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Das Buch der guten Werke 1914-1918

Bernhard Diebold: Das Buch der guten Werke 1914-1918 - Kapitel 10
Quellenangabe
authorBernhard Diebold
titleDas Buch der guten Werke 1914-1918
publisherSocietäts-Verlag
year1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Feiertag und Waffenstillstand

Kurzer Friede

Nach den vorhergegangenen offenen Kämpfen lagen wir schon seit dem 5. Januar 1916 an der Bahnlinie Wilna–Dünaburg in vorderster Linie in Stellung. Jeder einzelne Mann, der sich bei uns sowie auch drüben zeigte, wurde unter Feuer genommen, und auf beiden Seiten gab es Verluste. Unterdessen kam Ostern heran und jeder war froh, als wärmeres Wetter einsetzte. In der Regel dürften sich wohl die Feiertage in vorderster Stellung – manchmal vom Feinde nur einen Steinwurf entfernt – gegenüber anderen Tagen durch nichts unterschieden haben. Während es am hellen Tage keiner wagen durfte, sich nur einen Augenblick zu zeigen, hatten wir uns nachts gegenseitig schon einige Zeit »angepflaumt«. Wir ärgerten die Rußkis mit ihren mißlungenen Angriffen, sie nannten uns dafür die »Marmeladendivision«. Sie wußten wahrscheinlich nicht, daß wir außer dieser »Heldenbutter« mit ebensolcher Ausdauer wochenlang Graupen, nichts wie Graupen, manchmal sogar weich gekocht, erhielten. »Graupendivision« hätte bald noch besser für uns gepaßt. In den russischen Gräben schienen mehrere deutschsprechende Russen mit zu liegen, deshalb war eine Verständigung umso eher möglich. Und irgend woher kam es eines nachts. Einer von hüben oder drüben mußte ja damit angefangen haben: daß die bevorstehenden Osterfeiertage auch anders als mit gegenseitigem Totschießen verlebt werden könnten.

Ein sonderbares Angebot, an dessen Zustandekommen anfangs noch niemand so recht glauben wollte. Seit Monaten lagen wir uns in erbitterten offenen Kämpfen gegenüber und jetzt wurde nachts wegen der Feiertage freundschaftlich verhandelt. Und wir wurden uns einig. Als der Ostermorgen anbrach, verstummte so nach und nach die Schießerei, und selbst die Artillerie vergaß ihre furchtbaren Morgengrüße hinüber- und herüberzusenden. Noch traute niemand diesem Frieden; sah es doch, wenn man an die vorhergegangenen Kämpfe dachte, mehr wie eine Falle aus. Aber scheinbar sehnten sich alle nach einigen Stunden vollkommener Ruhe, und als auch weiter alles still blieb, wagten sich doch einige Mutige – ein sehr gewagtes Spiel – kurze Zeit über der Brustwehr zu zeigen.

Es standen zwar einige Kameraden zur Sicherung schußbereit in Deckung, aber diese Vorsichtsmaßnahme war nicht nötig gewesen; auch von den Russen stiegen immer mehr über ihren sehr gut angelegten Zwei-Etagengraben. Wir winkten und riefen uns gegenseitig zu, und wenn auch anfangs zögernd, so kamen sich die beiden Feinde doch nach und nach in Freundschaft immer näher. Bald setzte ein gegenseitiger Tauschhandel ein, und durch vieles Mit-den-Händen-reden suchte man sich mit seinem Gegenüber zu verständigen.

Die Russen brachten Brot, Butter, Zucker, auch Wutki – wir gaben dafür Zigaretten. Unsere Marmelade dagegen stand sehr niedrig im Kurs. Obwohl es nun schon einige Stunden Wirklichkeit war, mutete doch alles ganz sonderbar an. Diese Ruhe, die nie durch einen Schuß zerrissen wurde, war uns geradezu unheimlich. Wir, die wir jetzt mit einander sprachen, lachten und freundschaftlich Waren austauschten, wir hätten uns einige Stunden vorher, wenn sich nur Gelegenheit dazu geboten hätte, kaltblütig erschossen. Wir hatten uns vorher noch nicht gesehn, aber es waren Menschen, die es genau so satt hatten wie wir; sie sehnten sich nach der Heimat und sprachen von baldigem Frieden – wie wir. Wir waren uns augenblicklich keine Feinde, und vielleicht suchte auch mancher vergebens nach einem Grunde: warum wir uns gegenseitig totschießen wollten und sollten.

