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Das Chagrinleder

Honoré de Balzac: Das Chagrinleder - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDas Chagrinleder
publisherinsel taschenbuch
editorErika Wesemann
translatorHedwig Lachmann
year1990
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20061101
modified20171219
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Die Frau ohne Herz

Nach einem kurzen Schweigen sagte Raphael leichthin: »Ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich dem Dunst des Weins und des Punsches die Klarheit zuschreiben soll, die mich in diesem Augenblick mein ganzes Leben in einem einzigen Gemälde erschauen läßt, auf welchem die Gestalten, die Farben, die Lichter, die Schatten und Halbschatten getreulich wiedergegeben sind. Dies poetische Spiel meiner Einbildungskraft würde mich nicht in Erstaunen setzen, wenn es nicht von einer gewissen Verachtung für meine vergangenen Schmerzen und Freuden begleitet wäre. Aus der Entfernung betrachtet, ist mein Leben durch ein geistiges Phänomen wie zusammengeschrumpft. Dieser lange, schleichende Schmerz, der zehn Jahre gedauert hat, läßt sich heute durch ein paar Sätze wiedergeben, in denen der Schmerz nur noch ein Gedanke und die Freude eine philosophische Betrachtung ist. Ich urteile, statt zu empfinden . . .«

»Du bist langweilig wie ein Zusatzantrag, der im Parlament diskutiert wird«, warf Émile ein.

»Kann sein«, erwiderte Raphael ohne Murren; »so will ich dir, um deinen Ohren nicht allzuviel zuzumuten, die ersten siebzehn Jahre meines Lebens schenken. Bis dahin habe ich gelebt wie du, wie tausend andere, das Leben eines Schülers, dessen eingebildete Leiden und wirkliche Freuden unsere Erinnerung entzücken und nach dessen Fastenspeise unser verwöhnter Gaumen stets zurückverlangt, solange wir sie nicht von neuem genossen haben: schönes Leben, dessen Arbeiten uns verächtlich scheinen und das uns doch zu arbeiten gelehrt hat . . .«

»Komm zum Drama!« sagte Émile in einem halb komischen, halb klagenden Ton.

»Als ich das Collège verlassen hatte«, erwiderte Raphael und bekundete mit einer entschiedenen Handbewegung das Recht fortzufahren, »unterwarf mich mein Vater einer strengen Disziplin, er logierte mich in einem Zimmer ein, das neben seinem lag. Ich ging um neun Uhr abends zu Bett und stand um fünf Uhr morgens auf; nach seinem Willen sollte ich gewissenhaft die Rechte studieren. Ich besuchte die juristische Fakultät und arbeitete gleichzeitig bei einem Advokaten; aber die Gesetze von Zeit und Raum wurden so peinlich auf meine Ausgänge, meine Arbeiten angewendet, und mein Vater verlangte solch genaue Rechenschaft über . . .«

»Was geht denn mich das an?« unterbrach ihn Émile.

»Nun denn, hol dich der Teufel!« erwiderte Raphael. »Wie kannst du meine Gefühle begreifen, wenn ich dir nicht all die unbedeutenden Umstände schildere, die meine Seele beeinflußten, mich furchtsam werden ließen und mich lange in der kindlichen Einfalt des Jünglings befangen hielten? Bis zu meinem einundzwanzigsten Jahr hatte ich mich einem Despotismus zu beugen, der so hart war wie eine Klosterregel. Um dir das ganze Elend meines damaligen Lebens begreiflich zu machen, genügt es vielleicht, dir meinen Vater zu beschreiben: Er war ein großer, dürrer, engbrüstiger Mann mit einem bleichen Gesicht, scharf geschnitten wie eine Messerklinge, kurz angebunden, zänkisch wie eine alte Jungfer und kleinlich wie ein Bürovorsteher. Seine Vaterwürde schwebte drohend über meinen schelmischen und fröhlichen Gedanken und hielt sie wie unter einer bleiernen Kuppel gefangen. Wenn ich ihm ein liebevolles, zärtliches Gefühl bezeigen wollte, behandelte er mich wie ein Kind, das eine Dummheit sagen will; ich fürchtete ihn weit mehr als früher unsere Schulmeister; in seinen Augen war ich immer acht Jahre alt. Ich glaube ihn noch vor mir zu sehen. In seinem kastanienbraunen Überrock, in dem er sich geradehielt wie eine Osterkerze, sah er wie ein Bückling aus, der in das rötliche Papier eines Pamphlets gewickelt ist. Trotzdem liebte ich meinen Vater: im Grunde war er gerecht. Vielleicht hassen wir die Strenge dann nicht, wenn sie durch einen aufrechten Charakter, durch reine Sitten gerechtfertigt und geschickt mit Güte verbunden wird. Obgleich mein Vater nie von meiner Seite wich, mir bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr keine zehn Francs zu meiner Verfügung ließ, zehn elende, lumpige Francs, ein unermeßlicher Reichtum, deren vergebens erhoffter Besitz mich maßlos beglückt hätte, so suchte er mir wenigtens einige Zerstreuungen zu verschaffen. Nachdem er mir monatelang ein Vergnügen versprochen hatte, führte er mich in die Bouffons, in ein Konzert, auf einen Ball, wo ich eine Geliebte zu finden hoffte. Eine Geliebte! Das hieß für mich Unabhängigkeit. Aber verschämt und schüchtern, wie ich war, weder die Sprache der Salons noch irgend jemanden dort kannte, kehrte ich stets mit demselben unerfahrenen, von unerfüllten Wünschen übervollem Herzen wieder nach Hause zurück. Am nächsten Morgen mußte ich dann, von meinem Vater wie ein Schwadronspferd an der Kandare gehalten, von früh an erst zu einem Advokaten, dann in die Fakultät, dann in den Justizpalast. Hätte ich versucht, von dem einförmigen Weg, den mein Vater mir vorgezeichnet hatte, abzuweichen, hätte ich seinen Zorn auf mich geladen; er hatte mir gedroht, mich bei meinem ersten Vergehen als Schiffsjunge nach den Antillen einzuschiffen. Wenn ich dennoch gelegentlich wagte, mich dieser Gefahr auszusetzen, auf ein oder zwei Stunden, für irgendein harmloses Vergnügen, so stand ich furchtbare Angst dabei aus. Stell dir vor, die schwärmerischste Phantasie, das liebevollste Herz, das zärtlichste Gemüt, den poetischsten Geist immerfort dem unnachgiebigsten, sauertöpfischsten, kältesten Menschen der Welt ausgesetzt; kurzum, verheirate ein junges Mädchen mit einem Skelett, und du wirst die merkwürdigen Szenen eines solchen Daseins verstehen, die ich dir nur andeuten kann: Fluchtpläne, die beim Anblick meines Vaters zunichte wurden, Verzweiflungsausbrüche, die der Schlaf besänftigte, unterdrückte Wünsche und finstere Schwermut, die in der Musik Linderung fanden. Ich verströmte mein Unglück in Melodien. Mozart oder Beethoven waren häufig meine verschwiegenen Vertrauten. Heute muß ich lächeln, wenn ich mich all der Vorurteile erinnere, die mein Gewissen in dieser Periode der Unschuld und Tugend beunruhigten. Den Fuß in eine Gaststätte zu setzen, hätte ich für mein Verderben gehalten. Ein Café malte ich mir als einen Ort des Lasters aus, wo die Männer ihre Ehre einbüßen und ihr Vermögen aufs Spiel setzen. Geld beim Spiel zu riskieren, dazu hätte ich freilich erst welches haben müssen. Oh! selbst wenn es dich einschläfern sollte, will ich dir doch eine der schrecklichsten Freuden meines Lebens erzählen, eine jener Freuden, die sich mit Krallen in unser Herz bohren, wie ein glühendes Eisen in die Schulter eines Sträflings. Ich war auf dem Ball des Duc de Navarreins, einem Cousin meines Vaters. Damit du meine Situation völlig begreifen kannst, mußt du wissen, daß ich einen schäbigen alten Rock trug, plumpe Schuhe, eine Kutscherkrawatte und abgetragene Handschuhe. Ich hatte mich in eine Ecke gestellt, um nach Herzenslust Eis essen zu können und die hübschen Frauen anzusehen. Mein Vater entdeckte mich. Aus einem Grund, den ich niemals erraten habe, so sehr verblüffte mich dieser Vertrauensakt, gab er mir seine Börse und seine Schlüssel zum Aufbewahren. Zehn Schritte von mir entfernt spielten einige Herren. Ich hörte das Gold klingen. Ich war zwanzig und von dem Wunsch beseelt, einmal einen ganzen Tag lang den Lastern meines Alters zu huldigen. Meine Phantasie nährte Sehnsüchte, wie man ihresgleichen wohl kaum in den Gelüsten der Kurtisanen oder in den Träumen der jungen Mädchen findet. Seit einem Jahr träumte ich davon, elegant gekleidet im Wagen zu fahren, eine schöne Frau an meiner Seite, den großen Herrn zu spielen, bei VéryVéry: das ›Café Véry‹, ein Pariser Restaurant im Palais-Royal, das von 1805-1845 der Familie Véry gehörte zu dinieren, am Abend ins Schauspiel zu gehen, entschlossen, erst am nächsten Tag zu meinem Vater zurückzukehren und dann gegen ihn mit einem Abenteuer gewappnet zu sein, verwickelter als die Hochzeit des Figaro, so daß er mir unmöglich auf die Schliche kommen könnte. Dieses ganze Vergnügen hatte ich auf 50 Taler geschätzt. Stand ich nicht noch unter dem kindlichen Zauber des Schulschwänzens? Ich ging also in ein Boudoir, wo ich allein war, und zählte mit brennenden Augen und zitternden Fingern das Geld meines Vaters: 100 Taler! Von dieser Summe heraufbeschworen, umtanzten mich die Glücksbilder meines erträumten Streiches wie die Hexen Macbeths ihren Kessel, aber verlockend, berauschend, verführerisch. Ich ward zum tollkühnen Schelm. Ohne auf das Klingen in meinen Ohren noch auf das rasende Klopfen meines Herzens zu achten, nahm ich zwei 20-Francs-Stücke, die ich noch heute vor mir sehe. Ihre Jahreszahlen waren abgegriffen, und das Bild Bonapartes glotzte mir entgegen. Ich steckte die Börse in meine Tasche, trat an einen Spieltisch; die beiden Goldstücke in meiner feuchten Hand, umkreiste ich die Spieler wie ein Sperber den Hühnerstall. Von unbeschreiblichen Ängsten gepeinigt, warf ich rasch einen scharfen Blick um mich. Nachdem ich mich vergewissert hatte, von keinem meiner Bekannten bemerkt worden zu sein, setzte ich auf das Spiel eines kleinen, fetten, lustigen Mannes, auf dessen Kopf ich mehr Gebete und Gelübde häufte, als während dreier Stürme auf dem Meer zum Himmel geschickt werden. Dann pflanzte ich mich mit einem für mein Alter überraschenden Instinkt von Verruchtheit oder Machiavellismus an einer Tür auf, ließ meinen Blick durch die Salons streifen, ohne etwas darin wahrzunehmen. Meine Seele und meine Augen schwebten über dem verhängnisvollen grünen Tisch. Von jenem Abend datiert die erste physiologische Beobachtung, der ich jene eigentümliche durchdringende Geistesschärfe verdanke, die mir einige Geheimnisse unserer Doppelnatur enthüllt hat. Ich drehte dem Tisch den Rücken zu, von dem mein zukünftiges Glück abhing, ein Glück um so tiefer vielleicht, als es verbrecherisch war; zwischen den beiden Spielern und mir befand sich eine vier oder fünf Reihen dichte Mauer aus plaudernden Menschen. Stimmengemurmel verhinderte, daß man den Klang des Goldes unterscheiden konnte, der sich mit der Musik des Orchesters mischte; doch mit der den Leidenschaften eigenen Macht, Zeit und Raum aufzuheben, hörte ich allen diesen Hindernissen zum Trotz deutlich die Worte der beiden Spieler; ich kannte ihre Stiche, ich wußte, welcher von den beiden den König aufdeckte, als ob ich die Karten gesehen hätte; kurzum, zehn Schritte von dem Spiel entfernt, erbleichte ich bei seinen unvorhergesehenen Wendungen. Mein Vater ging plötzlich an mir vorbei, und da verstand ich das Wort der heiligen Schrift: »Der Geist Gottes ging an ihm vorüber!« Ich hatte gewonnen. Behend wie ein Aal, der durch die zerrissene Masche eines Netzes entkommt, schlängelte ich mich hurtig durch das die Spieler umwogende Gedränge zum Tisch. Die schmerzhafte Anspannung meiner Nerven löste sich in Freude auf. Ich fühlte mich wie ein Verurteilter, der auf dem Wege zum Richtplatz dem König begegnet ist. Zufällig fehlten einem ordensgeschmückten Herrn 40 Francs, auf die er Anspruch hatte. Mißtrauische Blicke richteten sich argwöhnisch auf mich, ich erbleichte, und Schweißtropfen perlten von meiner Stirn. Das Verbrechen, meinen Vater bestohlen zu haben, schien mir gerächt. Da sagte der gute dicke kleine Mann mit einer wahrhaft engelgleichen Stimme: »Diese Messieurs hier hatten alle gesetzt«, und er bezahlte die 40 Francs. Nun erhob ich meine Stirn wieder und warf triumphierende Blicke auf die Spieler. Nachdem ich die der Börse meines Vaters entwendeten Goldstücke wieder ersetzt hatte, ließ ich meinen Gewinn bei dem würdigen, biederen Herrn stehen, dessen Glückssträhne anhielt. Als ich 160 Francs besaß, wickelte ich sie in mein Taschentuch, so daß sie auf unserem Nachhauseweg nicht aneinander klingen konnten, und spielte nicht mehr. – »Was haben Sie beim Spiel gemacht?« fragte mein Vater mich, als wir in die Droschke stiegen. – »Ich sah zu«, antwortete ich zitternd. – »Nun«, fuhr mein Vater fort, »es wäre nicht schlimm gewesen, wenn Sie sich aus Eigenliebe hätten dazu verleiten lassen, auch einen kleinen Einsatz zu wagen. In den Augen der Welt scheinen Sie alt genug, um Dummheiten begehen zu dürfen. Auch würde ich es entschuldigen, Raphael, wenn Sie sich meiner Börse bedient hätten . . .« Ich antwortete nicht. Zu Hause gab ich meinem Vater seine Schlüssel und sein Geld zurück. Er ging in sein Zimmer, leerte die Börse auf dem Kaminsims, zählte das Geld, wandte sich mit einer recht liebenswürdigen Miene zu mir und sagte, wobei er nach jedem Satz eine mehr oder minder lange, bedeutsame Pause einlegte: »Mein Sohn, Sie sind nun bald zwanzig Jahre alt. Ich bin mit Ihnen zufrieden. Sie brauchen ein Taschengeld, sei es auch nur, Sie sparen und die Dinge des Lebens kennen zu lehren. Von heute ab gebe ich Ihnen 100 Francs monatlich. Sie können darüber verfügen, wie es Ihnen beliebt. Hier ist das Geld für die ersten drei Monate«, fügte er hinzu, indem er mit der Hand sacht über eine Rolle Goldes fuhr, als wollte er die Summe nochmals überprüfen. Ich gestehe, daß ich nahe daran war, mich ihm zu Füßen zu werfen, ihm zu bekennen, daß ich ein Dieb, ein Nichtswürdiger, und . . . schlimmer als das, ein Lügner wäre. Die Scham hielt mich davon ab. Ich wollte ihn umarmen, er schob mich sanft zurück. – »Du bist jetzt ein Mann, mein Kind«, sagte er zu mir. »Was ich tue, ist einfach gerecht, wofür du mir nicht zu danken hast. Wenn ich ein Recht auf Ihre Dankbarkeit habe, Raphael«, fuhr er mit einem sanften, aber würdevollen Ton fort, »so ist es dafür, daß ich Ihre Jugend vor den Gefahren bewahrt habe, denen alle jungen Leute in Paris zum Opfer fallen. Von jetzt an werden wir Freunde sein. In einem Jahr sind Sie Doktor der Rechte. Sie haben sich, nicht ohne einige Unannehmlichkeiten und mancherlei Entbehrungen, solide Kenntnisse und die Liebe zur Arbeit angeeignet, unentbehrlich für Männer, die zu leitenden Stellungen berufen sind. Lernen Sie auch mich kennen, Raphael! Ich will aus Ihnen weder einen Advokaten noch einen Notar machen, sondern einen Staatsmann, der dereinst der Ruhm unseres bescheidenen Hauses werden möge. Auf morgen!« fügte er hinzu und verabschiedete mich mit einer vielsagenden Gebärde. Von dem Tage an weihte mein Vater mich freimütig in alle seine Pläne ein. Ich war der einzige Sohn, und ich hatte meine Mutter schon vor zehn Jahren verloren. Mein Vater, Haupt eines alten, fast vergessenen Adelsgeschlechts aus der Auvergne,Auvergne: ehemalige Provinz; waldarmes Hochland im Süden Frankreichs fand das Recht, mit dem Degen an der Seite seinen Kohl anzubauen, wenig schmeichelhaft und war seinerzeit nach Paris gekommen, um da den Kampf mit dem Teufel aufzunehmen. Begabt mit jener feinen Schläue, die, wenn sie mit Energie gepaart ist, die Männer aus dem Süden Frankreichs so überlegen macht, war es ihm ohne besondere Unterstützung gelungen, im Herzen der Macht eine Position zu erringen. Bald darauf vernichtete die Revolution sein Vermögen; er hatte es jedoch verstanden, die Erbin eines großen Hauses zu heiraten, und hatte sich unter dem Kaiserreich in der Lage gesehen, unserem Haus seinen einstigen Glanz wiederzugeben. Die Restauration,Restauration: Periode in der französischen Geschichte, in der die Bourbonenherrschaft erneuert wurde (1814, 1815-1830) welche meiner Mutter beträchtliche Güter zurückgab, ruinierte meinen Vater. Da er ehemals mehrere im Ausland gelegene Güter gekauft hatte, die der Kaiser seinen Generalen geschenkt hatte, schlug er sich seit zehn Jahren mit Liquidatoren und Diplomaten, mit preußischen und bayerischen Gerichtshöfen herum, um sich den umstrittenen Besitz der unglückseligen Schenkungen zu erhalten. Mein Vater stürzte mich in das unentwirrbare Labyrinth dieses weitreichenden Prozesses, von dem unsere Zukunft abhing. Man konnte uns verurteilen, die Einkünfte, sowie den Preis für bestimmte Holzschläge, die von 1814 bis 1816 erfolgt waren, zurückzuerstatten; in diesem Fall hätte das Vermögen meiner Mutter kaum gereicht, die Ehre unseres Namens zu retten. An dem Tage also, da mein Vater mich in gewisser Hinsicht selbständig gemacht zu haben schien, verfiel ich dem unerträglichsten Joch. Ich mußte wie auf einem Schlachtfeld kämpfen, Tag und Nacht arbeiten, Staatsmänner aufsuchen, ihre Meinung ausforschen, sie für unsere Sache zu interessieren suchen, ihnen, ihren Frauen, ihren Dienern, ihren Hunden schmeicheln und dieses abscheuliche Tun unter eleganten Formen, unter angenehmen Scherzen verbergen. Nun begriff ich den Kummer, der das Gesicht meines Vaters mit Runzeln gefurcht hatte. Ein Jahr lang ungefähr führte ich also scheinbar das Leben eines Mannes von Welt; aber hinter diesen Zerstreuungen und meinem Eifer, mit einflußreichen Verwandten und Leuten, die uns nützen konnten, in Verbindung zu treten, verbarg sich unendliche Mühsal. Sogar meine Vergnügungen waren noch Plädoyers und meine Gespräche Eingaben. Bis dahin war ich tugendhaft gewesen, weil es mir unmöglich war, meinen jugendlichen Leidenschaften nachzugehen; nun aber, da ich fürchtete, durch ein Versäumnis meinen und meines Vaters Ruin zu verursachen, wurde ich mein eigener Despot und gestattete mir weder ein Vergnügen noch eine Ausgabe. Wenn wir jung sind, wenn uns die Menschen und Dinge noch nicht so tief verletzt haben, daß jene zarte Blüte des Gefühls in uns zerstört ist, jene Frische des Gedankens, die edle Reinheit des Gewissens, die sich immer gegen das Böse auflehnt, fühlen wir unsere Pflichten; unsere Ehre spricht laut und fordert Gehör; wir sind offen und ohne Falsch: so war ich damals. Ich wollte das Vertrauen meines Vaters rechtfertigen. Vordem hätte ich ihm mit tausend Freuden einen jämmerlichen Betrag entwendet; aber seitdem ich die Last seiner Geschäfte, seines Namens, seines Hauses mit ihm trug, hätte ich insgeheim mein Erbe, meine Hoffnungen für ihn hingegeben, so wie ich ihm meine Vergnügungen opferte und glücklich über dieses Opfer war. Als dann auch noch Monsieur de VillèleVillèle, Jean-Baptiste, Comte de (1773-1854): Führer der Ultra-Royalisten unter der Restauration. Er setzte die reaktionären Gesetze zur politischen, militärischen und sozialen Reorganisation durch. eigens für uns ein kaiserliches Dekret über den Verfall der Schenkungen ausgrub und uns damit ruiniert hatte, unterzeichnete ich den Verkauf meiner Güter und behielt nur eine wertlose, inmittten der Loire gelegene Insel, auf der sich das Grab meiner Mutter befand. Heute würde es mir wahrscheinlich nicht an Argumenten, Ausflüchten, philosophischen, philanthropischen und politischen Beweisführungen fehlen, um dem, was mein Advokat eine »Dummheit« nannte, zu entgehen; aber mit einundzwanzig Jahren sind wir, ich wiederhole es, ganz Großmut, ganz Eifer, ganz Liebe. Die Tränen, die ich in den Augen meines Vaters sah, waren damals für mich das schönste aller Güter, und die Erinnerung an diese Tränen hat mich in meinem Elend oft getröstet. Zehn Monate, nachdem mein Vater seine Gläubiger bezahlt hatte, starb er vor Gram. Er liebte mich über alles und hatte mich ruiniert; dieser Gedanke tötete ihn. Im Jahre 1826, zweiundzwanzig Jahre alt, gegen Ende des Herbstes, folgte ich ganz allein dem Sarg meines ersten Freundes, meines Vaters. Nur wenige junge Leute sind wohl je so allein mit ihren Gedanken, so verloren in Paris, ohne Zukunft, ohne Vermögen hinter einem Leichenwagen hergegangen. Die Waisen, deren sich die öffentliche Wohltätigkeit annimmt, haben wenigstens das Schlachtfeld als Zukunft, die Regierung oder den königlichen Prokurator zum Vater, das Waisenhaus als Zuflucht. Ich hatte nichts! Drei Monate später händigte mir ein Auktionator 1112 Francs aus, der Reinerlös der väterlichen Erbschaft. Gläubiger hatten mich gezwungen, unser Mobiliar zu verkaufen. Von Jugend auf daran gewöhnt, einen großen Wert auf die Luxusgegenstände zu legen, die mich umgaben, konnte ich mich nicht enthalten, ein gewisses Erstaunen über diesen geringfügigen Ertrag zu äußern. – ›Oh!‹ sagte der Auktionator, ›das war alles schon sehr 'altmodisch'!‹ Schreckliches Wort, das den Glauben meiner Kindheit zerstörte und mir die ersten Illusionen, die liebsten von allen, raubte. Mein Vermögen belegte ein Auktionsverzeichnis, meine Zukunft ruhte in einem Leinenbeutel, der 1112 Francs enthielt, die Gesellschaft erschien mir in der Gestalt eines Taxators, der den Hut aufbehielt, wenn er mit mir redete. Ein Kammerdiener namens Jonathas, der mich ins Herz geschlossen hatte und dem meine Mutter einst 400 Francs Leibrente ausgesetzt hatte, sagte zu mir, als wir das Haus verließen, aus dem ich in meiner Kindheit so oft fröhlich im Wagen fortgefahren war: »Seien Sie recht sparsam, Monsieur Raphael.« Er weinte, der gute Mann.

