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Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1. Brief

Liebe Freundin, Sie wünschen, daß ich Ihnen schreibe, nichts Persönliches, keinen Klatsch, keine Redensarten, sondern ernst, belehrend, womöglich wissenschaftlich. Das ist schlimm. Was habe ich Armer mit Wissenschaft zu tun? Das bißchen, was man als praktischer Arzt nötig hat, kann ich Ihnen doch nicht vorführen, sonst sehen Sie, wie löchrig das Hemd ist, das unsereiner unter dem Staatsgewande der Approbation als Arzt trägt. Aber vielleicht ist Ihnen mit der Erzählung gedient, warum ich Arzt wurde und wie ich zu der Abneigung gegen das Wissen gekommen bin.

Ich besinne mich nicht, daß ich als Knabe besondere Neigung für das Arztsein gehabt hätte, vor allem weiß ich bestimmt, daß ich nie, auch später nicht, mit diesem Beruf menschenfreundliche Gefühle verbunden hätte; und wenn ich mich, was wohl geschehen ist, mit solchen edlen Worten zierte, so verzeihe mir ein mildes Gericht mein Lügen. Arzt wurde ich, weil mein Vater es war. Er hatte all meinen Brüdern verboten, diese Laufbahn einzuschlagen, vermutlich weil er sich und andern gern einreden wollte, seine finanziellen Schwierigkeiten seien durch die schlechte Bezahlung des Arztes bedingt, was durchaus nicht der Fall war, da er bei alt und jung als ein guter Arzt gerühmt und dementsprechend entlohnt wurde. Aber er liebte es, wie sein Sohn auch und wie wohl ein jeder, nach außen zu blicken, wenn er wußte, daß in ihm selber etwas nicht stimmte. Eines Tages fragte er mich – warum, weiß ich nicht –, ob ich nicht Arzt werden wolle, und weil ich in dieser Frage eine Auszeichnung meinen Brüdern gegenüber sah, sagte ich ja. Damit war mein Schicksal entschieden, sowohl für meine Berufswahl, als auch für die Art, wie ich diesen Beruf ausgeübt habe. Denn von da an habe ich meinen Vater bewußt nachgeahmt, so stark, daß eine alte Freundin von ihm, als sie mich viele Jahre später kennenlernte, in die Worte ausbrach: »Ganz der Vater, nur keine Spur von seinem Genie.«

Bei jener Gelegenheit erzählte mir mein Vater etwas, was mich später, als die Zweifel an meinen ärztlichen Fähigkeiten kamen, an meiner Arbeit festhielt. Vielleicht kannte ich die Geschichte schon 20 vorher, aber ich weiß, daß sie mir in der gehobenen Stimmung des Joseph, der besser war als seine Brüder, tiefen Eindruck machte. Er habe mich, erzählte er mir, als dreijährigen Jungen mit meiner etwas älteren Schwester, meiner ständigen Spielkameradin, beim Puppenspielen beobachtet. Lina verlangte, daß der Puppe noch ein Kleid angezogen werden solle, und ich gab es nach langem Kampfe mit den Worten zu: »Gut, aber du wirst sehen, sie erstickt.« Daraus habe er den Schluß gezogen, daß ich ärztliche Begabung hätte. Und ich selber habe diesen so wenig begründeten Schluß auch gezogen.

Ich erwähne dieses kleine Ereignis, weil es mir Gelegenheit gibt, von einem Zug meines Wesens zu sprechen, von einer seltsamen Ängstlichkeit geringfügigen Dingen gegenüber, die mich plötzlich und scheinbar unmotiviert befällt. Angst ist, wie Sie wissen, die Folge eines verdrängten Wunsches; es muß in jenem Augenblick, als ich den Gedanken äußerte, die Puppe werde ersticken, der Wunsch in mir lebendig gewesen sein, irgendein Wesen, dessen Stelle die Puppe vertrat, zu töten. Wer dieses Wesen war, weiß ich nicht, vermute nur, daß es eben diese meine Schwester war; ihrer Kränklichkeit halber wurde ihr von meiner Mutter manches zugeteilt, was ich als Jüngster für mich beanspruchte. Da haben Sie nun, was das Wesentliche des Arztes ist: ein Hang zur Grausamkeit, der gerade so weit verdrängt ist, daß er nützlich wird, und dessen Zuchtmeister die Angst ist, weh zu tun. Es lohnte sich, diesem feingefügten Widerspiel von Grausamkeit und Angst im Menschen nachzugehen, weil es gar wichtig im Leben ist. Aber für den Zweck eines Briefes genügt es wohl festzustellen, daß das Verhältnis zu meiner Schwester viel mit der Entwicklung und Bändigung meiner Lust am Wehtun zu tun hat. Unser Lieblingsspiel war ›Mutter und Kind spielen‹, wobei es darauf ankam, daß das Kind unartig war und Schläge bekam. Daß alles milde verlief, war durch die Kränklichkeit der Schwester bedingt und spiegelt sich in der Art wider, wie ich meinen Beruf ausgeübt habe. Neben der Scheu vor dem blutigen chirurgischen Handwerk habe ich die Abneigung gegen das Giftmischen der Apotheke und bin so zur Massage und zur psychischen Behandlung gekommen; beide sind nicht weniger grausam, aber sie lassen sich besser der individuellen menschlichen Lust am Leiden anpassen. Aus den täglich wechselnden Anforderungen heraus, die Linas Herzleiden an mein unbewußtes Taktgefühl stellten, wuchs dann die Neigung, mich mit chronisch Kranken zu beschäftigen, während mich die akute Erkrankung ungeduldig macht.

