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Das Buch vom Eppele

Karl Bröger: Das Buch vom Eppele - Kapitel 30
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDas Buch vom Eppele
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
printrun
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Wie Eppele Herrn Jörg Tetzel im Mist verstecken und den Juden Abraham in eine Schweinshaut nähen ließ

Der Kampf zwischen dem alten und dem neuen Rate zu Nürnberg dauerte das ganze Jahr 1348 und bis tief in den Herbst 1349 hinein. Der neue Rat unter Führung von Heinz Pfauentritt und Hermann Haubenschmidt, dem »Geißbart«, hatte Ludwig von Brandenburg als rechtmäßigem Kaiser gehuldigt, der mit einem kleinen Heer in Nürnberg lag, den neuen Rat bestätigte und der Bürgerschaft große Freiheiten verlieh, sonderlich den Gewerken das Recht, Zünfte der Meister und Bruderschaften der Gesellen zu bilden und aller Dinge ihres Handwerks selbst zu warten. Der alte Rat saß mit seinen maßgeblichen Geschlechtern indes auf der Feste Heideck und zog immer wieder, wenn auch seufzend, den Beutel, daß er dem Luxemburger Karl Geld schaffe, um seine Gegenkaiser fortzuzahlen und zum Verzicht auf das Zepter deutscher Nation zu bringen. Zehntausend Mark Silber hatte schon der Kauf des Markgrafen Friedrich von Meißen gekostet und nun legte Herr Konrad von Heideck den Nürnberger Ehrbaren klar, daß Kaiser Karl IV. zwanzigtausend Mark Silbers bedürfe. Soviel hätte der letzte Gegenkaiser, der wehrhafte und bisher im Felde unbesiegte Graf Günther von Schwarzburg, als Abfindung für die übertragene Würde verlangt.

Herr Jörg Tetzel murrte auf solches Verlangen und bemerkte, es wäre hoch an der Zeit, den alten Nürnberger Rat wieder in seine Rechte zu setzen und damit in seinen Handel, woraus allein die 5000 Mark Silbers zu gewinnen wären, die Herr Karl von Mähren als Beisteuer des alten Rates zu Nürnberg benötige. Hätte doch der neue, aufrührerische und ganz gottlose Rat dem Burggrafen Friedrich von Zollern 1000 Pfund Heller verschrieben, woraus allein der Schaden der ehrbaren Geschlechter zu errechnen wäre. Der Ritter von Heideck sagte daraufhin sogleich zu, daß Kaiser Karl keine nähere Pflicht anerkenne, als den alten Rat seiner getreuen Stadt Nürnberg sogleich wieder in seine Rechte einzusetzen und zu bestätigen, sobald er des Schwarzburgers ledig wäre. Herr Jörg Tetzel schöpfte aus solcher Erklärung den Mut, andern Tags Feste Heideck zu verlassen und sein Haus am Dillinghof zu Nürnberg aufzusuchen, weil von Feste Heideck aus kein Handel und Wandel zu treiben, Geld zwar zu bewilligen, doch nicht zu gewinnen war.

Eppele ging zu dieser Zeit in Nürnberg ein und aus, wie er wollte. Er kannte alle Geheimnisse und Nöte des neuen Rates und erteilte dem Führer Heinz Pfauentritt manchen Wink, den der gravitätische und überstolze Pfauentritt zu seinem und der neuen Ordnung Schaden nicht immer befolgte. Erfuhr auch von der Rückkehr des Herrn Jörg Tetzel und gedachte diesem alten Widerborst einen Streich zu spielen. Herr Jörg Tetzel hatte nach seiner Heimkehr den Schaden erst genau errechnet, der aus dem Umsturz der alten Ordnung seinem Handel erwachsen war, hatte die eisgrauen Haare über das Ergebnis gerauft und sich verschworen, solchen Schaden nicht länger zu tragen und lieber den neuen Rat hinzunehmen, als diese Unbill länger zu erdulden. Darum verblaßte er um so mehr, als am neunten Tages seines Aufenthaltes ein junger, glutäugiger Mann in seine Schreibstube kam und ihm zuflüsterte, nächsten Tages hätte er zu gewärtigen, daß ihm Widersacher das Haus stürzten. Der Jude Jäcklein wußte Herrn Jörg Tetzel in solche Angst zu hetzen, daß Herr Jörg Tetzel beschloß, am Morgen des andern Tages noch zu verziehen, wofür ihm der selbstlose Warner alle Hilfe zusagte. Herr Jörg Tetzel, der geringen Liebe denkend, die er beim gemeinen Volk genoß, lief nach dem Weggang des Mannes gleich zu den Stallungen und hieß die Warenknechte Ludolf und Utz einen Wagen für seine Flucht herrichten. Verzog sodann wieder in seine Schreibstube und rechnete unter Seufzen und Ächzen in seinen Handelsbüchern nach.

