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Das Buch der 1000 Wunder

Alexander Moszkowski: Das Buch der 1000 Wunder - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
authorArtur Fürst / Alexander Moszkowski
year1920
firstpub1916
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleDas Buch der 1000 Wunder
pages400
created20110130
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bauwunder

1. Die sieben Weltwunder der Alten

Nicht »1000 Wunder«, sondern nur deren sieben kannte die Welt des klassischen Altertums. Sie besaß weit mehr an Schöpfungen, die in unserm Sinn wunderbar waren, aber weder die tiefen Erkenntnisse der Philosophen, noch die ehernen Werke der Dichter oder die Bildsäulen von unsterblicher Schönheit wurden in den engen Kreis der offiziellen Wunder aufgenommen. Diesen ward nur zugerechnet, was ungewöhnlich groß, außerordentlich kostbar war oder die Überwindung besonderer Schwierigkeiten bei seiner Herstellung gefordert hatte.

Phidias hatte wahrscheinlich manches Werk geschaffen, das künstlerisch weit wertvoller war als der Zeus von Olympia, aber bei diesem war die größte Menge kostbarer Stoffe verwendet; der Dianatempel zu Ephesus reicht an Schönheit bei weitem nicht an die Akropolis von Athen heran, aber er war viel größer und besaß weit mehr Schmuckfiguren; so wurden diese beiden Schöpfungen vom Volk den Wundern beigesellt. Es sind richtige Volkswunder, die wir hier vor uns haben, von der Menge nach äußerlichen Gesichtspunkten zu der schon damals heiligen Siebenzahl gereiht. Sie geben keinen richtigen Maßstab für den wirklichen Wunderbesitz der altklassischen Welt.

In unserer Zeit könnte von diesen sieben Wundern, wenn sie alle erhalten geblieben wären, nur noch ein einziges den gleichen Sonderrang einnehmen. Und dieses eine Wunder gerade besitzen wir wirklich noch heute in fast unveränderter Gestalt. Schon in der klassischen Periode war es Jahrtausende alt, und auch der seitdem vorübergerauschte lange Zug der Jahrhunderte hat keine grundlegende Zerstörung daran vollbringen können.

Die ägyptischen Pyramiden stehen noch heute fast unverändert da. Wir besitzen ihrer mehr als achtzig. Sie sind sämtlich am Abhang der libyschen Wüste auf der rechten Seite des Nils über eine Strecke von etwa 30 Kilometern aufgereiht. Ihre Ausmaße sind sehr verschieden; die Höhen schwanken zwischen 10 und 150 Metern. Auch das Material, aus dem sie gefügt sind, wechselt; man findet Pyramiden aus sorgfältig bearbeiteten Steinen, solche aus rohen Blöcken und andere, die aus einfachen Nilschlammziegeln aufgemauert sind. Ihre 2 Erbauung fällt etwa in das sechste Jahrtausend v. Chr. Im Innern bargen sie in geräumigen Kammern die Leichname der Pharaonen jener Zeit. Seit langem aber und trotz der sorgfältigsten Verwahrung und Verrammelung sind die meisten Grabkammern von den Arabern ihres Inhalts beraubt, wodurch wertvollstes Material über eine der ältesten Kulturperioden der Menschheit unwiderbringlich verloren ist.

Die Pyramiden wurden wahrscheinlich stufenförmig aufgebaut und dann erst von oben nach unten mit bündig aneinanderstoßenden Decksteinen belegt, wodurch die schrägen, glatten Außenwände entstanden. Diese Decksteine sind heute zum größten Teil zerstört, sodaß die ursprüngliche Stufenform wieder zu Tage tritt und zur Besteigung benutzt werden kann. Die Bauwerke sind sämtlich so gestellt, daß die Lage der vier Grundlinien den Himmelsrichtungen entspricht.

