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Das Chagrinleder

Honoré de Balzac: Das Chagrinleder - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDas Chagrinleder
publisherinsel taschenbuch
editorErika Wesemann
translatorHedwig Lachmann
year1990
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20061101
modified20171219
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Émile war ein Journalist, der durch Nichtstun mehr Berühmtheit erlangt hatte als andere durch ihre Erfolge. Ein scharfer Kritiker, voll Schwung und beißender Ironie, besaß er alle Vorzüge, die seine Fehler mit sich brachten. Unverhohlen und lachend sagte er einem Freund tausend Bosheiten ins Gesicht, den er in dessen Abwesenheit mutig und aufrichtig verteidigte. Er spottete über alles, selbst über seine Zukunft. Stets in Geldnöten, verharrte er wie alle Menschen von einiger Bedeutung in unsagbarer Faulheit und warf nur manchmal solchen Leuten mit einem Wort ein ganzes Buch an den Kopf, die in einem ganzen Buch noch nicht einmal ein einziges Wort zu sagen hatten. Mit Versprechungen ging er sehr verschwenderisch um, doch hielt er sie nie, und Vermögen und Ruhm machten ihm so wenig Sorgen, daß er Gefahr lief, seine Tage im Spital zu beschließen. Ein Freund übrigens bis zum bitteren Ende, ein großmäuliger Zyniker und doch harmlos wie ein Kind, arbeitete er nur, wenn ihm der Sinn danach stand oder die Not ihn zwang.

»Wir werden eine famose Mahlzeit halten, wie Meister AlcofribasMeister Alcofribas: Gestalt aus dem Roman ›Gargantua und Pantagruel‹ von François Rabelais. zu sagen beliebte«, sprach er zu Raphael und wies auf die Kästen mit Blumen, die das Treppenhaus schmückten und mit Wohlgeruch erfüllten.

»Ich liebe warme, mit Teppichen ausgelegte Vorhallen«, sagte Raphael. »Luxus schon im Treppenhaus ist in Frankreich selten. Hier lebe ich auf.«

»Und da oben wollen wir wieder einmal trinken und lustig sein, mein armer Raphael. Wohlan denn! Ich hoffe, wir werden die Sieger sein und diese Köpfe da zu unseren Füßen sehen.«

Dann zeigte er spöttisch auf die Gäste, als sie in einen hell erleuchteten Salon mit reicher Vergoldung traten, wo sie sogleich von den bemerkenswertesten jungen Leuten von Paris begrüßt wurden. Einer von ihnen hatte soeben ein neues Talent offenbart und mit seinem ersten Gemälde den glorreichen Malern der Kaiserzeit den Rang streitig gemacht. Ein anderer hatte tags zuvor ein Buch veröffentlicht, voll Kraft und Frische und einer gewissen Geringschätzung des literarisch Althergebrachten, das der modernen Schule neue Wege zeigte. Ein Stück weiter unterhielt sich ein Bildhauer, dessen ungeschlachte Züge ein kraftvolles Genie verrieten, mit einem jener kalten Spötter, die, je nachdem, Überlegenheit entweder gar nicht oder überall feststellen wollen. Da lauerte der geistreichste unserer Karikaturisten mit boshaftem Blick und spitzer Zunge, die beißenden Witzreden in Bleistiftstriche umzusetzen. Dort plauderte jener junge verwegene Schriftsteller, der wie kein anderer die Quintessenz der politischen Ideen herauszudestillieren verstand oder spielend den Gedankengehalt eines Vielschreibers resümierte, mit jenem Poeten, vor dessen Werken alle zeitgenössischen Dichtungen verblassen würden, wäre sein Talent so mächtig wie sein Haß. Beide versuchten sie, die Wahrheit und die Lüge zu umgehen, und tauschten also sanfte Schmeichelreden miteinander aus. Ein berühmter Musiker tröstete einen jungen Politiker, der vor kurzem von der Tribüne gefallen war, ohne sich ein Leids zu tun, im sentimentalen Moll mit einem spöttischen Unterton. Junge Dichter ohne Stil standen neben jungen Dichtern ohne Einfälle, poetische Prosaiker neben prosaischen Poeten. Ein junger Saint-Simonist,Saint-Simonist: Anhänger der Lehre des französischen Sozialphilosophen Claude-Henri Comte de Saint-Simon (1760-1825), einem Hauptvertreter des utopischen Sozialismus der so naiv war, an seine Lehre zu glauben, wollte voller Mitgefühl diese unvollkommenen Wesen einen, wahrscheinlich um sie zu Bekennern seines Ordens zu machen. Ferner waren zwei oder drei Männer der Wissenschaft anwesend, die ihrer Bestimmung nach immer Stickstoff in die Konversation bringen, und mehrere Vaudeville-Autoren, bereit, ihre rasch verflackernden Geistesblitze beizusteuern, welche wie das Funkeln von Diamanten weder erleuchten noch erwärmen. Einige vom Widerspruchsgeist Besessene, die sich insgeheim über jene Menschen lustig machen, die ihre Bewunderung oder Verachtung für Menschen und Dinge unverhohlen kundtun, trieben schon jene doppelzüngige Politik, mit der sie alle Systeme in Mißkredit zu bringen suchen, ohne für ein einziges Partei zu ergreifen. Der Nörgler, den nichts erstaunt, der sich in den Bouffons mitten in einer Kavatine schneuzt und dann als erster ›Bravo‹ schreit und denen widerspricht, die seiner Meinung zuvorkommen, war auch da und suchte sich den Wortschatz der geistreichen Leute anzueignen. Unter diesen Gästen waren fünf, die eine Zukunft hatten, etwa zehn, die eine flüchtige Berühmtheit erlangen sollten; was die anderen anbelangt, so galt für sie, wie für alles Mittelmäßige, die berühmte Lügedie berühmte Lüge Ludwigs XVIII.: Eintracht mit den Bonapartisten, Vergessen der konterrevolutionären Verschwörungen in der Vendée Ludwigs XVIII.: Eintracht und Vergessen. Der Gastgeber zeigte die besorgte Heiterkeit eines Mannes, der zweitausend Taler aufgewendet hat. Von Zeit zu Zeit blickte er ungeduldig nach der Tür des Salons, als halte er nach einem Gast Ausschau, der auf sich warten ließ. Alsbald erschien ein untersetzter kleiner Mann, der mit einer schmeichelhaften allgemeinen Bewegung begrüßt wurde; es war der Notar, der am Morgen dieses Tages die Gründung der Zeitung vollzogen hatte. Ein Kammerdiener in Schwarz schlug die Türflügel eines großen Speisesaals zurück, wo jeder ohne weitere Umstände seinen Platz an der riesigen Tafel fand. Ehe Raphael die Salons verließ, warf er einen letzten Blick darauf. Sein Wunsch war ohne Frage vollständig in Erfüllung gegangen. Seide und Gold prangte in den Gemächern. Die unzähligen Kerzen der prächtigen Kandelaber ließen die geringsten Einzelheiten der vergoldeten Friese, die feinen Ziselierungen der Bronze und die satten Farben der Möbel in hellem Lichte erstrahlen. Seltene Blumen auf Gestellen, die kunstreich aus Bambus hergestellt waren, verbreiteten liebliche Wohlgerüche. Alles, bis hin zu den Vorhängen, war von einer unaufdringlichen Eleganz; über allem lag ein gewisser poetischer Zauber, der eine starke Wirkung auf die Phantasie eines jungen mittellosen Mannes ausüben mußte.

»100 000 Livres Rente sind kein schlechter Kommentar des Katechismus und helfen uns wunderbar, die Moral in Handlungen umzusetzen!« sagte er seufzend. »Wahr und wahrhaftig, meine Tugend mag nicht zu Fuß gehen. Für mich besteht das Laster in einer Dachstube, einem abgeschabten Rock, einem grauen Hut im Winter und Schulden beim Portier. Ah! ich will in diesem Luxus ein Jahr, sechs Monate nur leben, gleichviel! Und dann – sterben! Wenigstens werde ich dann tausend Leben gekannt, erschöpft, genossen haben!«

»Oh!« sagte Émile, der ihm zugehört hatte, »du hältst das Coupé eines Wechselmaklers für Glück. Ach! du wärest des Goldes bald überdrüssig, wenn du sähest, daß es dir die Möglichkeit raubt, ein überragender Mensch zu sein. Hat der Künstler zwischen der Armut des Reichtums und den Reichtümern der Armut je geschwankt? Braucht unsereins denn nicht immer Kämpfe? Übrigens, rüste deinen Magen zum Angriff!« fügte er hinzu und wies ihm mit einer heroischen Gebärde den majestätischen, dreimal gebenedeiten und verheißungsvollen Anblick, den der Speisesaal des gesegneten Kapitalisten darbot. »Dieser Mensch da«, fuhr er fort, »hat sich doch wahrhaftig Mühe gegeben, sein Geld nur um unsretwillen zusammenzuscharren. Ist er nicht eine Art Schwamm von der Gattung der Polypen, einer, der von den Naturforschern übersehen worden ist und den es mit Raffinesse auszuquetschen gilt, bevor ihn die Erben aussaugen? Findest du nicht, daß die Basreliefs an den Wänden Stil haben? Und die Lüster, die Gemälde, welch geschmackvoller Luxus! Wenn man den Neidern und denjenigen, die hinter die Kulissen gucken, Glauben schenken darf, so hätte dieser Mann während der Revolution einen Deutschen und noch einige andere Personen, seinen besten Freund – so sagt man – und die Mutter dieses Freundes, umgebracht. Kannst du solchen Verbrechen unter den ergrauenden Haaren dieses ehrwürdigen Taillefer Platz einräumen? Er sieht wie ein sehr gutmütiger Mensch aus. Sieh nur, wie das Silbergeschirr funkelt; und jeder glänzende Strahl sollte für ihn ein Dolchstoß sein? . . . Nicht doch! Ebensogut könnte man an Mohammed glauben. Wenn jene Leute recht hätten, so würden sich hier dreißig edelgeartete Männer anschicken, die Eingeweide einer Familie zu verspeisen und ihr Blut zu trinken. Und wir beiden jungen treuherzigen Enthusiasten sollten an diesem Greuel teilhaben! Ich habe große Lust, unsern Kapitalisten zu fragen, ob er ein anständiger Mensch ist.«