Zu Mittag gingen unsere Essenholer nicht wie sonst eine halbe Stunde in engen Verbindungsgräben bis zur Feldküche, sondern zum Teil frei übers Feld in kürzester Strecke. Nachmittags herrschte die Feststimmung weiter an. Nur der sonst übliche »Schießstand« fehlte eben. Es hätte vielleicht nicht mehr lange gedauert, und wir hätten mit unseren Feinden gemauschelt. Ganz konnten wir uns aber auch nicht in die Karten gucken lassen, denn das wußten wir ja auch alle – daß es so nicht bleiben konnte.

Das merkten wir gar bald. Scheinbar waren unsere Führer mit dem eigenmächtigen Waffenstillstand und der fortschreitenden Verbrüderung nicht ganz zufrieden; und der Herr Feldwebel, vielleicht höheren Orts hergeschickt, wollte aller Herrlichkeit ein Ende bereiten. Wir sollten alle in den Graben zurück und mit dem Zielfernrohrgewehr in der Hand, mit dem sonst die auf den Bäumen versteckt sitzenden Russen heruntergeholt wurden, stand er im Graben, schob das Gewehr durch eine Schießscharte, und legte auf irgend einen an, der sich außerhalb des schützenden Grabens eben mit uns gefreut und unserer Abmachung Glauben geschenkt hatte. Gut Zureden half auch hier wieder einmal und der Friede war wieder gerettet. Dieser Vertrauensbruch hätte sich auch bitter gerächt; Gefangene in späteren Kämpfen hätten es vielleicht büßen müssen.

Dann kam der Abend heran und mit diesem das Ende unserer Freundschaft. Lange noch hörten wir in der stillen Nacht den Gesang russischer Lieder, begleitet von einer Ziehharmonika. Niemand getraute sich, diese Ruhe zu stören, nur ab und zu einmal mahnte eine Leuchtkugel – das war alles. Obwohl der zweite Feiertag nicht mehr auf dem Programm stand, herrschte Ruhe. Aber dann war Ostern vorbei.

Vielen mag es schwer gefallen sein, sich auf die alte blutige Pflicht zu besinnen. Und ein paar Tage später schossen wir uns gegenseitig die mit soviel Mühe aufgebauten Gräben mit Minen und Granaten wieder zusammen; wir zielten wie vorher auf jeden einzelnen, der etwas unvorsichtig war, oder der es durch die Ostertage erst geworden war und jetzt noch gar nicht einsah, warum es denn wieder anders sein mußte. Mancher Schrei ließ uns nur allzudeutlich unsere Treffer ahnen. Ein Glück möchte man es nennen, daß man wenigstens nicht sah, wen man erschossen hatte. Vielleicht hatten sich unser Schütze und der Getroffene von drüben vor ein paar Tagen noch mit einem Händedruck gesunde Rückkehr in die Heimat gewünscht.

Viele sahen sie nicht mehr. Auch uns brachte noch mancher Tag Verluste. Viele Kameraden blieben für immer hier draußen an der Stelle, an der sie wenigstens einen Tag scheinbaren Frieden miterleben konnten. Wir andern über wollten uns den richtigen Frieden noch erkämpfen. Es war Soldatenpflicht und niemand wollte es ändern; und außerdem – unsere Heimat verließ sich auf uns.

Alfred Posselt, Buchhalter, Olbersdorf i. Sa.

Feuer

Am Fuße der Côtes des Hures lag ein zusammengeschossenes Dorf unserer Stellung gegenüber. Gar oft stürzten deutsche Granaten zwischen die Mauerreste und Unterstände. Einmal brach nachts in diesem Dorfe Feuer aus. Hell loderten die Flammen zum Himmel, und im Widerschein des Feuers sah man die Franzosen, wie sie versuchten, des Feuers Herr zu werden. Es wäre also eine willkommene Gelegenheit gewesen, hinüber zu funken.

Kurze Zeit darauf fiel in einem Betonblock unserer Stellung ein Schützengrabenofen um; das Feuer breitete sich rasch aus. Unsere Leute hatten Mühe und Not, die Handgranaten und ihre Habseligkeiten aus dem Block herauszuschaffen. Und sie wurden von den Franzosen in ihrem Vorhaben nicht gestört, denn sie erinnerten sich anscheinend an die ihnen gegenüber erwiesene Rücksichtnahme.

Erwin Eberlin, Sekretär, Freiburg i./Br.

Die weiße Fahne

Es war in Ostgalizien, in jenen Patrouillen-Raufereien, die dem Reitergefecht von Kamionka Strumilowa (24. August 1914) vorangingen. Eine Sotnie Kosaken hatte des nachts den Bug durchfurtet, in der Richtung auf Zolkiew, und stieß da auf den Hügeln westlich des Bugs auf österreichische Siebener-Ulanen. Die Ulanen wollten attackieren. Doch die Kosaken hielten nicht stand: sie saßen ab, deckten sich im Gelände und schossen. Worauf den Ulanen, zu ihrem Aerger, nichts übrig blieb als gleichfalls abzusitzen und in die Schwarmlinie zu gehen.

