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Das Buch vom Eppele

Karl Bröger: Das Buch vom Eppele - Kapitel 10
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDas Buch vom Eppele
publisherJ. H. W. Dietz Nachfolger
printrun
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
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Eppele stöbert die Klöster zu Nürnberg aus, sagt einem hohen Rat geziemend ab und stiftet den Bund der Dreizehn

Die Wächter am Spittlertor zu Nürnberg bekreuzten sich ehrbietig am Donnerstag nach Ostern 1332 vor einem schlanken Mönch und zeigten dem frommen Manne, jung an Jahren, doch ernsten, gesetzten Auftretens, bereitwillig den Weg zum Kloster an der Barfüßer-Brücke. Die Brüder vom Barfüßer-Orden hingen treu dem Kaiser deutscher Nation an, der zurzeit Ludwig der Bayer hieß, und teilten geruhig den Kirchenbann, den der Avignoner Papst über Ludwig und seine Anhänger gesprochen hatte. Ihr Nürnberger Prior, der dürre und düstere Abt Anselmus, grüßte den jungen Ordensbruder Fidelis herzlich und wies ihm eine gastliche Zelle gleich neben dem Bruder Pförtner an. Bruder Fidelis dankte bescheidentlich, verwickelte den Prior in ein lebhaftes Gespräch über geistliche und weltliche Dinge und fragte beiläufig nach dem Hause eines ehrenwerten Handwerkers Heinz Pfauentritt am Plattenmarkt, wohin er von seinen Oberen in Bamberg gewiesen sei.

Herr Heinz Pfauentritt war wenig erbaut, als ihm der Besuch eines jungen Barfüßers gemeldet ward. In der Herrenstube seines Hauses am Plattenmarkt hatten sich eben einige Freunde versammelt, der Blechschmied Rex, der Harnischmacher Haubenschmidt und von Gesellen der beredte und weitgereiste Kunrad Dotterweich, mit denen Heinz Pfauentritt eifrig besprach, wie wohl der Herrschsucht und dem Übermut der Nürnberger ratsfähigen Geschlechter zu steuern wäre. Pfauentritt berichtete von seiner so schmählich mißlungenen Werbung für seinen Freund, den jungen Ritter von Gailing, bei dem Ratsherrn Jörg Tetzel, und wie ihm, dessen Geschlecht doch zu den Ehrbaren der Stadt gehöre, dabei mitgespielt worden sei. Herr Eppele von Gailing wäre übrigens kaum der Mann, solchen Schimpf ruhig hinzunehmen, wovon sich der Nürnberger Rat und sonderlich Herr Jörg Tetzel bald überzeugen könnten. Soweit war die Rede Pfauentritts gediehen, als ihm der Barfüßer gemeldet wurde. Jedem anderen Besuch hätte sich Heinz Pfauentritt verleugnet, doch die Brüder vom Barfüßer-Orden hatten gegen den Nürnberger Rat die gleichen Klagen und ermunterten insgeheim Pfauentritt und seine Freunde, den hochnäsigen Kaufherren das Volk abspenstig zu machen.

Im halbdunklen Treppengang wartete der Mönch, die Kapuze tief über den Kopf gezogen, und erwiderte den Gruß des Hausherrn nur durch eine stumme Verneigung. Während noch der Pfauentritt den Mönch forschend musterte, hob dieser plötzlich den Kopf und warf die Kapuze in den Nacken, so daß Heinz Pfauentritt überrascht zurückwich und um ein Haar von der Treppe gefallen wäre. Vor ihm stand nämlich – Ritter Eppele von Gailing, mit den listig-lustigen Schwarzaugen zwinkernd und den gehobenen Zeigefinger am Munde. Schnell hatten sich die beiden Freunde verständigt, wobei Pfauentritt die Anwesenheit seiner verschworenen Gesellen kundtat. Es wären alles Leute, denen erst die Kinnbacken aufgebrochen sein müßten, ehe wer aus ihrem Munde ein Wort vernahm, das sie nicht sagen wollten. Die ehrbaren Meister Rex und Haubenschmidt und der wackere Geselle Kunrad Dotterweich erkannten denn auch nach kurzer Wechselrede, daß der junge Ritter von Gailing ein Mann ihres Herzens sei und Eppele freute sich aufrichtig der Bekanntschaft mit den drei Männern, denn für seinen Kampf gegen den Nürnberger Rat brauchte es treue und verschwiegene Helfer. Eppele eröffnete dem Pfauentritt und seinen Freunden, warum er nach Nürnberg gekommen sei und was der Mummenschanz mit der Mönchskutte zu bedeuten hätte. Sicher sei die Jungfrau Agnes Tetzelin in einem Frauenkloster zu Nürnberg verwahrt. Doch er wollte sie schon aufspüren und nach Drameysl verbringen, zu welchem löblichen Vorsatz er sich aller Hilfe und Handreichung seiner Freunde versehe. Was von Pfauentritt und den übrigen mit kräftigem Händedruck zugesagt wurde.