»Nein, nicht jetzt!« rief Raphael, »erst wenn er volltrunken ist; dann werden wir zumindest schon gespeist haben.«

Die beiden Freunde nahmen lachend Platz. Mit einem Blick, der dem Wort zuvorkam, entrichtete zuerst jeder Gast dem prächtigen Anblick seinen Tribut an Bewunderung; die lange Tafel war mit einem schneeweißen Tuch bedeckt, auf dem die Gedecke symmetrisch angeordnet und von goldbraunen Brötchen gekrönt waren. Die Kristallgläser spiegelten mit ihren glitzernden Reflexen die Farben des Regenbogens, die Kerzen zeichneten ein Kreuzfeuer bis ins Unendliche, die unter Silberdeckeln aufgetragenen Speisen reizten den Appetit und die Neugierde. Es wurde wenig gesprochen. Die Tischnachbarn sahen sich gegenseitig an. Der Madeira kreiste. Dann erschien der erste Gang in seiner ganzen Glorie; er hätte dem seligen CambacérèsCambacérès, Jean-Jacques Régis de (1753-1824): während der Französischen Revolution Präsident des Nationalkonvents, danach Mitglied des Wohlfahrtsausschusses und Zweiter Konsul nach Napoleon; im Kaiserreich Erzkanzler und Senatspräsident zur Ehre gereicht, und Brillat-SavarinBrillat-Savarin, Anthelme (1755-1826): französischer Feinschmecker, bekannt geworden durch sein Werk ›Physiologie des Geschmacks oder Betrachtungen über das höhere Tafelvergnügen‹, einer Huldigung der Gastronomie und der Tafelfreuden hätte ihn höchlich gepriesen. Bordeaux und Burgunder, weißer und roter, wurden mit königlicher Verschwendung ausgeschenkt. Der erste Teil dieses Festmahls war in jedem Punkt der Exposition einer klassischen Tragödie vergleichbar. Der zweite Akt wurde etwas geschwätzig. Die Gäste hatten gehörig getrunken, wobei sie die Weine je nach Laune wechselten, so daß sich in dem Augenblick, als man die Reste dieses lukullischen Mahles abtrug, bereits die lebhaftesten Auseinandersetzungen entsponnen hatten. Blasse Stirnen röteten sich, Nasen färbten sich purpurn, die Gesichter flammten, die Augen funkelten. Während dieser Morgenröte der Trunkenheit überschritt die Unterhaltung noch nicht die Grenzen des Anstands, aber Neckereien und Witzeleien entfuhren nach und nach jedem Munde; dann hob die Verleumdung ganz leise ihren kleinen Schlangenkopf und sprach mit flötender Stimme; ein paar Duckmäuser horchten gespannt auf und hofften, ihre Nüchternheit wahren zu können. Der zweite Gang fand die Geister also schon ganz erhitzt. Jeder aß beim Sprechen, sprach beim Essen, jeder trank, ohne der Menge zu achten, die ihm da durch die Kehle floß, so wohlschmeckend und aromatisch war der Wein, so ansteckend wirkte das Beispiel. Taillefer setzte seinen Stolz darein, die Gäste anzufeuern, und ließ nun die schweren Rhôneweine, den feurigen Tokaier, den berauschenden alten Roussillon auftragen. Wie frisch eingespannte Postpferde ließen dann alle diese Männer, von der prickelnden Glut des ungeduldig erwarteten, nun überreichlich genossenen Champagners aufgepeitscht, ihren Geist in leeres Gerede hineingaloppieren, auf das niemand hört; sie fingen an, jene Geschichten zu erzählen, die keine Zuhörer finden; wiederholten hundertmal jene Fragen, die unerwidert bleiben. Das Gelage allein entfaltete seine laute Stimme, eine Stimme aus hundertfältigem verworrenen Geschrei, die ins Grandiose anschwillt wie ein Crescendo von Rossini.Rossini, Gioacchino (1792-1868): italienischer Opernkomponist, feierte während der Restauration große Erfolge in Paris Dann kamen die verfänglichen Tischreden, die Prahlereien, die Herausforderungen. Alle begaben sich ihrer geistigen Fähigkeiten, um dafür die von Fässern, Tonnen und Zubern anzunehmen. Scheinbar hatte jeder zwei Stimmen. Es kam ein Moment, wo die Herren alle auf einmal redeten und die Diener lächelten. Aber in diesem Wirrwarr von Worten, wo paradoxe Meinungen und grotesk kostümierte Wahrheiten durch das Geschrei, durch die unbewiesenen Behauptungen und selbstherrlichen Urteile hindurch aufeinanderprallten, wie im Schlachtgetümmel Kanonen-, Gewehr- und Kartätschenkugeln sich kreuzen, hätte sicherlich einen Philosophen der ausgefallenen Gedanken wegen interessiert, hätte einen Politiker durch die bizarren Ansichten überrascht. Das war ein Buch und ein Bild zugleich. Philosophien, Religionen, Moral, so verschieden von einem Breitengrad zum anderen, Regierungen, kurz, alle großen Betätigungen der menschlichen Vernunft fielen unter einer Sense, die so scharf hieb wie die der Zeit, und es wäre schwer zu entscheiden gewesen, ob sie von trunkener Weisheit oder von weise und hellsichtig gewordener Trunkenheit geschwungen wurde. Von einem Sturm fortgerissen, schienen diese Geister, gleich dem Meer, das gegen seine felsige Küste antobt, alle Gesetze, zwischen denen die Zivilisationen wogen, erschüttern zu wollen und entsprachen so unwissentlich dem Willen Gottes, der das Gute und Böse in der Natur geschehen läßt und das Geheimnis ihres immerwährenden Kampfes für sich behält. Der Streit, so grimmig und burlesk er war, wurde zu einer Art Hexensabbat der Geister. Die ganze Kluft, die das 19. Jahrhundert vom 16. trennt, klaffte zwischen den trübseligen Späßen dieser Kinder der Revolution bei der Entstehung einer Zeitung und den Reden der lustigen Zecher bei der Geburt des Gargantua. Jenes schickte sich lachend zu einer Zerstörung an, das unsere lacht inmitten eines Trümmerhaufens.

»Wie heißt der junge Mann, den ich da unten sehe?« fragte der Notar und deutete auf Raphael. »Ich glaubte ihn Valentin nennen zu hören?« »Was reden Sie da kurzweg von Valentin?« rief Émile lachend. »Raphael de Valentin, wenn ich bitten darf! Wir tragen einen goldenen Adler im schwarzen Feld, mit einer silbernen Krone, Schnabel und Krallen rot, mit der schönen Devise: Non cecidit animus!Non cecidit animus!: lat., Der Geist ist nicht gesunken! Wir sind kein Findelkind, sondern der Abkömmling des Kaisers Valens, des Stammvaters der Valentinois, des Gründers der Städte Valencia in Spanien und Valence in Frankreich, rechtmäßiger Erbe des Oströmischen Reiches. Wenn wir Mahmud in Konstantinopel herrschen lassen, so aus reiner Gutmütigkeit und aus Mangel an Geld und Soldaten.«

Émile beschrieb mit seiner Gabel in der Luft eine Krone über dem Kopf Raphaels. Der Notar besann sich eine Weile und machte sich dann wieder ans Trinken, indem er durch eine bezeichnende Gebärde andeutete, daß es ihm unmöglich sei, die Städte Valence und Valencia, Konstantinopel, Mahmud, Kaiser Valens und die Familie der Valentinois unter seine Klientel zu bringen.

»Ist die Zerstörung dieser Ameisenhaufen, namens Babylon, Tyrus, Karthago oder Venedig, die unter den Füßen eines darüber hinwegschreitenden Riesen zertreten worden sind, nicht eine dem Menschen von einer spottliebenden Macht erteilte Mahnung?« fragte Claude Vignon, eine Art gekaufter Sklave, der für zehn Sous die Zeile Weisheiten à la BossuetBossuet, Jacques-Bénigne (1627-1704): französischer Prälat, Schriftsteller und berühmter Prediger; Bischof von Condom (1669) und Meaux (1681); Erzieher des Dauphin; hatte maßgeblichen Einfluß auf die Kirchenpolitik Ludwigs XIV verzapfte.

»Moses, Sulla, Ludwig XI., Richelieu, Robespierre und Napoleon sind vielleicht ein und derselbe Mann, der in verschiedenen Epochen wie ein Komet am Himmel wieder erscheint«, antwortete ein Anhänger von Ballanche.Ballanche, Pierre-Simon (1776-1847): französischer Schriftsteller, war einer mystisch-christlichen Vorstellungskraft verhaftet und sah in dem konstitutionellen Regime der Restauration den endgültigen Gipfelpunkt der historischen Entwicklung

»Wozu die Vorsehung ergründen wollen?« versetzte Canalis, ein Balladenfabrikant.

»Oh, was die Vorsehung angeht!« unterbrach ihn der Nörgler; »ich kenne in der Welt keinen Begriff, der dehnbarer ist.«

»Was wollen Sie, Monsieur! Ludwig XIV. hat, um die Wasserleitungendie Wasserleitungen von Maintenon: unter Ludwig XIV. begonnener, aber unvollendeter Bau einer Wasserleitung, die die Wasser der Eure nach Versailles leiten sollte von Maintenon graben zu lassen, mehr Menschen ums Leben gebracht als der Konvent,Konvent: die französische Nationalversammlung von 1792-1795, vereinigte die legislative und exekutive Gewalt um die Steuern gerecht zu verteilen, die Vereinheitlichung der Gesetze herzustellen, Frankreich zu nationalisieren und die Erbschaften gleichmäßig zu verteilen«, sagte Massol, der Republikaner geworden war, weil ihm ein Wörtchen vor seinem Namen fehlte.

