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Das Buch der Chemie

Hans Dominik: Das Buch der Chemie - Kapitel 13
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authorHans Dominik
titleDas Buch der Chemie
publisherVerlag von Richard Bong
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Von Seifen und anderen Waschmitteln

Dem zivilisierten Mitteleuropäer des 20. Jahrhunderts ist die Seife ein vollkommen unentbehrlicher Gebrauchsgegenstand. Geht man doch geradezu so weit, den Kulturzustand eines Volkes nach dem Seifenverbrauch zu bewerten. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß es keineswegs immer so war, daß beispielsweise die doch gewiß hochkultivierten Römer der republikanischen Zeit mit ihren wunderbaren Badeeinrichtungen die Seife noch nicht kannten. Sie wurde erst zur Kaiserzeit als eine barbarische Erfindung aus Gallien oder Germanien (Fig. 121) nach Rom eingeführt und kam nur sehr allmählich dort in Gebrauch. Sowohl die alten Römer wie auch die Griechen hatten keine Seifen, sondern nur Salben. Sie salbten sich sowohl vor wie nach dem Bade, und die Gilde der Salbenhändler stellte sowohl in Athen als auch in Rom ein starkes und reiches Gewerbe dar. Wir werden später untersuchen, wie sich die Alten ohne Seife beholfen haben. Einstweilen wollen wir die Seife unserer Tage näher betrachten.

Auf die Frage, was Seife sei, gibt der Chemiker die bündige Antwort, daß sie ein Alkalisalz einer Fettsäure sei. Als Alkalimetalle kommen dabei das Kalium und das Natrium in Betracht. Das erstere gibt die Kaliseifen. Es sind die bekannten weichen Schmierseifen. Das zweite liefert die festen Natronseifen, zu denen insbesondere alle unsere Toilettenseifen gehören. Die Fettsäuren selbst, welche mit Ätzkali oder Ätznatron bei der Seifenfabrikation zur chemischen Verbindung gezwungen werden, sind je nach der Art des verwandten Fettes ziemlich verschieden. Es liegt auf der Hand, daß man je nach der Art der zu gewinnenden Seifen sehr verschiedene Fettarten benutzen wird, wobei die Billigkeit des Fettes eine ausschlaggebende Rolle spielt. So werden denn in den Seifenfabriken Talg, Palmöl, Kokosöl, Baumöl, Rüböl, Schmalz, Pferdefett und ferner die bei der Fabrikation der Stearinkerzen abfallende Ölsäure auf Seife verarbeitet.

Fig. 121.
Seifenherstellung in alten Zeiten.
Die Seife ist eine germanische Erfindung. Schon Tacitus berichtet, daß die germanischen Frauen aus Fett und einer ätzenden Lauge in großen Kesseln ein besonderes Waschmittel herstellten.

Von allen den hier genannten Stoffen ist nur die Ölsäure von der Form C 18H 34O 2 eine ungesättigte reine Fettsäure. Sie enthält in ihrem Molekül 18 Kohlenstoffatome reihenförmig angeordnet, von denen zwei doppelt gebunden sind. Es bleiben daher 36 freie Valenzen, die durch 33 Wasserstoffatome, 1 Oxylradikal und 1 Sauerstoffatom besetzt sind. In den meisten zur Verseifung verwandten Ketten sind dagegen keine einfachen Fettsäuren enthalten, sondern die Glyzerinester dieser Säuren. Um die molekulare Struktur dieser Verbindungen klarzulegen, müssen wir vom Glyzerin, jenem bekannten süßlichen, flüssigen Stoff, ausgehen, der nach der folgenden Strukturformel aufgebaut ist:

Hier liegen also 3 Kohlenstoffatome in einer Reihe und tragen an ihren 8 freien Valenzen 5 Wasserstoffatome und 3 Hydroxylgruppen von der Form OH. Das Glyzerin ist also, wie bereits in dem Abschnitt von der Kohlenstoffchemie dargelegt wurde, ein dreiwertiger Alkohol der gesättigten Kohlenwasserstoffreihe. Wenn man nun die drei Hydroxylgruppen aus diesem Molekülbau herausnimmt und dafür jedesmal einen Molekülbau einer Fettsäure, die durch Abspalten eines Wasserstoffatoms einwertig gemacht wurde, anhängt, so erhält man den dieser Fettsäure entsprechenden Glyzerinester. Für diese Glyzerinester gilt also die allgemeine Formel C 3H 5R 3 und die Strukturformel

hierin bedeutet R ein einwertiges Fettsäureradikal, d. h. also eine Fettsäure, die durch Entziehung von einem Wasserstoffatom eine freie Valenz bekommen hat und chemisch aktionsfähig geworden ist.

