zuletzt fand ich mich mit einem 20-Francs-Stück allein, da erinnerte ich mich des Glücks, das Rastignac gehabt hatte . . . Holla!« rief Raphael, dem mit einemmal wieder sein Talisman einfiel. Er zog ihn aus der Tasche.

Ob er nun, von den Kämpfen dieses langen Tages erschöpft, nicht mehr die Kraft besaß, benebelt von Wein- und Punschdünsten, seinen Verstand zu meistern, oder ob er sich, durch den Blick auf sein Leben erregt, unmerklich am Strom seiner Worte berauscht hatte, jedenfalls war Raphael außer sich und geriet in Rage, als hätte er Sinn und Verstand verloren. »Zum Teufel mit dem Tod!« schrie er und fuchtelte mit dem Leder in der Luft herum. »Jetzt will ich leben! Ich bin reich, ich habe alle Tugenden. Nichts kann mir widerstehen. Wer wäre nicht gut, wenn er alles kann? Holla, Heda! Ich habe mir 200 000 Livres Jahreseinkommen gewünscht, ich werde sie haben. Respekt vor mir, ihr Schweine, die ihr euch auf diesem Teppich wälzt, als wäre es ein Misthaufen! Ihr gehört mir, seid mein vortrefflicher Besitz! Ich bin reich, ich kann euch alle kaufen, selbst den Deputierten, der dort schnarcht. Auf, auf, ihr Lumpengesindel der vornehmen Welt, auf die Knie! Ich bin der Papst!«

Raphaels Geschrei, das bis dahin im Basso continuo des allgemeinen Schnarchkonzerts untergegangen war, fand plötzlich Gehör. Die meisten Schläfer fuhren hoch und stießen laute Verwünschungen aus; sie erblickten den Störenfried, der auf unsicheren Beinen schwankte, und überschütteten seinen lärmenden Rausch mit einem Konzert von Flüchen.

»Schweigt!« rief Raphael. »Hunde, kuscht euch! – Émile, ich habe Schätze, ich werde dir Havannazigarren schenken.«

»Ich höre dich«, antwortete der Dichter, »Fœdora oder der Tod! Nur immerzu! Diese Zierpuppe Fœdora hat dich betrogen. Alle Weiber sind Evastöchter. Deine Geschichte ist nicht im mindesten dramatisch.«

»Ah! Du hast geschlafen, du Duckmäuser?«

»Nein . . . Fœdora oder der Tod! Ich hab's begriffen!«

»Wach auf!« rief Raphael und berührte Émile mit dem Chagrinleder, als wolle er ein elektrisches Fluidum auf ihn einströmen lassen.

»Donnerwetter!« rief Émile, stand auf und packte Raphael mit den Armen, »denke doch daran, Freundchen, daß du mit anrüchigen Frauenzimmern zusammen bist.«

»Ich bin Millionär!«

»Wenn du auch kein Millionär bist, betrunken bist du todsicher.«

»Trunken von Macht! Ich kann dich töten! Schweig, ich bin Nero! Ich bin Nebukadnezar!«

»Aber Raphael, wir sind in schlechter Gesellschaft, du solltest endlich Ruhe geben, aus Achtung vor dir selbst.«

»Mein Leben ist ein zu langes Schweigen gewesen. Jetzt will ich mich an der ganzen Welt rächen. Ich werde mich nicht damit vergnügen, elende Taler zum Fenster hinauszuwerfen, ich werde meine Zeit nachahmen, sie konzentrieren und Menschenleben und Menschengeist und Menschenseelen verprassen. Das ist doch ein Luxus, der nicht armselig ist, was? Das ist der Überfluß der Pest! Ich werde mit dem gelben, blauen und grünen Fieber kämpfen, mit Armeen und Schafotten. Ich kann Fœdora haben. Aber nein, ich will Fœdora nicht, Fœdora ist meine Krankheit, mein Tod! Ich will Fœdora vergessen.«

»Wenn du mit deinem Geschrei nicht aufhörst, trage ich dich in den Speisesaal.«

»Siehst du diese Haut hier? Das ist das Vermächtnis Salomos. Salomo gehört mir, dieser lumpige Pedant von einem König gehört mir! Arabien und Peträa dazu. Das ganze Universum gehört mir. Du gehörst mir, wenn ich will. Du, wenn ich will, nimm dich in acht! Ich kann deine ganze Journalistenbude kaufen, und du wirst mein Lakai. Dann mußt du mir Couplets dichten und meine Papiere ordnen. Lakai! Lakai! – das heißt: ›Es geht ihm gut, weil er an nichts denkt.‹«

Bei diesen Worten schleppte Émile Raphael in den Speisesaal.