»Monsieur«, wandte sich Moreau de l'Oise, ein Großgrundbesitzer, an ihn, »da Sie Blut für Wein halten, werden Sie denn diesmal jedem seinen Kopf auf den Schultern lassen?«

»Wozu denn, mein Bester? Sind die Grundsätze der sozialen Ordnung nicht ein paar Opfer wert?«

»Bixiou, he! Der Dingsda, der Republikaner, behauptet, daß der Kopf dieses Grundbesitzers ein Opfer wäre«, sagte ein junger Mann zu seinem Nachbarn.

»Menschen und Ereignisse sind nichts«, setzte der Republikaner, von Schluckauf unterbrochen, seine Theorie fort; »in der Politik und der Philosophie gibt es nur Prinzipien und Ideen.«

»Wie grauenhaft! So hätten Sie kein Bedenken, Ihre Freunde für ein ›wenn‹ zu töten? . . .«

»Ach was, Monsieur! Der Mensch, der Gewissensbisse hat, ist der wahre Bösewicht, denn er hat einen Begriff von der Tugend; während Peter der Große und der Herzog Alba Systeme waren, und der Korsar MonbardMonbard: auch Montbars, gen. »Der Vernichter« (geb. 1645): berühmter französischer Freibeuter eine Organisation.«

»Aber kann die Gesellschaft nicht auch ohne eure Systeme und Organisationen bestehen?« fragte Canalis.

»Oh, selbstverständlich!« rief der Republikaner.

»Mir wird ganz übel von eurer stumpfsinnigen Republik! Man kann nicht in Ruhe einen Kapaun zerlegen, ohne an das Agrargesetz zu denken.«

»Deine Prinzipien sind vortrefflich, mein kleiner trüffelgespickter Brutus! Aber du bist genau wie mein Kammerdiener: der Kerl ist so grausam vom Reinlichkeitsfimmel besessen, daß ich, wenn ich ihn meine Kleider nach seinem Gutdünken bürsten ließe, nackt gehen müßte.«

»Ihr seid unvernünftige Tröpfe! Ihr wollt eine Nation mit Zahnstochern säubern«, erwiderte der Republikaner. »Wenn man euch so hört, wäre die Justiz gefährlicher als die Räuber.«

»Holla!« rief der Advokat Desroches.

»Sind die langweilig mit ihrer Politik!« sagte Cardot, der Notar. »Hört mir auf davon! Keine Wissenschaft noch Tugend ist einen Tropfen Blut wert. Wenn wir der Wahrheit die Rechnung aufstellen wollten, fänden wir sie vielleicht bankrott.«

»Ach! Es hätte sicher weniger gekostet, uns im schlimmen zu amüsieren, als uns im guten herumzustreiten. Ich gäbe alle Reden, die seit 40 Jahren auf der Tribüne gehalten worden sind, für eine Forelle, eine Erzählung von PerraultPerrault, Charles (1628-1703): französischer Schriftsteller, bekannt durch seine Märchensammlung oder eine Skizze von Charlet.«Charlet, Nicolas (1792-1845): französischer Maler und Lithograph, trug durch die Darstellung von Militärszenen zum Napoleonmythos bei

»Sie haben vollkommen recht! Reichen Sie mir die Spargel. Denn schließlich und endlich zeugt die Freiheit Anarchie, die Anarchie führt zum Despotismus und der Despotismus wieder zur Freiheit. Millionen Menschen sind ums Leben gekommen, ohne einem einzigen dieser Systeme Dauer zu verschaffen. Ist das nicht der Circulus vitiosus,Circulus vitiosus: lat., Teufelskreis in welchem sich die moralische Welt von jeher bewegt? Wenn der Mensch glaubt, etwas vervollkommnet zu haben, hat er die Dinge nur an eine andere Stelle gerückt.«

»Oha!« rief Cursy, der Vaudevilledichter, »dann, Messieurs, trinke ich auf Karl X.,Karl X. (1757-1836): König von Frankreich 1824-1830; Bruder Ludwigs XVI. und Ludwigs XVIII., nach dessen Tod er den Thron der Bourbonen bestieg. Seine restriktive Politik führte zur Julirevolution, vor der er nach England floh den Vater der Freiheit!«

»Warum nicht?« sagte Émile. »Wenn der Despotismus in den Gesetzen ist, findet sich die Freiheit in den Sitten, und vice versa.«vice versa: lat., umgekehrt

»Trinken wir also auf die Dummheit der Macht, die uns so viel Macht über die Dummköpfe gibt!« sagte der Bankier.

»Nun, mein Lieber, Napoleon hat uns wenigstens Ruhm gebracht!« meinte ein Marineoffizier, der niemals aus Brest herausgekommen war.

»Ach, der Ruhm! Eine traurige Ware. Er kostet viel und hält sich nicht. Ob der Ruhm nicht das egoistische Ziel der großen Männer ist, wie Glück das der Dummen?«

»Monsieur, Sie sind sehr glücklich.«

»Der erste, der Trennungsgräben zog, war gewißlich ein schwacher Mensch, denn die Gesellschaft profitiert nur von den Elenden. Die beiden äußersten Pole der moralischen Welt, der Denker und der Wilde, verachten gleicherweise den Besitz.«

»Nett das!« rief Cardot; »wenn es kein Eigentum gäbe, wie könnten wir Protokolle machen?«

»Das sind unglaublich köstliche Erbsen!«

»Und der Pfarrer wurde am Tag darauf tot in seinem Bett gefunden . . .«

»Wer spricht vom Tod? Machen Sie keine Scherze! Ich habe einen Onkel.«

»Sie würden es sicher ertragen, ihn zu verlieren.«

»Keine Frage.«

»Hören Sie, Messieurs! ›Die rechte Art, seinen Onkel umzubringen.‹ Ruhe! (Hört, hört!) Man habe einen dicken fetten Onkel, mindestens siebzigjährig, das sind die besten Onkel. (Bewegung.) Man gebe ihm unter irgendeinem Vorwand eine fette Gänseleberpastete zu essen . .«

»Ach, mein Onkel ist leider zäh, dürr, geizig und sehr mäßig.«

»Ja, solche Onkel sind Ungeheuer, die das Leben mißbrauchen.«

»Und während er verdaut«, fuhr der Mann mit den Onkeln fort, »melden Sie ihm den Konkurs seines Bankiers.«

»Und wenn er das übersteht?«

»So hetzen Sie ein hübsches Mädchen auf ihn!«

»Wenn er aber . . .?« meinte der andere mit einer verneinenden Gebärde.

»Dann ist es kein Onkel. Die Onkel sind in der Regel lebenslustig.«

»Die Stimme der MalibranMalibran, Maria-Felicia Garcia (1808-1836): seit 1828 gefeierte Opernsängerin in Paris hat zwei Töne eingebüßt.«

»Ach, bewahre.«

»Aber gewiß doch, Monsieur.«

»Oh, oh! Ja und nein, ist das nicht die Geschichte aller religiösen, politischen und literarischen Abhandlungen? Der Mensch ist ein Schalksnarr, der über Abgründen tanzt!«

»Nach Ihrer Meinung wäre ich also ein Dummkopf?«

»Im Gegenteil, Sie verstehen mich bloß nicht.«

»Bildung, schöner Unsinn! Monsieur Heineffettermach gibt die Zahl der gedruckten Bücher mit mehr als einer Milliarde an, und das Leben eines Menschen erlaubt ihm nicht, 150 000 davon zu lesen. Erklären Sie mir also, was das Wort ›Bildung‹ bedeutet? Für die einen besteht die Bildung darin, die Namen des Pferdes von Alexander, der Dogge Berecillo, des Seigneur des Accords zu kennen, und von dem Manne nichts zu wissen, dem wir das Flößen des Holzes oder das Porzellan verdanken. Für die anderen ist ›gebildet sein‹ ein Testament verbrennen und als geachtete, angesehene Leute zu leben, anstatt rückfällig zu werden, eine Uhr zu stehlen und mit den fünf erschwerenden Umständen entehrt und gehaßt auf der Place de Grève zu enden.«

»Wird Nathan überdauern?«

»Nun, seine Mitarbeiter haben sehr viel Geist.«

»Und Canalis?«

»Das ist ein großer Mann, reden wir nicht mehr von ihm.«

»Ihr seid betrunken!«

»Die unmittelbare Folge einer Konstitution ist die Verflachung der Geister. Künste, Wissenschaften, Bauwerke, alles wird von einem entsetzlichen Egoismus, der Lepra unserer Zeit, zerfressen. Eure 300 Bürger, die auf Bänken hocken, werden nur daran denken, Pappeln zu pflanzen. Der Despotismus verrichtet illegal große Dinge, die Freiheit macht sich nicht einmal die Mühe, sehr kleine auf legale Weise zu tun.«

»Eure allgemeine Bildung fabriziert 100-Sous-Stücke aus Menschenfleisch«, unterbrach sie ein Anhänger des Absolutismus. »Die Individualitäten verschwinden bei einem Volk, das durch Bildung nivelliert ist.«

»Ist es denn aber nicht der Zweck der Gesellschaft, einem jeden den Wohlstand zu verschaffen?« fragte der Saint-Simonist.

