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Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 31
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
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31. Brief

Ich hätte nicht gedacht, daß Sie so schelten können, Verehrteste. Klarheit verlangen Sie, nichts als Klarheit. Klarheit? Wenn mir die Es-Frage klar wäre, würde ich glauben, Gott selbst zu sein. Gestatten Sie mir, bescheidener von mir zu denken.

Lassen Sie mich dazu zurückkehren, wie ich Freuds Schüler wurde. Nachdem mich Fräulein G. zu ihrem ›Mutter-Arzte‹ ernannt hatte, wurde sie zutraulicher. Sie ließ sich alle möglichen Hantierungen, wie sie mein Gewerbe als Masseur mit sich brachte, ruhig gefallen, aber die Schwierigkeiten der Unterhaltung blieben. Nach und nach gewöhnte ich mir – aus Spielerei, wie mir schien – ihre umschreibende Ausdrucksweise an, und siehe da, nach einiger Zeit bemerkte ich zu meiner höchsten Verwunderung, daß ich Dinge sah, die ich früher nicht gesehen hatte. Ich lernte das Symbol kennen. Es muß sehr allmählich gegangen sein, denn ich besinne mich nicht, bei welcher Gelegenheit ich zuerst begriff, daß ein Stuhl nicht nur ein Stuhl, sondern eine ganze Welt ist, daß der Daumen der Vater ist, der Siebenmeilenstiefel anziehen kann und dann als ausgestreckter Zeigefinger Erektionssymbol wird, daß ein geheizter Ofen eine heißblütige Frau bedeutet und das Ofenrohr den Mann, und daß die schwarze Farbe dieses Rohres unaussprechlichen Schrecken verursacht, weil in dem Schwarz der Tod ist, weil dieser harmlose Ofen den Geschlechtsverkehr eines abgeschiedenen Mannes mit einer lebendigen Frau bedeutet.

Was soll ich weiter davon sprechen? Ein Rausch kam über mich, wie ich ihn nie vorher noch nachher erlebt habe. Das Symbol war das erste, was ich von aller analytischen Weisheit lernte, und es hat mich nicht wieder losgelassen. Ein langer, langer Weg von vierzehn Jahren liegt hinter mir, und wenn ich ihn zu überschauen suche, ist er voll von seltsamen Funden der Symbolik, verwirrend voll, herrlich bunt und schillernd vom Wechsel der Farben. Die Gewalt, mit der mich diese Einsicht in die Symbole umänderte, muß ungeheuer gewesen sein, denn sie trieb mich schon in den ersten Wochen meiner Lehrzeit dazu, in der organischen Veränderung des menschlichen Äußeren, in dem, was man physische organische Krankheit nennt, das Symbol zu suchen. Daß das psychische Leben ein fortdauerndes Symbolisieren sei, war mir so selbstverständlich, daß ich ungeduldig die sich aufdrängenden Massen neuer, für mich neuer Gedanken und Gefühle wegdrängte und in toller Hast die Wirkung des Symbolzeigens in 244 Organerkrankungen verfolgte. Und diese Wirkungen waren für mich Zauberwirkungen.

Bedenken Sie, ich hatte eine zwanzigjährige ärztliche Tätigkeit hinter mir, die sich – ein Erbteil Schweningers – nur mit chronischen, aufgegebenen Fällen beschäftigte. Ich wußte genau, was auf meinem früheren Wege zu erreichen war, und ich schrieb das ›Mehr‹, das nun entstand, ohne weiteres meiner Belehrung über die Symbole zu, die ich wie einen Sturmwind über die Kranken dahinbrausen ließ. Es war eine schöne Zeit.

Gleichzeitig mit den Symbolen lernte ich durch meine Kranke eine andre Eigentümlichkeit menschlichen Denkens praktisch kennen, den Assoziationszwang. Vermutlich haben dabei auch Einflüsse anderer Herkunft, Zeitschriften, mündliche Mitteilungen, Klatsch mitgewirkt, das Wesentliche aber kam von Fräulein G. Auch mit Assoziationen beglückte ich sofort meine Klienten, es ist mir auch genug davon in meinen ärztlichen Gewohnheiten haften geblieben, um damit Fehler zu begehen, aber damals schien mir alles sehr gut.