21 Das ist so ungefähr, was ich vorläufig über die Wahl meines Berufes mitteilen kann. Wenn Sie es nur ein wenig in Ihrem Herzen bewegen, wird Ihnen schon allerlei über meine Stellung zur Wissenschaft einfallen. Denn wer von Kindheit an auf den einzelnen Kranken eingestellt ist, wird schwerlich systematisch rubrizieren lernen. Aber auch da ist wohl das Wichtigste die Nachahmung. Mein Vater war ein Ketzer unter den Ärzten; war sich selbst Autorität, ging eigene Wege und Irrwege, und von Respekt vor der Wissenschaft war weder in Worten noch in Taten viel bei ihm zu spüren. Ich besinne mich noch, wie er über die Hoffnungen spottete, die sich an die Entdeckung des Tuberkel- und Cholerabazillus knüpften, und mit welchem Hochgenuß er erzählte, daß er gegen alle physiologischen Lehrsätze ein Wickelkind ein Jahr lang nur mit Bouillon gefüttert habe. Das erste medizinische Buch, das er mir in die Hände gab – ich war damals noch Gymnasiast –, war die ›Erfahrungsheillehre‹ Rademachers, und da darin die Kampfstellen wider die Wissenschaft dick angestrichen und reichlich mit Randbemerkungen versehen waren, so ist es wohl kein Wunder, wenn ich schon vor Beginn meines Studiums geneigt war zu zweifeln.

Diese Lust am Zweifel war noch anders bedingt. Als ich sechs Jahre alt war, verlor ich zeitweise die ausschließliche Freundschaft meiner Schwester. Sie wendete ihre Neigung einer Schulkameradin zu, die den Namen Alma trug, und was besonders schmerzlich war, sie übertrug unsere kleinen sadistischen Spiele auf diese neue Freundin und schloß mich von der Teilnahme daran aus. Es gelang mir ein einziges Mal, die beiden Mädchen beim Geschichtenerzählen, was sie besonders liebten, zu belauschen. Alma phantasierte von einer bösen Mutter, die ihr unartiges Kind zur Strafe in eine Abtrittgrube steckte – man muß sich dabei einen ländlichen primitiven Abtritt vorstellen. Noch heutigen Tages geht es mir nach, daß ich diese Geschichte nicht zu Ende gehört habe. Die Freundschaft der beiden Mädchen ging vorüber und meine Schwester kehrte zu mir zurück. Aber jene Zeit der Einsamkeit hat genügt, um mir eine tiefe Abneigung gegen den Namen Alma einzuflößen.

Und nun darf ich Sie wohl daran erinnern, daß die Universität sich ›Alma mater‹ nennt. Das hat mich stark gegen die Wissenschaft eingenommen, noch mehr, weil das Wort ›Alma mater‹ auch für 22 das Gymnasium angewendet wurde, in dem ich meine humanistische Bildung erhielt und in dem ich viel gelitten habe, von dem ich viel erzählen müßte, wenn es darauf ankäme, Ihnen meine menschliche Entwicklung begreiflich zu machen. Aber darauf kommt es ja nicht an, sondern nur auf die Tatsache, daß ich all den Haß und das Leid meiner Schulzeit auf die Wissenschaft übertrug, weil es bequemer ist, Trübungen der Seele aus dem äußeren Geschehen herzuleiten, statt sie in den Tiefen des Unbewußten zu suchen.