Wie unsere Betrachtungen zeigen, ist der Molekülbau dieser Ester viel komplizierter als derjenige der einfachen Säuren, und es ist daher zu vermuten, daß er bereits mit einfachen chemischen Mitteln gesprengt werden kann. Die Praxis bestätigt diese Vermutung. So wird beispielsweise das Rohmaterial in der Stearinkerzenfabrikation, das Stearin, welches der Glyzerinester der Stearinsäure ist, durch einfaches Kochen mit überhitztem Dampf unter eventueller Beigabe von etwas Kalkmilch oder Schwefelsäure in Stearinsäure und Glyzerin aufgespalten. Aus dem Gemisch dieser Stoffe wird dann die Stearinsäure ausgesondert und dient der Fabrikation der bekannten Kerzen, die chemisch richtig Stearinsäurekerzen heißen müßten.

Fig. 122.
Siedekessel einer modernen Seifenfabrik.
Fett und Lauge werden in einem doppelwandigen, mit Dampf beheizten Kessel gekocht. Ein Rührwerk arbeitet die Masse dabei durch.

Auch bei der Seifenfabrikation ist eine solche Zerlegung der in den verarbeiteten Fetten enthaltenen Glyzerinester in die entsprechenden Fettsäuren erforderlich, und sie erfolgt während jenes Prozesses, den man kurzweg als Seifekochen bezeichnet, so nebenbei und vor der eigentlichen Verseifung. Dieses Seifekochen spielt sich nun in der Weise ab, daß die betreffenden Fette zusammen mit einer Ätznatronlauge oder Ätzkalilauge erhitzt werden.

Dabei findet die Spaltung der Glyzerinester in der beschriebenen Weise statt. Die abgespaltenen Fettsäureradikale treten aber in eine sofortige chemische Wechselwirkung mit dem Ätznatron von der Form NaOH, in dem dies seine Oxylgruppe OH abgibt, die sofort an Stelle des abgestoßenen Säureradikals an den Glyzerinester tritt, während das frei werdende Alkaliatom mit dem Säureradikal ein fettsaures Salz bildet. Je nach der Art der verwandten Fette sind die so entstehenden Seifen verschieden, doch enthalten sie in der Hauptsache immer die Alkaliverbindungen der Fettsäuren mit 16 bis 18 Kohlenstoffatomen, wie beispielsweise der Palmitinsäure, der Stearinsäure und der Oleinsäure.

Es wurde bereits gesagt, daß die Seifenfabrikation eine uralte, wahrscheinlich germanische Erfindung ist. Sie entstand lange vor jeder chemischen Wissenschaft und wurde infolgedessen rein erfahrungsmäßig ausgeübt und weiter entwickelt. Der Seifensieder jener alten Zeiten mußte sich natürlich alles selber bereiten. Er begann mit der Herstellung der Lauge, indem er Holzasche in Wasser auslaugte, die Flüssigkeit von den unlöslichen Rückständen abfiltrierte und in dieser nun das gesamte kohlensaure Kali der Holzasche hatte. Er mischte diese Lauge mit frischer Kalkmilch, einer Lösung von Ätzkalk in Wasser, und hierbei trat eine Wechselwirkung ein, indem sich das kohlensaure Kali in Ätzkali verwandelte, während der Ätzkali in kohlensauren Kalk überging, der in Wasser beinahe unlöslich ist und sich sofort niederschlug. So hatte der Seifensieder in der von dem Niederschlag abgegossenen Flüssigkeit eine reine Ätzkalilösung, mit der er nun aus allerlei Fett seine Seife kochen konnte. Aber diese Seife konnte naturgemäß immer nur eine Kaliseife, also eine Schmierseife, werden.

