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Gutenberg > Heinrich Zschokke >

Das blaue Wunder

Heinrich Zschokke: Das blaue Wunder - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleHumoresken von Heinrich Zschokke
authorHeinrich Zschokke
year1920
publisherDeutsch-Meister-Verlag
addressMünchen und Barmen
titleDas blaue Wunder
pages87-117
created20020826
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Heinrich Zschokke

Das blaue Wunder

Eine Heirat auf Kredit

Der junge Doktor Falk sah hin, das niedliche Suschen sah her, wie es denn seit ziemlich alten Zeiten unter jungen Leuten Sitte geworden ist. Der Doktor war ein artiger Mann, hatte zwei Universitäten besucht, dann die Spitäler von Wien, Mailand und Pavia, und so viel gelernt, daß er, so gut wie irgend einer seiner Zunft, die Kranken nach dem neuesten medizinischen System ins bessere Leben befördern konnte. Aber solche Geschicklichkeit erwirbt man nicht umsonst; Doktor Falk hatte beinahe seine ganze väterliche Erbschaft daran geopfert. «Hm,» dachte er: «komm' ich nach Haus, so heirat ich ein reiches Mädchen, das gern Frau Doktorin wird, und es ist uns beiden geholfen!»

Allein, der Kopf denkt, das Herz lenkt! Das hübsche Suschen hatte den vollkommensten Beruf, Frau Doktorin zu werden. Nur – das Geld ging ihr ab. «Das wird sich auch endlich finden, liebes Suschen!» sagte der Doktor, und drückte dem weinenden Mädchen einen Kuß auf die Lippen: «Siehst du, ein Doktor muß heiraten, sonst hat man zu ihm kein Vertrauen. Du bringst mir also Kredit, und durch den Kredit Patienten, und die Patienten bringen Geld, und vermögen sie es nicht, so bringen es die Erben. Zudem Jungfrau Sarah Waldhorn ist ja deine Tante, sie steht hoch in den Vierzigern; sie ist reich genug, daß uns der siebente Teil ihres Vermögens aus aller Not helfen kann. Darauf hin muß man schon eins wagen.»

Lieber Himmel, was wagt ein junges Mädchen nicht für einen frommen Anbeter? Leib und Leben. Suschens Mutter hatte nichts einzuwenden, so wenig als der Vater; denn beide waren nicht mehr am Leben, und der Herr Vormund freute sich der anständigen Versorgung des Mündels. Aus gleichem Grunde freute sich Tante Sarah, die sonst auf das Hochzeitmachen der jungen Leute nicht viel hielt, die aber, so lange Suschen unvermählt war, noch dem Herrn Vormund zum Besten der armen Waise Geldzuschüsse machen mußte. Und Jungfrau Sarah Waldhorn war ein wenig geizig, oder, wie sie es nannte, sie hatte nichts übrig.

Genug, Suschen verwandelte sich in eine Frau Doktorin, und der Herr Doktor sah fleißig zum Fenster hinaus, ob, bei seinem vermehrten Kredit, die Kunden kommen wollten? Doch kamen sie leider sehr spärlich. Und das war schlimm. Statt dessen versammelte sich allerlei kleine Gesellschaft in seinem Hause, alle Jahre erschien ein vorher nie gesehenes munteres Söhnlein oder Töchterlein, um Herrn und Frau Falk die süßen Vater- und Mutterfreuden vermehren zu helfen. Der Herr Doktor kratzte sich zuweilen bedenklich hinter den Ohren, aber was half's. Wegjagen konnte man doch die kleinen Falken nicht. Man schnitt nun zwar nicht schmälere Bissen, denn gelebt mußte man doch haben – aber die Frau Doktorin kochte etwas magere Suppen. Item, es schlug allen wohl an. Vater und Mutter und ihre vier Kinder blühten und gediehen; es war eine Lust sie zu sehen. Man saß auf hölzernen Bänken und Strohstühlen so weich, als auf gepolsterten Sofas; schlief auf Laubsäcken recht sanft und ging in keinen kostbaren Kleidern, genug, wenn sie sauber und geschmackvoll waren. Darauf verstand sich denn Suschen vollkommen. Alles war in ihrem Hause so schön, so nett, daß jedermann geschworen hätte, der Doktor habe die beste Einnahme von der Welt. «Wie's auch die Leutchen anfangen mögen!» rief Tante Sarah oft, «Es ist ein blaues Wunder!»

Freilich gab's auch trübe Tage, wenn die Kasse leer war, und man wochenlang keinen harten Taler im Hause gesehen hatte. Doch dann tröstete man sich so gut man konnte, wenigstens damit, daß Tante Waldhorn reich und kränklich und alt war. Und stieg die Not am höchsten, stand immer die Hilfe am nächsten. Ein wahres, liebes Sprichwort.

Hoffende Erben.

Der Doktor und Suschen rechneten inzwischen viel zu kühn auf die Erbschaft von der Tante. Denn vorausgesetzt, aber nicht zugegeben, diese teure Jungfrau wäre dem Tode nahe gewesen: blieb doch noch die Frage, ob denn auch Jungfrau Waldhorn ihre Nichte nebst Gemahl zum Universalerben erklären möchte? Zwar hatte dies seufzende Liebes- und Ehepaar die Erbschaft am nötigsten; allein es war noch eine andere Nichte nebst Gemahl, nämlich der Advokat Zange, und zwei Neffen vorhanden, nämlich der Pastor Primarius Waldhorn und der Professor Philosophiä gleichen Namens. Alle hatten so viel rechtliche Ansprüche als Suschen und ihr Mann. Alle hofften mit der gleichen Sehnsucht auf die baldige Himmelfahrt der Jungfrau.

Der Philosoph Waldhorn hatte wohl dazu die wenigste Ursache. Er war reich genug, ließ sich seinen Braten und Wein wohl schmecken, und philosophierte dabei ganz vortrefflich. Ein Beweis von seinem scharf Sinn ist sein nun zwar vergessenes, damals aber unsterbliches Werk in fünf Bänden: «Die Weltreise unter den Übeln des Lebens», worin er bewies, daß es eigentlich in der Welt gar kein Leiden gäbe; daß aller Schmerz nur Einbildung sei und man alles von der angenehmen Seite betrachten müsse.

In der Tat betrachtete er die Tante immer von der angenehmen, nämlich von der Geldseite. Er machte ihr fleißig Besuche, lud sie oft zu seinen Gastmahlen, schickte ihr allerlei fette Bissen in die Küche, und war daher auch ihr herzallerliebster Neffe. «Ich habe zwar nichts übrig,» sagte sie zuweilen, «aber sollt' ich einmal mit Tod abgehen, so will ich an Sie denken, Vetter.» – Das hörte der Philosoph gern. Er hoffte die Erbschaft allein zu ziehen, und alle seine Nebenbuhler zu verdunkeln.

Wohl wär's ihm mit seiner Philosophie gelungen, wenn nicht sein Neffe, der Pastor Primarius Waldhorn, vermöge der Theologie großen Einfluß auf die Tante gehabt hätte. Sie war äußerst fromm und gottesfürchtig, und verachtete die Eitelkeit der Welt; besuchte die Betstunden der Frommen, wo das geistliche Waldhorn oft überlaut ertönte; nahm gern den Besuch des heiligen Vetters an, der mit ihr betete und ihr ziemlich deutlich machte, daß sie ohne seine Hilfe kaum selig werden könne. Wenn sie seufzend, und mit naßgeweinten Augen aus den Erbauungsstunden des Herrn Vetters kam, versicherte sie ihn, daß er der Retter ihrer Seele, ihr allergrößter Wohltäter sei: daß sie ihm noch in ihrem letzten Stündlein danken werde. Das hörte der Pastor recht gern. «Die Universalerbschaft kann mir nicht entgehen!» dachte er: «Oder es wäre, wie die gottesfürchtige Tante zu sagen pflegt, ein blaues Wunder!»