»Wenn Sie 50 000 Livres Rente hätten, würden Sie nicht ans Volk denken. Wenn Sie von einer so edlen Leidenschaft für die Menschheit ergriffen sind, gehen Sie nach Madagaskar: dort finden Sie ein ganz neues nettes kleines Volk, was Sie noch saint-simonisieren, klassifizieren, in Glasgefäße sperren können; aber hier hat jeder seine Hülle, in die er ganz natürlich hineinpaßt wie ein Pfropf ins Spundloch. Die Portiers sind Portiers, und die Tröpfe sind Tröpfe, ohne erst von einem Bischofskollegium dazu ernannt zu werden. Haha!«

»Sie Sind Karlist!«

»Warum nicht? Ich liebe den Despotismus. Er zeugt von einer gewissen Verachtung der menschlichen Rasse. Ich hasse die Könige nicht. Sie sind so spaßig. In einer Kammer auf dem Thron zu sitzen, dreißig Millionen Meilen von der Sonne entfernt, ist das gar nichts?«

»Fassen wir nun diese große Übersicht über die Zivilisation zusammen«, sagte der Gelehrte, der zur Belehrung des unaufmerksamen Bildhauers ein Gespräch über den Anfang der Gesellschaften und die autochthonen Völker geführt hatte. »Als die Völker sich herausbildeten, war die Macht gewissermaßen materiell, unteilbar und roh; mit der ständig wachsenden Zahl der Menschen haben die Regierungen dann allmählich eine mehr oder weniger geschickte Teilung der ursprünglichen Macht vorgenommen. Im frühen Altertum herrschte die Theokratie; der Priester führte das Schwert und das Weihrauchfaß. Später gab es zwei heilige Ämter: den Pontifex und den König. Heute, am Endpunkt der Zivilisation, hat unsere Gesellschaft die Macht den Einflußbereichen gemäß aufgeteilt, und wir haben nun Machtgruppen, die da heißen: Industrie, Gedanke, Geld, Wort. Die Macht, die keine Einheit mehr hat, schreitet unaufhörlich einer sozialen Auflösung entgegen, der nur noch vom Eigennutz eine Schranke gesetzt wird. Demnach stützen wir uns weder mehr auf die Religion noch auf die materielle Gewalt, sondern auf den Verstand. Wiegt das Buch das Schwert auf, das Wort die Tat? Das ist das Problem.«

»Der Verstand hat alles getötet!« rief der Karlist. »Hören Sie auf, die unbeschränkte Freiheit führt die Völker zum Selbstmord, sie langweilen sich in ihrem Triumph wie ein englischer Millionär.«

»Was sagen Sie uns Neues? Heutzutage findet man jegliche Macht lächerlich, und das ist ebenso üblich geworden, wie Gott zu leugnen. Man hat keinen Glauben mehr. Darum ist auch das Jahrhundert wie ein alter Sultan der Ausschweifung erlegen. Schließlich hat euer Lord Byron in letzter poetischer Verzweiflung die Leidenschaft des Verbrechens besungen.«

»Wissen Sie«, antwortete ihm der volltrunkene Bianchon, »daß uns ein Gran Phosphor mehr oder weniger zum Genie oder Bösewicht, zum Mann von Geist oder zum Idioten, zum tugendhaften Menschen oder zum Verbrecher macht?«

»Kann man so von Tugend reden?« rief Cursy; »der Tugend, dem Gegenstand aller Theaterstücke, der Lösung aller Dramen, dem Fundament aller Gerichtshöfe.«

»Ach! schweig doch, du Esel! Deine Tugend ist Achilles ohne Ferse!« sagte Bixiou.

»Wein her!«

»Willst du wetten, daß ich eine Flasche Champagner in einem Zug austrinke?«

»Welch ein Zug von Geist!« rief Bixiou.

»Sie sind blau wie Fuhrknechte«, sagte ein junger Mann, der mit ernster Miene seiner Weste zu trinken gab.

»Ja, Verehrter, die gegenwärtige Regierung repräsentiert die Kunst, die öffentliche Meinung herrschen zu lassen.«

»Die öffentliche Meinung? Das ist doch eine ganz lasterhafte käufliche Dirne. Wenn man euch Männern der Moral und Politik zuhört, so müßte man stets eure Gesetze der Natur, die öffentliche Meinung dem Gewissen vorziehen. Geht mir, alles ist wahr, alles ist falsch! Wenn uns die Gesellschaft die Daunen zu Kopfkissen gab, so hat sie diese Wohltat sicherlich durch die Gicht quitt gemacht, so wie sie uns die Prozeßordnung zur Einschränkung der Gerechtigkeit und den Schnupfen als Folgeerscheinung des Kaschmirschals gebracht hat.«

»Ungeheuer!« rief Émile und unterbrach den Menschenfeind, »wie kannst du die Zivilisation angesichts dieser Weine, dieser köstlichen Speisen, mit denen du dich vollgeschlagen hast, schmähen? Friß dieses Reh samt den vergoldeten Läufen und Hörnern, nicht aber deine Mutter.«

»Ist es meine Schuld, wenn der Katholizismus schließlich dahin kommt, eine Million Götter in einen Mehlsack zu stecken, wenn die Republik immer auf einen Napoleon hinausläuft, wenn das Königtum zwischen der Ermordung Heinrichs IV.Heinrich IV. (1553-1610): König von Frankreich 1589-1610; wurde von Ravaillac ermordet und der Hinrichtung Ludwigs XVI. sitzt, wenn der Liberalismus zu La FayetteLa Fayette, Marie-Joseph Motier, Marquis de (1757-1834): unterstützte als Vertreter der Liberalen 1830 die Thronbesteigung von Louis-Philippe wird? Haben Sie sich ihm im Juli angeschlossen?«

»Nein.«

»Dann schweigen Sie, Skeptiker!«

»Die Skeptiker sind die gewissenhaftesten Menschen.«

»Sie haben kein Gewissen.«

»Was sagen Sie da? Sie haben mindestens zwei.«

»Den Himmel diskontieren! Sehen Sie, das ist eine wahrhaft kaufmännische Idee. Die antiken Religionen waren nur eine glückliche Entwicklung der physischen Lust; aber wir, wir haben die Seele und die Hoffnung entwickelt; das ist Fortschritt.«

»Ach, meine lieben Freunde, was können Sie von einem mit Politik gemästeten Jahrhundert erwarten?« sagte Nathan; »was war das Schicksal der ›Geschichte des Königs von Böhmen und seiner sieben Schlösser‹,»Geschichte des Königs von Böhmen und . . .«: 1830 erschienene Erzählung von Charles Nodier (1780-1844) dieses reizenden Entwurfs . . .«

»Was?« rief der Krittler vom andern Ende der Tafel »das sind hohle Phrasen, auf gut Glück aus dem Hutfutter herausgezogen, ein Machwerk für die Irren in Charenton.«Charenton: Irrenanstalt in der Nähe von Paris

»Sie sind ein Hohlkopf!«

»Sie sind ein Narr!«

»Oh, oh!«

»Ah, ah!«

»Sie werden sich schlagen.«

»Nein.«

»Auf morgen, Monsieur.«

»Nein, sofort«, erwiderte Nathan.

»Los doch! Ihr seid zwei mutige Streiter.«

»Sie sind auch einer«, sagte der Herausforderer.

»Sie können sich nur nicht mehr gerade halten.«

»Wie, halte ich mich etwa nicht gerade?« rief der kampfeslustige Nathan, indem er sich schwankend wie ein Papierdrache erhob.

Er warf einen stumpfsinnigen Blick auf den Tisch; dann fiel er, wie entkräftet von dieser Anstrengung, in seinen Stuhl zurück, ließ den Kopf hängen und verstummte ganz.

»Wäre es nicht spaßhaft«, sagte der Nörgler zu seinem Nachbarn, »mich wegen eines Buches zu schlagen, das ich weder gesehen noch gelesen habe?«

»Émile, nimm deinen Rock in acht, dein Nachbar wird ganz blaß.«

»Kant, Monsieur? Auch so ein Ballon, den man aufsteigen ließ, um die Flachköpfe zu amüsieren. Materialismus und Spiritualismus, das sind zwei hübsche Rackets, mit denen Scharlatane in Roben denselben Ball schlagen. Ob Gott in allem sei, wie Spinoza sagt, oder ob alles von Gott kommt, wie Sankt Paulus sagt . . . Dummköpfe! Eine Tür öffnen oder schließen, ist das nicht dieselbe Bewegung? Kommt das Ei von der Henne oder die Henne vom Ei? (Reichen Sie mir mal den Entenbraten!) Das ist die ganze Wissenschaft.«

»Einfaltspinsel! rief ihm der Gelehrte zu, »die Frage, die du stellst, ist durch ein Faktum entschieden.«

»Welches?«

»Sind die Lehrstühle der Professoren für die Philosophie da oder aber die Philosophie für die Lehrstühle? Setz deine Brille auf und lies das Budget.«

»Spitzbuben!«

»Schafsköpfe!«

»Gauner!«

»Narren!«

»Wo anders als in Paris fände man einen so lebhaften und zügigen Gedankenaustausch«, rief Bixiou mit feierlichem Baß.

»Komm, Bixiou, führe uns mal eine klassische Posse vor. Los, improvisiere etwas!«

»Soll ich euch das 19. Jahrhundert vorführen?«

»Hört zu!«

»Ruhe!«

»Legt euren Mäulern Dämpfer an!«

»Wirst du den Mund halten, du komischer Kauz!«

»Gebt ihm Wein, damit das Kind Ruhe gibt!«

»Also los, Bixiou!«

Der Künstler knöpfte seinen schwarzen Rock bis zum Kragen zu, zog seine gelben Handschuhe an und fing an, mit schielenden Augen die ›Revue des Deux Mondes‹»Revue des Deux Mondes«: 1829 gegründete Kulturzeitschrift. Die Anspielung bezieht sich auf ihren damaligen Besitzer und Leiter, François Buloz, der seines Schielens wegen Gegenstand allgemeinen Spottes war zu parodieren. Aber der Lärm übertönte seine Stimme, und es war unmöglich, ein einziges Wort seiner Spötterei zu vernehmen. Wenn er auch nicht das Jahrhundert darstellte, so veranschaulichte er doch die ›Revue‹, denn er verstand sich selbst nicht.

