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Das Buch vom Eppele

Karl Bröger: Das Buch vom Eppele - Kapitel 26
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDas Buch vom Eppele
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
printrun
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectid6801218d
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Eppele steht von den Toten auf und verbrennt vierhundert Häuser zu Nürnberg

Der Rat zu Windsheim fragte den Rat zu Nürnberg an, ob der von Gailing zu einem bestimmten Tage bei Feucht gelegen hätte. Am gleichen Tage wäre knapp vor den Toren Windsheims ein Wagenzug geworfen worden, daß es also mit dem Teufel zugehen müßte, wenn der von Gailing an einem Tage bei Feucht und bei Windsheim Staude reiten könnte. Bald hernach kam die gleiche Anfrage vom Rate zu Rothenburg, so daß unter den Städten ein Wirrwarr und ein dauerndes Umfragen entstand, was auch nicht ohne Zank abging, in wessen Gebiet nun eigentlich Eppele geräubert hätte. Das Volk in Stadt und Land aber erzählte sich, der Gailinger hätte zwei Leiber und vermöchte durch solche Gabe gleichzeitig im Schloß Gailnau sitzen und aus der Straße gegen Nürnberg reiten. Die Zeidler des großen Reichswaldes behaupteten sogar, sie hätten schon öfter den Eppele aus einem kohlschwarzen, feuerschnaubenden Roß über die Wälder mitten durch die Luft reiten sehen, so schnell, daß kein Falke im Flug mithalten könnte.

Eppele war in der Tat überall und nirgends, tauchte früh beim Lichtenhof hart vor dem Nürnberger Frauentor auf und wurde noch nicht zwei Stunden hernach weit westlich in Franken auf Rothenburgischem Gebiet gesichtet. In den Ratskanzleien verzweifelten auch die feinsten Köpfe an der Lösung dieses Rätsels und neigten insgeheim der volkstümlichen Meinung zu von einem Bunde Eppeles mit der Hölle. Dem Gailinger kam solche Verwirrung der Köpfe bei seiner Fehde sehr zustatten, hatte er sich doch seit jenem Sprung über den Burgwall von Nürnberg in endlose Händel begeben, die allein durchzufechten weit über eines Mannes Kraft ging. Der Plattner und Harnischmacher Hermann Haubenschmidt zu Nürnberg war jener Mann, der das Rätsel zwar nicht ganz, doch zu einem Teil hätte lösen können, war ihm aber nicht daran gelegen, weil er den Ratsherren von Nürnberg alles gönnte, was ihnen Ärger und Kopfweh machte. Bei dem Haubenschmidt hatte Eppele vor mehr als einem Jahr den Auftrag erteilt, zwei ganz genau gleiche, bis auf die kleinste Schiene zum Verwechseln ähnliche Rüstungen zu schmieden, kein Sterbenswörtlein aber über solche Arbeit verlauten zu lassen bei seinem bösesten Zorn. Eine dieser Rüstungen trug seitdem Pankraz und saß dabei auf einem Fuchs, der dem Roß Eppeles glich wie ein Regentropfen dem andern. So kam es, daß der Gailinger fast um dieselbe Stunde da und dort gesehen wurde, wie vom Himmel gefallen auftauchte und wie von der Erde geschluckt wieder verschwand, überall zu spüren, nirgends aber zu greifen war. Dieses Wesen dauerte nun schon ins dritte Jahr und tat der Sache Eppeles ebensoviel Vorschub, wie es seine zahlreichen Widersacher schädigte.

