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Das Buch vom Eppele

Karl Bröger: Das Buch vom Eppele - Kapitel 7
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDas Buch vom Eppele
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
printrun
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectid6801218d
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Wie Eppele mannbar ward und die Agnes Tetzelin wiedersah

Ulrich von Vestenberg, Zierde und anerkanntes Vorbild fränkischer Ritterschaft, gab nur eine Wahrheit als verbindlich für einen Ritter zu: Daß nämlich einem Ritter im Leben nichts zuliefe außer ein räudiger Hund, und Böseres könnte keinem Edelmann widerfahren. Nach solcher hart errungenen Erkenntnis bildete er das junge Geschlecht, die eigenen Söhne mit den Söhnen fränkischer Ritter, die ihm aus allen Ecken des Gaues zu rittermäßiger Bildung anvertraut waren. Der Vestenberger war ein hagerer Mann mit schlohgelbem Zwickelbart und leicht nach vorn geneigten Schultern, in denen eine unheimliche Kraft saß, welche Kraft in Turnier und Gefecht schon mancher leichtherzig anrennende Gegner unlieb zu spüren bekam. Des Wortes enthielt sich der Vestenberger trotz seinem tüchtigen Verstand, denn das Wort galt ihm als der räudigste Hund, den ein Ritter fortgeben oder annehmen konnte.

Der junge Gailinger merkte schnell, daß alles nur Kinderei gewesen, was er bislang getrieben hatte, gut genug für einen Pater Isidor und die gaffenden Burgknechte zu Illesheim. Auf Burg Rügland stand alles höher. Zunächst die Burg selbst gebietend auf einer das Biberttal beherrschenden Anhöhe, von wo bei guter Sicht stundenweit nach allen Windrichtungen fränkisches Land zu überschauen war. Dann hatte aber auch das ganze Leben einen Zug ins Große und Weite, der dem stillen Schloß Illesheim, dem wortkargen Vater und der sanften, scheuen Mutter unbekannt und wohl auch unerwünscht war. Was zogen bei dem Vestenberger nur täglich Gäste ein und aus, mehr und stolzere Gäste als nach Illesheim in Monaten kamen. Versippt und befreundet mit fast der gesamten Ritterschaft Frankens hielt der von Vestenberg ein offenes Haus, wie solches auch ganz seiner stattlichen, prachtliebenden Gemahlin Katharina im Sinne lag. Eppele verwunderte sich die erste Zeit nicht schlecht über die manchmal tagelang dauernden Tafeleien, bei denen er selbst, bescheiden hinter dem Stuhl des Vestenbergers stehend, aufzuwarten und adelige Tischzucht zu erlernen hatte. Behaglich war ihm dabei nicht immer zumut, währte es doch eine ganze Weile, bis Eppele sich rechter Zucht gewöhnt hatte und nicht mehr blöde und linkisch des Herren oder der Herrin Wink mißverstand.