Das Dessert war wie durch Hexerei aufgetragen worden. Auf dem Tisch prunkte ein riesenhafter Tafelaufsatz aus vergoldeter Bronze, aus den Werkstätten Thomires. Hohe Figuren, denen von einem berühmten Künstler die in Europa anerkannten Formen des Schönheitsideals verliehen worden waren, stützten und hielten Büschel von Erdbeeren, von Ananas, frischen Datteln, gelben Trauben, rosigen Pfirsichen, Orangen, die mit dem Schiff aus Setubal gekommen waren, mit Granatäpfeln, Früchten aus China, kurz, allen Überraschungen des Luxus, Wundern an Konfekt, den leckersten Delikatessen, den verlockendsten Leckerbissen. Die Farben dieser kulinarischen Gemälde wurden noch gehoben durch den Glanz des Porzellans, mit seinen funkelnden goldenen Ornamenten und schön geschwungenen Rändern. Anmutig wie die Schaumkämme des Ozeans, grün und leicht, krönte süße Creme Landschaften von Poussin, die in Sèvres kopiert worden waren. Ein deutsches Fürstentum hätte nicht hingereicht, diesen vermessenen Aufwand zu bezahlen. Silber, Perlmutter, Gold, Kristall waren noch einmal in neuen Formen verschwendet; aber die benebelten Blicke und der fiebrige Wortschwall des Rausches gestatteten den Gästen kaum, diese eines orientalischen Märchens würdige Feenpracht auch nur vage wahrzunehmen. Die Dessertweine verbreiteten ihren Duft und ihre Glut, die starken Liebestränken, magischen Dämpfen gleich im Hirn eine Art sinnverwirrende Wahnbilder erzeugen, die Beine lähmen und die Hände schwer wie Blei werden lassen. Die Früchte-Pyramiden wurden geplündert, die Stimmen schwollen an, der Tumult nahm zu. Man konnte kein Wort mehr unterscheiden, Gläser zersprangen, Gelächter barst los wie Raketen; Cursy ergriff ein Horn und schmetterte einen Tusch. Das war, als hätte der Teufel der tobenden Menge ein Zeichen gegeben; man johlte, pfiff, sang, schrie, heulte, grunzte. Es war lachhaft, wie Leute, die von Natur heiter waren, finster wurden wie der Schluß eines Dramas von CrébillonCrébillon, Prosper Jolyot, Sieur de Crais-Billon, gen. Crébillon der Ältere (1674-1762): französischer Tragödiendichter; häufte in seinen nach antiken Stoffen gestalteten Stücken grausige, pathetische Szenen oder träumerisch wie Matrosen in einem Reisewagen. Die Durchtriebenen verrieten ihre Geheimnisse den Neugierigen, die gar nicht zuhörten. Die Melancholischen lächelten wie Tänzerinnen am Schluß ihrer Pirouetten. Claude Vignon wiegte sich täppisch wie ein Bär im Käfig. Enge Freunde prügelten sich. Die in menschlichen Gesichtern auftretenden Ähnlichkeiten mit Tieren, von den Physiologen eifrig bewiesen, kamen in den Gebärden, in den Haltungen der Körper zum Vorschein. Ein Bichat,Bichat, Marie-François-Xavier (1771-1802): französischer Arzt und Physiologe; grundlegende Betrachtungen zur Gewebelehre und pathologischen Anatomie der kühl und nüchtern das mit angesehen hätte, hätte hier treffliche Studien machen können. Der Hausherr, der sich berauscht fühlte und nicht aufzustehen wagte, bemühte sich, eine anständige und gastfreundliche Miene zu wahren, und billigte mit einer starren Grimasse alle Übergriffe seiner Gäste. Sein breites, inzwischen rot und blau, ja beinahe violett gewordenes Gesicht, das fürchterlich anzusehen war, nahm in krampfhaften Anstrengungen, die dem Schlingern und Schwanken einer Brigg vergleichbar waren, an dem allgemeinen Trubel teil.

»Haben Sie sie umgebracht?« fragte ihn Émile.

»Es heißt, die Todesstrafe soll infolge der Julirevolution abgeschafft werden«, antwortete Taillefer, der seine Brauen mit einer verschlagenen und zugleich einfältigen Miene hochzog.

»Sehen Sie sie denn nicht manchmal im Traum?« fragte Raphael.

»Es ist ja längst verjährt«, erwiderte der im Golde schwimmende Mörder.

»Und auf sein Grab«, rief Émile hämisch, »wird der Friedhofswärter die Inschrift setzen lassen: ›Die ihr vorübergeht, weiht seinem Andenken eine Träne!‹ Oh!« fuhr er fort, »ich gäbe dem Mathematiker, der mir die Existenz der Hölle durch eine algebraische Gleichung beweisen kann, gut und gern 100 Sous.«

Er warf ein Geldstück in die Höhe und rief: »Kopf für Gott!«

»Sieh nicht hin!« sagte Raphael und fing die Münze auf.

»Was weiß man schon? Der Zufall ist ein Spaßvogel.«

»Leider!« seufzte Émile mit komisch bekümmerter Miene. »Ich sehe nicht, wohin ich zwischen der Geometrie des Ungläubigen und dem Paternoster des Papstes die Füße setzen soll. Pah! laß uns trinken! Trinken ist, glaube ich, das Orakel der göttlichen Flasche und das Schlußwort des Pantagruel.«Pantagruel: Titelgestalt aus dem Roman »Gargantua und Pantagruel« von François Rabelais

»Wir verdanken dem Paternoster«, antwortete Raphael, »unsere Künste, unsere Denkmäler, vielleicht sogar unsere Wissenschaften, und eine noch größere Wohltat: unsere modernen Regierungen, in welchen eine große und fruchtbare Gesellschaft vortrefflich von fünfhundert aufgeklärten Geistern repräsentiert wird, unter denen die opponierenden Kräfte einander aufheben und alle Macht der Zivilisation überlassen, der gigantischen Königin, die den König ersetzt, jenes alte Schreckgespenst, das Schicksal spielte und das die Menschen zwischen sich und den Himmel gesetzt hatten. Angesichts so vieler vollendeter Werke erscheint der Atheismus wie ein zeugungsunfähiges Gerippe. Was meinst du dazu?«

»Ich denke an die Ströme von Blut, die der Katholizismus vergossen hat«, sagte Émile kalt. »Aus unseren Herzen und unseren Adern hat er eine zweite Sintflut über die Welt gebracht. Aber gleichviel! Jeder denkende Mensch soll unter dem Banner Christi marschieren. Er allein hat den Triumph des Geistes über die Materie geheiligt, er allein hat uns mit poetischer Kraft die Welt enthüllt, die uns von Gott trennt.«

»Glaubst du?« antwortete Raphael mit einem seltsamen trunkenen Lächeln. »Nun denn, um uns nicht zu kompromittieren, bringen wir den berühmten Toast aus: Diis ignotis!«Diis ignotis: lat., den unbekannten Göttern

Und sie leerten ihre Becher voll Wissen, Kohlensäure, Wohlgerüche, Poesie und Ungläubigkeit.

»Wenn Messieurs sich in den Salon begeben wollen, der Kaffee erwartet sie dort«, sagte der Haushofmeister.

