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Das Buch der guten Werke 1914-1918

Bernhard Diebold: Das Buch der guten Werke 1914-1918 - Kapitel 9
Quellenangabe
authorBernhard Diebold
titleDas Buch der guten Werke 1914-1918
publisherSocietäts-Verlag
year1932
correctorJosef Muehlgassner
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Gefangenschaft

Wie man Gefangene macht

Am 27. September 1915, nachmittags ein Uhr, griff meine Kompagnie 10/254 die etwas höher gelegene russische Postierung bei Shuprany hinter Wilna an. Bei geringer Artillerie-Vorbereitung gingen wir vor und kamen etwa 200 Meter an die Russen heran. Auf einmal erhielten wir ein so mörderisches Feuer, daß mancher Kamerad in das Gras beißen mußte, und ich war sozusagen der erste, der einen Bruststeckschuß erhielt. Während des feindlichen Artillerie- und Maschinengewehr-Feuers wurde ich von dem heldenmütigen Sanitäter meiner Kompagnie verbunden, der Name ist mir aus dem Gedächtnis entschwunden, von Beruf glaube ich, Friseur. Nach einiger Zeit kam ich wieder zur Besinnung und sah, wie vier russische Soldaten auf mich zukamen. Von deutschen Soldaten sah ich nichts mehr. Nur ab und zu krepierte noch eine Granate in dem nassen Wiesengelände. In dem Moment wußte ich aber nicht: bin ich in Gefangenschaft oder nicht?

Ein deutschsprechender Russe gab mir sofort zu verstehen, daß nicht ich sein Gefangener wäre, sondern – das Gegenteil wäre der Fall! Verkehrte Welt! Mein Dolmetsch befahl nun den anderen Russen, mich in die Zeltbahn zu legen, und nun schleppten diese vier Russen ihren »Besieger« im strömenden Regen nach einem Verbandsplatz von einer ganz anderen Division. Auf dem ganzen Weg ist uns kein deutscher Soldat begegnet, und ich war daher froh, daß mich diese braven Ruski mit aller Sorgfalt glücklich durchbrachten.

Vor lauter Freude, daß ich nach einem Verbandsplatz kam, wollte ich aus Dankbarkeit dem deutschsprechenden Russen etwas geben, aber leider hatte ich keinen Zucker, weder Brot noch Zigaretten in meiner Tasche, bzw. Brotbeutel. Daraufhin gab mir der gefangene Russe eine Zigarette und einen Knopf von seinem Uniformrock, den ich heute noch in meinem Besitz habe als Andenken.

Philipp Stroh, Architekt, Sprendlingen.

Passion

Mit einer Marschkompagnie des Infanterie-Regiments 92 von K. auf den italienischen Kriegsschauplatz transportiert, wurden wir Anfang Jänner 1918 dem Infanterieregiment 100 in Ceggia zugeteilt. In der Offensive vom 15. Juni 1918 war unser Regiment als Reserve bestimmt, wurde aber schon am 16. Juni eingesetzt. Am 18. Juni nachmittags mit einem Polen als Telephonpatrouille zur Leitungssuche ausgeschickt, ging derselbe trotz meiner Vorhaltungen rechts und ich nach links, plötzlich knallte es mir um die Ohren, eine Kugel streifte meinen Stahlhelm am Kopfe, ich renne schnell zu einem Gebüsch, schmeiß mich nieder – und wie aus der Erde gewachsen, stehen drei Italiener vor mir. Ein schneller Blick in die Runde – von allen Seiten kamen sie. Das Spiel war aus; gefangen.

Nach mehrstündigem, bis in die Nacht dauerndem Marsch, endlich Halt. Wo wir standen, fielen wir um, nur schlafen, schlafen. Im Morgengrauen des 19. Juni weiter nach Capello bei Treviso. Dort erhielten wir die erste Menage: Fischkonserven, fünf Mann ein Brot und einen viertel Liter Wasser! Am 21. Juni abends wurden wir mehrere tausend Mann Gefangene mit der Bahn nach Ferrara ins Zeltlager abgeschoben. Bei Tag furchtbar heiß, in der Nacht kalt und neblig, sumpfige Gegend, und der Durst. Um dem abzuhelfen, folgten wir nach langem Zögern dem Beispiel anderer, gruben mit unseren Eßlöffeln und den Zeltpflöcken ein Meter tiefes Loch in die Erde, und dieses Grundwasser tranken wir dann. Die Folgen: Durchfall und zum Schluß die Ruhr. 25. August mit der Bahn von Ferrara nach Mantua. Sieben Uhr abends von dort 16 Kilometer Marsch, am Wege zusammengebrochen, aufs Lastauto verladen, im Lager wieder isoliert. 28. August erst zur Visite, italienischer Arzt, sehr human, verordnet Spitalspflege. Am 31. August erschöpft und ganz heruntergekommen, sollte ich den vier Stunden weiten Weg zu Fuß machen. Mein Begleitmann, ein italienischer Zugsführer, erbarmte sich, zwang einen Bauern mit seinem zweirädrigen Karren und vorgespannten Muli, Halt zu machen, uns mitzunehmen, und so kam ich, obwohl gerädert und geschunden, doch leichter ins Spital nach Mantua.

