Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Bröger >

Das Buch vom Eppele

Karl Bröger: Das Buch vom Eppele - Kapitel 4
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDas Buch vom Eppele
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
printrun
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectid6801218d
Schließen

Navigation:

Wie Eppele aufwuchs und zum ersten Male nach Nürnberg kam

Burg Illesheim thronte nicht auf stolzer Höhe und war doch ein starker, wehrhafter Platz, als trotziges Wasserschloß der fränkischen Ebene hart an die Ufer der Aisch gebaut, von doppelten Wassergräben umzogen und doppelten Mauerreihen. Rund um Illesheim schwang ein Kreis langgestreckter Hügel, Ausläufer des Steigerwaldes und der Frankenhöhe. Gegen Süden und Westen mauerte der Hohe Steig den Himmel ab, und in Nord wie Ost rückten die Hänge bis dicht an die Burgmauern. Nur der Bergfried von Illesheim ragte über die nördlichen und östlichen Hügelkämme hinaus und musterte herausfordernd die zum Greifen nahen Türme und Mauern der Reichsstadt Windsheim. Frau Jutta liebte Burg Illesheim vor allen andern Schlössern des Gailingschen Besitztums und hatte ihren Eheherrn Arnold zu bewegen gewußt, vorzüglich auf Illesheim zu hausen. Diese Neigung der Mutter bestimmte mehr denn sonstige Umstände, daß Eppele in der Burg Illesheim heranwuchs, dort seine Windeln abstreifte und bald seiner Amme Gertrud entlief, wenn sie den kleinen Gailinger im Burghof haschen mußte. Denn obschon zarten Aussehens und scheinbar von schwacher Brust war Eppele hurtig trotz einem Wiesel und ein Waghals über seine Kräfte, dem kein Baum, keine Mauer, keine Zinne zu hoch schien, der sich durch das größte Loch im Kopf nicht abschrecken ließ und den die Knechte an einem Nachmittag dreimal aus dem Wasser des inneren Burggrabens fischen mußten, weil er hartnäckig immer wieder die gleiche gefährliche Stelle des Mauerkranzes erklettert hatte. So hurtig wie der Fuß lief ihm aber auch die Zunge, und Herr Arnold von Gailing, ein wortkarger Mann, bedachte manchmal still bei sich, woher seinem Söhnlein dieser muntere Witz nur geraten sein mochte. Kurz: Eppele gedieh bei seinem ungebundenen Leben an Leib und Seele, biß kräftig in seinen Haferbrei und sann von morgens bis abends, mit welchem tollen Streich er sich heute wieder die Jugend versüßen könnte. In den Pferdeställen kroch er umher, schlüpfte bei gutem Anlaß auch in den Zwinger der bissigen Rüden und balgte besonders gern mit dem größten und wildesten Burghunde, dem Saufänger Packan, der sich außer seinem Herrn nur noch das dreijährige Eppele ans zottige Fell kommen ließ.

Ein Wesen allerdings gab es auf Schloß Illesheim, dem Eppele aus dem Weg lief, wo er nur konnte: dem Kuttenmann Isidor. Was hatte der Pater nicht schon angestellt, den jungen Gailinger, seinen künftigen Schüler, zu kirren! Mit dem Versuch, dem Büblein heilige Geschichten zu erzählen, hatte es begonnen. Eppele ließ den Burgpfaffen ruhig reden, um bei der ersten Gelegenheit von des Paters Schoß zu rutschen und wie ein Wirbelwind fortzurennen. Kein bittender und lockender Zuruf brachte ihn dann wieder zurück, und seit Pater Isidor es einmal unternommen hatte, den Ausreißer zu fangen, wobei er im Burghof stürzte und sich das Knie übel zerstieß, schüttete der abgelehnte Gottesmann in jedem neuen Falle der Mutter sein betrübtes Herz aus. Frau Jutta suchte dann Eppele umzulenken, stieß aber jedesmal auf einen unbändig und unfaßbar störrischen Trotz des Knaben.

