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Das Buch vom Eppele

Karl Bröger: Das Buch vom Eppele - Kapitel 27
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDas Buch vom Eppele
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
printrun
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectid6801218d
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Wie Eppele dem gemeinen Volk zu Nürnberg zwanzig Kornwagen schaffte und den Rat zahlen ließ

Im Gasthof zum »Wilden Mann« am Weinmarkt in Nürnberg sprach Herr Heinz Pfauentritt eifrig mit einem wohlgenährten, dabei aber doch hungrig blickenden Manne, der eine große lederne Geldkatze am Gürtel trug und jedes Wort so gewichtig herbrachte, als nähme er einen guten Gulden aus besagter Katze und legte ihn auf den Tisch. Die anderen Gäste, meist ehrbare Handwerker der Helm-, Hauben- und Flaschenschmiedezunft, lauschten dem Gespräch aufmerksam, das den schlimmen Lauf der Zeiten betraf. Das fünfte Jahr Mißwachs, jedes zweite Jahr eine schreckliche Plage von Heuschrecken, die in wolkendichten Schwärmen Ungarn, Polen, Österreich, Böhmen, Bayern und auch Franken bis zum Rhein kahl gefressen, seit sie sich im Sommer 1338 zum ersten Male gezeigt hatten, eine Seuche, die Hunderte von Menschen befiel und schwarzblau angelaufen ins Grab warf, eine Getreidenot und daraus entstanden eine Brotteuerung, daß der gemeine Mann mit dem Hunde des Ratsherrn um jeden fortgeworfenen Knochen raufte: Fürwahr, die letzten Zeichen standen am Himmel und die Mönche vom Prediger-Orden hatten den größten Zulauf und viel gläubige Ohren, denen die Botschaft vom Jüngsten Gericht unschwer einging. Fritz Ofenwisch, ein Geschworener der Flaschenschmiede, warf noch ein, es wolle auch des Druckes der ratsfähigen Geschlechter nicht vergessen werden, die nur in ihren Beutel dächten und das gemeine Volk seelenruhig den Wucherern überantworteten, welchen Einwurf der dicke Mann zunächst mit einem scheelen Blick und hernach mit der Eröffnung bezahlte, daß er diesen Morgen zwanzig Wagen an den Nürnberger Rat verkauft und dafür einen guten Batzen gelöst hätte. Er hielte das für ein christliches Geschäft und nicht für Wucher, zumal doch nicht aller Vorteil der Läufte solchen Gesellen wie dem Eppele müßte zugute kommen. Herr Heinz Pfauentritt räusperte sich, der Harnischmacher Hermann Haubenschmidt strich seinen langen, spitzigen Bart aufwärts, wovon er in der ganzen Stadt der »Geißbart« hieß, und beide schauten in ein Eck der Gaststube nach einem dunkelhaarigen Manne, der jedoch keine Regung tat und gleichmütig vor seinen Becher hinsah.

Die Meister und Gesellen des Schmiedegewerbes verließen einer nach dem andern die Herberge zum »Wilden Mann« und suchten ihre Werkstätten, bis schließlich nur noch Heinz Pfauentritt mit dem Bamberger Kornhändler allein saß in Gesellschaft jenes dunkelhaarigen Mannes aus der Ecke, welcher sich als Kornhändler von Landshut im Bayrischen erwies, den dicken Bamberger Brotwucherer in ein sachkundiges Gespräch zog und lebhaft den Geschäftsgeist des Gesellen aus Bamberg lobte. Der Bamberger Kornhändler Greifzu ward darob sehr geschmeichelt und kramte aus, wie er den Nürnberger Rat um die zwanzig Kornwagen gepreßt und am Preis erheblich geschröpft hätte. Herr Heinz Pfauentritt erinnerte den Greifzu an das gemeine Volk, das solchen Preis doch aufbringen müßte, bekam aber die grobe Antwort, daß Brot nur zu essen brauchte, wer es auch zahlen könnte. Wem das nicht möglich sei, der sollte sich ruhig an Heuschrecken mästen, von denen ein Überfluß vorhanden und ganz kostenlos abzugeben wäre. Der Kornhamster bemerkte den scharfen Blick nicht, der ihn von der Seite her aus den Augen des angeblichen Landshuter Kornverkäufers traf, warf drei Gulden auf den Tisch und verabschiedete sich mit dem Wunsche, die Herren in drei Tagen wieder zu treffen, wenn er für das gelieferte Korn seine Gulden abzuheben gedächte. Der dunkelhaarige Mann aus der Ecke flüsterte nach dem Weggang des Greifzu noch eine Weile mit Heinz Pfauentritt und begab sich sodann auch von der Herberge.

Vier Tage nach diesem Gespräch in der Herberge zum »Wilden Mann« schwankten durch das Neutor, die Irhergasse herab und über die Füll zum Rathaus zwanzig hochbeladene Kornwagen. Das Volk, das die Wagen umdrängte und nach Herkunft und Bestimmung forschte, vernahm von den Geleitsknechten zuerst ungläubig, dann aber mit großem Jubel, die zwanzig Wagen Korn spende der Ritter von Gailing dem gemeinen Volk zu Nürnberg. Aufs höchste erbost war dafür der Rat zu Nürnberg über den Geleitsbrief Eppeles, worin es hieß, die zugeführten zwanzig Wagen Korn wären ein Geschenk des Ritters von Gailing an das Volk von Nürnberg, keinesfalls jedoch für einen hochweisen Rat bestimmt, der sich nicht etwa vermessen solle, das Korn zurückzuhalten, weil sonst überhaupt kein Kornwagen mehr nach Nürnberg hineinkäme. Die Bezahlung hätten die hochweisen Herren bereits geregelt und könnten sohin guten Gewissens das Korn verteilen. Der Rat suchte wohl nach einem Ausgang, doch Pfauentritt und seine Geschworenen sorgten dafür, daß die Handwerker und das übrige Volk zu dem versprochenen Brotkorn kamen, so hart die Ausgabe des Korns den Rat auch anging.

In einem eisernen Käfig der Burg Drameysl saß inzwischen der Bamberger Wucherer, den Eppele mit seinen Kornwagen geschnappt hatte und magerte in den Wochen, da das Volk zu Nürnberg Brot aus seinem Korn aß, mehr und mehr ab. Eppele lehrte ihn das Hungern von Grund auf und schmälerte die Bissen täglich, bis der sonst so wohlgenährte Wanst ein leerer Hautsack war. Als dann der Greifzu vor Hunger brüllte, ward ihm auf Geheiß Eppeles ein gehäufter Teller Heuschrecken aufgetragen und solange vorgesetzt, bis er den Teller leer gegessen. Das geschah täglich und endete erst, nachdem das reichliche Lösegeld von Bamberg eingetroffen war. Da prügelte der Knecht Michel den Wucherer aus seinem Käfig und hetzte ihn als einen unnützen Fresser mit Hunden vom Drameysler Burghof.

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