Wohl hätte er nicht falsch gerechnet, wenn nicht sein Vetter, der Advokat Zange, vermöge seiner Rechtsgelehrsamkeit für die Tante einer der wichtigsten Menschen gewesen wäre. Jungfer Sarah verachtete den Mammon der Welt zwar von Herzen, und bedauerte die irdisch gesinnten Weltkinder, die daran hingen. Doch aus eben dem Grunde suchte sie nach allen Kräften die Weltkinder von besagtem Mammon, oder den Mammon von ihnen loszuziehen. Sie lieh nämlich Geld auf artige Zinsen und auf Pfänder aus, und arbeitete so redlich für das Seelenheil derer, die von ihr Geld borgten, daß diese immer ärmer wurden. «Selig sind die Armen!» rief sie, wenn sie sich Zins auf Zins zahlen ließ: «Käm es auf mich an, die ganze Stadt müßte bettelarm sein, um das Himmelreich zu ererben, oder es wär ein blaues Wunder. Je weniger man hier im Leben hat, je größer die Begierde nach dem da droben ist.» Nun aber geschah es oft, daß die gottselige Jungfrau in ihrem Liebes- und Tugendeifer zu weit ging, und wegen Unterpfänder und Zinsen, oder mit bösen Schuldnern in Streit und Prozeß geriet. Ohne Hilfe des Advokaten Zange, der in der Stadt als der beste Rabulist bekannt war, wäre sie vielmals um Zinsen und Kapital gekommen. Aber liebreich, wie sie, hartherzig und klug, wie er war, konnt es nicht fehlen. Eher mußte eine verschuldete Familie von Haus und Hof vertrieben werden, als ein ausgeliehener Gulden in Gefahr stehen, verloren zu gehen.

«Ich wäre eine arme, verlassene und verlorene Person, liebster Vetter,» sagte sie oft zum Advokaten Zange, «wenn Sie sich nicht meiner annähmen. Was ich habe, dank ich Ihnen. Aber die Zeit wird ja auch kommen, wo ich vergelten kann.» – Das hörte der Jurist gern. Er hoffte, die Erbschaft allein zu ziehen, und einst das rechte Tempo schon zu treffen, wenn's Testament gemacht werden müsse.

Das Bild der Jungfrau.

Jungfrau Sarah Waldhorn sprach zwar manchmal aus eitler Gottesfurcht vom Tode und von ihrer Sehnsucht nach dem himmlischen Jerusalem und dem Seelenbräutigam; aber doch dachte sie noch öfter an einen irdischen Bräutigam, wie man wohl zuweilen an Dinge denkt, die einem durch den Kopf fliegen. Zwar seit ihrem fünfundvierzigsten Jahre hatte sie feierlich erklärt, sie wolle sich nicht verheiraten; aber doch wandelte sie dann und wann eine Mädchenschwäche an, zumal wenn ein stattlicher Witwer sie neckte, oder ein Junggesell des Tages mehr denn einmal unter ihrem Fenster vorbei ging und höflich grüßte. «Der hat gewiß Absichten!» dachte sie dann: «Kömmt Zeit, kömmt Rat. Man muß eigentlich nichts verschwören. Wenn's einmal sein soll, – nun, des Herrn Wille geschehe! Ich bin eben im schönsten Alter. Meine Namensschwester im alten Testament hatte ja schon achtzig Jahre, ehe sie Kindtauf' hielt. Das wäre noch kein blaues Wunder!»

So plauderte sie oft mit sich, besonders wenn ein unvermählter Herr mit ihr freundlich getan hatte. Und weil dies leicht der Fall sein konnte, so traute sie nach und nach allen Männern in der Stadt «schlimme Absichten», wie sie es nannte, auf ihre jungfräuliche Person zu. Endlich, denn ungefähr seit zwanzig Jahren hatte die Einbildungskraft dies lose Spiel mit ihr getrieben, hielt sie jeden Unverheirateten für ihren verschwiegenen Anbeter, und jeden, der sich verheiratete, für ihren Ungetreuen.

Daraus läßt sich erklären, warum sie auf die unversöhnlichste Weise mit ihrer Zunge gegen alle Hochzeiten zu Felde zog; auf das gottlose, leichtsinnige «Mannsvolk» schimpfte (denn sie hatte es in der Tat immer mit einem ganzen Volke zu tun); und noch giftiger gegen die koketten Mädchen eiferte, die sich schon in den Kinderschuhen (das heißt, Schuhe, so groß sie etwa neunzehn- oder zwanzigjährige Mädchen tragen mögen) unterstanden, an einen Mann zu denken.

Einige gottesfürchtige, alte Jungfern standen ihr, als gewöhnliche Gesellschafterinnen, in dem löblichen Geschäft treulich bei, was in der Stadt vorfiel, auszuspähen, um darüber Betrachtungen beim Kaffee anzustellen. Da ward denn jeder neue Rock der Nachbarinnen, jede Hochzeit, jede Kindtaufe, und was sonst Neues geschehen sein mochte, gewissenhaft gewürdigt. Was man hier erfuhr, war schnell in alle Stadtviertel verbreitet, daher ein mutwilliger Maler einst die Göttin Fama, statt mit einer Trompete, mit einem Waldhorn vorstellte, und man von jeder Klätscherei sprichwörtlich sagte: «Da ist ins Waldhorn gestoßen:» statt: «man hat's der Jungfrau Sarah gesagt.»

Denkt man sich zu diesen liebenswürdigen Eigenschaften noch die Gottesfurcht und Zinsenlust der züchtigen Sarah, so läßt sich begreifen, warum, mit Ausnahme besagter alten Jungfern, und der vier Neffen, die auf Erbschaft hofften, jedermann in ehrfurchtsvoller Ferne von ihr blieb.

Sorg' und Not.

Sie hatte nicht die geringste Lust zu sterben. Daher ließ sie sich den Wetteifer der vier Fakultäten um die Universalerbschaft gar wohl gefallen. Sie gewann dabei am meisten; Leckerbissen von der Philosophie, Trostgründe wider ein sieches Leben von der Theologie, Schutz und Schirm von der Rechtsgelahrtheit, und mäßige Apothekerrechnungen von der medizinischen Fakultät. Doktor Falk war ihr so lieb wie jeder andere, aber auch nicht um ein Haar lieber, wie ein anderer. Nur wenn einmal der Tod im Vorbeigehen an die Tür ihrer Zelle pochte, ward ihr das Doktorchen der allerliebste ihrer Neffen.

«Geschwind, Herr Doktor! Kommen Sie, Jungfer Sarah ist sterbenskrank!» rief eines Morgens die alte Magd der Tante zur Tür herein; «Sie sieht schon seit einigen Tagen erbärmlich aus.»

Falk saß, als diese Nachricht kam, eben auf dem strohernen Sofa, und hatte das weinende Suschen tröstend im Arm. – Falk wußte wohl, es sei mit dem Sterben der Jungfrau Sarah Waldhorn selten buchstäblich gemeint. Er versprach der Magd, schnell zu kommen, blieb aber bei seinem Weibchen sitzen, um es zu trösten.

Der Trost schlug aber nicht an, denn das gute Suschen weinte immer bitterlicher, und der arme Doktor wußte nicht, warum?

«Sei doch deinem Manne offenherzig, liebes Kind,» sagte er: «du quälst und tötest mich mit deinem Weinen und Schweigen.»

«Nun, So höre mich!» sagte sie: «Ach!»