Später, erst sehr spät, ist mir klargeworden, daß das Wort ›Alma mater‹, ›nährende Mutter‹, an die ersten und schwersten Konflikte meines Lebens erinnert. Meine Mutter hat nur das älteste ihrer Kinder genährt; sie bekam damals schwere Brustentzündungen, durch die die Milchdrüsen verödeten. Meine Geburt muß wohl ein paar Tage früher stattgefunden haben, als berechnet war. Jedenfalls war die Amme, die für mich bestimmt war, noch nicht im Hause, und ich bin drei Tage kümmerlich von einer Frau gestillt worden, die zweimal am Tage kam, um mir die Brust zu geben. Es hat mir nichts geschadet, sagte man mir, aber wer kann die Gefühle eines Säuglings beurteilen? Hungernmüssen ist kein freundlicher Willkommensgruß für einen Neugeborenen. Ich habe hie und da Leute kennengelernt, denen es ähnlich gegangen ist, und wenn ich auch nicht beweisen kann, daß sie Schaden an ihrer Seele gelitten haben, so ist es mir doch wahrscheinlich. Und im Vergleich zu ihnen glaube ich noch gut weggekommen zu sein.

Da ist zum Beispiel eine Frau – ich kenne sie viele, viele Jahre –, deren Mutter sich von dem neugeborenen Kinde abwandte; sie nährte es nicht, obwohl sie es bei den andern Kindern tat, und überließ es dem Kindermädchen und der Flasche. Das Kind aber hungerte lieber, als daß es am Gummipfropfen sog, es kränkelte dem Tode entgegen, bis ein Arzt die Mutter aus ihrer Antipathie aufrüttelte. Da wurde aus der fühllosen Mutter eine besorgte. Eine Amme kam ins Haus, und die Mutter ließ keine Stunde vergehen, ohne nach dem kleinen Mädchen zu sehen. Das Kind gedieh nun und ist zu einer kräftigen Frau herangewachsen. Sie wurde der ›Verzug‹ der Mutter, die bis zu ihrem Tode werbend hinter der Tochter herlief. Aber in der Tochter blieb der Haß. Ihr Leben ist eine stahlharte Kette der Feindschaft, deren einzelne Glieder von der Rache geschmiedet sind. Sie hat die Mutter gequält, solange sie lebte, sie ist vom Sterbebett der Mutter fortgereist, sie verfolgt, ohne daß sie es weiß, jeden, der an die Mutter erinnert, und sie wird bis an ihr Lebensende den Neid behalten, den ihr der Hunger 23 eingeflößt hatte. Sie ist kinderlos. Menschen, die ihre Mutter hassen, sind kinderlos, und das ist so wahr, daß man bei unfruchtbaren Ehen ohne weiteres annehmen kann, einer von beiden Teilen ist Feind seiner Mutter. Wer seine Mutter haßt, der fürchtet sich vor dem eigenen Kind; denn der Mensch lebt nach dem Satz: ›Wie du mir, so ich dir.‹ Dabei wird sie verzehrt von dem Wunsche, ein Kind zu gebären. Ihr Gang ist der einer Schwangeren, wenn sie einen Säugling sieht, schwellen ihre Brüste, und wenn ihre Freundinnen schwanger werden, bekommt sie einen dicken Bauch. Jahrelang ist sie, die vom Leben und Reichtum Verwöhnte, täglich als Hilfsschwester in eine Entbindungsanstalt gegangen, hat die Kinder gereinigt, Windeln gewaschen und Wöchnerinnen versorgt und in wahnsinniger Begierde die Neugeborenen, verstohlen wie eine Verbrecherin, an ihre milchlosen Brüste gelegt. Aber sie hat zweimal Männer geheiratet, von denen sie vorher wußte, daß sie zeugungsunfähig waren. Sie lebt vom Haß, der Angst, dem Neid und der lüsternen Qual des Hungerns nach Unerreichbarem.

Da ist eine andere, die hungerte auch in den ersten Tagen nach der Geburt. Sie hat sich nie entschließen können, sich den Haß gegen die Mutter einzugestehen, aber das Gefühl, die früh verstorbene Mutter gemordet zu haben, quält sie unablässig, so irrsinnig dieser Gedanke ihr auch scheint. Denn diese Mutter starb während einer Operation, von der das Mädchen vorher nichts wußte. Seit vielen Jahren sitzt sie einsam und krank in ihrem Zimmer, nährt sich von Haß gegen alle Menschen, sieht niemanden, meidet und haßt.