Unter lauter Italienern untergebracht, gut behandelt, gutes Essen, einen viertel Liter Wein täglich, am vierten Tage, unter gefangenen Oesterreichern der einzige Deutsche, kam ein verwundeter Italiener ins Zimmer und frug nach Deutschen. Ich konnte kaum gehen, doch Pietro, mein neuer Freund, sprach: Komm mit in den Hof in die Sonne, das ist besser als im Bett liegen. Es ging mir jetzt gut; er war besorgt um mich. Von ihm erfuhr ich auch, daß die Offensive nutzlos war und die Oesterreicher wieder über die Piave zurückgehen mußten. Bei der Visite am 7. September wurde ich mit einem slovenischen Zugsführer, ebensolchem Korporal und einem kroatischen Serben, der sich immer als Jugoslaven bezeichnete, für ein Rekonvaleszentenheim bestimmt.

Pietro, der sich lange Jahre in Deutschland und Oesterreich aufgehalten hatte, gab mir beim herzlichen Abschied drei Lire und die besten Wünsche auf den Weg. Diesen Mann werde ich nie vergessen. Am 8. September fuhren wir vier mit zwei Begleitmann nach Vigasto. Im Waggon von italienischen Soldaten verlacht und verspottet, nahm sich unser ein Feldwebel an, gebot Ruhe, unterhielt sich mit uns, so gut es ging, da wir außer dem Jugoslawen, der schon länger gefangen war, nicht viel italienisch konnten. Auch die anderen wurden neugierig, und zum Schluß, als wir aussteigen mußten, hatte jeder von uns Vieren in seinem Brotsack außer Obst und Brot noch andere Kleinigkeiten.

Am Bahnhof in Vigasto erlebten wir aber erst das Beschämendste. Aus entgegengesetzter Richtung kam ein Zug voll amerikanischer Soldaten, junge, starke Leute; die stürzten wie die Wilden auf uns zu, brüllten vor Lachen über die ausgehungerten, heruntergekommenen Oesterreicher, daß wir vor Zorn und Wut uns ein paar Handgranaten wünschten. Die zwei Italiener waren machtlos. Zur rechten Zeit ein scharfes Kommando, die Amerikaner machten Kehrt, liefen in ihre Waggons. Vor uns stand ein amerikanischer Offizier, hob die Hand an die Mütze und ehrte durch seinen Gruß die eben verspotteten, kranken, österreichischen Soldaten. Sogar unsere zwei Begleitmänner gaben ihrer Zufriedenheit durch ein »buono, buono« Ausdruck.

Rudolf Paust, Buchbinder, Eger/Böhmen.

Herr Cocula

Nach französischer Gefangenschaft in Afrika kamen wir nach Frankreich. Da sei eines Sergeanten aus Cahors im Departement Lot gedacht, der versuchte, uns unser Los erträglich zu machen. Beim Antreten wollte er stets die Befehle in deutscher Sprache übermitteln, wobei es immer etwas zum Lachen gab. Als ich eines Tages aus dem Prison entlassen wurde, kam er nach dem Wegtreten zu mir und sprach mich vertraulich an, mich mit Vor- und Zunamen anredend. Er sprach mir sein Beileid aus, weil mein Kind in der Heimat gestorben war und sagte mir gleichzeitig, daß ich auf ein Kommando kommen würde, wo ich es besser hätte ... Das erwähnte Kommando führte mich nach P. zu Patron Cocula. Von Beruf ein Koch, lebte er hier mit uns zusammen wie ein Kamerad. Seinen Wein, Tabak und Kaffee teilte er mit uns. Als es eines Tages in Strömen vom Himmel goß, gab er mir sogar seinen Mantel. Herr Cocula drehte mit mir Zigaretten und machte mir ein kleines Zimmer mit einem Bett zurecht. Abends nach der Arbeit und einem guten Essen, das für einen Gefangenen verboten war, saßen wir am Kamin, und ich mußte von Deutschland erzählen. Am Schluß der Unterhaltung meinte Herr Cocula immer, wie es nur möglich wäre, daß dieses Deutschland der halben Welt Widerstand leisten könne. Eines Sonntags fuhren wir mit Wagen und Pferd nach G., um die anderen Kameraden zu holen. Unterwegs pfiff Herr Cocula Opern von Gounod und Verdi. Herr Cocula liebte die Kunst und Musik und er freute sich dann immer, wenn ich die Stücke kannte. In G. nahm er uns alle mit zum Friseur und ließ uns frisieren. Am selben Tage sollten wir dann noch photographiert werden. Dies konnte ich jedoch leider nicht mehr erleben, denn an diesem Tage wurde ich von einem Korporal abgelöst ... Ein rührender Abschied. Herr Cocula protestierte dagegen, aber es half nichts, ich mußte meine Sachen packen. Die Frau Cocula erbat sich von mir noch als Souvenir eine Federzeichnung von Max Klinger ... Am Nachmittag schon saß ich im Coupé. Und von dem Herrn und der Dame, die mir gegenüber saßen, hörte ich schon wieder das übliche: » Voilà des Boches«.

