Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Bröger >

Das Buch vom Eppele

Karl Bröger: Das Buch vom Eppele - Kapitel 28
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDas Buch vom Eppele
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
printrun
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectid6801218d
Schließen

Navigation:

Eppele wiegelt das Volk zu Nürnberg auf und wandert dafür in das Lochgefängnis

Es blieb ein weiter Kreis von trüben Jahren, den das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zu durchwandern hatte. Hader und Händel überall, bei den Fürsten angefangen, die sich auf keinen Nachfolger des eben verstorbenen Kaisers Ludwig einigen konnten und den Luxemburger Karl, den Engländer Eduard und den Sohn Ludwigs gegeneinander aufstellten und ausspielten. Noch zu Anfang des Jahres 1348 drohte von allen Kirchentüren der Bannfluch, den Papst Clemens VI. über Ludwig den Bayern ausgesprochen hatte und worin es hieß:

»Verflucht sei er bei seinem Eingang, verflucht bei seinem Ausgang! Der Herr schlage ihn mit Blindheit und mit Wahnsinn! Der Erdkreis kämpfe gegen ihn, der Boden öffne sich unter ihm und verschlinge ihn lebendig! Alle Elemente mögen ihm entgegen sein! Sein Name sei vertilgt, sein Haus soll wüste stehen und seine Kinder daraus vertrieben werden, ja, vor seinen Augen in die Hände derer fallen, die sie töten!«

Solche Sprache eines solchen Hasses aus solchem Munde konnte keine Liebe in den Herzen wecken, und die Handwerker zu Nürnberg übertrugen diesen Fluch einfach auf die Geschlechter des Rates, denen sie immer offener Widerspruch boten und die Forderungen ihres guten Rechtes stellten, daß endlich die Zünfte wie anderswo auch anerkannt würden und die Fragen des Handwerks selbst regeln dürften. In welcher Forderung sie auch keine Rede der Mönche vom Prediger-Orden wankend machte, die bei jedem Anlaß die Sonnenfinsternis vom 17. Januar 1348 und das große Erdbeben am Tage von Sankt Paulis Bekehrung für Zeichen des himmlischen Unwillens und sogar für Folgen des päpstlichen Bannfluches erklärten.

Eppele war eifrig am Werk, die Glut des Aufstandes zu schüren, wohnte jeder Beratung im Hause Pfauentritts bei und dachte zunächst nicht mehr an eine Heimkehr nach Drameysl, das er Mariä Lichtmeß 1348 verlassen hatte. Als zugewanderter Plattnerknecht und beim Harnischmacher Hermann Haubenschmidt eingeschriebener Geselle mischte er sich unter das Volk und war in allen Schenken zu Hause, ließ seinen schwarzen Bart, der ihm sonst rund und kraus im Gesicht gestanden hatte, lang zuwachsen und spitz scheren und gebärdete sich nicht anders denn ein aufgeweckter, redekundiger Gesell seines ehrsamen Handwerks. Die Pfingstwoche verstrich mit Zusammenkünften und Beratungen des geheimen Bundes im Kreuzgang des Dominikanerklosters am Vestnerberg. Die Brüder Dominikaner standen zur Partei Ludwigs von Brandenburg, der ihnen als Sohn Ludwigs des Bayern rechtmäßiger Erbe der Kaiserkrone schien und waren gegen den Luxemburger Karl von Mähren, welchem wiederum der Nürnberger Rat anhing.

Am letzten Tage im Mai hatte der Umsager Fritz Ofenwisch die Verschworenen wieder in den Kreuzgang berufen, um die entscheidenden Maßnahmen für den geplanten Aufstand zu treffen. Wohl an dreißig Männer waren nach der Abendvesper gekommen, Herr Heinz Pfauentritt und noch zwei Ehrbare von Nürnberg, Kuno Roter und Ulrich Turbrech, die Handwerksmeister Hermann Haubenschmidt, der »Geißbart«, und sein Bruder Ulrich, der Flaschenschmied Rex und noch eine große Reihe aus den Gewerken der Helm-, Hauben- und Flaschenschmiede. Von Gesellen waren anwesend Kunrad Dotterweich und der zugewanderte Geselle des »Geißbarts«, den die wenigsten näher kannten, von dem aber alle wußten, daß er schier besser redete denn der berühmte Pater Cyriakus vom Prediger-Orden. Herr Heinz Pfauentritt sprach zuerst und gab bekannt, daß Ludwig von Brandenburg mit einem Heer aufgebrochen wäre und binnen drei Tagen vor Nürnberg stehen müßte. Diese Botschaft erweckte große Hoffnung und ließ die Verschworenen sich einig werden, am kommenden Mittwoch nach Pfingsten, sobald das Ratsglöcklein zur täglichen Sitzung riefe, jeder mit seinem wohlbewaffneten Haufen bereit zu stehen, das Rathaus zu umzingeln und den gesamten Rat festzunehmen. Auf welche Abmachung jeder Führer Schwur und Handschlag tat, worauf die Versammlung auseinanderging, ohne des Bettelmönches groß zu achten, der als letzter das Kreuzgewölbe verließ.