So schlecht nun beide Parteien schossen – vielmehr eben deswegen – zog sich die Sache hin; immer länger; es gab bis Mittag etliche Tote und sehr viel Verwundete.

Hinter dem Hügel hatte der österreichische Regimentsarzt den Hilfsplatz etabliert; er und zwei Blessiertenträger arbeiteten; und konnten die Menge der Verwundeten gar nicht bewältigen. Um ein Uhr war ihnen das Verbandszeug ausgegangen. Und nun spielte sich eine kleine Szene ab, die verdient, aufgezeichnet zu werden:

Der Regimentsarzt kam keinen Augenblick in Verlegenheit. Er hieß einen eben erst versorgten verwundeten Ulanen-Unteroffizier aufsitzen, band ihm ein Stück Leinewand – einen Fußlappen – als Parlamentärflagge an den Stock und sagte ihm: »Korporal, reiten S' da links herum um den Hügel in den Rücken von die Kosaken. Da muß ein russischer Hilfsplatz sein mit einem Arzt. Den Arzt erkennen Sie an der Armbinde, Rotes Kreuz. Reiten S' hin zu ihm, salutieren S' anständig und melden S': Der Herr Regimentsarzt Perka laßt den Herrn Kollegen schön grüßen, ihm is das Verbandszeug ausgegangen. Der Herr Kollege soll so freundlich sein und soll mir aushelfen.«

Nach einer Viertelstunde kam der Parlamentär zurück mit einem großen Packen Verbandszeug.

Roda Roda, Berlin.

Sie schießen nicht

Die große Offensive an der Somme war im Gange. Am 22. August 1918 hatte der Feind unsere ersten Linien bei Achiet le Petit überrannt und war weit in unsere rückwärtigen Linien eingedrungen. Dauernd befanden sich mehrere feindliche Flugzeuggeschwader mit den englischen Abzeichen in der Luft und flogen in geringen Höhen unter Maschinengewehrfeuer auf unsere einzelnen Nester und besetzten Granatlöcher und Grabenteile der Front entlang. Zeitweise zählten wir mehr als dreißig feindliche Flieger über unseren Köpfen. Trotz des unglaublichen Getöses in der Luft hörten wir plötzlich das dumpfe Gebrumm eines deutschen Flugzeuges und tatsächlich kam ein einziges deutsches Flugzeug im direkten Fluge feindwärts auf unsere Stellungen zu. Man hatte dem Flieger scheinbar den Befehl zur Feststellung, wo sich unsere erste Linie befinde, gegeben; und tapfer führte er diesen Auftrag auch aus, obwohl der Flug einem Selbstmord gleichkam, denn wie die Habichte schossen die feindlichen Jagdgeschwader auf den wehrlosen Infanterieflieger los.

Es war uns sofort klar, daß der Pilot ein verlorener Mann sein mußte, denn viele Hunde sind des Hasen Tod, sagten wir uns; und wir zitterten um den todesmutigen Flugzeugführer. So geschickt er auch seine Kurven zog, die feindlichen Flugzeuge schnitten ihm jeden Rückweg ab und versuchten, ihn hinter die englische Linie zu drücken und dort zum Landen zu zwingen. Immer weiter drückten sie ihn herunter, und als er in einer Höhe von vielleicht fünfzig Metern über unsere Köpfe strich, winkten wir ihm zu. Da zog er plötzlich eine scharfe Rechtskurve; er kam zurück, knapp hinter unsere Linie. Die scharfe Kurve ließ ihn über den rechten Flügel abrutschen, und mit einer wirbelnden Drehung um die rechte Tragfläche, die den Boden zuerst berührte, zersplitterte der Flügel und das Rädergestell ging in Trümmer.

Knapp hundert Meter hinter unseren Linien lag nun das Flugzeug. Die feindlichen Flieger kreisten über dem abgedrückten Feind, kein Schuß fiel aus ihren Maschinengewehren mehr. Kein Schuß fiel überhaupt an dem gesamten Abschnitt; denn Freund und Feind hatten scheinbar mit größter Spannung dem Luftkampfe ihr ganzes Interesse gewidmet.