Solange es dauerte. Schon bald traten Rückschläge ein. Irgendwelche geheimnisvollen Kräfte stemmten sich mir plötzlich entgegen, Dinge, die ich später unter Freuds Einfluß als Widerstände zu bezeichnen lernte; ich verfiel zeitweise wieder in die Methode des Befehlens, wurde dafür durch Mißerfolge bestraft und lernte schließlich leidlich mich durchzuwinden. Alles in allem ging die Sache über Erwarten gut, und als der Krieg ausbrach, hatte ich mir ein Verfahren zurechtgebaut, das den Anforderungen meiner Praxis allenfalls entsprach. Ich habe dann während der paar Monate Lazarettätigkeit mein dilettantisches wildes Analysieren, das ich übrigens noch jetzt beibehalten habe, an Verwundeten erprobt und habe gesehen, daß die Wunde oder der Knochenbruch ebenso auf die Analyse des Es reagiert wie die Nierenentzündung oder der Herzfehler oder die Neurose.

Soweit schreibt sich das ganz nett und angenehm, und es klingt, wahrscheinlich. Aber mitten in dieser Entwicklung steht etwas Rätselhaftes: ein öffentlicher Angriff auf Freud und die Psychoanalyse. Sie können ihn noch gedruckt lesen in einem Buch über den gesunden und kranken Menschen. Ich habe mir immer eingebildet, daß ich die Analyse von Fräulein G. gelernt habe, bilde es mir noch ein. Es kann aber nicht wahr sein; denn wie sollte ich 245 sonst zu einer Zeit, wo ich angeblich gar nichts von Freud wußte, seinen Namen gekannt haben? Daß ich nichts Richtiges über ihn wußte, ergibt sich aus dem Wortlaut des Angriffs. Ich kann mir nichts Dümmeres denken als diesen Wortlaut. Aber wo in aller Welt haben die Glocken gehangen, die ich läuten hörte? Erst vor ganz kurzer Zeit ist es mir eingefallen. Die erste Idee davon bekam ich viele Jahre, ehe ich Fräulein G. kennenlernte, durch einen Artikel der ›Täglichen Rundschau‹, und das zweite Mal hörte ich Freuds Namen und den Ausdruck ›Psychoanalyse‹ durch das Geschwätz einer Kranken, die ihre Kenntnisse irgendwo aufgelesen hatte.

Die Eitelkeit hat mich lange daran gehindert, mich mit der wissenschaftlichen Psychoanalyse zu beschäftigen. Später habe ich versucht, diesen Fehler wiedergutzumachen, hoffe auch, daß es mir leidlich gelungen ist, wenn auch hie und da unausjätbares Unkraut in meinem analytischen Denken und Handeln übriggeblieben ist. Aber der Eigensinn, nicht lernen zu wollen, hat auch seinen Vorteil gehabt. In dem blinden Dahintaumeln, das durch Kenntnisse nicht beschwert war, bin ich von ungefähr auf die Idee gestoßen, daß es außer dem Unbewußten des Gehirndenkens analoges Unbewußtes in andern Organen, Zellen, Geweben und so weiter gibt, und daß sich bei dem innigen Zusammenschluß dieser einzelnen Unbewußt-Wesen zum Organismus ein heilender Einfluß auf jedes dieser Einzelwesen durch Analyse des unbewußten Gehirns gewinnen läßt.

Sie müssen nicht denken, daß mir behaglich zumute ist, während ich diese Sätze niederschreibe. Ich habe das dunkle Gefühl, daß sie nicht einmal Ihrer liebenswürdigen Kritik standhalten, geschweige denn einer ernsthaften Prüfung der Fachwissenschaft. Da es mir immer leichter geworden ist zu behaupten als zu beweisen, greife ich auch hier zur Behauptung und sage: Auf dem Wege der Analyse läßt sich jede Erkrankung des Organismus, gleichgültig, ob sie psychisch oder physisch genannt wird, beeinflussen. Ob man im gegebenen Fall analytisch oder chirurgisch oder physikalisch, diätetisch oder medikamentös verfahren soll, ist eine Zweckmäßigkeitsfrage. An sich gibt es kein Gebiet der Medizin, auf dem sich Freuds Entdeckung nicht verwerten ließe.

