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Das Buch der guten Werke 1914-1918

Bernhard Diebold: Das Buch der guten Werke 1914-1918 - Kapitel 6
Quellenangabe
authorBernhard Diebold
titleDas Buch der guten Werke 1914-1918
publisherSocietäts-Verlag
year1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Mütter und Söhne

Die beiden Flieger

Der junge Flieger Graf de la Frégulière wird auf Erkundigungsflug über den deutschen Linien abgeschossen, landet aber wohlbehalten und erklärt seinem deutschen Besieger: »Ich bin Ihr Gefangener. Das ist ganz in der Ordnung. Das ist der Krieg. Aber meine Mutter weiß nicht, was aus mir geworden ist.« Und er errötet.

Der deutsche Flieger fragt: »Wie alt sind Sie?«

»Achtzehneinhalb Jahre,« antwortet der Junge.

Da sagt der Deutsche: »Schreiben Sie sofort einen Brief an Ihre Mutter: Sie seien Kriegsgefangener, würden nach der Regel behandelt und seien im übrigen unverletzt. Dann setzen wir in meinem Flugzeug über die französische Linie, und Sie werfen den Brief ab.«

Die beiden, Sieger und Besiegter, steigen auf, befördern den Brief. Drei französische Kampfflieger verfolgen sie; kaum erreichen der Deutsche und sein gefangener Franzose wieder das deutsche Gebiet und damit die Sicherheit.

Der Deutsche ist der Hauptmann a. D. Zahn, heute Europameister im Viererbob. Als er in St. Moritz mit seiner deutschen Bob-Mannschaft den Preis erhielt – ja, da trat jener Graf de la Frégulière vor und erzählte die obenstehende Geschichte vom Brief an die Mutter. Dann hoben er und drei andere Franzosen den Deutschen auf ihre Schultern und trugen ihn im Saal herum als Huldigung an die Humanität. Die Anwesenden aller Länder empfanden: Versöhnung!

Nach einer französischen Zeitung.

Das Halstuch

Während des Rückzugs aus Mazedonien im Herbst 1918 verlor ich mit mehreren Kameraden meine Kompagnie, und wir wußten nur, daß als Sammelpunkt Jagodina in Serbien genannt worden war. Die Serben waren erstaunlicherweise sehr deutschfreundlich eingestellt, und ich fand fast in jeder Ortschaft Quartier. Immerhin verbarrikadierte ich vorsichtshalber mein Zimmer von innen, und auch das Gewehr stand geladen an meinem Bett. In Nisch, dem Hauptzentrum der Balkan-Armee, wurde ich zunächst jedoch überall abgewiesen. Ich begab mich aber erneut auf Quartiersuche, klopfte in einem mittelgroßen Hause an und trug einer älteren Dame, die mir mißtrauisch die Tür öffnete, mein Anliegen vor. Ich gab ihr zu verstehen, daß ich nur ein Bett wünsche und gestern entlaust worden wäre. Zu meinem Erstaunen lachte sie über meinen ungewollten Witz und fragte mich, ob ich mit einer Mansarde zufrieden sei. Freudestrahlend bedankte ich mich.

Am nächsten Morgen sah ich durch mein Fenster, daß bereits ein Waschbecken mit Seife und Handtuch im Hof an der Pumpe hingestellt wurde. Kaum, daß ich jedoch den Hof betreten und meinen Rock an dem Pumpenschwengel aufgehängt hatte, stürzt meine Gastgeberin auf mich zu, fällt mir um den Hals und bricht in lautes Schluchzen aus. Gleichzeitig bedeckt sie mein wollenes Halstuch, das ich zum Schutze gegen Erkältung nachts um den Hals trug, mit Küssen und stammelt immer nur: »Mein Sohn – mein armer Sohn«. Ja, ihr eigener Sohn habe genau so ein Halstuch von ihr bekommen, und so ein selbstgestricktes Halstuch würde immer nur von einer Mutter gestrickt. Ob ich es nicht von meiner Mutter hätte?

