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Das Buch der guten Werke 1914-1918

Bernhard Diebold: Das Buch der guten Werke 1914-1918 - Kapitel 13
Quellenangabe
authorBernhard Diebold
titleDas Buch der guten Werke 1914-1918
publisherSocietäts-Verlag
year1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170513
projectiddea4be81
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Wilde Völker

Mama gutt!

In unserem altertümlichen Pfarrhaus in Groß-Gerau hatten wir einige französische Soldaten, gelegentlich auch einen oder zwei Offiziere als Einquartierung. Einer dieser Offiziere, deren Namen und Aussehn mir längst aus dem Gedächtnis entschwunden sind, wurde bedient von einem Schwarzen. Einem ganz echten Neger mit dicken wulstigen Lippen und der breiten Nase. Der ging denn nun täglich bei uns ein und aus, um seinen Offizier zu betreuen. Deutsch sprach er nicht, aber auch Französisch verstand er – außer den Kommandos – wohl kein Wort.

Eines Tages sieht meine Mutter, wie seine Hand mit irgend einem schmutzigen Lappen dick verwickelt ist. Sie bedeutet ihm, ihr in die Küche zu folgen. Wickelt das schmutzige Tuch ab: die Hand ist ganz vereitert. Schnell wird ein Seifenbad in einer Handwaschschüssel bereitet. Mit einer kleinen Bürste die Hand in heißem Seifenwasser gebürstet. Ein eigenartiges Bild: meine kleine Mutter und hinter ihr stehend der athletische Schwarze, mit weißrollenden Augen und schmerzverzogenem Gesicht. Fast wie ein wildes Tier, dem der Wärter einen Dorn aus der Pranke zieht. Die gereinigte Hand wird verwickelt und heilt von jetzt an rasch, dank der guter Heilhaut der Neger.

Aber das wilde Tier ist kein wildes Tier. Täglich kam der Schwarze jetzt zu uns in die Küche, suchte meine Mutter, brachte ihr irgend etwas mit. Oelsardinen, Schokolade. Sprechen konnte er nichts. Oder doch. Er hatte etwas gelernt. Und das sagte er nun immer wieder, wenn er in der Küche saß: »Mama gutt«. Und die weißrollenden Augen konnten sehr dankbar blicken.

Eines Tages ist er gegangen. Ob er wieder nach Afrika gekommen ist? Vielleicht erinnert er sich noch daran, daß ihn im kalten Europa jemand freundlich behandelt hat. Vielleicht kann er auch noch zwei Worte europäisch: Mama gutt.

Dr. W. Scheunemann, Dipl.-Volkswirt, Darmstadt.

Kosak in der Not

Bei einem Angriff geriet ich am 9. April 1915 in den Karpathen in russische Gefangenschaft. Aus einem Granattrichter, der bis obenan mit Schlamm gefüllt war, holten mich die Russen heraus. Ein Kamerad mußte seinen Fluchtversuch mit dem Leben bezahlen. Ich kam ohne Belästigung zurück bis zu den russischen Kompagnie-Unterständen. Dort traf ich noch etliche Deutsche und Oesterreicher. Die hier anwesenden Russen waren damit beschäftigt, uns unsere Wertsachen soweit wie möglich abzunehmen. In dem Moment, als mir einer den Ring vom Finger ziehen wollte, tauchte ein Offizier auf und mit einer schallenden Ohrfeige beendigte er die Tätigkeit dieses »Kameraden«. Darauf hatten wir Ruhe.

Nach einem beschwerlichen Nachtmarsch erreichten wir die Sammelstelle. Als Verpflegung gabs Schwarzbrot und Tee, außerdem noch eine Ration Brot auf den Weg, die bis zur nächsten Station vorhalten sollte, von den meisten aber gleich aufgegessen wurde. Der Transport war ziemlich stark geworden und als Begleitung stand eine Abteilung Kosaken bereit. Nachdem die Marschordnung unter viel Geschrei und Gefluche seitens der Russen hergestellt war, ging's endlich los. Wir Deutschen mußten am Ende des Zuges marschieren, dessen Schluß der Anführer der Kosaken, ein stattlicher Mensch, selbst übernommen hatte. War es nun der Genuß des frischen Schwarzbrots oder die Einwirkungen der Kälte und Nässe, jedenfalls machte sich bei mir ein schon seit Tagen anhaltender Durchfall in dem Maße bemerkbar, daß ich austreten mußte. Durch entsprechende, nicht mißzuverstehende Zeichen machte ich den Führer auf mein Vorhaben aufmerksam, der mir die Erlaubnis durch Schwenken mit der Knute erteilte und sein Pferd anhielt, bis ich fertig war. Im Verlauf des weiteren wurde mir nun so schlecht, daß ich bald alle hundert Meter austreten mußte und nur noch Blut als Abgang hatte. Der Kosak trieb mich in keiner Weise zum Aufholen an, sondern wartete jedesmal geduldig, bis ich weiter ging.

