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Das Buch vom Eppele

Karl Bröger: Das Buch vom Eppele - Kapitel 25
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDas Buch vom Eppele
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
printrun
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectid6801218d
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Wie Eppele durch einen Saueber den Nürnberger Botschaft tat

Drei Stunden eher, als Eppele aus dem fünfeckigen Turm geholt worden war, hatte der rotvermummte Knecht Stephan des Nürnberger Henkers den Roßkamm Elias an das Tiergärtnertor geführt. Dort verlas ein halbvertrockneter Schreiber vom Stadtgericht noch einmal den Ratsbeschluß, nach welchem es dem Roßkamm bei Strafe Leibes und Lebens verboten wäre, sich je wieder im Umkreis von drei Meilen auf Nürnberger Gebiet blicken zu lassen. Der Henkersknecht faßte sodann Elias am rechten Handgelenk, schlug ihm einen derben Hieb auf die Schulter und schob ihn nicht gerade sanft zum Tor hinaus. Elias wanderte seine Straße nach Forchheim fürbaß, den Geschäftsverlust überschlagend, der ihm aus dem Verbot entstehen mußte und war nicht voll zufrieden mit dem Lauf der Dinge. Ein leises Klirren und Klingen von Münze trug ihn jedoch über allen Mißmut weg, denn die 2000 Goldgulden hatte er richtig ausbezahlt erhalten. Vor dem Markte Bruck trieb der Roßkamm ein Fuhrwerk auf, das ihn um geringen Lohn nach Forchheim mitnahm. Zur Dämmerung war Elias in Forchheim, ging zu Fuß nach seinem Hause in der Vorstadt und erschrak zu Tode, als er, kaum über der Schwelle, kräftige Fäuste im Genick und einen Knebel im Hals spürte. Ein rauher Roggensack wurde über seinen Kopf gezogen, schmerzhafte Fußtritte prellten ihm die Rippen und fort ging es in einem Hui, ohne daß er auch nur einen einzigen Laut von sich zu geben vermochte.

Aus Drameysl becherte Eppele mit dem Bund der Dreizehn schon in den zweiten Morgen hinein und noch immer gab sich keiner dem Schlaf, so stark war in allen die Freude über Eppeles kühnen Sprung und seine unverhoffte Rettung. Wolf von Wurmstein schwankte zwar erheblich auf den Beinen, hob aber wohl zum sechsten Male seit einer Stunde den Humpen und trank dem Freund und Schwestermann einen denkwürdigen Schluck zu. Dietrich von Wiesenthau, der Fuchs von Bimbach und Hänslein von Bernheim waren auch nicht faul, hielten tapfer mit und wieherten vor Vergnügen, da Eppele nun der Runde die verdutzten Gesichter vorschnitt, die nach seinem Sprung die Burggräflichen mit denen vom Nürnberger Rat gewechselt haben mochten. Der beste Spaß käme aber erst, warf Eppele ein und dazu wären die Freunde eigentlich geladen. Auf welches Wort hin Pankraz von der Tafel ging, an deren unterem Ende er gesessen hatte, den mächtigen Schlüsselbund vom Gürtel löste und aus dem Saale verschwand. Wenig später klang vor dem Saal ein jämmerliches Geschrei, daß alle Zecher neugierig aufhorchten und die Köpfe nach der Saaltür wendeten, wo ein sonderbarer Aufzug erschien. Voran schritt Pankraz mit einer verdeckten Schüssel und hinter ihm schleppten die Knechte Peter und Michel einen fürchterlich zappelnden Roggensack, aus welchem das Geschrei kam. Pankraz stellte seine Schüssel aus einem Nebentisch ab, indes Peter den Sack kurzerhand aufriß und seinen Inhalt kopfüber auf den Boden schüttelte.

Der Roßkamm Elias hatte vier Tage im tiefsten Verließ von Drameysl gelegen und war vor Angst und Hunger halbtot, wußte aber immer noch genau, daß es nun um seinen Hals ging. Kroch daher auf dem Boden zu Eppele und winselte um sein elendes Leben, bei Moses und der Bundeslade beteuernd, die Nürnberger Ratsherren hätten ihn unter den schärfsten Drohungen zu dem Handel genötigt. Der Fuchs von Bimbach, ein jäher Hitzkopf, hatte schon das Messer hochgerissen, um den Verräter abzutun, doch ein Wort Eppeles rief ihn gleich zur Besinnung. Eppele winkte dem Knechte Michel, der vom Boden ein ledernes Täschchen aufhob und vor seinen Herrn auf den Tisch stellte. Diese Lederkatze samt den darin verwahrten 2000 Goldgulden hatte während der vier Tage Haft bei Elias im Sack gelegen und so den wütenden Hunger und Durst des Roßkamms unerträglich vermehrt. Jetzt zählte Eppele das Geld auf die Tafel, hieß Pankraz die Schüssel vom Nebentisch herübertragen und aufdecken, wobei sich ein leckerer Schweinsschlegel offenbarte, fragte den Juden, ob er essen wollte und stellte ihn vor die Wahl, entweder Gulden zu verspeisen, soviel er könnte oder sich das Fleisch schmecken zu lassen. Elias äugte begehrlich nach den Gulden und schaudernd nach dem verbotenen Fleisch, spürte den Bratenduft verführerisch in der Nase und bedachte schnell, daß gezwungen nicht gesündigt ist. Schnitt also erst zögernd einen Happen von dem Schweinsschlegel, den er widerwillig verkostete, kam über diesen Bissen zu einem zweiten und schlang unter dem gröhlenden Gelächter der umstehenden Ritter und Knechte den Braten so sauber hinein, daß auch nicht die kleinste Schwarte übrig blieb, worauf Eppele die 2000 Goldgulden einstrich und als angemessene Bezahlung für die Mahlzeit erklärte, den Juden binden und von den Knechten Peter und Michel in den Burghof bringen ließ.