Eben hatte sich Herr Jörg Tetzel von der Mahlzeit erhoben und wollte sein gewohntes Schläflein tun, da stürmte der schwarzäugige Unglücksrabe ganz außer Atem wieder vor den Kaufherrn und beschwor ihn, sich ohne weiteres Verweilen und auf der Stelle aus der Stadt zu heben. In einer Stunde spätestens wäre es nicht mehr möglich, auch nicht unter Beistand der getreuen Messerschmiede, deren sechs im Innenhof des Tetzelschen Hauses harrten, um den ehrbaren und fürtrefflichen Herrn Jörg Tetzel sicher bis vor das Frauentor zu geleiten. Noch nie in seinem Leben war der Rats- und Handelsherr Jörg Tetzel schneller zu Fuß gewesen denn nach dieser Botschaft. Spornstreichs rannte er zum Innenhof seines Hauses, gefolgt von dem Juden Jäcklein und vor den Stallungen empfangen von den sechs angeblichen Messerschmieden, die er sich gar nicht erst naher betrachtete. Der Warenknecht Ludolf schleifte den größten Hafersack bei, der zur Hand war und zwängte den langen Ratsherrn in diesen Sack, kräftig unterstützt durch die hilfreichen Messerschmiede, deren Führer ein schlanker Mann in schwarzem Bart war. Dieser Mann erinnerte auch sofort, als Ludolf den Sack unter einer Schütte Stroh bergen wollte, an den Ratsherrn Heinrich Pilgram, den die Aufrührer ehegestern aus einer solchen Schütte Stroh geholt hätten, blickte sich im Hof um und lud als erster eine schöne Gabel Mist auf den Wagen. Im Handumdrehen war der lebendige Sack in einem Misthaufen versteckt, der auch noch mit etlichen Kübeln Jauche getränkt wurde und der Wagen rumpelte bald den Dillingberg abwärts, geführt von den nasrümpfenden Warenknechten Utz und Ludolf. Als Herr Jörg Tetzel nach siebenstündiger Fahrt aus dem Sack kriechen konnte, halbtot vor Angst und Erschöpfung, roch er nicht fein und wahrlich nicht nach Nelken und Zimmet.

Der Geldwechsler Abraham ben Ismael hatte auch etwas von dem Duft erschnappt, den der so schmählich gefoppte Ratsherr noch tagelang auf Feste Heideck verbreitete. Der in allen Ränken ausgekochte Jud Abraham war oft zu Heidbeck und nahm die Aufträge des alten Rates entgegen, zu dessen gewandtesten und verschlagensten Helfern der hagere Geldwechsler aus dem Nürnberger Mehlgäßlein zählte. Kein Auflauf zu Nürnberg entstand, der nicht in Abraham ben Ismael den Urheber gehabt hätte, und jede Erschwernis, die den neuen Rat störte und hemmte, ging zuletzt immer wieder auf den Geldwechsler zurück, der insgeheim gegen das neue Regiment nach Kräften wühlte. Die Schwierigkeiten des neuen Rates waren ohnehin kaum mehr zu verwinden, seit Kaiser Karl IV., nun endlich auch von seinem letzten Gegenkaiser Günther von Schwarzburg befreit, mit einem Heer, das an 3000 Ritter und Fußvolk zählte, vor den Toren Nürnbergs bei Mögeldorf lagerte, ernstlich gewillt, den alten Rat wieder in seine Rechte zu setzen. Dessen Geschlechter waren von der Feste Heideck ins kaiserliche Feldlager übergesiedelt und rechneten sich die Zahl der Tage an den Fingern aus, bis sie wieder oben säßen und die Aufrührer gegen ihre Herrschaft an Leib und Habe strafen könnten.

