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Das Buch vom Eppele

Karl Bröger: Das Buch vom Eppele - Kapitel 29
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDas Buch vom Eppele
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
printrun
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectid6801218d
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Wie Eppele wiederum dem Galgen entwich und die Agnes Tetzelin zum letzten Male sah

Die würdigen Ratsherren Lutz Pfintzing und Mathias Koler leiteten am nächsten Tage in der Folterkammer das Verhör der Gefangenen und wiesen den Lochschreiber an, ja genau jedes Wort des jetzt zur Vernehmung kommenden Aufwieglers zu vermerken. Ungnädig musterten die beiden Ratsherren den derweil vorgeführten Eppele, der sich als Haubenschmied Jörg Ohnelast von Regensburg angab, derzeit als Plattnerknecht eingeschrieben bei dem ehrbaren Meister seines Gewerkes Hermann Haubenschmidt. Herr Mathias Koler, ein zappeliger Fünfziger von dünner Statur, schrie den Regensburger Plattnerknecht an, wie er sich hätte unterstehen mögen, das Volk gegen seine von Gott eingesetzte Obrigkeit aufzuwiegeln, einen ehrbaren Rat zu lästern und gar zu dessen Vertreibung aufzufordern. Der Gesell verantwortete sich ruhig und so geschickt, daß der Lochschreiber dazwischen immer wieder an seinem Gänsekiel kauen und zu Herrn Lutz Pfintzing einen unterwürfigen Blick senden mußte, ob er solche Aussage nun vermerken solle oder nicht. Eppele bekannte sich als Gegner der Geschlechter-Herrschaft, die unmöglich von Gott eingesetzt sein könnte, damit sie die Steuergroschen des gemeinen Volkes willkürlich und eigenmächtig verwalte und niemals öffentlich Rechenschaft lege. Solcher christlichen Meinung sei er immer gewesen und hoffe damit der Wahrheit keine Gewalt anzutun. Herrn Mathias Roler verschlug es die Rede bei solcher Kühnheit. Er gab nur einen stummen Wink, worauf der Lochhüter aus der Folterkammer ging und einen langen, hageren Juden hereinführte, der sich untertänig als Geldwechsler Abraham den Ismael vor den Ratsherren verneigte und auf eine Frage mit lebhaftem Wortschwall beteuerte, der hier stehende Plattnerknecht wäre der gleiche Mann, der auch bei den Verschwörern im Dominikanerkloster gewesen sei, wo er ihn mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren lästerliche Reden über einen hohen Rat hätte tun hören. Eppele erwiderte darauf, den Juden hätten die Herren gar nicht zu bemühen brauchen, weil es ein Gebot von recht christlicher Art wäre, immer und überall die Wahrheit zu sagen.

Den Mittwoch nach Pfingsten 1348 sollten Eppele und Jäcklein nach dem Spruch des Rates als gefährliche Aufwiegler gehenkt werden. Meister Joseph, den Henker, und sein Knecht Stephan, harrten am Rathaustore der beiden Schächer, die aus dem Lochgefängnis gebracht und dem Henker übergeben wurden. Ehe der Zug jedoch nach dem Rabenstein aufbrechen konnte, gab es eine Verzögerung, weil der Bürgermeister Kaspar Grundherr unter dem Rathaustor einen vornehmen Ritter verabschieden mußte, in welchem Eppele gleich Herrn Konrad von Heideck erkannte, einen Parteigänger des Luxemburgers Karl und rechten Höfling, der viel zwischen dem kaiserlichen Feldlager und den Reichsständen hin- und hertrug. Der von Heideck betrachtete sich gleichmütig die beiden Schächer, stutzte beim Anblick Eppeles und kramte ersichtlich in seiner Gedächtnis nach einer Erinnerung, die er jedoch nicht zu finden vermochte, daraufhin dem Bürgermeister die Hand reichte und dem Frauentor zuritt.