«Gut, Suschen, das hab ich gehört. Wie weiter?»

«Wir haben vier Kinder.»

«Die hoffentlich zu den Schönsten in der Stadt gehören. Alle sind so fromm, zärtlich, folgsam . . .»

«Ach, wahre Engel sind's, o lieber Mann.»

«Da hast du recht. Wahre Engel. Aber du grämst dich doch nicht über diese Engelschaft, hoff ich?»

«Nein, lieber Mann; aber, wie wird's in der Zukunft werden?»

«O du ungläubiges Suschen! Wer nur den lieben Gott läßt walten.»

«Ach, es wird uns schwer, sie anständig zu erziehen. Je älter sie werden, je mehr braucht's.»

«Sie sind doch schon älter geworden, und hat's da schon gefehlt?»

«Aber, lieber Mann, wenn nun . . .»

«Was denn?»

«Ach!» seufzte sie und schluchzte heftiger.

«Was denn?» rief der Doktor mit wahrer Seelenangst.

Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust, und umklammerte ihn mit beiden Armen fester. Dann sagte sie leiser: «Ich soll nun zum fünften Male Mutter werden.»

Dem Papa ward's bei dieser unverhofften Nachricht zwar auch etwas weinerlich, doch verbarg er seine Bestürzung so gut es ging. «Herzenskind! Ist's nicht mehr, wie das?» rief er: «Gut Suschen, so kömmt der fünfte Engel zu den vier andern, die schon da sind. Es kann garnicht fehlen, wir müssen selig werden.»

«Aber, lieber Mann, wir sind aber so arm.»

«Die Engel werden und müssen uns Segen bringen. Der Alte der Tage, der die jungen Raben füttert, wird mich auch noch Brosamen für unsere Kleinen finden lassen. Beruhige dich.»

Suschen hatte sich satt geweint, darum ward sie von selbst ruhiger. Aber der Doktor konnte nicht weinen, darum blieb er in der Unruhe. Er ging in der Stube auf und ab und sah zum Fenster hinaus; nichts konnte ihn zerstreuen. «Alle Jahre mehr Kinder und weniger Brot. Alle Jahre größere Tischgänger und kleinere Bissen!» seufzte er innerlich. Er würde die sterbende Jungfrau Sarah Waldhorn über die Geschichte vergessen haben, wenn ihn nicht Suschen erinnert hätte, zu ihrem Sterbebette zu laufen.

Das blaue Wunder.

Er nahm den Hut, doch lief er eben nicht. Das häusliche Gespräch drückte ihn noch. Er dachte nur an seine wenigen Kunden, an seine dürftigen Finanzen. Er drückte den Hut tief ins Gesicht, sah starr vor sich hin, wie ein Versemacher; grüßte nicht links nicht rechts auf den Straßen, und hätte beinahe den Generalsuperintendenten über den Haufen gerannt, der doch eins der helleuchtendsten Kirchenlichter war.

Als er zur vielgeliebten Tante kam, fand er sie zwar nicht auf dem Sterbebette, aber doch mit der Brille auf der Nase vor einem großen Andachtsbuch, worin sie Todesbetrachtungen und Gebete für Sterbende in letzten Nöten aufgeschlagen hatte. Sie sah in der Tat übel aus, obgleich man auch von ihrem Gesicht nicht behaupten konnte, es hätte jemals sehr gut ausgesehen. Um die Stirn hatte sie ein Tuch, und wieder ein Tuch unters Kinn über den Kopf zusammengebunden.

«Wo fehlt's?» fragte Doktor Falk und legte Hut und Stock weg.

«Der Herr weiß es,» seufzte sie mit leiser Stimme kläglich, «ich leide viel, schon seit einigen Tagen leid ich. Es ist nicht anders, als wenn mein Stündlein vorhanden wäre. Und es wäre doch schrecklich.» Der Doktor faßte gedankenlos ihren Puls und sagte, ohne zu wissen, was, vor sich hin: «Er geht etwas voll.» Im Geist war der gute Mann noch immer bei Suschen zu Hause.

«Das dachte ich wohl!» seufzte hochbeängstigt die Jungfrau. «Finden Sie mich gefährlich, lieber Falk?»

«In Ihren Jahren nicht mehr!» sagte der Doktor aus langer Weile.

«Nun, das wäre doch etwas Trost!» versetzte sie freundlicher: «In der Tat, ich bin in meinen besten Jahren; meine Kräfte unverdorben. Meine Natur muß mich selber herausreißen. Meinen Sie nicht, lieber Falk? Wenn's nicht Not ist, nur keine teure Arzneien. Seit China, Rhabarber und Mixturen Kolonialwaren geworden sind, ist nicht auszukommen. Daß sich der Herr erbarme! Aber, lieber Falk, mir ist doch nicht wohl.»

Die Tante ließ ihrer Zunge nun den Lauf, sprach von hunderttausend Dingen, die weder zum Übel- noch Wohlsein gehören, alles nach ihrer lieben Gewohnheit. Der Doktor aber trommelte sinnend auf dem Tische und hörte gar nicht zu; ebenfalls nach seiner lieben Gewohnheit. Endlich ward ihm die Zeit zu lang.

«Aber was fehlt Ihnen?» rief er.

«Ach, der Appetit! Ich habe seit zwei Tagen keinen Löffel Suppe mögen; habe Kopfweh zum Sterben.»

«Vielleicht den Magen verdorben, Tante, mit irgend einer philosophischen Gänsleberpastete?»

«Ei, du gerechter Himmel! Falk, kein Gedanke davon! – Das kömmt unmöglich vom Magen. Ich lebe so einfach, so mäßig. In allem Ernst, ich wüßte nicht, daß ich seit vielen Wochen etwas Schwerverdauliches genossen hätte. – Auch hab ich zuweilen Zahnweh; – zuweilen Übelkeiten, Herzweh, Erbrechen – – gerechter Himmel, sehen Sie mich doch nur an, Falk, und trommeln Sie nicht beständig den Zapfenstreich, da werden Sie sehen, wie blaß ich bin, wie eingefallen meine Augen. Mir ist gewiß nicht wohl!»

«Meinetwegen,» rief der Doktor ärgerlich, der hier eine Litanei hörte, welche ihn an Suschens Zustand erinnerte: «So sind Sie schwanger!» Er nahm Stock und Hut.

«Ei du gerechter Himmel!» kreischte Jungfrau Sarah Waldhorn, daß man's in den benachbarten drei Gassen ohne Mühe bis ins dritte und vierte Stockwerk hören konnte: «Ei, du gerechter Himmel, das wäre mir doch ein blaues Wunder!»

Als der Doktor diese lebhaften Töne des jungfräulichen Waldhorns hörte, überlief es ihn eiskalt. Er besann sich, daß er in Unmut und halber Zerstreuung eine Albernheit ohnegleichen ausgestoßen hatte; aber eine Albernheit, die keine züchtige Jungfrau verzeiht; zumal eine Jungfrau, die ihre mühsame Würde siegreich den fünfziger Jahren entgegenführte, die keinem andern Mädchen auch nur einen Blick, einen Händedruck im Pfänderspiel verziehen hätte; die aus lauter Heiligkeit zusammengesetzt – genug, eine Jungfrau, wie eben Jungfrau Sarah Waldhorn war.

«Ich will das Wetter austoben lassen und mein Heil in der Flucht suchen, eh die ganze liebe Nachbarschaft zusammenströmt!» dachte Falk, öffnete behend die Tür und rannte davon.

Krankenbesuche.

Diesmal hätte er schier auf der Gasse seinen eigenen Schwager, den berühmten Advokaten Zange, über den Haufen geworfen, wenn Herr Zange, langbeinig, hoch, breit, vierschrötig wie er war, nicht als ein echter Goliath seinen Mann gestanden hätte. So lief's zum Glück für beide mit einem blauen Fleck an den Rippen ab, indem sie zusammenrannten.