Ihr Hinweis, liebe Freundin, daß ich praktischer Arzt bin und mich Doktor nenne, ist so energisch gewesen, daß ich mich genötigt sehe, ein wenig mehr von Krankheit zu plaudern, wie ich mir ihr Zustandekommen und ihre Heilung vorstelle. Zunächst aber müssen wir uns darüber einigen, was wir Krankheit nennen wollen. Ich 246 denke, wir kümmern uns nicht darum, was andere Leute darunter verstehen, sondern stellen unsern eigenen Begriff auf. Und da schlage ich vor, klar auszusprechen: »Krankheit ist eine Lebensäußerung des menschlichen Organismus.« Nehmen Sie sich Zeit, darüber nachzudenken, ob Sie dieser Formel zustimmen wollen oder nicht. Und gestatten Sie mir, währenddessen so zu tun, als ob Sie meinen Satz billigten.

Vielleicht halten Sie die Frage nicht für besonders wichtig. Aber wenn Sie, wie ich, sich dreißig Jahre lang Mühe gegeben hätten, Tag für Tag so und so viel Menschen diesen einfachen Satz begreiflich zu machen und doch Tag für Tag dreißig Jahre lang die Erfahrung gemacht hätten, daß er durchaus nicht in die Köpfe der Menschen hineingeht, würden Sie mir beipflichten, wenn ich Wert darauf lege, daß Sie wenigstens ihn verstehen.

Wem, wie mir, Krankheit eine Lebensäußerung des Organismus ist, der sieht in ihr nicht mehr einen Feind. Es kommt ihm nicht mehr in den Sinn, die Krankheit bekämpfen zu wollen, er sucht sie nicht zu heilen, ja er behandelt sie nicht einmal. Es wäre für mich ebenso absurd sie zu behandeln, als wenn ich Ihre Spottsucht dadurch zu beheben suchte, daß ich die kleinen Bosheiten Ihrer Briefe säuberlich in ebensoviel Artigkeiten umschriebe, ohne Ihnen auch nur Mitteilung davon zu machen.

Mit dem Augenblick, wo ich einsehe, daß die Krankheit eine Schöpfung des Kranken ist, wird sie für mich dasselbe wie seine Art zu gehen, seine Sprechweise, das Mienenspiel seines Gesichtes, die Bewegung seiner Hände, die Zeichnung, die er entworfen, das Haus, das er gebaut, das Geschäft, das er abgeschlossen hat, oder der Gang, den seine Gedanken gehen: ein beachtenswertes Symbol der Gewalten, die ihn beherrschen und die ich zu beeinflussen suche, wenn ich es für recht halte. Die Krankheit ist dann nichts Abnormes mehr, sondern etwas, was durch das Wesen dieses einen Menschen, der krank ist und von mir behandelt werden will, bedingt ist. Ein Unterschied besteht darin, daß die Schöpfungen des Es, die wir Krankheiten zu nennen pflegen, unter Umständen für den Schöpfer selbst oder seine Umgebung unbequem sind. Aber letzten Endes kann auch eine schrille Stimme oder eine unleserliche Handschrift für Mensch und Nebenmenschen unerträglich sein, und ein unzweckmäßig gebautes Haus bedarf ebenso des Umbaus wie etwa eine Lunge, die entzündet ist, so daß schließlich keine wesentliche Verschiedenheit zwischen der Krankheit und dem Sprechen oder Schreiben oder Bauen zu finden ist. Mit andern Worten, ich kann mich nicht mehr dazu 247 entschließen, mit einem Kranken anders zu verfahren als mit jemandem, der schlecht schreibt oder spricht oder schlecht baut. Ich werde versuchen herauszubekommen, warum und zu welchem Zweck sein Es sich des schlechten Sprechens, Schreibens, Bauens, des Krankseins bedient, was es damit sagen will. Ich werde mich bei ihm, bei dem Es selbst erkundigen, was für Gründe es zu seinem, mir und ihm selber unangenehmen Verfahren hat, werde mich darüber mit ihm unterhalten und sehen, was es dann tut. Und wenn eine Unterhaltung nicht genügt, so werde ich sie wiederholen, zehnmal, zwanzigmal, hundertmal, so lange, bis dieses Es die Unterredungen langweilig findet und entweder sein Verfahren ändert oder sein Geschöpf, den Kranken, zwingt, mich zu entlassen, durch Abbrechen der Behandlung oder durch den Tod.