Unser erster Gedanke war: hin zu dem Flugzeug und den sicher verletzten Führer aus dem Apparat retten. Aber das flache Somme-Gelände bot der auf höchstens 150 Meter entfernt liegenden feindlichen Infanterie freies Schußfeld; und jeder, der sich zum frei liegenden Flugzeug wagen wollte, konnte abgeschossen werden wie ein Hase auf der Treibjagd. Zwei beherzte Unteroffiziere krochen dennoch unter Ausnutzung der geringsten Bodendeckung auf das Flugzeug zu. Sie mußten von der englischen Infanterie sowie von den ihre Kreise ziehenden Fliegern gesehen werden. Doch nichts geschah! Kurz vor dem Flugzeug erhoben sich die beiden und sprangen aufrecht darauf zu. Immer noch fiel kein Schuß, obwohl die gesamte Fläche genau einzusehen war.

Die beiden Unteroffiziere bemühten sich, dadurch sicherer geworden, völlig frei um den Piloten, doch konnten sie zu zweien den Flieger nicht befreien. Sie winkten daraufhin mit den Händen, und weitere drei deutsche Soldaten eilten aufrecht im Laufschritt zur Hilfe. Kein Schuß fiel, alles blieb weiter ruhig. Einer der Soldaten wurde sofort zur ersten Linie wieder zurückgeschickt, um eine Zeltplane zu holen, und doch blieb beim Feinde alles in größter Ruhe!

Endlich sah man, wie die Helfer einen menschlichen Körper aus den Trümmern hoben und in die Zeltplane legten und den befreiten verwundeten Flieger über das freie Gelände nach rückwärts trugen. Der Feind regte sich nicht.

Als aber die drei Soldaten zur Linie zurückgingen und auf halbem Wege plötzlich wieder Kehrt machten und die Richtung wieder auf das Flugzeug einschlugen, weil ihnen wohl eingefallen war, von den Instrumenten aus den Trümmern noch zu retten, was zu retten war, da fielen sofort von der englischen Linie Schüsse und ein Maschinengewehr nahm die Flugzeugtrümmer unter Punktfeuer. Aber auf die drei Helfer schoß kein Engländer; ihr Ziel war das Flugzeug, wohin sie den Weg absperrten, nachdem der Pilot gerettet war. Völlig unversehrt kamen die drei Soldaten wieder zu ihren Granatlöchern zurück.

Wir hatten einen mächtigen Respekt vor diesem erlebten Akt der englischen Ritterlichkeit. Trotzdem unser Flieger der Absicht des Gegners, ihn hinter der feindlichen Linie zum Landen zu zwingen, im letzten Moment noch ein Schnippchen geschlagen und sich damit der Gefangenschaft entzogen hatte, so ehrte der Feind doch sein tapferes Verhalten. Aber im ganzen Verlauf dieses Tages konnte keine Hand aus dem Graben oder den Löchern mehr gehoben werden, ohne daß sofort gezieltes Feuer aus den englischen Linien kam.

Geschehen am 23. oder 24. August 1918 nordwestlich von Bapaume, links der Straße Achiet le grand nach Achtet le Petit, im Abschnitt der 4. bayrischen Infanterie-Division. Unterzeichneter war als Unteroffizier der dritten Maschinengewehr-Kompagnie 5. Inf.-Regt. selbst dabei.

Franz Schmitt, Syndikus, Würzburg.

Der Zettel

Da ich selbst ein Freund der Bücher bin, sende ich Ihnen hier eine kurze Geschichte für das »Buch der guten Werke«, vorausgesetzt, daß sie zu gebrauchen ist. Ich will nur zeigen, daß der Gegner auch anständig handeln konnte.

Wir bezogen im Sommer 1915 Stellung auf dem Sattelkopf im Münstertal (Vogesen). Er war etwas über 700 Meter hoch und noch gut bewaldet, außer der Kuppe, auf der die beiden Stellungen lagen. Hier standen wir einem französischen Alpenjäger-Regiment gegenüber, in einer Entfernung von ungefähr dreißig bis vierzig Meter. Dagegen lag unser Horchposten nur drei Meter dem französischen gegenüber. Besetzt war unser Posten mit zwei Kameraden und abgelöst wurde alle zwei Stunden. Unsere Stellung lag abends um die gleiche Zeit immer unter französischem Minenfeuer, das uns so plötzlich überraschte, daß wir kaum Zeit hatten, Deckung zu suchen; infolgedessen gab es Verletzte. Auch mußte der Graben wieder ausgebaut werden.

Die Franzosen mußten inzwischen erfahren haben, daß andere Truppen die Stellung bezogen hatten, denn am dritten Tag gegen sechs Uhr abends, seit wir in Stellung lagen, warf der französische Horchposten einen Zettel zu uns herüber. Er war französisch geschrieben und enthielt die Mitteilung, daß alle Abend um sieben Uhr unsere Stellung mit Minen beschossen werden sollte. Wir machten unserem Kompagnieführer Meldung von der Sache, der uns auch den Zettel übersetzte. Jetzt waren wir gewarnt und konnten deshalb beizeiten in Deckung gehen, um unnötige Verluste zu vermeiden. Das war auch der Zweck, den der Brief seitens der Alpenjäger verfolgen sollte.