Die Geschichte hat uns leider nicht überliefert, wer nun in jenen längst vergangenen Jahren die geniale Erfindung des Aussalzens gemacht hat. Vielleicht war hier, wie so oft, der Zufall der Erfinder. Gießt man nämlich in die noch heiße Kaliseifenlösung eine konzentrierte Lösung von Kochsalz, also von Chlornatrium ClNa, so setzt wiederum eine chemische Wechselwirkung ein. Das Kochsalz spaltet sich, und sein Natriumatom verdrängt das Kaliumatom aus der Schmierseife, macht diese also zu einer harten Natronlauge, während das ausgetriebene Kaliumatom sich mit dem Chlorrest des Kochsalzes zu Chlorkali verbindet. So haben wir also nach dem Aussalzen eine in Wasser sehr viel schwerer lösliche Natronseife, die obenauf schwimmt und bei weitergehender Abkühlung sehr bald erstarrt, während sich darunter eine glyzerinhaltige Chlorkalilösung befindet. Diese Methode, erst eine Kaliseife zu kochen und dann auszusalzen, ist noch bis in unser Jahrhundert hinein allgemein geübt worden. Erst in neuerer Zeit kocht man die Natronseifen direkt, indem man von Anfang an mit einer Ätznatronlauge arbeitet (Fig. 122).

Die Seifensiederkunst hat sich erfahrungsmäßig entwickelt, und sie ist auch heute trotz aller chemischen Wissenschaft noch stark auf Erfahrungswerte angewiesen. Man kann ja selbstverständlich genau berechnen, wieviel Gewichtsteile Ätznatron oder Ätzkali man für die Verseifung bestimmter Gewichtsmengen von Palmitinestern, Stearinestern usw. benötigt, aber man weiß niemals genau, wieviel von diesen Stoffen wirklich in den zu verkochenden Fetten vorhanden sind. Man kann zu wenig Ätzkali nehmen, und dann bleiben unverseifte Fettsäuren in dem Seifenkörper zurück. Oder aber man nimmt zuviel Ätzkali, und dann hat man einen Überschuß von freiem Ätznatron in der Seife.

Fig. 123.
Blick in eine Seifenfabrik.
In verschiedenen Bottichen werden verschiedene Seifenarten in großem Maßstabe hergestellt. Die Fabrikation gestaltet sich so wohlfeil, daß heute kaum noch eine Hausfrau selbst Seife kocht.

Das Ideal, daß alles Fett verseift ist und keine Spur von Ätznatron frei bleibt, wird man niemals genau erreichen können. In der Praxis muß man daher von den beiden anderen Möglichkeiten diejenige wählen, die das kleinere Übel bedeutet, man muß die Mischung so treffen, daß noch ein geringer Prozentsatz unverseifter Fettsäure im Seifenkörper vorhanden ist. Denn eine Seife, in der noch freies Ätznatron bzw. Kali vorhanden ist, wirkt auf die menschliche Haut ätzend und schädigend. Bei billigen, schlechten Seifen kommt es leider bisweilen vor, und die Folgen sind für denjenigen, der solche Seife benutzt, recht unangenehm. Die Haut wird brüchig und rissig, und der Teint verliert sein Ansehen.

Die Seife ist nicht nur eine rein empirische Erfindung, auch die Theorie ihrer Wirkung wurde erst einigermaßen geklärt, nachdem sie schon Jahrtausende in Gebrauch war. vollkommen klar ist diese Theorie auch heute noch nicht. Man meint, daß die Seife bei der starken Wasserverdünnung, die sie bei der Benutzung erfährt, wiederum eine chemische Umsetzung erleidet. Es bildet sich dann nämlich ein unlösliches, saures, fettsaures Alkali, welches vornehmlich die Schaum- und Flockenbildung verursacht, während andererseits ein basisches Alkalifettsalz entsteht, welches leicht löslich ist, gelöst bleibt und auch lösend auf den Schmutz wirkt, der ja meist durch das Hautfett an die Haut gebunden ist. Dieser Schmutz wird also gelöst, bei der Prozedur des Waschens von der Haut abgerieben und an die Schaumflocken gebracht, von denen er eingehüllt und mitgenommen wird.

Diese Theorie, die auch für das Waschen von Wäsche gilt, erklärt die Dinge immer noch am besten. Verblüffend ist ja in der Tat die Reinigungskraft der zu Schaum geschlagenen Seifenlösung. Sie wirkt in gleicher Weise auf fettige wie auf wasserlösliche Verunreinigungen, und diese doppelte Wirkung hat vielleicht ihre große Verbreitung verursacht.