»Schön, du hast recht, Freundchen, ich bin dein Lakai. Aber du sollst Chefredakteur einer Zeitung werden, schweig! Benimm dich gesittet, aus Rücksicht auf mich. Hast du mich lieb?«

»Ob ich dich liebhabe? Du sollst Havannazigarren haben, durch dieses Leder hier. Immer das Leder, Freundchen, das allmächtige Leder! Ein vortreffliches Pflaster, ich kann die Hühneraugen mit ihm wegbringen. Hast du Hühneraugen? Ich entferne sie dir.«

»Ich habe dich nie so albern gesehen.«

»Albern, Freundchen? Nein. Dieses Leder wird kleiner, wenn ich einen Wunsch habe . . . das ist eine Antinomie. Der Brahmane – es steckt ein Brahmane dahinter! –, der war doch ein rechter Spaßvogel, denn siehst du, die Wünsche, die müssen doch größer machen . . .«

»Natürlich, versteht sich.«

»Ich sage dir . . .«

»Ja gewiß, sehr richtig, du hast ganz recht. Der Wunsch macht größer . . .«

»Ich sage, das Leder . . .«

»Ja, gewiß.«

»Du glaubst mir nicht. Ich kenne dich, alter Freund, du lügst wie ein neugebackener König.«

»Ja, verlangst du denn, ich soll den Unsinn, den du im Rausche daherschwatzt, für bare Münze nehmen?«

»Was gilt die Wette? Ich kann es dir beweisen. Nehmen wir das Maß . . .«

»Oh je, wenn er doch schlafen wollte!« rief Émile, als er sah, wie Raphael im Speisesaal hin und her suchte.

Dank der seltsamen Hellsicht, die bei Trunkenen manchmal auftritt und die etwas ganz anderes ist als die stumpfen Visionen des Rausches, gelang es Valentin mit affenartiger Behendigkeit, ein Schreibzeug und eine Serviette zu beschaffen, wobei er ununterbrochen wiederholte: »Wir wollen Maß nehmen! Wir wollen Maß nehmen!«

»Schön«, sagte Émile, »wir wollen Maß nehmen!«

Die beiden Freunde entfalteten die Serviette und legten das Chagrinleder darauf. Émile, dessen Hand sicherer schien als die Raphaels, zog mit der Feder die Konturen des Talismans nach, während sein Freund zu ihm sagte:

»Ich habe mir 200 000 Livres Rente gewünscht, nicht wahr? Wenn ich sie bekomme, dann wirst du sehen, wie mein Leder kleiner geworden ist.«

»Ja. Schlaf jetzt. Soll ich dich auf das Sofa legen? Liegst du gut?«

»Jawohl, du Pressebaby! Du sollst mein Spaßmacher werden, du sollst mir die Fliegen wegjagen. Der Freund im Unglück hat ein Recht, der Freund der Mächtigen zu werden. Und ich werde dir – gar – ren, Ha – van . . .«

»Nun, nun, schlaf nur dein Rauschgold aus, Millionär!«

»Und du deine Artikel. Gute Nacht! Willst du wohl Nebukadnezar gute Nacht sagen! Liebe! Zu trinken! Frankreich . . . Ruhm und reich . . . reich . . .«

Bald vereinigte sich das Schnarchen der beiden Freunde mit der Musik, die aus den Salons erscholl. Ein Konzert, das niemand hörte! Die Kerzen erloschen eine nach der anderen und zersprengten ihre kristallenen Manschetten. Die Nacht hüllte ihren Schleier über diese endlose Orgie, in der Raphaels Erzählung wie eine Orgie von Worten gewesen war, von Worten ohne Ideen, und von Ideen, denen oft der rechte Ausdruck fehlte.