Karl Schmidt, Gepäckträger, Frankfurt a. M.

Rettung aus Flammentod

Es war im Frühjahr des Schicksalsjahres 1918 während meiner Gefangenschaft in England, zur Zeit des schärfsten U-Bootkrieges. Drei endlos lange Jahre waren bereits hinter dem Stacheldraht dahingeschlichen. Ich hatte einen strengen schottischen Winter hinter mir und wurde mit einigen Kameraden nach Richmond, einem romantischen Städtchen der Grafschaft Yorkshire in Mittel-England verbracht. Ganz in der Nähe befand sich ein großes Truppenlager und anschließend daran ein neu angelegter Militär-Flugplatz. Wir waren nach hier als Rohrleger angefordert und kamen just von Edinburg, wo wir als Schneeschipper den Winter verbracht hatten.

An einem der ersten Frühlingstage, es war Ende März 1918, surrten englische Militärflugzeuge dicht über unseren Köpfen hinweg und manövrierten sehr lebhaft. Plötzlich werden wir infolge eines starken Geräusches ganz in der Nähe von der Arbeit abgelenkt. In zirka 150 Meter Entfernung sehen wir durch den dünnen Nebel ein Flugzeug brennend abstürzen. Wir eilen als erste zur Unglücksstelle, da die Tommies in den Flugzeughallen beschäftigt sind, die 500 Meter entfernt im Nebel liegen.

Mein treuer Freund, Gefreiter Dingeldey, ein Thüringer, springt als erster mit Todesverachtung in die Flammen. Unter Einsetzung seines Lebens gelingt es ihm mit unserer Hilfe, einen der beiden Offiziere, welche festgeschnallt waren, noch lebend aus den Flammen herauszuziehen. Der andere Offizier war bei der starken Hitzeentwicklung verbrannt und konnte nicht mehr lebend geborgen werden. Dingeldey trug wie durch ein Wunder nur Brandwunden leichterer Natur davon.

Schon am nächsten Tage bringen englische Zeitungen das Bild des deutschen Soldaten unter eingehender Würdigung und Beschreibung seiner hochherzigen Tat. Danach erschien unser Kommandant, ein alter schottischer Oberst, mit seinem Stabe und übermittelte uns beim Appell »im Namen Seiner Majestät Regierung« aufrichtige Bewunderung und Dank für unsere Tat und im besonderen derjenigen des deutschen Soldaten Dingeldey. Er überreichte sodann im Auftrage des Königs eine namhafte Pfundnote und dem eigentlichen Lebensretter des Fliegeroffiziers, meinem Freunde Dingeldey, eine goldene Taschenuhr zum Geschenk.

Adam Jost, Sossenheim.

Die Erschießung

Im November 1919 machte ich aus der französischen Kriegsgefangenen-Kompagnie Nr. 414, welche bei dem Dorfe Bailleul lag, einen Fluchtversuch. Obwohl ich in einer Nacht über sechzig Kilometer Schienenweg zurücklegte, wurde ich am zweiten Abend in Roulers in Belgien unglücklicherweise wieder geschnappt. Nach vier Wochen Festung in Lille gabs Versetzung in die für Ausreißer gegründeten Strafkompagnien. Bei dieser Truppe soll es besonders streng, hart und ungerecht zugegangen sein. Eines Tages wurde ich mit noch drei Mann zur Strafkompagnie der Festung Lille in Marsch gesetzt. Hier angekommen, wurden wir von einem Adjutanten, einem großen kräftigen Franzosen in Empfang genommen.

Er fragte, ob einer von uns französisch spreche; ich meldete mich und sagte, ein wenig könne ich französisch. Wir mußten uns auf einen Haufen Holz setzen, dann gab er uns Tabak zum Zigarettendrehen, und ich mußte ihm erzählen, wie weit ich gekommen sei und wie man mich wieder erwischt hätte. Als er nun wußte, wie uns das Unglück mitgespielt hatte, ließ er uns von den Küchenleuten gutes Essen und Tee geben und sagte: wir sollten's bei ihm nicht schlecht haben, denn jeder gute Soldat müßte versuchen, die Freiheit zu erlangen; das andere seien keine Soldaten, sondern Weiber. Einen solchen Ton hatte ich nicht erwartet. Ich frug ihn, ob es hier bei der Strafkompagnie sehr streng zuging, da wir gehört hätten, Mißhandlungen der Gefangenen seien üblich. Da erzählte er mir, daß er im Chinafeldzug von seiner französischen Truppe versprengt worden sei und er mit den deutschen Soldaten den Sturm auf Peking mitgemacht habe, worauf er sehr stolz sei, denn die Deutschen seien aufrecht zum Sturm vorgegangen, dagegen die anderen in gebückter Haltung. Außerdem habe er es sehr gut gehabt bei den Deutschen; es hätte ihm leid getan, als dann die einzelnen Nationen die Versprengten ausgetauscht hätten. Und weil wir Ausreißer-Soldaten seien, sollten wir es gut haben.