Um sieben Uhr abends setzte das Minenfeuer ein, das zwanzig bis dreißig Minuten später wieder nachließ. Wir, auf diese Art so freundlich gewarnt, waren auch nicht müßig geblieben und dankten den Alpenjägern auf dieselbe Weise wie sie für ihre Warnung. Das Ergebnis war, daß wir uns auf Horchposten mit den Alpenjägern mündlich unterhielten, so weit wir ihre Sprache verstanden. Es war ein schönes Kauderwelsch, das wir herausbrachten. Wir saßen bei Nacht oft beisammen zwischen beiden Horchposten, ohne daß wir gestört wurden. So standen wir drei Wochen lang in Freundschaft mit den Alpenjägern, ohne daß es unsere Vorgesetzten wußten oder erfuhren; wir hatten es nicht gemeldet.

Aber der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht. Eines Morgens kontrollierte unser Kompagnieführer die Stellung; dabei führte ihn sein Weg auch zu uns in die Sappe, die wir um jene Zeit auf Horchposten waren. Er erwischte uns gerade, als wir uns trennen wollten, es wurde schon grau und sehen sollte uns niemand bei Tag. Wir aber hatten unseren Kompagnieführer nicht gesehen, weil wir ihn im Rücken hatten, wenn nicht ein Alpenjäger plötzlich gerufen hätte: Officier! Er war aber auch gleich verschwunden. Für uns war es zu spät, um verschwinden zu können; es bekam jeder seinen Staucher. Außer mir und Heinrich Hamann aus Lachen bei Neustadt erhielten fünf oder sechs Kameraden ein paar Tage Arrest. Das war bald verschmerzt; die Hauptsache war, daß wir unbelästigt blieben von den französischen Minen, so lange wir noch in Stellung waren. Wir waren damals im 22. bayrischen Reserve-Infanterie-Regiment, 2. Kompagnie.

Karl Kippenberger, Gerüstbauer, Ludwigshafen a. Rh.

Geburtsdatum

Am 17. März 1916 geriet ich als deutscher Marinekampfflugzeugführer in englische Kriegsgefangenschaft. Ein winziges Schrapnellstückchen hatte den Kühler meines Seeflugzeuges durchschlagen. Da das Kühlwasser auslief, mußte ich auf dem Mittelmeer in der Nähe der griechischen Insel Thasos landen oder vielmehr, wie wir Seeflieger sagen, wassern. Ein englisches Torpedoboot fischte mich auf und brachte mich nach der Insel Lemnos auf das große Linienschiff H. M. S. »Agamemnon«. Das Verhör war kurz, da ich höflich, aber bestimmt jede Aussage, die von militärischem Interesse sein konnte, verweigerte. Es war daher eigentlich nur eine Feststellung meiner Personalien.

Von einem Kapitänleutnant wurde ich in eine Kabine geführt, die der Schiffspfarrer extra meinetwegen geräumt hatte. Kaum saß ich ein paar Minuten allein, als ein Seeoffizier anklopfte. Er hatte seinen Burschen mitgebracht, der sofort eine große Gummibadewanne aufrollte. »Oh, Sie werden wohl eine große Sehnsucht nach eine erfrischende Bad haben!« lachte der Offizier und verschwand. Ehe ich ins Bad stieg, kam ein anderer Offizier und schenkte mir einen nagelneuen Schlafanzug. Er entfernte sich, kaum daß ich meinen Dank ausgesprochen hatte. Nach dem Bade kamen zwei andere Offiziere. Der eine brachte einen Kasten mit 1000 (!) Zigaretten, der andere deutsche Kriegsbücher (!) und Zeitungen. Ja, sogar ein englisch-deutsches Lexikon.

Das Abendessen war einfach erstaunlich. Als besondere Aufmerksamkeit hatte man mir eine Flasche deutschen Rheinwein geschickt. Nach dem Essen kamen zwei andere Offiziere. Der erste gab mir einen Rasierapparat und was dazu gehört. Der zweite schenkte mir ein noch nicht geöffnetes Feldpostpaket. »Es ist von meiner Mutter in London,« sagte er. »Ich weiß nicht, was drin ist, aber wohl Schokolade und Zigaretten.« Ich lehnte dankend ab. Es ginge doch auf keinen Fall, das Paket wäre doch an ihn adressiert und außerdem ... »Nehmen Sie nur, Herr Kamerad!« unterbrach mich lächelnd der Engländer, »denken Sie, es käme von Ihrer lieben Mutter in Deutschland.«

Ich war ganz verwirrt und wollte etwas erwidern. »Aber, Herr Kamerad,« fuhr der Engländer fort, »heute ist doch der 17. März! Da muß man Ihnen doch etwas schenken!« Damit verschwand er.