Am nächsten Tag gegen Mittag stand die schöne Aquilina gähnend und müde auf; die Wangen vom Abdruck der Samtpolster marmoriert, auf denen ihr Kopf gelegen hatte. Euphrasie, die von den Bewegungen ihrer Gefährtin geweckt wurde, fuhr mit einem heiseren Schrei auf; ihr hübsches Gesicht, das am Abend zuvor so frisch und weiß gewesen, war gelb und fahl wie das einer Dirne, die ins Spital muß. Allmählich regten sich auch die anderen Gäste unter dumpfen Seufzern, ihre Arme und Beine waren steif, tausend Plagen drückten sie beim Erwachen nieder. Ein Diener zog die Gardinen hoch und öffnete die Fenster der Salons. Die Gesellschaft fand sich wieder auf den Beinen, die warmen Sonnenstrahlen, die auf die Gesichter der Schläfer fielen, belebten sie. Der unruhige Schlaf hatte die eleganten Frisuren zerstört und die Kleider zerknittert, so boten die Frauen im hellen Tageslicht einen abstoßenden Anblick: ihre Haare hingen wirr herunter, der Ausdruck ihrer Züge hatte sich verändert, ihre strahlenden Augen waren vor Übermüdung trübe geworden. Die gelbe Haut, die bei Kerzenschein schimmerte, war abscheuerregend; die blutleeren Gesichter, so zart und weich, als sie ausgeruht waren, sahen nun grün aus; die sonst lieblichen roten Münder waren jetzt trocken und blaß und wiesen die schmählichen Spuren der Trunkenheit auf. Die Männer wichen vor den nächtlichen Geliebten zurück, die sie so allen Glanzes ledig sahen, leichenhaft, gleich zertretenen Blumen, die nach einer Prozession auf der Straße liegen. Diese hochmütigen Männer jedoch waren noch schrecklicher anzusehen. Diese menschlichen Gesichter hätten sie zurückschaudern lassen mit ihren hohlen schwarz umränderten Augen, die vom Wein umnebelt und durch einen üblen Schlaf, der mehr ermüdend als erfrischend war, getrübt, nichts wahrzunehmen schienen. Diese übernächtigten Gesichter, auf denen die physischen Triebe nackt zutage traten, ohne die Poesie, mit der unsere Seele sie schmückt, hatten etwas grauenhaft Wildes und Bestialisches an sich. Dieses Erwachen des hüllenlosen ungeschminkten Lasters, dieses entblößten, kalten, hohlen Gerippes des Bösen, das, der Sophismen des Geistes oder der Verzauberungen des Luxus beraubt, diese unverzagten Streiter entsetzte, so sehr sie auch den Kampf mit der Ausschweifung gewöhnt waren. Künstler und Kurtisanen blieben stumm und sahen verstört auf die Unordnung in den Räumen, wo das Feuer der Leidenschaft alles verheert und verwüstet hatte. Ein infernalisches Gelächter erhob sich mit einem Male, als Taillefer auf das dumpfe Röcheln seiner Gäste hin sich zur Begrüßung eine Grimasse abquälen wollte; sein rot aufgedunsenes, vor Schweiß triefendes Gesicht ließ über dieser höllischen Szene das Bild des Verbrechens ohne Reue schweben. Die Szenerie war vollständig. Das war schmutzige Vollkommenheit mitten im Luxus, eine grausige Mischung aus menschlichem Glanz und Elend, das Erwachen der Ausschweifung, wenn sie mit ihren starken Händen alle Früchte des Lebens ausgepreßt hat und nichts um sich läßt als schmachvolle Trümmer und Lügen, an die sie nicht mehr glaubt. Das Bild erinnerte an den grinsenden Tod mitten in einer pestkranken Familie: keine betäubenden Düfte und Lichter mehr; keine Heiterkeit und kein Verlangen; dafür der Überdruß mit seinen eklen Gerüchen und seiner ätzenden Philosophie; die Sonne, strahlend hell wie die Wahrheit, eine Luft, rein wie die Tugend, im Gegensatz zu der schwülen Atmosphäre, die mit widrigen Dünsten, mit dem Pesthauch einer Orgie geschwängert war! Das eine oder andere Mädchen, obwohl sie das Laster gewohnt waren, dachte wohl an ihr Erwachen von ehemals, wo sie unschuldig und rein durch ihre ländlichen Fenster, an denen Geißblatt und Rosen rankten, eine morgenfrische Landschaft im tauschimmernden Dunstkleid der aufgehenden Sonne schauten, die das freudige Schmettern der Lerche verzauberte. Andere malten sich das Frühstück in der Familie aus, den Tisch, um den in unschuldiger Freude die Kinder und der Vater saßen, wo um alles ein unbeschreiblicher Zauber lag und die Gerichte einfach waren wie die Herzen. Ein Künstler dachte an den Frieden seines Ateliers, an seine keusche Statue, an das graziöse Modell, das ihn erwartete. Ein junger Mann erinnerte sich an den Prozeß, von dem das Schicksal einer Familie abhing, und eine wichtige Verhandlung fiel ihm ein, bei der seine Gegenwart unerläßlich war. Der Gelehrte dachte mit Bedauern an sein stilles Arbeitszimmer, wohin ihn ein edles Werk rief. Fast alle waren mit sich unzufrieden. In diesem Augenblick erschien Émile, frisch und rosig, wie der schmuckste Ladendiener eines florierenden Geschäfts, und lachte.