Dies, mein lieber Émile, sind die Ereignisse, die mein Geschick bestimmten, meine Seele formten und mich so jung noch in die schwierigste Lage brachten«, sagte Raphael nach einer Pause. »Es bestanden zwar familiäre Bande, wenngleich schwache, zu einigen reichen Häusern, doch hätte ich diese schon aus Stolz nicht betreten, wenn nicht Geringschätzung und Gleichgültigkeit mir bereits ihre Türen verschlossen hätten. Obwohl mit sehr einflußreichen Persönlichkeiten verwandt, die ihre Gunst an Fremde verschwendeten, hatte ich weder Verwandte noch Gönner. Da meine Seele, sobald sie sich aufschließen wollte, immerfort zurückgestoßen wurde, hatte sie sich ganz in sich selbst zurückgezogen. So freimütig und offenherzig ich auch war, mußte ich doch kalt und verschlossen erscheinen; die Tyrannei meines Vaters hatte mir jedes Selbstvertrauen geraubt. Ich war schüchtern, linkisch; ich glaubte nicht, daß meine Stimme das geringste Gehör finden könnte. Ich mißfiel mir, ich fand mich häßlich, ich schämte mich meines Blicks. Trotz der inneren Stimme, die begabte Menschen in ihren Kämpfen aufrechterhält und die mir zurief: ›Mut! Vorwärts!‹; trotzdem sich meine Kraft mir in der Einsamkeit plötzlich offenbarte; trotz der Hoffnung, die mich belebte, wenn ich die vom Publikum bewunderten neuen Werke mit denen verglich, die mir in meiner Phantasie vorschwebten, zweifelte ich an mir wie ein Kind. Ich war von einem übersteigerten Ehrgeiz besessen, ich glaubte mich zu großen Dingen berufen und war zur Nichtigkeit verdammt. Ich brauchte Menschen und besaß keine Freunde. Ich sollte mir einen Weg in die Welt bahnen und blieb allein, weniger aus Furcht als aus Scham. In dem Jahr, in dem mein Vater mich dem Strudel der großen Gesellschaft ausgesetzt hatte, gab ich mich ihr mit unschuldigem Herzen, mit unverdorbener Seele hin. Wie alle großen Kinder sehnte ich mich heimlich nach der Liebe. Unter den jungen Leuten meines Alters traf ich eine Clique von Großmäulern, die erhobenen Hauptes einherstolzierten, Nichtigkeiten schwätzten, sich keck zu Frauen setzten, die mir höchste Achtung einflößten, freche Reden führten, am Knauf ihres Spazierstocks kauten, sich eitel zierten und schöntaten, sich den hübschesten Frauen antrugen, in allen Schlafzimmern ein und aus gingen, es zumindest behaupteten, eine Miene zogen, als ob ihnen nichts mehr Vergnügen machte, die tugendhaftesten und züchtigsten Frauen für leichte Beute hielten, die man mit einem albernen Wort, der kleinsten gewagten Geste oder dem ersten dreisten Blick erobern könne! Ich schwöre es dir auf Ehre und Gewissen: es schien mir weniger schwer, politische Macht oder großes literarisches Ansehen zu erringen als den Erfolg bei einer geistreichen und anmutigen jungen Dame aus obersten Kreisen. So standen also die Wirren meines Herzens, meine Empfindungen, mein Bedürfnis, anzubeten, im Widerspruch zu den Grundregeln der Gesellschaft. Kühn war nur meine Seele, nicht mein Auftreten. Später habe ich gemerkt, daß Frauen nicht gebettelt werden wollen; ich sah viele, die ich von ferne anbetete, denen ich ein Herz entgegenbrachte, zu jeder Probe bereit, eine Seele zum Zerreißen und eine Glut, die vor keinen Opfern und keinen Martern zurückgeschreckt wäre; sie aber gehörten jämmerlichen Tröpfen an, die ich nicht einmal als Portiers gewollt hätte. Wie oft habe ich nicht stumm und regungslos die Frau meiner Träume bewundert, wenn sie auf einem Ball vor mir auftauchte; und während ich dann in Gedanken mein ganzes Dasein nicht endenwollender Zärtlichkeiten für sie weihte, legte ich all meine Hoffnungen in einen Blick und bot ihr in meiner Hingerissenheit die Liebe eines Jünglings dar, die über Täuschungen erhaben ist. In manchen Augenblicken hätte ich mein Leben für eine einzige Nacht hingegeben. Aber nie fand ich Ohren, in die ich meine leidenschaftlichen Worte stammeln, nie ein Auge, in das mein Blick sich senken konnte, nie ein Herz für mein Herz, und so durchlebte ich alle Qualen einer ohnmächtigen Glut, die sich selbst verzehrte; sei es aus Mangel an Kühnheit oder an Gelegenheiten, oder sei es aus Unerfahrenheit. Vielleicht verzweifelte ich daran, daß ich mich nicht verständlich machen könnte, oder ich fürchtete, zu gut verstanden zu werden. Und dabei drohte jeder freundliche Blick, den man mir gönnte, einen Sturm in mir zu entfesseln. Doch trotz meiner Bereitschaft, einen solchen Blick oder scheinbar herzliche Worte als zarte Aufforderung zu deuten, wagte ich nie, zur rechten Zeit zu sprechen oder zu schweigen. Allzu starkes Gefühl ließ meine Worte nichtssagend werden und mein Schweigen albern. Fraglos war ich zu naiv für eine derart überfeinerte Gesellschaft, die in Glanz und Herrlichkeit lebt und alle ihre Gedanken in konventionelle Phrasen oder Modewörter kleidet. Ich verstand weder beredt zu schweigen, noch redend zu verschweigen. Kurz, ich trug ein Feuer in mir, das mich verbrannte; ich hatte ein Herz, wie es die Frauen zu finden wünschen, war so glühend und hingebungsvoll, wie sie es ersehnen; ich besaß die Energie, deren die Tröpfe sich nur rühmen – und doch haben mich alle Frauen aufs grausamste verraten. Kein Wunder, daß ich die Helden jener Clique ganz naiv bewunderte, wenn sie mit ihren Triumphen prahlten, und keineswegs argwöhnte, daß sie lügen könnten. Es war ohne Zweifel töricht von mir, auf bloße Worte hin Liebe zu begehren, im Herzen einer frivolen und leichtsinnigen, auf Luxus erpichten, von Eitelkeit trunkenen Frau, die gewaltige Leidenschaft zu erhoffen, den stürmischen Ozean, der in meinem eigenen Herzen brandete. Oh, sich geboren fühlen, um zu lieben, um eine Frau glücklich zu machen, und keine finden, nicht einmal eine mutige und edle MarcelineMarceline: Mutter des Figaro aus »Die Hochzeit des Figaro« (1784) von Beaumarchais (1732-1799) oder irgendeine alte Marquise! Wenn man Schätze in einem Bettelsack trägt und kein Kind, kein neugieriges Mädchen findet, das sie bewundern will! Ich habe mich oft aus Verzweiflung umbringen wollen.«

»Du bist ja hübsch tragisch heute abend!« rief Émile.

»Laß mich, laß mich mein Leben verdammen«, erwiderte Raphael. »Wenn deine Freundschaft nicht so stark ist, meine Klagelieder anzuhören, wenn du nicht um meinetwillen eine halbe Stunde Langeweile ertragen kannst, dann schlafe! Aber verlange dann keine Erklärung mehr von mir für meinen Selbstmord, der in mir grollt, sich erhebt, mich ruft und den ich grüße. Wenn man jemanden beurteilen will, muß man zumindest die Geheimnisse seiner Gedanken, seiner Nöte, seiner Gefühle kennen. Ein Leben bloß nach den äußeren Ereignissen beurteilen zu wollen, heißt eine Chronologie abfassen – was Dummköpfe Geschichte nennen!«

Der bittere Ton, in dem diese Worte gesprochen wurden, machte Émile so betroffen, daß er Raphael von nun an aufmerksam lauschte, wobei er ihn fassungslos ansah.

»Aber jetzt«, fuhr der Erzähler fort, »erscheinen diese Ereignisse in einem ganz anderen, ganz neuen Licht. Die Ordnung der Dinge, die ich früher als Unglück betrachtete, hat vielleicht die schönen Fähigkeiten gezeitigt, auf die ich später so stolz war. Waren es nicht die philosophische Neugier, das rastlose Arbeiten, die Liebe zum Leben, die von meinem siebenten Jahre an bis zu meinem Eintritt in die Gesellschaft mein Leben beständig erfüllten, welche mich jener Leichtigkeit fähig gemacht haben, mit der ich, wenn man euch glauben darf, meine Ideen auszudrücken und auf dem weiten Feld menschlichen Wissens voranzuschreiten vermag? Waren es nicht die Verlassenheit, zu der ich verurteilt war, die Gewohnheit, meine Gefühle zu unterdrücken und einsam in meinem Herzen zu leben, die mir die Gabe verliehen, zu vergleichen und in tiefes Nachdenken zu versinken? Hat sich mein Empfindungsvermögen nicht gerade dadurch, daß es sich nicht im Dienste mondäner Reize verlor, welche die schönste Seele erniedrigen und sie herunterbringen, bis nur mehr Plunder von ihr bleibt, im stillen sammeln können, um das vollendete Werkzeug eines Willens zu werden, höher als dem der Leidenschaft? Da die Frauen mich verkannten, habe ich sie – ich erinnere mich wohl – mit dem scharfen Blick der verschmähten Liebe aufs Korn genommen. Jetzt sehe ich wohl ein, daß mein aufrichtiger Charakter ihnen mißfallen mußte! Ob die Frauen nicht ein bißchen Heuchelei wollen? Mußten sie nicht bei einem wie mir, der zur selben Stunde mal Mann, mal Kind, mal Flattergeist, mal Denker, ohne Vorurteile und voller Aberglauben und zu alledem oft Weib wie sie ist – mußten sie da nicht Naivität für Zynismus und sogar die Lauterkeit der Gedanken für Frivolität halten? Wissenschaft bedeutete ihnen Langeweile, weibliches Schmachten Schwäche. Die überschwengliche Beweglichkeit meiner Phantasie, das Unglück der Dichter, machte mich in ihren Augen unbestritten zu einem, der zur Liebe unfähig, dessen Sinn unbeständig, der bar jeder Energie ist. Schwieg ich, hielt man mich für blöd, strengte ich mich an, ihnen zu gefallen, erschreckte ich sie wahrscheinlich, und so haben die Frauen mich verdammt. Ich habe das Urteil der Welt in Tränen und Kummer hingenommen. Diese Qual trug Früchte. Ich wollte mich an der Gesellschaft rächen, wollte die Seele aller Frauen besitzen, indem ich mir die Köpfe unterwarf, wollte aller Augen auf mich gerichtet sehen, wenn ein Diener an der Tür irgendeines Salons meinen Namen meldete. Ich beschloß, ein großer Mann zu werden. Schon als Kind hatte ich an meine Stirn geklopft und wie André de ChénierAndré de Chénier (1762-1794): französischer Dichter, der die antike griechische Lyrik zum Vorbild nahm; wandte sich gegen den Terror der Jakobiner, 1794 hingerichtet zu mir gesagt: Dahinter steckt etwas! Ich spürte, es lebte in mir ein Gedanke, der nach Ausdruck rang, ein System, das aufgestellt, das kundgetan werden wollte. Ach, mein lieber Émile, heute, da ich kaum sechsundzwanzig Jahre alt und gewiß bin, unbekannt in den Tod zu gehen, ohne daß ich je die Frau umfangen habe, die zu besitzen ich träumte; laß mich dir all meine Torheiten erzählen! Haben wir nicht alle mehr oder weniger unsere Wünsche für Wirklichkeiten gehalten? Wahrhaftig, ich möchte keinen Jüngling zum Freund, der sich nicht in seinen Träumen Kränze geflochten, ein Postament erbaut oder willfährige Geliebte besessen hätte. Ich war oft General, Kaiser; ich war Byron und dann wieder nichts. Und nachdem ich mich spielerisch über alle menschlichen Dinge erhoben hatte, mußte ich gewahren, daß alle Berge und alle Schwierigkeiten noch zu überwinden blieben. Die maßlose Eigenliebe, die in mir gärte, der unbeirrbare Glaube an ein Schicksal, der den Menschen völlig durchdringen kann, wenn er durch die Berührung mit Geschäften seine Seele nicht so leicht zerfetzen läßt wie das Schaf seine Wolle im Dorngebüsch, durch das es streift, das alles hat mich gerettet. Ich wollte mich mit Ruhm bedecken und in aller Stille für die Geliebte arbeiten, die ich eines Tages zu erringen hoffte. Alle Frauen verschmolzen sich mir zu einer einzigen, und dieses Idealgeschöpf glaubte ich in der erstbesten zu finden, die mir unter die Augen kam. Da ich aber in jeder von ihnen eine Königin erblickte, mußten sie mir armem, gepeinigtem, schüchternen Tropf eben entgegenkommen, wie Königinnen ihren Liebhabern ein erstes verheißungsvolles Zeichen geben müssen. Ach, jener einen, die Mitgefühl mit mir empfunden, hätte ich neben der Liebe ein so dankerfülltes Herz dargebracht, daß ich sie ihr ganzes Leben lang angebetet hätte. Später lehrten mich meine Beobachtungen grausame Wahrheiten. Solcherart, lieber Émile, lief ich Gefahr, ewig allein zu bleiben. Irgendeiner Geistesneigung folgend, sehen die Frauen an einem Mann von Talent nur seine Fehler und an einem Dummkopf nur seine guten Eigenschaften; sie empfinden große Sympathie für die Vorzüge eines Hohlkopfs, weil sie ihren eigenen Fehlern unaufhörlich schmeicheln, während der bedeutende Mann ihnen nicht so viel Befriedigung gewährt, daß dadurch seine Unvollkommenheit aufgewogen wäre. Das Talent ist ein Wechselfieber, und keine Frau hat Lust, nur dessen Mißhelligkeiten zu teilen; alle erwarten sie von ihren Liebhabern, daß diese ihrer Eitelkeit huldigen. Was lieben sie in uns? Lediglich sich selber noch einmal! Hüllt sich aber ein armer stolzer, mit schöpferischer Kraft begabter Künstler nicht in einen verletzenden Egoismus? Ihn umgibt ein eigenartiger Wirbel von Ideen, in den er alles, selbst seine Geliebte hineinzieht, die deren Bewegung folgen muß. Kann eine umworbene, umschmeichelte Frau an die Liebe eines solchen Mannes glauben? Kann sie eine solche Liebe suchen? Ein solcher Liebhaber hat nicht die Muße, sich vor einem Diwan all den äffischen Sentimentalitäten zu überlassen, auf die die Frauen so großen Wert legen und die gerade die falschen und herzlosen Männer beispiellos beherrschen. Er hat für seine Arbeit nicht Zeit genug, wie sollte er sie damit vergeuden, sich zu erniedrigen und den Gecken zu spielen? Ich war bereit, mein Leben auf einmal hinzugeben, nie aber stückweise wegzuwerfen. Außerdem liegt in dem diensteifrigen Gebaren eines Wechselmaklers, der für so eine blasse Zierpuppe den Laufburschen spielt, etwas derart Erbärmliches, daß es dem Künstler ein Greuel ist. Die abstrakte Liebe genügt einem armen großen Mann nicht, er verlangt alle Hingabe. Die seelenlosen Geschöpfe, die ihr Leben damit verbringen, Kaschmirschals zu probieren oder Kleiderständer der Mode zu spielen, sind keiner Hingabe fähig, für sie ist die Liebe allein das Vergnügen zu befehlen, nicht das, zu gehorchen. Die wahre Gattin, die es mit Seele und Leib und ihrem ganzen Wesen ist, folgt jenem willig, in dem ihr Leben, ihre Kraft, ihr Ruhm und ihr Glück beschlossen liegt. Große Männer brauchen orientalische Frauen, die keinen anderen Gedanken kennen, als deren Bedürfnisse zu erkunden; denn ihr Unglück ist das Mißverhältnis zwischen ihren Wünschen und ihren Mitteln. Und ich, der ich mich für ein Genie hielt, mußte ausgerechnet solche Modedämchen lieben! Ich hegte Gedanken, die allen überlieferten widersprachen; war festen Willens, den Himmel ohne Leiter zu stürmen; ich besaß Schätze, die keinen Kurswert hatten; ich war mit Kenntnissen vollgestopft, die mein Gedächtnis belasteten, weil sie noch nicht geordnet, ja kaum verdaut waren; ich stand in der grauenhaftesten Wüste, in einer Wüste, die gepflastert und belebt war, die dachte, lebte, in der einem alles mehr als feindlich gegenübersteht, nämlich gleichgültig, mutterseelenallein. Ohne Eltern und ohne Freunde. Da war der Entschluß, den ich faßte, so toll er war, doch natürlich; er verlangte Unmögliches, und das machte mir Mut. Es war, als hätte ich mit mir selbst gewettet, wobei ich Spieler und Einsatz zugleich war. Höre, welchen Plan ich faßte: Mit meinen 1100 Francs wollte ich drei Jahre lang mein Leben fristen und diese Zeit daran wenden, ein Werk zu verfassen, das die öffentliche Aufmerksamkeit auf mich lenken, mir ein Vermögen oder einen Namen schaffen mußte. Ich schwelgte in dem Gedanken, daß ich mich mitten im lärmenden Paris in einer Sphäre der Arbeit und des Schweigens eingraben wollte wie eine Schmetterlingspuppe, um glänzend und glorreich aufzuerstehen. Ich malte mir aus, wie ich, einem Einsiedler der Thebais vergleichbar, in die Welt der Bücher und der Gedanken untertauchen und abgeschlossen und unzugänglich von Milch und Brot leben wollte. Ich wollte mein Leben aufs Spiel setzen, um zu leben. Ich fand, daß, wenn ich mich auf die wahren Bedürfnisse, auf das unbedingt Notwendige beschränkte, 365 Francs im Jahr für mein ärmliches Leben reichen müßten. Und in der Tat habe ich mit dieser kargen Summe mein Dasein so lange gefristet, wie ich mich meiner selbstauferlegten klösterlichen Disziplin fügen wollte . . .«

