Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Bröger >

Das Buch vom Eppele

Karl Bröger: Das Buch vom Eppele - Kapitel 3
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDas Buch vom Eppele
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
printrun
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectid6801218d
Schließen

Navigation:

Eppeles richtige Taufe und was dabei ins Taufbecken fiel

Zur Taufe des jungen Gailingers waren die Edlen und Ehrenfesten des halben Gaues geladen und auch erschienen. Denn es war die beste Zeit über Land zu reiten, drei Wochen vor einem späten Osterfest, wo der Schnee schon geschmolzen war und die Straße wieder festen Grund hatte. Der Märzwind schnob gelinde um die Hänge des Hohen Steigs und tändelte mit den ersten Weidenkätzchen im Grunde des Aischflusses.

Eine stattliche Gesellschaft hatte sich am Morgen des Sonntags Okuli im großen Saale von Schloß Illesheim versammelt und wartete des Rufs in die Burgkapelle. Die Gesippen und Freunde vom Hause Gailing standen im Kreis um einen leiblich ansehnlichen Priester, aus dessen zufriedener Miene keine Rückspiegelung der verworrenen Zeit fiel. Der Hochwürdige Pater Ambrosius, Chorherr am Stifte Sankt Burkhardt zu Würzburg, hatte einmal Erkenbrecht von Gailing geheißen und war des Burgherrn und Taufvaters älterer Bruder. Frau Jutta, durch den Burgpfaffen Isidor angeeifert, ließ ihm bald nach der Geburt ihres zweiten Knaben Botschaft zugehen mit der Bitte, doch der Taufe selbst beizuwohnen. Herr Erkenbrecht, längst schon auf eine andere Lüftung seines Menschen begierig, als sie das stille Stift Sankt Burkhardt bot, hatte freudig zugesagt. Er wollte sogar selbst die heilige Handlung vornehmen, unterstützt von dem nächsten Anwärter auf dieses Amt, dem Burgkaplan Isidor. Frau Jutta war darüber selig, denn konnte des Himmels Gnade ausbleiben, wo sich gleich zwei geistliche Herren bemühten? In feierlichem Aufzuge schritt die Taufgesellschaft über den Burghof, vorauf Kindsvater und Kindsmutter beiderseits des Täuflings, der auf schweren Brokatkissen getragen wurde von der ihm bestimmten Amme Gertrud, einer wohlgebauten, lustig blinzelnden Weibsperson in den besten Jahren. Der Chorherr von Sankt Burkhardt und Pater Isidor eröffneten den Reigen der Gäste. In der Kapelle begann des Täuflings Vatersbruder die heilige Handlung mit einer sehr umfänglichen Taufpredigt, worin er die Bedeutung des Aktes allgemein und für den besonderen Fall des Tages erläuterte, den frommen Entschluß der Eltern hoch pries und dem Täufling einen gottseligen Wandel voraussagte, der ihn gewiß dereinst unter die Zierden der Christenheit einreihen müßte. So hoch steigerte sich der Würzburger Chorherr in seine erbauliche Betrachtung, daß es fast schien, als sollte er selbst und nicht das annoch namenlose Kind diesen Sonntag Okuli des Jahres 1311 der heiligen Taufe teilhaft werden. Bis er sich endlich doch auf den eigentlichen Zweck der Stunde besann, seine Rede schloß und dem Pater Isidor zuwinkte.

Der Täufling hatte derweil noch keinen einzigen Laut von sich gelassen, einfach darum, weil er wie ein Dachs schlief und sich um keines Würzburger Domherrn Taufpredigt kümmerte. Da ihn nun aber der Burgkaplan aus den warmen Kissen nahm, der Windeln entledigte und nackt an das Taufbecken trug, wachte der junge Gailinger flugs auf und empfand die kühle Märzluft für eine gänzlich unbillige Störung seines Behagens. Aus welcher Empfindung er denn auch sofort ein mörderliches Gebrüll anschlug und der Taufgesellschaft einen Choral vorsang, dergleichen die stille Burgkapelle von Illesheim weder vorher noch nachher zu hören bekam. Chorherr und Burgkaplan schauten fast zornig auf den rüstigen Schreihals, der mit Händen und Beinen hampelte, im Gesicht abwechselnd blau und rot anlief und um ein Haar dem Pater Isidor aus den Händen geschnalzt wäre, als der Chorherr das geweihte Wasser über seinen schütteren Schopf ausgoß. Apollonius sollte der Knabe heißen, wie es sich ziemt für einen beginnenden Kleriker, dem der Bischofshut schon in die Wiege gelegt worden ist. Sei es nun, daß Frau Jutta vor der letzten Stillung des Söhnleins eine zu stark gewürzte Speise genossen hatte, sei es, daß einfach das heftige Hampeln und Strampeln des Täuflings die Ursache war: Es begab sich in diesem feierlichen Augenblick der Namensnennung das menschlichste Ereignis, und umsonst hielt Pater Isidor die Hand unter, dem Unheil zu steuern, was nach ewigem Ratschluß seinen Lauf nehmen muß, nahm auch bei dem jungen Eppele von Gailing den vorbestimmten Lauf und fiel mitten in das geweihte Wasser. Nach diesem von keiner Seite gewollten Zwischenfall ging die weitere Handlung sehr schnell vor sich. Der Würzburger Chorherr trat von dem entweihten Taufbecken zurück, strich das Doppelkinn nach vorne und maß den kleinen Apollonius mißtrauischen Blicks, ob nicht ein Teufels- oder Hexenmal die angeborene Bosheit bekunde. Dieser aber mummelte sich schon wieder wohlig in die warmen Kissen, grunzte etliche Male befreit und zufrieden und schlief aufs neue ein, bevor die Amme Gertrud ihn noch über den Burghof getragen hatte.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.