»Ihr seid häßlicher als Gerichtsbüttel!« rief er. »Heute könnt Ihr doch nichts tun, der Tag ist verloren; ich meine, wir setzen uns zum Frühstück.«

Nach diesen Worten ging Taillefer hinaus, um das Nötige anzuordnen. Müde und mißmutig brachten die Frauen vor den Spiegeln ihre Toiletten in Ordnung. Alle schüttelten sich. Die Verderbtesten predigten den Maßvollsten Moral. Die Kurtisanen spöttelten über jene, die nicht die Kraft zu finden schienen, dieses wilde Gelage fortzusetzen. Nach einer Weile kam neues Leben in diese Gespenster, sie bildeten Gruppen, plauderten und lachten. Einige Bediente stellten geschickt und flink die Möbel und übrigen Dinge wieder auf ihren Platz. Ein üppiges Frühstück wurde aufgetragen. Die Gesellschaft stürzte in den Speisesaal. Wenngleich auch dort alles den untilgbaren Stempel der nächtlichen Ausschweifungen trug, gab es darin doch wenigstens noch eine Spur von Leben und Denken, wie in den letzten Zuckungen eines Sterbenden. Wie bei dem Fastnachtszug wurde die Saturnalie von Masken beerdigt, die, ihrer Tänze müde, ihren Rausch satt hatten und nun alles Vergnügen fad fanden, um sich die eigene Ohnmacht nicht eingestehen zu müssen. In dem Augenblick, wo diese unverzagte Gesellschaft sich um die Tafel des Kapitalisten scharte, tauchte das sanft lächelnde Beamtengesicht Cardots auf, der sich am Abend vorher klüglich nach dem Diner verdrückt hatte, um seine Orgie im Ehebett zu beschließen. Er machte eine wichtige Miene. Er schien geahnt zu haben, daß es eine Nachfolge, einen Nachlaß zu teilen, zu inventarisieren, urkundlich festzuhalten gälte, einen Nachlaß mit vielen Aktenstücken und fetten Honoraren, so saftig wie das zitternde Filet, in das der Gastgeber gerade sein Messer stach.

»Oh, oh! wir sollen im Beisein des Notars frühstücken!« rief Monsieur de Cursy.

»Sie kommen gerade zurecht, um all diese Stücke zu rubrizieren und zu paragraphieren«, sagte der Bankier zu ihm und wies auf das prächtige Frühstück.

»Es ist kein Testament zu machen, aber vielleicht Eheverträge«, meinte der Gelehrte, der seit einem Jahr glücklich verheiratet war.

»Oho!«

»Aha!«

»Einen Augenblick«, erwiderte Cardot, den ein ganzer Chor von schlechten Witzen niederschrie, »ich komme in einer ernsten Sache. Ich bringe einem von Ihnen sechs Millionen.« (Tiefes Schweigen). »Monsieur«, wandte er sich an Raphael, der eben damit beschäftigt war, sich ohne viel Umstände mit einem Zipfel seiner Serviette die Augen auszuwischen, »war Ihre Frau Mutter nicht eine geborene O'Flaharty?«

»Jawohl«, antwortete Raphael mechanisch, »Barbe-Marie.«

»Haben Sie«, fuhr Cardot fort, »Ihren Geburtsschein und den der Madame de Valentin bei sich?«

»Ich glaube.«

»Also, Monsieur, Sie sind der einzige und ausschließliche Erbe des Majors O'Flaharty, der im August 1828 in Kalkutta gestorben ist.«

»Das ist ja ein Vermögen, das nicht zu ›kalkuttieren‹ ist!« rief der Nörgler.