Unsere Arbeit bestand nun in Aufräumungsarbeiten in einem mehrere Kilometer von unserem Lager entfernt gelegenen Dorfe und wurde mit ein Franc pro Tag bezahlt, gegen zwanzig Centimes bei den anderen Kompagnien. Im Monat Januar regnete es Tag für Tag, und da war es begreiflicherweise nicht angenehm, den weiten Weg morgens und abends zu machen und im Dreck zu arbeiten. Eines Morgens nach einer besonders stürmischen und regnerischen Nacht wollte kein Kriegsgefangener zur Arbeit gehen. Von 450 Mann meldeten sich ungefähr 200 krank, die anderen hatten schlechte Schuhe, Hosen, Röcke und Mäntel. Die französischen Posten mußten alle entbehrlichen Kleidungsstücke herbeischaffen, und so gelang es, eine Abteilung von zwanzig Mann in Marsch zu setzen. Die andern ließ der Adjutant antreten und hielt uns eine große Rede, worin er uns bat, doch zum Teil arbeiten zu gehen. Aber das nutzte nichts.

Da ließ er zwei Maschinengewehre auffahren und sagte, er lasse uns wegen Arbeitsverweigerung erschießen. Dann gab er den Posten Befehl zu laden. Uns sagte er, wenn er auf drei zähle und es melde sich niemand, lasse er feuern.

Man mache sich ein Bild: über 200 Mann in Viererreihen, davor zwei Maschinengewehre und der Adjutant. Er zählte auf eins, dann zwei – dann schreitet er mit dem Dolmetscher die Front ab und fragt: »Wollen Sie arbeiten?« Aber überall hört er ein Non oder er sieht ein Achselzucken. Dieses Manöver wiederholt sich dreimal. Beim vierten Mal bleibt er vor zwei jungen Soldaten stehen, zwei kräftigen Leuten mit an der Brust herumgeschlagenen Hemden und Röcken wie bei unseren Matrosen. Diese beiden schnappt er als Sündenböcke und sperrt sie ein. Uns aber läßt er alle auf dem Hof stehen und rennt in seine Baracke.

Nach etwa zwei Stunden kommt ein Sergeant und läßt wegtreten. Am Nachmittag gibt es Kleider und Schuhe, auch ein Arzt kommt zur Untersuchung. Der Adjutant holt seine beiden Gefangenen aus dem Arrest, und andern Tags bei besserem Wetter gehen viele wieder arbeiten.

Hans Altensen, Kaufmann, Gießen.

Ein Kater ist kein Tiger

Als wir nach jahrelangen Kämpfen verwundet oder krank aus Deutsch-Ostafrika ins Gefangenenlager Madi-Tura nach Aegypten kamen, dachten wir, uns von den furchtbaren Strapazen und Entbehrungen des afrikanischen Feldzuges ausruhen zu können. Dem war leider nicht so. Wer nicht das Glück hatte, es bis zur hohen Charge eines Unteroffiziers gebracht zu haben, der mußte täglich von sechs bis zwölf und zwei bis sechs Uhr Sand fahren, Backsteine anfertigen und zur Baustelle schleppen, Säcke flicken und so weiter. Der englische Lagerkommandant, Major Kater, war von uns gefürchtet ob seiner Strenge; wer vom englischen Sergeanten gemeldet wurde, flog in Arrest. Unsere chargierten Kameraden hatten natürlich Mitleid mit uns geplagten Landsturmleuten und sprangen oft für uns beim Arbeiten ein, nur durfte es nicht gemerkt werden.

Mein jüngerer Bruder Alfred war mit mir im gleichen Gefangenenlager, jedoch war er Sergeant, brauchte also nicht zu arbeiten. Eines Tages sprang er für mich beim Sandfahren ein, und ich legte mich an seiner Statt zum Nichtstun hin. Ich träumte gerade von der fernen Heimat, als mich jemand wachrüttelt. O weh, der englische Sergeant stand vor mir. » What's the matter with you?« Was ist mit dir los? haucht er mich an. Ich fühle mich nicht wohl. Inzwischen eilt der deutsche Lagerfeldwebel Pechler herbei, mit dem mich treue Kameradschaft durch viele gemeinsame Kriegserlebnisse verbindet. Da er weiß, daß ich leicht erregbar bin, legt er den Finger auf den Mund, um mir zu bedeuten, daß ich ruhig sein soll. Als jedoch der englische Sergeant befiehlt: Auf, los zur Arbeit! schreie ich schon vor Wut: Mein Schubkarren arbeitet, mein Bruder schiebt ihn für mich, und dem Dreck ist es ja egal, ob er von Alfred oder Theodor Freudenberger gefahren wird ... Ich habe also auf englisch »deutsch« mit ihm gesprochen. Ich mußte mit zur Wache, und mein Vergehen wurde dem gefürchteten Major Kater gemeldet.