Zwar, Herr Heinz Pfauentritt ging noch immer stolz und bedächtig vom Plattenmarkt zum Rathaus, doch sein Gesicht war düster und sorgenvoll und der Haubenschmidt zwirbelte seinen Geißbart und guckte sauer in die leeren Kassen der Stadt, was konnten die zehn Pfund Heller besagen, von dem reichen Herrn Kuno Roter dem neuen Rate geliehen, um damit vielleicht Kaiser Karls Gnade zu kaufen? Die Geschlechter des alten Rates boten das Hundertfache dieses Betrages und waren darum in Herrn Karls Augen die rechtmäßigen und getreuen Stände zu Nürnberg. Eppele sah das Ende der neuen Ordnung und die Wiederkehr der alten Herrschaft voraus und beredete die Freunde, rechtzeitig an ihre Sicherheit zu denken. Burg Drameysl stünde ihnen offen, wohin sich denn auch nicht wenige Mitglieder des neuen Rates Ende September 1349 verfügten. Eppele blieb mit seinen dreizehn Knechten noch in der Stadt. Für den gefallenen Pankra; hatte er den Juden Jäcklein in die Schar aufgenommen und ratschlagte mit Jäcklein gerade, welcher Streich vor dem Abzug aus Nürnberg noch zu vollführen wäre. Jäcklein verwies auf den Geldwechsler Abraham ben Ismael, dem ein Denkzettel nichts schaden könnte und der diese Nacht heimlich sein Haus im Mehlgäßlein aufgesucht hätte.

Abraham ben Ismael schlief noch keine zwei Stunden, als er höchst unlieb vom Pfühl gerissen, gebunden, geknebelt und in einen Kellerraum entführt ward. Dort setzte es erst reichlich Püffe und Fußtritte, ehe es ganz dunkel um den Geldwechsler wurde, der dazwischen erbärmlich aufschrie, weil, wie ihm dünkte, große Nadeln in sein zähes Fleisch stachen. Schließlich wurde Abraham, der geringsten Bewegung unfähig, gehoben und über Treppen und Gänge nach der Nürnberger Ratsstube geschleift.

Andern Tags – den 2. Oktober 1349 – übergab sich Nürnberg kaiserlicher Gnade. Die alten Geschlechter waren froh, ihre Häuser noch unversehrt zu finden und schlugen sogleich die Warenbücher auf, daß Handel und Wandel wieder ins Laufen käme. Die Ratsdiener öffneten Herrn Kaspar Grundherr ehrbietig die Tür zur Bürgermeisterstube und schreckten nicht schlecht zusammen, als drinnen Herr Grundherr fluchend und scheltend nach ihnen schrie. Fast wären auch die Ratsknechte über ein großes Bündel gefallen, das hinter der Türschwelle lag, und aus dem nun ein langer, hagerer Jude gewickelt wurde, der Geldwechsler Abraham ben Ismael aus der Mehlgasse. Auf die Brust war ihm ein Pergament geheftet des Sinnes, Ritter Eppele von Gailing hätte einem hochachtbaren Rat zur Wiederkunft doch einen Willkomm bieten wollen und zu solchem Zweck den ganz heillosen und verräterischen Juden aus der Mehlgasse in drei Schweinshäute nähen lassen, damit er einem hochachtbaren Rat bei seiner Rückkehr Heil riefe und den gebührenden Dank fände. Herr Kaspar Grundherr las erst das Pergament, besah sich dann den von Fett glänzenden Geldwechsler schier vergnügt und gebot seinen Ratsknechten unwirsch, den Juden hinauszuwerfen, da ein hochachtbarer Rat seiner nicht mehr bedürfe.

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