Des »Geißbarts« Plattnerknecht, als welcher Eppele in Nürnberg umging, trennte sich am Klostertor von den andern und bog schräg gegenüber dem Dominikanerkloster in das dunkle Schmiedgäßlein, wo durch die geschlossenen Fenster der Schenke zum »Nackenden Bauch« noch Licht schimmerte und das Gewirr von Stimmen drang. Eppele überlegte nicht lang, trat in die Schenkstube und sah einen Kreis von Gesichtern um sich, der einem weniger beherzten Mann schon Furcht einjagen konnte. Mitten im Gewühl erkannte Eppele den Hans Fladenmaul, der damals die Leiche des Pankraz rauben half, hütete sich aber, diese Kenntnis laut werden zu lassen und setzte sich ruhig an einen Tisch, wo er neben zwei lärmende Frauenspersonen zu sitzen kam, deren eine, prall um Brust und Hüften und mit einem kecken Gesicht unter feinem Blondhaar, den leiblich gutbeschaffenen Handwerksgesellen recht wohlgefällig ansah. Am gleichen Tisch saßen noch zwei Männer, ein derbschultriger Braunkopf mit breitem Gesicht und einem breiten roten Gürtel, wovon man ihn den Ullein mit dem breiten Gürtel rief, und ein schlanker, junger Mensch fremdartigen Aussehens, an welchem der kühne und verschlagene Blick auffiel. Es war der Jude Jäcklein, bekannt und beliebt in allen Schenken und Herbergen des gemeinen Volkes, weil er immer den Gulden locker in der Tasche hatte und mit dem größten Saufaus jederzeit die Wette trank. An Jäckleins Schulter lehnte die andere Dirne, tiefgebräunt im Gesicht, mit schimmernd schwarzem Lockenkopf und zwei ganz blauen Augen, aus denen sie schläfrig und etwas dumm zu Eppele hinlugte. Der trank seinen Wein und lauschte den Reden, was nicht einfach war, denn es schrien immer drei zugleich und einer ärger als der andere. Zur Zeit behauptete das Wort ein kleiner, dicklicher Kerl mit brandrotem Schopf, Dietel Sauhaut geheißen, dessen Posaunenstimme wilden Schimpf über den Rat zu Nürnberg ausschrie. Stolzierten diese Ehrbaren und Ratsfähigen nicht in Samt und Pelzwerk bis über die Ohren, während dem gemeinen Manne der Stoff zum einfachsten Gewand fehlte? Trügen ihre Frauen und Töchter nicht güldenen Schmuck bei Kirchgang und Geschlechtertanz, davon ein ehrlicher Handwerker lebenslang zehren könnte? In ihre Häuser müßte man brechen, die Truhen ausleeren und den Überfluß an das gemeine Volk geben. Dietel Sauhaut brüllte so laut und lange, bis sein Gesicht an Röte dem Schopf nicht mehr nachstand und es ihm die Stimme verschlug, worauf sogleich eine schrill quäkende andere Stimme die Rede aufnahm und weinerlichen Tons die Strafen der Hölle auf die Ratsfähigen wünschte, deren Schlemmerei und Hochmut zum Himmel stinke.

Nachdem sich der Hans Ofenloch ausgegreint hatte, sprang Eppele an seinem Tisch hoch und hielt eine Brandrede, dagegen alles bisher Gesagte nur verlegenes Gestammel war. Der glühende Haß gegen den Nürnberger Rat beflügelte ihm die Zunge und lieh den Worten eine Kraft, daß alle Gäste erst erstaunt, dann hingerissen dem unbekannten Plattnerknecht zuhörten. Das Volk zu Nürnberg hätte viel zu lange die Wirtschaft eines habsüchtigen und hochfahrenden Klüngels geduldet, der mit den Gerechtsamen der unteren Stände Schacher triebe. Warum ließe der Rat zu Nürnberg nicht wie anderswo die Meister zu Zünften und die Gesellen zu Bruderschaften sich fügen? Weil er allein herrschen und vorschreiben und mit dem Volk keinerlei Freiheit teilen wolle, wer säße im Fett und schaute ruhig zu, wenn das gemeine Volk verhungere, als gäbe es kein Gebot christlicher Barmherzigkeit, das da sagt, wer zween Mäntel hat, sollte den einen seinem ärmeren Bruder geben? Wer hätte aber von einem Nürnberger Ratsherrn schon einmal um eines Hellers Wert christliche Hilfe empfangen? An ihrem angemaßten Recht und an ihrem erpreßten Gut müßte das gemeine Volk zu Nürnberg die Geschlechter schmälern, daß die Rechte und Güter gleichauf würden und keiner mehr hätte denn sein Bruder, wie solches der Wille Gottes und aller Heiligen stets gewesen sei. Die Männer und Weiber schrien zu dieser Rede Eppeles hellen Beifall, der aber jäh abriß, als plötzlich Waffenklirren im Flur tönte und Stadtknechte in die Stube drangen. Eine wilde Flucht durch Türen und Fenster und mancherlei geheime Ausgänge setzte ein und brachte die meisten Aufrührer aus dem Bereiche der Gefahr. Eppele und Jäcklein mit den beiden Weibspersonen, dem Führer der Stadtknechte als Martha Hadermetze und »Die liegende Els« wohlbekannt, suchten auch ein Loch, wurden aber, in ihre Ecke eingekeilt, von den Reisigen gehascht und in die Herberge »Zum grünen Frosch« verbracht, wie der Volksmund zu Nürnberg das Lochgefängnis benamste.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.