»Der Major hatte testamentarisch mehrere Legate für öffentliche Anstalten ausgesetzt, und nun hat die französische Regierung bei der Indischen Handelsgesellschaft den Nachlaß eingefordert«, fuhr der Notar fort; »die Erbschaft ist in diesem Augenblick flüssig und kann angetreten werden. Seit vierzehn Tagen suchte ich vergebens die Rechtsnachfolger der Demoiselle Barbe-Marie O'Flaharty, bis gestern bei Tisch . . .«

In diesem Augenblick sprang Raphael plötzlich mit einer heftigen Bewegung auf wie jemand, der eine Wunde empfängt. Es ging wie ein schweigender Zuruf durch den Raum; die erste Regung der Gäste wurde von dumpfem Neid diktiert; alle Blicke richteten sich wie stechende Flammen auf ihn. Dann begann ein Murmeln, ähnlich dem Murren eines unzufriedenen Theaterpublikums; eine rebellische Stimmung kam auf und wuchs, und jeder sagte ein Wörtchen, mit dem er das ungeheure Vermögen, das der Notar gebracht hatte, begrüßte. Raphael, durch den prompten Gehorsam des Schicksals wieder völlig bei Sinnen, legte sofort die Serviette auf den Tisch, an der er vor wenigen Stunden das Chagrinleder gemessen hatte. Er hörte auf keine der Bemerkungen, legte den Talisman darauf, und ein Schauder überlief ihn, denn er bemerkte zwischen der auf das Leinen gezogenen Kontur und der des Leders einen kleinen Abstand.

»Nun, was hat er denn?« rief Taillefer, »er ist wohlfeil zu seinem Vermögen gekommen.«

»Steh ihm bei, Châtillon!« zitierte Bixiou, zu Émile gewandt, »die Freude wird ihn töten!«

Eine furchtbare Blässe ließ jeden Muskel in dem welken Gesicht dieses Erben hervortreten, seine Züge verkrampften sich, die vorspringenden Partien seines Gesichtes wurden kreidebleich, die Höhlungen tiefschwarz, eine fahle Maske, die Augen starrten. Er sah den TOD. Dieser üppige Bankier im Kreise der verwelkten Kurtisanen, diese übersättigten Gesichter, dieser Todeskampf des Genusses waren ein leibhaftes Abbild seines Lebens. Dreimal sah Raphael seinen Talisman an, der zwischen den unbarmherzigen Linien auf der Serviette Spielraum hatte, er versuchte zu zweifeln, aber ein klares Vorgefühl machte seinen Unglauben zunichte. Die Welt gehörte ihm, er konnte alles und wollte nichts mehr. Wie ein Reisender in der Wüste hatte er ein kleines Quantum Wasser gegen den Durst und mußte sein Leben nach der Zahl der Schlucke bemessen. Er sah, daß jeder Wunsch ihm Tage seines Lebens kosten würde. Nun glaubte er an das Chagrinleder, er lauschte auf seinen Atem, fühlte sich schon krank, fragte sich: »Bin ich nicht schwindsüchtig? Ist nicht meine Mutter an einem Lungenleiden gestorben?«

»Oh, Raphael«, rief Aquilina, »jetzt werden Sie in Saus und Braus leben! Was schenken Sie mir?«

»Trinken wir auf den Tod seines Onkels, des Majors O'Flaharty! Das war ein Mann!«

»Er wird Pair von Frankreich werden.«

»Bah! was ist nach der Julirevolution ein Pair von Frankreich!« meinte der Nörgler.

»Wirst du dir eine Loge in den Bouffons nehmen?«

»Ich hoffe, Sie werden uns alle freihalten!« sagte Bixiou.

»Ein Mann wie er wird alles in großem Stil erledigen«, meinte Émile.