In diesem Augenblick schwebten fast alle Gäste in jenen Regionen der Seligkeit, wo das Licht des Geistes erlischt und der Körper, seines Tyrannen entledigt, sich dem Freudentaumel der Freiheit überläßt. Die einen blieben auf dem Höhepunkt der Trunkenheit trübsinnig und quälten sich, einen Gedanken zu fassen, der ihnen ihre eigene Existenz verbürgte; die anderen, in die Stumpfheit einer trägen Verdauung versunken, scheuten jede Bewegung. Beharrliche Redner stammelten noch undeutliche Worte, deren Sinn ihnen selbst entging. Ein paar Refrains wurden abgeleiert wie ein Uhrwerk, das seine künstliche seelenlose Stimme austönen lassen muß. Schweigen und Lärm hatten sich absonderlich gepaart. Trotzdem erhoben sich die Gäste, als sie die helle Stimme des Dieners vernahmen, der ihnen anstelle des Hausherrn neue Genüsse ankündigte, und schleppten, stützten, trugen sich gegenseitig fort. Die ganze Schar blieb einen Augenblick lang gebannt und entzückt auf der Türschwelle stehen. Die außergewöhnlichen Genüsse des Festmahls verblaßten vor dem berückenden Schauspiel, das der Gastgeber dem wollüstigsten ihrer Sinne bot. Unter den strahlenden Kerzen eines goldenen Kronleuchters, um eine mit vergoldetem Silber gedeckte Tafel sahen die abgestumpften Gäste, deren Augen sich bald lüstern entzündeten, eine Gruppe Frauen. Blendend war der Schmuck, doch blendender noch all diese Schönheiten, vor denen alle Wunder dieses Palastes dahinschwanden. Die glühenden Blicke dieser Mädchen, so wunderschön wie Feen, funkelten lebhafter als die Ströme des Lichts, in welchem die seidigen Reflexe der Stoffe, das leuchtende Weiß des Marmors und die feinen Rundungen der Bronzen schimmerten. Das Herz entflammte, die Kontraste ihres wogenden Kopfputzes und ihre Haltungen zu sehen, die in ihrem Reiz und ihrer Eigenart so verschieden waren. Es war eine Blumenhecke, in die Rubine, Saphire und Korallen gewunden waren; man sah schwarze Halsbänder auf schneeigen Hälsen, lose Schärpen, die wie ein Leuchtturmfeuer aufflatterten, stolze Turbane, schlichte, herausfordernde Tuniken. Dieses Serail bot Verführungen für alle Augen, reizte jede Phantasie. Eine Tänzerin in entzückender Haltung schien hüllenlos unter den fließenden Falten eines Kaschmirgewandes. Mal durchscheinende Gaze, mal schillernde Seide verbarg oder verriet geheimnisreiche Vollkommenheiten. Kleine schmale Füße sprachen von Liebe, frische rote Lippen waren stumm. Zarte, sittsame junge Mädchen von täuschender Unschuld mit sanften Madonnenscheiteln boten sich den Augen wie Erscheinungen, die ein Hauch hinwegwehen konnte. Aristokratische Schönheiten mit hochmütigem Blick und lässiger Haltung, aber schlank, zart gebaut und anmutig, neigten den Kopf, als hätten sie noch königliche Gunst zu vergeben. Eine Engländerin, eine keusche ätherische Gestalt, wie aus OssiansOssian: sagenhafter keltischer Sänger aus dem 3. Jahrhundert, unter dessen Namen der schottische Dichter James Macpherson (1736-1796) eine seinerzeit hochberühmte Gedichtsammlung veröffentlichte Wolken herabgestiegen, glich einem Engel der Melancholie, dem Gewissen, das das Verbrechen flieht. Die Pariserin, deren ganze Schönheit in einer unbeschreiblichen Grazie liegt, eitel auf ihre Toilette und auf ihren Geist, gewappnet mit ihrer allmächtigen Schwäche, schmiegsam und hart, eine herzlose, leidenschaftslose Sirene, die die Gluten der Leidenschaft und die Sprache des Herzens kunstvoll vorzutäuschen versteht, fehlte nicht in dieser gefährlichen Versammlung, in der auch Italienerinnen, ruhig von Anschein und aufrichtig in ihrem Glück, üppige Normanninen mit prachtvollen Formen, südländische Frauen mit schwarzen Haaren und schön geschnittenen Augen zu finden waren. Es war, als hätte LebelLebel, Dominique-Guillaume (1696-1768): Kammerdiener Ludwigs XV., der seinem König die Mädchen zuführen mußte alle Schönheiten von Versailles zusammengetrommelt, die seit dem frühen Morgen ihre Fallstricke bereithielten und nun wie eine Schar orientalischer Sklavinnen auf Befehl des Händlers herbeigekommen waren, um mit dem Tagesgrauen wieder zu verschwinden. Sie blieben wortlos, verschämt und drängten sich dicht um den Tisch, wie Bienen in einem Bienenkorb. Diese scheue Verlegenheit, Vorwurf und Koketterie zugleich, war entweder berechnete Verführung oder unwillkürliche Scham. Vielleicht riet ihnen ein Gefühl, das die Frau niemals ganz abstreift, sich in den Mantel der Tugend zu hüllen, um das verschwenderische Laster noch reizvoller, noch verlockender zu machen. Es schien zunächst, als ob die vom alten Taillefer angestiftete Verschwörung scheitern sollte. Diese zügellosen Männer wurden anfangs von der majestätischen Macht bezwungen, die der Frau eigen ist. Bewunderndes Murmeln ertönte wie sanfte Musik. Die Liebe hatte mit der Trunkenheit nicht mithalten können; anstatt einem Orkan der Leidenschaft überließen sich die Gäste, die in einem Moment der Schwäche überrascht worden waren, den Wonnen wollüstiger Verzückung. Beim Anruf der Poesie, dem Künstler immer gehorchen, studierten sie genießerisch die zarten Abstufungen, die diese erlesenen Schönheiten unterschieden. Einem Gedanken nachgehend, der vielleicht von der dem Champagner entsteigenden Kohlensäure herrührte, sann ein Philosoph schaudernd über das Unglück nach, das diese Frauen hier zusammengebracht haben mochte, die vielleicht ehemals reinster Huldigungen würdig waren. Gewiß hatte jede von ihnen ein blutiges Drama zu erzählen. Fast alle schleppten sie höllische Qualen mit sich und hatten treulose Männer, gebrochene Schwüre, mit Elend erkaufte Freuden hinter sich. Die Gäste näherten sich ihnen höflich, und Unterhaltungen, ebenso verschiedenartig wie die Charaktere, entspannen sich. Gruppen bildeten sich. Man hätte gemeint, einen Salon der guten Gesellschaft vor sich zu haben, in welchem Mädchen und Frauen den Gästen nach Tisch Kaffee, Zucker und Liköre anbieten, die übermäßigen Essern eine widerstrebende Verdauung erleichtern. Bald jedoch erscholl Gelächter, das Murmeln schwoll an, die Stimmen erhoben sich. Die für einen Augenblick gezähmte Orgie drohte hie und da wieder loszubrechen. In diesem Wechsel von Stille und Lärm lag eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Symphonie von Beethoven.

Die beiden Freunde, die sich auf einem weichen Diwan niedergelassen hatten, sahen zuerst ein großes wohlgebautes Mädchen herannahen, das eine prächtige Haltung, unregelmäßige, aber eindringliche, feurige Gesichtszüge hatte, die durch kräftige Kontraste auf die Seele wirkten. Ihr dunkles, in aufreizenden Locken herabfallendes Haar, das ohne Zweifel schon die Stürme der Liebe erfahren hatte, umspielte ihre breiten Schultern, die anziehende Ausblicke boten. Lange, braune Locken umhüllten halb einen majestätischen Hals, über den das Licht zuweilen dahinglitt und die Feinheit grazilster Konturen enthüllte. Die mattweiße Haut ließ die warmen Töne ihres kräftigen Teints lebhaft hervortreten. Das von langen Wimpern beschattete Auge schleuderte kühne Blitze, Liebesfunken. Die roten, feuchten, halboffenen Lippen luden zum Kusse ein. Sie war kräftig gebaut, aber reizvoll geschmeidig; ihre Brust und ihre Arme waren üppig wie bei den schönen Gestalten von CarracciCarracci: italienische Malerfamilie des 16. Jahrhunderts; bei alledem schien sie leicht und gewandt und ihre Kraft mahnte an die Behendigkeit einer Pantherkatze, so wie die männliche Eleganz ihrer Formen verzehrende Wollust verhieß. Obwohl dieses Mädchen zweifellos lachen und schäkern konnte, schrak man vor ihren Augen und ihrem Lächeln zuinnerst zurück. Gleich jenen von einem Dämon besessenen Prophetinnen rief sie mehr Staunen als Wohlgefallen hervor. Auf ihrem beweglichen Gesicht wechselte der Ausdruck blitzartig, in rascher Folge. Blasierte Männer hätte sie vielleicht entzückt, aber einem jungen Mann mußte sie Furcht einflößen. Sie war wie eine Kolossalstatue, die von einem griechischen Tempel herabgestürzt ist, wundervoll aus der Entfernung, aber von nahem betrachtet grob. Nichtsdestoweniger hätte ihre blendende Schönheit Ohnmächtige wecken, ihre Stimme Taube entzücken, ihre Blicke alte Gebeine neu beleben können. Darum verglich Émile das Mädchen mit einer Tragödie von Shakespeare, einer Art bewundernswürdiger Arabeske, wo die Freude brüllt, die Liebe etwas unbeschreiblich Wildes hat und wo auf das blutrünstige Toben des Zornes der Zauber der Anmut und das Feuer des Glückes folgen; einem Ungeheuer, das beißen und schmeicheln, wie ein Teufel lachen, wie Engel weinen kann, das in einer einzigen Umarmung alle Verführungskünste des Weibes spielen lässt, ausgenommen die Seufzer der Melancholie und die bezaubernde Sittsamkeit der Jungfrau; das dann plötzlich losbricht, sich die Flanken zerfleischt, seine Leidenschaft zerbricht, seinen Geliebten und schließlich sich selbst vernichtet wie ein aufrührerisches Volk. In einem rotsamtenen Gewand näherte sie sich, zertrat achtlos die Blumen, die schon aus den Haaren einiger Gefährtinnen gefallen waren, und hielt den beiden Freunden mit hochmütiger Gebärde eine silberne Platte hin. Stolz auf ihre Schönheit, stolz auf ihre Laster vielleicht, zeigte sie einen weißen Arm, der sich leuchtend vom Samt des Kleides abhob. Sie stand da wie die Königin der Lust, wie ein Bild menschlicher Sinnesfreude, jener Freude, welche die von drei Generationen angesammelten Schätze verschleudert, über Leichnamen lacht, Vorfahren höhnt, Perlen und Throne in nichts auflöst, Jünglinge in Greise und Greise häufig in Jünglinge verwandelt; jener Freude, die einzig solch Riesen gestattet ist, die der Macht überdrüssig sind, die im Denken erprobt sind oder für die der Krieg zum Kinderspiel geworden ist.

»Wie heißt du?« fragte Raphael sie.

»Aquilina.«

»Oh, oh!« rief Émile, »du kommst aus dem ›Geretteten Venedig‹!«. . . aus dem »Geretteten Venedig«: Aquilina ist eine Gestalt aus der 1682 erschienenen Tragödie »Das gerettete Venedig« des englischen Dramatikers Thomas Otway (1652-1685)

»Ja«, erwiderte sie. »Wie sich die Päpste neue Namen geben, wenn sie sich über die Menschen erheben, habe ich einen anderen angenommen, als ich mich über alle Frauen erhob.«

»Hast du denn, wie deine Schutzpatronin, einen edlen und schrecklichen Verschwörer, der dich liebt und für dich zu sterben bereit ist?« fragte Émile lebhaft, den dieser Anschein von Poesie wieder aufrüttelte. »Ich hatte ihn«, antwortete sie; »aber die Guillotine ist meine Rivalin gewesen. Darum trage ich auch immer etwas Rotes in meinem Putz, damit meine Freude nie zu weit geht.«

»Oh, wenn Sie sie die Geschichte der vier jungen Männer von La Rochelle. . . die Geschichte der vier jungen Männer von La Rochelle: Der Feldwebel Bories (1795-1822) und seine Kameraden Goubin, Pommier und Goupillon wurden als Mitglieder einer Carbonarigruppe verraten, die drei ersteren 1822 in La Rochelle zum Tode verurteilt und hingerichtet erzählen lassen, findet sie kein Ende. – Sei nur still, Aquilina! Haben nicht alle Frauen einen Geliebten zu beweinen? Aber nicht alle hatten das Glück wie du, ihn an das Schafott zu verlieren. Wahrhaftig! Ich möchte meinen weit lieber in einer Grube in ClamartClamart: Pariser Friedhof, 1833 stillgelegt wissen, als in dem Bett einer anderen.«