Die größte der Pyramiden ist die des Cheops bei Giseh, deren Grundfläche ein Quadrat von 232 Metern Seitenlänge ist, und die eine Höhe von 147 Metern hat. Die einstige Spitze ist heute verschwunden, und es hat sich droben eine Plattform gebildet, auf der hundert Personen bequem Platz haben. Die Steinblöcke, aus denen das riesige Bauwerk aufgeführt wurde, haben insgesamt eine Masse von 2½ Millionen Kubikmetern. Nach Herodot sollen bei der Erbauung 100 000 Arbeiter 30 Jahre lang tätig gewesen sein. Allerdings konnte man in jedem Jahr immer nur drei Monate lang arbeiten. Es sind danach also für die Errichtung der Pyramide im ganzen 240 Millionen Arbeitstage aufgewendet worden.

Das zweite Weltwunder der Alten dagegen ist so gründlich der Vernichtung anheimgefallen, daß von ihm eigentlich nichts weiter erhalten geblieben ist als der Name. Die hängenden Gärten der Semiramis wurden deswegen bestaunt, weil sie nicht auf dem Boden, sondern hoch droben, wahrscheinlich auf den mit Erde bedeckten Dächern eines terrassenförmig gebauten Palasts lagen; man nennt sie darum auch wohl besser schwebende Gärten. Semiramis ist die sagenhafte Erbauerin von Babylon, wo sie großartige Bauwerke angelegt haben soll, darunter eine gewaltige Stadtmauer von 25 Metern Breite und 100 Metern Höhe, in der sich hundert erzene Tore befanden. Nach der Annahme einiger Forscher sollen die Wundergärten auf dieser Mauer gelegen haben.

Vom Tempel der Diana zu Ephesus sind wertvolle Überreste bis auf unsere Tage gekommen. Durch die im Jahre 1870 von dem Engländer Wood aufgefundenen Trümmer können wir uns ein Bild von der Anordnung des gesamten Bauwerks machen. Das riesige Haus von 69 Metern Breite und 130 Metern Länge wurde im sechsten vorchristlichen Jahrhundert von Chersiphon aufgeführt. Es bestand ganz aus weißem, leuchtenden Marmor. 126 prächtig geschmückte jonische Säulen umgaben die Mauern; an der Vorderseite waren die 19 Meter hohen Säulen in drei Reihen angeordnet und reich mit Figuren geschmückt.

3 Der Tempel hat mehrfach schwere Schicksale durchmachen müssen. Herostrat steckte ihn im Jahre 356 vor Chr. in Brand und zwar nur deshalb, weil er seinen Namen auf die Nachwelt bringen wollte; das ist ihm denn auch durch diese heroische Untat gelungen. Deimokrates baute den Tempel in erneuerter und noch erhöhter Schönheit wieder auf. Aber der Kaiser Nero zerstörte ihn wieder, und plünderte ihn gründlich aus. Was danach noch aufrecht stand, wurde 226 n. Chr. von den Ostgoten niedergelegt. Es ist ein guter Beweis für die Widerstandsfähigkeit des griechischen Marmors, daß nach soviel Unglücksfällen heute noch ansehnliche Trümmer des Bauwerks vorhanden sind.

Wie der berühmte Zeus von Olympia aussah, wissen wir gleichfalls recht genau, aber nur, weil uns kleine Abbildungen des Werks auf einigen römischen Münzen der Landschaft Elis, in der Olympia liegt, erhalten sind. Die Bildsäule selbst, einst das Nationalheiligtum eines großen Volks, ist bis auf den letzten Rest verschwunden. Und das kann nicht Wunder nehmen, weil das Bildwerk ja aus den sehr kostbaren Materialien Gold und Elfenbein bestand. Phidias hatte den Gott auf einem reich geschmückten, vier Meter hohen Thron sitzend dargestellt; sein Haupt reichte fast bis an die Decke des 18 Meter hohen Tempels. Er hielt in der Rechten eine Siegesgöttin, in der Linken das Szepter mit dem ihm geheiligten Adler. Das Haupt war mit einem Kranz aus Ölzweigen, dem Preis der olympischen Sieger, geziert.