»Unmöglich!« rief Émile.

»Ich habe fast drei Jahre so gelebt«, versetzte Raphael mit einem gewissen Stolz. »Rechnen wir nach!« fuhr er fort. »Für drei Sous Brot, für zwei Sous Milch, für drei Sous Fleisch ließen mich nicht Hungers sterben und hielten meinen Geist in einem Zustand seltsamer Klarheit. Wie du weißt, habe ich beobachtet, daß die Diät einen wunderbaren Einfluß auf die Phantasie ausübt. Mein Zimmer kostete mich drei Sous täglich, nachts verbrannte ich für drei Sous Öl, ich räumte mein Zimmer selbst auf und trug Flanellhemden, um nicht mehr als zwei Sous pro Tag für Wäsche ausgeben zu müssen. Ich heizte mit Steinkohle und habe, wenn man die Ausgabe auf alle Tage des Jahres verteilt, nie mehr als zwei Sous täglich dafür ausgegeben. Ich besaß Kleider, Wäsche und Schuhe für drei Jahre und gedachte, mich nur ordentlich anzukleiden, wenn ich in eine öffentliche Vorlesung und in die Bibliotheken ging. Diese Ausgaben machten insgesamt nur 18 Sous, es blieben mir also für Unvorhergesehenes zwei Sous täglich. Ich erinnere mich nicht, während dieser ganzen langen Arbeitsperiode ein einziges Mal über den Pont-des-Arts gegangen zu sein oder mir Wasser gekauft zu haben. Ich holte es mir morgens vom Brunnen der Place-Saint-Michel, Ecke der Rue des Grès. Oh! ich trug meine Armut stolz. Wer eine schöne Zukunft vor sich sieht, schreitet in seinem Elend dahin wie ein Unschuldiger, der zum Galgen geführt wird, er schämt sich nicht. Krankheit hatte ich nicht einkalkulieren wollen. Wie für Aquilina hatte der Gedanke ans Spital für mich keinen Schrecken. Ich habe nicht einen Augenblick lang an meiner Gesundheit gezweifelt. Zudem darf ein Armer sich nur hinlegen, um zu sterben. Ich schnitt mir die Haare bis zu dem Augenblick selbst, wo ein Engel der Liebe und Güte . . . Doch ich will nicht vorgreifen. Nur eines sollst du wissen, lieber Freund, daß ich statt mit einer Geliebten mit einem großen Gedanken, einem Traum, einer Lüge zusammenlebte, an die wir alle mehr oder weniger zuerst glauben. Heute lache ich über mich, über dieses »Ich«, das vielleicht heilig und erhaben war und das jetzt nicht mehr existiert. Die Gesellschaft, die Welt, unsere Bräuche, unsere Sitten haben mir, als ich sie aus der Nähe sah, die Gefahren meiner unschuldigen Gläubigkeit und die Überflüssigkeit meines inbrünstigen Arbeitens enthüllt. All diese Vorkehrungen sind unnütz für den Ehrgeizigen. Wer dem Glück nachjagt, muß leichtes Gepäck haben! Hochbegabte Menschen begehen den Fehler, daß sie ihre jungen Jahre vergeuden, um sich für den Erfolg würdig zu machen. Während diese Ärmsten ihre Kraft und ihr Wissen aufspeichern, um mühelos die Bürde einer Macht tragen zu können, die sie flieht, sind die wortreichen und ideenarmen Intriganten pausenlos dabei, die Dummen zu übertölpeln und sich in das Vertrauen der Einfältigen einzuschleichen. Die einen studieren, die anderen marschieren, die einen sind bescheiden, die anderen sind unverfroren; das Genie unterdrückt seinen Stolz, der Intrigant pflanzt ihn auf und muß mit Notwendigkeit ans Ziel gelangen. Die Mächtigen haben den Glauben an das fertige Verdienst und das dreiste Talent so unbedingt nötig, daß es wahrhaft kindisch ist, wenn der wirkliche Gelehrte von den Menschen einen Lohn erwartet. Es liegt mir wahrhaft nichts daran, den Gemeinplätzen über die Tugend etwas hinzuzufügen, noch das uralte Lied, das die verkannten Genies immer gesungen haben, neu anzustimmen; ich will lediglich logisch den Grund suchen, warum mittelmäßige Menschen so häufig Erfolg haben. Mein Gott, das Studium ist eine so gute Mutter, daß es vielleicht ein Verbrechen ist, von ihm anderen Lohn zu erwarten als die reinen und sanften Freuden, mit denen es seine Kinder nährt. Ich entsinne mich, wie ich oft in heiterer Stimmung mein Brot in die Milch getaucht habe, an meinem Fenster die frische Luft atmete und meine Blicke über eine Landschaft von braunen, grauen und roten Dächern aus Schiefer oder aus Ziegeln, von gelben oder grünen Moosflecken bedeckt, schweifen ließ. Anfangs fand ich diese Aussicht einförmig, doch bald entdeckte ich allerlei seltsame Schönheiten. Am Abend belebten helle Lichtstreifen, die aus den schlecht geschlossenen Fensterläden fielen, die tiefen Schatten dieses merkwürdigen Reichs. Manchmal drangen von unten her die gelblichen Reflexe der Straßenlaternen durch den Nebel und zeichneten die Wellenlinien der dichtgedrängten Dächer schwach von den Straßen ab, so daß man ein Meer von unbeweglichen Wogen zu sehen meinte. Zuweilen tauchten vereinzelte Gestalten in dieser schweigsamen Einöde auf; zwischen den Blumen eines hängenden Gartens sah ich das hakennasige, eckige Profil einer alten Frau, die Kapuzinerkresse begoß, oder in dem Rahmen einer morschen Dachluke ein junges Mädchen, das sich bei der Toilette allein glaubte und von dem ich gerade nur die schöne Stirn und die langen Haare wahrnehmen konnte, die von einem hübschen weißen Arm hochgehoben wurden. In den Dachrinnen bewunderte ich eine vergängliche Vegetation, kümmerliche Pflänzchen, die ein Gewitter hinwegzuschwemmen pflegte. Ich studierte die Moose, die nach einem Regenschauer frisch ergrünten und sich in der Sonne zu einem trockenen braunen, eigentümlich schimmernden Samt verwandelten. Die flüchtigen reizvollen Effekte des Tageslichts, die melancholischen Stimmungen des Nebels, das plötzliche Hervorbrechen der Sonne, die Stille und die Wunder der Nacht, die Geheimnisse der Morgendämmerung, der Rauch aus den Kaminen, alle Erscheinungen dieser seltsamen Natur wurden mir vertraut und erfreuten mich. Ich liebte mein Gefängnis, war ich doch freiwillig dort. Diese Savannen von Paris, Dach an Dach gleichförmig zu einer Ebene gereiht, darunter Abgründe, in denen Menschen wimmelten, rührten mein Herz und harmonisierten mit meinen Gedanken. Wenn wir aus den himmlischen Höhen, wohin wissenschaftliche Meditationen uns getragen haben, herabsteigen, ist es quälend, sich unvermittelt wieder der Welt gegenüberzusehen. Damals habe ich die karge Schlichtheit der Klöster begreifen gelernt. Als ich fest entschlossen war, meinen neuen Lebensplan durchzuführen, suchte ich mir in den einsamsten Vierteln von Paris eine Unterkunft. Eines Abends, als ich von der Place de l'Estrapade kam, ging ich durch die Rue des Cordiers heim. An der Ecke der Rue de Cluny sah ich ein kleines Mädchen von ungefähr vierzehn Jahren mit einer Spielgefährtin Federball spielen, und das Lachen und der Mutwille der beiden amüsierte die Nachbarn. Es war schönes Wetter, der Abend war warm, es war im September. Die Frauen saßen vor den Türen und unterhielten sich wie in einer Provinzstadt am Feiertag. Ich betrachtete zuerst das junge Mädchen, dessen Gesicht einen wundervollen Ausdruck hatte und das in malerischer Haltung dastand. Es war eine reizende Szene. Ich suchte nach der Ursache dieser Traulichkeit inmitten von Paris und bemerkte, daß die Straße eine Sackgasse war und demnach kaum sehr belebt sein konnte. Da ich mich erinnerte, daß Jean-Jacques Rousseau in der Gegend gewohnt hatte, suchte ich das Hotel Saint-Quentin auf; sein verfallener Zustand ließ mich hoffen, dort ein billiges Quartier zu finden, und ich wollte mich darin umsehen. Als ich das niedrige Entrée betrat, sah ich die klassischen kupfernen Armleuchter, besteckt mit Kerzen, die sich methodisch über den Schlüsseln reihten, und ich war erstaunt, welche Sauberkeit in dem Raum herrschte, der in anderen Hotels gewöhnlich sehr schlecht gehalten zu sein pflegt, hier aber wie ein Genrebild anmutete; das blaue Bett, die Gerätschaften, die Möbel zeugten von einem konventionellen Schönheitssinn. Die Wirtin, eine Frau von ungefähr vierzig Jahren, aus deren Zügen Kummer sprach und deren Blick wie von Tränen getrübt war, erhob sich und kam auf mich zu. Ich nannte ihr bescheiden den Preis, den ich für die Miete zahlen konnte; sie schien darüber nicht verwundert, suchte aus all den Schlüsseln einen heraus, führte mich zu den Dachstuben und zeigte mir eine Kammer mit einem Ausblick auf die Dächer und die Höfe der Nachbarhäuser, aus deren Fenstern lange, mit Wäsche behangene Stangen ragten. Nichts konnte schrecklicher sein als diese Mansarde mit ihren schmutzigen gelben Wänden, die nach Elend roch und nur auf den armen Gelehrten zu warten schien. Das Dach senkte sich auf beiden Seiten gleichmäßig darüber, und die auseinanderklaffenden Ziegel ließen den Himmel hindurchsehen. Es war Platz für ein Bett, einen Tisch, einige Stühle, und unter dem spitzen Winkel des Daches konnte ich mein Klavier unterbringen. Da die arme Frau nicht reich genug war, diesen Käfig, den die Bleikammern von VenedigBleikammern von Venedig: das seit 1561 unter dem mit Bleiplatten gedeckten Dach des Dogenpalastes eingerichtete, berüchtigte Gefängnis wohl kaum übertrafen, einzurichten, hatte sie ihn bisher nie vermieten können. Ich hatte vom Verkauf der Möbel die Gegenstände ausgeschlossen, die zu meinem persönlichen Bedarf gehörten, und so wurde ich mit meiner Wirtin bald handelseinig und zog am Tag darauf bei ihr ein. Ich lebte in diesem Mansardengrab nahezu drei Jahre, arbeitete unablässig Tag und Nacht und mit so viel Freude, daß das Studium mir als die schönste Aufgabe, die glücklichste Lösung des menschlichen Lebens erschien. Die Ruhe und das Schweigen, die der Gelehrte braucht, haben etwas unaussprechlich Sanftes und Berauschendes wie die Liebe. Die angespannte Arbeit der Gedanken, die Suche nach Ideen, die ruhigen Betrachtungen der Wissenschaft spenden uns unsägliche Wonnen, die man so wenig schildern kann wie alle übrigen Phänomene des Geistes, da sie für unsere äußeren Sinne nicht wahrnehmbar sind. Wir müssen daher die Geheimnisse des Geistes auch immer durch materielle Vergleiche erklären. Das Vergnügen, allein und von einer sanften Brise umschmeichelt in einem klaren See inmitten von Felsen, Wäldern und Blumen zu schwimmen, würde den Unwissenden nur ein schwaches Bild des Glücks geben, das ich empfand, wenn sich meine Seele gleichsam in einem überirdischen Lichte badete, wenn ich den schrecklichen und verworrenen Stimmen der Inspiration lauschte, wenn Bilder aus einer unbekannten Quelle in mein zuckendes Hirn sprangen. Zu beobachten, wie auf dem Feld der Abstraktionen eine Idee sprießt, gleich der Morgensonne emporsteigt, oder besser, die heranwächst wie ein Kind, das langsam zur Reife gelangt und zum Mann wird, ist eine Freude, die alle irdischen Freuden übersteigt, oder vielmehr, ist göttliche Lust. Das Studium verleiht allem, was uns umgibt, einen magischen Schein. Der wackelige Tisch, auf dem ich schrieb, das braune Schafleder, mit dem er bedeckt war, mein Klavier, mein Bett, mein Lehnstuhl, die Schnörkeleien auf meiner Tapete, meine Gerätschaften, all diese Dinge gewannen ein eigenes Leben und wurden meine ergebenen Freunde, die verschwiegenen Gefährten meiner Zukunft. Wie oft habe ich ihnen nicht, wenn ich sie ansah, meine Seele enthüllt! Wie oft, wenn ich meine Augen über ein windschiefes Gesims gleiten ließ, sind mir neue Gedankenfolgen gekommen, ein schlagender Beweis meines Systems oder Worte, die mir treffend schienen, kaum auszudrückende Gedanken wiederzugeben. Wie ich die Dinge, die mich umgaben, betrachtete, entdeckte ich, daß jedes eine Physiologie, einen besonderen Charakter hatte. Oft sprachen sie zu mir; wenn die untergehende Sonne über die Dächer hinweg einen flüchtigen Schein in mein schmales Fenster warf, färbten sie sich, verblaßten, leuchteten auf, wurden bald düster, bald heiter und überraschten mich stets durch neue Wandlungen. Diese winzigen Ereignisse eines einsamen Lebens, die der rastlos geschäftigen Welt entgehen, sind der Trost der Gefangenen. War ich denn nicht gefangen von der Idee, in ein System gesperrt, obgleich die Aussicht auf eine glorreiche Zukunft mich aufrechterhielt? Bei jeder überwundenen Schwierigkeit küßte ich die weichen Hände der reichen, eleganten Frau mit den schönen Augen, die mir eines Tages die Haare streicheln und gerührt zu mir sagen würde: ›Du hast viel gelitten, mein armer Engel!‹ Ich hatte zwei große Werke in Angriff genommen. Eine Komödie sollte mir in wenigen Tagen einen Namen, ein Vermögen und den Eintritt in jene Welt verschaffen, wo ich die Hoheitsrechte des Genies auszuüben gedachte. Ihr alle habt in diesem Meisterwerk den ersten Fehlgriff eines jungen Mannes, der gerade aus dem Collège kommt, gesehen, nichts als eine Kinderei. Eure Spötteleien haben hochfliegenden Illusionen die Flügel gestutzt, und seither ruhen sie. Du, lieber Émile, warst der einzige, der Linderung in die tiefe Wunde träufelte, die die anderen in mein Herz schlugen. Du allein hast meine ›Theorie des Willens‹Theorie des Willens‹: Vgl. Balzacs »Louis Lambert« bewundert, jene langwährende Arbeit, um derentwillen ich die orientalischen Sprachen, die Anatomie, die Physiologie studiert und der ich den größten Teil meiner Zeit geopfert habe. Dieses Werk wird, wenn ich mich nicht täusche, die Arbeiten von Mesmer,Mesmer, Franz (1734-1815): deutscher Arzt, begründete die Lehre vom tierischen Magnetismus (Mesmerismus), wonach elektromagnetische Kräfte vom lebendigen Organismus ausgehen sollen Lavater,Lavater, Johann Kaspar (1741-1801): Schweizer Schriftsteller und protestantischer Geistlicher; Begründer der Physiognomik (»Physiognomische Fragmente«), in der eine Menschenerkenntnis aus den Gesichtszügen oder Körperformen gewonnen wird GallGall, Franz Joseph (1758-1828): deutscher Arzt und Begründer der Schädellehre, wonach besondere menschliche Anlagen und Fähigkeiten durch Schädelwölbungen kenntlich seien. Während Gall in Deutschland mit seiner Lehre nur Gelächter erntete, hatte er seit 1807 in den Pariser Salons großen gesellschaftlichen Erfolg und Bichat ergänzen und der Wissenschaft einen neuen Weg weisen. Hier endet mein schönes Leben, dieses mit jedem Tag erneuerte Opfer, diese der Welt unbekannte Seidenwurmarbeit, deren einziger Lohn vielleicht in der Arbeit selbst liegt. Vom Alter der Vernunft an bis zu dem Tag, da ich meine Theorie beendete, habe ich unablässig beobachtet, gelernt, geschrieben, gelesen; mein Leben war wie ein langes Strafpensum. Obwohl ich verweichlicht war und zu orientalischer Faulheit neigte, obwohl ich in meine Träume verliebt und sinnlicher Natur war, habe ich doch immer gearbeitet und mir die Freuden des Pariser Lebens versagt. Ich schätzte Tafelgenüsse und lebte aufs kärglichste; ich liebte das Wandern und das Reisen zur See, sehnte mich, fremde Länder kennenzulernen, ja, ich hätte noch Vergnügen daran gefunden, gleich einem Kinde, Kieselsteine auf dem Wasser hüpfen zu lassen, und bin doch beständig mit der Feder in der Hand auf einem Fleck sitzengeblieben. Trotz meiner Redseligkeit lauschte ich stillschweigend den Vorlesungen der Professoren in der Bibliothek und im Museum; ich schlief auf meinem einsamen Lager wie ein Benediktinermönch, und doch war eine Frau mein einziger Wunsch, ein ständig gehegtes und nie erfülltes Verlangen. Kurz, mein Leben war ein grausamer Widerspruch, eine fortwährende Lüge. Aber so ist der Mensch! Manchmal brachen meine natürlichen Triebe hervor wie eine Feuersbrunst, die lange im verborgenen geschwelt hat. Wie in hitzigen Fieberträumen sah ich mich, der ich doch all die glühend ersehnten Frauen entbehrte und in äußerster Armut in einer elenden Künstlermansarde hauste, von hinreißenden Frauen umgeben. Ich lehnte in den weichen Polstern einer glänzenden Equipage und fuhr durch die Straßen von Paris. Von Lastern ausgehöhlt, stürzte ich mich in Ausschweifungen, wollte alles, besaß alles, war nüchtern trunken wie der heilige Antonius in seiner Versuchung. Glücklicherweise löschte der Schlaf schließlich diese verzehrenden Visionen; am anderen Tag rief mich lächelnd die Wissenschaft wieder und ich war ihr treu. Ich denke mir, daß auch die sogenannten tugendhaften Frauen oft von solchen Stürmen der Raserei, der Begierde und der Leidenschaft heimgesucht werden, die sich gegen unseren Willen in uns erheben. Solche Phantasien sind nicht ohne Reiz; gleichen sie nicht jenen Winterabendplaudereien, wo man von seinem Kaminfeuer aus bis nach China reist? Aber was wird während dieser köstlichen Fahrten, wo der Gedanke alle Hindernisse überspringt, aus der Tugend? Während der zehn ersten Monate meiner Zurückgezogenheit führte ich das dürftige und einsame Leben, das ich dir geschildert habe; am frühen Morgen holte ich, ohne daß jemand mich sah, meine Vorräte für den Tag ein; ich räumte mein Zimmer auf, war Herr und Diener zugleich und spielte den DiogenesDiogenes von Sinope (412-323 v. Chr.): griechischer Philosoph, Zyniker; bekundete seine Verachtung gegenüber Reichtum und sozialen Konventionen dadurch, daß er in einer Tonne lebte mit einem unglaublichen Stolz.

