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Das Buch vom Eppele

Karl Bröger: Das Buch vom Eppele - Kapitel 32
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDas Buch vom Eppele
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
printrun
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectid6801218d
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Wie Eppele als Geist wandelnd Ehen stiftete und ein Heilbad nahm

Hinter einem Busch zwischen Erlangen und Fürth lauerte Eppele zwei Tage vergeblich auf einen Fang, welcher Fang bitter nötig war, denn der Ritter von Gailing litt an einem bösen Beutelschwund und fluchte grimmig in den krausschwarzen Bart über solchen Mangel. Den dritten Tag zottelte die Straße von Nürnberg entlang ein Reiter, jung an Jahren, gut und dabei ganz unauffällig gekleidet und sichtlich nicht in der besten Gemütslage, denn er trat ganz unerschrocken vor den Gailinger und ging gleichgültig den von Eppele mit höflichem Hohn angebotenen Beuteltausch ein. Steckte die zwei kupfernen Heller und den Rank schwarzes Bauernbrot gelassen in die schäbige Lederkatze, so ihm Eppele für die eigene vertauscht hatte und bat den Gailinger nur um Rückgabe der für den Herrn von Gailing doch völlig wertlosen Empfehlungsschreiben nach Erfurt und Leipzig. Eppele, bisher gewohnt, daß ein Nürnberger Laufherr seiner Gülden mehr achtete als jedes beliebigen Schreibwerks, empfand schier Achtung vor einem solchen Wunsch und fragte, warum Herr Ulrich Schopper denn nach Leipzig verreise, da er doch Sohn des sehr reichen Handels- und Ratsherrn Augustin Schopper zu Nürnberg sei und also eines guten Auskommens gewiß. Der blonde, artig und wohlgestaltet anzusehende Ratsherrnsohn entgegnete Eppele, die Gülden in seines Vaters Truhe gäbe er alle darum, wenn er die Ursach seines Verzugs nach Leipzig könnte mit Geld beseitigen, tat einen tiefen Seufzer gegen Nürnberg hin und hatte wahrhaftig ein Tränlein im Aug, als Eppele ihn an der Schulter faßte und herzlich um weitere Einweihung bat.

Der junge Ulrich Schopper schluckte sein aufquellendes Augensalz hinab und eröffnete, kein lieberes Gut wüßte er zu Nürnberg denn die jungfrische Barbara Nützelin, welche ihm heimlich verlobt, durch den Willen derer vom Nützelschen Geschlecht jedoch dem angejahrten, aber sehr reichen Handelsherrn Jakob Muffel bestimmt wäre. Eppele, fast schon entschlossen, den jungen Schopper in Drameysl aufzuheben, bis die zahlreichen Gülden des Vaters um etliche Beutel vermindert wären, ließ daraufhin von solchem Plane ab, gab dem bekümmerten Jüngling das Leipziger Empfehlungsschreiben zurück samt einem Geleitsbrief durch das ganze nördliche Franken und verpfändete dem recht verdutzt weiterreitenden Laufherrnsohn sein ritterliches Wort, er und kein anderer sollte die Barbara Nützelin heimführen.

Der Ratsherr Jakob Muffel war schon über die Fünfzig hinaus, doch immer noch ein ansehnlich beschaffener Mann und vermögend genug, den ganzen Weinmarkt mit Gülden bepflastern zu lassen. Über zwanzig Jahre hatte Herr Jakob Muffel zu Antorf in den Niederlanden das von seinem Vatersbruder ererbte Handelsgeschäft betrieben und die Gülden beutelweis gescheffelt.

Bei seinem Auszug damals von Nürnberg war er der Jungfrau Gertrud Kolerin verlobt, welche die vollen zwanzig Jahre auf ihren Jakob Muffel gewartet und darüber manches graue Haar in die braunen Zöpfe bekommen hatte. Nach der Heimkehr fand der recht flattersinnige Kaufherr die Kolerin nicht mehr ganz so jung und schön, wie er sie verlassen hatte, benahm sich darum lau gegen das treue Herz und äugte unter den nachgewachsenen Ratstöchtern nach einer jungen und frischen Braut. Traf bei einem Geschlechtertanz die siebzehnjährige Barbara Nützelin, ein anmutig reizvolles Kind, und vernarrte sich völlig in die klare, unberührte Jugend des Maidleins, dessen Sinn aber nicht im mindesten nach Herrn Jakob Muffels Gülden, sondern einzig nach einem Ehebett mit dem jungen Ulrich Schopper trachtete. Das Geschlecht der Nützel war selber reich genug, doch einer mißlungenen Handelsschaft wegen mit den Schoppers verfeindet und aus diesem Grunde gegen ein Bündnis zwischen Ulrich Schopper und Barbara Nützelin. Die Jungfrau wurde von Vater, Mutter und verwandter Sippe gedrängt und gepreßt, Herrn Jakob Muffel zu ehelichen, und ihm auch schließlich öffentlich verlobt zum großen Kummer Barbaras und trotz jammervoller Wehklage der schnöd verlassenen Gertrud Kolerin.