Das Hurra dieser lachenden Gesellschaft scholl Valentin in den Ohren, ohne daß er den Sinn eines einzigen Wortes zu fassen vermochte; unbestimmt gedachte er des eintönigen, wunschlosen Lebens eines bretonischen Bauern, der eine Herde Kinder hat, sein Feld bestellt, Buchweizen ißt, Apfelwein aus dem Krug trinkt, an die Jungfrau Maria und den König glaubt, am Osterfest zur heiligen Kommunion geht, am Sonntag auf dem grünen Rasen tanzt und von der Predigt seines Pfarrers kein Wort versteht. Das Schauspiel, das sich in diesem Augenblick seinen Blicken darbot, dieses vergoldete Tafelwerk, diese Kurtisanen, dieses Gelage, dieser Luxus, all das würgte ihn in der Kehle, er mußte husten.

»Wünschen Sie Spargel?« rief ihm der Bankier zu.

»Ich wünsche nichts!« fuhr ihn Raphael mit Donnerstimme an.

»Bravo!« gab Taillefer zurück. »Sie verstehen, was es heißen will, reich zu sein. Es ist ein Freibrief für die Unverschämtheit. Sie sind einer der Unsern! Messieurs, trinken wir auf die Macht des Goldes. Monsieur de Valentin ist sechsfacher Millionär und damit eine Macht geworden. Er ist König, er kann alles, er steht über allem, wie alle Reichen. Für ihn ist von jetzt ab der Satz »alle Franzosen sind vor dem Gesetz gleich!« eine an der Spitze der Charta stehende Lüge. Nicht er wird den Gesetzen, sondern die Gesetze werden ihm gehorchen. Für Millionäre gibt es kein Schafott und keine Henker!«

»Richtig«, erwiderte Raphael, »sie sind ihre eigenen Henker!«

»Noch ein Vorurteil!« rief der Bankier.

»Trinken wir!« rief Raphael und steckte den Talisman in die Tasche.

»Was machst du da?« frage Émile und hielt seine Hand fest. »Messieurs!« damit wandte er sich an die Gesellschaft, die über das Benehmen Raphaels recht verblüfft war, »Sie müssen wissen, daß unser Freund, was sage ich, Monsieur le Marquis de Valentin, ein Geheimnis besitzt, um reich zu werden. Seine Wünsche erfüllen sich in dem Augenblick, wo er sie hegt. Wenn er nicht als gemein und herzlos gelten will, wird er uns alle reich machen.«

»Ach, lieber kleiner Raphael«, rief Euphrasie, »ich möchte ein Perlenkollier.«

»Wenn er dankbar ist, schenkt er mir zwei Equipagen mit edlen, flinken Pferden davor«, bettelte Aquilina.

»Wünschen Sie für mich 100 000 Livres Rente!«

»Mir Kaschmir!«

»Bezahlen Sie meine Schulden!«

»Schicke meinem Oheim, dem zähen Kerl, einen Schlag!«

»Raphael, 10 000 Livres Rente, und ich bin dir ewig dankbar!«

»Das sind vielleicht Schenkungen!« rief der Notar. »Mich müßte er von der Gicht heilen.«

»Lassen Sie den Rentenkurs sinken!« rief der Bankier.

Alle diese Rufe schossen in die Höhe wie die Feuergarben am Schluß eines Feuerwerks. Diese hitzigen Wünsche waren vielleicht mehr ernst als scherzhaft gemeint.

»Lieber Freund«, sagte Émile mit ernster Miene, »ich werde mich mit 200 000 Livres Rente begnügen; sei so nett und besorge das!«

»Émile«, erwiderte Raphael, »weißt du nicht, was mich das kostet?«

»Eine schöne Entschuldigung!« rief der Dichter. »Müssen wir uns nicht für unsere Freunde opfern?«

»Ich hätte fast Lust, euch allen den Tod zu wünschen«, sagte Valentin und warf einen tiefen, düsteren Blick auf die Anwesenden.

»Sterbende sind gräßlich grausam«, versetzte Émile lachend.

»Du bist nun reich«, fügte er ernsthaft hinzu, »keine zwei Monate geb ich dir, dann bist du ein ganz schmutziger Egoist. Dumm bist du schon, verstehst keinen Spaß mehr. Jetzt fehlt nur noch, daß du an dein Chagrinleder glaubst.«

Raphael, der die Spottreden dieser Gesellschaft fürchtete, blieb still, trank über die Maßen und berauschte sich, um für einen Augenblick die unheimliche Macht, die er besaß, zu vergessen.

 

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