Die ganze Woche vor Pfingsten 1341 verweilte Eppele zu Nürnberg bei dem Freunde Heinz Pfauentritt, der ihn als einen ehrbaren Handelsmann von Erfurt ausgab, indes auf Drameysl der andere Gailinger saß und munter die Straßen nach Bamberg belauerte. Auch über Pfingsten hielt sich Eppele in dem schönen Hause am Plattenmarkt und beredete mit dem Pfauentritt und seinem Kreise, welcher Tort nun dem Nürnberger Rat wieder anzuhängen wäre. Ging am Dienstag nach Pfingsten langsam den Herrenmarkt hinauf und an Sankt Sebald vorbei, Seite an Seite mit Heinz Pfauentritt, der bedächtig und sehr gravitätisch ausschritt, von welchem Gang er auch seinen Namen hatte. Die Irhergasse wälzte sich ein Auflauf herab, dem immer mehr Volk zuströmte, so daß Eppele und Pfauentritt mitten im Getümmel standen, ehe sie sich dessen versahen. Ein stattlicher Haufe von berittenen Reisigen kam in Sicht und inmitten der Schar ein offener Leiterwagen. Auf einer Schütte Stroh lag ein über und über mit Blut bespritzter Rüstung ein toter Mann, in welchem Eppele auf den ersten Blick seinen Knecht und Doppelgänger Pankraz erkannte. Die Reisigen wiesen auf den Toten und schrien ins Volk, hier läge der Eppele von Gailing, den sie hinter Bayersdorf gefaßt und nach einem wütenden Kampf übermannt hätten.

Der Rat zu Nürnberg versammelte sich aus die Kunde sofort und befahl, den Toten ins Rathaus zu tragen, damit ihm dort sein Recht und Urteil gesprochen würde. Die ehrbaren und wohlweisen Herren zeigten äußerlich die gemessenste Würde, waren im Herzen aber sehr vergnügt und beschlossen einmütig, der tote Eppele von Gailing wäre, vielfacher Räuberei und Plackerei schuldig, über drei Tagen auf dem Scheiterhaufen vor dem Frauentor zu verbrennen, den anderen Raubgesellen zu einer Warnung und abschreckendem Beispiel, daß ein hochachtbarer Rat von Nürnberg nicht mit sich spaßen ließe. Bis zu dem feierlichen Schauspiel wäre die Leiche in einem Sarg zu bergen und in einem wohlversperrten Kämmerlein des Wasserturms am Henkersteg durch einen Wächter Tag und Nacht zu hüten.

Dieser Spruch des Rates wurde Eppele sofort nach der Fällung in das Haus am Plattenmarkt hinterbracht, worauf der Gailinger wohl eine gute Stunde mit Herrn Pfauentritt, dem rasch herbeigeholten Hermann Haubenschmidt und den zwei verwegenen Plattnergesellen Kunrad Dotterweich und Hans Fladenmaul hinter streng geschlossener Tür verhandelte. Als die Verschworenen auseinandergingen, hatten sie vereinbart, aus den drittnächsten Abend nach dem Garaus wieder in Pfauentritts Hause beisammen zu sein.

Spät zur Nacht dieses Tages, an welchem Eppele seinen Leichnam zu Nürnberg gelassen hatte, ritt der Gailinger in den Burghof von Drameysl und jagte alle Knechte aus dem Schlaf. Der Knecht Peter berichtete die näheren Umstände vom Tode des Pankraz, der mit seiner Tollkühnheit geraden Weges in die von den Nürnbergern gelegte Falle und in seinen Untergang geritten war. Noch zwei andere Knechte lagen übel zerschlagen in der Drameysler Wundkammer. Eppele befahl seinen Leuten, sich für den frühesten Morgen bereitzuhalten und einer scharfen Fahrt gewärtig zu sein, was die Knechte mit hellem Jubel aufnahmen. Im ersten Grauen des Tages ritt die Schar der aufgehenden Sonne entgegen, mitten durch das bergige Land, jede Straße meidend und nur die einsamsten Steige benützend. Noch vor dem Mittagsläuten sattelten Eppele und seine Leute in den Ställen der Feste Rothenberg ab, drei Stunden östlich von Nürnberg, freudig begrüßt von dem edlen Konrad von Wildenstein, einem vertrauten Freunde des Gailingers. Der Herr auf Feste Rothenberg sagte dem von Gailing auch alle Hilfe und Bereitschaft zu und ritt andern Tags neben Eppele gegen Nürnberg. Auf einer Lichtung des Reichswalds halbwegs nach Feucht nahmen die Freunde Abschied. Der Wildensteiner blieb mit seiner Schar und den meisten Knechten Eppeles zurück, während Eppele mit Peter und Michel bäuerisch verkleidet die Straße nach Nürnberg weiterzog.