«Holla! Herr Bruder!» rief der Advokat, indem er sein breites fleischiges Gesicht schmerzhaft verzog: «Wären Sie nicht mein leibhaftiger Schwager: für den mörderischen Überfall auf offener Straße hing ich Ihnen einen verdammten Prozeß an den Hals. Wenn Sie mir eine Rippe kassiert haben, müssen Sie sie mir unentgeltlich reparieren, und ich verlange nichts, als das Schmerzensgeld von Ihnen.»

«Tut mir leid, bitt' um Verzeihung!»stammelte der Doktor und wollte davon. Der Advokat hielt ihn beim Arm: «Woher denn, Doktorchen, wohin so eilig? Woher?»

«Von der Tante Waldhorn. Sie ist sterbenskrank!»erwiderte der Doktor.

«Sterbenskrank, Herr Bruder? Sterbenskrank? Gott befohlen, auf Wiedersehen, Herr Bruder!» rief der Advokat und steuerte mit großen Schritten dem Hause der Tante zu.

«Wenn der Doktor selbst bekennt, sie sei sterbenskrank,» murmelte Herr Zange unterwegs für sich: «so ist's richtig. Sie fährt ab. Es kann nicht fehlen. Wenn sie nur nicht schon von Sinnen ist, daß sie kein Testament mehr machen kann. Wer weiß, hat der Philosoph sich nicht schon seine Braten und Pasteten bei ihr bezahlt gemacht, oder der Pastor Primarius ihre Seele weggeschnappt. Nun die gönn ich ihm wohl, läßt er mir nur das Geld.»

Er trat atemlos zur Tante ins Zimmer. Die Magd war eben beschäftigt, der Kranken ein Riechfläschchen unter die Nase zu halten. Wirklich sah die arme Sarah einer Sterbenden ziemlich ähnlich, denn sie hatte sich nur kaum von einer Anwandlung von Ohnmacht erholt, von der sie nach der Flucht des Doktors überfallen war. Herr Zange legte sogleich die Falten seines Gesichts zum Ausdruck des tiefsten Schmerzes zusammen, und seine Atemlosigkeit kam ihm dabei gut zustatten. Er schien vor Schrecken und Wehmut nicht reden zu können. Aber sein Herz hüpfte vor Freuden, denn er fand ja die Tante noch aufrecht genug zum Testament, und bei dem allem zum seligen Ende ziemlich fertig. «Jetzt,» dachte er, «jetzt oder nie muß das Eisen geschmiedet werden. Wollen sehen, ob wir nicht den Professor mit seinen Braten und den Pastor mit seinem Himmelreich durch einen erlaubten Pfiff aus dem Sattel heben können.»

Sobald Sarah fähig war, wieder in Unterhaltung zu treten, fing er diese mit einer Schilderung seines Schmerzes an, die Tante – die liebe Herzenstante, – den Engel von Tante so schwach zu sehen. Nach diesem riet er ihr, statt des Doktors Falk einen andern Arzt zu nehmen.

«Warum das?» fragte Sarah.

«Sehen Sie, er ist ein armer Teufel – hofft vielleicht zu erben und gibt sich zur Rettung Ihres teuern Lebens nicht alle Mühe, die wohl nötig wäre. Menschen sind schwach. Besser ein neutraler Mann, als einer, der Partei nimmt. Und das begreifen Sie: ein Doktor, der zugleich Erbe ist, der ist Richter in eigener Sache.»

Die Tante schüttelte den Kopf.

«Ich will eigentlich nichts gegen ihn sagen!» fuhr Herr Zange fort, den das Kopfschütteln hoch erfreute, weil er daraus schloß, der Doktor sei nicht Richter in eigener Sache, weil er nicht zu erben bestimmt sei: «Gar nichts, liebste, himmlische Tante! Er ist sonst ein ganz guter Kauz. Aber die andern da haben mich argwöhnisch gemacht, der Pastor und der Professor . . . pfui, es sind Unmenschen, sich auf jemandes Absterben zu freuen, um des bißchen Geldes willen.»

«Auf mein Absterben?« fragte die Tante mit dem vielkläglichen Blick einer Weltverlassenen.

«Ich hab's schon längst bemerkt; es hat mich schon längst geärgert; doch wollt ich der guten Tante keinen Verdruß machen!» fuhr der Advokat eifriger fort, als er seine Sache auf gutem Wege sah.

«Aber ist's auch wahr?» fragte die Tante, welche neben ihrer ungeheuern Leichtgläubigkeit für alle üble Nachreden, doch zuweilen Zweifel in diejenigen setzte, die ihre Person selbst betrafen.

«Wahr? Und wenn ich ein Lügner wäre vom Morgen bis zum Abend: gegen Sie, Tante, hab ich nie zu lügen ein Herz gehabt, am wenigsten in diesen Augenblicken. Eigentlich sind es aber nur alberne Reden von den beiden Vettern.»

«Alberne Reden? Was? Albern heißt das bloß?»

«Nun ja. Zum Beispiel, der Primarius sagte noch neulich: die Leichenpredigt hab ich schon seit zehn Jahren auf die Tante fertig; aber Tante habe ein zähes Leben, und die Predigt werde ihm von den Würmern verzehrt.»

«Ei, gerechter Himmel, das hätt ich dem Pastor nie zugetraut. Aber das weiß ich, ein Erzheuchler ist er doch neben seiner Kopfhängerei.»

Darauf sagte der Professor: «Es kömmt auf die Hinterlassenschaft an. Ist sie danach, so geb ich am Begräbnistage einen Leichenschmaus von den leckersten Schüsseln, und lasse ein Dutzend Zapfen vom schönsten Champagner springen.»

«Ei, da muß ich mein blaues Wunder hören!» schrie Sarah: «Wartet nur mit euern Zapfen und Predigten! Ich bin noch lange nicht zum Sterben. Ihr sollt euch die Augen wischen.»

Die letzten Worte erschreckten den hoffnungsvollen Herrn Zange eben so sehr, als ihn die ersten entzückten. Er tastete zwar auf ihr seliges Ende lange herum; sehr behutsam, sehr zart; aber vergebens. Sie versicherte gar nicht behutsam, gar nicht zart, daß sie noch einige Dutzend Jährchen in diesem irdischen Jammertal Lust habe, ihr Kreuz zu tragen. Von Testamentmachen dürfte gar keine Rede sein. Der Advokat, untröstlich und verzweiflungsvoll, lief endlich davon.

Bald nach ihm kam der Pastor Primarius Waldhorn, von Schweiß triefend, atemlos. Die Tante, vor Ärger in einem wahren Fieber, hatte sich zu Bett begeben. Als sie den Primarius sah, wandte sie das Gesicht weg und mochte ihm, eingedenk seiner Leichenrede, nur nicht den Gruß erwidern. Der Geistliche wurde dadurch noch mehr überzeugt, die Tante sei den letzten Zügen nahe, und fing ohne weitere Umstände ein kräftiges Gebet an, das endlich ganz unvermerkt in die Nutzanwendung überging: Mensch, bestelle dein Haus, denn du mußt sterben! – Unter Hausbestellung verstand er aber – ein Testament.

«Es ist noch nicht so weit!» schrie ihn Sarah mit jener hellgellenden Stimme an, die der Familie Waldhorn erb- und eigen ist.

«Aber der Herr Vetter Zange hat mich's doch erst versichert, da er mir bei der heiligen Geistkirche begegnete!» erwiderte der Primarius mit Entsetzen, denn solchen gesunden Waldhornklang von einer Kranken hatte er gar nicht mehr erwartet.