Fig. 124.
Die Herstellung von Stangenseifen (Rasierseifen).
Eine Maschine preßt die Seifenmasse in Form einer gleichmäßigen Stange aus einer Düse heraus. Eine Drahtsäge schneidet gleichlange Stücke von der endlosen Stange ab, die danach für die Verpackung fertig sind.

Die Frage taucht nun auf, womit sich denn die Kulturvölker des Altertums gereinigt haben mögen, bevor die Seife ihren Siegeszug antrat. Die einfache Vermutung, daß sie sich überhaupt nicht gewaschen haben, die man im Hinblick auf die heutige, oft unmenschliche Schmutzerei mancher Mittelmeervölker aufstellen könnte, ist nicht haltbar. Angesichts der heute noch erhaltenen wundervollen antiken Badeeinrichtungen müssen wir den Völkern des klassischen Altertums vielmehr eine ungewöhnlich hohe Körperkultur zugestehen.

Aber wie haben sie sich gewaschen? Daß eine einfache Waschung mit Wasser fast unwirksam ist, ist sicher. Auch die großartigsten Badeeinrichtungen mit kalten und warmen Bassins können daran nichts ändern. Von der Zusammensetzung der antiken Salben wissen wir aber leider so gut wie nichts. Wir lesen nur in Schriften von Plinius, daß diese Salben etwas ganz anderes gewesen sein müssen als die germanische Seife, von dieser letzteren spricht er geradezu als Heilmittel. Mir wissen aber, daß sich die antiken Ringkämpfer von oben bis unten ganz gehörig mit Olivenöl einfetteten, damit der Gegner sie infolge der fettigen Glätte möglichst schlecht greifen und halten konnte. Wie diese Einfettung aber ohne Seife wieder beseitigt werden sollte, war noch bis vor wenigen Jahren ein vollständiges Rätsel.

Wir verdanken die Entschleierung des solange verlorengegangenen Geheimnisses dem deutschen Erfinder R. Fiedler, der unter anderem auch das alte griechische Feuer wiederentdeckt hat. Fiedler hatte viel in Rumänien, jener alten römischen Militärkolonie, zu tun, in der sich die alte italische Rasse in guter Reinheit durch alle Stürme der Völkerwanderung und des Mittelalters hindurch erhalten hat. Es fiel ihm auf, daß gerade in den abgelegenen, von den Errungenschaften der neueren Kultur noch wenig erreichten Gegenden die Bevölkerung und namentlich die Mädchen und Frauen sich durch einen wundervollen Teint und eine bis ins Alter hinein glatte und runzelfreie Haut auszeichneten. Es war ihm nicht leicht, hinter die Geheimnisse dieser Dorfschönen zu kommen; aber in gegenseitigem Austausch, indem er ihnen etwas von den Wirkungen des griechischen Feuers zeigte, gelang es schließlich doch.

Es gibt dort gewissermaßen zwei Schulen oder Observanzen. Die Anhänger der strengen Observanz bringen überhaupt zeitlebens keine Seife an ihren Körper. Die Jünger der leichteren Observanz gestatten zwar den gelegentlichen Gebrauch einer milden und von allen Ätzalkalien gänzlich freien Seife, aber immer unter der Voraussetzung, daß daneben und hauptsächlich jene alte römische Salbe benutzt wird, auf die wir im folgenden näher eingehen werden.

Das Rezept zu dieser Salbe ist einfach, denn sie wird aus den Naturerzeugnissen des Landes gewonnen. Es sind Mandeln und Oliven, aus denen sie besteht. Eine bestimmte Portion süßer und bitterer Mandeln -- hier wie in allem Folgenden spielen alte Erfahrungsmengen eine Rolle -- werden geschält und dann in einer polierten Steinschale mit einem gleichfalls polierten Stempel zu einem möglichst feinen Brei zerrieben (Fig. 125). Weiterhin wird eine Anzahl sorgsam ausgesuchter, vollkommen fleckenfreier und eben reifer Olivenfrüchte entkernt und dann in einer anderen Schale ebenso zerrieben. Diese beiden Pasten werden innigst vermengt, und damit haben wir die altrömische, heute noch in Rumänien gebräuchliche »Salbe«. Sie wird zur Aufbewahrung in kleine Tiegel aus Ton oder Porzellan eingedrückt und durch übergebundenes Pergamentpapier geschützt.