Nicht umsonst hatte er bei uns den Namen »Tiger«, denn er kannte bisher noch nie Mitleid, und jeder Meldung folgte die Strafe. Um zwölf Uhr sollen wir, mein Bruder und ich, dem Major vorgeführt werden. Solange – ich wurde um sieben Uhr morgens erwischt – mußten wir beiden Brüder Sand fahren. Aufregung bei den Chargen und Schadenfreude bei den Arbeitenden. Zwölf Uhr im Büro des Majors. Wir sehen noch einen englischen Dolmetscher, unseren Wachtmeister Pechler und Kriegsfreiwilligen alias Lagerpfarrer de Haas. Ich bemerkte gleich, daß ich keinen Dolmetscher brauche und erzählte den Vorgang, daß mein Bruder, obwohl Sergeant, jünger als ich sei und aus Bruderliebe mich zum ersten Male bei der schweren Arbeit abgelöst habe, dadurch wäre den Engländern kein Schaden entstanden, weil ja die angeforderte Zahl von Arbeitern zur Stelle war.

Major Kater schaut mich an, er schaut meinen Bruder an, er blickt zu de Haas und sagt: »Ich will in diesem Falle von einer Strafe absehn! I am a cat, but no tiger-cat! Ich bin wohl ein Kater aber kein Tiger.« All right – und draußen waren wir. Es war das erste Mal, daß Major Kater sein wahres Herz gezeigt hatte.

Theodor Freudenberger, Kaufmann, Frankfurt a. M.

Iwan der Gute

Wir hatten auf unserer Domäne in Ostpreußen dreißig russische Kriegsgefangene zur Arbeit. Ruhige, zuverlässige, geschickte Menschen, die wir besonders zur Pflege des Viehs gern anstellten, denn sie waren niemals roh und Tag und Nacht um das Wohl der Tiere besorgt. Wegen eines schlechtgeheilten Armbruchs ging mein Mann erst im November 1917 ins Feld. Fast gleichzeitig unser alter Kutscher. Nach langem Ueberlegen wußte mein Mann keinen zuverlässigeren Menschen als einen der russischen Gefangenen, Iwan, dem er die Pferde anvertrauen konnte und mit dem er mich, die ich damals 22 Jahre alt war, und unsere zwei kleinen Mädchen unbesorgt lange einsame Wege zu Nachbarn oder durch den tiefen Wald zur Stadt fahren lassen konnte.

Mein Mann fiel in Frankreich. Ich blieb allein mit den kleinen Kindern und der großen Wirtschaft. Als ich zum erstenmal nach diesem schrecklichen Ereignis wieder zu Freunden in der Nachbarschaft fuhr, saß ich still und in meinen Schmerz versunken in dem kleinen Wagen neben Iwan, dem Russen. Wir fuhren lange durch tiefverschneiten schweigenden Wald. Und da hörte ich Iwan plötzlich ganz leise und traurig sagen: »Hauptmann kaputt, Hauptmann kaputt« ... Er schüttelte den Kopf, und seine guten blauen Augen standen voll Tränen. Da konnte ich in allem Leid ein wenig froh sein und weinen.

Monate später kamen wir ziemlich spät abends, denn wir waren weit jenseits der Stadt gewesen, nach Hause. Es war schon wieder Winter geworden. Im Walde hörten wir laute Männerstimmen und bald waren wir umringt von etwa vierzig russischen Kriegsgefangenen, die mit kleinen Bündeln und einigen Laternen auf dem Wege waren, nach ihrer Heimat zurückzukehren. Sie waren von einem Nachbargut geflohen. Sie redeten aufgeregt auf Iwan ein. Wir hielten, und Iwan sprach eine Weile mit ihnen, was ich natürlich nicht verstand. Ich war gar nicht ängstlich; erst hinterher wurde mir klar, daß Iwan doch hätte mit ihnen gehen können, daß sie Pferd und Wagen gut hätten brauchen können und daß sie mir auch das Geld, das ich bei mir hatte – wenn es auch nicht viel war – hätten fortnehmen können. Nichts geschah. Iwan war der Retter.

Ursula Braune, Hamburg.

Christmas

Es war am Heiligabend 1916 in einem englischen Gefangenenlager in Schottland. Jede Hütte des großen Lagers hatte ihre Weihnachtsfeier nach deutschem Brauch, auch ein Bäumchen fehlte nicht. Die Liebesgabenpakete aus Deutschland waren verteilt, und unser Hüttenältester, ein Unteroffizier Str. hatte jedem Mann unserer Hütte noch eine Extrafreude durch ein Geschenk in Form von Zigaretten gemacht. Nach der kleinen gemeinsamen Feier wurde es für eine Weile still im Raum. Ein jeder saß auf seiner Schlafpritsche und hielt stumme Zwiesprache mit den Angehörigen daheim. Es blieb wohl kein Auge trocken beim Anblick der Photographien, die wohl jeder von uns hatte, sei es von Eltern, Geschwistern, Gatten oder Kindern. Nur ein Laut durchdrang die Stille. Es war das Stapfen des englischen Wachtpostens, der auf seinem Postenstand hin und herstapfte, um in dieser bitterkalten Nacht seine Füße warmzuhalten.