Mit der zweiten Augustwoche mehrte sich die Zahl der Gäste von Tag zu Tag. Sie erschienen alle in voller Rüstung mit Knappen und Knechten und schlugen, weil Burg Rügland nicht Mann noch Roß mehr behausen konnte, unter der Burg ein Zeltlager auf. Ritter Arnold von Gailing war auch angekommen, den getreuen Kunold im Gefolge, hatte dem Vestenberger kräftig die Hand geschüttelt, Auskunft über Eppeles Verhalten eingeholt und Eppele selbst darnach über den schwarzen Kopf gestrichen. An einem Sonnabend mit dem ersten Hahnenschrei brach unter Führung des Vestenbergers die in und um Rügland versammelte Ritterschaft Frankens auf, das Heer Ludwigs des Bayern zu verstärken. Der Zug ging gegen den Österreicher Friedrich, der sich nun schon im siebenten Jahre anmaß, rechtmäßig erkürtes Haupt deutscher Nation zu sein. Eppele lugte vom höchsten Söller der Burg der glänzenden Reiterschar nach, solange nur in der frühen Morgensonne das Funkeln eines Helmes zu erspähen war. Über Burg Rügland kamen nun stille Tage und Wochen und ein wunderschöner Herbst. Die Dame Katharina von Vestenberg nahm sich wohl dazwischen der ritterlichen Buben an und unterwies sie in höfisch zierlichem Frauendienst. Der alte Waffenmeister Hiltbrecht, eines Fußübels wegen nicht mehr feldfähig, was den ohnehin rauhen Graubart noch grimmiger machte, ließ die Buben springen, werfen und den Stein stoßen und verfluchte lästerlich sein Fußleiden. Der rechte Ernst war aber nicht hinter solchem Tun, was mit Eppele auch die anderen Buben bald ausnützten. Es waren noch Söhne von drei fränkischen Rittern außer Eppele der Obhut des Vestenbergers anvertraut: Dieter Nothafft, Hans von Schenkenstein und Jörg Fuchs von Bimbach. Eppele schloß sich besonders dem gleichaltrigen Jörg an und stellte sich mit ihm kräftig gegen die Versuche des herrschsüchtigen Schenkensteiners und des anmaßlichen Nothaffts, die beiden jüngeren Buben ihrer Laune dienstbar zu machen. Erbitterte Ringkämpfe und Faustgefechte spielten sich zwischen den Buben ab, bei denen Nothafft und der Schenkensteiner meist die kürzeren zogen, denn Eppele war ihnen zu flink und voll überraschender Finten, während der stämmige Fuchs von Bimbach auf Köpfe und Rippen drosch, daß tagelang die blauen Male sichtbar blieben.

An einem windig kalten Novembertag polterte Bastian, des Vestenbergers vertrautester Knecht, über die Zugbrücke in den Burghof, warf dem neugierig heranhastenden Schenkensteiner die Zügel seines Rosses an den Kopf, umarmte den alten, hinkenden Freund Hiltbrecht und begab sich unverweilt zur Dame Katharina von Vestenberg. Bald wußte es jedermann im Schloß: Über drei Tage würde der Vestenberger in Rügland sein und mit ihm seine Busenfreunde Eberhard von Mosbach und Burkart von Seckendorf. Wie lauschten die Buben beim ersten Mahle der drei Ritter gierig auf jedes Wort und vernahmen klopfenden Herzens die Kunde von der Mühldorfer Schlacht, daß das Treffen schier schon verloren war, bis die fränkische Ritterschaft wie ein Unwetter in die österreichischen Reihen brach und das Schlachtglück völlig wendete. Mit großen Bewunderungsaugen schätzte Eppele den Ritter Eberhard von Mosbach, dem sich Herzog Friedrich der Schöne auf Gnad und Ungnad hatte ergeben müssen. Ritter Eberhard schwenkte gerade den vollen Humpen und tat daraus seinem Gefangenen Bescheid, der in ritterlicher Haft zu Burg Trausnitz in der Oberpfalz saß und diesen gutgemeinten Bescheid kaum hören und darum auch nicht erwidern konnte.

Nach des Vestenbergers Heimkehr lenkte das Leben auf Rügland wieder in die alten, festen Gleise. Eppele war dem von Vestenberg nach einem Jahre vor den andern Buben lieb, seines behenden Kopfes und seiner Gewandtheit in jeder ritterlichen Übung wegen. Die rasche Zunge des Gailingers wußte Herr Ulrich schon zu zügeln, wenn sie einmal auf Wegen lief, die dem ritterlichen Zuchtherrn nicht gefielen. Diese Zunge war sehr spitzig und scharf dazu und verriet den, der sie besaß, als einen Spötter von nicht kleinem Witz. Wenn die Gäste des Vestenbergers den Lauf der Zeiten beredeten, hatte es Eppele öfter gedrängt, auch etwas zu sagen. Vor allem reizten die derb-lustigen Gespräche über den Avignoner Papst Johann XX., der Kaiser Ludwig zur Verantwortung geladen und eine gebührende Abfuhr erhalten hatte, worauf er den Bannfluch über das kaiserliche Haupt deutscher Nation verhängte, Eppele ungemein zur Teilnahme. Er dachte an den Pater Isidor, in welchem er die ganze Pfaffenschaft verwünschte, und hätte zu gern seine abfällige Meinung ausgedrückt. Doch ein Blick des Vestenbergers wies ihm die Grenzen.