Aber nach dieser Zeit, während der die Wirtin und ihre Tochter meine Gewohnheiten und meine Sitten auskundschafteten, meine Person prüften und mein Elend verstanden, vielleicht weil sie selber sehr unglücklich waren, knüpften sich zwischen ihnen und mir unvermeidliche Beziehungen an. Pauline, das reizende Geschöpf, dessen zarte, kindliche Grazie mich eigentlich erst dorthin geführt hatte, erwies mir verschiedene Dienste, die ich unmöglich abweisen konnte. Alle traurigen Schicksale sind verwandt; sie sprechen dieselbe Sprache und haben die gleiche Großherzigkeit, die Großherzigkeit jener, die, da sie nichts besitzen, freigebig sind mit ihren Gefühlen und ihre Zeit und ihre Person dareinsetzen. Unmerklich nistete Pauline sich bei mir ein, wollte mich bedienen, und ihre Mutter widersetzte sich dem nicht. Ich sah, wie die Mutter selbst meine Wäsche flickte und errötete, als ich sie bei dieser barmherzigen Beschäftigung ertappte. Da ich, ohne es zu wollen, ihr Schützling geworden war, sträubte ich mich gegen ihre Dienste nicht. Um diese eigentümliche Zuneigung zu verstehen, muß man die Leidenschaft der Arbeit kennen, die Tyrannei der Ideen und jenen natürlichen Widerwillen, den ein Mensch, der in einer geistigen Welt lebt, gegen die Kleinigkeiten des materiellen Lebens empfindet. Konnte ich der zarten Aufmerksamkeit widerstehen, mit der Pauline mir mit leisen Schritten meine bescheidene Mahlzeit brachte, wenn sie bemerkte, daß ich seit sieben oder acht Stunden nichts zu mir genommen hatte? Mit weiblicher Anmut und kindlicher Unbefangenheit lächelte sie mir zu und bekundete durch ein Zeichen, daß ich sie nicht beachten solle. Sie war Ariel,Ariel: Luftgeist aus Shakespeares Drama ›Der Sturm‹ (1611) der wie eine SylpheSylphe: grch., Luftgeist unter mein Dach schlüpfte und für mein leibliches Wohl sorgte. Eines Abends erzählte mir Pauline mit rührender Naivität ihre Geschichte. Ihr Vater war Schwadronschef bei den berittenen Grenadieren der kaiserlichen Garde gewesen. Beim Übergang über die BeresinaÜbergang über die Beresina: Auf ihrem Rückzug von Moskau überquerten die Franzosen die Beresina (26.-28. November 1812), wobei Napoleon mehr als die Hälfte der ihm noch verbliebenen Soldaten verlor war er von den Kosaken gefangengenommen worden; später, als Napoleon ihn austauschen wollte, ließen ihn die russischen Behörden vergeblich in Sibirien suchen; nach den Aussagen anderer Gefangener war er entflohen und plante, sich nach Indien durchzuschlagen. Seither hatte meine Wirtin, Madame Gaudin, keinerlei Nachricht von ihrem Manne erlangen können. Die Unglücksjahre von 1814 und 1815 waren hereingebrochen; allein, ohne Hilfe und Hilfsquellen, hatte sie es unternommen, ein Hotel zu unterhalten, um ihre Tochter zu ernähren. Sie hoffte immer noch, ihren Gatten wiederzusehen. Ihr größter Kummer war, daß sie Pauline keine Erziehung angedeihen lassen konnte, ihrer Pauline, dem Patenkind der Fürstin Borghese,Fürstin Borghese: Pauline Bonaparte (1780-1825), heiratete 1803 den Fürsten Camillo Borghese und wurde 1806 Herzogin von Guastalla das die von ihrer kaiserlichen Beschützerin verheißene glänzende Zukunft nicht Lügen strafen sollte. Als Madame Gaudin mir diesen bitteren Schmerz, der an ihrem Herzen nagte, anvertraute und mit ergreifendem Ton zu mir sagte: ›Gern würde ich den Fetzen Papier, der Gaudin zum Baron des Kaiserreichs macht, und die Ansprüche auf die Schenkung von Wistchnau dafür hingeben, Pauline in Saint-Denis erzogen zu wissen!‹, da erbebte ich plötzlich, und um die Gefälligkeiten, mit denen beide Frauen mich überhäuften, zu vergelten, hatte ich den Einfall, mich zu erbieten, Paulines Erziehung zu vervollständigen. Die beiden Frauen nahmen meinen Vorschlag ebenso treuherzig auf, wie ich ihn gemacht hatte. So kamen denn für mich Stunden der Erholung. Die Kleine hatte die glücklichsten Anlagen; sie lernte so leicht, daß sie mich bald auf dem Klavier übertraf. Sie gewöhnte sich daran, an meiner Seite laut zu denken und entfaltete den ganzen Liebreiz eines Herzens, das sich wie der Kelch einer Blume unter den Strahlen der Sonne dem Leben öffnet; sie heftete ihre schwarzen Samtaugen, die ständig zu lächeln schienen, auf mich und lauschte mir andächtig und freudig, ihre Lektionen repetierte sie mit sanfter Schmeichelstimme und freute sich kindlich, wenn ich mit ihr zufrieden war. Die Mutter, die mit wachsender Unruhe jede Gefahr von dem Mädchen fernhalten wollte, das beim Heranreifen alles erfüllte, was ihre kindliche Anmut verheißen hatte, sah es mit Vergnügen, daß sie sich den ganzen Tag einsperrte, um zu lernen. Da sie selbst kein Klavier besaß, benutzte Pauline meine Abwesenheit, um zu üben. Wenn ich heimkam, fand ich sie in meiner Kammer; sie war immer in sehr bescheidener Kleidung, aber die Bewegung enthüllte ihren geschmeidigen Wuchs und den ganzen Reiz ihrer Person unter dem groben Stoff. Wie die Heldin des Märchens von der Eselshaut hatte sie den zierlichsten Fuß in plumpen Schuhen stecken. Aber all diese Schätze, dieser Jungmädchenreiz, diese strahlende Schönheit waren für mich gleichsam verloren. Ich hatte es mir auferlegt, in Pauline nur eine Schwester zu erblicken, ich hätte es schändlich gefunden, das Vertrauen der Mutter zu hintergehen. Ich bewunderte das reizende Mädchen wie ein Gemälde, wie das Bildnis einer verstorbenen Geliebten; es war mein Geschöpf, meine Statue. Als ein neuer PygmalionPygmalion: legendärer Bildhauer, der sich in eine von ihm selbst geschaffene weibliche Statue verliebt, die Aphrodite auf seine Bitten lebendig werden läßt wollte ich aus einer lebendigen, blühenden Jungfrau, die fühlte und sprach, einen Marmor machen. Ich war sehr streng mit ihr; doch je mehr schulmeisterliche Gewalt ich sie fühlen ließ, desto sanfter und unterwürfiger wurde sie. Wenn ich auch in meiner Zurückhaltung und Enthaltsamkeit von edlen Gefühlen bestärkt wurde, so war ich doch nicht frei von berechnenden Erwägungen. Redlichkeit in Geldangelegenheiten ohne Redlichkeit der Gesinnung begreife ich nicht. Eine Frau betrügen oder Bankrott machen, ist für mich immer das gleiche gewesen. Wenn man ein junges Mädchen liebt oder sich von ihm lieben läßt, geht man einen Vertrag ein, dessen Bedingungen einsichtsvoll gehandhabt werden müssen. Es steht uns frei, eine Frau zu verlassen, die sich verkauft, aber nicht ein junges Mädchen, das sich hingibt, denn es kennt die Tragweite seines Opfers nicht. Ich hätte also Pauline heiraten müssen, und das wäre eine Torheit gewesen. Hieße es nicht, eine zarte, jungfräuliche Seele schrecklichem Ungemach preisgeben? Meine Armut redete ihre egoistische Sprache und legte immer ihre eiserne Hand zwischen mich und das gute Geschöpf. Außerdem, ich gestehe es zu meiner Schande, schließt Elend für mich Liebe aus. Vielleicht bin ich verdorben von der menschlichen Krankheit, die wir Zivilisation nennen; aber eine Frau, wäre sie auch so reizvoll wie die schöne Helena oder die Galatea Homers, hat keine Macht mehr über meine Sinne, wenn sie von Straßenschmutz besudelt ist. Ah! es lebe die Liebe, die Liebe in Seide und Kaschmir, umgeben von den Wundern des Luxus, die so herrlich zieren, wohl weil sie selbst vielleicht ein Luxus ist. Ich liebe es, wenn mein heißes Begehren elegante Toilette zerknittert, Blumen zerbricht, meine Hand zerstörerisch in den zierlichen Aufbau duftenden Haares fährt. Brennende Augen hinter einem Spitzenschleier, den die Blicke durchdringen wie die Flamme den Rauch der Kanone, haben etwas unsagbar Verlockendes für mich. Meine Liebe verlangt seidene Leitern, die im Schweigen einer Winternacht erklommen werden. Welche Lust, mit Schnee bedeckt in ein durchduftetes, mit bemalter Seide bespanntes Gemach zu treten und dort eine Frau zu finden, die gleichfalls Schnee abschüttelt, denn wie anders soll man jene wollüstigen Musselinschleier nennen, durch die ihre Gestalt sich zart abzeichnet und aus denen sie hervortritt wie ein Engel aus einer Wolke? Ich brauche ein verstohlenes Glück, verwegene Sorglosigkeit. Dann will ich diese geheimnisvolle Frau strahlend inmitten der Gesellschaft wiedersehen, tugendhaft, mit Huldigungen überhäuft, in Spitzen gekleidet, von Diamanten funkelnd, wie sie der Stadt ihre Befehle erteilt, so hochgestellt und gebieterisch, daß niemand sein Begehren zu ihr zu erheben wagt. Inmitten ihres Hofstaats aber wirft sie mir einen verschwiegenen Blick zu, einen Blick, der alle diese Kunstgriffe Lügen straft, der die Welt und die Menschen für mich opfert. Gewiß, ich habe mich hundertmal lächerlich gefunden, ein paar Ellen Seidenspitze zu lieben; Samt oder feinen Batist, die Kunststücke eines Friseurs, Kerzen, eine Kutsche, einen Titel, Wappenkronen, von Glasmalern gemalt oder von einem Goldschmied ziseliert; kurz, alles das, was künstlich und am Weib weniger weiblich ist; ich habe mich verspottet, mir vernünftig zugeredet, alles vergebens. Eine aristokratische Frau mit ihrem feinen Lächeln, ihren vornehmen Manieren und ihrer Selbstachtung bezaubert mich. Wenn sie zwischen sich und der Welt eine Schranke errichtet, schmeichelt sie all meinen Eitelkeiten, die die Hälfte der Liebe sind. Wenn mich alle beneiden, so hat mein Glück mehr Würze für mich. Wenn sie nichts tut, was die anderen Frauen tun, nicht geht wie sie, nicht lebt wie sie, sich in einen Mantel hüllt, den sie nicht haben können, Düfte atmet, die nur ihr eigen sind, scheint es mir, als ob meine Geliebte mir noch mehr angehöre. Je mehr sie sich von der Erde entfernt, selbst in dem, was die Liebe Irdisches hat, desto schöner wird sie in meinen Augen. Zum Glück für mich gibt es in Frankreich seit 20 Jahren keine Königin mehr, sonst hätte ich die Königin geliebt. Um das Auftreten einer Prinzessin zu haben, muß eine Frau reich sein. Was war, angesichts meiner romantischen Phantasien, Pauline? Konnte sie mir Nächte verkaufen, die das Leben kosten, eine Liebe, die Tod bringt und alle menschlichen Fähigkeiten abverlangt? Wir sterben wohl kaum für arme kleine Mädchen, die sich hingeben. Ich habe nie von diesen Dichterträumen und Gefühlen ablassen können. Ich war für die unmögliche Liebe geschaffen, und der Zufall wollte, daß ich über meine Wünsche hinaus bedient wurde. Wie oft habe ich nicht Paulines zierliche Füßchen in Atlasschuhe gesteckt, ihren Körper, schlank wie eine junge Pappel, in ein Tüllkleid gehüllt, ein duftiges Tuch über ihren Busen geworfen, sie über die Teppiche ihres Hotels schreiten lassen und zu einem eleganten Wagen geführt! So hätte ich sie angebetet. Ich verlieh ihr einen Stolz, den sie nicht besaß, ich beraubte sie aller ihrer Tugenden, ihres kindlichen Liebreizes, ihres anmutvollen Naturells, ihres unbefangenen Lächelns, um sie in den StyxStyx: in der griechischen Sage Grenzfluß zum Totenreich unserer Laster zu tauchen und ihr Herz unverwundbar zu machen, sie mit unseren Verbrechen herauszuschminken, eine extravagante Salonpuppe aus ihr zu machen, eine bleichsüchtige Frau, die morgens zu Bett geht, um abends beim Schein der Kerzen wieder aufzuleben. Pauline war ganz Gefühl, ganz Frische; ich wollte sie fühllos und kalt. In den letzten Tagen meines Wahns zeigte die Erinnerung mir Pauline so, wie sie uns die Szenen unserer Kindheit zurückruft. Mehr als einmal dachte ich bewegt an köstliche Augenblicke: sei es, daß ich das liebe Mädchen nahe bei meinem Tisch sitzen, mit einer Näharbeit beschäftigt sah, friedlich, still, nachdenklich, und sanft vom Tageslicht beschienen, das durch meine Dachluke hereindrang und über ihr schönes schwarzes Haar einen zarten Silberschein breitete; sei es, daß ich ihr junges Lachen oder ihre wohlklingende Stimme liebliche Weisen singen hörte, die sie mühelos selbst komponierte. Häufig geriet meine Pauline beim Musizieren in schwärmerisches Verzücken, ihr Gesicht glich dann auffallend dem edlen Kopf, in dem Carlo DolciCarlo Dolci (1616-1686): berühmter florentinischer Maler Italien darstellen wollte. Immer wieder führte mir mein grausames Gedächtnis in meinem zügellosen Dasein das Bild jenes jungen Mädchens vor Augen wie eine Verkörperung der Tugend, des Gewissens. Doch überlassen wir das arme Kind seinem Geschick. So unglücklich es auch sein mag, jedenfalls habe ich es vor einem entsetzlichen Ungemach bewahrt, indem ich es nicht mit in meine Hölle hineinriß. Bis zum letzten Winter führte ich das ruhige und arbeitsreiche Leben, von dem ich dir einen Eindruck zu geben versuchte. In den ersten Tagen des Dezembers 1829 begegnete ich Rastignac, der mir trotz des elenden Zustandes meiner Kleider den Arm gab und sich mit einer wahrhaft brüderlichen Anteilnahme nach meinem Geschick erkundigte. Von seinem einnehmenden Wesen gefangen, erzählte ich ihm kurz mein Leben und meine Hoffnungen; er lachte und hieß mich Genie und Dummkopf zugleich. Seine gascognische Redeweise, seine Welterfahrung, das Auf-großem-Fuß-Leben, das er seiner Gewandtheit verdankte, wirkten unwiderstehlich auf mich. Er prophezeite mir, daß ich wie ein verkannter Tropf im Armenhaus enden, er meinen eigenen Leichenzug anführen und mich ins Loch der armen Leute werfen würde. Er sprach von Scharlatanerie. Mit seinem liebenswerten Elan, der ihn so mitreißend macht, stellte er alle Genies als Scharlatane hin. Er erklärte mir, daß ich einen Sinn zuwenig besäße und es dem Tode gleichkäme, wenn ich weiterhin einsam in der Rue des Cordiers leben wollte. Er sei der Meinung, daß ich in Gesellschaft gehen, die Leute daran gewöhnen müßte, meinen Namen auszusprechen, und selbst das demütige ›Monsieur‹ ablegen solle, das sich für einen großen Mann zu seinen Lebzeiten nicht ziemt. ›Dummköpfe‹, rief er, ›nennen solch Handeln: intrigieren; Moralprediger ächten es mit der Bezeichnung: verschwendetes Leben; lassen wir uns von den Menschen nicht aufhalten, sehen wir uns die Resultate an. Du also arbeitest? Schön, du wirst es nie zu etwas bringen. Ich eigne mich für alles und tauge zu nichts, bin faul wie ein Hummer! Schön, ich erreiche alles. Ich mache mich überall breit, dränge mich vor, man macht mir Platz; ich rühme mich, man glaubt mir; ich mache Schulden, man bezahlt sie! Verschwendung, mein Lieber, ist ein politisches System. Das Leben eines Mannes, der sein Vermögen durchbringt, wird oft eine Spekulation; man legt seine Kapitalien an in Freunden, Vergnügungen, Gönnern, Bekanntschaften. ›Riskiert‹ ein Geschäftsmann eine Million? 20 Jahre lang trinkt er nicht, schläft er nicht, amüsiert er sich nicht, er brütet über seiner Million, läßt sie durch ganz Europa wandern; er langweilt sich, überläßt sich allen Teufeln, die der Mensch erfunden hat; und schließlich kommt eine Liquidation, wie ich es oft mit angesehen habe, und läßt ihn ohne einen Sou, ohne Namen, ohne Freund. Der Verschwender hingegen genießt es zu leben, alles aufs Spiel zu setzen. Wenn er durch Zufall sein Kapital verliert, kann ihm immer noch das Glück blühen, Obersteuereinnehmer zu werden, sich reich zu verheiraten, bei einem Minister oder Gesandten einen Posten zu bekommen. Er hat noch Freunde, einen Namen und immer Geld. Da er die Triebfedern der Welt kennt, läßt er sie zu seinem Vorteil spielen. Ist dieses System logisch, oder bin ich nur ein Narr? Ist es nicht die Moral der Komödie, die sich alle Tage in der Welt abspielt?‹ – ›Dein Werk ist vollendet‹ fuhr er nach einer Pause fort, ›du hast ein kolossales Talent. Nun, jetzt stehst du da, wo ich begonnen habe. Deinen Erfolg mußt du selber zustande bringen, das ist sicherer. Du mußt Verbindungen zur Gesellschaft knüpfen, Lobhudler dingen. Ich will deinen Ruhm zur Hälfte mitweben und werde der Juwelier sein, der die Diamanten deiner Krone gefaßt hat. Um gleich zu beginnen‹ sagte er, ›komm morgen abend hierher. Ich will dich in ein Haus einführen, wo ganz Paris erscheint, das heißt unser Paris, das Paris der Stutzer, der Millionäre, der Berühmtheiten, kurz der Männer, die Gold reden wie Chrysostomus.Chrysostomus: der heilige Johannes Chrysostomus (um 347-407); Patriarch von Konstantinopel, einer der bedeutendsten Kirchenväter und Redner, genannt ›Goldmund‹ Wenn diese Leute sich eines Buches annehmen, so kommt es in Mode; wenn es wirklich gut ist, so haben sie ein Genie anerkannt, ohne es zu wissen. Wenn du Geist hast, liebes Kind, so wirst du selbst das Glück deiner ›Theorie‹ begründen, indem du die Theorie des Glücks begreifen lernst. Morgen abend wirst du die schöne Comtesse Fœdora sehen, die zur Zeit Mode ist.