Nun gebe ich zu, es kann notwendig sein, ist es sogar meist, ein schlecht gebautes Haus so rasch wie möglich umzubauen oder niederzureißen, einen Menschen, der eine Lungenentzündung hat, ins Bett zu stecken, ihn zu pflegen, einem Wassersüchtigen etwa mit Digitalis das Wasser wegzutreiben, einen zerbrochenen Knochen einzurenken und unbeweglich zu machen, ein brandiges Glied abzuschneiden. Ja ich habe sogar begründete Hoffnung, daß ein Architekt, dessen Neubau sofort nach der Übergabe an den Bauherrn umgebaut oder niedergerissen wird, in sich gehen, seine Fehler einsehen, sie in Zukunft vermeiden oder seinen Beruf ganz aufgeben wird, daß ein Es, wenn es sein eigenes Fabrikat, Lunge oder Knochen, geschädigt und dadurch Schmerz und Leid erfahren hat, vernünftig wird und für später etwas gelernt hat. Mit andern Worten, das Es kann sich selbst davon durch Erfahrung überzeugen, daß es dumm ist, seine Kräfte in der Produktion von Krankheiten zu zeigen, statt sie zur Produktion eines Liedes, eines Geschäftsganges, einer Blasenentleerung oder eines Geschlechtsaktes zu benutzen. Aber das alles entbindet mich, dessen Es mich zum Arzt hat werden lassen, nicht von der Notwendigkeit, wenn Zeit dazu ist, die Gründe des krankheitssüchtigen Es meines Nebenmenschen anzuhören, sie zu würdigen und wo es not tut und möglich ist, zu widerlegen.

Die Sache ist wichtig genug, um sie noch einmal von einer andern Seite zu beleuchten. Wir sind im allgemeinen gewöhnt, die Gründe für unsre Erlebnisse, je nachdem es uns gefällt, in der Außenwelt oder in unsrer Innenwelt zu suchen. Wenn wir auf der Straße ausgleiten, suchen und finden wir die Apfelsinenschale, den Stein, die äußere Ursache, die uns zu Fall gebracht hat. Wenn wir dagegen eine Pistole nehmen und schießen uns eine Kugel vor 248 den Kopf, so sind wir der Ansicht, daß wir das aus inneren Gründen absichtlich tun. Wenn jemand eine Lungenentzündung bekommt, so schieben wir das auf die Infektion durch Pneumokokken, wenn wir aber vom Stuhl aufstehen, durch das Zimmer gehen und aus dem Schrank Morphiumgift holen, um es zu nehmen, so glauben wir aus inneren Gründen zu handeln. Ich bin, wie Ihnen bekannt ist, stets ein Besserwisser gewesen, und wenn mir jemand die berühmte Apfelsinenschale entgegenhielt, die trotz aller Polizeivorschriften auf der Straße lag und den Armbruch der Frau Lange herbeigeführt hatte, bin ich hingegangen und habe sie gefragt: »Welchen Zweck verfolgen Sie damit, den Arm zu brechen?« Und wenn mir jemand erzählte, der Herr Treiner hat gestern Morphium genommen, weil er nicht schlafen konnte, habe ich Herrn Treiner gefragt: »Wie und wodurch ist gestern die Idee ›Morphium‹ so stark in Ihnen geworden, daß Sie sich schlaflos machten, um Morphium nehmen zu können?« Bisher ist mir immer Antwort auf solche Fragen geworden, was auch nicht allzu verwunderlich ist. Alle Dinge haben zwei Seiten, also kann man sie auch von zwei Seiten betrachten, und überall wird man, wenn man sich Mühe gibt, eine äußere und eine innere Ursache für die Geschehnisse des Lebens finden.