Das fünfte Weltwunder der Alten ist das Grabmal des Königs Mausolos von Karien, das diesem um 350 vor Chr. von seiner Gemahlin Artemisia zu Harlikarnassos errichtet wurde, Es bestand aus einem hohen, viereckigen Unterbau, der ein von 36 Säulen umgebenes tempelartiges Grabmal trug. Darauf erhob sich in 24 Stufen eine Pyramide, deren Spitze durch ein mächtiges Riesengespann mit den Kolossalbildern des Mausolos und der Artemisia geschmückt war. Das ganze war 44 Meter hoch. Die Architekten des Bauwerks waren Satiros und Pythes; ihnen hatten fünf Bildhauer zur Seite gestanden, von denen je einer die bildnerische Ausschmückung jeder der vier Seitenflächen, der fünfte die Herstellung des figürlichen Schmucks für den Aufbau ausgeführt hatte.

Der byzantinische Bischof Eusthatios teilt noch im zwölften Jahrhundert mit, daß das Werk wohlerhalten sei; in dem folgenden Jahrhundert aber ging der Oberbau fast ganz zugrunde, und im Jahre 1522 benutzten die Johanniter die Reste als Steinbruch zum Ausbau ihrer Ordensgebäude. Newton machte 1857 Ausgrabungen an der Stätte, wobei er die beiden drei Meter hohen Figuren des 4 Mausolos und der Artemisia, sowie Reliefplatten und einen Amazonenfries auffand. Die Stücke befinden sich jetzt im Britischen Museum.

Nach diesem Wunderwerk nennen wir noch heute die Begräbnishäuser der Fürsten Mausoleen.

Das größte der Kolossalbildwerke des Altertums war der Koloß von Rhodos, eine aus Bronze gegossene und innen ausgemauerte Figur, die 70 Ellen oder etwa 32 Meter hoch gewesen ist. Der Bildhauer Chares hat dieses Standbild des Sonnengotts im Jahre 290 v. Chr. hergestellt. Die Sage erzählt, der Koloß habe so über der Einfahrt des Hafens von Rhodos gestanden, daß die Schiffe unter den ausgespreizten Beinen aus- und einfuhren. Diese Angabe ist jedoch historisch nicht erweislich. Wahrscheinlich war die Figur auf einem Felsen neben der Hafeneinfahrt aufgestellt. Sie fiel sehr bald der Vernichtung anheim, denn schon 56 Jahre nach ihrer Entstehung wurde sie durch ein Erdbeben umgeworfen und ins Meer gestürzt. Fast tausend Jahre lang haben die riesigen Trümmer dann im Wasser gelegen; als die Araber Rhodos eroberten, verkauften sie die Bronzestücke an einen Händler, der 900 Kamele damit beladen haben soll.

Als letztes der antiken Wunder gilt der berühmteste Leuchtturm des Altertums, der auf der Ostseite der Insel Pharos vor Alexandria stand. Er wurde unter der Regierung des Ptolemäos Philadelphos durch Sostratos erbaut. Seinem acht Stockwerke, die bis zu der gewaltigen Höhe von 160 Metern aufstiegen, waren ganz aus Marmor gefügt. Droben brannte ein offenes Feuer, das aus eine Entfernung von 300 Stadien oder 55 Kilometern sichtbar gewesen sein soll. Auch dieses längst verschwundene Wunderwerk des Altertums lebt mit seinem Namen noch heute fort; vielfach bezeichnen wir nach ihm oder vielmehr nach seinem einstigen Standort einen Leuchtturm als Pharus.

Alle sieben Weltwunder des Altertums sind Erzeugnisse der bildenden Kunst. In unserer Zeit nehmen die Bauwunder nur einen kleinen Bezirk im Reich des Wunderbaren ein. Aber in ehrfurchtsvoller Anlehnung an die Wunderwelt der Alten widmen wir ihnen die erste Abteilung dieses Buchs. So wenig wie jene berühmtesten Bauten einer längst vergangenen Zeit nach ihrer Schönheit gewertet wurden, wollen wir einen ästhetischen Maßstab an die im Folgenden erwähnten Bauwerke legen. Wir greifen vielmehr nur einiges technisch Großartige und räumlich Kolossale aus der Fülle neuzeitlicher Stein- und Eisenschöpfungen und uns erhaltener alter Bauten heraus. 5

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