Durch die Feststellung meiner Personalien beim Verhör hatte man bemerkt, daß ich ausgerechnet an meinem Geburtstage in Gefangenschaft geraten war. Die Namen der Agamemnon-Offiziere habe ich vergessen, ihre Ritterlichkeit nicht.

Fritz Leop. Henning, Maler, Zoppot.

Sibirien

Seit drei Wochen fuhren wir Gefangenen schon nach Osten. In unseren zerrissenen feldgrauen Uniformen, zum großen Teil der Mäntel beraubt, waren wir der sibirischen Winterkälte preisgegeben. Die Waggons, welche achtundzwanzig Mann Platz zum Liegen boten, aber mit vierzig und mehr Kriegsgefangenen belegt waren, hatten wohl kleine Kanonenöfchen, die auch ununterbrochen geheizt wurden. Während aber die Belegschaft der oberen Pritschen ständig schwitzte, suchten sich die Kameraden im Parterre vergeblich gegen die durch die Ritzen des Bodens und der Seitenwände eindringende Kälte zu schützen. Da nicht alle gleichzeitig liegen konnten, schliefen wir 46 Mann unseres Waggons abwechselnd.

Die jeweilige »Wache« stand und saß um den Ofen herum und lauste sich. Von Läusen wimmelte es nur so in unserem Wagen, der vorher russischen Soldaten zur Fahrt an die Front gedient hatte. Außerdem war es Aufgabe der Wache, bei jedem Halt auf größeren Stationen das so notwendige Heizmaterial zu fassen. Dies geschah in der Weise, daß man von den zum Betrieb der Lokomotiven in riesigen Stapeln bereitgehaltenen Holzkloben ein oder zwei Stück ungesehen mitgehen hieß. Wir hatten darin bald eine derartige Fertigkeit, daß wir nur selten von Bahnbeamten erwischt und verjagt wurden. Da mein langer und weiter Kavalleriemantel sich besonders gut dazu eignete, hat er fast alle »Holzempfänge« mitgemacht.

Wie mit dem Heizmaterial, so waren wir auch inbezug auf unsere Verpflegung auf Selbstversorgung angewiesen. Nur gab es da nichts zu »fassen«, da die Bulkiweiber ihre heißbegehrten Schätze mit Argusaugen bewachten. Das uns zustehende Verpflegungsgeld von 25 Kopeken pro Mann und Tag kam, nachdem wir Moskau hinter uns gelassen hatten, nicht mehr zur Auszahlung. Wenn wir uns bei unserem Transportführer, einem jungen russischen Offizier, beschwerten, entschuldigte er sich damit, daß er nur große Geldscheine habe, die ihm niemand wechseln könne. Anfangs glaubten wir ihm, da wir einem Offizier die Unterschlagung unseres Verpflegungsgeldes nicht zutrauten. Bald aber waren wir von unserer guten Meinung gründlich kuriert und sahen die Zwecklosigkeit von Beschwerden ein. Wenn bloß der Hunger nicht gewesen wäre, der beim Anblick all der eßbaren Herrlichkeiten, welche in großen Mengen auf den Stationen feilgeboten wurden, nur noch mehr schmerzte. So waren denn bald sämtliche Uhren, Trauringe, Taschenmesser und trotz der barbarischen Kälte auch schon ein oder das andere Kleidungsstück, verkauft oder direkt gegen Lebensmittel umgetauscht und wir so arm wie die Kirchenmäuse.

Als der Morgen vom 24. Dezember 1914 graute, hielten wir auf einer Station zwischen Kraßnojarsk und Irkutsk. Zwar wurde über das Datum noch gestritten; die ununterbrochenen Kämpfe und Gefechte der Schlacht bei Lodz, Ende November, hatten unsere Zeitbegriffe derart verwirrt, daß drei Parteien auf ihr »richtiges« Datum schworen. Der Streit wurde von einem russischen Gymnasiasten geschlichtet, der zu uns an den Wagen kam, um seine deutschen Sprachkenntnisse zu erproben. Von ihm erfuhren wir, daß der jetzt begonnene Tag tatsächlich unser 24. Dezember war. Er war der Sohn des Stationsvorstehers und erklärte sich bereit, eine Abordnung unseres Wagens zu seinem Vater zu führen, zwecks Vorbringung einer Beschwerde über die mangelhafte Verpflegung. Unsere Vorstellungen, daß wir in den drei Wochen, die wir bereits auf der Fahrt waren, erst dreimal warmes Essen erhalten hätten und kein Geld zum Einkaufen bekämen, machten auf den Herrn Stationsvorsteher durchaus nicht den erwarteten Eindruck. Er sagte, daß er gegen den Transportführer nichts machen könne, wolle aber dafür sorgen, daß wir noch heute bis zur Irkutsker Verpflegungsstelle kämen und dorthin mitteilen, daß man uns zu essen geben solle.