Die Kolonne hatten wir aus den Augen verloren, zumal ich mich nur noch mühsam fortschleppte. Da tauchte in unserem Rücken ein Panje-Fuhrwerk auf. Der Kosak hielt es an, und aus dem Mienenspiel konnte ich erraten, daß mich der Panje aufladen sollte. Dieser Stockrusse schien aber nicht die geringste Lust dazu zu haben, denn nach heftigem Wortwechsel trieb er plötzlich seine Pferde an. Aber er hatte die Rechnung ohne den Kosaken gemacht. Die Knute losknöpfen, dem Fuhrwerk nachsetzen, dem Panje eine runterhauen, war das Werk eines Augenblicks, und schon stand die Fuhre. Wohl oder übel mußte er mich aufladen, mußte sogar seinen Strohsitz mir überlassen; und nachdem ich gut verstaut war, gings im Trab weiter. Der Panje vorn in einemfort schimpfend, mein Begleiter mit zufriedener Miene hinterher.

Bald war die Kolonne ein- und überholt und kurz nach Mittag langten wir am Bestimmungsort an. Unterkunft war eine geräumte Schule. Der Kosak suchte ein Zimmer aus, hieß mich ablegen und redete auf mich ein, von all dem ich nur das Wort: »Germanski!« begriff, richtig folgernd, daß der Raum für uns Deutsche bestimmt sei. Dann winkte er mir, ihm zu folgen und Kochgeschirr mitzunehmen. In der Küche zunächst erregter Wortwechsel, aber die Persönlichkeit und die Knute dieses Mannes schienen sich durchzusetzen. Es wurde Kakao gekocht und mein Gefäß gefüllt. Im Zimmer war bereits Feuer gemacht, auch lagen einige alte Decken auf dem Fußboden. Nach kurzer Zeit kam der Kosak wieder mit einem Weißbrot, das er mir gab. Nachdem ich gegessen und getrunken hatte, während der Zeit er nur stillschweigend zuschaute, machte er Zeichen, daß ich schlafen sollte, was ich sehr gerne tat. Als er sich überzeugt hatte, daß ich gut versorgt war, schaute er mich nochmal an, drehte sich um und ging schnell zur Tür hinaus.

Ich habe den Mann nicht wiedergesehen, aber heute noch ist es mein sehnlichster Wunsch, daß dieser edle Mensch – dessen Kaste im allgemeinen als roh und gewalttätig verschrieen ist – glücklich und unversehrt wieder zu den Seinigen zurückgekehrt sein möchte.

Heinz Gick, Aluminiumarbeiter, Hanau.

Chinaman

Nach dem Waffenstillstand waren im zerstörten Gebiet eine große Zahl von chinesischen Kulis mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt. Da gab es denn fast jeden Tag Verletzte, denen bei der Arbeit irgend etwas zugestoßen war. Als eines Tags ein junger Chinese mit einem zerschmetterten Bein in unserem Lazarett eingeliefert wurde, nahm ich seine Personalien auf, wie dies zu meinen Pflichten gehörte. Da er anscheinend Durst hatte, gab ich ihm einen Becher Milch zu trinken und holte ihm auch noch eine Decke, damit er nicht frieren sollte. Dankbar blickte er mich an und gab mir nach längerem Suchen aus seinem Beutel vier Mandarinen. Als ich abwehrte, steckte er sie mir kurzerhand in meine Tasche. Da ich mich auch weiter um den armen Kerl bekümmerte, strahlten seine Augen, so oft er mich sah. Als er drei Tage später in ein Hospital verbracht wurde, warf er mir noch aus dem Auto ein französisches Silberstück zu und winkte mit der Hand, solange er mich sehn konnte. Die Tränen rollten ihm aus den kleinen Schlitzaugen über seine runden Bäckchen, während er rief: German gutalla! German gutalla! Deutscher gut!

Jacob Walk, Kaufmann, Eltville.