Diese Sätze wurden von einer sanften, melodischen Stimme gesprochen, die dem unschuldigsten, hübschesten, niedlichsten kleinen Geschöpf gehörte, das je unter dem Zauberstab einer Fee aus einem Zauber-Ei geschlüpft ist. Sie war lautlos herangekommen und zeigte ein feines Gesicht, eine zarte Gestalt, blaue Augen von entzückender Sittsamkeit, eine frische, reine Stirn. Eine kindliche Najade, die aus ihrer Quelle taucht, ist nicht schüchterner, weißer, unschuldiger als dieses junge Mädchen, das sechzehn Jahre alt, von Leid und von Liebe nichts zu wissen, von den Stürmen des Lebens verschont zu sein und gerade eben aus einer Kirche zu kommen schien, wo sie die Engel angefleht hatte, sie vor der Zeit zu sich in den Himmel zu rufen. Nur in Paris findet man diese Geschöpfe mit dem unschuldsvollen Antlitz, die unter einer Stirn, so hold und lieblich wie ein Gänseblümchen, die tiefste Verderbtheit, die raffiniertesten Laster verbergen. Von den himmlischen Verheißungen in den lieblichen Zügen des jungen Mädchens anfänglich getäuscht, nahmen Émile und Raphael den Kaffee, den sie ihnen in die von Aquilina gereichten Tassen einschenkte, und begannen sie auszufragen. In den Augen der beiden Dichter vervollständigte sie gleichsam durch eine unheimliche Allegorie das Bild einer gewissen Seite des menschlichen Lebens, indem sie dem wilden, leidenschaftlichen Ausdruck ihrer imposanten Gefährtin diese kalte, wollüstige, grausame Verdorbenheit gegenüberstellte, die leichtfertig genug ist, ein Verbrechen zu begehen, stark genug, sich lachend darüber hinwegzusetzen; ein Dämon ohne Herz, der reiche zärtliche Seelen dafür bestraft, daß sie Empfindungen haben, deren er unfähig ist, der immer eine Liebesgrimasse zu verkaufen hat, Tränen für den Leichenzug seines Opfers und Jubel, wenn er am Abend dessen Testament liest. Ein Dichter hätte die schöne Aquilina bewundern können; aber die rührende Euphrasie müßte die ganze Welt fliehen: die eine war die Seele des Lasters, die andere das Laster ohne Seele.

»Ich möchte wohl wissen«, fragte Émile das hübsche Geschöpf, »ob du bisweilen an die Zukunft denkst.«

»Die Zukunft?« erwiderte sie lachend. »Was nennen Sie die Zukunft? Warum soll ich an etwas denken, was noch nicht ist? Ich blicke nie zurück und nie voraus. Ist es nicht schon zuviel, wenn ich mich mit einem ganzen Tag beschäftige? Im übrigen kennen wir die Zukunft. Sie ist das Spital.«

»Wie kannst du das Spital jetzt schon voraussehen und nicht vermeiden wollen, hineinzukommen?« rief Raphael.

»Was hat das Spital denn so Furchtbares?« fragte die schreckliche Aquilina. »Wenn wir weder Mütter noch Gattinnen sind, wenn das Alter uns schwarze Strümpfe auf die Beine und Runzeln über unsere Stirnen zieht, wenn es alles, was an uns Weib ist, welk macht und die Freude in den Blicken unserer Freunde auslöscht, was können wir dann noch weiter wollen? Von all unserer jetzigen Schönheit seht ihr nur mehr ein Stück Dreck in uns, das auf zwei Beinen einherschlottert, kalt, dürr und entstellt ist und im Gehen raschelt wie welkes Laub. Der schönste Putz wird uns zu Lumpen, das Ambra, das unser Boudoir durchduftete, riecht nach Moder und Verwesung; und wenn in diesem Kot ein Herz steckt, so sprecht ihr alle ihm Hohn und gestattet uns nicht einmal die Erinnerung. Ob wir also dann in einem reichen Haus wohnen und Hunde warten oder im Spital Lumpen sortieren, ist unser Dasein nicht genau dasselbe? Ob wir unsere weißen Haare unter einem rot-blau karierten Taschentuch oder unter Spitzen verstecken, ob wir die Straße mit Rutenbesen oder die Stufen der Tuilerien mit Atlasschleppen fegen, ob wir an vergoldeten Kaminen sitzen oder uns die Hände an einem irdenen Kohlen-Topf wärmen, dem Spektakel auf der Place de Grève zuschauen oder in die Oper gehen: Ist das ein so großer Unterschied?«

»Aquilina mia, niemals hast du in all deiner Verzweiflung so recht gehabt«, sagte Euphrasie; »ja, Kaschmir, Spitzen, Parfüms, Gold, Seide und Luxus, alles, was glänzt, was gefällt, steht nur der Jugend gut. Die Zeit allein könnte gegen unsere Torheiten recht behalten, aber das Glück spricht uns frei. – Sie lachen über meine Worte«, rief sie und lächelte den beiden Freunden boshaft zu; »habe ich nicht recht? Ich sterbe lieber am Vergnügen als an einer Krankheit. Ich habe weder die Manie, lange leben zu wollen, noch großen Respekt vor der menschlichen Gattung, wenn ich sehe, was Gott daraus macht. Gebt mir Millionen, ich werde sie durchbringen; nicht einen Centime davon würde ich für das nächste Jahr sparen. Leben, um zu gefallen und zu herrschen, das ist die Maxime, die jeder Schlag meines Herzens kundgibt. Die Gesellschaft pflichtet mir bei; befriedigt sie nicht dauernd meine Vergnügungssucht? Warum läßt mir denn der liebe Gott jeden Morgen zukommen, was ich am Abend ausgebe? Warum baut ihr uns Spitäler? Da er uns nicht die Wahl gelassen hat zwischen dem Guten und dem Bösen, damit wir wählen, was uns kränkt und widerwärtig ist, so wäre ich ja sehr dumm, wenn ich mich nicht amüsierte.«

»Und die anderen?« fragte Émile.

»Die anderen? Nun, mögen sie doch nach ihrer Fasson selig werden! Ich will lieber über ihre Leiden lachen, als über meine eigenen weinen zu müssen. Ich rate es keinem Mann, mir den geringsten Kummer zuzufügen.«

»Was hast du denn gelitten, um so zu denken?« fragte Raphael.

»Ich bin um einer Erbschaft willen verlassen worden! Ich!« sagte sie und nahm eine Haltung an, die alle ihre Reize hervortreten ließ. »Und dabei habe ich Tag und Nacht gearbeitet, um meinen Geliebten zu ernähren. Ich will auf kein Lächeln, auf keine Versprechungen mehr reinfallen und aus meinem Leben eine lange Vergnügungspartie machen.«

»Aber«, rief Raphael aus, »kommt das Glück denn nicht aus der Seele?«

»Nun«, erwiderte Aquilina, »ist es nichts, sich bewundert, umschmeichelt zu sehen, über alle Frauen, selbst die tugendhaftesten, zu triumphieren, sie mit unserer Schönheit, unserem Reichtum in den Schatten zu stellen? Überhaupt, erleben wir an einem Tage nicht mehr als eine gute Bürgersfrau in zehn Jahren? Und damit ist alles gesagt.«

»Ist eine Frau ohne Tugend nicht verabscheuungswürdig?« versetzte Émile, zu Raphael gewandt.

Euphrasie warf ihnen einen Schlangenblick zu und antwortete mit unnachahmlicher Ironie: »Die Tugend überlassen wir den Häßlichen und Buckligen. Was wären sie denn ohne diese, die Armen?«

»Schweig!« rief Émile, »sprich nicht von Dingen, die du nicht kennst.«

»So! Ich kenne sie nicht!« rief Euphrasie. »Sich sein ganzes Leben lang einem verhaßten Menschen hingeben, Kinder aufziehen, die einen verlassen, und ihnen auch noch Danke sagen, wenn sie einen ins Herz treffen: das sind die Tugenden, die ihr von der Frau verlangt; und um sie für ihre Entsagung zu belohnen, legt ihr ihr neue Leiden auf, indem ihr sie zu verführen sucht; widersteht sie, so kompromittiert ihr sie. Ein schönes Leben! Nein, lieber doch frei bleiben, die lieben, die uns gefallen, und jung sterben.«

»Fürchtest du denn nicht, dafür eines Tages zahlen zu müssen?«

»Nun«, antwortete sie, »statt meine Freuden mit Leid zu mischen, wird mein Leben in zwei Hälften zerteilt: eine gewiß fröhliche Jugend und ein wer weiß wie ungewisses Alter, wo ich nach Belieben leiden kann.«

»Sie hat nie geliebt«, sagte Aquilina mit dunkler Stimme. »Sie hat niemals 100 Meilen zurückgelegt, um mit tausend Wonnen einen Blick zu erhaschen und ein ›Nein‹ zu hören; sie hat ihr Leben nie an ein Haar gehängt, hat nicht soundso viele Männer niederstechen wollen, um ihren Herrn, ihren Herrscher, ihren Gott zu retten. Für sie war die Liebe ein hübscher Oberst.«

»Haha! La Rochelle!« erwiderte Euphrasie. »Die Liebe ist wie der Wind, wir wissen nicht, woher sie kommt. Im übrigen, wenn ein Tier dich sehr geliebt hätte, würdest du die vernunftbegabten Menschen verabscheuen.«

»Das Gesetz verbietet uns, Tiere zu lieben«, versetzte die große Aquilina spöttisch.

»Ich glaubte, du seist nachsichtiger gegen das Militär!« rief Euphrasie lachend.

»Wie glücklich sind die Frauen, daß sie sich so ihrer Vernunft entäußern können!« rief Raphael aus.