Der Gebrauch dieser Salbe erfolgt nun in der Weise, daß alle Körperstellen, die man eben zu waschen und bei uns mit Seife zu behandeln pflegt, mit dieser Salbe eingerieben werden. Danach aber findet eine kräftige Massage der eingesalbten Partien mit den Fingerspitzen statt, die sich ebenfalls von der bei uns üblichen Massage unterscheidet. Es ist nämlich kein geradliniges Streichen, sondern eine Kreisbewegung, indem die Fingerspitzen unter ziemlichem Druck in kreisförmigen Bahnen über die Haut geführt werden (Fig. 126). Während dieser Massage zieht ein bemerkenswerter Teil der Salbe in die Haut ein, wird von den Gefäßen derselben tatsächlich aufgesogen. Immerhin bleibt ein gewisser Fetthauch zurück, der nun wiederum ganz eigenartig beseitigt wird. Die Rumäninnen jener Dörfer, soweit sie der strengen Observanz angehören, benutzen dazu nicht etwa Wasser und Seife, sondern feine trockene Mandelkleie, mit der sie die Haut weiterreiben und massieren, bis die feinen Häutchen der Kleie die Salbe völlig aufgesogen haben und die bearbeiteten Hautstellen auch keine Spur von Fettglanz mehr aufweisen.

Was enthält denn nun diese geheimnisvolle Salbe an chemischen Bestandteilen? Die zum Brei verriebenen Mandeln bestehen zu rund 50 Prozent aus Mandelöl, einem blaßgelben, geruchlosen, dünnflüssigen Öl. In ähnlicher Weise enthält der Olivenbrei in ungefähr gleicher Menge das feinste weiße Olivenöl. Hauptbestandteile der Salbe sind also diese beiden feinen Pflanzenöle. Aber diese befinden sich nicht in kompaktem Zustande darin, so wie man reines Mandelöl oder Olivenöl durch Auspressen von Mandeln oder Oliven gewinnen kann. Sie behalten bei der Zerreibung der Früchte vielmehr jenen eigenartigen Zustand, in dem sie in den Früchten vorhanden sind, und den der Chemiker als Emulsion bezeichnet. Eine Emulsion bedeutet eine äußerst feine, fast molekulare Verteilung eines Stoffes in einem anderen. Sie unterscheidet sich von einer Lösung eben dadurch, daß keiner der beiden Stoffe den anderen zu lösen vermag.

Fig. 125.
Seifenersatz.
Die Herstellung der rumänischen Schönheitspaste aus frischen Mandeln und Oliven. Die Früchte werden in einem Mörser zu einer Emulsion zerrieben.

Wir haben das bekannteste praktische Beispiel einer Emulsion in den lichtempfindlichen Schichten unserer photographischen Trockenplatten. Diese Schichten bestehen aus einer Bromsilberemulsion in Gelatine. Sie werden in der Weise hergestellt, daß man zwei getrennte heiße Gelatinelösungen ansetzt, die so viel Gelatine enthalten, daß sie im kalten Zustande erstarren. Der einen Lösung fügt man salpetersaures Silber, der anderen Bromammonium zu. Diese beiden Chemikalien gehen dabei wirklich in Lösung, d. h. ihre Moleküle verteilen sich vollkommen gleichmäßig im Gesamtvolumen der lösenden Flüssigkeit. Ist dies geschehen, so gießt man die beiden Lösungen zusammen und sorgt durch kräftiges Verrühren für eine vollkommene gegenseitige Durchdringung.

Nun setzt zwischen den beiden Chemikalien eine Wechselwirkung ein. Das Silber des Silbernitrats von der Form AgNO 3 verbindet sich mit dem Brom des Bromammoniums von der Form BrNH 4 zu unlöslichem Bromsilber, während die dabei frei werdenden Reste der beiden Verbindungen das wasserlösliche Ammoniumnitrat bilden. Dadurch bekommen wir also eine molekulare Verteilung des Bromsilbers in der Gelatine. Es folgt nun ein weiteres Kochen dieser Lösung, welches natürlich ebenso wie das Zusammengießen der beiden ursprünglichen Lösungen in der Dunkelkammer vonstatten gehen muß. Bei diesem Kochen vereinigen sich die Bromsilbermoleküle, die zunächst vollkommen gleichmäßig molekular in der Gelatine verteilt sind, zu einzelnen, etwas größeren Gruppen. Man sagt, die Emulsion koaguliert, sie wird grobkörniger.

