Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Bröger >

Das Buch vom Eppele

Karl Bröger: Das Buch vom Eppele - Kapitel 9
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDas Buch vom Eppele
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
printrun
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectid6801218d
Schließen

Navigation:

Wie Eppele vergeblich um die Jungfrau Agnes Tetzelin warb

Der Pfaffe Isidor befand sich nicht mehr wohl in seiner Haut, seit die fromme Frau Jutta an ihres Gatten Seite dem ewigen Heil entgegenharrte. Herr Eppele von Gailing schien des Himmels sicher auch ohne geistliche Fürsprach, denn er hatte spöttisch lachend jeden tröstlichen Beistand des Paters abgelehnt mit dem Bemerken, er wolle nicht für jedes Wort, das aus einer schwarzen Kutte käme, um einen Gulden rheinisch ärmer werden. Nun wußte Pater Isidor um Herrn Arnolds letzten Willen zwar, den ihm Frau Jutta auf dem Sterbelager anvertraut hatte. Er gedachte aber den Erben zu schrauben und als Sachwalter der jüngeren Geschwister aufzutreten. Doch Eppele hörte den Pfaffen sofort mit seiner Absicht kommen, fragte ihn, ob ein Mann Gottes wie sein nachgeborener und für ihn zum Priester bestimmter Bruder Eckenbrecht irdischen Gutes bedürfe und hielt Isidor die Verschreibung unter die Nase, laut welcher seiner in einem adeligen Bamberger Stift untergebrachten jüngsten Schwester Agnes die Dörfer Diebach und Röllinghausen, zwei Höfe und Mühlen bei Windsheim und aus dem Familienschatz 200 Goldgulden bar, ferner fünf goldene Ketten und drei goldene Ringe aus dem hinterlassenen Schmuck der Mutter gebührten. Alles andere, das Reichslehen Veste Wald bei Gunzenhausen, die Burgen Gailnau, Illesheim, Röllinghausen und Drameysl samt allem Zubehör seien nach des Vaters letztem Willen ihm hinterlassen und keines Bürgers oder Pfaffen Habsucht sollte daraus auch nur einen Strohhalm schlucken. Für Pater Isidors ferneren Unterhalt könnte daher in Zukunft auch der Himmel sorgen, dem das ganz gewiß mehr Freude machen würde. Er – Eppele von Gailing – wollte um das Geld, das ihn Pater Isidor koste, lieber einen feisten Ochsen in den Burgstall von Drameysl stellen, dessen Fleisch nach Jahr und Tag wenigstens gesotten oder gebraten auf den Tisch käme, nicht aber in einer schwarzen Kutte verfaule. Nach welcher kräftigen Rede Herr Eppele den Pater auf die elendeste Mähre seines Stalles setzen und am gleichen Tage noch in Muggendorf bei seinem Amtsbruder, dem dortigen Pater Remigius, abliefern ließ.

Über drei Tagen standen für Eppele und zwei getreue Knechte im Burghof von Drameysl die Pferde gesattelt und forttrabte der kleine Zug in die nebelverhangene Advents-Landschaft der stolzen Stadt Nürnberg zu. Eppele von Gailing hatte sich entschlossen, sein Besitztum förmlich anzutreten, das weit über Franken zerstreut lag und nur durch einen Umritt von gut drei Wochen Dauer überall einzusehen war. Erstes Ziel dieses Umritts bildete das am weitesten südlich gelegene Schloß der Gailinger, Feste Wald im Altmühlgrund, wohin zwar nicht der nächste, doch der beste Weg über Nürnberg führte. Zudem zogen den jungen Ritter Eppele nach Nürnberg zwei rehbraune Augen, aus welchen er bei einiger Gunst des Zufalls einen Blick zu erhaschen hoffte. Ein wackerer Geselle, Herr Heinz Pfauentritt, ehrbaren, wenn auch nicht ratsfähigen Geschlechtes, herbergte Eppele die zwei Tage des Nürnberger Aufenthalts in seinem stattlichen Hause am Plattenmarkt und versprach, der Jungfrau Agnes Tetzelin bei schicklichem Anlaß den ehrerbietigen Gruß des Gailingers zu bestellen. Von Veste Wald, wo alles richtig stand, ritt Eppele nach Illesheim und bestätigte dort den treuen Kunold zum Verwalter der Burg, zugleich auch mit der Aufsicht über das benachbarte Schloß Röllinghausen. Auf Schloß Gailnau setzte Eppele den schweigsamen, aber mit jedem Nerv am Gailinger Geschlecht hängenden Gefolgsmann Balthasar und gab Auftrag, die von der Rothenburger Fehde her noch beschädigten Mauern und Wälle schnellstens auszubessern. Dann tat Eppele den letzten und sauersten Gang seines Erbumritts zu seinem Lehensherren, dem Würzburger Bischof und dem Dynasten von Castell, die ihm denn auch ohne Verzug des Vaters innegehabten Lehen übertrugen und neu bestätigten. Zwei Tage vor dem Heiligen Christ 1331 kam Eppele wieder nach Drameysl zurück und verwahrte die mitgebrachten Urkunden seines rechtmäßigen Erbantritts in einem schweren eichenen Schrein der Burgstube.