Die folgenden drei Tage und Nächte war Eppele hinter jedem Nonnengewand her, besuchte am Tag als frommer Bruder Fediles die Schwestern von Sankt Katharina und Sankt Klara und belauerte des Nachts die Pforten der Klöster wie auch das Tor des großen Hauses am Dillinghof, unterstützt von denen um Pfauentritt und von seinem inzwischen aus Drameysl herberufenen Vertrauten, dem verwegenen Knechte Pankraz. Doch keine Spur der Agnes Tetzelin war zu entdecken, so daß Eppele enttäuscht und noch mehr ergrimmt von der Suche abstand und am vierten Abend im Geleite eines Warenzugs Nürnberg verließ. Den Knecht Pankraz hatte er fünf Stunden vorher bereits weggeschickt mit der Weisung, zwei Pferde zu besorgen.

Am nächsten Morgen in aller Frühe hing am Spittlertor ein Brief Eppeles, der also lautete:

Einem hochmögenden und ehrenfesten auch wohlgeneigten Rate zu Nürnberg kund und zu wissen, daß ich, Ritter Eppele von Gailing, Herr auf Feste Wald und insgleichen auf Gailnau, Illesheim, Röllinghausen und Drameysl, kaiserlicher Lehensmann, von christlicher und ehelicher Geburt und aus schildbürtigem Geschlechte der Tochter des Herrn Jörg Tetzel, Mitglied eines hochmögenden, ehrenfesten auch wohlgeneigten Rates, in Ehren zugetan und versprochen, dazu auch willens bin, benannte Jungfrau Agnes Tetzelin zur ritterlichen Hausfrau zu nehmen. Hat aber Herr Jörg Tetzel für gut befunden, mir, Ritter Eppele von Gailing, Herr auf Feste Wald, insgleichen auf Gailnau, Illesheim, Röllinghausen und Drameysl, solches Recht und christliche Begehren grundlos und mit kränkender Rede abzustreiten, was kein ehrlicher Ritter leiden mag.

Darum hier meinen redlichen und bestimmten Willen einem hochmögenden, ehrenfesten auch wohlgeneigten Rate zu Nürnberg: Er wolle Herrn Jörg Tetzel vermögen, daß er mir, Ritter Eppele von Gailing, Herr auf Feste Wald, insgleichen auf Gailnau, Illesheim, Röllinghausen und Drameysl, kaiserlicher Lehensmann, von christlicher und ehelicher Geburt und aus schildbürtigem Geschlechte, die Jungfrau Agnes Tetzelin zur ritterlichen Hausfrau benebst einem Eheschatz von 8000 Goldgulden begibt.

Über dreien Tagen, von heute an gerechnet, erwarte ich, Ritter Eppele von Gailing, Herr auf Feste Wald, insgleichen auf Gailnau, Illesheim, Röllinghausen und Drameysl, zusagenden Bescheid auf meiner eigenen Burg zu Drameysl, ansonsten ich mein gebührendes Recht und die 8000 Goldgulden bis auf den letzten Stüber von denen Ballenbindern zu Nürnberg fordern und zuversichtlich einholen will.

Eines hochmögenden, ehrenfesten auch wohlgeneigten Rates zu Nürnberg freundwilligster Diener

Eppele von Gailing.

Dieser deutliche Absage-Brief trug zunächst den städtischen Scharwächtern am Spittlertor einen derben Rüffel des Nürnberger Rates ein mit dem unwirschen Bedeuten, künftigen Falles würden unaufmerksame, wohl gar ihre beschworene Pflicht verschlafende Stadtknechte in Eisen gelegt. Die vermahnten Scharwächter am Spittlertor murrten über solchen Bescheid, doch mehr noch murrten die Ratsherren in der Versammlung über die Rede Jörg Tetzels, die eine strenge Ablehnung und stolze Zurückweisung der Ansprüche Eppeles forderte. Erst nach langem Hin und Her und Für und Wider drang Herrn Jörg Tetzels Ansicht mit drei Stimmen Mehrheit durch.