Als wir mit diesem schwachen Trost in den Waggon zurückkehrten, war dort großer Streit. Emil, ein Berliner Landwehrmann, hatte in der Nähe der Station eine junge Kiefer erspäht, umgebrochen und als Weihnachtsbaum in den Wagen gebracht. Dem hatte ein Teil der Kameraden widersprochen; in der trostlosen Lage, in der wir uns befänden, wollten sie nicht an Weihnachten erinnert sein, sonst sei es überhaupt nicht auszuhalten. Wir einigten uns dann dahin, daß wir nach der versprochenen Verpflegung Weihnachten feiern wollten. Auch die größten Gegner der Feier waren damit einverstanden, da sie nach den gemachten Erfahrungen nicht mehr an russische Versprechungen glaubten. Während wir uns noch stritten, setzte sich unser Zug wieder in Bewegung und erreichte am Spätnachmittage Innokentjewskaja vor Irkutsk, wo er an die Rampe der Verpflegungsstation geschoben wurde.

Gerade kehrten zwei Mann vom Wasserholen zurück, als hinter ihnen zwei Frauen in der offenen Wagentür stehen blieben. Sie erkundigten sich in deutscher Sprache, ob jemand von uns in Petrikau gewesen sei und ob die Stadt sehr zerstört sei. Wir konnten sie darüber beruhigen und erfuhren, daß sie dicht vor Petrikau gewohnt und beim ersten Vorgehen der Deutschen von den Russen evakuiert und bis hierher gebracht worden waren. Sie sahen uns interessiert beim Zurichten des Christbaumes zu und verschwanden dann, sich scheu nach den russischen Posten umschauend. Bald darauf erhielten wir in einem großen Saale, immer zehn Mann zusammen, Kappustersuppe und Kascha sowie ein rundes Brot. Nachdem noch jeder einige Stücke Zucker und etwas Ziegeltee empfangen hatte, kehrten wir in bedeutend gehobener Stimmung zu unserem Wagen zurück und begannen sofort mit den letzten Vorbereitungen zur Weihnachtsfeier.

Das Bäumchen hing mit Draht an einer Schraube der Deckbalken; ein Verbandspäckchen lieferte Schnee und Mullgirlanden. Die für die Nacht gelieferte Kerze wurde in lauter kleine Stumpen geschnitten und mit Draht auf den Zweigen befestigt. Als alle Platz genommen hatten, zündeten wir unseren Weihnachtsbaum an und sangen: »Stille Nacht, heilige Nacht«. Es war ein wunderlich feierlicher Gesang, er wanderte von einer Ecke des Wagens in die andere; bald hier, bald da setzten Stimmen aus, um nach einigen Augenblicken wieder einzufallen. Während wir sangen, wurde die nach der Rampe gelegene Tür zur Seite geschoben und ganz geöffnet. Es waren Russen, die zur Front fuhren und deren Transportzug neben dem unseren hielt. Sie bekreuzigten sich und nahmen stumm an unserer Feier teil.

Nachdem das Lied verklungen, las unser »Baby«, ein schlesischer Kriegsfreiwilliger, die Weihnachtsgeschichte vor. Als er damit zu Ende war, schob eine Frauenhand eine große Tüte Würfelzucker und ein Päckchen Tee in den Wagen, um sogleich wieder zu verschwinden. Karl, der Danziger Reservist, sagte nachher, es seien die zwei Frauen vom Nachmittag gewesen; die eine habe abseits gestanden. Das Beispiel der Frauen fand Nachahmung; die Russen griffen in die Manteltaschen und legten jeder etwas auf dem Boden des Wagens nieder: Brot, Speck, Zigaretten, Zucker, Ziegeltee und was sie gerade bei sich hatten. Allmählich wurde es dunkel im Waggon, da die Kerzenstumpen verlöschten ... Die Russen folgten einem Signal, das sie zum Essen rief und wir schlossen die Tür. Es war eisigkalt im Wagen geworden. Tiefe Stille herrschte, keiner sprach ein Wort; selbst die »Wache«, die sich sonst mit Sprüchekloppen die Zeit verkürzte, war mäuschenstill.