Der Winter war mit viel Schnee und scharfem Frost gekommen. Eppele stöberte Drameysl vom untersten Kellerverließ bis zur obersten Turmzinne durch, fand aber überall nur, daß es sehr einsam sei auf dem entlegenen Schlosse. Tat deshalb scharfe Ritte in die Umgegend, hetzte mit zwei, drei Knechten nach Hirsch und Keiler und kehrte auf den benachbarten Ritterburgen ein, woran es nicht mangelte, denn keine deutsche Gegend war reicher an Schlössern als das fränkische Gebirgsland zwischen Obermain und Regnitz. Der Gailinger war ein gern gesehener Gast in den Vesten derer von Wiesenthau und Wurmstein, denn er brachte stets einen Kopf voll munterer Laune und witziger Einfälle mit. Eppele selbst wurde dieses Umherstreifen aber bald satt, vergrub sich tagelang in Drameysl und bedachte den Zustand der Zeiten und was besonders ihm abginge. Das Bild seiner frommen Mutter stieg vor ihm auf, daneben auch die stolze Gestalt der Dame von Vestenberg, so daß Eppele mit eins klar wurde über den Grund seiner mürrischen Unruhe. Eine Hausfrau fehlte auf Drameysl, eine junge, fröhliche Frau, die zur rechten Zeit herzhaft lachen mochte, gesunden und ansehnlichen Leibes war, ein stattliches Ehegut ihr eigen nannte und mit allen diesen Gaben weder knauserte noch praßte. Wo war eine Tochter aus gutem Hause, die solche löblichen Eigenschaften und dazu die Lust besaß, sich einem schlanksehnigen, schwarzhaarigen Ritter mit spöttisch geschwungenem Munde und durchtriebenen Schalksaugen ehelich zu verbinden? Hartnäckig kreisten Eppeles Gedanken immer wieder um das weiträumige Haus am Dillinghof zu Nürnberg, wo er ein solches Maidlein wußte. Agnes Tetzelin war schön, stolz und reich, durchaus würdig, eines ehrenhaften Ritters Hausfrau zu werden, statt an der Seite eines Ballenbinders zu versauern.

Auf der Stelle befahl Eppele Pankraz vor sich, den zuverlässigsten seiner Knechte, hieß ihn den besten Renner des Burgstalls satteln und sandte ihn mit dringlicher Botschaft an den Nürnberger Freund Heinz Pfauentritt. Den übernächsten Abend bereits verneigte sich Pankraz in der Drameysler Burgstube wieder vor seinem Herrn und übergab ihm das Pergament mit der Antwort Pfauentritts. Bis lange nach Mitternacht sahen die Burgsassen Licht in des Ritters Stube und auch des Ritters Schatten selbst, der sich hastig von einer Stubenwand zur anderen bewegte. Eppele wußte durch Heinz Pfauentritt, daß die Jungfrau Agnes Tetzelin seiner Werbung durchaus geneigt, gleichzeitig aber auch der Furcht sei, aus dem schönen Plan könnte nichts entstehen, wäre sie doch seit ihrem zehnten Jahr schon versprochen mit Ulrich, dem Sohne des reichen Handelsherrn Jost Mendel, und der Ratsherr Tetzel durch nichts von diesem Verlöbnis zu bringen, das zwei große Kaufmannshäuser aneinanderbinden sollte.

Eine Woche später ritt der Knecht Pankraz wieder nach Nürnberg zu Heinz Pfauentritt, der über dem zweiten Brief des Ritters von Gailing die Stirne in gedankenvolle Falten zog. Am Dienstag der Karwoche 1332 erschien auf Burg Drameysl ein Bote des Pfauentritt, dem Eppele selbst bis an die Zugbrücke entgegenging. Doch war die Kunde dieses Boten keinen Hufschlag von Nürnberg her und noch weniger einen Schritt Eppeles über den Burghof wert. Heinz Pfauentritt gab zu wissen, er hätte am Sonntag Palmarum als ergebener Freund und Diener des Ritters von Gailing bei dem hochachtbaren Ratsherrn Jörg Tetzel am Dillinghof vorgesprochen und freimütig für Herrn Eppele um die Hand der Jungfrau Agnes Tetzel geworben. Herr Jörg Tetzel hätte den Besuch jedoch sehr übel vermerkt, wider alle höfliche Sitte von Heckenreitern und ihren willfährigen Freunden gesprochen und zuguterletzt den unwillkommenen Freiwerber aus dem Hause geworfen, nicht ohne spitzig zu bemerken, daß er seine Tochter vor den Nachstellungen des Ritters von Gailing schon zu hüten wüßte. In der Tat wäre Agnes Tetzelin auch über den nächsten Tag aus Nürnberg verschwunden, keine lebende Seele wüßte bis zur Stunde wohin.

Eppele wurde über diesen Bescheid bis über die Zähne weiß und wieder bis an die Haarspitzen glührot, beschenkte trotzdem den Boten reichlich und strich nur heftig das bartlose Kinn, als er mit dem Pergament über den Burghof zurückschritt.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.