Was mich selbst betrifft, so ist schließlich die Amme gekommen, und sie ist drei Jahre bei uns im Hause geblieben. Haben Sie sich schon einmal mit den Erlebnissen eines kleinen Kindes beschäftigt, das von der Amme genährt wird? Die Sache ist etwas kompliziert, wenigstens wenn das Kind von der Mutter geliebt wird. Da ist eine Mutter, in deren Leibe hat man neun Monate gesessen, sorglos, warm und in allen Freuden. Sollte man sie nicht lieben? Und dann ist da ein zweites Wesen, an dessen Brust man täglich liegt, deren Milch man trinkt, deren warme frische Haut man fühlt und deren Geruch man einatmet. Sollte man sie nicht lieben? Zu wem aber soll man halten ? Der Säugling, der von der Amme gestillt wird, ist in den Zweifel hineingestellt und wird den Zweifel nie verlieren. Seine Glaubensfähigkeit ist im Fundament erschüttert, und das Wählen zwischen zwei Möglichkeiten ist für ihn schwerer als für 24 andere. Und was kann einem solchen Menschen, dessen Gefühlsleben man von Beginn an halbiert hat, den man um die volle Kraft der Leidenschaft betrügt, das Wort ›Alma mater‹ anderes sein als ein Hohn und eine Lüge? Das Wissen aber wird ihm von vornherein unfruchtbar erscheinen. Er weiß, die eine dort, die dich nicht nährt, ist deine Mutter, und sie beansprucht dich als ihr Eigentum, die andere aber nährt dich, und doch bist du nicht ihr Kind. Man steht vor einem Problem, das sich durch Wissen nicht lösen läßt, vor dem man fliehen muß, gegen dessen aufdringliche Frage man am besten in das Reich der Phantasie flüchtet. Und wer in diesem Reich heimisch ist, erkennt irgendwann einmal, daß alle Wissenschaft nichts anderes ist als eine Abart der Phantasie, ein Spezialfach sozusagen, mit allen Vorzügen und mit allen Gefahren der Spezialität ausgestattet.

Es gibt auch Menschen, die sich im Reich der Phantasie nicht heimisch fühlen, und von einem solchen will ich Ihnen kurz berichten. Er sollte nicht geboren werden, wurde aber doch geboren, trotz Vater und Mutter. Da versiegte die Milch der Frau, und eine Amme kam ins Haus. Das Söhnchen wuchs inmitten seiner glücklicheren Geschwister, die an der Mutterbrust gelegen hatten, heran, aber er blieb zwischen ihnen ein Fremdling, so wie er auch den Eltern fremd blieb. Und ohne es zu wollen oder auch nur zu wissen, hat er allmählich die Bande zwischen den Eltern gesprengt. Sie sind unter dem Druck halbbewußter Schuld, die fremden Augen aus der seltsamen Behandlung des Sohnes deutlich wurde, voreinander geflohen und wissen nichts mehr voneinander. Der Sohn aber wurde ein Zweifler, sein Leben wurde halb. Und weil er nicht wagte, phantastisch zu sein – denn er sollte ein ehrbarer Mensch werden, und seine Träume waren die des ausgestoßenen Abenteurers –, begann er zu trinken, ein Schicksal, das manchem begegnet, der in den ersten Lebenswochen Liebe entbehren mußte. Aber wie alles, ist auch die Trunksucht bei ihm halb. Nur zeitweise, für einige Wochen oder Monate, kommt es über ihn, daß er trinken muß. Und weil ich ein wenig seinen Irrgängen nachgespürt habe, weiß ich, daß immer diese kindische Ammensache auftaucht, ehe er zum Glase greift. Das gibt mir die Gewißheit, daß er genesen wird. Und nun etwas Seltsames: Dieser Mann wählte ein Mädchen zum Weibe, das ebenso tief im Haß gegen die Eltern steckt wie er, das ebenso wie er kindernärrisch ist und doch das Kinderkriegen wie den Tod fürchtet. Und weil das seiner zerrissenen Seele noch keine Sicherheit gab, ob ihm nicht doch ein Kind geboren werden könnte, das ihn strafte, erwarb er sich eine 25 Ansteckung und gab sie seinem Weibe weiter. Es steckt im Menschenleben viel unbekannte Tragik!