«Was versichert?»rief Sarah unwillig.

«Wie ich sage,» versetzte der Primarius: «hat er Sie denn nicht wegen des Testamentes bedroht?»

«Er? Mich bedroht?»

«Nun, Tante, lassen Sie sich auch von diesem Weltkinde gar nicht schrecken, das nur nach eitlem Mammon gelüstet. Er schwor zwar, daß, wenn Sie ihm nicht den größten Teil Ihres Vermögens vermachen würden, er Ihr Testament umstoßen wolle; und namentlich bedrohte er mich mit einem Prozeß von zwanzig Jahren und hieß mich einen Erbschleicher. Aber der Herr wolle ihm die Sünde nicht behalten; er weiß nicht, was er redet. Aber umstoßen will er Ihr Testament.»

«Umstoßen? Der?»

«Allerdings. Ich machte ihm zwar Vorstellungen in christlicher Liebe. Allein er sagte: Er betrachte Ihr Hab und Gut schon als sein Eigentum, das er durch die Prozesse redlich gewonnen, die er zu Ihrem Besten geführt. Ohne seinen Beistand hätten Sie, trotz allem Wucher, heut keinen Gulden mehr, und säßen im Armenhaus! Sagte er mir. Ich schlug an mein Herz und seufzte zum Himmel: Der Menschen Dichten und Trachten ist sündlich von Jugend auf!»

«Und Ihre Leichenpredigt dazu, Vetter!» schrie die Tante erbost, und gab ihm das Zeichen, sie zu verlassen.

Kaum war er fort, meldete sich der Professor der Philosophie. Nach den ersten philosophischen Leidbezeugungen sprach er von Seelengröße; dann von einen Krankensüppchen, das er in seiner Küche nach einem ganz neuen Rezept für sie bereiten lasse, und damit wollte er den Übergang auf seine Liebe machen, die er ihr tätiger, als irgend einer, bis zum Tode bewiesen habe. – – Allein die Tante, welche vor Gift und Galle kaum reden konnte, unterbrach ihn kreischend: «Herr Vetter, sparen Sie ihre Krankensuppen nur zum Leichenschmause nach meinem Tode auf.» Er wollte sein Erstaunen bezeugen (wiewohl ihm doch das rote Gesicht noch röter ward vor Scham und Wut, daß man seinen Scherz verraten hatte). Doch alles umsonst. Sarah wies ihm endlich ziemlich unphilosophisch die Tür.

Abermals ein blaues Wunder.

So hatten es alle vier Fakultäten mit der Jungfrau im Grund und Boden verdorben. Die Neffen waren in Verzweiflung, mit Ausnahme des Doktor Falk. Er lachte dazu. Sein Suschen aber keineswegs. Suschen machte ihrem Manne noch am andern Tage viele Vorwürfe, wiewohl sie anfangs über seinen unbesonnenen Einfall selbst hatte lachen müssen. Er nahm sie in den Arm und küßte ihr den Mund zu und sagte:«Du hast recht. Ich hätte der tugendbelobten Jungfrau nicht so Arges sagen sollen; aber wahrhaftig, ich wußte gestern nicht, wo mir der Kopf stand, als ich dich verließ.»

«Ich würde nichts dagegen haben, lieb Männchen, wenn ich nicht überzeugt wäre, die Tante werde lebenslänglich unversöhnlich sein. Denn so etwas verzeiht keine Jungfrau. Und das ist schlimm für uns, zumal jetzt. Der Winter währt noch lang; ich heize den Ofen so schwach, daß den ganzen Tag die Fenster nicht auftauen, und doch steht unser Holzvorrat an der Neige. Du weißt es ja selbst. Und in der Kasse haben wir – sieh' nur her!» Sie klimperte ihm mit einigen Geldstücken im leeren Beutel dicht vor den Ohren.

Da ward an die Tür gepocht. Sarah's alte Magd trat herein, brachte einen versiegelten Zettel und die dringende Bitte der Tante, daß sich der Herr Doktor unfehlbar nach dem Essen mit dem Glockenschlag ein Uhr bei ihr einfinden möge. Sie liege im Bette, doch scheine sie etwas besser zu sein als gestern.

«Gut. Ich komme!» sagte Falk, nahm den Zettel und entließ die Magd. Er wog den Zettel in der Hand, schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: «Fühle doch Suschen, das ist ja schwer wie Blei!» Er öffnete. In eine Spielkarte eingeklemmt, blitzten ihm zehn neue, schön geränderte Dukaten entgegen. Er betrachtete die Adresse. Sie war an den Doktor Falk und an keinen andern Menschen auf Erden. Solche unerhörte Freigebigkeit der Jungfrau Sarah erregte die gerechte Verwunderung des Ehepaars. «Das ist das blaueste von allen blauen Wundern der Tante!» rief Falk: «Nun, Herz, mein Herz, seit wann hatten wir solchen Schatz im Hause? Siehe, die Vorsehung wacht für uns und unsere Kinder. Wir sind für den Winter geborgen. Alle Not hat ein Ende. Warum weinst du doch?»

«Ach!» schluchzte Suschen, und fiel ihrem Manne um den Hals: «vor Freuden wein ich. Aber,» setzte sie leise hinzu, «ich habe auch die ganze Nacht gebetet, denn schlafen konnt ich doch nicht viel.»

Da schlug Falk beide Arme um die Geliebte und sagte nichts; und weinte heimlich. Denn seine Rührungen zeigte er ihr nicht gern.

Das blaueste von allen.

Mit dem Glockenschlag ein Uhr stand er vor dem Bette der Tante. Er nahm mit innerer Bewegung, voller Dankbarkeit ihre Hand – er hatte es Suschen gelobt –, küßte diese wohltätige Hand und sagte: «Beste Tante, Ihr Geschenk hat mich und Suschen sehr glücklich gemacht.»

«Lieber Vetter,» sagte die Kranke holdselig, denn ein Kuß auf die Hand war ihr lange nicht widerfahren, «ich bin schon seit Jahr und Tag ihre Schuldnerin.»

«Und verzeihen Sie meine gestrige Unart!» fuhr der Doktor fort.

Die Tante bedeckte sich schamhaft das Gesicht mit Hand und Schnupftuch. Nach einer Weile sagte sie, ohne ihn anzusehen: «Vetter, ich setze mein ganzes Vertrauen in Sie – mein Leben hängt von Ihnen ab. Können Sie schweigen? Wollen Sie?»

Falk versprach alles. Sie beruhigte sich damit noch nicht. Sie gelobte ihm ihr ganzes Vermögen, wenn er reinen Mund hielte. Er tat den feierlichsten Schwur.

«Ich weiß, ihr beiden jungen Leute seid oft in Not und Mangel. Ich will mich zu Euch in die Kost geben, denn meine alte Magd, die mir so lange treu gedient» – hier fing sie laut an zu schluchzen –, «muß ich doch abschaffen. So lange Sie aber mein Geheimnis verschweigen, geb' ich Ihnen jährlich tausend Gulden Kostgeld, und sollt' ich einst sterben, mein ganzes Vermögen.»

Der Doktor fiel auf die Kniee und schwor.

«Aber Sie müssen außer der Stadt wohnen; denn in der Stadt bleib ich nicht. Ich trete Ihnen erb- und eigentümlich mein großes Haus vor dem Tore nebst Garten und Gütern ab. – Sie wissen mein Haus neben dem großen Gasthof zur Schlacht von Abukir, das ich vor einem halben Jahre von meiner Mutter Bruder, dem Akzisedirektor, erbte.»

Der Doktor schwor mit einer hochaufgestreckten Hand: er wolle, trotz Winterfrost und Schnee, folgenden Tages hinausziehen.