»Glücklich?« fragte Aquilina, lächelte mitleidig und entsetzt und warf den beiden Freunden einen furchtbaren Blick zu. »Ach! ihr wißt nicht, was es heißt, mit einem Toten im Herzen zum Vergnügen verdammt zu sein.«

Wer zu diesem Zeitpunkt einen Blick in die Salons getan hätte, der hätte eine Vorstellung von Miltons PandämoniumMiltons Pandämonium: Reich der bösen Geister in dem Poem »Das verlorene Paradies« (1667) des englischen Dichters John Milton (1608-1674) bekommen. Die blauen Flammen des Punsches malten Höllenfarben auf die Gesichter derer, die noch trinken konnten. Frenetische Tänze, angepeitscht von einer wilden Besessenheit, erregtem Gelächter und Geschrei, das losballerte wie ein Feuerwerk. Das Boudoir und ein kleiner Salon sahen aus wie ein von Toten und Sterbenden übersätes Schlachtfeld. Die Atmosphäre war vom Wein, der Lust und den vielen Worten durchglüht. Rausch, Liebe, Wahnwitz, Weltvergessenheit erfüllte die Herzen, war auf den Gesichtern und stand auf den Teppichen geschrieben, prägte das allgemeine Wirrwarr und umflorte die Blicke mit Schleiern, die in der Luft betäubende Dünste sehen ließen. Flimmernder Staub wie in den Lichtbahnen eines Sonnenstrahls hing über allem und umwölkte die absonderlichsten Formen, die groteskesten Kämpfe. Hier und da schienen Gruppen verschlungener Gestalten förmlich eins geworden mit den weißen Marmorleibern edler Kunstwerke, welche die Gemächer zierten. Obwohl die beiden Freunde in ihren Gedanken und Sinnen eine gewisse trügerische Klarheit bewahrt hatten, ein letztes Aufzucken, ein unvollkommenes Scheinbild des Lebens, war es ihnen unmöglich zu erkennen, was an den bizarren Erscheinungen wirklich, was den übernatürlichen Bildern, die unaufhörlich an ihren ermüdeten Augen vorüberzogen, möglich war. Die Schwüle, die über unseren Träumen lastet, die glutvolle Anmut, die die Gestalten in unseren Visionen gewinnen; vor allem eine sonderbare, mit Ketten beladene Leichtigkeit, kurzum, die ungewohntesten Phänomene des Schlafs stürmten so lebhaft auf sie ein, daß sie die Spiele dieser Orgie für die Gaukelbilder eines Alpdrucks hielten, wo die Bewegung geräuschlos ist und die Schreie vom Ohr nicht vernommen werden. Zu diesem Zeitpunkt gelang es einem vertrauten Kammerdiener, nicht ohne Mühe, seinen Herrn in das Vorzimmer zu ziehen und ihm zuzuflüstern: »Monsieur, alle Nachbarn sind an den Fenstern und beklagen sich über den Lärm.«

»Warum lassen sie nicht Stroh vor ihre Türen legen, wenn sie Angst vor dem Lärm haben?« rief Taillefer.

Unvermittelt brach Raphael lauthals in ein so unangebrachtes Gelächter aus, daß sein Freund ihn nach der Ursache dieses brutalen Freudenausbruchs fragte.

»Du würdest mich schwerlich verstehen«, antwortete er. »Zuerst müßte ich bekennen, daß ihr mich gerade in dem Augenblick auf dem Quai Voltaire traft, als ich mich in die Seine stürzen wollte, und du würdest zweifellos die Beweggründe meines Vorhabens erfahren wollen. Aber wenn ich hinzufügte, daß sich kurz zuvor, durch einen ans Fabelhafte grenzenden Zufall, die poetischsten Trümmer der materiellen Welt vor meinen Augen zu einer symbolischen Gestalt der menschlichen Weisheit zusammenfügten, während in diesem Augenblick die Trümmer aller intellektuellen Schätze, die wir bei Tisch durcheinanderwarfen, auf diese beiden Frauen, die leibhaftigen Urbilder der Torheit, hinauslaufen; und daß unsere tiefe Unbekümmertheit um Menschen und Dinge nur als Übergang zu den farbenprächtigen Bildern zweier sich so diametral gegenüberstehenden Lebensweisen diente, würdest du davon klüger sein? Wenn du nicht so betrunken wärst, sähest du vielleicht eine philosophische Abhandlung darin.«

»Wenn du nicht beide Füße auf dieser hinreißenden Aquilina hättest, deren Schnarchen eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Grollen eines nahenden Gewitters hat«, erwiderte Émile, der sich seinerseits damit vergnügte, Euphrasies Haare zusammen- und auseinanderzurollen, ohne daß ihm diese unschuldige Beschäftigung recht bewußt war, »würdest du über deine Betrunkenheit und dein Gefasel schamrot werden. Deine beiden Lebensweisen kann man mit einem einzigen Satz auf einen Nenner bringen. Das einfache mechanische Leben führt zu irgendeiner unsinnigen Weisheit, indem es unsere Intelligenz durch die Arbeit erstickt, während das Leben, das man in der Leere der Abstraktionen oder in den Abgründen der moralischen Welt verbringt, zu irgendeiner närrischen Weisheit führt. Mit einem Wort: die Gefühle töten, damit man alt wird, oder jung sterben, indem man das Martyrium der Leidenschaften auf sich nimmt, das ist unser Entweder-Oder. Allerdings ist diese Bestimmung uneins mit den Temperamenten, die uns der strenge Spaßvogel, dem wir das Muster aller Kreatur verdanken, mitgegeben hat.«

»Esel!« unterbrach ihn Raphael: »Fahre nur fort, dich selbst solcherart auf Kurzfassung zu bringen, und du füllst Bände. Wenn ich mir angemaßt hätte, diese beiden Auffassungen präzise und knapp zu formulieren, hätte ich dir gesagt, daß der Gebrauch des Verstandes den Menschen verdirbt, die Unwissenheit ihn läutert. Das heißt die Gesellschaften antasten wollen? Aber ob wir mit den Weisen leben oder mit den Narren zugrunde gehen, ist das Resultat nicht früher oder später das nämliche? Übrigens hat der Meister ausgeklügelter Quintessenzen diese beiden Systeme seinerzeit in zwei Worten ausgedrückt: Carymary, Carymara.«›Carymary, Carymara‹: aus dem anonymen Schwank »Meister Pierre Pathelin« (1461-1469); Zitat aus der Szene, in der Pathelin das Delirium simuliert, um den Tuchmacher zu prellen

»Du machst mich an der Allmacht Gottes zweifeln, denn deine Dummheit übertrifft seine Allmacht«, erwiderte Émile. »Unser teurer RabelaisRabelais, François (um 1494-1553): französischer humanistischer Schriftsteller der Renaissance, Verfasser der berühmten »Gargantua« (1534) und »Pantagruel« (1532) hat diese Philosophie durch ein kürzeres Wort als ›Carymary, Carymara‹ ausgedrückt, und zwar: ›Vielleicht‹, woher MontaigneMontaigne, Michel Eyquem de (1553-1692): französischer Moralphilosoph, bekannt durch seine »Essais« sein ›Was weiß ich?‹ nahm. Außerdem sind diese letzten Worte der Moralphilosophie nichts anderes als der Ausruf des Pyrrhon,Pyrrhon (365-275 v. Chr.): griechischer Philosoph, Skeptiker, negierte die Möglichkeit der Wahrheitserkenntnis denn er blieb zwischen Gut und Böse, wie Buridans EselBuridans Esel: Dem französischen Logiker und Naturphilosophen Jean Buridan (vor 1300 – nach 1358) zugeschriebene Allegorie vom Esel, der zwischen zwei Heubündeln steht, sich weder für das eine noch für das andere entscheiden kann und deswegen verhungern muß zwischen zwei Heuhaufen. Aber lassen wir diesen ewigen Streit, der heute doch nur auf ein Ja oder Nein hinausläuft. Welche Erfahrung wolltest du denn machen, als du in die Seine springen wolltest? Warst du auf die hydraulische Maschine des Pont Notre-Dame neidisch?«

»Ach, wenn du mein Leben kenntest.«

»Oh! ich hätte dich für weniger banal gehalten, die Phrase ist abgedroschen. Weißt du nicht, daß wir uns alle einbilden, weit mehr als die anderen zu leiden?«

»Ach!« seufzte Raphael.

»Was bist du lächerlich mit deinem dauernden Ach! Was ist los? Zwingt dich eine Krankheit der Seele oder des Leibes, durch eine Muskelkontraktion alle Morgen die Pferde vorzuführen, die dich am Abend vierteilen sollen, wie dazumal Damiens?Damiens, Robert-François (1715-1757): wurde nach einem Attentat auf Ludwig XV. öffentlich gefoltert und gevierteilt Hast du deinen Hund roh und ungesalzen in deiner Dachstube verzehrt? Haben deine Kinder jemals zu dir gesagt: ›Ich habe Hunger‹? Hast du die Haare deiner Geliebten verkauft, um zum Spiel gehen zu können? Bist du jemals in eine falsche Wohnung gelaufen, um einen auf einen falschen Onkel gezogenen falschen Wechsel zu bezahlen, mit der Furcht im Nacken, zu spät zu kommen? Nun, laß hören! Wolltest du jedoch einer Frau oder eines abgewiesenen Wechsels wegen oder aus Langerweile ins Wasser gehen, so würdige ich dich keines Blickes mehr. Bekenne, lüge nicht; ich verlange keine historischen Memoiren von dir! Vor allem: sei so kurz, wie dein Rausch es erlaubt. Ich bin anspruchsvoll wie ein Leser und schläfrig wie eine Frau beim Abendgebet.«

»Armer Tor! Seit wann bestimmen die Schmerzen den Grad der Empfindsamkeit? Wenn wir in der Wissenschaft einmal so weit sein werden, eine Naturgeschichte der Herzen aufzustellen, sie zu benennen, sie in Arten, Unterarten, Familien, in Krustazeen, Fossilien, Saurier, in Kleinstlebewesen – und was weiß ich noch alles – einzuteilen, dann, lieber Freund, wird es bewiesen sein, daß es Herzen gibt, die so zart und empfindlich sind wie Blumen und gleich ihnen von einer leichten Berührung gebrochen werden können, die gewisse versteinerte Herzen nicht einmal spüren.«

»Oh! ich bitte dich, verschone mich mit deiner Vorrede«, sagte Émile mit einer halb lachenden, halb kläglichen Miene und faßte Raphael bei der Hand.

 

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