Unsere Hütte lag dicht am Stacheldrahtzaun, der uns von der Umwelt abschloß. In der Hütte wurde es langsam wieder lebendig; jeder suchte den andern wieder aufzuheitern. Unser Unteroffizier machte den Vorschlag, einige Liebesgaben für den frierenden Posten zu spenden, der ja auch ein Mensch sei, was beifällig ausgenommen wurde. Schnell waren eine Anzahl Zigarren, Zigaretten und Schokolade gestiftet.

Wir gingen nun hinaus an den Stacheldraht, wo dann der Unteroffizier den Posten auf englisch anrief. Dieser gab auch Antwort, und erklärte ihm, daß wir in unserer Weihnachtsstimmung auch an ihn gedacht hätten und ihm auch eine kleine Freude machen wollten. Der Kampf mit seinem Pflichtgefühl und Gewissen war bald erledigt; er glaube unser gutgemeintes Anerbieten nicht abweisen zu dürfen. Er stieg von seinem Stand herunter und kam an den Zaun. Es war ein alter Graukopf, ehemaliger Kolonialsoldat und hatte selbst Söhne an der Front. Er dankte gerührt und wünschte uns allen Merry Christmas und baldige Heimkehr.

Bald darauf hört man wieder das Auf und Ab auf dem Postenstand. Jeden Augenblick mußte die Ablösung kommen.

Wilhelm Gauckler, Metalldreher, Frankfurt a. M.

Englische Beförderung

Bei mir in der englischen Gefangenenkomp. 305 befand sich ein Gefreiter Müller. Von seinem Regiment erhielt er in der Gefangenschaft die Mitteilung, daß er zum Unteroffizier befördert worden sei. Durch seine Gefangennahme konnte er jetzt natürlich von seiner Beförderung keinen Gebrauch machen. Jedoch unser deutscher Führer, ein Offiz.-Stellvertreter aus Hamburg, meldete die Angelegenheit dem englischen Hauptmann. Dieser ließ am nächsten Tage die ganze Kompanie antreten, darauf befahl er »Stillgestanden« und sprach die Beförderung in englischer Sprache aus, die dann der deutsche Dolmetscher uns übersetzte. Somit wurde Gefreiter Müller vom Feinde zum Unteroffizier befördert und erhielt auch die Rechte seines Dienstgrades.

Ernst Schiedhering, Wiesbaden.

Das Hemd

Es ereignete sich etwa am 25. September 1914. Ich befand mich als Zivilgefangener im Theater von Chauvay, das von den deutschen Behörden in ein Gefängnis verwandelt worden war. Ich war mit französischen verwundeten und gefangenen Soldaten zusammen. Eines Tages kam eine wackere Hausiererin mit Hemden, Bechern und vielen anderen, für Gefangene interessanten Artikeln und mehrere kauften bei ihr Hemden und Unterhosen. Ein armer verwundeter Franzose hätte zu gern ein Hemd gekauft, aber o weh, er besaß nicht mehr soviel Geld in seiner Brieftasche, um sich einen solchen Luxus erlauben zu können. Voll Kummer sah er sich gezwungen, auf diesen Kauf zu verzichten. Ein paar deutsche Soldaten und ein deutscher Postbeamter standen dabei und beobachteten unsere französischen Verwundeten. Mir scheint, ich sehe diesen Postbeamten noch immer mit seiner blauen preußischen Jacke, mit seinem gesträubten Bart und seiner großen Brille vor mir. Ganz betroffen vom Anblick des traurigen Gesichts, das unser armer Franzose machte, fragte der Postbeamte seine Kameraden, die französisch verstanden, nach dem Zusammenhang. Kaum hatte er verstanden, als er auch schon aus seiner Brieftasche zwei Mark zog, und der Hausiererin gab. Und unser kleiner, französischer, verwundeter Soldat hatte sein warmes Hemd.

Lucien Jacquin, Paris.

Afrika

Es war am Ende des letzten Kriegsjahres; die Südwestafrikanische Schutztruppe hatte schon etliche Jahre in der Wüste Namib in Gefangenschaft gesessen. Ich war mit einigen Kameraden extra in einem kleinen Camp (Gefangenenlager) eingesperrt. Die Tage waren entsetzlich langweilig, zu sehn war weiter nichts als Sand und Himmel, und weit im Hintergründe lagen die Berge. Wer mit den Verhältnissen nicht vertraut war, glaubte, die Berge lägen ganz in der Nähe. Diese Täuschung wurde durch die dünne Luft hervorgerufen.