Gurkha

Es war im tropischen Buschkrieg in Deutsch-Ostafrika. Die Schutztruppe hatte einen Angriff einer englischen Inder-Brigade abgeschlagen, unter deren farbigen Soldaten sich ein Regiment Gurkhas befand. Diesem Volksstamm ging der Ruf voraus, daß seine Angehörigen jedem verwundeten Feinde mit ihren Messern den Hals durchschnitten. Leutnant H. von der Schutztruppe lag mit einem Schuß, der die Halswirbelsäule gestreift hatte, auf dem glühenden Boden; infolge der Erschütterung der Wirbelsäule unfähig, nur ein Glied zu rühren. Plötzlich sah er zu seinem Schrecken einen Gurkha auf sich zu kriechen und schloß die Augen in Erwartung des nahenden Todes. Wie erstaunte er aber, als er bemerkte, daß der Inder nur die blutende Halswunde mit seinem Daumen ausdrückt und dann von seinem schmutzigen Turban ein Stück abriß, um den deutschen Feind damit zu verbinden.

Dr. Paul Wolff, Frauenarzt, Darmstadt.

Dann will ich auch nichts!

Voraus muß ich senden, daß ich bei Kriegsausbruch ein Opfer der Verleumdung wurde und unter dem Verdacht der Spionage an meinem damaligen Wohnort Nancy verhaftet wurde. Ueber alles Schreckliche, was ich in den viereinhalb Monaten erlitten habe, besonders, bis wir endlich im Oktober 1914 auf der Insel Frioul bei Marseille landeten, will ich schweigen. Aber wenn man so Schweres erlebte, kann man erst fühlen, wie mir war, auf einmal auf einen Menschen von Herz und Seele zu treffen, obschon er nicht aus einem kultivierten Land stammte.

Auf unserem Gefangenen-Transport, den ich mit den Frauen und Kindern der Beamten aus dem Oberelsaß teilte, kam ich getrennt am 4. Oktober 1914 nach Macon. Hier hoffte ich Besserung meiner Lage durch einen dort lebenden lieben Bekannten: leider wurde meine Hoffnung zuschanden, denn der mir helfen sollte, war drei Tage zuvor an die Front gekommen. Was nun? Der Bahnhofs-Kommandant wußte nichts mit mir anzufangen; unser Transport war schon weitergeleitet nach Lyon; da saß ich nun zwischen zwei Soldaten mit aufgepflanztem Gewehr. Nach einiger Zeit kam der Kommandant mit einem großen Neger auf uns zu und sprach einige Worte mit meiner Wache, die ich nicht verstand. Ich erschrak: dieser Neger also sollte mich bis Lyon mitnehmen. Unter Todesangst bestieg ich mit ihm den Militärzug. Aber bald mußte ich bemerken, daß dieser Schwarze mich vor Zudringlichkeiten und Beschimpfungen der Weißen schützte. An der ersten Haltestelle bestiegen einige Krankenschwestern den Zug und reichten Erfrischungen; auch meinem Begleiter boten sie an, doch mit der Bemerkung: nichts für den Boche! Aber was tat der Senegalneger? Er reichte ihr alles zurück mit den Worten: »Danke, Madame, dann will ich auch nichts!« Er tat mir leid, denn man sah es ihm an, daß er gerne etwas gehabt hätte. Aber dann kam eine junge Dame, die uns beiden einiges reichte. Mein Dank konnte nur der Wunsch sein, daß Charli Ben gesund zurückkam zu seinen zwei Frauen und fünf Kindern, von denen er mir erzählt hatte.

Lina Seib, Karlsruhe.

Nur ein Zigeuner

Es war bloß ein armer Teufel, ein Zigeuner, der erschossen werden sollte. Warum? Sein träges, sonnebedürftiges Blut konnte nicht aufgepeitscht werden, auch nicht durch noch so schwere Strafen. Er wurde stundenlang aufgebunden, bis er am ganzen Körper und Gesicht blau war, da er, anstatt der Grabarbeiten für Schützengräben, sich immer wieder hinlegte, um zu schlafen. Er widersetzte sich dem Befehl immer wieder. Er wurde gerichtet; er sollte erschossen werden. Die Augen waren schon verbunden, da hob der Zigeuner die Hand. Er hatte noch eine Bitte. Die paar Heller, die er in seiner Tasche hatte, die wollte er dem Feldwebel schenken; der war am besten zu ihm gewesen. Ja, und dann schoß man ihn tot ... Das war nur so ein armer Zigeuner und doch so viel Mensch!

Dipl.-Ing. Erich Fischer, Frankfurt a. M.

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