Dieser Sport des Besserwissenwollens hat nun seltsame Folgen gehabt. In der Beschäftigung damit bin ich immer mehr dazu verlockt worden, die innere Ursache aufzusuchen, teils weil ich in eine Zeit hineingeboren wurde, die vom Bazillus und nur vom Bazillus schwatzte, wenn sie nicht gar noch die Wörter Erkältung und Magenverderben anbetete, teils weil sich frühzeitig – aus Troll-Hochmut heraus – der Wunsch ausbildete, in mir ein Es, einen Gott zu finden, den ich für alles verantwortlich machen könnte. Da ich aber nicht schlecht genug erzogen war, um die Allmacht für mich allein zu beanspruchen, so vindizierte ich sie auch anderen Menschen, erfand auch für sie das Ihnen so anstößige Es und konnte nun behaupten: »Die Krankheit kommt nicht von außen, der Mensch erschafft sie selbst, benutzt die Außenwelt nur als Werkzeug, um sich damit krank zu machen, greift aus seinem unerschöpflichen Instrumentenlager der ganzen Welt bald die Spirochäte der Syphilis, heute eine Apfelsinenschale, morgen eine Gewehrkugel und übermorgen eine Erkältung heraus, um sich selbst damit ein Leid zuzufügen. Stets tut er es mit dem Zweck der Lustgewinnung, weil er als Mensch von Natur Freude am Leid hat, weil er als Mensch von Natur sich sündig fühlt und das Gefühl der Schuld durch Selbstbestrafung fortschaffen will, weil er 249 irgendeiner Unbequemlichkeit ausweichen will. Meist ist ihm von all diesen Seltsamkeiten nichts bewußt, ja, in Wahrheit wird alles in Tiefen des Es beschlossen und ausgeführt, in die wir nie hineinschauen können, aber zwischen den unergründlichen Schichten des Es und unserm gesunden Menschenverstande gibt es für das Bewußtsein erreichbare Schichten des Unbewußten, Schichten, die Freud ›bewußtseinsfähig‹ nennt, und in denen lassen sich allerhand nette Dinge finden. Und was das Seltsamste ist, wenn man sie durchstöbert, geschieht es nicht gar zu selten, daß plötzlich das da ist, was wir Heilung nennen. Ohne daß wir das geringste davon verstehen, wie die Heilung zustande kommt, von ungefähr, ohne all unser Verdienst und Würdigkeit, ich muß es immer wieder sagen.

Zum Schluß alter Gewohnheit gemäß eine Geschichte oder lieber zwei. Die eine ist einfach genug, und Sie werden es wahrscheinlich albern finden, daß ich ihr Wert beimesse. Zwei Offiziere unterhalten sich im Schützengraben von der Heimat, und wie schön es wäre, einen Schuß zu bekommen, der einem den nötigen Urlaub von einigen Wochen oder Monaten verschaffte. Einer von beiden ist damit nicht zufrieden, er wünscht sich eine ausreichende Verletzung, die ihn dauernd in die Heimat bringt, und erzählt von einem Kameraden, der durch das rechte Ellenbogengelenk geschossen und dadurch untauglich für den Felddienst wurde. »So etwas wäre mir ganz recht.« Eine halbe Stunde später ist sein rechtes Ellenbogengelenk durchschossen. Die Kugel traf ihn in dem Augenblick, wo er die Hand zum Gruß erhob. Hätte er nicht gegrüßt, wäre das Geschoß vorbeigeflogen. Und er hatte es nicht nötig zu grüßen, denn dem Kameraden, dem sein Gruß galt, war er in den letzten zwei Stunden schon dreimal begegnet. Sie brauchen der Sache keine Bedeutung beizulegen; es genügt, wenn ich mir meinen Vers darauf mache. Und da ich die wohlüberlegte Absicht gehabt habe, möglichst oft zwischen Verwundung und Verwundungswunsch des Es innere Zusammenhänge zu finden, ist es mir nicht schwer geworden, sie in die Leute hineinzureden. Basta.