‹ – ›Ich habe nie von ihr sprechen hören . . .‹ – ›Du bist ein Kaffer, erwiderte Rastignac lachend. ›Du kennst Fœdora nicht? Eine gute Partie mit etwa 80 000 Livres Rente, die keinen will oder die keiner will. Eine rätselhafte Frau, eine Pariserin, die zur Hälfte Russin, oder eine Russin, die zur Hälfte Pariserin ist! Eine Frau, bei der alle romantischen Produktionen verlegt werden, die nicht öffentlich erscheinen, die schönste, graziöseste Frau von Paris! Du bist nicht einmal ein Kaffer, du bist das Zwischenglied zwischen Kaffer und Vieh. Also adieu, auf morgen . . .‹ Er drehte sich auf dem Absatz herum und ging, ohne meine Antwort abzuwarten, da er es nicht für möglich hielt, daß ein vernunftbegabter Mensch es ablehnen könne, Fœdora vorgestellt zu werden. Wie soll man das Bestrickende eines Namens erklären! FŒDORA verfolgte mich wie ein böser Gedanke, mit dem man sich abzufinden sucht. Eine Stimme sagte mir: ›Du wirst zu Fœdora gehen!‹ Ich konnte gegen diese Stimme angehen, soviel ich wollte, und ihr zurufen, daß sie lüge; sie machte all meine Einwände zunichte mit dem Namen: Fœdora. Aber war dieser Name, diese Frau nicht das Symbol all meiner Sehnsucht und der Inhalt meines Lebens? Der Name erweckte die künstliche Poesie der großen Welt, ließ die Feste des aristokratischen Paris und den Flittertand der Eitelkeit vor mir erglänzen. Die Frau erstand vor mir mit allen Rätseln der Leidenschaft, die mir den Kopf verdreht hatten. Vielleicht waren es weder die Frau noch der Name, sondern alle meine Laster, die in meiner Seele auferstanden, um mich aufs neue zu versuchen. War die Comtesse Fœdora, die reich und ohne Liebhaber, den Verführungen von Paris widerstand, nicht die Inkarnation meiner Hoffnungen, meiner Visionen? Ich schuf mir eine solche Frau, lieh ihr in meinen Gedanken Gestalt, träumte von ihr. In der Nacht schlief ich nicht, ich wurde ihr Geliebter; in ein paar Stunden preßte ich ein ganzes Leben, ein Leben der Liebe, und genoß seine tiefen, zehrenden Wonnen. Am nächsten Morgen, da ich die Qual, den Abend zu erwarten, nicht zu ertragen vermochte, lieh ich mir einen Roman aus und verbrachte den Tag mit Lesen, indem ich es mir auf diese Weise unmöglich machte, zu denken und die Zeit zu messen. Während ich las, klang der Name Fœdora in mir wie ein Ton aus der Ferne, nicht störend, aber hörbar. Glücklicherweise besaß ich noch einen recht anständigen Frack und eine weiße Weste; von meinem ganzen Vermögen blieben mir noch ungefähr 30 Francs, die ich überall in meinen Sachen und meinen Schubladen verstreut hatte, um zwischen einem 100-Sous-Stück und den Eingebungen meines Verlangens die dornenvolle Sperre einer Durchstöberung und Umsegelung meines Zimmers zu errichten. Vor dem Ankleiden durchwühlte ich einen Ozean von Papier nach meinem Schatz. Bei der Höhe meines Barbestandes wirst du dir vorstellen können, welche Reichtümer meine Handschuhe und ein Wagen verschlangen; das Brot für einen ganzen Monat ging drauf. Es fehlt uns eben leider nie an Geld für unsere Launen. Wir markten nur um den Preis für nützliche oder notwendige Dinge. Wir werfen das Gold leichten Herzens an Tänzerinnen weg und feilschen mit einem Arbeiter, dessen hungernde Familie auf die Bezahlung einer Rechnung wartet. Wie viele Leute tragen einen Rock für 100 Francs, einen Diamanten im Knauf ihres Spazierstocks und gehen für 25 Sous essen! Es scheint, daß wir die Freuden der Eitelkeit nie teuer genug bezahlen. Rastignac erschien pünktlich am vereinbarten Treffpunkt, lächelte über meine Metamorphose und bespöttelte mich deswegen; doch auf dem Wege zur Comtesse gab er mir noch allerlei gutgemeinte Ratschläge, wie ich mich ihr gegenüber zu benehmen hätte; er schilderte sie mir geizig, eitel und mißtrauisch; aber geizig mit Prunk, eitel mit Schlichtheit, mißtrauisch mit Wohlwollen. – ›Du kennst meine Verhältnisse und weißt, wieviel ich bei einem Wechsel meiner Liebe verlieren würde‹, sagte er. ›Bei meiner Beobachtung Fœdoras war ich uneigennützig, kaltblütig, meine Bemerkungen müssen also richtig sein. Ich hatte nur dein Glück im Sinne, als ich daran dachte, dich bei ihr einzuführen; nimm dich also in acht mit allem, was du sagst; sie hat ein grausames Gedächtnis, sie ist von einer Schlauheit, die einen Diplomaten zur Verzweiflung treiben kann; sie würde den Moment erraten, wo er die Wahrheit sagt. Unter uns: ich glaube, daß ihre Heirat vom Kaiser nicht anerkannt wird, denn der russische Gesandte brach in Gelächter aus, als ich die Rede auf sie brachte. Er empfängt sie nicht und grüßt sie sehr obenhin, wenn er ihr im BoisBois: Gemeint ist der Bois de Boulogne, eine waldreiche Promenade der vornehmen Welt von Paris, im Westen der Hauptstadt gelegen begegnet. Nichtsdestoweniger gehört sie zum Kreis von Madame de Sérisy und verkehrt mit Madame de Nucingen und Madame de Restaud. In Frankreich ist ihr Ruf tadellos; die Duchesse de Carigliano, die hochnäsigste Marschallin der ganzen bonapartistischen Clique, verbringt oft den Sommer mit ihr auf ihrem Landgut. Viele junge Laffen, unter anderen der Sohn eines PairsPair: Mitglied der Pairskammer, die von 1814 bis 1848 mit der Abgeordnetenkammer und dem König die gesetzgebende Gewalt bildete. Nach der Julirevolution wurde durch eine Revision der Verfassung am 7. August 1830 die Erblichkeit der Pairswürde abgeschafft von Frankreich, haben ihr einen Namen zum Tausch für ihr Vermögen geboten; sie hat sie alle höflichst abgewiesen. Vielleicht regt sich ihr Gefühl erst beim Titel eines Comte. Bist du nicht Marquis? Frisch voran also, wenn sie dir gefällt. Das heiße ich Instruktionen erteilen.‹ Diese Neckereien ließen mich glauben, daß Rastignac sich einen Scherz machen und meine Neugierde anstacheln wollte, so daß, als wir vor einem blumengeschmückten Säulenhof anlangten, meine improvisierte Leidenschaft ihren Höhepunkt erreicht hatte. Als wir eine breite, mit Teppichen belegte Treppe hinaufstiegen, wo ich den ausgesuchtesten englischen Komfort bemerkte, pochte mein Herz; ich wurde rot, verleugnete meine Abstammung, meine Gefühle, meinen Stolz, ich war ein lächerlicher Bourgeois. Gott ja, ich kam nach drei Jahren der Armut aus einer Dachstube und verstand noch nicht, jene erworbenen Schätze über die Nichtigkeiten des Lebens zu stellen, jenes ungeheure geistige Kapital, das uns in dem Moment reich macht, da uns die Macht in die Hände fällt, ohne daß sie uns zu Boden drückt, weil uns das Studium von vornherein auf die politischen Kämpfe vorbereitet hat. Ich erblickte eine Frau von etwa zweiundzwanzig Jahren, von mittlerer Größe, weiß gekleidet, von einem Kreis von Herren umringt, in der Hand hielt sie einen Fächer aus Federn. Als sie Rastignac eintreten sah, erhob sie sich, kam uns entgegen, lächelte anmutig und machte mir mit melodischer Stimme ein zweifellos vorbereitetes Kompliment. Unser Freund hatte mich als einen Mann von Talent angekündigt, und seine Gewandtheit und gascognische Beredsamkeit bereiteten mir einen schmeichelhaften Empfang. Ich wurde der Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit, die mich in Verlegenheit setzte; doch glücklicherweise hatte Rastignac von meiner Bescheidenheit gesprochen. Ich traf dort Gelehrte, Literaten, ehemalige Minister, Pairs von Frankreich. Die Unterhaltung nahm kurz nach meiner Ankunft wieder ihren Lauf, und da ich fühlte, daß ich einen Ruf zu wahren hatte, nahm ich mich zusammen. Wenn ich angesprochen wurde, war ich bemüht, ohne meine Rede lang auszudehnen, die Diskussionen durch mehr oder weniger entschiedene, tiefgründige oder geistreiche Bemerkungen zusammenzufassen. Ich rief einiges Aufsehen hervor. Zum tausendstenmal in seinem Leben war Rastignac Prophet. Als die Gesellschaft so zahlreich war, daß sich jeder frei fühlte, gab mir mein Beschützer den Arm, und wir wandelten durch die Gemächer. ›Laß bloß die Fürstin deine Verwunderung nicht anmerken‹, sagte er zu mir, ›sie errät sonst den Grund deines Besuchs!‹ Die Salons waren mit ausgewähltem Geschmack ausgestattet. Ich sah erlesene Gemälde. Jeder Raum hatte, wie bei den reichsten Engländern, seinen besonderen Charakter, und die Seidenbehänge, die Verzierungen, die Form der Möbel, der kleinste Zierat stimmten harmonisch mit einem Grundstil überein. In einem gotischen Boudoir, dessen Türen gestickte Portieren verbargen, waren das Randdekor des Stoffes, die Pendeluhr, das Muster des Teppichs gotisch. Die Felder zwischen den geschnitzten braunen Balken der Decke waren originell gestaltet; die Holztäfelung war kunstvoll gearbeitet; nichts störte den Gesamteindruck dieser hübschen Dekoration; nicht einmal die Fenster mit ihren kostbaren, bemalten Scheiben. Ich war überrascht beim Anblick eines kleinen modernen Salons, den ein mir bekannter Künstler im Stil unserer Zeit, der so leicht, so anmutend, so gefällig, so prunklos und sparsam an Vergoldung ist, vollendet ausgestattet hatte. Er war ätherisch und liebesdurchweht, wie eine deutsche Ballade, ein rechtes Nest für eine Leidenschaft von 1827, erfüllt vom Duft seltener Blumen. Hinter diesem Salon sah ich noch eine Flucht von Zimmern, darunter ein Gemach, das reich vergoldet den Stil Ludwigs XIV. aufleben ließ, der unserem Geschmack entgegengesetzt einen bizarren, doch angenehmen Konstrast bildete. ›Du wirst hier ganz gut untergebracht sein‹, sagte Rastignac zu mir mit einem Lächeln, das eine leise Ironie umspielte. ›Ist dies nicht verführerisch?‹ fügte er hinzu, indem er sich setzte. Plötzlich stand er wieder auf, nahm mich bei der Hand, führte mich in das Schlafzimmer und zeigte mir unter einem Himmel aus weißem Musselin und Moiré ein sanft beleuchtetes wollüstiges Bett, das wahre Bett für eine junge Fee, die einem Genie versprochen ist. ›Liegt nicht‹, sagte er mit leiser Stimme, ›maßlose Schamlosigkeit, Vermessenheit und maßlose Koketterie darin, uns diesen Liebesthron betrachten zu lassen? Sich keinem hinzugeben und jedem zu gestatten, seine Karte hier abzugeben? Wenn ich frei wäre, so wollte ich diese Frau demütig an meiner Tür weinen sehen.‹ – ›Bist du denn ihrer Tugend so sicher?‹ – ›Die verwegensten unserer Salonlöwen und sogar die geschicktesten geben zu, daß sie bei ihr gescheitert sind; sie lieben sie noch immer und sind ihre ergebenen Freunde. Ist diese Frau nicht ein Rätsel?‹ Diese Worte versetzten mich in eine Art Rausch. Ich fing schon an, auf ihre Vergangenheit eifersüchtig zu werden. Freudig erregt, kehrte ich eilig in den Salon zurück, in dem die Comtesse geweilt hatte; ich traf sie in dem gotischen Boudoir. Sie entbot mich mit einem Lächeln zu sich, hieß mich Platz nehmen, fragte nach meinen Arbeiten und schien sich lebhaft dafür zu interessieren, besonders als ich ihr mein System in scherzender Weise darlegte, anstatt es gelehrtenhaft im Professorenstil vor ihr zu entwickeln. Sie schien sich sehr zu amüsieren, als sie vernahm, daß der menschliche Wille eine dem Dampf vergleichbare materielle Kraft sei; daß nichts in der moralischen Welt dieser Kraft widerstehen könnte, wenn ein Mensch sich daran gewöhne, sie zu konzentrieren, sie als Ganzes wirken zu lassen und das Geschütz dieser flüssigen Masse beständig auf die Seelen richte; daß ein solcher Mensch nach Belieben alles, was mit dem Menschen zusammenhängt, selbst die Naturgesetze, verändern könne. Die Einwendungen Fœdoras bekundeten einen gewissen Scharfsinn; ich gefiel mir darin, ihr für ein paar Augenblicke recht zu geben, um ihr zu schmeicheln, und zerstörte dann ihre weiblichen Vernünfteleien mit einem Wort, indem ich ihre Aufmerksamkeit auf ein alltägliches, dem Anschein nach gewöhnliches Phänomen lenkte, und zwar den Schlaf, der für den Gelehrten im Grunde jedoch voll unlöslicher Probleme sei, und ich reizte ihre Neugier. Die Comtesse wurde sogar für ein Weilchen recht schweigsam, als ich ihr sagte, daß unsere Ideen vollkommen organische Wesen seien, die in einer unsichtbaren Welt lebten und auf unsere Geschicke Einfluß hätten, und zum Beweis führte ich ihr die Gedanken von Descartes, DiderotDiderot, Denis (1713-1784): französischer Philosoph der Aufklärung, Inspirator und Herausgeber der Encyclopédie (1751), Essayist, Romancier, Kunst- und Literaturkritiker, Propagandist der französischen Aufklärungsphilosophie und Napoleon an, die ein ganzes Jahrhundert geleitet hatten und noch leiteten. Ich hatte die Ehre, diese Frau zu amüsieren; als sie mich verließ, forderte sie mich auf, sie zu besuchen; das heißt in der Hofsprache ausgedrückt: sie gestattete mir freien Zutritt. Sei es, daß ich nach meiner löblichen Gewohnheit höfliche Redensarten für Herzensworte hielt, sei es, daß Fœdora in mir eine zukünftige Berühmtheit sah und ihre Menagerie von Gelehrten vermehren wollte: ich redete mir ein, ihr gefallen zu haben. Ich nahm alle meine physiologischen Kenntnisse und früheren Studien über die Frauen zu Hilfe, um diese eigentümliche Person und ihr Wesen an diesem Abend eingehend zu studieren. In einer Fensternische verborgen, suchte ich aus ihrer Haltung, aus der Art, wie sie die Hausherrin spielte, die kommt und geht, sich setzt und plaudert, einen Herrn anruft, ihn befragt, oder sich, um ihm zuzuhören, an einen Türpfosten lehnt, ihre Gedanken zu erspähen; sie wiegte sich leise beim Gehen, ihr Kleid schwang so anmutig, sie erweckte so heftig das Begehren, daß ich in bezug auf ihre Tugend sehr ungläubig wurde. Wenn Fœdora heute die Liebe verleugnete, mußte sie doch früher einmal voller Leidenschaft gewesen sein; denn eine wissende Sinnlichkeit verriet sich selbst in der Art, wie sie sich vor jemanden hinstellte, um mit ihm zu sprechen; sie lehnte sich kokett an die Täfelung wie eine Frau, die nahe am Umsinken ist oder bereit zu entfliehen, wenn ein allzu verwegener Blick sie einschüchtert. Mit lässig verschränkten Armen stand sie da, schien die Worte zu trinken, hörte sie sogar mit den Blicken wohlgefällig an; sie war ganz Gefühl. Ihre frischen roten Lippen stachen lebhaft von dem blendendweißen Teint ab. Ihr braunes Haar harmonierte eigen mit den orangefarbenen Augen, die geädert waren wie Florentiner Marmor und deren Spiel ihren Worten Feinheit verlieh. Ihr Wuchs war von lockender Anmut. Eine Rivalin hätte vielleicht die dichten, fast zusammengewachsenen Augenbrauen zu streng gefunden und den unmerklichen Flaum, der die Konturen ihres Gesichts umgab, getadelt. Ich fand alles von Leidenschaft geprägt. Liebe lag auf den italienischen Lidern dieser Frau, auf ihren schönen Schultern, die einer Venus von Milo angestanden hätten, auf ihren Zügen, auf der ein wenig vortretenden und leicht beschatteten Unterlippe. Sie war mehr als eine Frau, sie war ein Roman. Freilich, all diese prachtvolle Weiblichkeit, die Harmonie der Linien, die Verheißungen der Leidenschaft, die man aus diesem vollen Zusammenklang empfing, wurden von einer ständigen Sprödigkeit gedämpft, einer außergewöhnlichen Sittsamkeit, die ihrer ganzen Erscheinung widersprach. Es bedurfte einer so scharfen Beobachtung wie der meinigen, um in dieser Natur die Anzeichen zu entdecken, daß sie zur Wollust geschaffen sei. Um meine Gedanken klarer auszudrücken: Fœdora bestand aus zwei Frauen, die vielleicht die Taille voneinander trennte: die eine war kalt, der Kopf allein schien liebesfähig zu sein. Bevor sie ihre Augen auf einen Mann richtete, bereitete sie erst ihren Blick vor, als ob sich irgend etwas Geheimnisvolles in ihr vollzöge; eine Art krampfhafter Verzückung war in ihren strahlenden Augen. Kurzum, entweder war mein Wissen unvollkommen, und ich hatte noch viele Geheimnisse der geistigen Welt zu entdecken, oder die Comtesse hatte eine schöne Seele, deren Gefühle und Ausstrahlungen ihrem Gesicht diesen bestrickenden Zauber lieh, der uns unterwirft und fasziniert, ein aus der Seele strömender Einfluß, der um so mächtiger wirkt, als er mit unseren Begierden übereinstimmt. Ich ging entzückt fort, hingerissen von dieser Frau, berauscht von ihrem Luxus, in allem aufgereizt, was in meinem Herzen edel, lasterhaft, gut und böse war. Und wie ich mich so bewegt, so lebendig, so begeistert fühlte, glaubte ich zu verstehen, welcher Anziehung alle diese Künstler, Diplomaten, diese Männer der Macht, diese Spekulanten, die wie ihre Kassetten innen aus Blech waren, gehorchten; zweifellos suchten auch sie in ihrer Nähe die wahnwitzige Erregung, die alle Kräfte meines Wesens vibrieren ließ, mein Blut bis in die kleinste Ader aufpeitschte, den feinsten Nerv anspannte und in meinem Hirn bebte. Sie hatte sich keinem hingegeben, um sie alle zu behalten. Eine Frau ist kokett, solange sie nicht liebt. ›Außerdem‹, sagte ich zu Rastignac, ›ist sie vielleicht an einen alten Mann verheiratet oder verkauft worden, und die Erinnerung an diese Ehe flößt ihr Grauen ein vor der Liebe.