Die Herberge zum ›Wilden Mann‹ lag gerade neben dem prächtigen Hause Jakob Muffels am Weinmarkt und war nur durch eine Mauer vom Muffelschen Innenhof getrennt. Eppele hatte im ›Wilden Mann‹ Herberge genommen und ging im Gewand eines ehrbaren Kaufmanns von Würzburg, auf Schritt und Tritt von einem jungen Diener begleitet, der niemand anders war als der Jude Jäcklein. Der Verspruch Jakob Muffels mit Barbara Nützelin und sein schmählicher Treubruch an der Gertrud Kolerin war in aller Munde und Eppele wußte schnell Bescheid in der leidigen Sache. Beredete sich in der Herberge mit Jäcklein, der das Nützelsche Haus am Heumarkt ausspähte und schwang sich in einer dunklen Nacht, da alles schlief, über die Mauer in den Muffelschen Hof.

Herr Jakob Muffel war nach einem kräftigen Schlummertrunk behaglich zu Bett gegangen und träumte recht angenehm von der jungen, zarten Barbara Nützelin, die über zwei Wochen an seiner Seite liegen sollte. Da riß ihn mit dem Schlag der Geisterstunde ein schreckliches Gepolter aus der Ruhe. Das ganze Haus schien zu tanzen, Schränke und Truhen stürzten krachend um und in der Küche fiel das Geschirr klappernd in Scherben. Eine dumpfe, hohle Stimme winselte und stöhnte zum Gotterbarmen und schalt dazwischen auf den gottlosen Treubruch, so sich Herr Jakob Muffel gegen die arme Kolerin erlaubt hatte. Die nächste Nacht ging das Treiben im Nützelschen Hause am Herrenmarkt los und dann eine volle Woche reihum bei Herrn Jakob Muffel und wieder bei den Nützels. Ganz Nürnberg sprach von dieser nächtlichen Erscheinung und erklärte sie für eine Mahnung des Himmels an Herrn Jakob Muffel und die Nützelschen, abzustehen von der geplanten Heirat und der betrogenen Kolerin ihr Recht zu lassen. Solche Meinung vertrat auch in würdigen Worten der Würzburger Kaufmann, der mit seinem Diener in der Herberge zum ›Wilden Mann‹ hauste. Zuerst wurden die Nützels mürbe und lösten den Verspruch des Töchterleins mit Herrn Jakob Muffel, worüber die Jungfrau Barbara selig ward, die unbekannten, hilfreichen Geister in ihr Gebet einschloß und ein langes Brieflein nach Leipzig an Ulrich Schopper sandte. Herr Jakob Muffel sperrte sich noch, bekam aber Nacht für Nacht den störenden Besuch nunmehr allein und schickte endlich den Brautring der Barbara Nützelin zurück, dafür den alten, vor zwanzig Jahren mit der Gertrud Kolerin gewechselten ansteckend. Von Stund an hatte auch er Ruhe vor den Geistern und durfte wieder sorglos schlafen.

Die Doppelhochzeit der jungen Barbara Nützelin mit dem jungen Ulrich Schopper und der standhaften, wenn auch angegrauten Gertrud Kolerin mit dem auch nicht mehr lockenköpfigen Herrn Jakob Muffel erweckte allgemeine Befriedigung in der Stadt und führte zu einem großen Feste. Besonders hoch wurde im Muffelschen Haus am Weinmarkt gefeiert. Während des besten Schmauses erschien plötzlich unter der Tür ein schwarzbärtiger Mann in einem schwarzen Mantel, überflog spöttischen Blicks die Tafel und schrie Herrn Jakob Muffel zu, doch ja nicht aus den Kuppelpelz zu vergessen, den ein so dienstwilliger Geist wohl verdient hätte, zumal durch sein Wirken Herr Jakob Muffel vor schrecklichem Meineid behütet worden sei. Fünfhundert Goldgülden, sicher für solche Hilfe nicht zu viel, forderte der Geist, abzuliefern bei dem Ritter Eppele von Gailing auf Drameysl. Erst war die Gesellschaft starr über diese Rede, dann brach ein großer Wirrwarr aus, ein Rennen und Laufen nach der Tür, um den Eppele zu überwältigen. Der rannte aber bereits schnellfüßig über den Weinmarkt und im Zickzack durch die engsten Gassen und Gäßlein.

Der Bademeister Lambert vom städtischen Wildbad aus der Insel Schütt hörte von Sankt Sebald die Sturmglocke herüberläuten und guckte neugierig aus seinem Fenster. Hinkend und das Gesicht bitterbös verzogen kam in das Bad ein schlanker Mann und befahl dem Bademeister, auf der Stelle ein kräftiges Heilbad von Kräutern und Spezereien herzurichten, damit das Zipperlein wenigstens für die nächsten Stunden nachließe. Während die Stadtknechte zu Fuß und zu Roß ganz Nürnberg durchstöberten, saß Eppele gemächlich in einem großen Schaff des Wildbades und sog vergnügt den guten Geruch der Spezereien und Heilkräuter ein.

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