Mein Brief ist zu Ende. Aber darf ich die Geschichte meiner Amme weitererzählen? Ich besinne mich nicht mehr, wie sie aussah, weiß nichts mehr als ihren Namen: Berta, ›die Glänzende‹. Aber ich habe eine deutliche Erinnerung an den Tag, an dem sie wegging. Sie schenkte mir zum Abschied einen kupfernen ›Dreier‹, und ich weiß genau, daß ich, statt wie sie wollte, Zuckerzeug dafür zu kaufen, mich auf die steinerne Treppe der Küche setzte und das Dreierstück auf den Stufen rieb, damit es glänzte. Seitdem hat mich die Zahl Drei verfolgt. Wörter wie Dreieinigkeit, Dreibund, Dreieck haben etwas Anrüchiges für mich, und nicht nur die Wörter, auch die Begriffe, die damit verbunden sind, ja ganze Ideenkomplexe, die ein eigensinniges Knabengehirn darum herum gebaut hat. So ist der Heilige Geist als Dritter schon in früher Kindheit von mir abgelehnt worden, die Lehre von den Dreieckskonstruktionen ist mir in der Schule eine Plage gewesen, und die einst vielgepriesene Dreibundpolitik wurde von mir von vornherein getadelt. Ja, die Drei ist eine Art Schicksalszahl für mich geworden. Wenn ich mein Gefühlsleben rückschauend betrachte, so sehe ich, daß ich, sooft mein Herz sprach, als Dritter in ein bestehendes Neigungsverhältnis zweier Menschen eingedrungen bin, daß ich stets den einen, dem meine Leidenschaft galt, von dem anderen getrennt habe, und daß meine Neigung erkaltete, sobald mir das gelungen war. Ja, ich kann verfolgen, wie ich, um diese schwindende Neigung am Leben zu erhalten, von neuem einen Dritten zugezogen habe, um ihn wieder zu verdrängen. So sind in einer und gewiß keiner unwichtigen Richtung die Affekte des Doppelverhältnisses zu Mutter und Amme und der Kampf des Abschieds ohne Absicht, ja ohne Wissen von mir wiederholt worden ; eine nachdenkliche Sache, die zum mindesten zeigt, daß in der Seele eines dreijährigen Kindes seltsam verworrene und doch einheitlich gerichtete Dinge vor sich gehen.

Ich habe meine Amme später – etwa mit acht Jahren – noch einmal für wenige Minuten wiedergesehen. Sie war mir fremd, und ich hatte ein schweres Gefühl des Bedrücktseins in ihrer Gegenwart.

Von dem Wort Dreier muß ich noch zwei kleine Geschichten erzählen, die Bedeutung haben. Als mein älterer Bruder anfing, Latein zu lernen, fragte ihn mein Vater beim Mittagessen, was die Träne heiße. Er wußte es nicht; aus irgendeinem Grunde hatte ich mir das Wort ›lacrima‹ vom Abend vorher, als Wolf seine 26 Vokabeln laut memorierte, gemerkt und beantwortete nun an seiner Statt die Frage. Ich bekam zum Lohn ein Fünfgroschenstück. Nach Tisch aber boten mir meine beiden Brüder an, dieses Fünfgroschenstück gegen einen blankgeputzten Dreier einzutauschen, was ich mit Freuden tat. Neben dem Wunsch, die überlegenen Knaben ins Unrecht zu setzen, müssen dumpfe Gefühlserinnerungen mitgesprochen haben. – Wenn Sie es wünschen, erzähle ich Ihnen später einmal, was das Wort ›lacrima‹ und ›Träne‹ für mich bedeutete.

Das zweite Ereignis bringt mich in heitere Stimmung, sooft ich daran denke. Ein Menschenalter später habe ich für meine Kinder ein kleines Stück geschrieben, in dem eine vertrocknete, dürre, alte Jungfer vorkommt, ein gelehrtes Wesen, das griechischen Unterricht gibt und weidlich verlacht wird. Und diesem Kind meiner Phantasie, brüstelos und kahl wie sie war, gab ich den Namen Dreier. So hat die Flucht vor dem ersten unerinnerbaren Abschiedsschmerz aus dem leben- und liebestrotzenden Mädchen, das mich stillte und an dem ich hing, das Abbild dessen gemacht, was mir die Wissenschaft ist.

Es ist wohl ernst genug, was ich Ihnen schrieb, ernst für mich. Aber ob es das ist, was Sie für unsern Briefwechsel wünschen, wissen die Götter. Sei dem wie ihm sei, ich bin wie immer

Ihr ganz getreuer

Patrik Troll

 

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