Ich bejahte erstaunt. Ich erzählte ihr, daß meine Mutter Witwe und ich der einzige Sohn sei und mit achtzehn Jahren in den Krieg mußte. Im strengen Winter 1916/17 zog ich mir in Frankreich eine Lungenentzündung zu und meine Mutter bestand nach meinem erneuten Ausrücken absolut darauf, daß ich ihr wollenes Kopftuch mitnehmen solle, damit ich mir in kalten Nächten wenigstens den Hals schützen könnte. Seit diesem Tage sei dieses Tuch mein Talisman und ich glaubte nicht mehr einschlafen zu können, wenn ich es nicht mehr besitzen würde.

Meine Erzählung bewirkte Wunder. Die Frau hielt meine Hand in der ihren und berichtet mir, daß sie auch Witwe sei und ihr einziger Sohn beim Vormarsch der Bulgaren im Herbst 1915 gefallen sei. Auch sie habe ihrem Sohn ein Wolltuch gestrickt und beim Anblick meines Halstuchs sei ihr sofort klar gewesen, daß es nur von meiner Mutter sein könne. Alles Leid wäre in diesem Augenblick wieder in ihr erwacht, und sie bat dringend, mich doch als ihren Sohn behandeln zu dürfen. Meine Sachen holte sie mir sofort von der Mansarde herunter und ich mußte mein Lager in ihrem besten Zimmer aufschlagen. Auch mußte ich jetzt an sämtlichen Mahlzeiten teilnehmen.

Als ich nach vier Tagen von ihr Abschied nahm, konnte ich kein Wort über die Lippen bringen. Sie aber küßte mich auf die Stirn und stammelte nur: sie wolle für mich beten, daß meine Mutter mich wieder gesund in ihre Arme schließen könne.

Albert Vieth, Schauspieler, Magdeburg.

Urlaub

Gefangen genommen in Mons, viermal schwer verwundet, erfuhr Kapitän Campbell vom East Surrey Regiment, daß seine Mutter gefährlich erkrankt war. Die Mutter vergötterte ihren Jungen und sorgte sich um sein Schicksal. Der Sohn, der in einer Heilanstalt interniert war, dachte an nichts anderes als an seine Mutter; und durchlebte endlos scheinende Tage und Nächte in Angst und Sehnsucht, an das Krankenlager seiner Mutter zu gelangen.

Würde die deutsche Kriegsbehörde ihm Urlaub geben, sie zu besuchen? Ihr Leben könnte dadurch vielleicht gerettet werden. Er schrieb sein Gesuch, obwohl er wußte, daß es zurückgewiesen werden würde. Es wurde zurückgewiesen.

In seiner Verzweiflung sandte er dann einen Brief direkt an den Kaiser. Und zu seiner großen Freude erhielt er die Nachricht, daß der Kaiser den erbetenen dreiwöchentlichen Urlaub auf sein Ehrenwort hin gewährt habe.

Von englischer Seite eingesandt aus dem »Daily Herald« vom 7. Mai 1931 nach den Memoiren des Feldmarschalles Sir John French.

Mütter bleiben Mütter

Ich sage nichts gegen meine Mutter; sie war eine gütige Frau, auch ist sie vor zwei Jahren gestorben. Aber damals lebte sie noch, als ich mit meinen achtzehn Jahren in den Krieg mußte. Ich stand also im Wohnzimmer und meine Mutter ermahnte mich mit etwa diesen Worten:

»Gegen den Tod und das Schicksal ist kein Kraut gewachsen, also kann ich dich nicht bitten, du solltest auf jeden Fall wiederkommen; aber ich muß dir raten, strenge Pflichterfüllung nicht mit sinnloser Tollkühnheit zu verwechseln; raten muß ich dir ferner, von den Leuten im fremden Lande nichts anzunehmen; Feinde sind Feinde, sie verderben das Trinkwasser und lauern euch aus jedem Hinterhalt auf. Solltest du einmal Durst leiden, dann fordere den Franzosen, der dir Wasser reicht, unverzüglich auf, zuerst einen Schluck vorzutrinken, sicher ist sicher!«