‹ Ich ging vom Faubourg Saint-Honoré,Faubourg Saint-Honoré: im 19. Jahrhundert vom Adel bewohntes Stadtviertel von Paris wo Fœdora wohnte, zu Fuß heim. Zwischen ihrem Haus und der Rue des Cordiers liegt beinahe ganz Paris; der Weg erschien mir kurz, obwohl es sehr kalt war. Fœdora im Winter erobern zu wollen, einem so strengen Winter noch dazu, und keine 30 Francs in der Tasche haben bei der Entfernung, die uns trennte! Nur ein armer junger Mann weiß, was eine Leidenschaft an Wagenfahrten, Handschuhen, Anzügen, Wäsche und so weiter kostet. Wenn eine Liebe ein wenig zu lange platonisch bleibt, wird sie sein Ruin. Wahrhaftig, es gibt Lauzuns. . . es gibt Lauzuns: Anspielung auf Armand-Louis de Gontaut, Duc de Biron und Lauzun (1747-1793), der in seiner Jugend für seine galanten Abenteuer berühmt war an der École de Droit, für die eine Leidenschaft, die ein erstes Stockwerk bewohnt, ein Ding der Unmöglichkeit ist. Und wie konnte ich, schwach, schmächtig, einfach gekleidet, blaß und elend wie ein Künstler, der sich von einer großen Arbeit erholt, mit wohlfrisierten, schmucken, bestechend eleganten jungen Männern konkurrieren, die Krawatten tragen, an denen ganz Kroatien verzweifeln konnte, die reich waren, mit einem TilburyTilbury: zweisitziger, zweirädriger leichter Wagen mit Klappverdeck und einer gehörigen Portion Impertinenz aufwarteten? ›Bah! Fœdora ist das Glück!‹ Das schöne gotische Boudoir und der Salon im Stil Ludwigs XIV. tauchten vor meinen Augen auf, ich sah die Comtesse in ihrem weißen Kleide, ihren weiten graziösen Ärmeln, mit ihrem verführerischen Gang, ihrem lockenden Wuchs. Als ich in meiner nackten, kalten Dachkammer anlangte, die in so schlechtem Zustand war wie die Perücke eines Gelehrten, umgaukelten mich noch immer die Bilder des Luxus, der bei Fœdora herrschte. Dieser Kontrast war ein schlechter Ratgeber; so mögen wohl Verbrechen geboren werden. Bebend vor Wut, verfluchte ich da mein anständiges, ehrliches Elend, meine fruchtbare Mansarde, wo so viele Gedanken herangereift waren. Ich verlangte von Gott, dem Teufel, dem Staat, meinem Vater, dem ganzen Weltall Rechenschaft für mein Schicksal, für mein Unglück; ausgehungert ging ich zu Bett, lächerliche Flüche stammelnd, aber fest entschlossen, Fœdora zu verführen. Das Herz dieser Frau war ein letztes Lotterielos, das mein Glück entschied. Ich erlasse dir meine ersten Besuche bei Fœdora, um rasch zum Drama zu gelangen. Um das Herz dieser Frau zu erobern, versuchte ich zunächst, ihren Geist zu gewinnen, ihre Eitelkeit zu erregen. Um letztendlich geliebt zu werden, gab ich ihr tausend Gründe, sich selbst noch mehr zu lieben; niemals ließ ich sie in einem Zustand der Gleichgültigkeit. Die Frauen wollen Erregungen um jeden Preis. Ich verschaffte sie ihr in reichem Maße. Lieber hätte ich ihren Zorn erregt, als sie mir gegenüber teilnahmslos zu sehen. Erlangte ich anfangs, von dem festen Willen und dem Wunsche beseelt, ihre Liebe zu gewinnen, einen gewissen Einfluß auf sie, so steigerte sich meine Leidenschaft bald so sehr, daß ich nicht mehr Herr meiner selbst war, aufrichtig wurde, mich verlor und wahnsinnig verliebte. Ich weiß nicht genau, was wir in der Poesie oder im Gespräch ›Liebe‹ nennen; doch das Gefühl, das sich plötzlich in meiner Doppelnatur entfaltete, habe ich nirgends beschrieben gefunden, weder in den rhetorisch gedrechselten Phrasen von Jean-Jacques Rousseau, dessen Zimmer ich vielleicht bewohnte, noch in den kalten Schöpfungen der letzten beiden literarischen Jahrhunderte, noch in der Malerei Italiens. Allein die Ansicht des Bieler Sees, einige Motive Rossini, die Madonna von Murillo, die Marschall SoultSoult, Nicolas, Duc de Dalmatie (1769-1815): Marschall von Frankreich, entschied die Schlacht von Austerlitz und zeichnete sich in Spanien aus; Kriegsminister (1830-1832) und mehrmals Premierminister während der Julimonarchie. Soult besaß eine der umfangreichsten Sammlungen spanischer Malerei, zu der die »Unbefleckte Empfängnis der Heiligen Jungfrau« von Murillo gehörte, auf die Balzac zweifellos anspielt besitzt, die Briefe der Lescombat,die Briefe der Lescombat: Liebesbriefe der Marie-Catherine Lescombat (1725-1755), in denen sie ihren Geliebten zum Mord an ihrem Gatten anstiftet; beide wurden nach Aufdeckung des Verbrechens hingerichtet einige verstreute Worte in den Anekdotensammlungen, besonders aber die Gebete der Ekstatiker und manche Passagen in unseren FabliauxFabliaux: französische volkstümliche Verserzählungen des 12./13. Jahrhunderts haben mich in die himmlischen Regionen meiner ersten Liebe versetzen können. Nichts in der menschlichen Sprache, keine Wiedergabe des Gedankens mit Hilfe von Farben, Marmor, Worten oder Tönen trifft den Nerv, die Echtheit, die Vollkommenheit, die Plötzlichkeit dieses Gefühls in der Seele. Ja, wer Kunst sagt, sagt Lüge. Die Liebe durchläuft unendliche Verwandlungen, bevor sie sich unserem Leben beimischt und es für immer mit ihrer Flammenfarbe tönt. Das Geheimnis dieser unmerklichen Verschmelzung entgeht der Analyse des Künstlers. Die wahre Leidenschaft verrät sich durch Schreie, durch Seufzer, die einem kalten Menschen mißfallen. Man muß wahrhaft lieben, um beim Lesen der ›Clarissa Harlowe‹»Clarissa Harlowe«: 1747/48 erschienener Roman von Samuel Richardson (1689-1761). Lovelace ist die Gestalt des skrupellosen Verführers nur halbwegs in das Brüllen des Lovelace einzustimmen. Die Liebe ist eine sprudelnde Quelle, aus ihrem Bett von Kresse, Blumen und Kieselstein herausströmend, wächst sie zum Fluß, zum Strom an, ändert mit jeder Welle ihre Natur und ihr Aussehen und ergießt sich in einen unermeßlichen Ozean, in dem unvollkommene Geister Einförmigkeit erblicken, große Seelen aber sich in nie endende Betrachtungen versenken. Wie sollte ich diese flüchtigen Farbentöne des Gefühls zu schildern wagen, diese Nichtigkeiten, die so bedeutsam sind, diese Worte, deren Tonfall die Schätze der Sprache ausschöpft, diese Blicke, die befruchtender sind als die reichsten Gedichte? In jeder dieser mystischen Szenen, durch die wir unmerklich für eine Frau entbrennen, öffnet sich ein Abgrund, der alle menschlichen Dichtungen verschlingt. Ach, wie könnten wir die lebendigen und geheimnisvollen Erschütterungen der Seele wiedergeben, wenn uns schon die Worte fehlen, um die sichtbaren Geheimnisse der Schönheit zu schildern. Welch bezaubernde Macht! Wie viele Stunden habe ich in einer unaussprechlichen Ekstase verbracht, einzig damit beschäftigt, ›sie‹ zu sehen! Glücklich, worüber? Ich weiß es nicht. Wenn in jenen Augenblicken ihr Gesicht ganz von Licht überströmt war, ging eine geheimnisvolle Erscheinung auf ihm vor und ließ es aufleuchten. Der feine Flaum, der ihre zarte Haut vergoldete, zeichnete sanft die Konturen ihres Gesichts mit jener Anmut, die wir an den fernen Linien des Horizonts bewundern, wenn sie sich in der Sonne verlieren. Es war, als ob das Tageslicht sie liebkoste, indem es mit ihr verschmolz, oder als ob von ihrem strahlenden Antlitz ein Leuchten ausginge, heller als das Licht selbst; dann flog ein Schatten über ihr schönes Angesicht, und im Wechselspiel der Farbtöne veränderte es seinen Ausdruck. Oft schien sich ein Gedanke auf ihrer Marmorstirn abzuzeichnen, ihr Auge sich zu röten, ihre Lider zuckten, ihre Züge bebten, von einem Lächeln bewegt; das beredte Korall ihre Lippen vertiefte sich, kräuselte sich, glättete sich; warme Reflexe fielen von ihren braunen Haaren auf ihre reinen Schläfen; aus jeder kleinsten Wandlung sprach sie zu mir. Jede Nuance ihrer Schönheit gewährte meinen Augen neue Feste, offenbarte meinem Herzen unbekannte Wonnen. In jedem Wechsel ihrer Züge wollte ich ein Gefühl, eine Hoffnung lesen. Diese stummen Zwiesprachen drangen von Seele zu Seele wie ein Ton in das Echo und spendeten mir eine Fülle flüchtiger Freuden, die tief in mir nachwirkten. Ihre Stimme versetzte mich in einen Sinnentaumel, den ich nur schwer bemeistern konnte. Ich hätte wie jener lothringische Prinz, dessen Name mir entfallen ist, eine glühende Kohle in meiner Hand nicht gefühlt, wenn ihre liebkosenden Finger durch mein Haar geglitten wären. Das war nicht mehr Bewunderung, Begehren, es war ein Zauber, ein Verhängnis. Oft, wenn ich wieder unter meinem Dache saß, schwebte Fœdora vor meinen Augen; ich teilte ihr Leben; wenn sie litt, litt auch ich, und ich sagte ihr am nächsten Tage: ›Sie haben Kummer gehabt!‹ – Wie oft erschien sie bei mir in der Stille der Nacht, von der Macht meiner Ekstase herbeigerufen. Manchmal schlug sie mir, wie der Schlag eines Blitzes, die Feder aus der Hand, verscheuchte Wissenschaft und Studium, die tief bekümmert entflohen; sie zwang mich, sie in der reizenden Pose, in der ich sie unlängst gesehen hatte, zu bewundern. Bald ging ich ihr in der Welt der Erscheinungen selbst entgegen, grüßte sie wie eine Hoffnung und flehte sie an, mich ihre Silberstimme hören zu lassen; dann erwachte ich weinend. Eines Tages, nachdem sie mir versprochen hatte, mit mir ins Theater zu gehen, weigerte sie sich plötzlich launisch, auszugehen, und bat mich, sie allein zu lassen. Verzweifelt über einen Widerspruch, der mich einen ganzen Arbeitstag und – soll ich es gestehen? – meinen letzten Taler gekostet hatte, begab ich mich dahin, wo auch sie hätte sein sollen, da ich das Stück sehen wollte, das sie zu sehen gewünscht hatte. Kaum hatte ich Platz genommen, als ich etwas wie einen elektrischen Schlag im Herzen fühlte. Eine Stimme sagte mir: Sie ist da! Ich drehte mich um, ich sehe die Comtesse im Hintergrund ihrer Parterreloge, im Schatten verborgen. Mein Blick zögerte nicht, meine Augen fanden sie sogleich mit ihrer fabelhaften Klarheit, meine Seele war ihrem Leben zugeflogen wie ein Insekt seiner Blume. Auf welche Weise hatten meine Sinne die Mitteilung empfangen? Sie rührt her von jenem inneren Erschauern, das oberflächliche Menschen überraschen mag; und doch sind diese Wirkungen unserer inneren Natur ebenso einfach wie die gewohnten Erscheinungen der äußeren Wahrnehmung; somit war ich nicht erstaunt, sondern ärgerlich. Meine Studien über die Macht unseres Geistes, über die man recht wenig weiß, dienten wenigstens dazu, mir in meiner Leidenschaft einige lebendige Beweise für mein System vor Augen zu führen. Diese Verbindung des Gelehrten mit dem Verliebten, einer wahrhaft abgöttischen mit einer wissenschaftlichen Liebe hatte etwas höchst Seltsames. Die Wissenschaft frohlockte oft, wenn der Liebende verzweifelte; und wenn er sich nahe dem Siege glaubte, jagte er frohen Herzens die Wissenschaft von dannen. Fœdora sah mich und wurde ernst, ich störte sie. In der ersten Pause ging ich zu ihr; sie war allein, ich blieb. Obwohl wir nie von Liebe gesprochen hatten, ahnte ich eine Erklärung. Ich hatte ihr mein Geheimnis noch nicht enthüllt, und doch herrschte zwischen uns eine Art Spannung; sie vertraute mir alle ihre Vergnügungspläne an und fragte mich am Abend mit einer gewissen freundschaftlichen Unruhe, ob ich am folgenden Tag kommen würde; sie befragte mich mit einem Blick, wenn sie etwas Geistreiches gesagt hatte, als ob sie ausschließlich mir hätte gefallen wollen; wenn ich schmollte, wurde sie zärtlich; wenn sie verärgert schien, hatte ich sozusagen das Recht, die Ursache zu erfragen; wenn ich ihr einen Fehler eingestand, ließ sie sich lange bitten, bis sie mir vergab. Diese Streitereien, an denen wir Gefallen fanden, waren voll Liebe. Sie entfaltete dabei so viel Anmut und Koketterie, und ich, ich fand so viel Glück darin! In diesem Augenblick war unsere Intimität vollständig aufgehoben, und wir saßen beieinander wie zwei Fremde. Die Comtesse war eisig; ich befürchtete ein nahendes Unglück. – »Sie werden mich begleiten«, sagte sie, als das Stück zu Ende war. Das Wetter war plötzlich umgeschlagen. Als wir ins Freie kamen, fiel ein mit Regen vermischter Schnee. Der Wagen Fœdoras konnte nicht bis an das Portal des Theaters fahren. Ein Dienstmann hielt sofort, als er die feine Dame sah, die genötigt war, den Boulevard zu überschreiten, einen Regenschirm über unsere Köpfe und verlangte, als wir eingestiegen waren, den Lohn für seinen Dienst. Ich hatte nichts; zehn Jahre meines Lebens hätte ich hingegeben, um zwei Sous zu haben. Alles, was den Mann ausmacht, all seine tausend Eitelkeiten, wurden von einem höllischen Schmerz in mir zermalmt. Die Worte: »Ich habe kein Geld, mein Lieber!« wurden in einem harten Ton gesprochen, der meiner gekränkten Liebe zu entspringen schien, gesprochen von mir, dem Bruder dieses Mannes, von mir, der das Elend so gut kannte, von mir, der einst 700 000 Francs leichten Herzens hingegeben hatte. Der Diener stieß den Dienstmann beiseite, und die Pferde zogen an. Während der Heimfahrt war Fœdora zerstreut oder gab sich den Anschein, anderes im Kopf zu haben, und antwortete einsilbig und geringschätzig auf meine Fragen. Ich verstummte. Es war ein schrecklicher Moment. Als wir bei ihr angelangt waren, setzten wir uns an den Kamin. Nachdem der Diener das Feuer geschürt und sich entfernt hatte, wandte sich die Comtesse mit einer undurchdringlichen Miene mir zu und sagte mit einer Art Feierlichkeit: »Seit meiner Rückkehr nach Frankreich hat mein Vermögen so manchen jungen Mann in Versuchung geführt; man hat mir Liebeserklärungen gemacht, die meinen Stolz hätten befriedigen können; ich bin Männern begegnet, deren Zuneigung so aufrichtig und so tief war, daß sie mich auch dann noch geheiratet hätten, wenn sie in mir nur das arme Mädchen gefunden hätten, das ich ehemals war. Lassen Sie sich weiterhin sagen, Monsieur de Valentin, daß man mir neue Reichtümer und neue Titel angeboten hat; doch merken Sie sich auch, daß ich diejenigen nie wiedergesehen habe, die so schlecht beraten waren, zu mir von Liebe zu sprechen. Wenn meine Zuneigung zu Ihnen oberflächlich wäre, würde ich Ihnen diese Warnung nicht erteilen, aus der mehr Freundschaft als Stolz spricht. Eine Frau setzt sich der Gefahr aus, beleidigt zu werden, wenn sie sich, in dem Glauben, daß man sie liebt, von vornherein einem doch immer schmeichelhaften Gefühl versagt. Ich kenne die Szenen von Arsinoë,Arsinoë: Gestalt aus der Komödie »Der Misanthrop« (1666) von Molière (1622-1673) von AraminteAraminte: Gestalt aus der Komödie »Die falschen Geständnisse« (1737) von Pierre Marivaux (1688-1763) und bin folglich auch mit den Antworten vertraut, die ich unter solchen Umständen zu hören bekäme; doch heute hoffe ich, von einem überragenden Mann nicht mißverstanden zu werden, weil ich ihm meine Seele aufrichtig gezeigt habe.« Sie drückte sich mit der Kaltblütigkeit eines Advokaten oder Notars aus, der seinem Klienten das Für und Wider eines Prozesses oder die Artikel eines Vertrags auseinandersetzt. Der helle, bestrickende Klang ihrer Stimme verriet nicht die mindeste Erregung; nur ihr Gesicht und ihre Haltung, wenn auch wie immer vornehm und taktvoll, schienen mir von einer diplomatischen Kälte und Trockenheit. Sie hatte sich offenbar ihre Worte überlegt und den Ablauf dieser Szene geplant. Oh, mein lieber Freund, wenn gewisse Frauen eine Lust daran finden, uns das Herz zu zerreißen, wenn sie vorhaben, uns einen Dolch hineinzustoßen und ihn in der Wunde umzudrehen, so sind diese Frauen anbetungswürdig, denn sie lieben und wollen geliebt sein! Eines Tages werden sie uns für unsere Schmerzen belohnen, wie Gott, heißt es, uns unsere guten Werke anrechnen wird; sie werden uns das Hundertfache des Leides, dessen Tiefe sie erkennen, mit Freuden vergelten: ist ihre Bosheit nicht voller Leidenschaft? Aber von einer Frau gemartert zu werden, die uns mit Gleichgültigkeit tötet, ist das nicht eine wahnwitzige Qual? In diesem Augenblick trat Fœdora, ohne es zu wissen, alle meine Hoffnungen mit Füßen, zerbrach mein Leben und zerstörte meine Zukunft mit der kalten Unbekümmertheit und unschuldigen Grausamkeit eines Kindes, das aus Neugierde einem Schmetterling die Flügel ausreißt. ›Später‹, fügte Fœdora hinzu, werden Sie, hoffe ich, die Zuverlässigkeit der Neigung erkennen, die ich meinen Freunden entgegenbringe. Sie werden mich immer gütig und ergeben ihnen gegenüber finden. Ich könnte ihnen mein Leben weihen, doch würden Sie mich verachten, wenn ich ihre Liebe erduldete, ohne sie zu teilen. Das mag genügen. Sie sind der einzige Mann, dem ich diese letzten Worte je gesagt habe.