Der Zug nach dem Rabenstein wartete noch immer beim Rathaus und wollte eben aufbrechen, als unter den Reisigen eine Unruhe entstand. Die Stadtknechte streckten ihre Spieße nach allen Richtungen und lockerten die Schwerter an der Hüfte. Durch einen Spalt ersah Eppele, worin das dumpfe Brausen vieler Stimmen seine Ursache hatte. Aus allen Gassen quollen bewaffnete Haufen und eine besonders starke und gut geordnete Schar in Helm und Harnisch rückte vom Milchmarkt her dem Rathaus zu, vorauf zu Pferd Heinz Pfauentritt, Hermann Haubenschmidt, der »Geißbart«, die Ehrbaren Kuno Roter und Ulrich Turbrech und sogar die Ratsfähigen Ulrich Stromer, Hermann Maurer und Friedrich Schürstab. Der Aufstand gegen den alten Rat war losgebrochen und gleich in einer Weise, die jeden Widerstand wegschwemmte. In kurzem war Eppele aus seinen Fesseln, grüßte die Freunde und wehrte mit ihnen und dem wohlgeordneten Hausen der Helm- und Haubenschmiede jeden Versuch größerer oder kleinerer Banden ab, das Rathaus zu stürmen. Am Rathaustor wehte das Banner des neuen Rates, auf weißem Grund fünf rote Sterne zeigend und stolz getragen von einem bärenmäßig großen und starken Gesellen, dem Helmschmied Mogkenmikel. Die ganzen nächsten Tage tobten Haufen durch die Stadt, stöberten nach den Mitgliedern des alten Rates und prügelten sich mit den Gewerken der Metzger und Messerschmiede, die als einzige dem alten Rat und seinen Geschlechtern Treue hielten. Dabei geschah zunächst mancher Schaden und Unfug, denn die Gesellen aus der Herberge zum »Nackenden Bauch« wähnten ihre Zeit gekommen und wollten auch einmal als Nürnberger Ratsherren leben. Beredeten also für den nächsten Abend eine Schatzung bei dem reichen Handelsherrn Ulrich Mendel, der die Stadt noch nicht verlassen und auf der Burg Heideck Zuflucht genommen hatte, weil seine Ehewirtin Agnes unpäßlich und sehr der Schonung bedürftig war. Ullein mit dem breiten Gürtel, Dietel Sauhaut, Rudel Hupfansmesser, Hans Packauf, der Veislein, Heinz Magerimhirn, Schmidtlein mit dem Daumen, Hans Scheißindiestuben und noch ein Dutzend verwegener Gesellen ihres Umgangs taten sich für den Anschlag zusammen und hätten gern den Jäcklein, der auch dabei saß, zum Anführer gehabt. Doch Jäcklein lehnte grob ab und schmiß den Hans Packauf durchs Fenster, der etwas von zu wenig Herz geredet hatte.

Eppele erhielt von Jäcklein Nachricht über den Anschlag und lobte den jungen Juden darum, dem er überhaupt seiner kühnen und listigen Art halber sehr geneigt war. Dann besprach er sich mit Pfauentritt und einigen anderen Mitgliedern des neuen Rates und sammelte zehn kräftige und mutige Gesellen der Plattnerzunft um sich, darunter den Kunrad Dotterweich, den Hans Fladenmaul, den Hermann Hackmesser und den Juden Jäcklein. Mit ihnen legte er sich um die Dämmerung beim Mendelschen Hause am Dillinghof auf die Lauer. Bald ertönten aus den nächsten Winkeln und Gäßchen Pfiffe, und Eppele sah den Haufen sich um Ullein mit dem breiten Gürtel drängen. Mit wüstem Lärmen erbrach die Bande das Haustor und stürmte den breiten Treppenflur hinauf, Kisten und Kasten werfend und ganz weg vor lauter Raubgier. Eine zitterige Männerstimme war im Hause zu hören und dann ein ängstlicher Schrei aus Frauenmund. Solange hatte Eppele zugewartet. Die Hälfte seiner Schar besetzte das Haustor, mit der anderen Hälfte war Eppele im Augenblick hinter den Plünderern her und räumte so schnell aus, daß der Ullein mit dem breiten Gürtel noch Tage später nicht begriff, wie er so rasch die Treppen hinunterflog, dort elend verdroschen und dann auf die Dillinggasse geworfen wurde, wo ihm der Gürtel platzte. Dietel Sauhaut und der Veislein wollten sich erst stellen, besahen aber dafür gottsjämmerliche Prügel und kollerten zuletzt den halben Dillingberg hinab, von den derben Fäusten der Haubenschmiede befördert.

Herr Ulrich Mendel war noch etwas bleich, da er sich für die unerwartete Hilfe bedankte und um den Namen des Führers bat. Sehr erstaunt schaute Herr Ulrich Mendel auf seine Ehewirtin Agnes, die gerade aus der Tür getreten war und wie erstarrt, die eine Hand auf der Brust, nach dem schwarzhaarigen, schlanken Mann sah, der sich mit bestem ritterlichen Anstand vor Frau Agnes neigte, seinen Leuten winkte und über einer nochmaligen Verbeugung gegen Frau Agnes Mendel, geborene Tetzelin, und ihren Eheherrn das Haus verließ. Einige Tage nachher brachte Herr Ulrich Mendel sein Weib aus der Stadt. Eppele sah Agnes Tetzelin nie wieder im Leben.

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