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Das Buch vom Eppele

Karl Bröger: Das Buch vom Eppele - Kapitel 2
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDas Buch vom Eppele
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
printrun
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid6801218d
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Eppeles Geburt und wie er sogleich den Pfaffen Isidor taufte

Herr Arnold von Gailing, Reichslehenmann auf Feste Wald bei Gunzenhausen und Burgherr von Gailnau, Illesheim, Röllinghausen und Drameysl im fränkischen Land, durfte sich nur etlicher Wochen seines erstgeborenen Sohnes freuen. Seine fromme Frau Jutta nahm dieses Schicksal für eine Mahnung des Himmels und gelobte die nächste Frucht ihres Leibes der heiligen Kirche, welcher gottgefällige Verspruch nicht ohne die kräftige Nachhilfe des Burgkaplans Isidor geschah. Herr Arnold von Gailing hatte sich zuletzt brummend in das Gelöbnis gefügt, zumal auch der tapferste Ritter nicht bestehen kann, wenn Frau und Pfaffe gegen ihn verbündet sind. Insgeheim hoffte Herr Arnold, der nächste Sproß seiner Lenden möchte ein Maidlein werden, durch welchen Wunsch er gewiß keinen Betrug am Himmel beging, in dessen Macht es wohl steht, ob Knabe oder Mädchen.

Als aber die Nachricht kam, Frau Jutta wäre glücklich wieder eines Sohnes entbunden, zupfte Herr Arnold von Gailing unwirsch den rabenschwarzen Bart und maß dröhnend die Burgstube von Schloß Illesheim auf ihre Länge und Breite. Hinter ihm ging wie ein verkrüppelter Schatten der Pater Isidor und erinnerte mit vielen gewundenen Worten an den Verspruch der edlen und frommen Dame Jutta. Dabei vergaß Pater Isidor jedoch auch der sehr weltlichen Vorteile dieses Seelenverkaufs nicht und stellte Herrn Arnold eindringlich vor, welches geruhige, aller Sorgen und Anfechtungen enthobene Leben sein eben geborener Sohn einmal führen würde. Ein Ritter und kleiner Lehensmann müßte sein Brot schon bald auf der Landstraße holen, einem Chorherrn von Würzburg aber trügen es die Leute gern und reichlich an den Tisch. Herr Arnold dürfte doch nur des eigenen Bruders Erkenbrecht gedenken, der doch als Chorherr im Würzburger Stift Sankt Burkhardt an Fülle des Geistes wie des Leibes wahrlich nur gewonnen hätte.

Ritter Arnold, des Wortes wenig mächtig, doch von gesundem Verstande, nahm die Reden des Mönches ohne viel Gegensprache hin und wog bei sich nur ab, was darin etwa von weltlichem und geistlichem Nutzen sein könnte. Die Zeitläufte mußten jedem ehrsamen Ritter zuwider sein. Alle standen gegen alle, und nicht einmal das kaiserliche Haupt Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war vor Gewalttat sicher. Hatte nicht vor drei Sommern erst der Habsburger Albrecht unter den Schwerthieben des eigenen Neffen Johann von Schwaben ausgeblutet? Nun war der Luxemburger Graf Heinrich zwar zu Aachen gekrönt. Doch in welcher welschen Stadt mochte er zurzeit Hof halten? Frecher, immer frecher wuchsen die Städte auf, pochten auf eigene, vom Reich verliehene Rechte und maßten sich freie Fahrt auf Fluß und Straße an, wo doch seit alters der Ritterbürtige schatzen durfte, was ihm gefiel. Ging nicht der Bauer in Wehr und Waffen, als wäre es nicht mehr seine gottgesetzte Pflicht, den Pflug zu führen und den Zehnten ordentlich am Gelttage zu entrichten? Und führte das alles nicht dahin, dem edelbürtigen Ritter die Notdurft zu schmälern, daß er bald selbst den Pflug in die Hand nehmen oder Krämerei wie die Nürnberger Pfeffersäcke treiben sollte?

Einen mächtigen Zug aus dem Humpen voll Frankenwein mußte Herr Arnold von Gailing tun, um all dieses Widerwarts der Zeiten Herr zu werden. Dem Kaplan Isidor schien der Augenblick günstig, den Ritter festzupichen auf seiner Ehefrau Gelöbnis, doch empfing er auf alle Anzapfung nur die unerwartete Rede, er, Arnold von Gailing, der Vater, wolle das Kind erst einmal sehen.

Es war kein sonderlich ansehnliches Stück Menschenfleisch, das da an Frau Juttas Seite im Wochenbett lag und quäkende Nasenlaute von sich gab. Herr Arnold betrachtete den Sprossen, nachdem er sein Weib innig geküßt hatte, aufmerksam und nachdenklich und spürte einen gelinden Stich unter seinem Herzen. Dieser Dreispannenlang würde kaum je ein Pferd tummeln und ein Schwert schwingen können. Mochte ihn also die Kirche behalten, der er schon vor Geburt zugesprochen war.

Pater Isidor rief in seiner Freude alle Heiligen des Himmels an, daß sie die Rede des ehrenwerten Ritters von Gailing bezeugen möchten, und Frau Jutta reichte dem Beichtvater bewegten Herzens den Sohn, ihn doch vor der Taufe zu segnen. Damit schien jedoch der jüngste Gailinger ganz und gar nicht einverstanden, sondern hub ein Zetern an, wovon die Wände der Wochenstube bebten. Der Burgkaplan erklärte dieses Geschrei sogleich für ein günstiges Zeichen des Himmels, da eine starke Stimme doch zum allernötigsten Rüstzeug eines Gottesmannes gehöre, um die Schrift laut und vernehmlich zu lehren. Auch sonst entdeckte Pater Isidor an dem Säugling nicht wenige Merkmale des künftigen Priesters und verbreitete sich salbungsvoll über solche Merkmale.

Der junge Gailinger achtete dieser frommen Reden gar nicht, sondern schrie, was aus dem Halse ging und zappelte wild in den fleischigen Mönchshänden. Und da geschah es denn: Als Pater Isidor eben die rechte Hand hob, den jüngsten Diener der Kirche zu segnen, rieselte es silbern hell aus dem natürlichen Brünnlein auf und ergoß sich warm über Hand und Knie des Pfaffen. Pater Isidor schwieg plötzlich, Herr Arnold von Gailing guckte erst und prustete dann dröhnend los, und Frau Jutta verbarg ihr Lächeln schämig hinter dem hohen Betthimmel.

So hatte Eppelein von Gailingen den Pater Isidor getauft, ehe denn er selbst zum Taufwasser und zu einem Namen gekommen war.

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