‹ – Zuerst blieben mir die Worte im Halse stecken, und ich hatte Mühe, den Sturm zu meistern, der in mir aufstieg; bald aber drängte ich meine Erregung auf den Grund meiner Seele zurück und zwang mich zu einem Lächeln. – ›Wenn ich Ihnen sage, daß ich Sie liebe‹, antwortete ich, ›verbannen Sie mich; wenn ich mich der Gleichgültigkeit zeihe, strafen Sie mich. Die Priester, die Ratsherren und die Frauen werfen ihre Robe nie ganz ab. Das Schweigen verpflichtet zu nichts; gestatten Sie also, Madame, daß ich schweige. Um mir so schwesterliche Ratschläge zu erteilen, müssen Sie befürchtet haben, mich zu verlieren, und dieser Gedanke könnte meinen Stolz befriedigen. Aber lassen wir das Persönliche außer acht. Sie sind vielleicht die einzige Frau, mit der ich als Philosoph eine den Gesetzen der Natur so widersprechende Entscheidung erörtern kann. Im Vergleich zu anderen Vertreterinnen Ihres Geschlechts sind Sie ein Phänomen. Nun denn, suchen wir einmal gemeinsam unvoreingenommen die Ursache dieser psychologischen Anomalie. Lebt in Ihnen, wie in vielen Frauen, die auf sich stolz und in ihre Vollkommenheit verliebt sind, ein Gefühl von raffiniertem Egoismus, das Ihren Abscheu erregt bei dem Gedanken, einem Manne anzugehören, sich Ihres Willens zu entäußern und einer konventionellen Überlegenheit, die Sie verletzt, unterworfen zu werden? Mir würden Sie tausendmal schöner erscheinen! Oder wurden Sie von einer ersten Liebe schnöde enttäuscht? Vielleicht läßt Sie der Wert, den Sie der Eleganz Ihrer Taille, Ihrer entzückenden Büste beilegen, die Verunstaltungen der Mutterschaft befürchten: wäre dies am Ende einer Ihrer stärksten geheimen Gründe, daß Sie es ablehnen, zu sehr geliebt zu werden? Oder haben Sie Unvollkommenheiten zu verbergen, die Sie gegen Ihren Willen tugendhaft machen? Werden Sie nicht böse, ich erörtere nur das Problem, ich studiere, ich bin tausend Meilen von der Leidenschaft entfernt. Die Natur, die Blinde zur Welt kommen läßt, kann ebensogut Frauen hervorbringen, die in der Liebe stumm, taub und blind sind. Wahrhaftig, Sie sind ein kostbares Objekt für die medizinische Forschung! Sie wissen gar nicht, was Sie wert sind. Ihr Ekel vor den Männern mag im übrigen höchst berechtigt sein; ich pflichte Ihnen bei, sie erscheinen mir alle sehr häßlich und unangenehm. Sie haben recht«, schloß ich, da ich fühlte, daß mir das Herz schwoll. »Sie müssen uns verachten. Es gibt keinen Mann, der Ihrer würdig wäre!« Ich werde dir nicht alle sarkastischen Reden wiederholen, die ich ihr lachend herbetete. Indessen, das ätzendste Wort, die beißendste Ironie entlockten ihr weder eine Bewegung noch eine Gebärde des Unwillens. Sie hörte mir mit ihrem gewohnten Lächeln auf den Lippen und in den Augen zu, diesem Lächeln, das sie anlegte wie ein Kleidungsstück und das für ihre Freunde, ihre flüchtigen Bekannten und Fremde stets und ständig das gleiche war. – »Ist es nicht sehr gutmütig von mir, mich von Ihnen hier sezieren zu lassen?« sagte sie, einen Augenblick nutzend, in dem ich sie schweigend ansah. »Sie sehen«, fuhr sie lachend fort, »ich habe keine dummen Empfindlichkeiten in der Freundschaft. Viele Frauen würden Ihre Unverschämtheit strafen, indem sie Ihnen die Tür wiesen.« – »Sie können mich aus Ihrem Haus verbannen, ohne Rechenschaft für Ihre Strenge zu geben.« Während ich dies sagte, fühlte ich mich nahe daran, sie umzubringen, wenn sie mir den Abschied geben würde. – »Sie sind verrückt!« rief sie mit einem Lächeln. – »Haben Sie jemals daran gedacht«, fing ich wieder an, »welche Wirkung eine heftige Liebe haben könnte? Oft hat ein Mann aus Verzweiflung seine Geliebte umgebracht.« – »Besser tot als unglücklich« erwiderte sie kalt; »ein derart leidenschaftlicher Mann wird eines Tages seine Frau bettelarm im Stich lassen, nachdem er ihr Vermögen durchgebracht hat.« Diese Arithmetik machte mich sprachlos. Ein Abgrund tat sich zwischen mir und dieser Frau auf. Wir würden uns niemals verstehen können. »Adieu« sagte ich kühl. – »Adieu!« antwortete sie mit einem freundschaftlichen Nicken. »Auf morgen!« Ich sah sie mit einem Blick an, der ihr die ganze Liebe, der ich entsagte, vor sie hin schleuderte. Sie stand da und zeigte mir ihr banales Lächeln, das abscheuliche Lächeln einer Marmorstatue, das Liebe auszudrücken scheint und empfindungslos ist. Kannst du dir vorstellen, mein Lieber, welche Qualen in mir wüteten, als ich in Schnee und Regen über die eisglatten Quais eine Meile Wegs nach Hause ging, nachdem ich alles verloren hatte? Oh! zu wissen, daß sie an mein Elend nicht einmal dachte und mich reich wähnte wie sich und in einem weich gepolsterten Wagen sitzend! – Wie viele Trümmer, wie viele Enttäuschungen! Nicht um Geld handelte es sich mehr, sondern um alle Güter meiner Seele. Ich schritt aufs Geratewohl dahin, indem ich die Reden dieser seltsamen Unterhaltung hin und her drehte und mich so sehr in meinen Auslegungen verwickelte, daß ich schließlich an der wörtlichen Bedeutung der Worte und Begriffe zweifelte. Und ich liebte noch immer, liebte diese kalte Frau, deren Herz in jedem Augenblick neu erobert werden wollte, die an jedem Tage die Versprechungen des vorigen Tages auslöschte und sich am nächsten Tag wie eine neue Geliebte zeigte. Als ich an den Portalen des Instituts vorbeikam, befiel mich ein fiebriges Schauern. Es fiel mir ein, daß ich noch nichts gegessen hatte. Ich besaß keinen Heller. Um mein Unglück vollzumachen, brachte der Regen meinen Hut aus der Fasson. Wie sollte ich jemals ohne einen brauchbaren Hut vor eine elegante Frau hintreten und mich in einem Salon präsentieren! Längst verfluchte ich die dumme alberne Mode, die uns verdammt, durch beständiges In-der-Hand-Halten des Hutes das Hutfutter den Blicken preiszugeben; doch war es mir bisher durch äußerste Sorgfalt gelungen, den meinen in einem erträglichen Zustand zu erhalten. Ohne daß er auffallend neu oder abgenutzt alt, sehr seidig oder ganz ohne allen Glanz gewesen wäre, konnte er für den Hut eines sorgfältig gekleideten Menschen gelten; aber seine künstliche Existenz langte nun bei ihrer letzten Periode an; er war verbogen, zerbeult, fertig, ein wahrer Lumpen, würdiger Repräsentant seines Herrn. Wegen fehlender 30 Sous ging ich meiner mühsamen Eleganz verlustig. Oh! Wie viele Opfer hatte ich Fœdora seit drei Monaten gebracht, von denen sie nichts wußte! Oft gab ich das Geld für eine Woche Brot dahin, um sie einen Augenblick zu sehen. Meine Arbeit liegenlassen und hungern, das war nichts! – aber durch die Straßen von Paris eilen, ohne sich bespritzen zu lassen, rennen, um nicht in den Regen zu kommen, in ebenso tadelloser Kleidung vor ihr zu erscheinen wie die Stutzer, die sie umgaben –, ja, diese Aufgabe barg für einen verliebten und zerstreuten Poeten unzählige Schwierigkeiten! Mein Glück, meine Liebe hing von einem Spritzerchen Straßenschmutz auf meiner einzigen weißen Weste ab! Darauf verzichten zu müssen, sie zu sehen, wenn ich schmutzig oder naß wurde! Nicht fünf Sous zu besitzen, um von einem Stiefelputzer die Kotspritzer auf meinen Stiefeln entfernen zu lassen! Und trotz aller dieser kleinen unbekannten Martern, die für einen reizbaren Menschen ungeheuer waren, war meine Leidenschaft gewachsen. Die Unglücklichen müssen Opfer bringen, über die sie mit den Frauen, die in einer Sphäre des Luxus und der Eleganz leben, nicht sprechen dürfen; jene sehen die Welt durch ein Prisma, das Menschen und Dinge vergoldet. Optimistisch aus Egoismus, grausam aus gutem Ton, schenken sich diese Frauen das Nachdenken um des Genießens willen und sprechen sich von ihrer Gleichgültigkeit gegen das Unglück damit frei, daß sie vom Vergnügen zu sehr in Anspruch genommen sind. Für sie ist ein Heller eine Million, die Million scheint ihnen ein Heller. Wenn die Liebe ihre Sache mit großen Opfern verfechten muß, so muß sie diese auch zartfühlend mit einem Schleier verhüllen, sie im Stillschweigen begraben. Den reichen Männern aber kommen, wenn sie sich aufopfern und ihr Vermögen und ihr Leben vergeuden, die gesellschaftlichen Vorurteile zugute, die ihre verliebten Torheiten immer mit einem gewissen Glanz umgeben; das Schweigen redet für sie, und der Schleier ist eine Gunst, während meine schreckliche Not mich zu entsetzlichen Leiden verdammte, ohne daß es mir vergönnt gewesen wäre zu sagen: Ich liebe! oder: Ich sterbe! Und konnte man das schließlich Aufopferung nennen? War ich denn nicht reichlich belohnt durch die Freude, alles für sie hinzugeben? Die Comtesse hatte den alltäglichsten Ereignissen meines Lebens außerordentlichen Wert, unsagbare Wonnen verliehen. Früher war ich in punkto Kleidung gleichgültig, jetzt respektierte ich meinen Anzug wie ein zweites Ich. Zwischen einer Wunde und einem Riß in meinem Frack hätte ich keinen Augenblick geschwankt. Versetze dich in meine Lage, dann wirst du die wutschäumenden Gedanken, die wachsende Raserei begreifen, die mich beim Gehen durchtobten und vielleicht meinen Schritt noch beschleunigten. Ich empfand eine gleichsam infernalische Freude, mich nun auf dem Gipfel des Unglücks zu sehen. Ich wollte in dieser letzten Krise ein Unterpfand des Glücks erblicken; aber das Unheil ist an Schätzen unerschöpflich. Die Haustür meines Hotels war halboffen. Durch die herzförmigen Ausschnitte des Fensterladens fiel ein Lichtschein auf die Straße. Pauline und ihre Mutter erwarteten plaudernd mein Nachhausekommen. Ich hörte meinen Namen, ich lauschte. »Raphael«, sagte Pauline, »ist viel hübscher als der Student von Nr. 7! Seine blonden Haare haben eine so schöne Farbe. Findest du nicht, daß er etwas in der Stimme hat, was einem, ich weiß nicht wie, das Herz bewegt? Auch ist er so gut, obwohl er ein bißchen stolz aussieht, und hat so feine Manieren. Oh! er ist wirklich sehr nett! Ich bin überzeugt, daß alle Frauen in ihn vernarrt sind.« – »Du sprichst von ihm, als ob du ihn liebtest«, bemerkte Madame Gaudin. – »Oh! ich liebe ihn wie einen Bruder«, erwiderte sie fröhlich. »Es wäre schön undankbar von mir, wenn ich keine Freundschaft für ihn empfände. Hat er mir nicht die Musik beigebracht, das Zeichnen, die Grammatik, kurz alles, was ich weiß? Du achtest nicht sehr auf meine Fortschritte, liebe Mutter; aber ich werde so gescheit, daß ich in einiger Zeit selbst werde Unterricht erteilen können, und dann können wir uns einen Dienstboten halten.« Ich zog mich leise zurück, und nachdem ich mich laut bemerkbar gemacht hatte, betrat ich den Vorsaal, um dort meine Lampe zu holen, die Pauline anzünden wollte. Die liebe Kleine hatte soeben köstlichen Balsam in meine Wunde geträufelt. Dieses kindliche Lob meiner Person gab mir wieder etwas Mut. Es tat mir not, an mich zu glauben und ein unparteiisches Urteil über den wahren Wert meiner Vorzüge zu hören. Meine also wiederbelebten Hoffnungen strahlten vielleicht auf die Dinge zurück, die ich sah. Vielleicht hatte ich diese Szene, die mir die beiden Frauen in diesem Raum meinen Blicken schon oft geboten hatten, noch nie so aufmerksam betrachtet; doch an jenem Abend bewunderte ich das köstlichste Bild schlichter Natürlichkeit, wie es flämische Maler so ursprünglich dargestellt haben, in seiner Wirklichkeit. Die Mutter, am halberloschenen Feuer des Kamins sitzend, strickte Strümpfe und hatte ein gütiges Lächeln auf den Lippen. Pauline bemalte Lichtschirme; ihre Farben und ihre Pinsel, die auf einem kleinen Tischchen ausgebreitet waren, zogen das Auge durch ein malerisches Farbenspiel an. Sie war aufgestanden, um meine Lampe anzuzünden, und das Licht fiel nun voll auf ihr weißes Gesicht; man mußte schon der Sklave einer schrecklichen Leidenschaft sein, um von ihren durchscheinend rosigen Händen, ihrem vollendet schönen Kopf und ihrer jungfräulichen Haltung nicht bezaubert zu werden. Die Nacht und die Stille erhöhten den Reiz dieses arbeitsamen Beisammenseins, dieses friedlichen Interieurs. Dieses unausgesetzte Sichabmühen, das heiteren Sinns ertragen wurde, zeugte von einer frommen Ergebung voll erhabenen Gefühls. Zwischen den Dingen und Personen waltete eine unsägliche Harmonie. Bei Fœdora herrschte nüchterner Prunk, der schlimme Gedanken in mir erweckte, während dieses demutvolle Elend und diese unverfälschte Natur mir die Seele erquickten. Vielleicht fühlte ich mich angesichts jenes Luxus gedemütigt; neben diesen beiden Frauen, in diesem dunklen Raum, wo das einfache Leben sich in die Empfindungen des Herzens zurückzuziehen schien, söhnte ich mich mit mir selber aus, vielleicht weil ich hier den Schutz ausüben konnte, den ein Mann so eifersüchtig zu gewähren trachtet. Als ich neben Pauline stand, warf sie mir einen beinahe mütterlichen Blick zu und rief, während sie mit zitternden Händen die Lampe niedersetzte: »Mein Gott, wie blaß Sie sind! Oh! er ist ganz durchnäßt. Meine Mutter wird Sie abtrocknen . . . Monsieur Raphael«, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, »Sie trinken doch so gerne Milch; wir hatten Sahne heute abend, wollen Sie nicht davon kosten?« Sie sprang wie ein Kätzchen nach einem Porzellannapf mit Milch und reichte ihn mir mit einer so lebhaften Bewegung, hielt ihn mir so drollig unter die Nase, daß ich zögerte. – »Wollen Sie mir einen Korb geben?« fragte sie mit zitternder Stimme. Jeder verstand den Stolz des anderen. Pauline schien ihre Armut schmerzlich zu empfinden und mir meinen Hochmut vorzuwerfen. Es rührte mich. Diese Milch war vielleicht ihr Frühstück für den nächsten Morgen, ich nahm sie trotzdem. Das arme Mädchen wollte seine Freude verbergen, aber sie strahlte ihr aus den Augen. – »Es hat mir not getan«, sagte ich, indem ich mich setzte. (Ein sorgenvoller Ausdruck glitt über ihre Stirn.) – »Entsinnen Sie sich der Stelle, Pauline, wo Bossuet sagt, daß Gott ein Glas Wasser reichlicher lohnen wird als einen Sieg?« – »Ja«, antwortete sie. Und ihr Herz schlug wie das einer jungen Grasmücke in den Händen eines Kindes. – »Nun, da wir uns bald trennen werden«, sagte ich mit unsicherer Stimme, »lassen Sie mich Ihnen meine Dankbarkeit bezeigen für all die Sorgfalt, die Sie und Ihre Mutter mir zugewendet haben.‹ – ›Oh, rechnen wir nicht!‹ sagte sie lachend. – Ihr Lachen verbarg eine Erregung, die mir weh tat. – ›Mein Klavier‹, sagte ich, ohne ihre Worte zu beachten, ›ist eins der besten Instrumente von Érard,Érard, Sébastien (1752-1831): französischer Musikinstrumentenbauer, der mit seinen mechanischen Instrumenten großen Erfolg hatte nehmen Sie es. Nehmen Sie es unbedenklich, ich kann es wirklich nicht auf die Reise mitschleppen, die ich vorhabe.‹ Der melancholische Ausdruck, mit dem ich diese Worte sagte, ließ die beiden Frauen wohl begreifen, denn sie schienen mich verstanden zu haben und blickten mich mit entsetztem Erstaunen an. Die Liebe, die ich in den kalten Regionen der großen Welt suchte, war also hier, echt, prunklos, aber weihevoll und vielleicht dauerhaft. – ›Sie müssen sich nicht solche Sorgen machen!‹ sagte die Mutter. ›Bleiben Sie hier! Mein Mann ist zu dieser Stunde unterwegs. Heute abend habe ich das Evangelium des heiligen Johannes gelesen, während Pauline unseren mit der Bibel verbundenen Hausschlüssel zwischen ihren Fingern hängen ließ, und der Schlüssel hat sich gedreht. Dieses Zeichen bedeutet, daß Gaudin wohlauf und vom Glück begünstigt ist. Pauline hat dasselbe für Sie und den jungen Mann von Nr. 7 probiert: doch der Schlüssel hat sich nur für Sie gedreht. Wir werden alle reich. Gaudin kommt als Millionär zurück: ich habe ihn im Traum auf einem Schiff voller Schlangen gesehen, glücklicherweise war das Wasser trübe, was Gold und Edelsteine von jenseits des Meeres bedeutet.