Durch die Langeweile zur Verzweiflung gebracht, beschlossen fünf Reiter auszurücken. Der Weg durch die Wüste war weit und gefährlich. Nachts um zwölf Uhr sollte der Ausbruch bei Ablösung der Wache vor sich gehen. Die Ausreißer hatten sich die Füße mit Säcken umwickelt, so daß sie die Form eines Elefantenfußes angenommen hatten, damit der Engländer im Sande keine menschlichen Spuren finden konnte. Die Sache klappte; der Stacheldraht wurde zerschnitten, und hinaus gings in die goldene Freiheit. Da ich gerade Koch war, mußte ich die Ausreißer mit den nötigen Lebensmitteln versorgen, vor allen Dingen mit Büchsenmilch, denn die ersten Wasserstellen mußten gemieden werden. Wir brauchten nicht wie im großen Lager jeden Morgen anzutreten und abzuzählen, und das war für die Ausreißer günstig.

Wir paar Leute im schmalen Camp waren dem Gefängnisaufseher unterstellt, der ein Bur mit Namen Pitt war. Pitt kam jeden Morgen ins Lager, machte die Türen unserer selbst gebauten Häuser auf und sah schnell nach; mit einem »Guten Morgen, Landsmann« entfernte sich unser guter Pieter. Wenn er sah, daß seine Schutzbefohlenen noch die Decke über den Kopf gezogen hatten, blieb er still, um uns nicht zu wecken. Hatte Pitt seine Mission beendet, kam er zu mir in die Küche und frühstückte mit mir so reichlich wie möglich.

Damit der Ausbruch nicht so leicht gemerkt wurde, hatte ich in die Betten Holz gelegt, so daß es aussah, wie wenn jemand drin läge. Acht Tage waren vergangen und Pitt hatte immer noch nichts gemerkt. Eines Morgens kam er wieder zum Kaffee in die Küche. Nach einer Weile sagte ich zu Pitt: »Landsmann hast du noch nichts gemerkt?« Und ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Pitt war einer Ohnmacht nahe und rief in einem hin »Alla Machta« – Allmächtiger! Unser guter Pitt war vollständig zusammengebrochen und weinte vor sich hin, denn durch diese Sache konnte er seine Charge verlieren und mußte zurück zur Kompagnie. Ich tröstete Pitt so gut es ging und riet ihm, wie er die Sache seinen Vorgesetzten vorbringen sollte. Pitt meldete also: » Heute nacht sind fünf Prisoners of war ausgerissen!«

Sofort erschienen mehrere Patrouillen mit eingeborenen Spahis und suchten die Spur. Zwei Tage ritten die Spahis Bogen, immer größer und größer, konnten aber im Sand nichts finden. Unsere Ausreißer hatten mit ihren Elefantenfüßen und acht Tagen Vorsprung bereits die Berge erreicht. Hinter den Bergen fand dann die Meute endlich eine Spur und damit leider die Ausreißer.

Fast zwei Monate hatten die Verfolger gebraucht. Hunger und Durst hatten die Fliehenden mürbe gemacht, und alle Vorsicht außer acht lassend, waren sie an die besetzte Wasserstelle gegangen, wo man sie dann erwischte. 400 Kilometer teils durch Wüste zu Fuß, teils auf den Puffern der Holzwagen hatten die deutschen Reiter zurückgelegt.

Pitt aber lebte dauernd in Angst vor der Rückkunft der Gefangenen, weil dann der Kommandant den richtigen Tag der Flucht erführe. Endlich kam dieser Tag; müde und abgehetzt kamen die Gefangenen an und wurden sofort eingesperrt. Meine Pflicht war es nun wieder, die Halbverhungerten mit Kost zu versehen. Ich kochte einen Topf steifen Reis, steckte einen Zettel hinein, mit dem Inhalt, was sie vor Gericht aussagten sollten, vor allen Dingen das Datum, das Pitt als den Tag des Ausbruchs angegeben hatte.

Dem Kommandanten kam die Sache kurios vor, da er sich nicht vorstellen konnte, wie die Männer in so kurzer Zeit in die Berge gekommen waren. Aber das Gegenteil konnte er auch nicht beweisen, und so blieb es bei dem angegebenen Datum. Vier Wochen Arrest war die Strafe für den Ausbruch. Pitt behielt seinen Faulenzerposten, um den er ja geweint hatte. Nach der Verhandlung kam Pitt zu mir, schüttelte mir die Hand und sagte: »Germans große Gauner und doch gute Kerl.«

Martin Horn, Polizeioberwachtmeister a. D., Frankfurt a. M.

Der Bundesgenosse

Es war im Mai 1917. Nach einem zehntägigen Aufenthalt in einem sogenannten Hungerlager unweit Arras kamen wir, etwa 120 Kriegsgefangene, in englische Hände, nach Abbeville, eines der größten englischen Truppenlager. Wie beneideten wir die wenigen Glücklichen, die ab und zu auf der Lagerwache arbeiten durften und denen von mitleidigen Tommies ein Stück Brot oder eine Zigarette zugesteckt wurde. Auch erschien uns jede Arbeitsgelegenheit außerhalb des Lagers als ein Abglanz der verlorenen Freiheit. Nur einmal aus dem Stacheldraht; einmal Menschen sehen, die nicht Soldaten waren.