Eppele nahm die von einem Stadtknecht überreichte hochfahrende und völlig ablehnend gehaltene Antwort des Nürnberger Rates scheinbar gelassen hin. In der Burgstube aber stampfte er zornrot den Boden, schrie nach seinem Leibknecht Pankraz und trug diesem auf, das Pergament an die Türe zu heften, damit es stets von ihm gesehen werden könnte. Setzte sich hernach hin und schrieb an zwölf ritterliche Freunde, von denen ihm bekannt war, daß sie den Nürnbergern auch nicht grün seien. Er bat die Zwölfe zum 1. Mai auf Burg Drameysl, wo er in ihrer Gesellschaft und bei lustigem Bechern den Antritt des väterlichen Erbes feiern wolle. Solche Bitte erging an die Jugendfreunde Dietrich von Wiesenthau, Wolf von Wurmstein und Jörg Fuchs von Bimbach, weiter an die edlen Herren Albrecht Eisenhut, Kunz von Hauenstein, Adam von Crailsheim, Fritz von Gottenhofen, Walch von Leonstein, Hans von Cronheim, Fritz Steinberger von Gunzenhausen, Götz Holtz von Jachsberg und Hänslein von Bernheim.

Im Abstand von nicht mehr als zwei Stunden kamen alle gebetenen Freunde angeritten, begleitet von zwei oder drei Knechten, und verfügten sich in den großen Bankettsaal, Küche und Keller von Drameysl gebührend zu ehren. Die trotz ihrem grauen Haar noch sehr rüstige Wirtschafterin Ursula hatte nichts gespart und empfing freudestrahlend die Lobsprüche des Burgherrn und seiner Gäste für ihre vorbildliche Kochkunst. Es gab Wildbret in drei Zurichtungen, saftigen Braten von Rind und Schwein, trefflich gewürzt und mit wohlschmeckenden Kräutern aufgetragen, feiste Krammetsvögel und als Krone des ganzen Mahles die weitum im fränkischen Gau berühmten Forellen aus der quellklaren Wiesent, so zart von Fleisch, daß sie auf der Zunge schmolzen. Dazu tranken die Gäste Ingwerbier und später Kitzinger und Würzburger Weine aus ansehnlichen Humpen, wobei sie fleißig mit dem Hausherrn und unter sich auf gute Gesundheit und Freundschaft anstießen. Lauter junge, kraftstrotzende Männer, von denen nur Herr Albrecht Eisenhut die Dreißig schon erreicht hatte, brach in ihrem Kreis bald die munterste Laune durch und entlud sich in fröhlich lärmendem Gespräch, zu dem in der Saalecke ein Fiedler aufspielte. Gegen Abend glänzten alle Gesichter vor Behagen und Herr Arnold von Crailsheim fand einhelligen Beifall, als er in fein überlegter Rede dem Gastherrn des Tages freundnachbarlichen Dank für Trunk und Atzung zollte, mehr noch aber für die festliche Laune beim Empfang und im bisherigen Verlauf des Treffens. Eppele verneigte sich lächelnd vor der Freundesrunde, trank reihum zu und begann seine Antwort mit dem höflichen Hinweis, daß es für einen rechten Ritter wohl keine schönere Erholung geben könnte als in einem Kreise ehrenfester Freunde zu trinken und zu planen, wie denn von altersher die Ritterschaft Blüte und Vorbild edler Geselligkeit gewesen wäre. Doch wie lange könnte sie es noch bleiben, gedrückt von Widersachern oben und unten, in einer Zeit, der ritterliches Recht und Wesen nur als Anmaßung gelte? Jeder Pfeffersack zu Nürnberg dünke sich heute schon hochgeboren und suche es an Glanz und Pracht dem schildbürtigen Ritter zuvor zu tun. Trüge nicht jeder junge Gewürzkrämer goldene Sporen, was doch nur einem Ritter anstehe und vielleicht noch einem edelbürtigen Knechte nach seinem dreißigsten Jahr? In den Schatullen und Kasten der Stadtbürger fände bald kein Goldgulden mehr Platz, während der Ritter Roß und Schloß verpfänden und hernach zusehen müßte, wie er aus dem mageren Zehnten der Bauern soviel erschinde, um sich wieder zu lösen.

Die zwölf Ritter reckten ihre heißen Köpfe zu dem des Wortes hinreißend mächtigen Sprecher und pflichteten ihm laut und bekräftigend bei. Doch – so fuhr Eppele fort – nicht nur die aufgeschwemmten Ballenbinder zu Nürnberg und anderswo hemmten den ritterlichen Stand, auch die Fürsten und Pfaffen vermeinten es ihm nicht zu gut, zögen immer mehr Lehen an sich und möchten den freien Rittersmann am liebsten nur noch in ihrem höfischen Dienste blicken. Hoch sei es an der Zeit, daß sich eine ehrsame Ritterschaft dagegen erhebe und einen festen Damm aufwerfe gegen die Krämer, Fürsten und Pfaffen, weshalb er, Eppele von Gailing, die hier versammelten Ritter und Freunde aus Franken ernstlich befrage, ob sie nicht einen Bund zu gegenseitigem Schutz und Trutz begründen und aus allen Kräften fördern wollten.