Der Gedanke, ein feindlicher Bauer oder Bürger könnte mich heimlich vergiften, erfüllte mich mit solchem Grimm, daß ich es allen meinen feldgrauen Kameraden weitersagte: »Vortrinken lassen, immer erst vortrinken lassen!«

So rückten wir denn eines Tages in Neuvilly ein, das etwa 50 Kilometer südöstlich von Cambrai liegt. Diese 50 Kilometer aber hatten wir armen Gardemuskoten in glühender Sonnenhitze marschieren müssen; nur zweimal wurden kurze Pausen gemacht, indes durfte sich niemand hinlegen. Man stemmte sich nur die Knarren unter den Tornister, der Rücken war wund wie verbranntes Fleisch, die Füße voller Blasen, und Durst – Durst – Durst! – Die Feldflaschen waren längst leer, schwitzende Infanteristen sind schlechte Haushalter. Ich selber mußte mir einmal die Nase putzen und hatte das Taschentuch sofort dick voll Blut.

Endlich war Neuvilly erreicht, wir stürzten in die Häuser. Wasser – Wasser! Man belagerte keuchend die Pumpen und Ziehbrunnen, es gab fürchterliche Faustkämpfe, verbissene Schlägereien, wer dachte noch ans Vortrinkenlassen? Da es mir unmöglich war, mich an einem blutigen Kameradenzank zu beteiligen, suchte ich das mir zugewiesene Bauernhaus auf, und dort stand gleich eine alte, verwitterte Frau mit Kanne und Becher in der Tür. Sie grinste verdächtig, aber ich hatte Durst, darum ließ ich einschenken und keuchte die Mumie an: »Vortrinken, boire d'abord!«

Die Alte verstand mich sofort, ihr Lächeln verwandelte sich in verächtliche Bitterkeit. Aber sie trank aus dem Becher, also nahm ich die kleine Emailkanne und schluckte sie gierig leer. Mein Zimmer war sauber, das Bett roch ganz und gar nach rasenfrischer Wäsche. Es war das erste und einzige Mal, daß ich als Soldat ein richtiges Bett erlebte, die Wochen im Lazarett nicht eingerechnet; denn ein zusammengeschossener Mensch denkt nicht mehr nach, er leidet nur martialische Schmerzen, innen wie außen. Im übrigen befand ich mich in einem ländlichen Arbeiterhause, in dem nur die alte Frau verblieben war. An der Wand hing ein billiger Kruzifixus, darunter Chamforts soldatischer Wahlspruch:

Guerre aux châteaux! – Paix aux chaumières!
Krieg den Schlössern – Friede den Hütten!

Friede den Hütten! Vortrinken lassen? Irgendeiner war da inkonsequent gewesen, entweder ich oder die warzige Madame! Plötzlich klopfte es, die Greisin stand wieder in der Kammer: sie habe etwas vergessen! Was geschah? Sie stellte mir die eingerahmte Photographie eines französischen Rekruten auf den Nachttisch. Es war ein albernes, kitschiges Konterfei, wie es damals auch bei uns von geschäftstüchtigen Garnisonphotographen haufenweise hergestellt wurde. Und was murmelte die Alte? »Hier, camarade ... la guerre, mein Sohn!« Dann verschwand sie wieder, vorwurfsvoll knurrend mit beleidigter Miene. Was sollte ich mit dem Bild eines feindlichen Soldaten auf meinem Nachttisch?

Eine volle Woche blieben wir in Neuvilly. Schweres stand bevor, an der Somme war die Hölle los; am Tage machten wir großzügige Felddienstübungen, nachts schmissen die Flieger ihre Bomben ins Dorf. Immer kehrte ich abends zerschlagen in mein Quartier zurück, die Alte vermied es, mir noch einmal eine Szene zu machen. Bis eines Tages – es war an einem unvergeßlichen Sonntagmorgen – der französische Pastor dieses Fleckens in's Haus kam, und als er nach einer Stunde wieder ging, pochte die alte Madame zitternd und tränenüberströmt an mein Zimmer: Ob ich gerufen hätte?