Ein andrer Herr kam lange nach dem Kriege in meine Behandlung, es tut nichts zur Sache weshalb. Er litt unter anderem an kurzen epileptischen Anfällen, und bei der Beschreibung solcher Anfälle erzählte er mir folgende Geschichte: Er war auch felddienstmüde geworden und beschäftigte sich mit dem Gedanken, wie er wohl ohne allzu schwere Folgen glücklich aus dem Schlamassel 250 herauskommen könne. Da fiel ihm ein – und auch dieser Einfall war nicht zufällig, sondern durch kurz vorhergehende Eindrücke bedingt, deren Aufzählung zu weit führen würde –, es fiel ihm ein, wie er als Sekundaner von seinem allzu strengen Vater gezwungen worden war, Schneeschuh zu laufen, wie unbequem ihm das war und wie er seinen Kameraden, der sich beim Skilaufen die rechte Kniescheibe gebrochen hatte und infolgedessen monatelang aus der Schule bleiben mußte, beneidet hatte. Zwei Tage darauf war er als Batteriechef in seinem Beobachtungsstand. Seine Batterie wurde von drei französischen Batterien beschossen, einer leichten, die zu kurz schoß, einer mittleren, die zu weit nach links schoß und einem schweren Geschütz, dessen Granaten in regelmäßigen Zeitabständen von genau fünf Minuten gerade zwischen der Batterie und seinem Beobachtungsposten einschlugen. Wenn der Herr von Soundso seinen Stand sofort nach dem Platzen der schweren Granate verließ, konnte er ohne jede Gefahr zu seiner Batterie hinübergehen, was er auch zweimal tat. Da kam ein Befehl von den Herren hinten im sicheren Posten, die Batterie des Herrn von Soundso solle ihren Platz wechseln. Er ärgerte sich weidlich über den Befehl, sehnte sich wieder einmal nach dem Heimatschuß und verließ – ja ich muß glauben, was er mir sagte, und ich glaube es auch –, verließ genau in dem Augenblick seinen geschützten Stand, in dem die wohlbekannte Pause zwischen den schweren Granaten abgelaufen war. Der Erfolg war befriedigend: Zwei Sekunden später lag er mit zerschmetterter rechter Kniescheibe am Boden, bekam einen Anfall und wurde, zum Bewußtsein gekommen, hinter die Front getragen. – Natürlich ist es ein Zufall. Wer könnte daran zweifeln? Aber die Sache hatte ein kleines Nachspiel, dessentwegen ich Ihnen die Geschichte erzähle. Der Herr von Soundso hatte nämlich ein steifes Bein von jener Zeit zurückbehalten, nicht ganz steif, aber doch so, daß man beim passiven Beugen des Gelenks bei etwa 20 Grad auf einen Widerstand stieß, der nach Aussage von Leuten, die es wissen mußten, da sie gelernte Chirurgen und Meister im Röntgen waren, teilweise auch recht achtbare Namen trugen, auf einer Narbenverwachsung an der Kniescheibe beruhte. Am Tag nach jener Erzählung konnte der Herr von Soundso sein Knie bis auf 26 Grad bringen, am folgenden Tage noch etwas weiter, und nach acht Tagen fuhr er Rad. Und war doch nichts mit seinem Knie geschehen, als daß er davon gesprochen hatte und auf die seltsamen Heilkuren des Es hingewiesen worden war. Knien hat er aber nicht gelernt. Und das ist schade. Seine Mutter ist eine fromme Frau und möchte gern, daß er wieder beten lernt, was er 251 als Kind mit vielem Eifer getan hat. Aber es scheint, daß er mit seinem Vater, nach dessen Bilde er sich Gott geschaffen hatte, noch allzu sehr zerfallen ist, um vor ihm die Knie zu beugen.

Ich muß Ihnen noch etwas erzählen: Ein junger Herr hat mich neulich besucht, der war vor Jahr und Tag in meiner Behandlung. Er litt an einer entsetzlichen Angst, die ihn tagaus, tagein verfolgte. Als er zu mir kam, wußte er schon, daß es eine Kastrationsangst sei, erzählte mir auch gleich im Anfang einen Kindheitstraum, wie zwei Räuber in die Koppel seines Vaters gekommen seien und seinen Lieblingsrappen – der Herr hat im Gegensatz zu seinen beiden Brüdern ganz schwarzes Haar – kastriert hätten. Als halbes Kind noch – ich glaube mit neun Jahren – hat er sich einen Dauerschnupfen zugelegt, und es hat auch nicht lange gedauert, da hat man ihm ein Stück aus der Nasenscheidewand herausgenommen. Ich kenne das; es ist ein Kniff des Es, den Vater symbolisch zu kastrieren. Und zehn Jahre später hat er sich ohne jeden Grund beide kleinen Zehen abnehmen lassen, im Symbol beide Brüder kastriert. Es hat aber nichts geholfen, seine Angst ist geblieben. Er ist sie erst nach einer jahrelangen, mühseligen Analyse losgeworden. Komisch an der Sache ist, daß dieser Herr die lebhafte Lustphantasie hat, als Weib zu genießen, dabei aber doch heterosexuell in besonderem Maße tätig sein möchte. Er hat es vorgezogen, seinen Wunsch, kastriert, Weib zu werden, wie er sich im Traum ausspricht, gegen Vater und Bruder zu kehren, büßt diesen bösen Wunsch mit der Nasen- und Zehenoperation und mit der Angst. Das Es macht wunderliche Streiche, macht gesund, macht krank, erzwingt Amputationen heiler Glieder und läßt die Menschen in die Kugel hineinlaufen. Kurz, es ist ein launisch unberechenbares, kurzweiliges Ding.

Herzlichst Ihr

Patrik

 

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