Dort tobte bereits, von vier starken Knechten nur mühsam an Stricken gehalten, ein riesiger Saueber und grunzte wütend ob der ungewohnten Haft. Eppele und die Dreizehn mit allen Knechten schlossen um den Eber einen Ring, der Gailinger trat in die Mitte und verkündete, daß dem Roßkamm das Leben geschenkt sei, daß er sich aber selbst verdienen solle durch einen Ritt, wie einen solchen auch der von Gailing unternehmen mußte und darüber sein bestes Roß verlor. Ein Roß wäre ein Judas nicht wert, wohl aber ein so rüstiges Reittier, wie es der stärkste Saueber von Burg Drameysl wäre. Der Rat zu Nürnberg würde den Sauritter gewiß ebenso willkommen heißen, wie er dem Verräter nach Gebühr lohnte. Elias wimmerte erbärmlich, war aber im Nu auf den Rücken des Ebers gelegt und mit festen Hanfstricken daraus gebunden, die Nase nach unten und hinten dicht vor dem Schwanz des ungewöhnlichen Reittieres. Zuletzt befestigte Pankraz auf dem Rücken des Elias und dessen natürlichem Fortsatz ein Pergament seines Herrn an den Nürnberger Rat.

Der Wächter auf dem Neutor zu Nürnberg sah kurz nach der Mittagsvesper auf der großen Straße von Bamberg her eine mächtige Staubwolke, aus der vereinzelt Reiter auftauchten. Er spähte noch eine Weile und lief dann, was er konnte, nach dem Tor, um es zu schließen und die Schlagbrücke niederzulassen. Auf einmal geriet ihm ein grunzendes Etwas zwischen die Beine und warf ihn der Länge nach hin. Der Wächter bekreuzigte sich hastig und sah zugleich blöde nach einem stattlichen Trupp von Reitern, der knapp vor dem Tore hielt und nun unter lautem Lachen die Rosse herumwarf. Der Saueber von Drameysl schoß die Irhergasse hinab und lief beim Rathaus in die Spieße von etlichen Stadtknechten, denen es hinterher ein Wunder schien, daß der auf das Schwein gebundene und ohnmächtige Jude Elias heil aus dem Stechen kam.

Das zwar beschmutzte und etwas verknitterte, sonst aber noch gut leserliche Pergament verbrachte ein Stadtknecht zu dem gerade anwesenden Bürgermeister Franz Schlüsselfelder, der schnaubend und vor Ärger spuckend den folgenden Text las:

An einen hochüberweisen, fürwitzigen und henkerlichen Rat zu Nürnberg!

Ich, Eppele von Gailing, kaiserlicher Reichslehensmann auf Feste Wald bei Gunzenhausen, insgleichen erbeingesessener Herr auf Gailnau, Illesheim, Röllinghausen und Drameysl, bin durch die Gnade meines heiligen Schutzpatrons und durch den willigen Sprung meines Pferdes, wie kein solches in einem Stalle zu Nürnberg steht, heil und wohlbehalten auf meiner Burg Drameysl und sage denen Pfeffersäcken zu Nürnberg für alle Zeit Trotz und Fehde.

Wohlbekannte 2000 Goldgülden, von dem hochüberweisen, fürwitzigen und henkerlichen Rat zu Nürnberg auf meinen Hals bezahlt, sind in meinen Händen und mag der Rat zu Nürnberg dafür den heillosen Juden Elias auf einer Sau empfangen und mit beiden beginnen, was ihm gutdünkt.

Halte aber dafür, daß der Galgen auf dem Säumarkt zu Nürnberg nicht sollte für die Katz gebaut sein! Mag also ein hochüberweiser, fürwitziger und henkerlicher Rat zu Nürnberg tun, was er an mir tun wollte, an dem heillosen Roßkamm oder an dem Saubären von Drameysl, sintemalen die Nürnberger keinen henken, sie hätten ihn denn zuvor.

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