Der von Wiesenthau, der von Gottenhofen und allen voran Herr Jörg Fuchs von Bimbach sprangen von ihren Sitzen empor, schüttelten erbost die Fäuste in der Richtung gegen Nürnberg und erklärten auf der Stelle ihre Bereitschaft zu einem solchen Bunde. Eppele beschwichtigte die drei feurigen Gesellen und legte der wieder aufhorchenden Runde dar, wie er sich die Stiftung des Bundes gedacht hätte nicht hier in der Burg, sondern in einem nahen Walde bei einer arg unheimlichen Stelle, und auch nicht jetzt, sondern zur mitternächtigen Stunde, damit voller Ernst und rechte Kraft hinter dem Gelöbnis sei. Wer allerdings den leibhaftigen Gottseibeiuns und seinen höllischen Troß fürchte, der bliebe besser zurück, denn es gedächte wohl jeder daran, daß heute Walpurgisnacht sei. Mit dröhnendem Gelächter nahmen die Zwölfe diese Wendung Eppeles hin, verschwuren sich bei Himmel und Hölle seinem vorgetragenen Plan und beredeten unter sich die Einzelheiten, indes Eppele die letzten Vorkehrungen für den Schwur im Drudenhain traf. Zu der Zeit etwa betrat das arme Bäuerlein Veit aus dem Dorfe Wohlmannsgesees zitternd und bebend den unheimlichen Ort und bekreuzigte sich vor jedem der regelmäßig geordneten Felsblöcke, die im schwachen Mondlicht wie Kirchenbänke aussahen, in der Mitte überhöht von einem größeren und breiteren Block, täuschend einem Altar ähnlich. Das Bäuerlein war gekommen, den großen Schatz zu heben, der seit grauen Zeiten im Drudenhain vergraben sein und nur in der Walpurgisnacht gehoben werden sollte. Unter vielem Seufzen und Litaneien zog der Schatzgräber den schützenden Kreis um sich und wollte eben den ersten Spatenstich tun im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes; da erstarrte er wie zu Stein und alle Haare seines einfältigen Hauptes sträubten sich. Vom Rande des Buchengehölzes klang ein höllischer Lärm, Lichter hüpften auf und ab und Veit sah, was er Zeit seines Lebens beschwor, einen kohlrabenschwarzen Mann auf sich zukommen, hinterdrein eine Schar von zwölf ähnlichen Gesellen. Entsetzt und mit wildem Geschrei rannte das Bäuerlein davon, strauchelte vor würgender Angst und wurde wieder aufgehetzt durch das schallende Hohngelächter hinter ihm, das den letzten Zweifel an seiner Begegnung mit dem Teufel und seinem Hofstaat zerstreute.

Die Zwölfe nahmen in den Felsblöcken Platz. Eppele schritt an den alten Heidenstein, kehrte sich nach den Zwölfen um und fragte sie, ob sie noch fest bei ihrem Willen stünden, der dahin ziele: Einen Bund auf Gedeih und Verderb zu errichten, den Bund der Dreizehn, weil dreizehn unbescholtene Ritter ihm angehörten. Ob sie sich weiter binden wollten auf die Verpflichtung, zu jeder Fehde mit dreizehn Knechten auszureiten, keinem mehr und keinem weniger, und nach jeder dreizehnten Woche an einen wechselweise zu vereinbarenden Ort zu kommen und die gemeinsamen Pläne zu bereden. Dreizehn Arme reckten sich zum nächtlichen Himmel und feierlich klang der Schwur, bei der Heiligen Dreifaltigkeit, der unbefleckten Jungfrau Maria und allen Heiligen des Himmels dem eben beschlossenen Bunde Treue bis zum Tode zu halten.

Burg Drameysl glänzte in dieser Nacht mit vielen Lichtern ins Land und im grauenden Morgen war noch Gesang weinschwerer Kehlen zu hören, zuletzt dieses Chorlied:

Bald reiten wir von hinnen
zu rechtem Trotz und Spott.
Laß uns ein Beut gewinnen,
du großer Herre Gott.
Dann wollen wir dich loben
mit Zinken und Schalmein
in deinem Himmel droben
und fromme Ritter sein.

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