Ja, ich hatte gerufen, ich wollte etwas Wasser, dieser sommerliche Durst war ja unausstehlich. Sofort brachte mir die Frau das Gewünschte, aber während sie Kanne und Becher festhielt, schluchzte sie entsetzlich auf und zeigte auf das Bild ihres Sohnes: »Oh, camerade tot, la guerre – la guerre!«

Was ich in diesem Augenblick tat, wird jeder verstehen, der sich im wilden Aufruhr der Ereignisse das Herz rein halten konnte: ich heulte, als habe mir jemand den Tod meines eignen Bruders angesagt. Die Alte wollte wieder pflichtgetreu »vortrinken«; ich aber riß ihr Becher und Kanne aus der Hand und schämte mich. » Nix boire d'abord, ma mère!«

»Meine Mutter« hatte ich gesagt? Wie kam ich dazu? Nein, diese Frau sollte nicht mehr vortrinken, und wenn ich die Greisin nunmehr zärtlich in den Arm nahm, wenn ich ihr meine Hand auf den zuckenden Kopf legte, so grüßte ich mit dieser Geste heimlich das Grabmal eines unbekannten Soldaten, dessen Mutter ja jeden Sohnes Mutter sein wollte.

Abends schrieb ich an meine Mutter nach Köln: »... und Du kannst sagen, was Du willst: Mütter bleiben Mütter, in Frankreich wie in Deutschland; das Vortrinkenlassen kann man von denen nicht verlangen. Wenn Du ahntest, wie ich mich schämte, als ich vor sechs Tagen das Lächeln einer Mutter verachtete, die mir doch nur den Durst stillen wollte, weil sie an ihren eigenen Sohn dachte ...!«

Heinz Steguweit, Schriftsteller, Köln-Klettenberg.

Die Hebamme

Es war im Sommer 1919. Wir waren als Gefangene der Engländer in der Stadt Charleroi in Belgien. Hier mußten wir selbst die Straße reinigen usw. Einmal kam ein Mädchen von ungefähr neun Jahren auf uns zu; da wir nur zwei Mann waren, bat sie uns, wir sollten doch mit zu ihren Eltern kommen. Wir fragten den belgischen Zivilisten, der als Wache bei uns war, um Erlaubnis, welcher uns denn auch gehen ließ. Nach sehr herzlichem Empfang lud uns die Mutter des Mädels zum Kaffee ein, ihr Vater gab uns Zigaretten. Dann erzählte die Frau uns folgende Geschichte, welche das Mädel, da es deutsch sprach, uns übersetzte:

»Nachdem 1914 die deutschen Truppen in Charleroi eingerückt waren, kam Landsturm zur Besatzung her, auch in unser Haus kam ein Landsturmmann, und gerade an dem Tage, da ich meinen Jungen zu erwarten hatte. Ich war mit meinem Töchterchen ganz alleine; da kam am Mittag unser Landsturmmann an. Wie wir beide ihn sahen, drückten wir uns in die äußerste Ecke in der Stube, denn wir hatten beide sehr große Angst vor den Deutschen. Da es ein großer starker Mann war und einen Bart bis auf die Brust, hatten wir noch größere Angst. Er aber kam lachend auf uns zu und reichte mir und der Kleinen die Hand zum Gruß. Ich unterdrückte meine Angst, ging zögernd auf ihn zu und gab ihm die Hand; darauf legte er ab, setzte sich, nahm das Mädchen auf seinen Schoß und fütterte es mit Schokolade, Brot und Wurst; mir gab er ebenfalls davon. Beim Essen bemerkte er meinen Zustand und sah, daß ich einem Kinde das Leben schenken wollte. Er ließ mich nichts mehr arbeiten, zog seinen Rock aus und schaffte Ordnung. Gegen Abend kam für mich die schlimmste Stunde. In meiner Angst wußte ich nicht, was ich anfangen sollte, da ich doch niemanden hatte, der mir helfen konnte. Der Landsturmmann brachte mich zu Bett und ebenfalls mein Mädel und ging fort. Nach einer Stunde kam er wieder und brachte einen Soldaten mit. Auch dieser grüßte freundlich und sagte auf französisch zu mir, ich sollte keine Angst haben, die Deutschen seien keine Menschenfresser, er sei Arzt und wollte mir helfen, was er denn auch getan hatte. So gegen zwölf Uhr nachts hatte ich denn unseren Jungen. Der Landsturmmann pflegte mich wie mein eigener Vater es getan hätte, bis ich wieder meiner Arbeit nachgehen konnte.«

In übergroßer Freude gelobte sie uns, jedem Deutschen, soweit es in ihrer Macht steht, Gutes zu tun. So brachte uns die Kleine öfters zu rauchen, wenn wir in ihrer Nähe arbeiteten.