Gegen Ende der Woche zu Sonntag Invokavit 1315 war der Ritter von Gailing mit sechs reisigen Knechten aus Burg Illesheim geritten. Er folgte dem Ruf der fränkischen Fürsten und Reichsstände, denen der Bayernherzog Ludwig als rechtmäßig gewählter Kaiser deutscher Nation galt. Nach Nürnberg war dieser Ruf ergangen, wo Ludwig der Bayer weilte und mit seinen ergebenen Freunden Ratschlag hielt. Der Graf Kraft von Hohenlohe stand auf Seite des Gegenkaisers, des schönen Österreichers Friedrich, hatte sich in Ort und Schloß Herrieden bei Ansbach geworfen und brandschatzte von hier aus das westliche Franken. Dem Hohenlohe galt es schnell Einhalt und Abbruch zu tun, welcher Meinung die Fürsten und Ritter um Ludwig einhellig waren. Ritter Arnold von Gailing trat mit fünfen seiner Knechte in des Kaisers Heer und sandte den sechsten, namens Kunold, nach Illesheim zu Frau Jutta mit wichtiger Botschaft.

Auf solche Art war es gekommen, daß Frau Jutta nun im Reisewagen saß, den kleinen Eppele auf dem Schoß und zur Seite den Pater Isidor. Der Wagen rückte gemächlich auf der Straße nach Nürnberg voran, begleitet und bewacht von Kunold und drei weiteren Reisigen. Ein schöner Maitag lachte Frau Jutta an, die aber nicht recht zum Genuß der Lenzreise kommen konnte, denn Eppele strebte mit allen Gliedern vom Reisewagen und gab erst Ruhe, nachdem Frau Jutta erlaubt hatte, daß Kunold ihn vor sich auf den Sattel nahm. Hoch stand die Sonne schon im Mittag, als Herr Arnold von Gailing eine Wegstunde vor Nürnberg Weib und Kind abholte.

Eppele riß die flinken Schwarzaugen gewaltig auf und hatte nicht Finger genug zu deuten, wie nun der Wagen durch das Neutor rumpelte und nur mühsam eine Gasse fand in den Reihen der Fuhrwerke und Fußgänger. Vor einem großen Hause am Dillinghof hob Ritter Arnold seine Ehefrau aus dem Wagen und führte sie einem würdig blickenden Manne in reich mit Rauchwerk besetzter Schaube zu, dem Hausherrn und Gastgeber, Mitglied des Großen Rates von Nürnberg Jörg Tetzel. Eppele wurde von Kunold ins Haus nachgetragen und fiel von Staunen in Schrecken und von Schrecken wieder in Staunen über die Pracht und geräumige Weite des Hauses. Herr Arnold von Gailing empfahl Frau und Kind der getreuen Obhut des Nürnbergischen Gastfreundes, nahm von Frau Jutta geziemend Urlaub und ritt noch am selben Abend im Heerbann des Burggrafen von Nürnberg gegen den Hohenlohe nach Herrieden.

Zwei Monate durchstreifte Eppele das Haus am Dillinghof und die halbe Stadt Nürnberg, sog den Zauber ihrer Schönheiten unbewußt ein und vergaß beinahe ganz auf Illesheim und das freie Leben. Aller Wunder schönstes freilich deuchte ihm Klein-Agnes, des Ratsherrn Tetzel zweijähriges braungelocktes Töchterlein. Stundenlang konnte der Wildfang bei Klein-Agnes sitzen, in die sanften Augen des Maidleins gucken und recht erbost sein, wenn Kunold oder gar der Pater Isidor ihn abrief. Weil Schloß Herrieden gebrochen, der Hohenlohe gebändigt und also der Friede im westlichen Franken wieder hergestellt war, ließ Ritter Arnold Frau und Sohn nach Illesheim zurückgeleiten. Er selbst trabte in des Kaisers Heer gegen die Donau, und die Blätter fielen schon von allen Bäumen, bevor Arnold von Gailing an einem trüben Oktoberabend den Schloßhof von Illesheim wiedersah.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.