Das Haus am Plattenmarkt lag ganz ohne Licht, als gegen die Mitternacht fünf vermummte Gestalten eine abseitige Hintertür verließen. Voraus schlich Eppele und wußte trotz der Dunkelheit die engsten Gäßlein und Umwege zu finden, so daß sich die doch sehr stadtkundigen Gesellen Kunrad Dotterweich und Hans Fladenmaul solcher Sicherheit höchlich verwunderten. Hinter ihnen tappten zum Beschluß die Knechte Peter und Michel, ihre nackten Schwerter unter den Mänteln bereit, um jeden unberufenen Störenfried auf der Stelle niederzuhauen. Die fünf Schatten bewegten sich über den Neuen Bau nach dem Wasserturm, ein unterdrückter Pfiff tönte durch die Nacht und dann verschwanden sie im Wasserturm. Der Wächter, von den Nürnberger Freunden Eppeles bestochen und in den Plan des Leichenraubs eingeweiht, schloß das Kämmerlein auf, worin der tote Pankraz lag und war behilflich, den Leichnam in einen großen Mantel zu hüllen. Erschrak aber bis ins Mark und kriegte das Zittern an allen Gliedern, da nun Eppele in den Sarg stieg, sich darin, das blanke Schwert im Arm, ausstreckte und dem Wächter befahl, nun wieder den Deckel über dem Sarg zu schließen.

Es war ein prächtiger Junitag, an dem Eppeles Leichnam verbrannt werden sollte. Am Morgen fuhr ein Wagen beim Wasserturm vor und nahm den Sarg auf, neben welchem rechts und links der Henker und sein Knecht Platz nahmen, beide weithin leuchtend in ihren blutroten Gewändern. Voraus und hinterdrein ritten Reisige und zu beiden Seiten des Wagens hielten Fußknechte das Volk mit langen Spießen fern. Eine ungeheure Menschenmenge schloß sich dem Zuge an, der durch das Frauentor auf der Feuchter Straße bis zum Rabenstein vorrückte, wo ein mächtiger Scheiterhaufen geschichtet war. Um diesen Scheiterhaufen schlossen die Stadtknechte einen Ring, hinter dem sich das Volk wimmelnd drängte. Der Stadtrichter trat vor den erhöht aufgestellten Sarg, verlas noch einmal das Urteil und brach den weißen Stab, dessen Stücke er auf den Sarg legte. Meister Joseph, wohlbestallter Henker zu Nürnberg, war eben beschäftigt, die Brandfackel und hernach den Scheiterhaufen zu entzünden, da hob sich plötzlich der Sargdeckel, splitterte in zwei Stücke und heraussprang mit hochgeschwungenem Schwert der tote Eppele. Ein Schrei des Entsetzens gellte über den Platz, der Stadtrichter wich fluchtartig von seinem Platz und Meister Joseph stürzte gar mit der brennenden Fackel vom Scheiterhaufen, während sein Knecht von Eppele einen tüchtigen Hieb mit flacher Klinge empfing, als er zugreifen wollte. Alles wogte in höchster Verwirrung um den Rabenstein und sprengte nun schreiend auseinander, da aus dem ganz nahen Walde beim Lichtenhof ein bewaffneter Haufe brach und die Stadtknechte in ein wüstes Getümmel verwickelte. Der Wildensteiner jagte die Nürnbergischen Knechte hinter das Frauentor und hätte leicht in die Stadt dringen können, über die eine riesige, nachtschwarze Brandwolke aufzog, das Werk der beiden Knechte Peter und Michel.

Drei volle Tage und Nächte wütete der Brand, der bei 400 Häuser in der Dillinggasse und in der alten Hofstatt bis zur Pegnitz hinunter fraß, und war noch nicht gebändigt, als Eppele den Leichnam des treuen Pankraz schon in der Burgkapelle von Drameysl beigesetzt hatte.

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