Zum Dreikönigstag 1327 erschien auf Burg Rügland ein kaiserlicher Bote und lud den von Vestenberg mit seinem Anhang zu einer Heerfahrt nach Welschland. Von Nürnberg sollte die Fahrt ausgehen, geraden Weges nach Rom. Keiner im Schloß wurde von dieser Kunde so aufgerührt wie Eppele. Blieb er wieder daheim, oder wurde nun endlich sein Traum wahr, an der Seite Vestenbergs auszuziehen und nun gleich bis nach Rom? Fiebernd forschte Eppele in dem verhaltenen Gesicht des Ritters Ulrich, der die Gedanken seines Leibbuben gut wußte, es aber mit keiner Miene verriet. Am dritten Sonntag nach Epiphanias wurden Eppele und die anderen Buben in der Schloßkapelle von Rügland feierlich zu Knappen geweiht und schon am Mittwoch darauf ritten sie im Gefolge des Vestenbergers durch das Neutor in Nürnberg ein, Eppele auf einem schlanken Rappen dicht hinter Herrn Ulrichs Grauschimmel. Die Stadt wimmelte von Kriegsvolk, waren doch an die zweitausend Ritter und Reisige beisammen, zu denen südwärts noch weitere Haufen stoßen sollten. Kaiser Ludwig, der Stadt Nürnberg herzlich freund, gab und nahm eine Woche lang Gastereien und mühte sich ehrlich, Ritter und Bürger einander näher zu bringen.

Eppele besah die Stadt zu Fuß und zu Roß und gedachte jenes ersten Besuchs beim Ratsherrn Tetzel, wovon ihm eine dunkle Erinnerung in der Seele stand, die sich mehr und mehr aufhellte aus der Gestalt eines braunlockigen, rehäugigen Maidleins. Eines Morgens um die erste Vesper stand Eppele vor dem großen Hause am Dillinghof, unschlüssig, ob er den Eintritt wagen dürfe oder nicht. Da ging das schön gezierte Haustor von innen auf, und heraus kam an der Seite einer streng und bitter blickenden Frau ein Maidlein, lenzhaften Alters, schlank und doch schon von jener ersten Fülle, die Weib und Kind scheidet. Eppele vergaß im Anblick des Maidleins jeder höfischen Erziehung, stand wie ein Klotz und wurde sein sonderbares Benehmen erst gewahr, als Frau und Maidlein im Bogen um ihn gingen. Woraufhin Eppele blutrot zur Seite trat, das Barett vom Kopfe riß und sich fast bis auf die Erde verneigte. Im Nachsehen erhaschte Eppele noch einen über die Schulter zielenden Blick des Maidleins.

Den 31. Mai 1327 zog Kaiser Ludwig in Mailand ein und verhielt ein halbes Jahr in dieser herrlichen Stadt. Eppele tat seinen ersten großen Ritt in die Welt halb träumend. Er hatte die himmelhohen Gipfel der Alpen angestaunt, hatte die gesegnete Ebene des Po durchritten und gab dem Vestenberger zerstreute Antwort, da er nun an seiner Seite der heiligen Stadt Rom zutrabte, die zwei Tage nach Epiphanias 1328 Ludwig und sein Heer jubelnd empfing. Eppele blieb stumm auf den Hohn, den die fränkischen Ritter über das Mönchlein ausgossen, das Ludwig dem Avignoner Papst entgegensetzte und das ihn krönen durfte, er begriff auch den Zorn der Ritter über die Römer nicht, die Ludwig und seine Reiter mit Steinwürfen aus ihren Toren jagten, da der Kaiser Steuern von ihnen forderte. Eppele trabte den Weg aus Welschland neben dem von Vestenberg zurück und kam mitten in der Ernte heim nach Rügland, voll von neuen, niegeschauten Bildern, über denen allen aber das Bild der Agnes Tetzelin auf dem Kirchgang nach Sankt Sebald schwebte.

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