«Ich will, so lange Sie schweigen, Vetter, Ihnen mein Kostgeld halbjährlich vorausbezahlen; und für die ersten Einrichtungen für Sie und mich liegen im Wandschränkchen dort hinter der Tür vier Rollen mit Neuentalern.»

Der Doktor streckte beide Hände und alle fünf Finger in die Luft und schwor Verschwiegenheit bis ins Grab, dachte aber bei sich: die glaubt gewiß, der jüngste Tag oder das tausendjährige Reich sei vor der Tür, daß sie sich so schnell bekehrt. Nach allem diesem aber kam Sarah nie zum Bekennen des großen Geheimnisses. Und so oft sie versuchte anzufangen, starb ihr das Wort auf den Lippen, indem sie das Gesicht verbarg und schluchzte. – Dies Anfangen und Abbrechen und Jammern währte ziemlich lange. Der Doktor stand auf, setzte sich vor das Bett, wischte mit dem Rockärmel seine Knie, nahm eine Prise und dachte: wenn man einen Brunnen endlich trocken pumpen kann, werden doch die Tränendrüsen einer beklemmten Jungfrau auch am Wasser versiegen.

Es wird immer blauer.

Er hatte recht. Als sie nicht mehr weinen konnte, hielt sie es für christliche Fassung des Gemüts, und sagte mit zitternder Stimme: «Vetter, als Sie gestern mit dem entsetzlichen Ausdruck von mir weggingen . . .»

Der Doktor wollte wieder auf die Knie fallen und abbitten: «Verzeihen Sie mir doch den Ausdruck, goldene Tante, es war von mir . . .»

«Nein, Vetter – Sie mochten wohl recht haben.»

«Es war Dummheit von mir, Tante.»

«Nein, Vetter, ich vermute, Sie haben recht.»

«Das ist ja unmöglich, goldene Tante.»

«Ach, nur allzugewiß, Vetter!»

«Aber es ist nicht möglich, Tante. Und wenn auch – wenn selbst – nein, Tante, Sie sind gewiß . . .»

«Vetter, Sie haben recht. Ich hätte in meinem Alter wohl vernünftiger sein sollen, meinen Sie. Und Sie haben recht. Nun aber wissen Sie alles. Das Unglück ist geschehen. Ich war verheiratet – aber heimlich, ganz heimlich – aber ehrlich, aber in der Ordnung. Wer wird mir's nun glauben? Nun ist er in Tirol an einer Stückkugel gestorben. Hier sind Briefe und Zeugnisse. Er ist tot und . . .»

«Wer denn, Tante?» rief Falk voller Erstaunen.

«Ach, der Trompeter vom französischen Husarenregiment, Gott hab ihn selig, der vorigen Sommer bis in den Herbst bei mir im Quartier lag. Es war kein gemeiner Trompeter, sondern Regimentstrompeter; sein Vater und Großvater hatten Jahre lang mit großem Beifall die Pauken gerührt. – Aber, gerechter Himmel, Husarenfrau mocht' ich nicht heißen. Und ehe er sich vom Regiment losmachen konnte, mußte er mit dem Regimente fort. Nun sitze ich da als eine junge Husarenwitwe. Keine Seele weiß es; keine Seele glaubt es. Ich sterbe, wenn man's erfährt. Die Stadt würde blaues Wunder schreien! Am Trompeter wäre mir wenig gelegen, aber mein guter Name!»

Der Doktor schüttelte den Kopf. Er konnte sich von der Verwunderung kaum erholen. Den Trompeter hatte er zwar oft im Zimmer der Jungfrau Waldhorn gesehen, aber – Falk, der Goethe's Idee von der chemischen Wahlverwandtschaft der Menschen immer einen närrischen Einfall geheißen – er hätte sich nie so starke Wahlverwandtschaft zwischen Trompeter und Waldhorn träumen lassen. – Auch jetzt noch hielt er wenigstens die Besorgnisse der Jungfrau – denn so wollte die Witwe heißen – für grundlos; allein sie gab ihm auf seine Fragen über ihr Befinden so sonderbare Antworten, daß er selbst zu glauben anfing. Nun freilich konnte er sich die verschwenderische Freigebigkeit der hochbeängstigten Dame erklären, die lieber das Leben verloren, als es ertragen hätte, daß die ganze Stadt erführe, wie der erste Tugendspiegel aller Jungfrauen so blind überlaufen sei. Er gab sein Ehrenwort, zu schweigen und sie vor aller Welt zu verbergen, bis sie sich wieder mit Sicherheit sehen lassen könne. Bis dahin sollte sie für krank gelten – unter diesem Vorwand und besserer Pflege willen beim Doktor wohnen; allen Umgang abbrechen.

Die Schenkung des Landhauses beim Wirtshaus zur Schlacht von Abukir ward notarialisch und gerichtlich ausgefertigt; das Landhaus mitten im Winter bezogen. Die jungfräuliche Matrone ward darauf unsichtbar. Sie ließ sich von Suschen allein bedienen, und diese hatte sie selbst in das Geheimnis eingeweiht.

Gute Folgen.

«Das heißt doch,» sagte sie oft in heitern Stunden zu Suschen, denn immer konnte sie doch nicht verzweifeln; auch tat Suschen alles, was sie der Tante in den Augen las, so daß diese sich in ihrem ganzen Leben nicht so wohl verpflegt und behaglich gefühlt hatte wie im Schoß dieser glücklichen Familie: «Das heißt doch wahrlich, sein blaues Wunder erleben, wenn einen zuletzt noch solches Schicksal trifft. Hätte ich das je denken sollen! Ach, siehe wohl zu, daß du sicher stehest, auf daß du nicht fallest. Ich war aber in allzugroßer, geistlicher Sicherheit! Da ward ich gestraft. O der Trompeter! der Trompeter!»

Die Begebenheit hatte inzwischen auf Jungfrau Sarah einen sehr wohltätigen Einfluß. Aus bloßer Furcht, sich von den neugierigen Augen ihrer ehemaligen Gesellschafterinnen und Kaffeeschwestern verraten zu sehen, entwöhnte sie sich von dem Umgang derselben, und gewann reinern Vergnügungen im Kreise der Falkschen Familie Geschmack ab. – Zwar hörte sie noch gar zu gern Stadtneuigkeiten, aber – sie gedachte ihrer Schwäche – und verdammte nicht mehr so lieblos wie sonst; höchstens seufzte sie wie eine Gebeugte, welche, ihr eigenes Gericht scheuend, nie wieder richten wollte. Sie ward so nachgiebig, bescheiden, ja demütig, wie man nie von ihr hätte erwarten können. Die Verpflanzung unter andere Menschen, Verhältnisse und Gegenstände, der heroische Entschluß, wodurch sie einen Teil ihrer Güter weggegeben hatte, die Versicherung des Doktors, sie habe Vermögen genug, um zu leben, er wolle es ihr verbürgen – das alles verwandelte sie so sonderbar, als lebe sie in einer andern Welt. Sie gab sogar ihr Wucherhandwerk auf, das sie ohnedem bei ihrer Entfernung von der Welt nicht mehr treiben konnte.

Unterdessen spieen die drei Fakultäten Feuer und Flamme. Der Advokat Zange und das philologische und theologische Waldhorn machten entsetzlichen Lärm gegeneinander. Denn Jungfrau Sarah hatte ein für allemal einem jeden den fernern Zutritt verboten und jedem dabei gesagt, was der Advokat ausgeplaudert, sowie dem Advokaten, was der Primarius von ihm verraten habe. Die beiden Waldhorne versöhnten sich zwar dem Scheine nach, aber nur um desto stärker durch ihre Vereinigung gegen den Rabulisten zu sein, der ihnen auf alle Bewegungen lauerte, um Stoff zu einem Prozeß zu finden. Der Philosoph schrieb ein vortreffliches Werk gegen die menschlichen Leidenschaften, und der Primarius hielt alle Sonntage die rührendsten Predigten gegen Undank, Verleumdung, Neid, Klatschsucht und Bosheit. Beide stifteten damit viel Gutes, nur ihre eigene Galle wuchs immer dabei.