Nachts fuhren wir weiter, und als wir am Morgen des ersten Weihnachtstages die Türe öffneten, hielten wir auf der Station Baikal, dicht am Ufer des gleichnamigen Sees, dessen brandende Wogen das dünne Ufereis am Unterbau des Bahndammes zerschellten. Hier fand die Bescherung statt, indem jeder von den Gaben sein Teil erhielt. Nachdem wir uns an Tee mit Zucker und Brot gelabt hatten, sangen wir über den See: »O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!«

Ich habe noch weitere fünf Weihnachten in Sibirien erlebt, aber keine Feier ist so in meiner Erinnerung haften geblieben wie jene von 1914, bei der vertriebene Frauen und zur Front fahrende feindliche Soldaten uns Kriegsgefangene durch Gaben zu erfreuen suchten, die sie von ihrer eigenen Armut opferten.

Friedrich Geiger, Wohlfahrtspfleger, Schmiedel/Hunsrück.

Totenruhe

Wir waren als Pioniere des 7. Pionier-Bataillons, 1. Feldkompagnie der 13. Inf. Division zugeteilt. Einige Tage vor Weihnachten 1914 war es, in der Gegend zwischen Arras und Neuve Chapelle, als die Engländer in ein Stück unseres Grabens eingedrungen waren. Aber sie hatten nicht viel Freude an ihrem Sieg, denn am andern Tage wurden sie mit Handgranaten wieder hinausgeworfen und hatten dabei schwere Verluste. Ungefähr vierzig Meter trennten die beiden Linien; das Niemandsland war bedeckt mit toten Khakileuten.

Doch nicht alle waren tot. Einer lebte, ein älterer englischer Offizier. Der lag nun schon seit zwei Tagen im Regen auf dem lehmigen Feld, hin und wieder den Kopf bewegend, dann ein Bein, um sich seinen Leuten bemerkbar zu machen. Wie sollten die ihm aber helfen? Der Mann lag höchstens fünfzehn bis zwanzig Meter vor unserem Graben, mit schwerem Brustschuß. Uns dauerte der arme Mensch, dessen Schicksal besiegelt schien. Wie ihm helfen? Ein Seil, das wir ihm zuwarfen, erwies sich als zu kurz. Da schwenkte einer unserer Infanteristen irgend ein weißes Tuch, stieg auf die Deckung und schnallte sein Koppel ab.

Die Engländer begriffen. Einer ihrer Offiziere krabbelte auf Deckung, schnallte ebenfalls ab, und die beiden, der Engländer und der Deutsche, gingen auf einander zu, trafen sich bei dem Verwundeten, begrüßten sich und schüttelten sich die Hände. Der Verwundete wurde von den Engländern mit einer Tragbare in ihren Graben geholt, und man trennte sich, nachdem man noch einige Zigaretten ausgetauscht, mit verbindlichen Worten. Jetzt erschienen die Köpfe der Muskoten über der Grabenwand und alles schrie Bravo, und von schießen war keine Rede mehr.

Eine Stunde später ließen von drüben die Engländer ein weißes Tüchlein wehen, ein Parlamentär erschien auf der Deckung und bat um eine vierstündige Waffenruhe weil man die vielen englischen Toten begraben wolle. Das wurde von dem Kompagniechef unserer Infanterie bewilligt, und die Toten konnten begraben werden. Hüben und drüben wurde in unserem Abschnitt nun nicht mehr geschossen, auch nicht nach Ablauf der Waffenruhe, auch nach Tagen noch nicht. Und so kam es, daß Weihnachten 1914 für uns ein friedliches Fest im Schützengraben wurde.

Aber es war zu schön, um lange dauern zu können. Und so kam denn auch kurz nach Weihnachten der ausdrückliche Befehl von hinten, daß wieder geschossen werden müsse. Dann war es auf einmal aus mit dem Waffenstillstand, und der Krieg ging weiter, noch lange, blutige Jahre.

Fritz Speckhan, Dipl.-Kaufmann, Köln-Nippes.

Der Hirsch

In der Waldstellung an der Beresina bei Groß-Jägerhof wurde Ende Juni 1916 ein Hirsch durch einen Landstürmer angeschossen. Der Hirsch flüchtete, setzte über die Beresina. Vor der russischen Stellung brach er tot zusammen. Ein russischer Infanterist brach den Hirsch auf und zerlegte ihn in zwei Teile. Eine Hälfte nahmen die Russen. Die andere Hälfte brachte schwimmend ein Russe an das deutsche Ufer. Nachdem er den halben Hirsch niedergelegt hatte, schwamm der russische Kamerad, uns freundlich zuwinkend, zurück. Während des ganzen Vorganges fiel kein Schuß.

Karl Barbanes, Bauhilfsarbeiter, Hamm i. Westf.

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