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Das Buch vom Eppele

Karl Bröger: Das Buch vom Eppele - Kapitel 23
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDas Buch vom Eppele
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
printrun
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectid6801218d
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Wie Eppele den Burggraben übersprang und seinen Hals davonbrachte

Der Burggraf zu Nürnberg blies die Ratsherren Jörg Tetzel und Martin Prünstrer nicht schlecht an, die ihm das Verlangen des Rates vortrugen, der Gailinger müßte in das sicherste Verließ des städtischen Lochgefängnisses gelegt werden. Er bedeutete ihnen, daß die Gerichtsbarkeit ihm zukäme, und daß seine Reiter den von Gailing nicht gehascht hätten, damit der Nürnberger Rat den Richter spielen möchte. Der von Gailing verbliebe, wo er sei, im fünfeckigen Turme der Burg, und hätte sein Urteil nirgends anders denn dort zu erwarten. Der hohe Rat dürfte höchstens auf seine eigenen Kosten den Galgen erstellen, an welchem der Gailinger gehenkt werden müßte, welche Aussicht Herrn Jörg Tetzel wieder halb und halb versöhnte.

Schwer in Eisen lag Eppele die zehnte Nacht schon im Turm, da rasselte nächsten Morgens die dreifach gesicherte Tür, und hereinschritt der Burggraf selbst in Begleitung der vom Rate zu Nürnberg abgeordneten Ratsherren Friedrich Tucher und Michael Imhoff. Des Gailingers Ketten fielen und in einem Ring von Spießen wurde Eppele nach dem Burghof geführt. Hoch atmete Eppele die schmeichelnd warme Luft der Sommerfrühe und spähte unter den Wimpern vor angespannt den Burghof aus. Er sah Reisige und wieder Reisige und in der Mitte der Freiung einen Kreis höchst würdiger und ehrbarer Männer. In diesen Kreis wurde der Gailinger nun geführt und erhaschte im raschen Aufblick die Gesichter seiner Feinde, darunter auch das immer verdrossene Antlitz des Herrn Jörg Tetzel, der den totgeweihten Mann, Sohn eines alten, ritterlichen Freundes und Jugendgespiel seiner einzigen Tochter, griesgrämig mit Blicken abtastete und wohl nach dem Verbleib jener 8000 Goldgulden forschte, die für Herrn Jörg Tetzel Inbegriff des Namens Gailing war.

Ein Schreiber trat zu dem Burggrafen heran und reichte ihm mit tiefer Verbeugung eine Pergamentrolle, auf der Eppeles Urteil verzeichnet war. Die umstehenden Dienstmannen des Burggrafen und die Ratsherren von Nürnberg legten die Gesichter in ernste, würdevolle Falten, als der Burggraf dieses Urteil verlautbarte, wonach der Ritter von Gailing, kaiserlicher Reichslehenmann auf Feste Wald und erbeingesessener Herr aus Gailnau, Illesheim, Röllinghausen und Drameysl, mehrfacher Verletzung des burggräflichen Geleitsrechtes und viel schändlicher Gewalttat schuldig, auf offenem Markte zu Nürnberg an seinem Hals gehenkt werden sollte. Zur Begründung des Spruches waren die schlimmsten Taten Eppeles aufgezählt, welche Aufzählung der Ratsherr Jörg Tetzel kopfnickend genau verfolgte und bei Erwähnung jener 8000 Goldgulden einen dankbaren Blick erst nach dem Burggrafen und dann aufwärts zum Himmel schickte.

Eppele hatte das Urteil völlig unbewegt hingenommen und bewies seinen kaltblütigen Sinn auch jetzt bei der Frage des Burggrafen, ob der Ritter von Gailing noch einen letzten Wunsch und Willen äußern oder auf solches Recht verzichten möchte. Der Gailinger senkte erst den Kopf, hob ihn dann frei und meinte, einem rittermäßigen Manne stünde es wohl an, bevor ihn der Nachrichter übernähme, noch einen Ritt und damit dem treuesten Freund eines Ritters, seinem Roß, die letzte Liebe zu tun. Würde der Rat von Nürnberg ihn doch kaum hoch zu Roß henken wollen, und es also in der Tat das allerletztemal für ihn fein, daß er ein Roß zwischen den Schenkeln hätte, vorbehaltlich der Hoffnung, in jener anderen Welt gäbe es auch Pferde, wessen er nun ja bald kundig würde. Solche schier vermessen witzige Rede hatte keiner erwartet und die Herren vom Nürnberger Rat schauten recht ungnädig dazu. Herr Jörg Tetzel rang die Hände und trat von einem Fuß auf den andern, weil der Burggraf Eppeles Wunsch gewährend aufnahm und Befehl gab, das Roß vorzuführen.

Der sehnige Rapp wieherte freudig seinen lang vermißten Herrn an und rieb die Nüstern an Eppeles Schulter, da nun der Gailinger zu ihm trat, den feinen Hals zärtlich derb klatschte und dann mit einem leichten Satz auf den Rücken des ungesattelten Tieres sprang. Schlaff ließ Eppele die Arme hängen, lenkte das Pferd nur mit den Schenkeln und trabte langsam den Burghof aus, beim zweiten Male den Kreis weiter ziehend und nach einer Lücke im waffenstarrenden Ring der Reisigen spähend, die er auch hart an der Mauerbrüstung entdeckte. Beim dritten Umritt hielt Eppele den Rappen unauffällig auf diese Lücke hin, duckte sich mit eins ganz tief zur Kruppe des Pferdes und preßte die Schenkel mit aller Kraft ein. Steil stand das Roß einen Herzschlag lang auf den Hinterbeinen, schnellte dann in einem gewaltigen Satz über die Köpfe der Reisigen, die stumm und starr den unbegreiflichen Vorgang geschehen ließen und landete, ehe sich der Bann noch gelöst hatte, jenseits des Grabens. Eppele richtete sich drüben hoch auf und schwenkte die Hände grüßend nach der Freiung zurück, wo nunmehr alles in wilde Bewegung kam und nach dem Mauerkranz drängte. Um ein Haar wäre dabei Herr Jörg Tetzel in den Wallgraben gestürzt, da er im Übermaß der Enttäuschung völlig benommen war. Seine Flüche, die er dem verwegenen Reiter nachrief, waren schon mehr ein ersticktes Weinen und erreichten Eppeles Ohr auch gar nicht mehr, der zwischen den Gärten hinter der Feste verschwand. Aus dem Neutor, dem Tiergärtnertor und dem Vestnertor donnerten reisige Haufen und erfüllten mit ihrem Waffenlärm einen ganzen Tag lang das weite Knoblauchsland und den Reichswald, ohne jedoch dem Flüchtling auf die Spur zu kommen.

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