Der fromme Betrug.

Inzwischen war nach der langen Winterzeit der Frühling gekommen. Die warmen Sommertage nahten. Doktor Falk hatte schon früh gemerkt, daß sich seine Tante in der Tat Sorgen ohne Not gemacht. Er hatte ihr dies gemeldet und zugleich offenbart, daß ihre Kränklichkeit eine der weiblichen Schwachheiten sei. Umsonst, die Jungfrau ließ sich ihre Einbildung schlechterdings nicht ausreden. Suschen und Falk mußten schweigen und der Tante den lächerlichen Glauben lassen, weil sie drohte, Argwohn gegen des Doktors Freundschaft zu fassen. – Sie hütete meistens das Bett.

«Sie macht mir bange!» sagte Suschen zu ihrem Manne: «Sie kömmt mir zuweilen wie eine Verwirrte vor.»

«Das ist sie auch im vollen Sinne des Worts!» sagte der Doktor: «Es ist bei ihr Hypochondrie, fixe Idee! Mit meinen Arzneien treib' ich ihre Einbildungen nicht weg. Was ist zu tun, vielleicht heil ich ihr eine Phantasie mit der andern. Ich gebe seiner Zeit unser Kind ihr für das ihrige.»

«Aber wird sie das glauben?»

«Will sie es nicht glauben, so läßt sie es.»

Nach einigen Wochen erschien Suschen nicht mehr bei der Sarah – so war's von den Eheleuten besprochen. – Der Doktor zeigte ihr an, Suschen habe Unglück gehabt.

«Das Kind tot?» fragte Sarah.

«Allerdings!» erwiderte der Doktor.

«Ach . . .» seufzte sie.

«Bleiben Sie ohne Sorge, Tante.»

Eines Morgens, vor Tagesanbruch, ward die Tante auf sonderbare Art geweckt. Ihr Gesicht ward mit Wasser besprengt; unter der Nase ihr ein stark riechendes Fläschchen ums andere gehalten, daß sie fast den Odem verlor.

Sie schlug die Augen auf und sah den Doktor mit ihrer Nase beschäftigt. «Gerechter Himmel, ich sterbe; ich komme um! Was machen Sie mir denn in die Nase, Vetter!»

«Still, Tante! Sprechen Sie kein Wort!» sagte der Doktor mit bedeutungsvollem Blick: «Geben Sie mir nur zu verstehen, ob Sie sich besser befinden.»

«Ganz leidlich, Vetter.»

«Sie lagen vier Stunden lang in Ohnmacht, Tante; mir war für Ihr Leben bange, jetzt ist's gut. Sie sind gerettet. Ein allerliebstes Kind . . .»

«Was?» rief Sarah, indem sie sich fast die Nase zerrieb.

«Ein artiger Knabe. Wollen Sie den Buben sehen? Wenn Sie sich ruhig verhalten, ohne ein Glied zu rühren; so . . .»

«Aber, Vetter . . .»

«Ich sage den Leuten, es sei das Kind meiner Frau, dafür gilt es jetzt im Hause.»

«Ach, Vetter, Ihre Klugheit, Ihre Hilfe, Ihr Rat . . . Sie sind ein Engel.»

Falk ging. Die Tante zitterte an allen Gliedern vor Schreck und Freude. Sie sah sich um; auf den Tischen standen brennende Kerzen und Arzneigläser dutzendweise. – Eine Frau brachte das Kind, es schlummerte sanft. Sarah sprach kein Wort, betrachtete es lange, fing bitterlich an zu weinen, küßte das junge Wesen unzählige Male und sagte zum Doktor, als es wieder weggetragen war: «Es ist der französische Regimentstrompeter, Gott hab' ihn selig, wie er leibt und lebt! Ja, gewiß, wie er leibt und lebt!»

Wirkungen.

Nach einigen Wochen, die sehr pünktlich bei guten Kraftbrühen verlebt wurden, trippelte Jungfrau Sarah wieder wohlgemut, stärker und frischer als jemals, im Hause herum. Sie wiegte das Knäbchen und trug es mit Zärtlichkeit umher, und hegte und pflegte es mit wahrer Affenliebe. Sie war glücklich von ihrer närrischen Einbildung durch eine noch weit närrischere geheilt. Dankbar dafür war der erste Gang, welchen sie aus dem Hause tat, zur Kirche, und von der Kirche hin, dem Doktor Falk ihr gesamtes Vermögen gerichtlich verschreiben zu lassen, mit der Bedingung, daß er sie lebenslänglich dafür verpflege, und ihr zum eigenen Gebrauch eine ansehnliche jährliche Summe Taschengeld gebe. Dem Doktor aber machte sie noch den geheimen Artikel zur Pflicht, daß dem Regimentstrompeterlein dermaleinst die Hälfte des gesamten Vermögens zufallen müsse. So ward Doktor Falk plötzlich durch die blauen Wunder der Jungfrau Sarah Waldhorn zum reichen Mann. Der Sieg der medizinischen Fakultät war unwiderruflich entschieden; desto ärger wüteten von nun an die theologische, philosophische und juristische gegen einander. Sie konnten nicht verzeihen, daß sie sich gegenseitig um die Universalerbschaft geprellt hatten. Dem Doktor Falk verzieh man leichter. Er war an allem unschuldig. Man knüpfte sogar wieder Freundschaft mit ihm an, denn er war einer der reichsten Männer in der Stadt; und einen reichen Mann, oder vielmehr sein Geld, kann der Philosoph und Jurist wie der Theologe allezeit gebrauchen.

Die erbitterten Leutchen trieben ihren gegenseitigen Haß endlich so weit, daß sie ihren Kindern verboten, miteinander zu spielen; daß, wenn zwei einander von fern auf der Straße sahen, beide umkehrten, um sich nicht zu begegnen; wenn zwei einander nicht ausweichen konnten, sie links und rechts vorbei defilierten, ohne sich zu begrüßen. Ihre Todfeindschaft, die oft in die lächerlichsten Ausschweifungen entartete, ward zuletzt Gespräch und Ärgernis der ganzen Stadt.

«Aber,» sagte Suschen zu ihrem Manne, «es ist doch recht betrübt, Verwandte in solchem Hader zu sehen. Wie wär's, Männchen, wenn du sie wieder versöhntest? Vielleicht wenn du sie einmal zu einem freundlichen Essen zusammenbätest. Beim Glase Wein wärmen die Männer wohl alte Freundschaft wieder auf. Versuch's doch. Es wäre ein schönes Werk getan.»

«Alles ganz gut!» rief Jungfrau Sarah, «man soll ein Christ sein und sich versöhnen. Ich bin auch dafür. Nur das Essen gebt mir nicht hier im Hause; ich kann die drei Schleicher nicht vor den Augen leiden. Ich kann alles vergeben, aber vergessen nicht. Speiset ihr drüben im Wirtshaus zur Schlacht von Abukir mit einander; nur hier nicht.»

Die Schlacht von Abukir.

Dem Doktor wäre die Versöhnung seiner Vettern ganz recht und lieb gewesen, doch traute er nur halb. Aber Suschen hatte darum gebeten. Und wenn Suschen sich aufs Bitten legte, dann legte man sich ganz vergebens aufs Abschlagen, besonders Doktor Falk. Er stand zwar nicht unter dem Pantoffel seiner Frau; aber gewiß doch unter ihrer weichen Hand.