‹ Diese freundschaftlichen und doch leeren Worte, die dem leisen Gesumm einer Mutter ähnelten, die die Schmerzen ihres Kindes einlullen will, gaben mir wieder eine gewisse Ruhe. Der Ton und der Blick der guten Frau strömten eine sanfte Herzlichkeit aus, die den Kummer zwar nicht auslöscht, ihn aber besänftigt, in den Schlaf wiegt und seinen Stachel nimmt. Pauline, scharfsichtiger als ihre Mutter, sah mich unruhig forschend an, ihre klugen Augen schienen mein Leben und meine Zukunft zu erraten. Ich dankte Mutter und Tochter mit einem Neigen des Kopfes; dann ging ich eilig hinaus, da ich fürchtete, von Rührung erfaßt zu werden. Als ich unter meinem Dach mit mir allein war, legte ich mich mit all den Empfindungen meines Unglücks zu Bett. Meine unglückselige Phantasie entwarf tausend Pläne, die ohne Hand und Fuß, diktierte mir Entschlüsse, die unmöglich auszuführen waren. Wenn ein Mann sich unter den Trümmern seines Glücks dahinschleppt, stößt er vielleicht noch auf irgendeine Hilfsquelle; ich befand mich im Nichts. Ach, mein Lieber, allzu rasch klagen wir das Elend an. Üben wir Nachsicht gegen die Verheerungen dieses wirksamsten sozialen Zersetzungsmittels! Wo Elend herrscht, ist weder Scham noch Verbrechen, weder Tugend noch Geist. Ich hatte keine Einfälle mehr, keine Kraft, wie ein junges Mädchen, das vor einem Tiger auf die Knie gesunken ist. Ein Mensch ohne Leidenschaft und ohne Geld bleibt Herr seiner selbst; aber ein Unglücklicher, welcher liebt, gehört sich nicht mehr und kann sich nicht einmal töten. Die Liebe verleiht uns eine Art Verehrung unseres eigenen Ich, wir achten in uns ein anderes Leben; sie wird dann zum schrecklichsten Unglück, zu einem Unglück, das Hoffnung in sich trägt, eine Hoffnung, die uns Folterqualen willig ertragen läßt. Ich schlief mit der Absicht ein, am nächsten Tage Rastignac den eigentümlichen Entschluß von Fœdora anzuvertrauen. »Aha!« sagte Rastignac, als er mich um neun Uhr morgens bei sich eintreten sah, »ich weiß, was dich herführt, gewiß hat dir Fœdora den Abschied gegeben. Ein paar gute Seelchen, die auf deine Machtstellung bei der Comtesse neidisch waren, haben eure Heirat angekündigt. Gott weiß, welche Torheiten dir deine Nebenbuhler angedichtet haben und welche Verleumdungen über dich im Schwange waren.« – »Nun wird mir alles klar!« rief ich aus. Ich rief mir alle meine Unverschämtheiten ins Gedächtnis zurück und fand die Comtesse erhaben. Nach meiner Meinung war ich ein Schuft, der noch nicht genug gelitten hatte, und ich erblickte in ihrer Nachsicht jetzt nur noch die barmherzige Geduld der Liebe. – »Nur nicht so rasch!« sagte der kluge Gascogner. »Fœdora besitzt den natürlichen Scharfblick der zutiefst egoistischen Frauen; sie hat ihr Urteil über dich vermutlich schon zu dem Zeitpunkt gefällt, als du nur ihr Vermögen und ihren Luxus in ihr sahst; trotz deines geschickten Auftretens wird sie dich durchschaut haben. Sie verstellt sich selbst so sehr, daß die Verstellungskünste eines anderen keine Gnade mehr vor ihr finden. Ich fürchte«, sagte er, »daß ich dich auf einen schlechten Weg gebracht habe. Trotz der Feinheit ihres Geistes und ihrer Manieren scheint mir dieses Wesen sehr herrisch, wie alle Frauen, deren Vergnügen nur durch den Kopf geht. Das Glück liegt für sie einzig im Wohlstand, in gesellschaftlichen Vergnügungen, bei ihr ist das Gefühl eine Rolle, die sie spielt; sie würde dich unglücklich machen, und du wärst nur ihr erster Lakai.« Rastignac predigte tauben Ohren. Ich unterbrach ihn und schilderte ihm mit vorgetäuschter Leichtfertigkeit meine finanzielle Lage. »Gestern abend«, sagte er, »hat eine Pechsträhne meine ganze Barschaft dahingerafft. Ohne dieses gemeine Mißgeschick hätte ich gern meine Börse mit dir geteilt. Aber laß uns frühstücken gehen, vielleicht geben uns die Austern einen guten Rat.« Er kleidete sich an und ließ sein Tilbury anspannen. Wie zwei Millionäre langten wir im Café de Paris an, mit der Dreistigkeit jener kühnen Spekulanten, die von imaginären Kapitalien leben. Der verteufelte Gascogner verblüffte mich durch die Ungezwungenheit seiner Manieren und sein unerschütterlich sicheres Auftreten. In dem Augenblick, da wir nach einer höchst delikaten und trefflich zusammengestellten Mahlzeit den Kaffee einnahmen, sagte Rastignac, der mittlerweile eine ganze Anzahl junger Leute mit einem Kopfnicken begrüßt hatte, die durch ihr Benehmen und die Eleganz ihrer Kleidung bestachen, als er einen dieser Dandys eintreten sah: »Das ist dein Mann!« Und er gab einem feinen, mit einer prächtigen Krawatte ausstaffierten Herrn, der einen passenden Tisch zu suchen schien, ein Zeichen, daß er ihn sprechen wolle. »Dieser Bursche«, flüsterte Rastignac mir ins Ohr, »hat Orden dafür bekommen, daß er Werke veröffentlicht, die er nicht versteht. Er ist Chemiker, Historiker, Romanschriftsteller, Publizist. Er ist zu Vierteln, zu Dritteln, zur Hälfte an den Bezügen aus soundsovielen Theaterstücken beteiligt und dennoch so dumm wie der Maulesel von Don Miguel. Das ist kein Mensch, es ist ein Name, ein dem Publikum vertrautes Etikett. Er würde sich wohl hüten, in eins jener Kabinette einzutreten, wo drübersteht: »Hier kann man selbst schreiben.« Er ist gewitzt genug, einen ganzen Kongreß hinters Licht zu führen. Mit einem Wort, er ist ein Mischling der Moral, weder ganz ehrlich noch ganz Spitzbube. Aber still darüber! Er hat sich schon geschlagen, mehr verlangt die Welt nicht und heißt ihn: Ehrenmann!« – »Nun, mein vortrefflicher Freund, mein verehrter Freund, wie befinden sich Eure Intelligenz?« begrüßte Rastignac den Unbekannten, als er sich an einen Nachbartisch setzte. »Weder gut noch schlecht. Ich bin mit Arbeit überhäuft. Ich habe das gesamte notwendige Material für sehr interessante historische Memoiren in den Händen, aber ich weiß nicht, wen ich damit betrauen soll. Das macht mir Sorge, Eile tut not, denn Memoiren kommen aus der Mode.« – »Sind es zeitgenössische, aus früherer Zeit, über den Hof, oder worüber?« – »Über die Halsbandaffäre.«Halsbandaffäre: ein Skandal am französischen Hof 1785. Die Comtesse Lambothe betrog den Kardinal Rohan mit einem angeblich für die Königin Marie Antoinette bestimmten Diamantenkollier, wodurch das Ansehen der Königin und des Hofes kompromittiert wurde – »Ist es nicht ein Wunder!« sagte Rastignac lachend zu mir. Sich wieder an den Spekulanten wendend, fuhr er dann fort und deutete auf mich: »Monsieur de Valentin ist ein Freund von mir, den ich Ihnen als eine unserer zukünftigen literarischen Berühmtheiten vorstellen darf. Er hatte früher eine Tante, die bei Hofe sehr angesehen war, eine Marquise, und seit zwei Jahren arbeitet er an einer royalistischen Geschichte der Revolution.« Indem er sich dem Ohr dieses sonderbaren Handelsmannes näherte, sagte er noch: »Er hat Talent, aber er ist ein Habenichts, der Ihnen im Namen seiner Tante Ihre Memoiren verfassen kann, für 100 Taler pro Band.« – »Ich bin mit dem Handel einverstanden« antwortete der andere und schob seine Krawatte in die Höhe. »Kellner, meine Austern, rasch!« – »Aber Sie müßten mir 25 Louisdors Provision geben und ihm einen Band im voraus bezahlen«, sagte Rastignac. – »Nein, nein. Ich schieße nur 50 Taler vor, um sicher zu sein, daß ich bald mein Manuskript bekomme.« Rastignac wiederholte mir diese geschäftlichen Bedingungen mit leiser Stimme. Hierauf antwortete er ihm, ohne mich erst zu fragen: »Wir sind einverstanden. Wann dürfen wir zu Ihnen kommen, um das Geschäft abzuschließen?« – »Nun, kommen Sie morgen abend um sieben Uhr hierher zum Diner.« Wir erhoben uns. Rastignac warf dem Kellner ein Trinkgeld zu, schob die Rechnung in seine Tasche, und wir gingen fort. Ich war höchst erstaunt über die Leichtfertigkeit und Unbekümmertheit, mit der er meine hochachtbare Tante, die Marquise de Montbauron, verkauft hatte. – »Ich will mich lieber nach Brasilien einschiffen und dort den Indianern Algebra beibringen, wovon ich keinen Deut verstehe, als den Namen meiner Familie in den Schmutz zu ziehen!« Rastignac antwortete mir mit lautem Gelächter. – »Bist du ein Esel! Nimm erst mal die 50 Taler und verfasse die Memoiren. Wenn sie fertig sind, weigerst du dich, den Namen deiner Tante darunterzusetzen, Dummkopf! Die Reifröcke, das hohe Ansehen, die Schönheit, die Schminke, die Pantöffelchen der Madame de Montbauron, die noch dazu auf dem Schafott gestorben ist, sind viel mehr wert als 600 Francs. Wird der Buchhändler dann nicht für deine Tante zahlen, was sie wert ist, wird er schon noch einen alten Betrüger oder irgendeine obskure Comtesse finden, die ihm seine Memoiren zeichnete – »Oh!« rief ich aus, warum habe ich meine tugendhafte Mansarde verlassen? Wie sind die Kehrseiten der Welt doch abscheulich gemein!« – »Gut, das war Poesie, hier dreht's sich aber um Geschäfte«, sagte Rastignac. »Du bist ein Kind. Höre: Was die Memoiren angeht, so wird das Publikum darüber urteilen; was meinen literarischen Kuppler betrifft, so hat er acht Jahre seines Lebens hingegeben und seine Beziehungen zum Buchhandel mit grausamen Erfahrungen bezahlt. Die Arbeit an dem Buch ist zwar ungleich geteilt, aber ist dein Anteil am Gewinn nicht doch der schönere? 25 Louisdors sind für dich eine weit größere Summe als 1000 Francs für ihn. Du kannst doch wohl historische Memoiren, selbst wenn's ein Kunstwerk würde, schreiben, wenn Diderot sechs Predigten für 100 Taler verfaßt hat.« – »Sei's drum«, erwiderte ich bewegt, »es ist für mich eine Notwendigkeit. Darum bin ich dir Dank schuldig, lieber Freund. 25 Louis werden mich sehr reich machen . . .« – »Und reicher als du glaubst«, versetzte er lachend. »Errätst du nicht, daß, falls mir Finot eine Provision bei diesem Geschäft gibt, diese für dich bestimmt ist? Gehen wir in den Bois de Boulogne«, sagte er, »wir werden dort deine Comtesse sehen, und ich will dir die hübsche kleine Witwe zeigen, die ich heiraten soll, eine reizende Person, Elsässerin, freilich ein bißchen fett. Sie liest Kant, Schiller, Jean Paul und noch eine Menge »wasserfördernder« Bücher. Sie hat die Manie, mich immer nach meiner Meinung zu fragen; dann muß ich eine Miene schneiden, als verstünde ich diese ganze deutsche Empfindelei und kennte einen Haufen Balladen: lauter Drogen, die mir vom Arzt verboten sind. Ich habe ihr ihren literarischen Enthusiasmus noch nicht abgewöhnen können, sie heult zum Steinerweichen, wenn sie Goethe liest, und ich muß aus Gefälligkeit ein bißchen mit weinen, denn es stehen 50 000 Livres Rente in Frage, mein Lieber, und der niedlichste Fuß, das reizendste Händchen der Welt. Ach! wenn sie nicht ›mon anche‹ sagte statt ›mon ange‹ und ›proulier‹ statt ›brouiller‹, wäre sie eine vollkommene Frau.« Wir sahen die Comtesse, glänzend in glänzender Equipage. Die Kokette grüßte uns sehr herzlich und warf mir ein Lächeln zu, das mir damals himmlisch und voller Liebe vorkam. Ach! ich war sehr glücklich, ich glaubte mich geliebt, hatte Geld und Schätze an Leidenschaft. Das Elend war vorbei. Leichten Herzens, heiter, mit allem zufrieden, fand ich auch die Geliebte meines Freundes bezaubernd. Die Bäume, die Luft, der Himmel, die ganze Natur schienen mir das Lächeln Fœdoras widerzuspiegeln. Auf dem Rückwege von den Champs-Elysées gingen wir zu dem Hutmacher und dem Schneider Rastignacs. Die Halsbandgeschichte erlaubte mir, von meinem kläglichen Friedenspfad auf einen stolzen Kriegspfad überzuwechseln. In Zukunft konnte ich mich furchtlos mit der Grazie und Eleganz der jungen Männer, die Fœdora umschwärmten, messen. Ich ging nach Hause, ich schloß mich ein und saß anscheinend ruhig vor meiner Dachluke; in Wahrheit aber sagte ich meinen Dächern auf ewig Lebewohl, lebte bereits in der Zukunft, malte mir mein Leben aus, genoß im voraus die Liebe und deren Freuden. Oh, wie stürmisch kann das Leben zwischen den vier Wänden einer Mansarde werden! Die menschliche Seele ist eine Fee, sie verwandelt Stroh in Diamanten; unter ihrem Zauberstabe erstehen die Märchenschlösser wie die Blumen des Feldes unter dem warmen Hauch der Sonne. Am nächsten Tage um die Mittagsstunde klopfte Pauline leise an meine Tür und brachte mir – rate was? – einen Brief von Fœdora. Die Comtesse bat mich, sie im Luxembourg abzuholen und sie ins Museum und den Jardin des PlantesJardin des Plantes: 1640 eröffneter botanischer Garten von Paris zu begleiten. »Der Bote wartet auf Antwort«, sagte sie nach einem Moment des Schweigens. Ich kritzelte eiligst einen Dankbrief, den Pauline mitnahm. Ich kleidete mich an. Im Augenblick, da ich recht zufrieden mit mir meine Toilette beendete, überlief es mich eiskalt bei dem Gedanken: Ist Fœdora zu Fuß oder im Wagen gekommen? Wird es regnen, wird es schön sein? Aber gleichviel, sagte ich mir, ob zu Fuß oder im Wagen, ist man jemals vor den phantastischen Launen einer Frau sicher? Sie wird kein Geld bei sich haben und einem kleinen Savoyarden 100 Sous geben wollen, weil er in seinen Lumpen so hübsch aussieht. Ich besaß keinen roten Heller und sollte erst am Abend Geld bekommen. Oh, wie teuer zahlt ein Dichter in jenen entscheidenen Augenblicken der Jugend seine geistige Überlegenheit, die er der Arbeit und seiner strengen Lebensweise verdankt! Im Nu schossen mir tausend schmerzhafte Gedanken wie spitze Pfeile durch den Kopf. Ich blickte durch mein Dachfenster zum Himmel. Das Wetter war sehr unsicher. Wenn es not täte, könnte ich allenfalls einen Wagen für den Tag mieten; aber würde ich nicht in meinem Glück jeden Augenblick zittern, Finot am Abend nicht anzutreffen? Ich fühlte mich nicht stark genug, so viele Ängste inmitten meiner Freuden auszuhalten. Obwohl ich gewiß war, nichts zu finden, unternahm ich eine ausgedehnte Suchaktion in meinem Zimmer, bis in die Tiefen meines Strohsacks hinab forschte ich nach nicht vorhandenen Talern, ich kehrte das Unterste zuoberst, schüttelte sogar die alten Stiefel aus. In fieberhafter Aufregung starrte ich auf meine Möbel, die ich allesamt durchstöbert hatte. Denke dir, wie ich außer mir geriet, als ich zum siebenten Male meine Schreibtischschublade mit der Beharrlichkeit, die uns die Verzweiflung eingibt, untersuche und, gegen ein Seitenbrett gelehnt, tückisch verkrochen, aber blank, glänzend, hell wie ein aufgehender Stern ein schönes edles 100-Sous-Stück entdeckte! Ohne von ihm Rechenschaft zu fordern ob seines Schweigens, noch ob der Grausamkeit, der es sich seines Katz-und-Maus-Spiels wegen schuldig gemacht hatte, küßte ich es wie einen Freund in der Not und begrüßte es mit einem lauten Ruf, der ein Echo fand. Ich drehte mich um und gewahrte Pauline, die ganz blaß war. »Ich habe geglaubt«, sagte sie mit bewegter Stimme, »daß Sie sich weh getan haben. Der Bote . . .« (sie hielt inne, als müsse sie nach Luft ringen), »meine Mutter hat ihn bezahlt«, sagte sie noch. Dann eilte sie hinaus, ein kindlich launischer Flattergeist. Arme Kleine! Ich wünschte ihr mein Glück. Im Augenblick schien es mir, als trüge ich alle Seligkeit der Erde in meinem Herzen, und ich hätte den Unglücklichen den Teil zurückerstatten mögen, den ich ihnen zu stehlen glaubte. Fast immer trifft ein Unglück, das wir vorausahnen, ein; die Comtesse hatte ihren Wagen weggeschickt. Aus einer jener Launen, die schönen Frauen meist selbst unerklärlich sind, wollte sie zu Fuß über die Boulevards zum Jardin des Plantes gehen. – ›Aber es wird regnen‹, wandte ich ein. Es gefiel ihr, mir zu widersprechen. Zufällig blieb es schön, solange wir im Luxembourg spazierengingen. Als wir den Park verließen, fielen aus einer dicken Wolke, deren Heraufziehen mich schon beunruhigt hatte, einige Regentropfen, und wir nahmen einen Wagen. Doch hörte der Regen auf, als wir auf den Boulevards angelangt waren; der Himmel heiterte sich auf. Vor dem Museum wollte ich den Wagen wegschicken; Fœdora bat mich jedoch, ihn zu behalten. Welche Qualen! Aber mit ihr zu plaudern, während ich einen geheimen Aberwitz unterdrückte, der sich auf meinem Gesicht wahrscheinlich in einem starren, albernen Lächeln spiegelte; durch den Jardin des Plantes zu schweifen, die schattigen Alleen zu durchwandern und ihren Arm auf dem meinen zu fühlen, in all dem lag etwas ungemein Phantastisches; es war ein Traum am hellen Tage. Doch hatten ihre Bewegungen, ob wir nun gingen oder stehenblieben, trotz ihrer scheinbaren Sinnlichkeit, nichts Hingebendes und Sanftes. Wenn ich versuchte, mich ihrem inneren Rhythmus gewissermaßen anzugleichen, stieß ich in ihr auf eine verborgene Heftigkeit, etwas eigentümlich Ruckhaftes, Exzentrisches. Frauen ohne Herz haben nichts Weiches, Anschmiegsames in ihren Bewegungen. Auch waren wir weder durch einen gleichen Willen noch durch einen gleichen Schritt vereint. Es gibt keine Worte, um diese körperliche Disharmonie zweier Wesen wiederzugeben, denn wir sind noch nicht daran gewöhnt, aus der Bewegung einen Gedanken abzulesen. Dieses Phänomen unserer Natur ist nur instinktiv zu fühlen, es läßt sich nicht in Worte fassen.

 

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