Emil Carl, Chauffeur, Frankfurt a. M.

Eine ganz kleine Geschichte

Als mein jüngster Neffe Karl achtzehnjährig im Dezember 1916 bei einem Infanterie-Regiment in Forbach einrückte, wog er 86 Pfund und war noch ein Kind. Am 1. Juni 1917 kam er ins Feld, am 13. Juni zerschmetterte eine Granate sein rechtes Bein; den Feind bekam er nie zu sehen. Ende des Jahres 1917 kam er, siech und krank, und mit nur einem Bein nach Mainz zurück. Einmal erzählte er mir:

»Wir lagen sieben Tage in Comines; ich hatte Quartier bei einem alten Ehepaar, dessen einziger Sohn im Felde stand. Die Leute verhätschelten mich wie ein Kind. Wenn ich abends todmüde vom Dienst kam, bereitete mir die Frau ein warmes Fußbad, trocknete die Füße mit einem großen Frottierhandtuch ab und rieb sie dann mit einer wohltuenden Flüssigkeit ein. Wenn ich später im Bette lag, kam sie herein, strich das Deckbett glatt, fuhr mit der Hand durch mein Haar und sagte, Abend für Abend: Mon pauvre petit. Als ich Abschied nahm, mußte ich beiden, Mann und Frau in die Hand versprechen, sie nach Friedensschluß zu besuchen, und das werde ich auch bestimmt tun, sobald ich wieder gesund sein werde.«

Sein Versprechen hat er nicht halten können. Er litt acht Jahre, bevor ihn der Tod erlöste.

Eduard Strauß, Kaufmann, Mainz.

Mutter für alle

Einige Jahre nach dem Krieg fuhr ich von England nach Deutschland zurück. Bei der Abfahrt von London stieg eine englische Dame zu mir ein in eine der seltsamsten Uniformen gekleidet, die mir je vorgekommen sind. Sie hatte soldatischen Zuschnitt und wurde durch eine unkleidsame Mütze vervollständigt. Sie war im Begriff, nach Moskau zu gehen, um dortigen englischen Untertanen mit Rat und Hilfe beizuspringen. »Man hat es,« sagte sie mir, »für richtig und gut befunden, daß ich und meine Kolleginnen diese Uniform tragen.«

Wir kamen dann auf den Krieg zu sprechen. Sie war Krankenpflegerin gewesen und erzählte mir viel von ihren Erfahrungen mit den deutschen Kriegsgefangenen. Ganz zuletzt erzählte sie mir noch: »Eines Tages brachten sie mit anderen schwerverwundeten Deutschen einen ganz jungen Menschen, einen Knaben von sechzehn Jahren. Sein Fall war hoffnungslos. Er war sehr unruhig und rief immerfort nach seiner Mutter. Einer von den Sanitätern kam und sagte zu mir: »Schwester, kommen Sie doch und sehen Sie, ob Sie nichts für den armen kleinen Kerl tun können!« Ich ging darauf an sein Lager und nahm eine seiner Hände in die meinen. Darauf schlug er die Augen auf, sah mich ganz still an, sagte: »Mutter, ich wußte, daß du kommst!« Nach wenigen Augenblicken war es mit ihm zu Ende.«

Was mir die Engländerin damals erzählte, versprach ich mir bei Gelegenheit weiterzugeben. Denn so wie jede Mutter, deren Sohn vermißt wurde, von dem Unbekannten Soldaten denken darf: es ist mein Junge – so darf jede Mutter, die einen Sechzehnjährigen hergab, denken: »Es war meiner, den die Fremde für mich getröstet hat.«

L. M. Schultheis, Darmstadt.

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