Sehr gelegen zu dem Versöhnungsmahl kam ihm die Anwesenheit zweier großen Gelehrten in der Stadt; beide hatten ihm einst als akademische Lehrer auf der Universität Artigkeit erwiesen. Jetzt konnte er abzahlen, und die Gegenwart dieser beiden großen Männer flößte den drei feindlichen Verwandten wenigstens so viel Achtung ein, daß sie sich in deren Gegenwart nicht mit neuen Vorwürfen reizen konnten. Man tadle doch nicht, was wir im gemeinen Leben Anständigkeit nennen. Sie ist oft das Gängelband, in welchem die kindliche Tugend auf schwachen Füßen laufen lernt. Der eine von den großen Männern, der berühmte Edukationsrat Hahnenkamm, war eigentlich mehr lang als groß, fast riesenhaft, Schattenähnlich, auseinandergezerrt, mager. Der andere große Mann war der Hofrat Pilz, ein kleines, bleiches Männlein, durch seine Schriften hinlänglich der Welt und der Nachwelt bekannt, wenn er nicht etwa vergessen ist. Der Wirt zur Schlacht bei Abukir mußte ein glänzendes Nachtessen rüsten, – der Doktor lud auf ein einfaches sokratisches Mahl ein. So ein sokratisches Mahl bei einem Doktor, reich wie der Mann im Evangelium, wird nicht leicht ausgeschlagen. Man fand sich ein. Zange und die beiden großen Männer erschienen die ersten. Die Unterhaltung war sehr gewürzt durch den attischen Witz der Fremden, die, in literarischen Klatschereien wohl bewandert, von allen durch Schriften bekannten Männern etwas Lächerliches aufzutischen wußten. Als aber der Professor Waldhorn kam, ward dem Advokaten das Lachen teuer. Dieser verzog das breite fleischige Gesicht, als hätt er die Kolik; und jener ging um den Rabulisten in so weitem Bogen herum, als fürchtete er sich, seinen neuen, perlfarbenen Rock mit den weißatlassenen Unterkleidern schon durch den Hauch des Advokaten zu besudeln. Da nun aber gar klein, schwarz, rund und gesund der Pastor Primarius hereinschritt, war's, als führe ein böser Geist in die Versammlung. Die Einheimischen sprachen nur mit dem Fremden; sich selbst mieden sie zu sehen, und geschah es, so war's mit Basiliskenaugen.

Man setzte sich um die Tafelrunde. Der Doktor trieb mit seinem Witz verschwenderischen Aufwand, Heiterkeit in die Unterhaltung zu bringen. Die beiden großen Männer waren unerschöpflich in skandalösen Gelehrtengeschichten. Alles schien auf dem besten Wege zu sein. Der gute Falk bereitete sich schon zu einer rührenden Versöhnungsszene beim Champagner vor.

Der Philosoph Waldhorn ließ sich das süße Amt nicht nehmen, bei Tisch zu «Servieren», wie er's hieß. Er gab die Suppe auf, es war Kirschsuppe nach einer ganz neuen Vorschrift! Ein Meisterstück des Abukirerkochs; eine Wollust der Gaumseligen. Die Reihe kam, daß er auch dem Advokaten Zange geben sollte. Das fiel dem Professor schwer aufs Herz – dem Menschen könnt er unmöglich geben. Er zuckte.

Herr Zange sah mit verbissenem Grimm alles, was in dem Innern des Philosophen vorging. Und als der Professor noch finster und mit verachtendem Blicke zu ihm hinübersah, als wollt er fragen: «muß ich gegen dich Elenden die Formen des Anstandes beobachten?» konnte sich der wütende Advokat kaum mäßigen. Er streckte – niemand sah es – schnell ein verzerrtes Gesicht dem Philosophen höhnend entgegen. Da lief dem Professor der Weltweisheit die Galle über. Er gab eben so schnell – niemand sah es – mit dem großen silbernen, von purperfarbener Kirschsuppe geröteten Suppenlöffel dem Advokaten einen derben Hieb aufs verzerrte Maul. Rasend fuhr der Advokat auf, streckte den langen Arm über den Tisch und griff, statt des Philosophen – dieser war rasch unter den Tisch gebückt – den Kopf des Primarius. Erschrocken ließ der Primarius seine ehrwürdige Perücke in den Geierkrallen des Advokaten und duckte sich neben den Philosophen unter das Tischblatt. Hier setzten beide das Treffen gegen den juristischen Goliath fort, jeder faßte eines von Zange's Beinen. – Jeder zerrte wütend daran; so mußte der Riese stürzen. Mit ihm aber fuhr das sokratische Gastmahl schallend auf den Erdboden. Da erhoben die Waldhorne unter dem Tisch ein fürchterliches Geheul. Dem bei diesen Schlaghändeln ganz unschuldigen Edukationsrat Hahnenkamm war durch wunderbaren Aufschwung eines Tischflügels die rote Kirschsuppe dick ums Gesicht geflogen. Hofrath Pilz saß starr und steif; er erblickte einen ganzen Haufen kleiner gebratener Vögel auf seinem Schöße versammelt.

Das alles begab sich aber in so fast zeitloser Geschwindigkeit, daß keiner wußte, wie? warum? woher? was weiter?

«Hol' der Teufel die Fakultäten!» rief der Doktor und flüchtete aus dem Erdbeben zum Fenster: «Ich dacht es ja wohl.»

Beim traurigen Schimmer des gläsernen Kronleuchters sah man nichts mehr über dem Tisch, als die in der Luft plädierenden Beine des Advokaten. Der Philosoph Waldhorn zog unter dem Tisch auf allen Vieren langsam hervor; ein gebratenes Milchschwein lag auf seinem Rücken, wie der Affe auf dem Bären. Der Primarius kroch ebenfalls hervor; aber, ins Tischtuch verwickelt, folgte ihm dieses mit den Trümmern des sokratischen Gastmahls, wie ein feierlicher Leichenzug, durchs ganze Zimmer. Der kleine Hofrat Pilz setzte indessen bedächtlich alle seine kleinen Vögel vom Schoße auf die Erde. Die wehmütigste Erscheinung blieb aber die lange Gestalt des mit Kirschsuppe geblendeten Edukationsrates. Er hatte zur Verteidigung, mit vieler Geistesgegenwart, eine Kalbskeule ergriffen. So zog er majestätisch, wie ein blutiges Gespenst, schweigend und tappend im Saale herum; denn er konnte durch die purpurne Finsternis der Suppe nicht erkennen, woher jählings die Schlaghändel entstanden. Darum, als der Wirt von Abukir eben mit einer prächtigen Pastete ins Zimmer trat um dem Edukationsrat zu nahn, schlug dieser in gerechter Furcht mit der Keule herkulisch Wirt und Pastete auseinander, ohne Erbarmen; denn wer konnte dem blinden Ödipus sagen, wer ihm Freund oder Feind sei? Der Primarius ließ seine Perücke, der Professor sein Spanferkel im Stich. Beide flohen aus der Schlacht. Ihnen nach Zange, der Rotbart; voll Wut und Scham. Der Doktor brachte die beiden berühmten Fremdlinge in kläglicher Gestalt zu seiner Frau, und erzählte die unselige Begebenheit. «Gerechter Himmel!» schrie die Tante, «Leute in Ämtern und Würden! Das ist ja ein blaues Wunder!»

«Mit Erlaubnis,» versetzte der lange Edukationsrat, als er das Gesicht wieder bekam, «es scheint ein kirschrotes gewesen zu sein, wenn ich nicht irre.»








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