Und da glückte es mir eines Morgens, in einen großen Arbeitstrupp zu kommen, und hinaus gings im Gleichschritt der Stadt zu. Vorne, hinten, links, rechts Tommies mit aufgepflanztem Bajonett. Und nun – wie herrlich – Straßen mit Menschen! Neugierig schauen wir umher. Dort an der Ecke ein ganzer Haufen Leute. Wir kommen näher – und sehen haßerfüllte Gesichter, wutblitzende Augen, geballte Fäuste, Weiber kreischen, Gebärden des Halsabschneidens, ekelhaft. Ein dumpfes Knurren, ein Zähneknirschen geht durch unsere Kolonne, der Gleichschritt wird schwerer, unregelmäßiger.

Da eine Stimme: » Come on, Fritz!« Neben mir marschiert ein großgewachsener englischer Wachmann. Wieder ertönt der Ruf: » Come on, Fritz!« Klingt es nicht wie die Stimme eines Vaters? Alle sehen sich um nach dem Rufer. Sein Gesicht ist voll Freundlichkeit, Ruhe und grenzenlosem Mitleid. Und allmählich strafft sich wieder Gleichschritt und erfüllt die Straßen mit seinem Gedröhn. Eine hohe Haustreppe taucht vor uns auf; auf den Stufen keifende Frauen, halbwüchsige Rangen. Ein ganz Tapferer spuckt vorn in die Kolonne.

Mein Wachmann zur Rechten stößt einen Fluch durch die Zähne. Er holt aus, und mit einem klatschenden Schlag fliegt der Fanatiker in die Kolonne; nach zahlreichen Püffen landet er schließlich bei der Schlußeskorte, die ihn mit einem Fußtritt in die Gosse befördert. Das Gefühl, das uns in diesen Sekunden beseelte, läßt sich nicht beschreiben. Ein Feind hatte die uns angetane Schmach gerächt. Nur ein Kamerad, nur ein echter Frontsoldat, konnte so handeln!

Martin Meurer, Schriftsetzer, Weilburg/L.

Soldaten brauchen nichts zu zahlen

Sommer 1916 im Innern Frankreichs. Die Stimmungsmache hatte ihr Ziel erreicht. Viele Hasser waren von der Gerechtigkeit ihres Hasses überzeugt. Der Haß war zur Massenkrankheit geworden. Auch auf die Beurteilung der deutschen Kriegsgefangenen übertrug sich dieser Haß. Weite Kreise des Militärs und der Zivilbevölkerung hielten die Deutschen insgesamt für minderwertige Menschen und behandelten die Kriegsgefangenen mit grenzenloser Verachtung.

Wir waren damals etwa ein Dutzend »P. G.« ( prisonniers de guerre) auf Landwirtschaftskommando in Montagny bei Roanne. Wir blieben kaserniert in einer aufgehobenen Klosterschule, wo wir auch verpflegt wurden. Zur Arbeit ging man in Gruppen von vier Mann, stets begleitet vom Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr.

Die allgemeine Mißachtung lastete schwer auf unserer Seele. Plötzlich ein erster Lichtstrahl. Der militärische Befehlshaber des Bezirks gestattete für den nächsten Sonntag den Kirchgang für die Kriegsgefangenen. Ein befreiendes Aufatmen ging durch unsere Reihen. Endlich wurden wir wenigstens einmal wieder als Menschen angesehen.

Hatten wir sonst schon alles getan, was in unseren ärmlichen Verhältnissen möglich war, um stets einen sauberen Eindruck zu machen, so strengte sich für diesen Sonntag jeder ganz besonders an, um uns deutsche Soldaten in einem guten Licht zu zeigen; gleichsam als Entgegnung auf die vielen herabsetzenden Aeußerungen, die so oft auf uns eindrangen. Wie wird die verhetzte Bevölkerung unser Erscheinen aufnehmen? Das war die Frage, die uns allen durch den Kopf ging, als wir uns in guter Ordnung auf den Weg zur Kirche machten. Die Antwort sollte uns gleich werden.

In vielen französischen Kirchen gibt es keine Bänke. So war es auch in Montagny Sitte, daß man beim Eintritt in die Kirche Betstühle in Empfang nehmen konnte, wofür eine Gebühr von zwei Sous (damals acht Pfennige) zu entrichten war. Die Abgabe der Stühle war einer alten Frau übertragen. Mit einer selbstverständlichen Gleichberechtigung erhielten wir unsere Stühle wie jeder andere Kirchenbesucher. Und als nun unser deutscher Führer die übliche Gebühr für uns entrichten wollte, da wurde unserer Menschenwürde Gerechtigkeit zuteil durch die rührend-schlichte Antwort dieser alten Frau: Des soldats ne payent rien! – Soldaten brauchen nichts zu zahlen!

Dir, lieber Leser, mag diese kleine Begebenheit unbedeutend und winzig erscheinen. Uns gedemütigten Gefangenen aber schien die Gerechtigkeit dieser armen alten Franzosenfrau wie eine strahlende Sonne in die Seele.

Gustav Adler, Kaufmann, Freiburg i./Br.

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