Der Photograph bezeichnet dies Kochen wohl auch als Reifen der Masse, weil dabei die Lichtempfindlichkeit steigt. Je größer das Korn einer Trockenplatte, desto größer auch ihre Lichtempfindlichkeit. Man läßt danach die Gelatine erstarren, schneidet sie in kleine Brocken und spült diese mit reinem Wasser sehr gründlich nach. Dabei geht das Ammoniumnitrat infolge seiner Löslichkeit in das Spülwasser über, und es bleibt eine reine Bromsilberemulsion in der Gelatine zurück, die nun noch einmal geschmolzen und auf die Glasplatten vergossen wird.

Eine solche Emulsion haben wir nun auch in den Früchten und den aus ihnen geriebenen Pasten der rumänischen Salbe. In dem Olivenbrei befindet sich das Olivenöl in Emulsion mit dem Gewebe der Olivenfrucht, welches Wasser, mancherlei Salze und Zellstoffe, besonders aber jene rätselhaften und erst in neuester Zeit wenigstens in ihren Wirkungen erkannten Vitamine oder Lebensstoffe enthält. In gleicher Weise ist das Öl des Mandelbreies mit Zellen, Salzen und Vitaminen der Mandelfrucht emulgiert. Dieser Zustand wird auch durch die Vermischung der beiden Fruchtpasten zu einer Salbe nicht verändert. Bei der Behandlung der Haut mit dieser Salbe wirken daher nicht nur die beiden reinen Pflanzenöle auf das menschliche Zellgewebe, sondern weiterhin auch jene Vitamine der Fruchtkörper. Wenn auch die Wirkung dieser Lebensstoffe noch wenig erforscht ist, so sprechen doch die praktischen Erfolge mit der rumänischen Salbe dafür, daß man es hier mit etwas weit Wirksamerem zu tun hat, als mit einer einfachen Öleinreibung.

Der Vergleich der beiden Verfahren: Hie Seife, hie Salbe, fällt leider stark zuungunsten der Seife aus. Für diese werden pflanzliche und tierische Fette von teilweise recht unsauberer Herkunft verarbeitet, während wir in der Salbe zwei der reinsten und edelsten Pflanzenöle haben. Bei der Seifenfabrikation zwingen wir dann weiter die Fettsäuren zu einer ziemlich gewaltsamen Ehe mit Ätzalkalien, die allein durchaus geeignet sind, die menschliche Haut unter Schmerzen zu zerfressen und zu zerstören, und von denen nur allzu häufig freie Mengen in der fertigen Seife zurückbleiben.

Im Gegensatz dazu enthält die Salbe keinerlei derartige ätzende Bestandteile, sondern nur die organischen Stoffe ausgesuchter Früchte. Eine dunkle Erinnerung an diese altrömische Salbe mag vielleicht noch in unserer Mandelseife nachklingen. Aber was ist diese Seife? Fettsaures Natron, genau so wie alle übrigen festen Seifen, und lediglich durch eine organische Verbindung der Benzolgruppe, durch das Benzaldehyd, parfümiert, welches zufälligerweise den Geruch bitterer Mandeln besitzt. Aber das Benzaldehyd von der Form C 6H 5 · CHO kommt weder in bitteren, noch in süßen Mandeln vor. Es kann nur aus einem wesentlich komplizierteren Körper dieser Früchte, dem Amygdalin von der Form C 20H 27NO 11, künstlich hergestellt werden. Unsere Mandelseife hat also mit Mandeln herzlich wenig zu tun, und noch viel weniger mit jener rumänischen Mandelsalbe.

Fig. 126.
Gesichtsmassage bei Benutzung der Schönheitspaste.
Die mit der Paste eingefettete Gesichtshaut wird mit den Fingerspitzen in eigenartigen Kreisbewegungen massiert.

Einstweilen herrscht in Europa unumschränkt die Seife. Aber nachdem lange verlorene Rezepte der hochkultivierten antiken Völker nun wieder entdeckt wurden, nachdem wir in Sport und Leibespflege heute mehr denn je jenen antiken Vorbildern nachzueifern beginnen, kann es wohl sein, daß auch die Periode der Seife einmal ihr Ende erreicht und eine neue Ära der Salbe anbricht.

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